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Protokoll der 67. Sitzung des 11. Deutschen Bundestages

dip / plenarprotokoll 10.03.1988 · WP 11 · 11/67 · Original ↗

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Protokoll der 67. Sitzung des 11. Deutschen Bundestages [Plenarprotokoll 11/67 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 67. Sitzung Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988 Inhalt: Nachruf auf den ehemaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger 4545 A Änderung und Überweisung der Anträge zum Hotelbauprojekt in Dalyan (Drucksa - chen 11/1666, 11/1872) an Ausschüsse . 4546B Erweiterung der Tagesordnung 4546 B Begrüßung des Präsidenten des Legislativ rates der Republik Zaire und den Mitgliedern seiner Delegation 4546 D Tagesordnungspunkt 2: Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Apel, Roth, Dr. Spöri, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Beseitigung steuerlicher Benachteiligungen von kleinen und mittleren Unternehmen (Drucksache 11/1335) Poß SPD 4547 A Uldall CDU/CSU 4548 C Hüser GRÜNE 4549 C Dr. Solms FDP 4550 D Dr. Fell CDU/CSU 4552 A Kastning SPD 4552 D Dr. Stoltenberg, Bundesminister BMF . . 4554 D Tagesordnungspunkt 3: Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau Flinner, Kreuzeder und der Fraktion DIE GRÜNEN: Keine Flächen- und Betriebsstillegungen, sondern Überschußbeseitigung und ökologische Intensivierung der Landbewirtschaftung (Drucksache 11/913) Kreuzeder GRÜNE 4557 D Michels CDU/CSU 4559 B Frau Adler SPD 4561 C Heinrich FDP 4563 A Frau Flinner GRÜNE 4564 C Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär BML 4565 A Tagesordnungspunkt 4: Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Anpassung der Renten der gesetzlichen Rentenversicherung und der Geldleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung im Jahre 1988 (Drucksachen 11/1833, 11/1967, 11/1974) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung Bericht der Bundesregierung über die gesetzlichen Rentenversicherungen, insbesondere über deren Finanzlage in den künftigen 15 Kalenderjahren, gemäß §§ 1273 und 579 der Reichsversicherungsordnung, § 50 des Angestelltenversicherungsgesetzes und § 71 des Reichsknappschaftsgesetzes (Rentenanpassungsbericht 1987) Gutachten des Sozialbeirats zur Anpassung der Renten der gesetzlichen Rentenversicherung zum 1. Juli 1988 und zu den Vorausberechnungen der Bundesregierung über die Entwicklung der Finanzlage der Rentenversicherung bis zum Jahre 2001 (Drucksachen 11/1540, 11/1967) Beratung der Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Unruh, Frau Trenz, Hoss, Frau Beck Oberdorf, Frau Rust und der Fraktion DIE GRÜNEN: Aufhebung der Stufenregelung (Drucksachen 11/1402, 11/1967) Günther CDU/CSU 4567 C Frau Steinhauer SPD 4571 B Cronenberg (Arnsberg) FDP 4574 B Frau Unruh GRÜNE 4577 A Peter (Kassel) SPD 4578 B Dr. Blüm, Bundesminister BMA 4579 D Namentliche Abstimmungen . . 4598C, 4600 A Ergebnisse 4598C, 4600 A Zusatztagesordnungspunkt 2: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Verkehr zu dem Antrag der Fraktion DIE GRÜNEN: Vorhaben der Deutschen Bundesbahn, die Preise ab April 1988 zu erhöhen (Drucksachen 11/1913, 11/1971) 4582A Tagesordnungspunkt 6: Zweite Beratung und Schlußabstimmung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu der Änderung vom 16. Oktober 1985 des Übereinkommens vom 3. September 1976 über die Internationale Seefunksatelliten-Organisation (IN- MARSAT-Übereinkommen) (Drucksachen 11/1163, 11/1884) 4601 B Tagesordnungspunkt 7: Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Ausführung zwischenstaatlicher Anerkennungs- und Vollstreckungsverträge in Zivil- und Handelssachen (Anerkennungs- und Vollstreckungsausführungsgesetz) (Drucksachen 11/351, 11/1885) . . . 4602 C Tagesordnungspunkt 8: Zweite Beratung und Schlußabstimmung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Übereinkommen vom 10. April 1984 über den Beitritt der Republik Griechenland zu dem am 19. Juni 1980 in Rom zur Unterzeichnung aufgelegten Übereinkommen über das auf vertragliche Schuldverhältnisse anzuwendende Recht (Drucksachen 11/1611, 11/1951) 4601 D Tagesordnungspunkt 9: Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Fünften Gesetzes zur Änderung des Weinwirtschaftsgesetzes (Drucksache 11/1823) 4602A Tagesordnungspunkt 10: Beratung der Unterrichtung durch die Bun - desregierung Internationales Naturkau tschuk-Übereinkommen von 1987 (Drucksa che 11/1728) 4602 A Tagesordnungspunkt 11: Beratung des Antrags der Fraktion der SPD: Entwicklungspolitik in Afrika (Drucksache 11/784) 4602 B Tagesordnungspunkt 12: Beratung der Sammelübersicht 50 des Petitionsausschusses über Anträge zu Petitionen (Drucksache 11/1928) 4602B Tagesordnungspunkt 13: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu der Verordnung der Bundesregierung: Aufhebbare Achtundfünfzigste Verordnung zur Änderung der Ausfuhrliste — Anlage AL zur Außenwirtschaftsverordnung — (Drucksachen 11/1529, 11/1888) 4602 C Tagesordnungspunkt 14: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu der Verordnung der Bundesregierung: Aufhebbare Einhundertunddritte Verordnung zur Änderung der Einfuhrliste — Anlage zum Außenwirtschaftsgesetz — (Drucksachen 11/1490, 11/1889) 4602 C Tagesordnungspunkt 15: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu der Verordnung der Bundesregierung: Aufhebbare Erste Verordnung zur Änderung der Außenwirtschaftsverordnung (Drucksachen 11/1561, 11/1890) 4602 C Tagesordnungspunkt 16: Beratung der Beschlußempfehlung des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung: Überplanmäßige Ausgabe bei Kapitel 11 11 Titel 642 03 — Kriegsopferfürsorgeleistungen für Berechtigte außerhalb des Geltungsbereichs des Ersten Überleitungsgesetzes — (Drucksachen 11/1562, 11/1904) 4602 D Tagesordnungspunkt 17: Beratung der Beschlußempfehlung des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung: Überplanmäßige Ausgabe bei Kapitel 11 11 Titel 642 01 — Kriegsopferfürsorgeleistungen — (Drucksachen 11/1563, 11/1905) 4602 D Tagesordnungspunkt 18: Beratung der Beschlußempfehlung des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung: Überplanmäßige Ausgabe bei Kapitel 27 02 Titel 642 21 (Kosten aufgrund des Gesundheitsabkommens mit der DDR und Förderung des Besuchsreiseverkehrs) (Drucksachen 11/1579, 11/1906) 4603 A Tagesordnungspunkt 19: Beratung der Beschlußempfehlung des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung: Überplanmäßige Ausgabe bei Kapitel 32 05 Titel 575 03 — Zinsen für Bundesobligationen — (Drucksachen 11/1590, 11/1907) 4603 A Tagesordnungspunkt 20: Beratung der Beschlußempfehlung des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung: Überplanmäßige Ausgaben bei Kapitel 11 12 Titel 681 41 — Leistungen für die Teilnahme von Aussiedlern, Asylberechtigten und Kontingentsflüchtlingen an Deutsch-Lehrgängen mit ganztägigem Unterricht — (Drucksachen 11/1591, 11/1908) 4603 A Tagesordnungspunkt 21: Beratung der Beschlußempfehlung des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung: Überplanmäßige Ausgaben bei Kapitel 11 12 Titel 681 01 — Arbeitslosenhilfe — (Drucksachen 11/1592, 11/1909) 4603B Zusatztagesordnungspunkt 3: Beratung der Sammelübersicht 51 des Petitionsausschusses über Anträge zu Petitionen (Drucksache 11/1969) 4602 C Zusatztagesordnungspunkt 4: Beratung der Beschlußempfehlung des Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Schoppe, Dr. Mechtersheimer, Schily und der Fraktion DIE GRÜ- NEN: Abrüstung nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa zu dem Antrag der Fraktion DIE GRÜNEN: Sofortiger Verzicht der Bundesrepublik Deutschland auf die 72 Pershing I a-Raketen der Bundesluftwaffe zu dem Antrag der Fraktion der SPD: Abschaffung der nuklearen Mittelstreckenraketen (Drucksachen 11/230, 11/699 [neu], 11/732 [neu], 11/1475) 4603 B Zusatztagesordnungspunkt 5: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Verkehr zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Brahmst- Rock, Weiss (München) und der Fraktion DIE GRÜNEN: Erhalt der DB-Strecke Wuppertal-Elberfeld—Wuppertal-Cronenberg (Drucksachen 11/1918, 11/1972) 4603 C Zusatztagesordnungspunkt 6: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Verkehr (14. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeord - neten Dr. Schöfberger, Schmidt (München), Vahlberg, Dr. Glotz, Lutz, Büchler (Hof), Frau Dr. Martiny, Porzner, Wimmer (Neuötting), Dr. Haack, Dr. de With, Kolbow, Leidinger, Sieler (Amberg), Stiegler, Dr. Wernitz, Müller (Schweinfurt), Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau Schmidt (Nürnberg), Amling, Büchner (Speyer), Frau Odendahl, Reimann, Schäfer (Offenburg), Bachmaier, Dr. Emmerlich, Ewen, Lambinus, Sielaff, Frau Dr. Hamm-Brücher, Irmer, Weiss (München), Frau Dr. Vollmer, Kreuzeder, Frau Teubner, Frau Saibold, Kleinert (Marburg), Sellin, Hüser, Frau Krieger, Schily, Hoss, Frau Vennegerts, Frau Flinner, Dr. Knabe, Frau Unruh, Volmer, Dr. Mechtersheimer, Frau Oesterle-Schwerin, Frau Brahmst-Rock, Häfner, Frau Hillerich: Rangierbahnhof München (Drucksachen 11/570, 11/1510) . 4603D Tagesordnungspunkt 5: Beratung des Antrags der Fraktion der SPD: Erschließung von Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose (Drucksache 11/1549) Heyenn SPD 4604 C Scharrenbroich CDU/CSU 4606 B Hoss GRÜNE 4608 B Heinrich FDP 4609 D Vogt, Parl. Staatssekretär BMA 4610 D Schreiner SPD 4613 B Feilcke CDU/CSU 4615 B Tagesordnungspunkt 22: Beratung des Antrags der Abgeordneten Müntefering, Conradi, Amling, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Die Wohnungsgemeinnützigkeit erhalten und stärken (Drucksache 11/1389) Jahn (Marburg) SPD (zur GO) . . 4617B, 4620 A Bohl CDU/CSU (zur GO) 4617 D Tagesordnungspunkt 1 (Fortsetzung) : Fragestunde — Drucksache 11/1937 vom 4. März 1988 — Umfang der bis zum Jahre 2000 in der Bundesrepublik Deutschland zu beseitigenden radioaktiven Abfälle zusätzlich der mit der Inbetriebnahme der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf anfallenden Abfälle MdlAnfr 46, 47 04.03.88 Drs 11/1937 Dr. Hirsch FDP Antw PStSekr Grüner BMU . . . 4582C, 4583 D ZusFr Dr. Hirsch FDP 4582D, 4583 D ZusFr Frau Schoppe GRÜNE 4583 B ZusFr Brauer GRÜNE 4583 B ZusFr Sieler (Amberg) SPD 4584 B ZusFr Dr. Klejdzinski SPD 4584 B ZusFr Dr. Lippelt (Hannover) GRÜNE . 4584 D Transport radioaktiven Abfalls nach Schweden; Bestechungsgelder der Firma Transnuklear in diesem Zusammenhang; Rücktransport von Atommüll in die Bundesrepublik Deutschland und Lagerung in Gorleben MdlAnfr 48, 49 04.03.88 Drs 11/1937 Dr. Lippelt (Hannover) GRÜNE Antw PStSekr Grüner BMU . . . 4585A, 4586 A ZusFr Dr. Lippelt (Hannover) GRÜNE 4585B, 4586 B ZusFr Dr. Hirsch FDP 4585B, 4586 B ZusFr Dr. Klejdzinski SPD 4585 C Gesundheitsschädliche Nebenwirkungen bleifreien Benzins; Vorsorgemaßnahmen MdlAnfr 52, 53 04.03.88 Drs 11/1937 Dr. Abelein CDU/CSU Antw PStSekr Grüner BMU . . . 4586A, 4587 C ZusFr Dr. Abelein CDU/CSU . . 4586D, 4588 A ZusFr Dr. Klejdzinski SPD 4587 A ZusFr Frau Ganseforth SPD 4587 B ZusFr Frau Garbe GRÜNE 4588 B Probleme bei der Übernahme der Auszubildenden bei der Bundespost durch eine Verfügung vom 2. Februar 1988 MdlAnfr 56 04.03.88 Drs 11/1937 Frau Faße SPD Antw PStSekr Rawe BMP 4588 C ZusFr Frau Faße SPD 4588 D Übernahme aller Auszubildenden des Prüfungsjahrgangs 1988 durch die Bundespost MdlAnfr 57, 58 04.03.88 Drs 11/1937 Börnsen (Ritterhude) SPD Antw PStSekr Rawe BMP 4589 A ZusFr Börnsen (Ritterhude) SPD 4589 B ZusFr Dr. Klejdzinski SPD 4589 D Aussage der Bundesregierung im Jahreswirtschaftsbericht über die Stützung des Wachstums der Inlandsnachfrage durch den Wohnungsbau entgegen anderslautenden Prognosen MdlAnfr 60 04.03.88 Drs 11/1937 Müntefering SPD Antw PStSekr Echternach BMBau . . . 4590 A ZusFr Müntefering SPD 4590 B ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU 4590 C ZusFr Dr. Möller CDU/CSU 4590 D ZusFr Frau Oesterle-Schwerin GRÜNE . 4591A Auftragseingang im Bauhauptgewerbe 1987 und 1988 im Vergleich zum Vorjahr MdlAnfr 61 04.03.88 Drs 11/1937 Müntefering SPD Antw PStSekr Echternach BMBau . . . 4591 A ZusFr Müntefering SPD 4591 B ZusFr Dr. Möller CDU/CSU 4591 D ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU 4592 A ZusFr Reschke SPD 4592 B ZusFr Menzel SPD 4592 D Rückgang der Bautätigkeit trotz steigender Nachfrage nach Mietwohnungen; Konsequenzen für die Entwicklung der Mieten MdlAnfr 64 04.03.88 Drs 11/1937 Reschke SPD Antw PStSekr Echternach BMBau . . . 4593 A ZusFr Reschke SPD 4593 B ZusFr Dr. Möller CDU/CSU 4593 C ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU 4593 D ZusFr Conradi SPD 4593 D ZusFr Menzel SPD 4594 A Auswirkung der Kürzung der Förderung für den sozialen Wohnungsbau auf den Neubau MdlAnfr 65 04.03.88 Drs 11/1937 Reschke SPD Antw PStSekr Echternach BMBau . . . 4594 B ZusFr Reschke SPD 4594 B ZusFr Müntefering SPD 4594 D ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU 4595 A Stimulierung der Investitionstätigkeit im Wohnungsbau und Stärkung der Bauwirtschaft MdlAnfr 66 04.03.88 Drs 11/1937 Scherrer SPD Antw PStSekr Echternach BMBau . . . 4595 B ZusFr Scherrer SPD 4595 C ZusFr Dr. Möller CDU/CSU 4596 A ZusFr Müntefering SPD 4596 A Verlust von Arbeitsplätzen in der Bauwirtschaft und Entwicklung der Zahl der Betriebe im Bauhauptgewerbe seit 1982 MdlAnfr 67 04.03.88 Drs 11/1937 Scherrer SPD Antw PStSekr Echternach BMBau . . . 4596 B ZusFr Scherrer SPD 4596 C ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU 4596 D ZusFr Dr. Möller CDU/CSU 4597 A ZusFr Conradi SPD 4597 B Auswirkungen der Kürzung der Verpflichtungsrahmen für die Städtebauförderung 1988 auf die Bauwirtschaft MdlAnfr 68 04.03.88 Drs 11/1937 Weiermann SPD Antw PStSekr Echternach BMBau . . . 4597 C ZusFr Weiermann SPD 4597 D ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU 4598A ZusFr Dr. Möller CDU/CSU 4598 B Nächste Sitzung 4620 A Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . 4621* A Anlage 2 Einstellung ausschließlich männlicher Lehrkräfte an der deutschen Schule in Istanbul; Berücksichtigung von Lehrerinnen MdlAnfr 4, 5 04.03.88 Drs 11/1937 Frau Ganseforth SPD SchrAntw StMin Schäfer AA 4621* C Anlage 3 Begleitung des amtierenden deutschen Botschafters in Santiago de Chile durch seinen pensionierten Vorgänger auf dem Flug zur Berichterstattung nach Bonn; Auftrag und Kosten MdlAnfr 6, 7 04.03.88 Drs 11/1937 Waltemathe SPD SchrAntw StMin Schäfer AA 4621* D Anlage 4 Einsatz von Disco-Bussen zur Senkung der Zahl der Todesfälle von Jugendlichen nach Discothekenbesuchen MdlAnfr 41, 42 04.03.88 Drs 11/1937 Antretter SPD SchrAntw PStSekr Dr. Schulte BMV . . . 4622* A Anlage 5 Kooperationsvereinbarung zwischen Bundesbahn und Bundesverband Deutscher Verkehrsunternehmer für den öffentlichen Personennahverkehr; erwartete Verbesserungen für den ländlichen Raum MdlAnfr 43 04.03.88 Drs 11/1937 Stiegler SPD SchrAntw PStSekr Dr. Schulte BMV . . . 4622* B Anlage 6 Durchführung von Modellversuchen mit verbilligten Tarifen im Personennahverkehr angesichts des Erfolgs der schweizerischen Bundesbahn mit den „Umwelttarifen" MdlAnfr 44, 45 04.03.88 Drs 11/1937 Dr. Schroeder (Freiburg) CDU/CSU SchrAntw PStSekr Dr. Schulte BMV . . . 4622* C Anlage 7 Ausrüstung p rivater Wachmannschaften MdlAnfr 50, 51 04.03.88 Drs 11/1937 Frau Terborg SPD SchrAntw PStSekr Grüner BMU 4623* A Anlage 8 Verhinderung der Einführung neuer PET- Einwegflaschen MdlAnfr 54, 55 04.03.88 Drs 11/1937 Frau Hensel GRÜNE SchrAntw PStSekr Dr. Schulte BMU . . . 4623* B Anlage 9 Kostenlose Postbeförderung von Video- Kassetten für Hörgeschädigte MdlAnfr 59 04.03.88 Drs 11/1937 Linsmeier CDU/CSU SchrAntw PStSekr Rawe BMP 4623* D Anlage 10 Auswirkungen des Wegfalls der Grundsteuerbefreiung und die mögliche Besteuerung des Grundstücksverkehrs auf die Baukonjunktur MdlAnfr 69 04.03.88 Drs 11/1937 Weiermann SPD SchrAntw PStSekr Echternach BMBau . . 4624* A Anlage 11 Stärkung der Bauwirtschaft MdlAnfr 70 04.03.88 Drs 11/1937 Dr. Sperling SPD SchrAntw PStSekr Echternach BMBau . . 4624* B Anlage 12 Erhöhung der Instandhaltungs- und der Verwaltungskostenpauschale und Aufhebung der genehmigungspflichtigen Kostenmiete für öffentlich geförderte Wohnungen MdlAnfr 71, 72 04.03.88 Drs 11/1937 Menzel SPD SchrAntw PStSekr Echternach BMBau . . 4624* C Anlage 13 Geschlechtsspezifische Ausstellung der neuen Reisepässe MdlAnfr 73, 74 04.03.88 Drs 11/1937 Frau Schmidt-Bott GRÜNE SchrAntw PStSekr Spranger BMI . . . . 4624* D Anlage 14 Ausstattung der Gerichtssäle mit der Bundesflagge MdlAnfr 77 04.03.88 Drs 11/1937 Eylmann CDU/CSU SchrAntw PStSekr Spranger BMI . . . . 4625* A Anlage 15 Ausgaben für die Zusatz-Altersversorgung der Arbeiter und Angestellten des öffentlichen Dienstes MdlAnfr 78 04.03.88 Drs 11/1937 Lemmrich CDU/CSU SchrAntw PStSekr Spranger BMI . . . . 4625* B Anlage 16 Überprüfung der Inhalte bestehender Gesetze und Verordnungen auf ihre Geschlechtsneutralität; geschlechtsspezifische Ausstellung der neuen Reisepässe MdlAnfr 79, 80 04.03.88 Drs 11/1937 Frau Schoppe GRÜNE SchrAntw PStSekr Dr. Jahn BMJ . . . . 4625* C Anlage 17 Mißbräuchliche Inanspruchnahme des Vorsteuerabzugs im Gutschriftverfahren beim Landhandel MdlAnfr 83 04.03.88 Drs 11/1937 Uldall CDU/CSU SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF . . . 4625* D Anlage 18 Abbau von Arbeitsplätzen für deutsche Arbeitnehmer bei den französischen, britischen und US-Streitkräften MdlAnfr 84, 85 04.03.88 Drs 11/1937 Gerster (Worms) SPD SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF . . . 4626 * B Anlage 19 Beteiligung der Salzgitter AG an der Auffanggesellschaft für die Maxhütte MdlAnfr 86 04.03.88 Drs 11/1937 Sieler (Amberg) SPD SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF . . . 