Rede von Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) – Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412 –.
Text
Rede von Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) – Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412
Die Gesundheitspolitik ist, allen Versuchen, dies zu
ändern zum Trotz, noch immer in nationaler
Verantwortung. Die EU kann dazu flankierend tätig werden, aber
nicht die Souveränität der Einzelstaaten unterlaufen.
Dieses Prinzip wird mit unserem gemeinsamen
Entschließungsantrag gestärkt. Die Regierungskoalition, die FDP
und Die Linke unterstreichen gemeinsam, dass das
Subsidiaritätsprinzip der EU im sozialen Bereich, der nach
Art. 152 des EG-