4626* D 67. Sitzung Bonn, den 10. März 1988 Beginn: 9.00 Uhr Präsident Dr. Jenninger: Die Sitzung ist eröffnet. (Die Abgeordneten erheben sich) Meine Damen und Herren, gestern nachmittag erreichte uns die Nachricht, daß der ehemalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger im Alter von 83 Jahren in der Tübinger Universitätsklinik verstorben ist. Am 6. April 1904 im oberschwäbischen Ebingen geboren, wäre er in wenigen Wochen 84 Jahre alt geworden. Mit Kurt Georg Kiesinger ist wieder einer aus dem Kreis der großen politischen Persönlichkeiten von uns gegangen, die in der Gründungs- und Aufbauzeit der Bundesrepublik Deutschland an grundlegenden Entscheidungen mitgewirkt und über Jahrzehnte hinweg auf die politische Entwicklung unseres Staates maßgeblichen Einfluß genommen haben. Kurt Georg Kiesinger hat bereits dem ersten Deutschen Bundestag angehört. Später hat er diese Jahre des Aufbaues einmal „eine glückliche Zeit" genannt. „Der politische Neubeginn 1949", so sagte er, „war geprägt von der Hochstimmung der wiedergewonnenen Freiheit, in allen Parteien ... Die demokratischen Politiker hatten ein Grundgefühl gegenseitigen Vertrauens. Sie haben Demokratie gelebt, nicht nach Dogmen gehandelt." Demokratie zu leben, nicht nach Dogmen zu handeln, eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens zu schaffen, die gegenseitige Toleranz und die Debatte zwar leidenschaftlich, aber mit Sachargumenten und nicht persönlich verletzend zu führen, bestimmte von Anfang an sein parlamentarisches Wirken. Bereits im ersten Bundestag gelang es ihm als Berichterstatter im Ausschuß für Rechtswesen und Verfassungsrecht, den entscheidenden Kompromiß für die Verabschiedung des Gesetzes über das Bundesverfassungsgericht zu erzielen. Von 1950 bis 1958 war Kurt Georg Kiesinger Vorsitzender des Vermittlungsausschusses — ein seinen Fähigkeiten zum Ausgleich, zur sachorientierten Überbrückung von Gegensätzen besonders entsprechendes Amt —, von 1954 bis 1958 auch Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten. In dieser Zeit erwarb er sich mit seinen Beiträgen im leidenschaftlichen Streit um die Grundlagen der künftigen deutschen Außenpolitik, um die Westintegration und um die europäische Einigung einen Ruf als glänzender politischer Redner, als Meister der parlamentarischen Debatte. Im September 1955 gehörte er zur Begleitung Adenauers bei dessen schwieriger Mission in Moskau, wo die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen und die Rückkehr der noch in der Sowjetunion festgehaltenen Kriegsgefangenen vereinbart werden konnten. Wo immer möglich, trat Kiesinger für Aussöhnung und Verständigung mit unseren Nachbarn ein. Von 1950 bis 1958 gehörte er der Versammlung der Westeuropäischen Union und der Beratenden Versammlung des Europarates an, in der er ab 1955 auch das Amt des Vizepräsidenten bekleidete. Gebhard Müller, in den Nachkriegsjahren Ministerpräsident des damaligen Landes Südwürttemberg- Hohenzollern und später Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hatte 1947 den gelernten Rechtsanwalt für die CDU gewonnen und ihm das Amt des Landesgeschäftsführers übertragen. Im Jahre 1958, als Gebhard Müller Präsident des Bundesverfassungsgerichts geworden war, wählte ihn der Stuttgarter Landtag zu dessen Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten. In den acht Jahren als Regierungschef Baden- Württembergs hat sich Kurt Georg Kiesinger als Landesvater bei den Bürgern und weit über die Landesgrenzen hinaus hohes Ansehen erworben. Er hat dort wichtige kultur- und wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen. Auf ihn geht die Gründung der Universitäten in Ulm, Mannheim und vor allem Konstanz zurück. Und er selbst hat einmal — nicht ohne Stolz — davon gesprochen, daß die Umweltpolitik unter seiner Verantwortung in Baden-Württemberg ihren Anfang genommen habe, indem er beispielsweise zum Nutzen des Bodensees die Schiffbarmachung des Hochrheins verhindern konnte. Der Umwelt und der Kulturpflege in den Dörfern und kleinen Städten galt seine ganz besondere Hinwendung. Als 1966 die Koalition der Unionsparteien mit der FDP unter Bundeskanzler Ludwig Erhard zerbrochen war, wurde Kiesinger sein Nachfolger als Bundeskanzler und später auch als Parteivorsitzender der CDU. Unter seiner Kanzlerschaft an der Spitze einer Regierung der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD gelang es, nicht nur die wirtschaftliche Rezession zu überwinden und die schwierige Lage der Staatsfinanzen zu bereinigen, sondern auch große Gesetzgebungswerke wie die Notstandsgesetze und wichtige Reformvorhaben wie die der Finanzverfassung, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie das Arbeitsförderungsgesetz, das Berufsausbildungsgesetz und das Bundesausbildungsgesetz durchzusetzen. — Auf dem Gebiet der Außen- und Deutschlandpolitik leitete seine Regierung eine vorsichtige Öffnung nach Osten ein. Es war das Vorspiel zur Ostpolitik der SPD/FDP-Bundesregierungen, die mit dem Namen seines Außenministers und Nachfolgers im Amt des Bundeskanzlers, Willy Brandt, verbunden ist. In unserer Erinnerung wird Kurt Georg Kiesinger als eine Persönlichkeit fortleben, die fest in den Werten des Christentums und der Humanität verwurzelt war und es verstanden hat, der Politik in unserer parlamentarischen Demokratie Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu verleihen, Fairneß walten zu lassen, Wege zu Kompromiß und Ausgleich zu weisen. Mit dieser Haltung, aber auch auf Grund seiner umfassenden humanistischen Bildung hat sich Kurt Georg Kiesinger Achtung und Anerkennung über Partei-, Landes-, ja Staatsgrenzen hinweg erworben. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit für alles, was er für unseren Staat, seinen Aufbau, seine Stärkung und Festigung getan hat. Der Deutsche Bundestag trauert um Kurt Georg Kiesinger. Wir werden die Verdienste, die sich der dritte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland um unser Land erworben hat, nicht vergessen. Kurt Georg Kiesinger hat sich um das Vaterland verdient gemacht. Sie haben sich, meine Damen und Herren, zu Ehren des Verstorbenen von Ihren Plätzen erhoben. Ich danke Ihnen. Meine Damen und Herren, vor Eintritt in die Tagesordnung darf ich bekanntgeben: In der 61. Sitzung des Deutschen Bundestages wurden die beiden Anträge zum Hotelbauprojekt in Dalyan — Drucksachen 11/1666 und 11/1872 — dem Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zur federführenden Beratung und dem Auswärtigen Ausschuß und dem Ausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit jeweils zur Mitberatung überwiesen. Interfraktionell wird nun vorgeschlagen, die beiden Anträge dem Ausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit zur federführenden Beratung und dem Auswärtigen Ausschuß, dem Ausschuß für Wirtschaft, dem Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit sowie dem Haushaltsausschuß zur Mitberatung zu überweisen. Sind Sie mit diesen Überweisungsvorschlägen einverstanden? — Ich höre keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen. Weiterhin ist interfraktionell vereinbart worden, die verbundene Tagesordnung zu erweitern. Die Punkte sind in der Ihnen vorliegenden Zusatzpunkteliste aufgeführt: 1. Aktuelle Stunde: Haltung der Bundesregierung zu den jüngsten Äußerungen der britischen Premierministerin zum Thema Nachrüstung (in der 66. Sitzung erledigt) 2. Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Verkehr (14. Ausschuß) zu dem Antrag der Fraktion DIE GRÜNEN: Vorhaben der Deutschen Bundesbahn, die Preise ab April 1988 zu erhöhen — Drucksachen 11/1913, 11/1971 — 3. Beratung der Sammelübersicht 51 des Petitionsausschusses (2. Ausschuß) über Anträge zu Petitionen — Drucksache 11/1969 — 4. Beratung der Beschlußempfehlung des Auswärtigen Ausschusses (3. Ausschuß): zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Schoppe, Dr. Nlechtersheimer, Schily und der Fraktion DIE GRÜNEN: Abrü - stung nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa zu dem Antrag der Fraktion DIE GRÜNEN: Sofortiger Verzicht der Bundesrepublik Deutschland auf die 72 Pershing- Ia-Raketen der Bundesluftwaffe zu dem Antrag der Fraktion der SPD: Abschaffung der nuklearen Mittelstreckenraketen — Drucksachen 11/230, 11/699 (neu), 11/732 (neu), 11/1475 — 5. Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Verkehr (14. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Brahmst-Rock, Weiss (München) und der Fraktion DIE GRÜNEN: Erhalt der DB-Strecke Wuppertal- Elberfeld—Wuppertal-Cronenberg — Drucksachen 11/1918, 11/1972 — 6. Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Verkehr (14. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Schöfberger, Schmidt (München), Vahlberg, Dr. Glotz, Lutz, Büchler (Hof), Frau Dr. Nlartiny, Porzner, Wimmer (Neuötting), Dr. Haack, Dr. de With, Kolbow, Leidinger, Sieler (Amberg), Stiegler, Dr. Wernitz, Müller (Schweinfurt), Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau Schmidt (Nürnberg), Amling, Büchner (Speyer), Frau Odendahl, Reimann, Schäfer (Offenburg), Bachmaier, Dr. Emmerlich, Ewen, Lambinus, Sielaff, Frau Dr. Hamm-Brücher, Irmer, Weiss (München), Frau Dr. Vollmer, Kreuzeder, Frau Teubner, Frau Saibold, Kleinert (Marburg), Sellin, Hüser, Frau Krieger, Schily, Hoss, Frau Vennegerts, Frau Flinner, Dr. Knabe, Frau Unruh, Volmer, Dr. ?Mechtersheimer, Frau Oesterle-Schwerin, Frau Brahmst-Rock, Häfner, Frau Hillerich: Rangierbahnhof München - Drucksachen 11/570, 11/1510 — Zugleich soll mit der Aufsetzung der Zusatzpunkte — soweit erforderlich — von der Frist für den Beginn der Beratung abgewichen werden. Sind Sie auch damit einverstanden? — Ich höre keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen. Meine Damen und Herren, bevor ich den Tagesordnungspunkt 2 aufrufe, darf ich einige Gäste begrüßen. Auf der Ehrentribüne hat der Präsident des Legislativ rates der Republik Zaire, Herr Chalume Wane Kawambe, mit einer Delegation des Legislativrates Platz genommen. (Beifall) Im Namen des Deutschen Bundestages begrüße ich Sie sehr herzlich in der Bundesrepublik Deutschland, Herr Präsident. Der Besuch unterstreicht die guten und engen Beziehungen zwischen unseren Parlamenten. Ich wünsche Ihnen nützliche und interessante Gespräche bei uns. Wir freuen uns, daß Sie auch Berlin in Ihren Besuch einbeziehen. Die geteilte Stadt wird Ihnen ein anschauliches Bild von der politischen Lage unseres Landes und Europas vermitteln. Ich rufe Punkt 2 der Tagesordnung auf: Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Apel, Roth, Dr. Spöri, Daubertshäuser, Dr. Jens, Pfuhl, Vahlberg, Börnsen (Ritterhude), Dr. Hauchler, Huonker, Kastning, Frau Matthäus-Maier, Dr. Mertens (Bottrop), Oesinghaus, Poß, Reschke, Westphal, Dr. Wieczorek, Bernrath, Fischer (Homburg), Ibrügger, Dr. Soell, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD Beseitigung steuerlicher Benachteiligungen von kleinen und mittleren Unternehmen — Drucksache 11/1335 — Überweisungsvorschlag des Altestenrates: Finanzausschuß (federführend) Ausschuß für Wirtschaft Haushaltsausschuß Nach einer Vereinbarung im Altestenrat ist für die Beratung eine Stunde vorgesehen. Ich sehe keinen Widerspruch. — Dann ist so beschlossen. Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Abgeordnete Poß. Poß (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Unser Antrag „Beseitigung steuerlicher Benachteiligungen von kleinen und mittleren Unternehmen" betrifft zwei Problembereiche, die kennzeichnend für die Steuerpolitik dieser Bundesregierung sind. Zum einen geht es um die mittelstandsfeindliche Steuerpolitik der Bundesregierung. Sie führt nämlich dazu, daß die für unsere Volkswirtschaft dringend benötigten Investitionen nicht in ausreichendem Umfang vorgenommen werden. Deshalb ist es erforderlich, daß endlich auch die Steuerpolitik ihren Beitrag zum Abbau der Massenarbeitslosigkeit leistet. Zum anderen zielt unser Antrag darauf ab, daß die für Großunternehmen und Konzerne bestehende Steuerschlupflöcher endlich geschlossen werden. Es ist wirtschaftspolitisch absurd, daß durch geschickte Manipulationen Gewinne in Millionen- oder sogar in Milliardenhöhe am Fiskus vorbeigeschleust werden können und so dem Bund, den Ländern und den Gemeinden die notwendigen Mittel für Zukunftsinvestitionen fehlen. (Beifall bei der SPD und der Abg. Frau Flin - ner [GRÜNE]) Die steuerpolitische Zauberformel der Bundesregierung — höhere Gewinne, mehr Investitionen, mehr Wirtschaftswachstum und damit mehr Arbeitsplätze — ist für jedermann erkennbar nicht aufgegangen. Die Gewinne, vor allem die Gewinne der Großunternehmen, sind in den letzten Jahren zwar kräftig gestiegen. Die Investitionen stagnieren jedoch. Das Wachstum ist rückläufig und hat im letzten Jahr nur noch mickrige 1,7 % betragen. Und die Zahl der Arbeitslosen ist seit der Wende um rund ein Drittel auf 2,5 Millionen angestiegen. Kennzeichnend für die Unternehmensbesteuerung dieser Bundesregierung ist auch eine Umverteilung, nämlich die Umverteilung innerhalb des Unternehmensbereiches zu Lasten der kleinen und mittleren Unternehmen. 1983 begann die Bundesregierung ihre Steuerpolitik mit der Senkung der Unternehmensteuern in einem Umfang von 10 Milliarden DM. Um das zu finanzieren, wurde die Mehrwertsteuer um einen Punkt erhöht. Das war auch kein Vorteil für nicht exportorientierte kleine und mittlere Firmen. Von der Senkung der Vermögensteuer 1983 haben in erster Linie die kapitalstarken Großbetriebe profitiert. So entfielen in Nordrhein-Westfalen z. B. 60 der Vermögensteuersenkung für Kapitalgesellschaften auf nur 0,7 % der Betriebe, d. h. mehr als 99 % der Betriebe mußten sich die verbliebenen 40 % teilen. Auch die Einschränkung der Hinzurechnung von Dauerschulden und Dauerschuldzinsen bei der Gewerbesteuer nutzt vor allem Großunternehmen. Diesen Weg der einseitigen steuerlichen Begünstigung von kapital- und gewinnstarken Großunternehmen will die Bundesregierung auch in Zukunft entgegen ihren verbalen Bekundungen gehen. Die geplante Senkung des Spitzensteuersatzes bei der Einkommensteuer bringt für die kleinen und mittleren Betriebe überhaupt nichts. Davon profitieren von den 1,7 Millionen Unternehmen, die Einkommensteuer zahlen (Zuruf des Abg. Dr. Faltlhauser [CDU/CSU] — Glos [CDU/CSU]: Das ist doch unter Ihrem Niveau!) — Herr Faltlhauser, ich kenne ja die Qualität Ihrer Zwischenrufe — , nur die 30 000 ertragsstärksten, also nicht einmal 2 %. Von den geplanten Steuererhöhungen zur Finanzierung der Senkung des Spitzensteuersatzes werden dagegen auch die kleinen und mittleren Unternehmen betroffen. So ist die Streichung der Investitionszulage für Investitionen in förderungsbedürftigen Gebieten sowie für Investitionen, die der Forschung und Entwicklung dienen, extrem mittelstandsfeindlich. Die geplante Quellensteuer auf Lebensversicherungserträge belastet die Altersversorgung vieler Selbständiger. Insgesamt wird durch das Steuerpaket 1990 der Bundesregierung die steuerliche Benachteiligung der kleinen und mittleren Unternehmen gegenüber den Großunternehmen noch weiter verschärft. (Zuruf von der SPD: Leider wahr!) Die einseitige steuerliche Begünstigung von Großunternehmen und Konzernen hat auch wirtschaftspolitisch nichts gebracht. Viele Großunternehmen verfügen über hohe Gewinne und liquide Mittel. Statt in dem volkswirtschaftlich wünschenswerten Umfang in Produktivkapital zu investieren, stecken sie ihre Gelder jedoch lieber in festverzinsliche Wertpapiere oder andere Finanzanlagen. Die Hoffnung der Bundesregierung, daß sich dieses Verhalten bei einer Senkung des Spitzensteuersatzes ändern wird, ist durch nichts begründet. Es muß im Gegenteil, meine Damen und Herren, davon ausgegangen werden, daß die hierdurch bei den Großunternehmen anfallenden Mittel zu einem großen Teil weiter in ausländische Finanzanlagen gehen und so unserer Volkswirtschaft entzogen werden. In der gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Situation, in der es entscheidend auf mehr Investitionen zur Stärkung des Wachstums ankommt, muß es daher vorrangiges Ziel der Steuerpolitik im Bereich der Un- P00 ternehmen sein, die ohnehin bestehenden Benachteiligungen der kleinen und mittleren Unternehmen abzubauen. (Beifall bei der SPD) Ihnen muß beim Eigenkapital geholfen werden. Nach einer Veröffentlichung des Bundeswirtschaftsministers vom Oktober 1987 betrug das Eigenkapital der Unternehmen mit Umsätzen von weniger als 5 Millionen DM im Jahr nur 9,3 % der Bilanzsumme, während die Eigenkapitalquote der Unternehmen mit Umsätzen von über 100 Millionen DM jährlich 24 T. und damit mehr als das Zweieinhalbfache betrug. Um den kleinen und mittleren Unternehmen die Finanzierung ihrer Investitionen zu erleichtern, muß endlich eine steuerstundende Investitionsrücklage eingeführt werden. Herr Glos und Herr Faltlhauser, Ihre alten Forderungen! (Beifall bei der SPD — Roth [SPD]: Die betrei - ben die kalte Enteignung der Kleinen!) Die steuerstundende Investitionsrücklage ist das wirksamste steuertechnische Instrument zur Förde rung von Investitionen, da bereits das Ansparen für eine Investition erleichtert wird. Diese Rücklage wird ja auch seit Jahren von den Betrieben des Handwerks und des Handels gefordert. Meine Damen und Herren von den Koalitionsfraktionen, nach dem, was in den letzten Wochen — habe ich gesagt Koalitionsfraktionen oder Subventionsfraktionen oder Subventionsabbaufraktionen?, ich weiß das gar nicht — in der Presse zu lesen war, muß darüber hinaus befürchtet werden, daß Sie sich auch weiterhin für den Erhalt von Steuerschlupflöchern für Großunternehmen und Konzerne einsetzen werden. Sie planen die Herausnahme bzw. Abschwächung der Punkte, die auf eine Vermeidung von Steuerumgehung hinauslaufen. Dieses Hin und Her bei den steuerpolitischen Entscheidungen der Bundesregierung ist ja inzwischen zum unrühmlichen Markenzeichen des Herrn Dr. Stoltenberg geworden. (Zuruf von der CDU/CSU: Ein Markenzei chen hätten Sie auch gern!) Das gilt auch für die von Ihnen angestrebte Änderung bei der Behandlung von betrieblichen Veräußerungsgewinnen. Die derzeit bestehende Rechtslage, wonach Veräußerungsgewinne nur mit dem halben Steuersatz besteuert werden, entspricht in keiner Weise mehr der ursprünglichen mittelstandspolitischen Zielsetzung des Gesetzes. Es wurde aus mittelstandspolitischen Gründen diese Regelung eingeführt, um Einzelhändlern und Handwerkern am Ende ihres Berufslebens das Ausscheiden aus ihrem Betrieb nicht durch eine übermäßige Besteuerung zu erschweren und ihnen eine Alterssicherung zu erleichtern. Spektakuläre Einzelfälle der letzten Zeit haben aber gezeigt, daß in einem durch nichts zu rechtfertigenden Umfang auch die Veräußerung ganzer Konzerne begünstigt wird. Ich erinnere an den Fall Massa und an den Fall Flick. Durch eine geschickte Anhäufung von Gewinnen und stillen Reserven kann die Einmalbesteuerung umgangen und die Steuerbelastung halbiert werden. Das muß nach den Vorstellungen der Sozialdemokraten verändert werden. (Beifall bei der SPD) Wir wollen zurück auf die ursprüngliche mittelstandspolitische Komponente. Wir haben hierzu vorgeschlagen, eine geeignete Freibetragsregelung und die Einführung einer Freigrenze vorzusehen. Zudem könnte erwogen werden, die Besteuerung des Veräußerungsgewinns mit dem durchschnittlichen Steuersatz der letzten drei bis fünf Jahre vorzunehmen. Dem Vernehmen nach wollen Sie, meine Damen und Herren von den Koalitionsfraktionen, jedoch entgegen den Vorschlägen der fachkundigen Beamten auch in Zukunft Veräußerungsgewinne in Höhe von mehreren Millionen DM wie bisher steuerlich privilegieren. Diese Größenordnung zeigt, daß der Mittelstand von Ihnen nur vorgeschoben und als Alibi mißbraucht wird, um die Privilegien der Spitzenverdiener zu sichern. (Beifall bei der SPD) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Uldall. Uldall (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Rede von Herrn Poß und der Antrag der SPD gehen natürlich völlig am Thema vorbei, (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Lachen bei der SPD) denn die mittelstandsfreundliche Steuerpolitik ist immer von unserer Seite und nicht von Ihnen gekommen. (Roth [SPD]: Guten Morgen, Herr Oberleh rer!) Deswegen will ich auch noch einmal ganz deutlich sagen: Diese Steuerreform, unsere Steuerreform ist in erster Linie eine Steuerreform zugunsten des Mittelstands. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Lachen bei der SPD — Zuruf von der SPD: Das Pfeifen im Wald!) Da muß man sich schon sehr wundern, meine Damen und Herren, daß plötzlich die SPD ihr Herz für den Mittelstand entdeckt. Einige Punkte dazu. Führen denn nicht die vom Kollegen Apel gerade im „Vorwärts", den ich hier als Fotokopie dabei habe, vorgeschlagenen Äußerungen zur Steuerpolitik dazu, daß die bestehende scharfe Progression noch weiter für den Mittelstand verstärkt wird, Herr Kollege Apel? Hier zeigt sich wieder erneut. (Zuruf von der SPD: Lesen Sie mal vor, was da im „Vorwärts" steht!) Die SPD ist die Partei der Steuererhöhung und ganz besonders die Partei der Steuererhöhung für die Mittelständler. (Beifall bei der CDU/CSU) Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Dr. Apel? Uldall (CDU/CSU): Ja, gerne. Dr. Apel (SPD): Herr Kollege, wenn Sie schon den „Vorwärts" zitieren, dann bitte richtig. (Zuruf von der CDU/CSU: Rückwärts!) Ich habe dort darauf hingewiesen, daß es natürlich darum — — Haben Sie zur Kenntnis genommen — so muß ich ja formulieren; Herr Präsident, Sie haben ja recht, daß Sie ganz strafend gucken — , daß ich in diesem „Vorwärts"-Artikel ausdrücklich die Absenkung der Progression für dringend geboten halte, und können Sie bestätigen, daß ich gesagt habe, daß das aber derzeit deswegen unter einen Finanzierungsvorbehalt gestellt werden muß, weil der Herr Kollege Stoltenberg in einer unverantwortlichen Weise die öffentlichen Kassen für eine Steuerpolitik zugunsten der Begünstigten leerräumt? (Zuruf von der CDU/CSU: Und das sagt der Schuldenminister!) Uldall (CDU/CSU) : Herr Kollege Apel, ich pflege alle Artikel, die Sie veröffentlichen, immer genau Zeile für Zeile zu lesen. (Kuhlwein [SPD]: Da können Sie was lernen, Herr Uldall!) Dies eröffnet manche Erkenntnis. Deswegen kann ich auch hier nur noch einmal aus diesem Artikel wiederholen: Sie wollen im unteren Bereich natürlich eine weitere Absenkung, aber das bedeutet doch in der Realität, daß dann in der zweiten Hälfte ab etwa 50 000 DM die Progression noch viel schärfer wird. Das ist gerade die zusätzliche mittelstandsfeindliche Besteuerung, die Sie einführen wollen, Herr Apel. (Sehr richtig! bei der CDU/CSU) Aber ich möchte noch einige andere Punkte anführen. Belasten nicht gerade die zahlreichen von der SPD immer wieder geforderten Abgaben die mittelständischen Betriebe besonders? Ich nenne nur: die Ausbildungsplatzabgabe, die wir gerde mühsam im Ausschuß niedergekämpft haben, die Arbeitsmarktabgabe, die Ergänzungsabgabe, die Lärmabgabe, die Abfallabgabe, die Verbreiterung der Gewerbesteuer - basis, z. B. durch Einbeziehung der Freiberufler, und, Herr Apel, wird nicht in unserer gemeinsamen Vaterstadt Hamburg dem Mittelstand eine Konkurrenz insbesondere dadurch gemacht, daß man Beschäftigungsgesellschaften eingerichtet hat, die den mittelständischen Handwerksbetrieben subventionierte Konkurrenz machen? Meine Damen und Herren, das paßt alles nicht mit dem zusammen, was jetzt die Sozialdemokraten zur Steuerpolitik sagen. Dieser Antrag der SPD geht deswegen am Thema vorbei. Meine Damen und Herren, bei der Besteuerung des Veräußerungserlöses sind wir der Auffassung, daß man zu einer guten Lösung kommen muß. Ich könnte mir vorstellen, daß es bei uns in der Fraktion eine Mehrheit für eine Lösung geben wird, die so aussieht: zunächst ein Freibetrag, dann eine abgestufte Lösung für die mittleren Veräußerungserlöse und dann erst ab einem sehr viel höheren Betrag eine volle Besteuerung dieser Beträge. Was die Investitionsrücklage betrifft, werden wir nachher durch meinen Kollegen noch eine entsprechende Darstellung vortragen. Wir sind abschließend zu der Auffassung gekommen, daß die Sozialdemokraten nicht im entferntesten den Anspruch erheben können, hier als eine mittelstandsfreundliche Partei auftreten zu können. Wir haben durch die Senkung der Gewerbesteuer Tausende von Mittelständlern aus der Gewerbesteuerpflicht herausgenommen, wir haben durch die Senkung bei der betrieblichen Vermögensteuer Hunderttausende Betriebe aus der Steuerpflicht herausgenommen, und nun kommt die Steuerreform, die den Mittelstandsbauch abschneidet und somit einen entscheidenden Schritt nach vorne bedeutet. Deswegen zusammenfassend mein Fazit: Unsere mittelständische Politik werden wir auch in Zukunft auf der steuerlichen Ebene erfolgreich fortsetzen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Hüser. Hüser (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In Ihrem Antrag spricht die SPD zwei Instrumente an, die bei entsprechender Ausgestaltung dazu geeignet sein sollen, steuerliche Benachteiligungen von kleinen und mittleren Betrieben zu beseitigen. Für uns stellt sich hier natürlich die Frage, gegenüber wem diese Nachteile bestehen. Sind hier vielleicht die Nachteile gegenüber einkommensteuerpflichtigen Alleinerziehenden gemeint oder die steuerlichen Nachteile gegenüber Rentnern, Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen oder gegenüber finanzkräftigen Aktiengesellschaften? Ich zähle dies in diesem Maße auf, um deutlich zu machen, daß in der Regel bei einer Beseitigung von steuerlichen Nachteilen auf Einnahmen verzichtet wird. Diese Einnahmen fehlen dann natürlich bei der Bewältigung von dringenden Aufgaben, z. B. zur Verbesserung der Lage der Sozial hilfeempfänger. Grundsätzlich sehen deshalb die GRÜNEN keine Vordringlichkeit in der jetzigen Situation, allgemeine steuerliche Besserstellung für kleine und mittlere Unternehmen anzugehen, gerade auch vor dem Hintergrund, wenn man sich eine neuere Studie des Ifo- Instituts in München anschaut, wo dargelegt wird, daß die kleinen Unternehmen die relativ höchsten Erträge einschließlich der Eigenkapitalverzinsung haben. Unseres Erachtens muß es darum gehen, gerade die steuerlich ungerechtfertigten Vorteile für Großunternehmen abzubauen. Nun bezieht sich der Antrag nicht auf die allgemeine steuerliche Situation der kleinen und mittleren Unternehmen, sondern greift ganz speziell zwei unterschiedliche Punkte heraus. Im ersten Teil geht es um die Ausgestaltung und Zielsetzung des Einkommensteuergesetzes, und zwar im § 34. Nach den Regelungen in diesem Gesetz vermag ich nicht zu glauben — das ist in der Begründung auch dargelegt —, daß die ursprüngliche Zielsetzung gewesen sein soll, der Altersvorsorge im mittelständischen Bereich Rechnung zu tragen. Es läßt sich nirgends herauslesen, daß durch die Besteuerung mit dem halben durchschnittlichen Steuersatz auf die außerordentlichen Einkünfte besonders Klein- und Mittelbetriebe bevorzugt werden sollten. Wenn dies doch die Absicht war, so muß ich feststellen, daß nicht nur heute an Steuergesetzen schlampig gearbeitet wird, sondern daß dies anscheinend auch schon früher geschah. So ist allein im § 16 des Einkommensteuergesetzes bei den Veräußerungen von Gewerbebetrieben ein Freibetrag von 120 000 DM festgesetzt für diejenigen, die zum Zeitpunkt der Veräußerung mindestens 55 Jahre alt sind. Daß aber grundsätzlich jeder seine außerordentlichen Einkünfte nur mit dem halben Steuersatz zu versteuern brauchte, unabhängig von seiner sonst so gepriesenen Leistungsfähigkeit, ist ein Skandal, steuersystematisch nicht nachzuvollziehen und absolut sozial unverträglich, obwohl es anscheinend in Ihr Konzept hineinpaßt. Diese Steuervorschrift führte — das wurde auch vorhin schon dargelegt — zu Kapriolen, daß der gerade noch einmal am Sozialamt vorbeigekommene Herr F. über eine Milliarde DM Steuern sparen konnte, obwohl nicht abzusehen ist, daß Herr F. schon in den Ruhestand geht. Nach allem, was man so liest, kann man auch davon ausgehen, daß er anderweitig für sein Alter vorgesorgt hat. Daß dieser Tatbestand ein untragbarer Zustand ist, hat die SPD wohl richtig erkannt. Deswegen begrüßen wir den Antrag in diesem Punkt. Anscheinend haben auch schon einige Damen und Herren im Finanzministerium gemerkt, daß hier Handlungsbedarf besteht, und haben eine neue Regelung in den Referentenentwurf zur Steuerreform eingearbeitet. Dies stößt aber auf erhebliche Kritik seitens der Regierungskoalition, die die Schlupflöcher für die Konzernherren, für Besserverdienende und andere Klientel behalten will, aber schnell bei der Hand ist, wenn es um die Streichung der Steuerfreiheit für Nachtarbeitszuschläge und andere angeblich nicht gerechtfertigte Subventionen für die Arbeitnehmer geht. (Uldall [CDU/CSU]: Nennen Sie doch mal ein paar!) —Diese Punkte werden wir dann bei der Beratung im Ausschuß gerne ansprechen. (Uldall [CDU/CSU]: Nein, jetzt! Wenn es so viele gibt, dann müßten Sie doch eines nen - nen können!) — Es geht hier um den § 34. Wie groß diese Steuerschlupflöcher sind, habe ich ja gerade in einem Beispiel dargelegt, daß z. B. Herr Flick eine Milliarde DM Steuern sparen konnte, obwohl es überhaupt keinen Grund gibt, daß dies steuerpolitisch irgendwie gerechtfertigt ist. Wahrlich ist der Entwurf nach unserer Ansicht nicht das Gelbe vom Ei. Er grenzt zwar die Steuersparmöglichkeiten nach oben ein, bringt aber erhebliche Einbußen für diejenigen, die bei dem § 34 wirklich an ihre Altersvorsorge gedacht haben sollten. Wir wissen nicht, was uns das Kabinett am 22. März empfiehlt, wir aber empfehlen grundsätzlich Freibeträge gekoppelt mit der Altersgrenze, analog z. B. zum § 16 des Einkommensteuergesetzes, ansonsten volle Besteuerung nach dem durchschnittlichen Steuersatz der letzten fünf Jahre und mit Obergrenzen, ab denen die Progressionsbesteuerung einsetzen soll. Zum Schluß möchte ich noch kurz auf den zweiten Punkt in dem Antrag der SPD eingehen, wo eine steuerstundende Investitionsrücklage gefordert wird. Diesen Punkt haben wir ja schon in der Diskussion um das Steuersenkungs-Erweiterungsgesetz gehabt. Eine solche Rücklage würde schätzungsweise Steuerausfälle von 1,2 Milliarden DM im Jahr zur Folge haben. Da ich annehme, daß die SPD davon ausgeht, daß die Unternehmen fortlaufend investieren und somit auch fortlaufend diese Investitionsrücklage gebildet wird, ist dieser Steuerausfall also auf Dauer und wird nicht durch geringere Abschreibungen in den Folgejahren getilgt. Durch eine solche Rücklage würde jegliche Investition gefördert, unabhängig von ihrem Zweck und ihrer Wirkung. Die Höhe des direkt eintretenden Effekts der verringerten Steuerzahlung ist auch für ein Unternehmen von seiner Ertragslage unabhängig, also von seinem Steuersatz. Dies halten wir für falsch. Die GRÜNEN treten statt dessen für eine Konzentrierung aller Förderungsmaßnahmen auf das Ziel, einen ökologischen Umbau der Wirtschaft zu unterstützen, und für gleich hohe Förderung aller Personen und Unternehmen, die sich dem Ziel des ökologischen Umbaus entsprechend verhalten, ein. Wir wollen also keine Steuervergünstigung, sondern direkte Finanzhilf en. Darüber hinaus beinhaltet unser Umbauprogramm in zweifacher Hinsicht günstige Aussichten für kleine und mittlere Betriebe, erstens auf der Subventionsseite, indem wir umweltverträgliche Produktionsumstellungsinvestitionen durch Finanzhilfen aus dem Aufkommen z. B. von Umweltabgaben fördern wollen, und zweitens auf der Nachfrageseite, indem die vorgeschlagenen Umbaumaßnahmen einen beträchtlichen Auftragsschub für Handwerk und Gewerbebetriebe auslösen würden, und zwar sowohl durch öffentliche Aufträge als auch durch private Aufträge, die durch Fördermaßnahmen und neue Vorschriften veranlaßt werden, z. B. im Energiesparbereich, im Verkehrsbereich, in der Kanalisation und in anderen öffentlich notwendigen umweltpolitischen Aufgaben. (Beifall bei den GRÜNEN) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Solms. Dr. Solms (FDP): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Mit diesem Antrag setzt die SPD-Fraktion ihre Kette unseriöser Argumente in der Steuerpolitik fort. Dies ist ganz eindeutig nachzuweisen. Etwa vor einem Jahr stellte die Bundesregierung den zweiten und dritten Teil ihres Gesamtkonzeptes der Steuerreform mit enormen Steuerentlastungen für die Wirtschaft, für die Arbeitnehmer und für die breite Masse der Steuerpflichtigen vor. Bis heute, ein Jahr später, hat die SPD kein Gegenkonzept und kein Alternativmodell der Öffentlichkeit vorgestellt. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Ganz im Gegenteil: Sie nutzt das Konzept der Bundesregierung und der Koalition, um Einzelpunkte herauszugreifen und Gegenvorschläge zu machen bzw. diese zu kritisieren, ohne daß ein Konzept im Gesamtzusammenhang deutlich wird. So geht das nicht, meine Damen und Herren, das ist unseriös. Sie müssen schon mit einem Gegenvorschlag kommen. Mit diesem Antrag nun — und das überrascht auch schon nicht mehr — macht sich die SPD zum Verteidiger der mittelständischen Wirtschaft. (Poß [SPD]: Zu Recht!) Dem Antrag könnte man, zumindest in einzelnen Teilen, durchaus Sympathie abgewinnen, wenn man nicht wüßte, daß mit anderen Anträgen der SPD genau das Gegenteil bewirkt werden soll. Da müssen wir uns also schon mit den Einzelheiten beschäftigen. Die steuerfreie Investitionsrücklage ist ja nun ein alter Hut und in diesem Hause vielfach diskutiert worden. Die klein- und mittelständische Wirtschaft braucht aber dauerhafte, endgültige, frei verfügbare Steuersenkungen; sie braucht keine Steuerstundung. Dieser Vorschlag der Investitionsrücklage hat ja nur steuerstundenden Charakter. Denn erst durch Steuersenkungen können die kleinen Unternehmen ihren Kapitalstock aufbauen und in Forschung und Entwicklung und in neue Arbeitsplätze investieren. Deswegen müssen die Steuern gesenkt werden und dürfen nicht nur verliehen werden. Schließlich zu der Argumentation zu § 34: Ich kann dem, was in dem Antrag steht, durchaus zustimmen. Wenn ich aber sehe, wie das in der Öffentlichkeit argumentativ verwertet wird, beispielsweise Herr Poß, durch Ihre Presseerklärung vom Januar, (Poß [SPD]: Die war gut, nicht?) dann stelle ich fest, daß Sie genau das Gegenteil wollen. Sie werfen der Koalitionsregierung vor, sie wolle gerade die Milliardäre und Besitzer von Großvermögen schützen. Aus dem Konzept der Regierung geht jedoch genau das Gegenteil hervor. (Poß [SPD]: Es gibt doch noch kein Konzept der Regierung! Das Kabinett hat noch nicht beschlossen!) Man will diejenigen, die in einem langen Arbeitsleben im Betrieb gespart und stille Reserven aufgebaut haben, nicht in einem einzigen Augenblick einer vollen Besteuerung mit dem Spitzensteuersatz unterwerfen. (Poß [SPD]: Richtig!) Das ist auch richtig. Welche Auswirkungen das haben könnte, will ich an einem Beispiel klarmachen: Bei einem Handelsbetrieb in der Innenstadtlage mit einem Betriebsgrundstück muß der Betriebsinhaber aus Altersgründen aufhören. Er hat keinen Nachfolger. Wenn er diesen Betrieb verpachtet, muß er die Aufdeckung der stillen Reserven versteuern, und zwar nach Ihren Vorschlägen zum vollen Steuersatz. Wenn Sie davon ausgehen, daß der Einheitswert des Betriebsgebäudes bei nur 100 000 DM liegt, der Verkehrswert aber bei 2,1 Millionen DM, muß er also einen Gewinn von 2 Millionen DM versteuern, ohne daß ihm ein Pfennig zufließt. Das heißt, er muß rund gerechnet 1 Million DM Steuern zahlen, er hat aber überhaupt keinen Ertrag. Er muß das Geld aufnehmen, um die Steuern zahlen zu können. Wenn er seinen Betrieb verpachtet, bekommt er im Monat vielleicht 5 000 DM Pacht. Davon kann er nicht einmal die Zinsen zahlen, um die Steuern finanzieren zu können. Solch unsinnige Auswirkungen kann dies haben. Deswegen war die Einführung des § 34 durchaus sinnvoll, nämlich in solchen Fällen die Steuerlast auf die Hälfte des Durchschnittssteuersatzes zu begrenzen. (Beifall bei der CDU/CSU) Wir schlagen deshalb vor, daß man die Großfälle in den Griff kriegen muß. Der Fall Flick-Alma und der Fall Massa waren vom Gesetzgeber natürlich niemals bedacht worden, als man diese Regelung eingeführt hat. Übrigens hat diese Regelung — sie ist seit 1965 im Gesetz — bei allen möglichen Koalitionskonstellationen, die wir zwischenzeitlich hatten, immer Bestand gehabt. Das ist also im Grundansatz sinnvoll; (Zuruf von der SPD: Das haben wir ja nicht bestritten!) wir sollten dieses so fortsetzen. Die FDP schlägt vor — etwa wie Herr Uldall gesagt hat — , daß man eine großzügige Freibetragsregelung im Entwurf einsetzt. Der gegenwärtige Ansatz im Referentenentwurf ist nach Meinung der FDP ungenügend. (Glos [CDU/CSU]: Auch nach unserer Mei - nung!) Er geht nämlich davon aus, daß die grundsätzliche Achtelung der außerordentlichen Einkünfte und die anschließende Verachtfachung der hierauf entfallenden Einkommensteuer vorgenommen wird. Dies scheint uns zu eng. Die Lösung würde zu einer unangemessenen und überhöhten Besteuerung bei den Handelsvertretern, bei den Freiberuflern, bei den kleinen Gewerbetreibenden und natürlich auch bei den Arbeitnehmern, die eine Entschädigungszahlung beim Ausscheiden aus dem Betrieb erhalten, führen. Dies würde insbesondere auch den Strukturwandel erschweren, weil viele Unternehmen wegen der drohenden hohen Besteuerung die Veräußerung oder die Aufgabe des Betriebs hinauszögern würden. Ein Unternehmer, der im Bereich der Vermittlung von Unternehmensanteilen und Unternehmen tätig ist, hat mir gesagt: Die Alternative besteht bei solchen Unternehmen mittelfristig zwischen Veräußerung oder Konkurs. Wir wollen die Veräußerungen, wir wollen den Strukturwandel erleichtern. Deswegen, so sagt die FDP, sollten die Personengruppen, die hier geschildert worden sind, durch eine sehr großzügige Freibetragsregelung mit einem stufenweisen Übergang bis hin zur vollen Besteuerung entlastet werden. Veräußerungsgewinne in Höhe von etwa 2 Millionen DM sollten wie bisher mit dem hälftigen Durchschnittssteuersatz behandelt werden. Veräußerungsgewinne, die, sagen wir einmal: 10 Millionen DM oder mehr betragen, sollten dann voll mit dem Spitzensteuersatz belastet werden. Dann hätten wir das strukturpolitische Problem im G riff, würden aber die großen Ausreißer, die geschildert worden sind, einfangen. Vielen Dank. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Fell. Dr. Fell (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zunächst bei der Bernerkung von Herrn Kollegen Solms zu den Wirkungen des § 34 und den Überlegungen anknüpfen: Wir stimmen doch völlig überein. Es gibt keine großen, wesentlichen Unterschiede zwischen der FDP und der CDU/CSU. Auch wir sind der Meinung, die großen Ausreißer waren nie diejenigen, die bedacht werden sollten, sondern es ging um die mittelständischen Unternehmen, um deren Situation und darum, die in dieser Situation ausscheidenden Betriebsinhaber zu unterstützen. Denen zu helfen war und ist unser Ziel. Das werden wir in der Zukunft auch verwirklichen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Zweitens zur Investitionsrücklage. Auch da hat Herr Solms den entscheidenden Gesichtspunkt dankenswerterweise schon genannt. Ihre Überlegung mit der Investitionsrücklage führt zu einem Steuerausfall, führt zu einer Begünstigung bestimmter Investitionen, führt aber nicht zu dem, was wir mit der Steuerreform, speziell mit der Tarifreform, erreichen wollen: Eigenkapitalbildung in der Hand des Unternehmens ohne Investitionszwang in einem ganz bestimmten Zeitraum, ohne Zwang, der möglicherweise sogar reine Mitnahmeeffekte auslöst. Es geht nicht darum, die Investition in dem Zeitpunkt, in dem sie vorgenommen wird, zu begünstigen, sondern darum, Investitionen zu veranlassen, die auf Dauer rentabel sind, die auf Dauer Gewinne bringen, die auf Dauer dem Unternehmer Aktivitäten eröffnen und ermöglichen. Damit helfen wir im übrigen auch dem Arbeitsmarkt am allerbesten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Dann möchte ich mich gerne mit fünf Argumenten kurz auseinandersetzen, Herr Poß, die Sie vorgetragen haben, weil das in dieser Diskussion wohl am deutlichsten macht, wo der Gegensatz zwischen Ihrem eigenen früheren Handeln und Ihrer heutigen Argumentation liegt. Das eine: Sie sprechen von einem mickrigen Wachstum von 1,7 %, das wir gerade noch hätten. Ich darf Sie daran erinnern, daß Sie mit der Wortschöpfung „Minuswachstum" seinerzeit davon abgelenkt haben, daß wir zu Ihrer Regierungszeit nicht nur eine Wachstumssenkung, sondern sogar Wachstumsverluste hatten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zuruf des Abg. Dr. Apel [SPD]) Sie haben ein zweites Argument benutzt. Sie haben nämlich gesagt, die Gewerbesteuerregelung, die wir haben, die Senkungen und Erleichterungen, die wir durchgeführt hätten, nutzten vor allem nur den Großen. Können Sie mir den Widerspruch erklären, der sich daraus ergibt, daß wir heute in allen beteiligten Kreisen nur noch davon sprechen, daß die Gewerbesteuer zu einer Großbetriebsteuer entartet ist, weil gerade die kleinen und mittleren Betriebe durch die Freibeträge, durch die Sonderregelungen herausgenommen worden sind? (Poß [SPD]: Ich habe von den Hinzurechnun - gen in 1983 gesprochen! Sie müssen das ganz konkret sagen!) — Sie dürfen nur nicht punktuell argumentieren, wenn es um eine gesamtwirtschaftliche Linie geht. Sie dürfen sich da nicht auf einen Punkt beschränken, sondern müssen auch die Gesamtentwicklung einbeziehen. Das dritte Argument, das Sie verwandt haben, war, die Senkung des Spitzensteuersatzes nutze den kleinen und mittleren Bet rieben nichts. Sie haben natürlich fleißig daran vorbeiargumentiert, daß gerade die Tarifreform, gerade die Absenkung im mittleren Bereich für die mittleren und kleineren Bet riebe den entscheidenden Vorteil, die entscheidende Entlastung in die Zukunft hinein bringt. Mit Ihrer Argumentation über den Spitzensteuersatz lenken Sie nur von dem ab, was wir mit der Steuerreform gerade für die kleineren und mittleren Unternehmen erreichen wollen und übrigens auch erreichen werden. Das vierte Argument war, Sie befürchteten eine Flucht in Finanzanlagen, Herr Poß. Es hat aber doch nie eine größere Flucht in Finanzanlagen gegeben als während Ihrer Regierungszeit. Damals war die Rendite in Finanzanlagen allemal höher als jede Investitionsrendite, die im Unternehmensbereich erzielt werden konnte. (Beifall bei der CDU/CSU) Meine Damen und Herren, lassen Sie mich das deshalb dahin zusammenfassen: Wir wollen mit unserer Steuerreform Steuersenkungen und langfristig für die mittleren und kleineren Unternehmen verfügbares Kapital schaffen, Eigenkapital, das nicht nur eine vorübergehende Steuerstundung zu Folge hat, sondern das langfristig Eigenkapitalbildung ermöglicht und damit größere Bewegungsfreiheit im Interesse der Arbeitnehmer, im Interesse der Wirtschaft und damit auch im Interesse des Fiskus bringt. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr Abgeordneter Kastning. Kastning (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir sind uns ja wohl darin einig, daß die Leistungen der kleinen und mittleren Unternehmen für unsere Versorgung mit Waren und Dienstleistungen, für die Erschließung von Zukunftsmärkten, für Wettbewerb und vor allem für die berufliche Ausbildung und für den Arbeitsmarkt unverzichtbar sind. Sie stellen zwei Drittel aller Arbeitsplätze, und über 80 % der Menschen werden in diesem Bereich ausgebildet. (Sehr richtig! bei der SPD) Herr Uldall, wenn Sie vorhin sagten, die SPD rede am Thema vorbei, so habe ich den Eindruck: Wer das Thema nicht erkannt hat, sollte sich eine solche Bemerkung nicht erlauben. (Beifall bei der SPD) Sie haben z. B. nicht erkannt, daß meine Partei mit der Ausbildungsabgabe gerade den Mittelstand, der mehr ausbildet, als er eigentlich könnte, entlasten und die Kosten zu den Großbetrieben verlagern will, die nicht entsprechend ausbilden. Thema nicht erkannt, kann ich hier nur sagen. (Beifall bei der SPD — Widerspruch bei der CDU/CSU) Meine Damen und Herren, in diesem Bereich haben in den letzten Jahren auch mehr als 600 000 Menschen einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Wir wissen, daß dieser Bereich — darüber brauchen wir uns doch gar nicht zu streiten — (Zuruf von der CDU/CSU: Gelber Punkt!) mit seiner innovativen Kraft und Anpassungsfähigkeit zum Strukturwandel und auch, wie wir meinen, zur ökologischen Erneuerung unserer Volkswirtschaft beiträgt. Daß die kleinen und mittleren Unternehmen diese ihre Aufgaben nur erfüllen können, wenn sie in der Lage sind, Investitionen zu tätigen, ist doch wohl auch kein Geheimnis. Viele dieser Unternehmen stehen dem Problem gegenüber, daß ihr Investitionsbedarf und ihre Gewinne stark schwanken und auch zeitlich auseinanderfallen. Hier liegen ihre Sorgen, hier liegt auch ihre Benachteiligung gegenüber den Großunternehmen, denen in der Regel eine bessere Planung möglich ist. Zur Verstärkung dieser Investitionsfähigkeit haben wir hier unseren Antrag vorgelegt. Meine Damen und Herren, dieser Vorschlag trägt der Tatsache Rechnung, daß viele kleine und mittlere Unternehmen nicht jedes Jahr Investitionen tätigen, sondern oft gezwungen sind, die dafür notwendigen Mittel über Jahre hinweg im Betrieb anzusparen. Das ist eben nach geltendem Recht nur aus dem versteuerten Gewinn möglich. Der Ansparvorgang wird aber doch wohl entscheidend verkürzt, wenn man die für Investitionen zu verwendenden Gewinnanteile durch Einstellung in diese Rücklage zumindest teilweise steuerfrei stellt. Ich denke, damit wird gleichzeitig die Eigenkapitalbildung verbessert. Damit wächst auch der Spielraum für die Aufnahme von Fremdkapital, was ja auch eine Investitionsförderung, eine Verbesserung der Möglichkeiten darstellt. Die Unternehmen erhalten die Möglichkeit, Gewinnschwankungen auszugleichen und somit auch zu einer Verstetigung ihrer Steuerbelastung zu kommen. Insgesamt — davon sind wir fest überzeugt — würde unser Vorschlag die kleinen und mittleren Unternehmen gegenüber den Großunternehmen besserstellen und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. (Beifall bei der SPD) Ich denke auch, daß der investitionsfördernde Effekt einer steuerstundenden Investitionsrücklage, Herr Solms, unbestritten sein dürfte. Darauf hat der Sachverständigenrat bereits 1982/83 hingewiesen. Auch das Ifo-Institut kommt in einer Untersuchung zu solchen Schlußfolgerungen. Ich möchte Sie auch darauf hinweisen — schade, daß Herr Hauser nicht hier ist —, (Zuruf von der SPD: Der weiß, warum er hier fehlt!) daß der Zentralverband des Deutschen Handwerks immer wieder betont hat, daß dies aus seiner Sicht eine sehr gute Maßnahme ist. Wir befinden uns in voller Übereinstimmung mit diesem Spitzenverband. (Beifall bei der SPD) Zu einigen Details: Damit die Investitionsrücklage tatsächlich angenommen wird, muß sie so einfach wie möglich ausgestaltet werden. Das ist selbstverständlich. Die Erfahrungen mit der 1983 eingeführten Sonderabschreibung nach § 7 g des Einkommensteuergesetzes zeigen nämlich, daß komplizierte Regelungen für kleinere und mittlere Betriebe mit Schwierigkeiten verbunden sind und der erwünschte Effekt daher häufig ausbleibt. Wir gehen davon aus, daß unser Vorschlag bezüglich der Rücklage von 50 000 DM von seiner Ausstattung her schon auf kleine und mittlere Betriebe ausgerichtet und für Großunternehmen praktisch uninteressant ist. Somit kann auch eine verwaltungsaufwendige Begrenzung auf bestimmte Betriebe unterbleiben. Unser Modell sieht lediglich vor, daß nach Ablauf der Ansparfrist von fünf Jahren Investitionen im Anlagevermögen erfolgen, mit deren Anschaffungskosten dann die Investitionsrücklage verrechnet wird. Erfolgen keine Investitionen, dann ist die Rücklage erfolgswirksam aufzulösen, und die bislang unterbliebene Besteuerung wird nachgeholt. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Anreiz, auch tatsächlich Investitionen zu tätigen. (Zuruf von der FDP: Ob nötig oder nicht!) Meine Damen und Herren, die Entscheidung über unseren Vorschlag duldet unseres Erachtens keinen Aufschub bis zu einer umfassenden Reform der Unternehmensbesteuerung irgendwann in den 90er Jahren, wie Sie sie angekündigt haben, wenn wir in absehbarer Zeit mehr Investitionen im mittelständischen Bereich haben wollen. (Beifall bei der SPD) Daß es sich um eine längst überfällige strukturverbessernde Maßnahme handelt, wird ja wohl auch deutlich in Äußerungen der Kollegen von der CSU aus den vergangenen Jahren und auch von einzelnen Mittelstandspolitikern der CDU. Sie haben zwar in der letzten Periode einen entsprechenden Antrag der SPD abgelehnt, Sie können aber heute und in der letzten Beratung erneut versuchen, sich zu Ihren Worten zu bekennen. (Zuruf des Abg. Gattermann [FDP]) Ich fürchte allerdings, Herr Gattermann, die Kollegen der CDU/CSU werden sich dem Diktat der FDP in bezug auf die Senkung des Einkommensteuerspitzensatzes wiederum unterordnen. Wenn Sie sagen, der Tarif, den Sie vorschlagen, sei nun das A und O, so möchte ich fragen: Wissen Sie eigentlich, wie denn die durchschnittlichen Einkommen im Mittelstandsbereich sind, die zu versteuern sind? Es haben nicht alle die Größenordnung Ihres Unternehmens, Herr Dr. Solms. Ich habe in meinem Wahlkreis weit kleinere, die sich von Ihrem Tarifvorschlag gar nicht so bevorzugt fühlen. Dann möchte ich auch fragen: Warum vergessen Sie die Gegenrechnung? Was ist denn z. B. mit der möglichen Mehrwertsteuererhöhung, mit der angekündigten Mineralölsteuererhöhung? (Zuruf von der SPD: Genau! — Zurufe von der CDU/CSU und der FDP) Treffen die nicht den Mittelstand? Meine Damen und Herren, ich halte es auch für müßig und für wenig hilfreich für den Mittelstand, (Zuruf von der SPD: Im Mai sprechen wir uns wieder!) nun die Abschaffung der Gewerbesteuer zu fordern, wie Herr Bangemann es tut. Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Dr. Solms? Kastning (SPD): Ja, bitte, wenn das nicht allzulange dauert. Präsident Dr. Jenninger: Das hängt auch von Ihrer Antwort ab. — Bitte sehr, Herr Abgeordneter. Dr. Solms (FDP) : Herr Kollege Kastning, würden Sie mir zustimmen, daß nach dem Tarifreformentwurf der Bundesregierung gerade die kleineren Unternehmen den höchsten Steuervorteil, nämlich die höchste Steuerentlastung, zu erwarten haben und nicht die großen Unternehmen? Kastning (SPD): Herr Dr. Solms, erstens machen Sie immer eine Prozentrechnung, wie auch der Herr Finanzminister; die sagt nichts über die realen Beträge aus. Zweitens gehe ich davon aus, daß die Einkommen der kleinen Bet riebe im Bereich der des Facharbeiters liegen, und Sie vergessen immer — ich sagte es vorhin schon einmal — die Gegenrechnung dessen, was wieder in die Staatskassen hereingeholt werden muß. Das schlägt ja auch irgendwo zu Buche. Machen Sie bitte eine Nettorechnung unter dem Strich; dann kommen Sie zu etwas anderen Schlüssen, als sie draußen immer propagiert werden. (Beifall bei der SPD) Präsident Dr. Jenninger: Gestatten Sie eine weitere Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Faltlhauser? Kastning (SPD): Ich spreche hier das erste Mal zu einem Fachbereich, in dem ich erst seit kurzem tätig bin. Geben Sie mir die Chance, daß ich in einem Zusammenhang reden darf. Ich bitte um Verständnis. Ich bin bisher in einem anderen Fachbereich zu Hause gewesen. Meine Damen und Herren, ich möchte daran erinnern, daß die sozialdemokratisch geführte Bundesregierung eine Reihe von Änderungen bei der Gewerbesteuer durchgeführt hat — nämlich im Freibetragsbereich — , so daß heute weit mehr als die Hälfte aller Betriebe keine Gewerbesteuer und fast 80 % — ich glaube, es sind so viele — keine Gewerbekapitalsteuer zahlen. Ich finde, solch eine wichtige mittelstandspolitische Entscheidung sollte man in der heutigen Zeit nicht ganz vergessen. Ich denke, daß vor diesem Hintergrund auch die Forderung von Herrn Bangemann, die Gewerbesteuer abzuschaffen und durch andere Steuern zu ersetzen, nicht gerade mittelstandsfreundlich ist. (Zuruf von der SPD: Sehr wahr!) Wenn die Gewerbesteuer nämlich durch eine Mehrwertsteuererhöhung ersetzt werden soll, würden dadurch die exportorientierten Großunternehmen bevorzugt, denn bekanntlich — das wissen Sie alle — wird die Mehrwertsteuer beim Export zurückgezahlt, während die kleinen und mittleren Unternehmen in Handel und Handwerk belastet werden, weil sie die Mehrwertsteuererhöhung vielfach nicht im Preis überwälzen können. Ich bitte Sie, sprechen Sie da auch einmal mit den Vertretern des Handwerks. Sie werden dort die gleichen Auffassungen vorfinden. Meine Damen und Herren, aber auch der Ersatz der Gewerbesteuer durch eine Erhöhung der Lohn- und Einkommensteuer würde neben Arbeitnehmern vor allem die Einzelunternehmen als Einkommensteuerzahler wieder kräftig zur Kasse bitten. Das müssen Sie ja wohl auch durchgerechnet haben — ich kann es mir nicht anders vorstellen — , und dennoch wird so etwas vorgeschlagen. (Zuruf von der SPD: Bangemann rechnet doch nicht!) Ich denke, solche mittelstandsfeindlichen Maßnahmen können nicht akzeptiert werden. Meine Damen und Herren, es gibt andere Vorschläge als die der FDP, die Gewerbesteuer umzugestalten, sie — wie wir sagen — zu revitalisieren. Sie liegen auf dem Tisch. Nach unserer Auffassung sind sie auch konsensfähig bei den Betroffenen — sowohl bei Teilen der Wirtschaft als auch bei den Kommunen. (Beifall bei der SPD) Wir sind bereit, an einer vernünftigen Reform der Gemeindefinanzen unter Einbeziehung der Gewerbesteuer mitzuwirken, aber wir sind nicht bereit, zu dem ja zu sagen, was hier vor allem aus dem Bereich der FDP immer wieder vorgetragen wird. (Beifall bei der SPD — Kuhlwein [SPD]: Von der Zahnärztepartei!) Präsident Dr. Jenninger: Ich erteile das Wort dem Herrn Bundesminister der Finanzen. Dr. Stoltenberg, Bundesminister der Finanzen: Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der uns vorliegende Antrag der SPD-Fraktion versucht den ganz unzutreffenden Eindruck zu erwecken, die Bundesregierung, die Koalitionsparteien benachteiligten durch ihre Vorschläge zur Steuersenkung und zugleich zu einer Bereinigung des Steuerrechts von Sondertatbeständen und Subventionen den Mittelstand. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kollegen der beiden Koalitionsfraktionen haben dafür schon, wie ich glaube, überzeugende Argumente vorgetragen. Tatsächlich erreichen wir ja mit unserem umfassen - den Konzept der Steuerreform, das wir in drei Schritten in dem Zeitraum von 1986 bis 1990 in Kraft setzen, eine nachhaltige Verbesserung der Investitions - und Wachstumsvoraussetzungen gerade für mittelständische Unternehmen. Wir setzen damit unsere im Herbst 1982 begonnene Politik zur Stärkung des Wettbewerbs und zur Förderung einer gesunderen Unternehmensstruktur fort. Im Gegensatz zu einer von der Sozialdemokratie sonst rein vordergründig geführten Verteilungsdiskussion geht die wirtschaftspolitische Diskussion in den letzten Monaten in Wahrheit in eine andere Richtung. Wir sehen uns zunehmend nicht nur von Wirtschaftsverbänden des Mittelstands, der Industrie, des Handels, sondern auch von Wirtschaftswissenschaftlern mit der kritischen Frage konfrontiert, ob wir für die Stärkung der Investitionsfähigkeit nicht noch mehr hätten tun müssen, ob hier im Grunde nicht noch weitere Spielräume hätten ausgefüllt werden müssen. Das sind Perspektiven auch für die kommende Wahlperiode. Aber wir müssen Schritt für Schritt vorangehen. Jetzt geht es darum, das vereinbarte Konzept mit seinen großen unbestreitbaren Fortschritten für Arbeitnehmer und Mittelstand in ein Bundesgesetz umzusetzen. Wir haben auf diesem Wege auch gerade zur Förderung der Investitionsfähigkeit des Mittelstands seit 1983 erste Schritte getan. Ich erinnere nur an die Verringerung der Gewerbe- und Vermögensteuerbelastung, die Einführung von Sonderabschreibungen für kleinere und mittlere Betriebe nach § 7 g des Einkommensteuergesetzes. Diese Möglichkeit haben wir durch eine Neuregelung, die bereits am 1. Januar in Kraft getreten ist nachhaltig verstärkt. Nachdem die erste Lösung nicht die erhoffte durchschlagende Wirkung hatte, erwarten wir uns von dieser Verstärkung wirklich eine verbesserte Investitionsvoraussetzung gerade für die kleinen Betriebe. Der Begriff „Mittelstand" ist ja etwas unscharf. Die einen denken an die Handwerksbetriebe mit 5 oder 30 Beschäftigten. Dann haben wir den industriellen Mittelstand. Wir reden also über ein sehr breites Spektrum verschiedener wirtschaftlicher Gruppierungen, die aber alle ihre große Bedeutung für unsere Wirtschaftsstruktur und auch für die Beschäftigungspolitik und vor allem für die Ausbildungsleistung in der Bundesrepublik Deutschland haben. Ich erinnere an die Verdoppelung des Höchstbetrages für den Verlustvor - oder -rücktrag nach § 10 d des Einkommensteuergesetzes und schließlich an die erheblich verbesserte Regelung für Abschreibungen bei Wirtschaftsgebäuden, die, wenn man die vorherige Verwaltungspraxis kannte, insbesondere mittelständischen Betrieben überdurchschnittlich zugute kommt. Aber der Kernpunkt ist ja ein ganz anderer. Es ist bezeichnend, daß die Sozialdemokraten ihn in ihrem Antrag ausgeklammert haben. Vor allem die grundlegende Reform des Einkommensteuertarifs, der Abbau der weit überhöhten Grenzbelastungen im Bereich mittlerer Einkommen, wird dafür sorgen, daß wir zu einer wirklich positiven Neuregelung gelangen. Unternehmerische Investitionen, die Bereitschaft, sich den Risiken des Marktes auszusetzen — die in manchen Gruppen unserer Bevölkerung und öffentlichen Meinung schwächer ist als in anderen sehr dynamischen Industrienationen — das alles wird in Zukunft eine wesentlich stärkere finanzielle Anerkennung finden. Vor dem Hintergrund dieser dauerhaften und nachhaltigen Tarifreform sind die Auswirkungen der Bereinigung unseres Steuerrechts von Sondertatbeständen zu gewichten, ist ihre Ausgestaltung zu bewerten. Man muß also, Herr Kollege Poß, Einzelfragen wie gezielte Regelungen für den Mittelstand vom Gesamtkonzept her bewerten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wer die Tarifreform wie Sie ablehnt, kann nicht beanspruchen, mittelstandsfreundliche Steuerpolitik zu gestalten. Präsident Dr. Jenninger: Herr Bundesminister, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Dr. Apel? Dr. Stoltenberg, Bundesminister der Finanzen: Bitte sehr, Herr Kollege Apel. Dr. Apel (SPD): Herr Kollege Stoltenberg, sind Sie mit mir einer Meinung, daß zu dem Gesamtkonzept der Steuerpolitik, über das Sie eben geredet haben, erstens Ihre Ankündigung massiver Verbrauchsteuererhöhungen im nächsten Jahre — das kann den Mittelstand nur treffen — und zweitens die Notwendigkeit gehören, nach 1990 massiv Mehrwertsteuererhöhungen durchzusetzen, um die riesigen Haushaltslöcher, die Sie mit Ihrer Steuerpolitik schlagen, zu schließen? Dr. Stoltenberg, Bundesminister der Finanzen: Herr Kollege Apel, Sie bringen in Frageform Unterstellungen und Spekulationen, die Sie auch in der Öffentlichkeit erheben, die aber nicht mit der Beschlußlage der Bundesregierung übereinstimmen. (Widerspruch bei der SPD) Ich will Sie einmal daran erinnern, daß in Ihrer Regierungszeit die Verbrauchsteuern einschließlich der Mehrwertsteuer um 25 Millarden DM auf Jahresbasis erhöht wurden, (Jahn [Marburg] [SPD]: Antworten!) ohne daß Sie eine grundlegende Steuerreform zustande gebracht hätten. Demgegenüber steht nach den Vereinbarungen der Koalition in Verbindung mit den zusätzlichen Einnahmeverzichten, die wir für die EG leisten, eine Verbrauchsteuererhöhung in der Größenordnung von, wenn wir uns einmal an der Belastung des nächsten Jahres orientieren, etwa 6 Milliarden DM an. Wenn wir die direkten Steuern auf Arbeit und unternehmerische Tätigkeit um 50 Milliarden DM senken, ist dies eine Größenordnung, die überhaupt nicht als eine Gefährdung des vorrangigen Ziels kritisiert werden kann, Arbeit und unternehmerische Tätigkeit im Steuerrecht stärker anzuerkennen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Präsident Dr. Jenninger: Herr Bundesminister, gestatten Sie eine weitere Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Apel? Dr. Stoltenberg, Bundesminister der Finanzen: Nein, ich möchte jetzt fortfahren, Herr Kollege Apel, und werde mich mit Ihnen noch ruhig auseinandersetzen. Wer die große Tarifreform ablehnt, schadet dem Mittelstand, (Beifall bei der CDU/CSU) trägt zu einer nicht vertretbaren Verschärfung der Progessionswirkung für den Mittelstand und die Facharbeiter bei. Das ist das Kennzeichen der sozialdemokratischen Steuerpolitik, der sogenannten Alternativen, die Sie ständig in der Öffentlichkeit vortragen. In der Tat, meine Damen und Herren, wir gehen mit der Steuerreform an eine Generalüberholung des Steuerrechts heran. Das begründet ja auch die Kritik in der öffentlichen Diskussion durch viele Gruppen von Spitzenverbänden der Industrie bis zu Gewerkschaften. Sie alle verteidigen die Privilegien von Minderheiten, die bei einem gerechteren Steuersystem mit einer nachhaltigen Absenkung der Durchschnittsbelastung nicht mehr zu rechtfertigen sind. Sonderregelungen, Steuersubventionen und Schlupflöcher müssen beseitigt werden. Das ist ein Erfordernis der Gerechtigkeit. Im Ergebnis wird natürlich der Abbau von Steuersubventionen und Gestaltungsmöglichkeiten auf Grund der Progressionswirkungen die Bezieher sehr hoher Einkommen unvergleichlich stärker treffen als diejenigen, die ein Durchschnittseinkommen haben. — Das sind alles einfache Wahrheiten, Herr Kollege Apel, die, wenn Sie glaubwürdig argumentieren wollen, endlich auch einmal von Ihnen anerkannt werden sollten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Ich lese, was ich sonst nicht getan habe, im Augenblick gelegentlich auch einmal in der umfangreichen Literatur (Pfuhl [SPD]: Den „Vorwärts"?) —ich habe jetzt nicht an den „Vorwärts" gedacht; das wäre vielleicht eine neue Aufgabe für den „Vorwärts", das in einer Spalte aufzunehmen — , der vielen Informationsdienste und Beratungsdienste für die Vermeidung von Steuern, also für das Ausnutzen von Schlupflöchern. Das ist sehr interessant. — Sie empfehlen in Kenntnis unserer Steuerreformkonzeption ihren Beziehern, die ja hohe Preise bezahlen, folgendes Motto: Verändern Sie Ihre Anlagestrategien. (Dr. Apel [SPD]: Gehen Sie nach Luxem - burg! Dank der Quellensteuer!) —Nein, nein, sie schreiben etwas ganz anderes, Herr Kollege Apel. Sie haben erkannt, daß wir Ungerechtigkeiten zugunsten privilegierter Minderheiten beseitigen, die Sie in Ihrer ganzen Regierungszeit nicht beseitigt haben. Das ist das Ergebnis dieser Literatur. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Dr. Apel [SPD]: Auf nach Luxemburg!) Ich nenne nur einmal einen Punkt, den die fachkundigen Kollegen in Ihrem Kreis ja sehr wohl kennen. (Poß [SPD]: Was am Schluß rauskommt, Herr Stoltenberg! — Dr. Apel [SPD]: Das Schlupf loch Weihnachtsfreibetrag! Wunderbar!) — Bleiben Sie doch einmal bei der Sache, Herr Apel; das würde Ihnen wirklich dienen in einer ernsthaften Debatte. (Dr. Apel [SPD]: Das tue ich ja!) Wenn wir z. B. die Versagung des Verlustabzugs beim Mantelkauf vorsehen, wissen Sie ganz genau, daß wir damit etwas tun, was der Steuergerechtigkeit dient und nicht den vielzitierten Reichen und Cleveren. (Dr. Apel [SPD]: Und die Massen? — Poß [SPD]: Das haben Sie im Kabinett auch noch nicht beschlossen! — Stahl [Kempen] [SPD]: Eine Schwalbe macht noch keinen Som mer!) Ich will jetzt auch etwas zum Thema § 34 Einkommensteuergesetz sagen. Er soll in der Neufassung den Belangen der kleinen und mittleren Unternehmen Rechnung tragen. Wir sind der Meinung, daß hier eine Veränderung notwendig ist. In dem Punkt stimmen wir analytisch überein. Was ich dem Kabinett vorschlagen will, ist in der Grundstruktur folgendes: Wir wollen in Zukunft für außerordentliche Einkünfte bis zu einem Höchstbetrag, den die typischen Veräußerungsgewinne im Mittelstand nicht erreichen, den jetzigen halben durchschnittlichen Steuersatz empfehlen. Wir wollen darüber hinausgehende außerordentliche Einkünfte bis zu einem zweiten Höchstbetrag mit zwei Dritteln des durchschnittlichen Steuersatzes erfassen. Und für die hohen Einkünfte, die typischen Fälle, die uns, die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt haben, sehen wir in Zukunft die volle Besteuerung vor. Es ist ein gerechteres System, das wir verwirklichen. — Sie haben dazu, Herr Apel, 13 Jahre Zeit gehabt. Sie haben es nicht geschafft. Also mäßigen Sie Ihre Kritik in dem Punkt, in dem wir uns in der Sache ja einig sind, etwas. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Das ist nur ein Beispiel dafür, daß wir uns um Steuergerechtigkeit bemühen und daß wir exzessive Nutzung von vorhandenen Schlupflöchern durch Milliardäre oder Besitzer großer Vermögen beseitigen wollen. Das ist ein Kernstück unserer Steuerreform, im Gegensatz zu dem, was Sie den Leuten erzählen wollen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Poß [SPD]: Tun Sie doch nicht so, als seien Sie in den 70er Jahren dafür gewesen!) Demgegenüber ist die steuerstundende Investitionsrücklage nach einer intensiven Diskussion der letzten Jahre nicht in unser Konzept aufgenommen worden. Sie kennen die Argumente und Gegenargumente. Es geht vor allem darum, die am Markt erfolgreiche Investition zu honorieren. Es ist besser für die Steuerpflichtigen, wenn ihr verfügbares Einkommen größer wird, über das sie in eigener Verantwortung entscheiden können, als daß wir durch Spezialregelungen eine subtile Form der Investitionslenkung herbeiführen. Das ist meine Überzeugung. Wir wollen nicht so stark in die Dispositionsfähigkeit der Unternehmen eingreifen. Meine Damen und Herren, lassen Sie mich hier noch einen Punkt kurz einbringen: Es ist wirklich hilfreich, wenn wir uns einmal in der deutschen Öffentlichkeit und im Parlament den Entscheidungen wichtiger Partner zuwenden. In den letzten Tagen hat nach langen Auseinandersetzungen die Große Koalition in Österreich zwischen Sozialistischer Partei und Volkspartei ihr Konzept für die Steuerreform vereinbart. Es gibt ein großes Maß an Übereinstimmung mit dem, was wir uns vorgenommen haben. (Dr. Faltlhauser [CDU/CSU]: Genosse Vranitzky!) Unter einem sozialistischen Bundeskanzler Franz Vranitzky, den ich aus seiner früheren Tätigkeit als Finanzminister sehr gut kenne, und unter einem sozialistischen Finanzminister Lacina wird folgendes Konzept verwirklicht: Erstens: Tarifreform, Senkung des Tarifsatzes von 10 % im Eingangssteuersatz und auf 50 % im Spitzensteuersatz. Der Spitzensteuersatz in Österreich geht von 62 % auf 50 % zurück. Warum? Weil zur selben Zeit die Erweiterung der Bemessungsgrundlage mit größter Konsequenz vollzogen wird, weil Österreich in der Beseitigung von Ausnahmetatbeständen und Steuersubventionen und Sonderregelungen für Minderheiten mindestens so weit geht wie wir, und das ist sehr zu begrüßen. Zweitens: die Zurückführung von Sonderregelungen für Investitionsanreize. Das, was Sie uns empfehlen, wird in Österreich drastisch zurückgeführt. Drittens: die Einführung einer kleinen Kapitalertragsteuer. Ich habe das alles mit großem Interesse verfolgt nach manchen Debatten hier bei uns. Das ist dem sehr nahe, was wir in den letzten Monaten beschlossen haben. Die Ausnahme in Österreich entspricht etwa dem, was wir mit der Ausnahme für Sparbücher mit gesetzlicher Kündigungsfrist vorgesehen haben. Es ist zu 80 % das Modell, das wir in der Bundesrepublik Deutschland verwirklichen. Schließlich erhöhen die Österreicher, weil sie in einer schlechteren Haushaltssituation als wir sind, in Verbindung mit dieser Steuerreform spürbar einige Verbrauchsteuern. Wir tun das nicht in Verbindung mit der Steuerreform, wir müssen es in Verbindung mit der EG tun. (Zurufe von der SPD) Herr Apel hat uns ja nun mittlerweile verlassen. (Zurufe von der SPD) — Es ist wirklich nur eine freundlich gemeinte Geste. —Herr Poß, es sollte Sie doch wirk lich einmal nachdenklich stimmen, daß in diesem benachbarten, mit uns so eng verbundenen Land unter entscheidender sozialistischer Beteiligung in der Regierung eine Steuerreform verwirklicht wird — beginnend mit der Senkung des Spitzensteuersatzes, der Erweiterung der Bemessungsgrundlage, mit dem Abbau von Sonderregelungen, der Einführung einer kleinen Kapitalertragsteuer — , die in allen entscheidenden Punkten mit dem übereinstimmt, was wir in der Bundesrepublik Deutschland jetzt verwirklichen wollen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Sie müssen doch einmal Ihre Argumente überprüfen, (Poß [SPD]: Das tun wir ständig!) wenn Sie die internationale Steuerentwicklung — von den Vereinigten Staaten bis Österreich — sehen. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Wir werden nach den Kabinettsbeschlüssen am 22. März in Kürze Gelegenheit zu einer großen steuerpolitischen Diskussion haben. Ich lade Sie alle ein, konstruktiv daran mitzuarbeiten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Präsident Dr. Jenninger: Meine Damen und Herren, ich schließe die Aussprache über diesen Tagesordnungspunkt. Der Ältestenrat schlägt vor, den Antrag der Fraktion der SPD an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu überweisen. Sind Sie damit einverstanden? — Dann ist die Überweisung so beschlossen. Ich rufe Punkt 3 der Tagesordnung auf: Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau Flinner, Kreuzeder und der Fraktion DIE GRÜNEN Keine Flächen- und Betriebsstillegungen, sondern Überschußbeseitigung und ökologische Intensivierung der Landbewirtschaftung — Drucksache 11/913 — Überweisungsvorschlag des Ältestenrates: Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (federführend) Finanzausschuß Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Im Ältestenrat ist für die Beratung ein Beitrag bis zu zehn Minuten für jede Fraktion vereinbart worden. — Sie stimmen dem zu. Ich sehe keinen Widerspruch. Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Herr Abgeordneter Kreuzeder. Kreuzeder (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es ist natürlich ein Glück für mich als Bauer, daß ich im Jahre 1988 noch die Chance habe, im Parlament über Landwirtschaft zu sprechen. Denn wenn in der EG noch öfter solche Beschlüsse gefaßt werden, dann wird es in diesem Parlament in absehbarer Zeit über Landwirtschaft nichts mehr zu verhandeln geben. Die neuen EG-Beschlüsse verdanken wir vor allem der Bundesregierung. (Dr. Knabe [GRÜNE]: Ja!) Die Stillegung von Teilflächen oder ganzer Bet riebe und der Vorruhestand wurden in Brüssel ausschließlich von Kohl und Kiechle durchgedrückt und sollen nun als Programm zur Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft verkauft werden. Mit unwahrscheinlichem Einsatz wurde anderen Mitgliedstaaten der EG klargemacht, daß die beste Maßnahme zur Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft die Stillegung derselben ist. (Dr. Knabe [GRÜNE]: Allerdings!) Für die Vernichtung von bäuerlichen Existenzen hatte die Regierung in diesem Jahr schon 4 Milliarden DM übrig — also nicht etwa zur Erhaltung, sondern zu deren Vernichtung. Die zwei grundlegenden Probleme, die man in der Agrarpolitik hat, nämlich Überschußbeseitigung und die Einwirkungen der agrarindustriellen Landwirtschaft auf die Ökologie und auf die Natur, werden mit dem Programm Flächenstillegung ganz bestimmt nicht beseitigt. (Eigen [CDU/CSU]: Aber verbessert! — Widerspruch bei den GRÜNEN) — Auch nicht verbessert. (Eigen [CDU/CSU]: Doch!) — Nein. Herr Eigen, in Wirklichkeit wird etwas ganz anderes passieren: Die Überschüsse werden durch Flächen- und Betriebsstillegungen nicht verringert, sondern ganz im Gegenteil — die niedersächsische Grünbrache hat uns das bewiesen — : 98 % der stillgelegten Flächen waren ertragsschwache Gebiete. Auf den intensiven Standorten jedoch, so sagt es uns der Agrarbericht, war die Produktionssteigerung wieder 1,9 %. Das heißt — und da zitiere ich einmal den Professor Dambroth, der dazu etwas gesagt hat —: Durch die Intensitätssteigerung auf den übrigen Flächen werden die anfänglichen marktentlastenden Effekte wieder ausgeglichen, wie es das Beispiel in den USA schon gezeigt hat. Die Folge wird sein, daß in 5 Jahren bereits 30 % der Fläche stillgelegt werden müßte, um überhaupt noch eine Marktentlastung zu erzielen. (Eigen [CDU/CSU]: Da kommen doch die nachwachsenden Rohstoffe wieder! — La - chen und Widerspruch bei den GRÜNEN) Das bedeutet, daß die Marktordnungskosten und die Überschußkosten durch dieses Programm nicht gesenkt werden. Und wenn unser Herr Minister Kiechle gar erwartet, daß die anderen Mitgliedstaaten dasselbe durchziehen werden, dann möchte ich nur einmal an die Milchkontingentierung erinnern, an das, was uns da passiert ist. Holland wird — das haben wir ja im Ausschuß das letzte Mal von der holländischen Delegation gehört — keinen Quadratmeter Fläche stillegen. Holland ist zur Zeit dabei, in Spanien Agrarflächen aufzukaufen. Und was passiert dann? (Zurufe von der CDU/CSU und der FDP) — Ja, was passiert dann? Die Preise werden weiter fallen, in der Bundesrepublik werden noch mehr Betriebe zum Aufhören gezwungen. Wir werden noch mehr Arbeitslose haben, von denen der Herr Staatssekretär Eisenkrämer in Wiesbaden auf einer DLG- Versammlung sagt: Es ist eigentlich gar nicht tragisch, wenn wir pro Landkreis ein Dutzend neuer Arbeitsloser aus der Landwirtschaft haben. Daß es auch anders möglich wäre, das Schlagwort vom Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft mit Leben zu erfüllen, zeigt uns Dänemark. Dänemark wird in den nächsten 5 Jahren 10 % seiner Fläche mit staatlicher Unterstützung auf biologischen Landbau umstellen. Wie wichtig und wie sinnvoll das auch bei uns wäre, zeigt unsere Natur. Da ist der Artenschwund zu beklagen. Für zwei Drittel der vom Aussterben bedrohten Pflanzen- und Tierarten sind inzwischen Bauer und Bäuerin zuständig, weil sie mit Ihrer Politik in die Misere hineingetrieben werden, immer mehr Umwelt, Natur zu vernichten. Die Bodenerosion hat — das ist sogar in dem Gutachten der Bundesregierung gesagt — ungeahnte Ausmaße angenommen, speziell beim Hopfen und beim Zuckerrübenbau. Was uns die meisten Probleme bereitet — vor allem Ihnen — , sind die Agrargifte im Grundwasser, das eine unserer Lebensgrundlagen ist. Herr Späth wird am 20. März 1988 seine Rechnung für seinen Wasserpfennig kriegen. Da können Sie sicher sein. (Zuruf von der CDU/CSU: Eine solide abso lute Mehrheit wird er kriegen!) — Wer's glaubt, wird selig. (Zuruf von der FDP: Dann macht er eine Koalition mit euch!) Es ist natürlich ganz klar, daß das in Ihren Überlegungen keine Rolle spielt; denn Sie wollen ja ganz etwas anderes. (Eigen [CDU/CSU]: Was wollen wir denn?) Das beste Beispiel sitzt auf der Regierungsbank: Herr von Geldern. Herr von Geldern sagt, er wolle ein neues Bild vom Bauern: nicht mehr den traditionellen Nahrungsmittelproduzenten, sondern den Bauern, der allen technischen und ökonomischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sei. Das heißt ganz klar — deswegen ist ja im Landwirtschaftsministerium die neue Abteilung für Bio- und Gentechnologie eingerichtet worden — , Sie wollen den Bauern, der mit genmanipulierten Pflanzen und hormonbehandelten Tieren agrarindustrielle Rohstoffe produziert. Sie wollen die neue Leibeigenschaft, nichts anderes wollen Sie. (Eigen [CDU/CSU]: Das wollen wir nicht! Sie sagen die glatte Unwahrheit!) — Herr Eigen, Sie sprechen von der Unwahrheit. Immer mehr Bauern glauben uns, den GRÜNEN, und immer weniger Ihnen. (Beifall bei den GRÜNEN — Eigen [CDU/ CSU]: Das glaube ich nicht!) Von den GRÜNEN werden dieses Flächenstillegungsprogramm und der Vorruhestand, die Frührente als ein Herauskaufprogramm — nichts andereres ist es — , abgelehnt. Was wir wollen, ist die flächendekkende Verringerung der Intensität von Agrargiften. (Beifall bei den GRÜNEN) Wir wollen durch gezielte Förderung den biologischen Landbau erreichen, wie ihn Dänemark vorschlägt und durchführen wird. Ich weiß ja, daß Sie vom biologischen Landbau nichts halten. Sie sind eben nicht anders ausgebildet worden. Die Ausbildung hat sich inzwischen verbessert. (Heiterkeit und Beifall bei den GRÜNEN und bei Abgeordneten der SPD) Statt Flächenstillegung z. B. eine Leguminosengrünbrache; Beimischungszwang, und zwar 50 % von einheimischen Getreidemitteln in die Futtermittel; (Eigen [CDU/CSU]: Einverstanden!) Einbeziehung der Substitute in die Getreidemarktordnung. (Eigen [CDU/CSU]: Einverstanden!) — Einverstanden? Warum haben Sie das denn letztes Mal im Ausschuß abgelehnt? (Eigen [CDU/CSU]: Haben wir nicht!) — Sicher haben Sie das abgelehnt. Sie haben gesagt, die EG müsse das machen. Herr Andriessen sagt, er könne sich gegen deutsche Agrarpolitiker nicht durchsetzen. Erzählen Sie den Bauern doch nicht immer etwas von dem katastrophalen Kreislauf, sondern geben Sie endlich zu, daß Sie ein Vertreter der Großgrundbesitzer sind so wir der Mann hinter Ihnen. (Heiterkeit und Beifall hei den GRÜNEN und bei Abgeordneten der SPD) Wir sind für die Einführung der gestaffelten Preise und fordern für eine sinnvolle Grundmenge der Produktion ein Einkommen, damit die bäuerlichen Existenzen, die jetzt noch vorhanden sind, alle erhalten werden; denn ihre Arbeit ist für uns sinnvolle Arbeit. Was die Bundesregierung zur Zeit fördert, wissen wir ja — vorgestern stand es in der Zeitung — : 20 Milliarden DM für den neuen Jäger 90. Dafür ist Geld in Massen vorhanden, aber für die Erhaltung von 15-ha-Betrieben ist, Herr von Geldern, anscheinend nichts übrig. Nicht zuletzt brauchen wir Bestandsobergrenzen mit Flächenbindung der Produktion. Alle Parteien in diesem Haus fordern das seit Jahren. Nur, wenn DIE GRÜNEN den Antrag stellen — wir haben ihn diese Woche wieder eingebracht —, wird er von allen anderen Parteien leider abgelehnt. Sie sollten den bäuerlichen Familien einmal mitteilen, daß in ihrem Haus oft nur eine Täuschung der Bevölkerung versucht wird. (Beifall bei den GRÜNEN) An sich habe ich nichts gegen die Begriffe Stillegung und Vorruhestand, wenn Sie sie auf die Regierungsbank beziehen. Wenn die Regierungsbank stillgelegt und Herr Kiechle in den Vorruhestand geschickt wird, bin ich einverstanden. Danke schön. (Heiterkeit und Beifall bei den GRÜNEN und bei Abgeordneten der SPD) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Abgeordnete Michels. Michels (CDU/CSU): Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Kreuzeder, Agrarpolitik und Verteidigungspolitik aus ideologischer Sicht anzugehen wird nie zum Erfolg führen. Man sollte an die Probleme sachlich herangehen, und so will ich es auch tun. (Kreuzeder [GRÜNE]: Das eine bedeutet Le - ben, das zweite bedeutet Tod! Das ist der Zusammenhang!) Vom Treffen der Umweltminister auf EG-Ebene zurückgekommen, schreibt Bundesumweltminister Dr. Töpfer: Erfolgreiche Umweltpolitik kann nur in Zusammenarbeit mit den Landwirten betrieben werden. Die Beschlüsse des europäischen Gipfels vom 12. Februar dieses Jahres geben eine besondere Chance, die Ziele der Umweltpolitik in der Agrarpolitik zu verwirklichen. (Frau Flinner [GRÜNE]: Papier ist gedul dig!) Er schreibt weiter: Besondere Leistungen wie auch Produktivitätseinschränkungen der Land- und Forstwirtschaft zugunsten des Umwelt- und Naturschutzes sind angemessen zu honorieren, wie bereits auf dem EG-Gipfel beschlossen wurde. In der Tat, dies ist unsere Linie: europaweites Herangehen an diese wichtige Aufgabe, noch stärkere Berücksichtigung der natürlichen Belange von Mensch, Tier und Pflanze, eben unseres Lebensraums. Mit Sicherheit wird es — ich sage das in aller Deutlichkeit — in Zukunft mehr Flächen geben, die nicht mehr für die Produktion von Lebensmitteln genutzt werden. Hier bietet sich uns die große Chance, auch gezielt solche Flächen aus der Produktion zu nehmen, um somit in ökologisch besonders wertvollen Gebieten eventuell sogar zu einer Vernetzung von Teilflächen zu gelangen. (Sehr gut! bei der CDU/CSU) Eine Raumordnung ist gefragt, die auf Veränderung in der Landwirtschaft Bezug nimmt. Freiwerdende Flächen bieten sich an, in das Freizeit- und Erholungsangebot des ländlichen Raumes einbezogen zu werden. (Frau Rust [GRÜNE]: Golfplätze? Oder was?) Ich bin der Meinung, daß die Förderung des ländlichen Raums identisch sein muß mit der Entwicklung und Förderung solcher Verarbeitungsverfahren, die auf der Basis agrarischer Rohstoffe zu entwickeln sind. Zum Beispiel könnte ein Großteil unseres Verpakkungsmaterials aus Stärke hergestellt werden. (Beifall des Abg. Eigen [CDU/CSU]) Damit würden wir gleichzeitig eine Umwidmung der Flächennutzung und eine Entlastung bei der Müllbeseitigung erreichen. (Dr. Knabe [GRÜNE]: Weniger Verpackung brauchen wir!) — Ja, so ist's recht. (Frau Adler [SPD]: Dann stimmen Sie doch unserem Antrag zu!) Wer heute darüber klagt, daß in der Vergangenheit auch ökologisch besonders wichtige Flächen unter den Pflug genommen worden sind, der soll sich doch bitte einmal daran erinnern, daß dies zum größten Teil nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist, und zwar keinem anderen Ziel dienend, als den Hunger der Menschen zu stillen. Heute muß zum Glück bei uns niemand mehr hungern. Also können wir wieder auf die Nutzung eines Teiles der landwirtschaftlichen Flächen verzichten. Es ist falsch, der Landwirtschaft global vorzuwerfen, sie verseuche durch den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln Boden und Pflanzen. (Dr. Knabe [GRÜNE]: Teilweise doch!) Ich will nicht bestreiten, daß in Einzelfällen bei der Anwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln des Guten hier und da auch einmal zu viel getan ist. (Dr. Knabe [GRÜNE]: Atrazin im Grundwas - ser!) Es ist aber unverantwortlich, deshalb mit dem großen Knüppel auf die Bauern einzudreschen. (Frau Flinner [GRÜNE] : Das macht doch nie mand! Es geht um die Rahmenbedingungen, die Sie stellen!) Beratung und besondere Hilfe sind angezeigt. Jeder muß mir doch recht geben, wenn ich feststelle, daß die deutschen Bauern mit den weitestgehenden Pflanzen- und Tierschutzgesetzen bzw. deren Auflagen in der Welt leben müssen. Im Europa der Zwölf gibt es kein Land, das diesbezüglich seinen Bauern auch nur annähernd gleiche Auflagen macht. Nun zu der Forderung der GRÜNEN, den Stickstoff zu verteuern. (Kreuzeder [GRÜNE]: Jawohl!) Wir halten diese Forderung für unrealistisch. (Dr. Knabe [GRÜNE]: Möglich!) Erstens wäre das nur möglich, wenn innerhalb der EG in allen Ländern gleichermaßen vorgegangen würde. (Kreuzeder [GRÜNE]: Es ist unser Wasser, nicht das der anderen!) Zweitens müßten die Grenzen zu Drittländern absolut geschlossen werden. Drittens könnte die Landwirtschaft die Ertragseinbußen ohne Ausgleich nicht tragen. Und dies alles müßte dann europaweit geschehen. Wer sich auch nur ein wenig den Realitätssinn bewahrt hat, der weiß: Die Forderung ist unrealistisch, so nicht durchführbar und nur dazu geeignet, der Landwirtschaft Schwierigkeiten zu machen. (Frau Flinner [GRÜNE]: Das ist nicht rich tig!) Die vor wenigen Wochen in Berlin durchgeführte Anhörung unter Teilnahme namhafter Wissenschaftler unseres Landes hat erneut deutlich gemacht, daß mit den feinsten Meßmethoden keine Rückstandsunterschiede zwischen den Produkten herkömmlicher und den Produkten sogenannter ökologischer Herkunft festzustellen sind. (Eigen [CDU/CSU]: Sehr richtig! — Frau Flinner [GRÜNE]: Das stimmt nicht!) Andererseits würden die deutschen und europäischen Bauern eine große Chance vertun, wenn sie nicht den Bedarf an sogenannten ökologischen Nahrungsmitteln decken würden. Daß die Käufer solcher Nahrungsmittel dann auch den kostendeckenden Preis zahlen müssen, versteht sich doch für jeden von uns von selbst. (Frau Flinner [GRÜNE] : Wir zahlen heute für die Lagerhalden!) Unsere Bauern warten auf die Umsetzung der Brüsseler Beschlüsse. Der Brüsseler Gipfel, der dank des großen Einsatzes unseres Bundeskanzlers und aller Beteiligten als Erfolg gewertet werden kann, hat nicht nur weltweite Anerkennung gefunden, sondern auch der Landwirtschaft Berechenbarkeit vermittelt und perspektivisch neue Möglichkeiten eröffnet. Ich gehe auf die Fragen ein, die mir draußen gestellt werden. (Frau Flinner [GRÜNE]: Warum sagen Sie nicht, daß die Milch ab dem 1. Januar schon wieder 3 % teurer geworden ist?) — Ja, ist recht. — Wer nicht nur im Glashaus sitzt, sondern unter den Betroffenen ist, der kennt die Fragen, die aus dem Alltag der Bauern stammen: Kommt die vorzeitige Rente bei Produktionsaufgabe, und wann kommt sie? Ist eine rotierende Teilflächenstillegung möglich? Welche Entschädigung soll gezahlt werden? Wer kann daran teilnehmen? Wie wirken sich die Maßnahmen zur Produktionsrückführung auf den Pachtpreis aus? Kann die freiwerdende Fläche bei vorzeitiger Rente auch ganz oder teilweise dem Pachtmarkt angedient werden? Können die stillgelegten Flächen nach Ablauf der Vertragszeit wieder ohne jede Einschränkung für den Anbau von Marktordnungsprodukten genutzt werden? Kann derjenige, der sich an der Teilflächenstillegung beteiligt, solche Flächen zupachten, die aufgrund der Produktionsaufgaberente frei werden? Dies sind im wesentlichen die Fragen, die uns nach dem Brüsseler Gipfel draußen in der Landwirtschaft gestellt werden. Es sind heute noch keine vier Wochen seit den Brüsseler Verhandlungen vergangen. Die Zeit ist zu kurz, um heute schon bis ins letzte Detail auf alle möglichen Einzelheiten eingehen zu können. Im wesentlichen will ich das, bezogen auf unsere Forderungen an die Bundesregierung, tun. Wir gehen davon aus, daß die rechtlichen Voraussetzungen zeitlich so geschaffen werden können, daß ab 1. Juli 1988 Flächenstillegung und vorzeitige Rente für Produktionsaufgabe möglich sind. Nach den Brüsseler Beschlüssen sollte sowohl die Teilflächenstillegung als auch die Ganzstillegung für mindestens fünf Jahre angeboten werden. Bei der Teilflächenstillegung soll Rotation möglich sein. Die Entschädigung kann sich nach unserer Meinung zwischen ca. 700 DM und 1 450 DM je ha bewegen. Wenn bei der Inanspruchnahme der vorzeitigen Rente ein Teil der Eigentumsfläche gegen Entschädigung in Höhe der gegendüblichen Pacht stillgelegt werden muß und der andere Teil verpachtet werden kann, dann wird für viele Junglandwirte die Zupacht ohne Pachtpreissteigerung möglich. Wir sind aber auch der Meinung, daß das Ziel der Teilflächenstillegung, nämlich die Mengenrückführung, nicht durch Zupacht der durch dieses Programm freiwerdenden Flächen unterlaufen werden darf. Selbstverständlich muß nach meiner Meinung ein Sanierungsverkauf vor Inanspruchnahme der vorzeitigen Rente möglich sein, damit in zumindest einem Teil der Fälle nicht der Kapitaldienst Rente und Eigentum verzehrt. Wenn jemand seine Flächen für eine begrenzte Zeit gegen Bezahlung stillegt, muß er nach Ablauf dieser Zeit selbige Flächen wieder so nutzen können, wie es vorher der Fall war. Der Pachtanteil unserer Bauern beläuft sich etwa auf 30 %. Wir sind der Auffassung, daß die Teilnahme an diesem Programm nur möglich sein darf: erstens für selbstwirtschaftende Landwirte, zweitens, wenn mindestens fünf Jahre Eigenbewirtschaftung nachgewiesen wurde. Unser Anliegen muß sein, daß alle Länder innerhalb der EG ihren Bauern so weit wie nur möglich auf diesem Weg entgegenkommen, (Beifall bei Abg. Eigen [CDU/CSU]) damit das erste Ziel, die Rückführung der Produktion, in notwendigem Umfang erreicht wird. Denn beim Überschreiten der Getreideerntemenge von 160 Millionen t würde für die Bauern der Preis fallen und für uns alle der Absatz dieser Übermengen immer teurer werden. Wir haben in Europa jetzt die große Chance, ohne rücksichtslosen Marktkampf die Produktion näher an den Bedarf heranzuführen, dadurch den ruinierenden Preisverfall zu stoppen, durch die Produktionsaufgabe-Rente vielen Familien zu helfen, ihr Vermögen zu erhalten und eine Rente zu beziehen, sowie den jüngeren Landwirten zur Stärkung ihrer beruflichen Grundlage das freiwerdende Land zum Teil zur Verfügung zu stellen. Meine Damen und Herren, ich muß nun zum Schluß kommen. Ich gehe davon aus, daß wir auch auf dem Milchmarkt in Kürze zu einer Änderung kommen, und zwar so, daß wir die Molkereiregelung anwenden können, um Über- und Unterlieferungen ausgleichen zu können. Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, bitte kommen Sie zum Schluß. Die für Sie vorgesehene Redezeit ist abgelaufen. Michels (CDU/CSU): Schönen Dank. — Wer vor zwei Jahren gesagt hätte, daß wir heute hier stehen, der hätte dieses nicht abgenommen bekommen. Ich möchte allen Beteiligten — dem Bundeskanzler, dem Bundeslandwirtschaftsminister und allen, die daran mitgewirkt haben — im Namen der Bauern recht herzlich danken. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Frau Flinner [GRÜNE]: Nein, nicht der Bauern!) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die Abgeordnete Frau Adler. Frau Adler (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Flächenstillegungen als Lösung der Strukturkrise in der Landwirtschaft EG-weit? Ganz sicher nicht! Das Ziel, das damit erreicht werden sollte, kann nämlich nicht erlangt werden, weil man den Weg nur halbherzig geht, aus unserer Sicht sogar einen falschen Weg einschlägt. Die zweitkleinste Partei im Hause nutzt die Gelegenheit, um auf neun Seiten ihre landwirtschaftlichen Grundpositionen hier erneut darzustellen. Worum geht es? Die Agrarminister haben unter dem Vorsitz von Herrn Bundesminister Kiechle beschlossen, das Flächenstillegungen mit bis zu 1 400 DM prämiert werden können, wenn sie Marktordnungsprodukte aus der Produktion nehmen. 20 % der jeweiligen Anbaufläche müssen stillgelegt werden. Alle EG- Länder haben diesem Kann-Vorschlag zugestimmt. Auch wenn es heißt, die Länder seien verpflichtet, diese Regelung bei sich einzuführen, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß dies dennoch keine zwingende Umsetzung des Beschlusses beinhaltet. Der Antrag der GRÜNEN begehrt nun die Überschußbeteiligung und die ökologische Intensivierung der Landwirtschaft. Lobenswerte Ziele! Nur, daß die von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen die alleinseligmachenden sind, ist zu bezweifeln. (Eigen [CDU/CSU]: Das ist immer so!) Die Körnerleguminosen sind ein Beispiel für die Fixierung auf Allheilmittel ohne Durchschlagskraft. Ebensowenig glauben wir, daß ein neuer Steuertatbestand geschaffen werden sollte, wie bei Ihrer Forderung nach der Abgabe auf Stickstoffdünger. Klare und scharfe Umweltauflagen erreichten mehr. Ihre gestaffelten Erzeugerpreise geben außerdem ein falsches Signal. (Eigen [CDU/CSU]: Sehr richtig!) Das Ziel, Flächen aus der Produktion zu nehmen, ist vordergründig erst einmal verblüffend naheliegend. Dafür auch noch entlohnt zu werden ist herrlich. Milliardenbeträge für Nichtarbeit auszugeben erhält somit eine weitere Dimension in unserer Arbeitsgesellschaft. Was spricht nun dafür, was dagegen? Dafür spricht, daß Flächen nicht mehr bebaut werden und somit erwartet wird, daß weniger Produkte, die der Marktordnung unterliegen, von der EG aufgekauft werden müssen, die Stabilisatoren einmal außer acht gelassen. Dabei hört es aber auch schon auf. Es steht mehr dagegen als dafür. Der Agrarministerrat und die Regierungschefs haben vergessen, Rahmenbedingungen festzusetzen, unter denen der Rückgang der Produktion erfolgreich sein kann; denn die Zahlungen sollen ja Anreiz und Ausgleich zugleich sein. Was passiert, wenn die Restflächen mit Marktordnungsprodukten bebaut, ja intensiver bebaut werden? Der Nachweis, daß weniger abgeliefert werden muß, bleibt aus. Die Gefahr der höheren Belastung der Böden und dadurch der Folgeschäden ist gegeben. Welche Böden werden als erste zur Stillegung angeboten? Natürlich die Grenzertragsböden oder/und Böden in benachteiligten Gebieten, die schwer zu bestellen sind, (Eigen [CDU/CSU]: Das hängt von der Diffe - renzierung des Angebots ab!) eine Passivbereinigung in den strukturellen Problemregionen der Bundesrepublik also. (Eigen [CDU/CSU]: Nein!) Gerade die kleinen Hofstellen auf kargen Böden rechnen und legen Flächen still, die dann der Natur- und Landschaftspflege anheim fallen. Da wir aber ein Interesse daran haben müssen, daß es zu keiner regionalen Verschiebung der Versorgung kommt, kann das nicht in unserem Interesse liegen. Dies wäre ein Strukturwandel gegen die bäuerlichen Familienbetriebe, die in Sonntagsreden so hoch gelobt werden. Außerdem kann diese Flächenstillegung die Zielsetzung der Ausgleichszulage in benachteiligten Gebieten konterkarieren, da mit Hilfe der Ausgleichszahlungen die Landwirtschaft gerade in diesen Regionen gehalten werden soll. Außerdem besagen Hinweise, daß von den 46 Millionen Hektar Fläche mit Marktordnungsprodukten nur 1,4 Millionen Hektar von den eigentlich notwendigen 14 Millionen Hektar freiwillig tatsächlich in die Stillegungen einbezogen werden. Die Verlagerung innerhalb der Bundesrepublik auf große bewirtschaftete Flächen kann nicht ausbleiben. Ökologische Auflagen für diese Flächen fehlen vollständig. Und noch jemand reibt sich die Hände: die EG- Partner. Sie mußten sich verpflichten, diese Maßnahmen anzubieten; sie mußten aber keine Zusage über ihre Umsetzung machen. Mit Leichtigkeit wird ein Land oder werden mehrere Länder in die Bresche springen, sprich: die freiwerdenden Mengen auf den Markt bringen. Die Obergrenze ist z. B. bei Getreide so gewählt, daß in normalen guten Erntejahren alle Produkte zum Garantiepreis aufgekauft werden müssen. Was müßte geschehen? Wir Sozialdemokraten geben der Extensivierung der Bodenbewirtschaftung Vorrang vor der Flächenstillegung. Wo die regionalen Gegebenheiten nur dies zulassen, können jedoch in Einzelfällen unter bestimmten Bedingungen auch Flächenstillegungen möglich sein — ich betone: unter bestimmten Bedingungen. Die Ausbringung von weniger Stickstoff in Form von Gülle und Agrarchemikalien muß gewährleistet sein. Chemische Hilfsstoffe in jedweder Form müssen kritisch gesehen und zurückgenommen werden. Die Belastung der Umwelt muß gesenkt werden. Der Naturkreislauf in der Lebensmittelkette weist uns da den Weg. Weniger ist dabei mehr. Dafür sollte der Landwirt einen Ausgleich erhalten. Landwirtschaftliche Produkte in der EG und aus Drittländern müssen dabei den gleichen hohen Anforderungen genügen. (Eigen [CDU/CSU]: Dann gibt es keinen Im port!) Einfuhren von veredelten Produkten und Substituten müssen sich in geduldigen Verhandlungen an den Interessen der Menschen in der EG orientieren. (Eigen [CDU/CSU]: Sehr richtig!) Handelsdiktate sind zurückzuweisen. Die Weiterführung der GATT-Verhandlungen muß gesamtwirtschaftlich gesehen und eingebunden werden. Die Industrieinteressen und die damit verbundenen Arbeitsplatzinteressen dürfen nicht als Druckmittel gegen die Landwirtschaft eingesetzt werden. (Eigen [CDU/CSU]: Richtig!) Wir sind für mehr Markt und weniger Dirigismus. Auf dem Weg dahin sind neutrale Einkommensausgleiche notwendig. Sie müssen sich aber an vergleichbaren Einkommen messen lassen und den ökologischen Gesichtspunkt voll mit einbeziehen. Noch ein Wort zur Vorruhestandsregelung. Eine verkappte Flächenstillegung steckt dahinter. Hier werden gegen die Landwirte Rahmenbedingungen geschaffen, die bei der großzügigen Flächenstilllegung fehlen. Es wird wieder auf dem Rücken der kleinen Leute gehandelt. 7 140 DM im Jahr plus 595 DM pro Hektar Stillegungsprämie kann für die strukturschwachen landwirtschaftlichen Räume ein attraktives Angebot sein. Daß aber gerade da die Fläche dringend benötigt wird, wird dabei übersehen. Es gibt wieder Passivsanierung in den Dörfern, überwiegend im Süden der Bundesrepublik. (Eigen [CDU/CSU]: Sie machen einen Kom promiß!) Machen die anderen denn mit, oder sind Sie hier wieder freiwillig eine Verpflichtung eingegangen? In den EG-Ländern ist der Strukturwandel schon sehr weit fortgeschritten. Die Frage, die die Bundesregierung offen und ehrlich beantworten muß, lautet, ob sie diesen Strukturwandel so will, wie er sich in Frankreich, in den Niederlanden oder in Großbritannien politisch schon vollzogen hat, oder ob es der Bundesregierung mit ihrer Beteuerung ernst ist, daß der bäuerliche Familienbetrieb eine Chance hat. Wenn sie letzteres will, dürfen keine Flächenstillegungsprogramme gemacht werden, die diesem Anspruch nicht genügen. Dann müssen Sie eine Vorruhestandsregelung schaffen, die sich an den sozialpolitischen Erfordernissen orientiert. Daß den gewerblichen Arbeitnehmern der Vorruhestand dann nicht genommen werden darf, folgt schon aus dem Gleichheitsgrundsatz. Auch das sollten Sie bedenken. Leben auf dem Lande und die Versorgung der Menschen können nicht in einer Situation des Konflikts mit anderen wirtschaftlichen Interessen entschieden werden. Was auf dem Tisch .liegt, ist konzeptionslos, ein Stochern im Nebel ohne Aussicht auf Erfolg. Sie werden Ihren Vorschlag mit der Mehrheit der Koalitionsfraktionen durchsetzen. Schade, daß dann eine weitere Chance vertan ist. Vordergründig kann im Einzelfall eine positive Bewertung erfolgen. Insgesamt aber bedeutet es, daß sich der Strukturwandel schneller und rasanter fortsetzt ohne Hoffnung auf die vorerst Zurückbleibenden. Unsere Vorschläge habe ich genannt: Neutraler Einkommensausgleich und ökologische Vorgaben könnten mehrere Ziele erreichen: weniger produzieren und dies umweltverträglich mit der Chance, mehr Landwirten eine Existenz zu erhalten. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Abgeordnete Heinrich. Heinrich (FDP): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der Antrag der GRÜNEN spiegelt die Auseinandersetzungen zwischen den Vorteilen und Nachteilen der allgemeinen Flächenintensivierung einerseits sowie der Flächenextensivierung und der Flächenstillegung andererseits wider. Es ist meines Erachtens ein Thema, das nur im Dialog zu lösen ist. Denn schließlich geht es hier nicht um ein starres Entweder-Oder. Die Brüsseler Vorgaben zur Flächenstillegung zeigen, daß sehr viele Extensivierungselemente mit aufgenommen sind, die eigentlich von den GRÜNEN begrüßt werden müßten. In diesem Sinne bitte ich auch um eine konstruktive Mitarbeit bei der nationalen Ausgestaltung der Brüsseler Beschlüsse. Aber wir haben heute morgen vom Kollegen Kreuzeder gehört: Die GRÜNEN haben keine Lust, hier mitzumachen, weil die GRÜNEN (Eigen [CDU/CSU]: Immer nein sagen!) gegen Europa sind. Ihre Einstellung in der Verteidigungspolitik, ihre Einstellung in der Wirtschaftspolitik, ihre Einstellung in der Agrarpolitik ist europafeindlich. Genau aus diesem Grunde sehe ich keine Ebene, hier mit Ihnen konstruktiv weiterzukommen. (Zuruf der Abg. Frau Flinner [GRÜNE]) — Frau Kollegin, wir reden darüber im Ausschuß noch weiter. Jetzt hören Sie einmal zu, was ich dazu zu sagen habe. Die Vorschläge der GRÜNEN zur Umsetzung der Extensivierung sind für Liberale kein gangbarer Weg. Ich will einige Punkte aus Ihrem Forderungskatalog herausgreifen: Stickstoffabgabe bzw. Verbot anderer ertragssteigernder Produktionsmittel: Die Anhängerschaft dieser Forderung einschließlich mancher Professoren muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß Sie durch kostensteigernde Zwangsbesteuerungen und Verbote die Landwirtschaft auf unerträgliche Weise drangsalieren wollen. (Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU/CSU) Damit kämen gewaltige Bewirtschaftungserschwer - nisse und zusätzliche Kostenbelastungen auf die Landwirte zu. Produktionszuwächse lassen sich nun einmal nicht durch Verbote aufhalten. Über eine wirksame Kontrolle ihrer Vorschläge verlieren die GRÜ- NEN in ihrem Antrag natürlich kein Wort; denn sie sehen die Unmöglichkeit der Kontrollierbarkeit ihrer eigenen Vorschläge. (Eigen [CDU/CSU]: Sehr gut! — Frau Flinner [GRÜNE]: Das ist nicht wahr!) Wir müßten dann nämlich vor jeden und neben jeden Landwirt europaweit einen Polizisten stellen. Der Einbeziehung von Getreidesubstituten in die EG-Getreidemarktordnung kann ich — auch wenn der Kollege Eigen vorhin zugestimmt hat — nicht zustimmen. Es ist unrealistisch, diese Forderung zu einem Zeitpunkt aufrecht zu erhalten, wo die Uruguay Runde des GATT versucht, die Handelsbeziehungen zu Drittländern auch im Agrarbereich auf dem Verhandlungswege zu entspannen. Etwas anderes als eine gütliche Einigung zwischen den Handelspartnern würde doch nur einen Handelskrieg heraufbeschwören. Das kann nicht unser Ziel sein. (Eigen [CDU/CSU]: Aber Ihr Außenminister hat dem in Brüssel zugestimmt!) — Nein. Die FDP ist gegen eine Renationalisierung der Agrarproduktion. Unsere Haltung zu Quoten hat sich verständlicherweise — auch nach dem Durchführungsdesaster auf dem Milchmarkt — nicht geändert. (Zuruf von der CDU/CSU: Ihr lernt auch nicht dazu! — Weitere Zurufe von der CDU/ CSU) — Herr Kollege Eigen, das müssen wir hier so stehenlassen. — Ich will die 160 Millionen t Getreide einmal als Quasi-Quote bezeichnen. Ich meine, daß wir bei diesem EG-Rahmen bleiben sollten. Es gibt doch keinen Sinn, kurz vor dem symbolischen Jahr 1992, statt gemeinschaftliche Binnenmarktsolidarität zu zeigen, wieder auf nationale Aufteilungen zurückzuverfallen. Diese Zeiten müssen vorbei sein. In dieser Form können wir Europa nicht fortentwickeln, und in dieser Form wäre auch keine Mehrheit in Europa zu bekommen. Natürlich geht es bei den GRÜNEN auch nicht ohne Umverteilung. So wollen sie uns wieder einmal ihr System der gestaffelten Preise unterjubeln. Ich sehe, daß die Zeit schnell vorangeht. Lassen Sie mich deshalb nur noch ein paar Sätze sagen. Ökologische Konsequenzen aus der Flächenstillegung: Brüssel hat die Vorgabe der Flächenstillegung beschlossen. Dabei kommt die ökologische Extensivierung, wie sie die GRÜNEN wollen, nicht zu kurz. Die Befürchtungen, daß Restflächen intensiviert werden, wenn Teilflächen aus der Bewirtschaftung fallen, treffen nicht zu. Ein guter Landwirt bewirtschaftet schon heute seine Flächen nach bestem betriebs- und produktionstechnischen Wissen. Der Rückgang des Einsatzes von Pflanzenschutz- und Düngemitteln der deutschen Landwirtschaft entspricht dem stillgelegten Flächenanteil. Die Möglichkeit der extensiven Nutzung der stillgelegten Flächen, z. B. Weidebrache, ist bei geringerer Entschädigung vorgesehen. Die Rotationsbrache sollte bei der nationalen Umsetzung des Set-aside im Vordergrund stehen. Der Vorteil: Wegfall von Pflege- und Düngearbeiten, Auflockerung, Erweiterung der ohnehin zu engen Fruchtfolgen, Erweiterung der Pflanzenarten, Erosionsverminderung durch schließenden Pflanzenwuchs. Hier haben wir all die Maßnahmen vorgesehen, die Sie fordern. Sie wollen das vorliegende Konzept ja nur nicht zur Kenntnis nehmen. (Widerspruch bei den GRÜNEN) Wir haben bei der Rotationsbrache keine Verödung unserer Landschaft zu befürchten. Eine solche Vorgehensweise kommt der Bodengesundheit mittel- und langfristig entgegen und geht in die von den GRÜ- NEN eigentlich gewünschte Richtung. Die ökonomischen Konsequenzen der Flächenstillegung: Unsere Bemühung muß es sein, durch Flächenstillegung zu erreichen, daß die Produktionsschwelle von 160 Millionen Tonnen mit den dadurch ausgelösten drastischen Preissenkungsmaßnahmen nicht überschritten wird. Der Grünbracheversuch in Niedersachsen, der für das europäische Flächenstillegungsprogramm Pilotfunktion für sich in Anspruch nehmen darf, zeigt, daß die Landwirte betriebswirtschaftlich kalkulieren. Je höher die Prämie ist, desto reizvoller wird es, die Brache in den Fruchtwechsel mit aufzunehmen. Das muß man sagen. Frau Adler, Sie müssen einfach erkennen, daß die von Ihnen auch angesprochene Verödung so nicht zum Tragen kommt. Lassen Sie mich noch eine Bemerkung machen zur Produktionsaufgaberente. Wenn wir die Wettbewerbsstruktur unserer Landwirtschaft verbessern wollen, wird uns die Produktionsaufgaberente eine große Hilfe — z. B. auch bei der Verringerung der zuviel ausgegebenen Milchquoten — sein. Auch hier haben wir einen positiven Effekt. Der finanzielle Rahmen der EG, den wir natürlich zuerst national auffüllen müssen, ist meines Erachtens großzügig genug und für viele Landwirte attraktiv, um einzusteigen. Ich will die Probleme nicht unerwähnt lassen, die wir jetzt intensiv diskutieren müssen, bevor wir unser Flächenstillegungsprogramm umsetzen. Dazu gehört natürlich in allererster Linie der Pachtmarkt. Hier meine ich, daß wir befriedigende Lösungen finden können, vor allem wenn man berücksichtigt, daß sich die Flächenverknappung durch die Stillegung und die Flächenmobilität durch die Produktionsaufgaberente gegenseitig ausbalancieren können. Deshalb wollen wir auch den gleichzeitigen Einsatz dieser beiden Möglichkeiten. Auch wird hier Mißbrauch durch die geplante vorhergehende Bewirtschaftungsdauer bei den stillzulegenden Flächen verhindert. Der Brüsseler Gipfel hat grünes Licht für die Flächenstillegung gegeben. Neben der erwünschten Marktentlastung ist das auch ein ökologisch sinnvoller Weg. Es gelang den Regierungschefs erst im zweiten Anlauf nach Kopenhagen, Entscheidungen auf EG-Ebene zu treffen. Jetzt beginnt, Herr Kollege Eigen, der dornenreiche nationale Weg, die Flächenstillegung und die Produktionsaufgaberente praxisnah umzusetzen. Dabei ist mir besonders wichtig, daß die nationalen Finanzierungsprobleme so schnell wie möglich in Abstimmung mit den Ländern aus dem Weg geräumt werden. Denn wenn wir da nicht vorankommen, wird unser Programm nicht so ausgestaltet werden können, wie wir es uns alle wünschen. Herzlichen Dank. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die Abgeordnete Frau Flinner. Frau Flinner (GRÜNE): Ich möchte ganz kurz darauf eingehen, daß Sie heute die 3 %ige Kürzung der Milchquote, die mit der Flächenstillegung zusammenhängt, verschwiegen haben. Warum sagen Sie den Bauern nicht, daß Sie schon wieder um 3 kürzen? Denken Sie einmal an die Bauern im Schwarzwald, denken Sie an die Bauern im Allgäu! Es ist schlimm, was Sie mit uns Bauern vorhaben. Warum sagen Sie nicht, daß noch einmal um 3 % gekürzt wird? Wir haben doch schon 8,5 % weniger. Jetzt kommen noch einmal 3 % hinzu. (Susset [CDU/CSU]: Mit Flächenstillegung hat das nichts zu tun!) — Herr Susset, belügen Sie doch nicht die Bauern weiterhin so. Dasselbe ist es mit den nachwachsenden Industriepflanzen. In Baden-Württemberg haben einige Bauern Flachs angebaut. Der liegt bei ihnen in der Scheune, und sie haben noch keinen Pfennig dafür bekommen. Was soll das also mit den nachwachsenden Industriepflanzen? Präsident Dr. Jenninger: Frau Abgeordnete, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Eigen? Frau Flinner (GRÜNE): Nein. Herr Eigen, wir streiten uns wieder im Ausschuß. Das muß ich heute hier einmal loswerden, daß Sie uns Bauern einfach belügen. Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter Eigen, die Frau Abgeordnete ist nicht bereit, eine Zwischenfrage zuzulassen. Sie können wieder Platz nehmen. Frau Flinner (GRÜNE): Herr Eigen, wir streiten uns nach der Osterpause wieder im Ausschuß. Ich möchte Ihnen nur das eine sagen: Belügen Sie die Bauern draußen doch nicht immer! Ich bin Bäuerin, ich weiß doch, was ihr mit uns treibt. Es geht einfach nicht an, daß Sie hier die Rahmenbedingungen nicht nennen und daß Sie Geld dafür ausgeben, daß die deutschen Bauern aufhören. Die deutschen Bauern werden für die Industrie, für die EG geschlachtet. (Beifall bei den GRÜNEN und bei Abgeord - neten der SPD) Wir GRÜNEN sind nicht gegen die EG, aber wir sind dagegen, daß man uns deutsche Bauern schlachtet. Herr Eigen, Sie wissen, daß der Überschuß dadurch nicht abgebaut wird. Es wurde hier schon angesprochen, daß es uns die Holländer letzte Woche gesagt haben: Es wird jede Chance genutzt, die Lücken, die wir Deutschen schaffen, aufzufüllen. Seien Sie doch nicht so blauäugig. (Eigen [CDU/CSU]: Wenn Sie mich anspre - chen wollen, dann ist es ein Dialog, und dann müssen Sie mir auch eine Frage gestatten!) Ich möchte Ihnen nur noch einmal sagen: Denken Sie an uns deutsche Bauern. (Beifall bei den GRÜNEN) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Herr Dr. von Geldern. Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Frau Kollegin Flinner, niemand möchte Sie schlachten. Der Antrag der GRÜNEN zeigt, daß die Verfasser die Einbindung der Landwirtschaft und der Volkswirtschaft der Bundesrepublik Deutschland in die Europäische Gemeinschaft und in die Weltwirtschaft immer noch nicht als Realität ansehen. Wir sind keine Insel, auf der wir Sandkastenspiele veranstalten könnten. (Frau Flinner [GRÜNE]: Den Katalysator konnten wir für uns Deutsche auch einfüh ren!) — Verehrte Frau Flinner, ich habe Sie doch in Ruhe angehört. Wenn Sie so laut rufen, versteht man Sie erstens nicht, und zweitens gilt: Wer schreit, hat unrecht. Sie kennen doch dieses alte Wort. (Frau Dr. Götte [SPD]: Manchmal ist man auch betroffen! — Frau Flinner [GRÜNE]: Sie können sich nicht immer hinter der EG ver stecken!) — Wer schreit, hat unrecht. In der Begründung des Antrags der GRÜNEN — das ist meine zweite Anmerkung — wird ständig von wachsenden Umweltproblemen der Landwirtschaft gesprochen, während selbst der gegenüber der Landwirtschaft sehr kritische Rat von Sachverständigen für Umweltfragen in seinem jüngsten Gutachten zu Umweltproblemen der Landwirtschaft hervorhebt, daß z. B. seit 1980 der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln stagniert, wenn nicht rückläufig ist. Erfreulicherweise ist darüber hinaus festzustellen, daß die zahlreichen Maßnahmen der Bundesregierung und der Länderregierungen zur Aufklärung der Landwirte über umweltorientierte Produktionsweisen auf starkes Interesse der Landwirtschaft stoßen. Diskussionen über integrierten Pflanzenbau, umweltverträgliche Landbewirtschaftung und ähnliche Themen im landwirtschaftlichen Berufsstand belegen dies deutlich. Das ist doch erfreulich. Es gibt mittlerweile zahlreiche Programme des Bundes und der Länder, die in diese Richtung weisen. Übrigens hat auch der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen niemals — wie die GRÜNEN — von einer flächendeckend umweltbelastenden Landwirtschaft gesprochen. Sie polemisieren mit diesem Antrag gegen unsere Bauern, Sie verteufeln unsere Bauern, und das sollten Sie schleunigst einstellen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Frau Flinner [GRÜNE]: Das stimmt nicht!) —Sie kreischen schon wieder so, daß man es gar nicht verstehen kann. Die Bundesregierung wird sich jedenfalls auch weiterhin für einen gezielten Abbau von Umweltunverträglichkeiten einsetzen. Die von den GRÜNEN geforderten pauschalen Maßnahmen wie Verbot der Halmverkürzer, Stickstoffsteuer und dergleichen (Frau Flinner [GRÜNE]: Das wäre nötig!) werden jedenfalls der Praxis unserer Landwirtschaft und ihren Problemen in keiner Weise gerecht. Die Kritik der GRÜNEN an den geplanten Betriebs- und Teilflächenstillegungen — das ist meine dritte Anmerkung — entbehrt jedes sachlichen Fundaments und trägt der Realität nicht Rechnung. Man hat den Eindruck: Es tut Ihnen leid, daß wir in Richtung Extensivierung gehen; Sie bedauern, daß hier konkrete Schritte in diese Richtung gemacht werden. Seien Sie doch über dieses ökologische Angebot froh, statt daran herumzumäkeln! Die Alternative zum Angebot des freiwilligen Produktionsverzichts und freiwilliger Flächenstillegungen gegen Ausgleichszahlungen sind doch ausschließlich weitere drastische Preissenkungen. Wir haben doch keine andere Alternative. Die Folge wären weiter stark sinkende Einkommen der Landwirte, die durch direkte staatliche Einkommensübertragungen niemals in voller Höhe ausgeglichen werden können. Im Gegensatz zur Fraktion DIE GRÜNEN ist die Bundesregierung überzeugt, daß die geplanten Teil flächenstillegungen und die Produktionsaufgaberente auch in Gebieten mit guten Produktionsbedingugen, und zwar EG-weit, angenommen werden. Dies ist doch eine Frage der Ausgestaltung, der Differenzierung der Maßnahmen. Wenn wir entsprechende Ausgleichszahlungen leisten, wird das auf allen Standorten ein attraktives Angebot sein. (Frau Flinner [GRÜNE]: Wer bezahlt denn die Ausgleichszahlung? Wer soll denn das Geld aufbringen?) — Das ist schlimm. Man versteht das, was Sie sagen, nicht. Sie kreischen so. (Zuruf von den GRÜNEN: Nun reißen Sie sich einmal zusammen!) Übrigens: Ein Viertel der landwirtschaftlichen Betriebsleiter sind zwischen 55 und 65 Jahre alt, und ein großer Teil — das zeigen Untersuchungen der Bundesforschungsanstalt — ist ohne Hofnachfolger. Viele dieser Betriebe — auch in Gebieten intensiver Produktion — können auf diese Weise von einer Produktionsaufgaberente Gebrauch machen, um die landwirtschaftliche Produktion ohne Vermögensverluste aufgeben zu können. Dies ist ein echtes soziales Marktentlastungs- und Strukturverbesserungsprogramm, ein Programm, das vier Zielen dient: dem sozialen Ziel des vorzeitigen Ruhestandes, dem Marktentlastungsziel, dem Ziel der Strukturverbesse - rung und auch — das betone ich gerade vor dem Hintergrund des Antrages der GRÜNEN noch einmal — dem ökologischen Ziel einer Verbesserung des Lebensraums für wildlebende Pflanzen und Tiere und einer Erholung der Böden durch die Herausnahme aus der engen Fruchtfolge. Die Bundesregierung hält übrigens auch die Vermutung der GRÜNEN, die freiwilligen Teilflächenstillegungen und die Produktionsaufgaben würden zu einem Brachliegen der benachteiligten Gebiete und zu einer Intensivierung der Produktion auf den besseren Standorten führen, für unbegründet. Ein großer Teil der benachteiligten Gebiete unterliegt als Grünlandstandort besonderen Produktionsbedingungen und gehört gerade nicht zur Zielgruppe dieser Maßnahmen, die ja bekanntlich auf Ackerflächen begrenzt sind. Die Ausgleichszulage sorgt auch in Zukunft für die notwendige Bewirtschaftung der benachteiligten Gebiete. (Vorsitz : Vizepräsident Stücklen) Sie haben das Stichwort Schwarzwald gebracht. Ich war gestern und vorgestern dort zu fünf Veranstaltungen. Ich kann Ihnen nur sagen, Sie sollten das einmal würdigen, was wir bei der Ausgleichszulage getan haben: von 1,4 Millionen Hektar auf 6 Millionen Hektar, von 100 Millionen DM von Bund und Ländern — dies noch vor vier Jahren — auf 700 Millionen DM. (Zuruf der Abg. Frau Flinner [GRÜNE]) Das kommt doch bei den Bet rieben an. Mir haben es doch die Bauern im Schwarzwald selbst gesagt, daß sie das verspüren, was hier bei der Ausgleichszulage direkt für sie getan worden ist. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Die Intensität der Produktion ist im übrigen unter den Gegebenheiten der Bundesrepublik auch auf den besseren Standorten dem betriebswirtschaftlichen Optimum schon sehr nahe. Das kann man nicht über Nacht weiter steigern, wie das bei den Teilflächenstillegungsmaßnahmen in den Vereinigten Staaten beobachtet worden ist. (Eigen [CDU/CSU]: Sehr richtig!) Ich komme zum Schluß, meine Damen und Herren. Nach Ansicht der Bundesregierung müssen die vom Europäischen Rat beschlossenen Maßnahmen zur Senkung der Überschüsse jetzt unverzüglich umgesetzt werden. Das gilt übrigens auch für die drei in dieser Debatte noch nicht erwähnten wichtigen Aufträge des Europäischen Rats, nämlich erstens im Rahmen der GATT-Verhandlungen — das Thema ist gestreift worden — (Abg. Frau Flinner [GRÜNE] meldet sich zu einer Zwischenfrage — Frau Unruh [GRÜNE]: Da steht jemand!) dafür zu sorgen, daß wir künftig Möglichkeiten gegen eine weitere ungehemmte Substitutenzufuhr bekom men; (Frau Unruh [GRÜNE]: Hallo! Da steht je mand!) zweitens die Verbesserung des Getreideanteils im Mischfutter vorzunehmen und drittens die Ausweitung des Einsatzes nachwachsender agrarischer Rohstoffe im industriellen Bereich. Dies sind drei ganz wichtige Entscheidungen der 12 Regierungschefs dieser Gemeinschaft. Vizepräsident Stücklen: Herr Staatssekretär, gestatten Sie eine Zwischenfrage? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: Ja, bitte sehr. Frau Flinner (GRÜNE): Herr von Geldern, ich komme aus einem benachteiligten Gebiet, aber die Gelder, die wir dort bekommen haben, gleichen niemals das aus, was Sie uns bei der Milchquote abgezogen haben. Sie können doch nicht auf der einen Seite sagen, hier hätten Sie viele Gelder ausgegeben. Meine Frage geht dahin: Können Sie einmal einen ganz konkreten Fall nennen, in dem ein Landwirt dadurch, daß er dieses Geld für benachteiligte Gebiete bekommt, mehr eingenommen hat, als ihm bei der Milchquote abgezogen worden ist? Wie sehen Sie das? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: Wir haben vielfach Gelegenheit gehabt — wir werden sie auch in Zukunft, z. B. beim Agrarbericht, noch haben — , über die letztlich erfolgreiche Milchpolitik der Europäischen Gemeinschaft und der Bundesregierung zu diskutieren. Aber Sie machen jetzt wieder das beliebte Spielchen — vorhin haben wir schon etwas vom Jäger 90 gehört — , daß Sie jetzt ganz unterschiedliche Sachverhalte, z. B. die Ausgleichszulage für die benachteiligten Gebiete und die Frage des Systems der Milchquotenregelung, miteinander vermengen und durcheinander bringen. (Frau Flinner [GRÜNE]: Nein! Nein, Herr von Geldern!) Das führt uns nicht weiter und auch die Landwirtschaft nicht weiter. (Beifall bei der CDU/CSU — Weiterer Zuruf der Abg. Frau Flinner [GRÜNE]) Ich komme jetzt zu einer weiteren Bemerkung im Rahmen des vorliegenden Antrags der GRÜNEN. Ich meine, es kommt darauf an, das, was der Gipfel vorgegeben hat, jetzt schnell umzusetzen, damit die Bauern wissen, woran sie sind. Es ist wirklich kein Spielraum für Experimente mit grünen Wunschvorstellungen auf Kosten der Landwirtschaft, meine Damen und Herren. Für Sandkastenspiele illusionärer Art haben wir überhaupt keine Zeit. Die Landwirte müssen jetzt schnell wissen, welche reellen Chancen in der freiwilligen Senkung der Produktion durch Stillegung von Flächen gegen Ausgleichszahlungen liegen. Sie müssen darüber auch aufgeklärt werden und ein konkretes gesetzliches Angebot bekommen. Nur auf diesem Wege sind die Überschüsse in den Griff zu kriegen. Nur so sind auf die Dauer wieder befriedigende Preise und Einkommen zu erzielen. Ich möchte deshalb eine Schlußbemerkung machen. Das ganze Programm, das der Europäische Rat vorgegeben hat und das wesentlich ein Verdienst unseres Bundeskanzlers ist, ist nicht nur ein Programm für die Landwirte, die davon konkret Gebrauch machen, sondern ein Programm auch für alle die Landwirte, die keinen Gebrauch davon machen. Es ist ein Programm für die Gesamtentwicklung unserer Landwirtschaft, weil nur auf diese Weise Chancen für eine bessere Erzeugerpreisentwicklung eingeräumt werden, die wir in den letzten Jahren deshalb versäumt haben, weil einfach viel zu viel produziert worden ist und die Überschüsse die Preise erschlagen haben. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Stücklen: Meine Damen und Herren, ich schließe die Aussprache. Der Ältestenrat schlägt vor, den Antrag der Fraktion der GRÜNEN an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu überweisen. Ist das Haus damit einverstanden? — Es ist so beschlossen. Ich rufe Punkt 4 der Tagesordnung auf: a) Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Anpassung der Renten der gesetzlichen Rentenversicherung und der Geldleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung im Jahre 1988 — Drucksache 11/1833 — aa) Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung (11. Ausschuß) — Drucksache 11/1967 — Berichterstatterin: Abgeordnete Frau Steinhauer bb) Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung — Drucksache 11/1974 — Berichterstatter: Abgeordnete Sieler (Amberg) Strube Zywietz Frau Rust (Erste Beratung 61. Sitzung) b) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung (11. Ausschuß) zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung Bericht der Bundesregierung über die gesetzliche Rentenversicherungen, insbesondere über deren Finanzlage in den künftigen 15 Kalenderjahren, gemäß §§ 1273 und 579 der Reichsversicherungsordnung, § 50 des Angestelltenversicherungsgesetzes und § 71 des Reichsknappschaftsgesetzes (Rentenanpassungsbericht 1987) Gutachten des Sozialbeirats zur Anpassung der Renten der gesetzlichen Rentenversicherung zum 1. Juli 1988 und zu den Vorausberechnungen der Bundesregierung über die Entwicklung der Finanzlage der Rentenversicherung bis zum Jahre 2001 — Drucksachen 11/1540, 11/1967 — Berichterstatterin: Abgeordnete Frau Steinhauer c) Beratung der Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung (11. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Unruh, Frau Trenz, Hoss, Frau Beck- Oberdorf, Frau Rust und der Fraktion DIE GRÜ- NEN Aufhebung der Stufenregelung — Drucksachen 11/1402, 11/1967 — Berichterstatterin: Abgeordnete Frau Steinhauer Meine Damen und Herren, nach einer Vereinbarung im Ältestenrat ist für die gemeinsame Beratung dieser Tagesordnungspunkte eine Stunde vorgesehen. — Ich stelle die Zustimmung des Hauses fest. Es ist so beschlossen. Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Herr Abgeordnete Günther. Günther (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die frohe Botschaft lautet: Die Renten steigen zum 1. Juli dieses Jahres um genau 3 %. Das ist eine Erhöhung der real verfügbaren Einkommen der Rentner um rund 2 %, weil der Preisanstieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum mit etwa 1 % angesetzt werden kann. Damit verbessert sich die Einkommenssituation der Rentner wie auch schon im vorigen Jahr in einem Maße, wie das seit 1978 nicht der Fall gewesen ist. Zu Zeiten der SPD gab es zwar prozentual höhere Rentenanpassungen, aber es gab noch höhere Preissteigerungsraten und infolgedessen Verminderungen der real verfügbaren Renteneinkommen. Bei uns ist das umgekehrt. Das sind die nüchternen Tatsachen. Daß der Opposition ihre eigene schlechte Bilanz unangenehm ist, läßt sich verstehen, daß sie darüber selbst nicht reden möchte, auch. Aber wer nichts vorzuweisen hat, sollte ein wenig mehr Zurückhaltung und Sachlichkeit üben. Jedenfalls sollte er hier im Parlament nicht, wie das in der ersten Lesung der Fall gewesen ist, den Mund voll nehmen und die eigene magere Bilanz zu überdecken versuchen, (Frau Steinhauer [SPD]: Sie haben das nötig!) indem er ein großes Lamento anstimmt über das, was demnächst angeblich alles an schlimmen Dingen passieren kann — ich sage noch einmal: wie das in der ersten Lesung der Fall gewesen ist. Sie können sich ja bessern, meine Damen und Herren von der SPD. (Heyenn [SPD]: Es hat Ihnen nicht gepaßt, daß wir die Wahrheit auf den Tisch gelegt haben! Das ist klar!) Die neuesten Berechnungen der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, bekanntgegeben bei ihrem letzten Presseseminar am 29. Februar und 1. März, bestätigen, daß mindestens bis 1990 keine akuten Schwierigkeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung zu erwarten sind. (Heyenn [SPD]: Haben wir etwas anderes gesagt? Was sollen denn diese Halbwahrhei - ten!) Die Modellrechnungen zeigen — so Walter Quartier, der stellvertretende Vorsitzende der DAG und Vorsitzende des BfA-Vorstands; ich zitiere —, „daß die Finanzen der Rentenversicherung bis 1990 nicht für Schlagzeilen sorgen werden." Es wird aber auch gesagt — und auch das sage ich hier —, daß selbst bei günstiger wirtschaftlicher Entwicklung für die Jahre danach Maßnahmen unumgänglich sind. (Frau Unruh [GRÜNE]: „Frohe Botschaft"?) Die entsprechenden Vorarbeiten — beruhigen Sie sich, Frau Unruh — sind längst im Gange. Das wissen auch Sie. Die Koalitionsarbeitsgruppe zur Vorbereitung der Strukturreform in der Rentenversicherung steht seit dem vergangenen Frühsommer in laufenden Beratungen. Der Gesetzentwurf wird in diesem Jahr vorgelegt werden. Von akuten Schwierigkeiten bis 1990 kann, wie gesagt, ernsthaft keine Rede sein, so auch die BfA. (Frau Steinhauer [SPD]: Na, na!) Bei einer mittleren Va riante der zugrunde zu legenden Daten wird sich die Schwankungsreserve in den Jahren 1988 und 1989 nur geringfügig verändern. (Peter [Kassel] [SPD]: Selektive Wahrneh mung, wenn Sie wissen, was das ist!) 1990 beginnt sie abzusinken. 1991 würde der Schwellenwert von einer Monatsausgabe unterschritten, nämlich 0,9 Monatsausgaben, (Frau Steinhauer [SPD]: Dann gibt es Liqui ditätsschwierigkeiten!) wenn nicht gehandelt wird. (Frau Steinhauer [SPD]: Eben!) Dabei wird mit einem Beitragssatz von 18,7 % und ab 1990 mit einem auf 18,5 % zurückgenommenen Beitragssatz gerechnet. Mit dem Beitragssatz von 18,7 % fahren wir seit 1987. Bis dahin lag der Beitragssatz zwischenzeitlich auch bei 19,2 %. Daran wird sichtbar, meine Damen und Herren: Wir arbeiten ganz bewußt mit möglichst knappen Beitragssätzen, und zwar aus zweierlei Gründen. Wir wollen die Belastung der Versicherten in möglichst engen Grenzen halten, und wir wollen dies auch bei den Unternehmen tun; denn je stärker wir sie mit Ausgaben und Abgaben belasten, desto mehr besteht die Gefahr, daß Wachstum, das hier bei uns in der Bundesrepublik Jahr für Jahr zur Zeit wieder erreicht wird, ins Ausland exportiert wird. Das ist ohnehin schon die Situation, mit der wir es zu einem beträchtlichen Teil zu tun haben. (Frau Unruh [GRÜNE]: „Frohe Botschaft"?) Daran ändern auch Mißfallenskundgebungen nichts. Bei manchem in der SPD — und das paßt zu diesen Bemerkungen der Kolleginnen und Kollegen der I SPD — scheint es Ansätze zu geben, daß sie diese wirtschaftlichen Grundtatsachen auch zu begreifen beginnen und vielleicht auch Ansätze der Bereitschaft entwickeln, ihnen Rechnung zu tragen. Das ist noch nicht viel, aber es ist- wenigstens etwas. Aber viele stemmen sich nach wie vor gegen diese Einsichten, weil sie nicht in ihr Weltbild passen. Meine Damen und Herren, auch der anwesende Kollege Dreßler will das ja zum Teil nicht wahrhaben. In seiner Rede vom 25. Februar zu dieser Thematik hier im Parlament ist dies erneut deutlich geworden. Er rechnet uns hier eine negative Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung vor, (Dreßler [SPD]: Das kann man wohl sagen!) die es so nicht gibt, um die Unsicherheit der Renten voraussagen zu können. (Dreßler [SPD]: Das kann man alles bele gen!) Aber er stellt nicht die konsequenten Folgerungen aus seinen Forderungen in diese Rechnung ein. Dann würden ja die harten Folgen seiner irrigen Annahmen direkt sichtbar. (Heyenn [SPD]: Die kommen jetzt, die Fol gen!) Er geht anders vor. Er fummelt an Modellrechnungen des Rentenanpassungsberichts herum; denn er weiß, daß geringfügige Änderungen der Annahmen große zahlenmäßige Auswirkungen haben, (Heyenn [SPD]: Was heißt das, „er fummelt"? — Dreßler [SPD]: Bei euch stehen nur Hurra Zahlen!) weil es hier um hohe Milliardenbeträge geht. Die Ausgaben in der gesetzlichen Rentenversicherung betrugen 1987 insgesamt rund 186 Milliarden DM. Diese Summe muß man sich vor Augen führen, wenn man an diesen Zahlen herummanipuliert. (Dreßler [SPD]: Apropos „herummanipu liert" : Da kenne ich eine Abteilung in der Regierung, die ist sehr großzügig auf diesem Feld!) Nach dem Motto „Wer sich ans Rechnen begibt, muß vorher wissen, was herauskommt" werden die verschiedenen Größen variiert, und flugs fehlen einige Milliarden DM. Es ist also ungefähr so, als wenn jemand an einem Uhrwerk herumhantiert, der das Handwerk nicht beherrscht; danach geht die Uhr prompt falsch. (Dreßler [SPD]: Da klatscht noch nicht einmal die CDU Beifall!) Wenn aber das Szenario, das die Opposition ausbreitet, nun wirklich stimmen würde, wenn es wirklich fünf vor zwölf wäre, wie sie behauptet hat, welche Konsequenzen zieht sie dann aus dieser angeblichen Situation? Stellt sie Anträge auf Erhöhung der Einnahmen? Stellt sie Anträge auf Erhöhung des Beitragssatzes? Nein. (Frau Steinhauer [SPD]: Volle Beiträge für die Bundesanstalt!) Damit will die Opposition nichts zu tun haben. Eher versucht sie, den Eindruck zu erwecken, der Beitragszahler müsse und könne geschont, möglichst weniger statt mehr herangezogen werden. Also kräftige Staatszuschüsse. Das wäre nach Ihrem Geschmack. Die Finanzierung ist schnell gesichert, nämlich mit den einzigen Ausruf: keine Steuerreform. (Abg. Frau Weiler [SPD] meldet sich zu einer Zwischenfrage) Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage? Günther (CDU/CSU): Nein, ich möchte jetzt im Zusammenhang vortragen. (Dreßler [SPD]: Das habe ich mir gedacht!) — Ja, und ich habe mir gedacht, warum Sie jetzt Zwischenfragen stellen wollen. — Also keine steuerliche Entlastung, auch nicht der unteren und auch nicht der mittleren Einkommen, keine Senkung der Abgaben bei den Unternehmen, also der Körperschaftsteuer. Meine Damen und Herren, im übrigen: Ob Sie die Einnahmen der Rentenversicherung durch Beitragssatzerhöhungen oder durch Erhöhung anderer Abgaben oder das Vorenthalten der dringend erforderlichen Begrenzung dieser Abgaben vornehmen, es bleibt sich gleich, was die nachteilige Auswirkung auf die Abgabenquote anbelangt. Ich weiß, daß die Verteilungseffekte von Beitragssatzerhöhungen und anderen Abgabenerhöhungen, insbesondere einer erhöhten Steuerfinanzierung der Rentenversicherung, unterschiedlich sind. Unter anderem deshalb, weil die zunehmenden Lasten der Rentenversicherung aus der Veränderung des Altersaufbaues nicht nur eine Angelegenheit der Versicherten, sondern des ganzen Volkes, also der Allgemeinheit, sind (Frau Steinhauer [SPD]: So ist das! Ziehen Sie mal die Konsequenz daraus!) — ja, das ist so; Kollegin Steinhauer, ich freue mich, daß wir da übereinstimmen —, deshalb sehen wir ja die Erhöhung des Bundeszuschusses zur Rentenversicherung vor. (Dreßler [SPD]: Wieviel, Herr Kollege? Wer - den Sie mal konkret!) Aber in diesem Zusammenhang ist auch eine gewisse Vorsicht am Platze, denn wir wollen und müssen den Grundsatz der Beitragsfinanzierung und Beitragsbezogenheit der Renten aufrechterhalten, (Dreßler [SPD]: Zwischenfragen lassen Sie ja nicht zu, weil Ihnen die Antworten fehlen!) sonst nähern wir uns zusehends dem Punkt, an dem sich die Qualität des Systems grundlegend ändert. Denn je höher der Anteil der Allgemeinheit an der Finanzierung der Rentenversicherung ist, desto näherliegend ist die Forderung, nicht nur die Beitragszahler, sondern die Allgemeinheit an den Leistungen des Systems zu beteiligen. (Zustimmung bei der FDP) Im Klartext: je mehr Steuerfinanzierung, desto aus sichtsreicher die Forderung nach Grundsicherung. Genau das wollen SPD, aber erst recht die GRÜ- NEN. (Frau Unruh [GRÜNE]: Nat

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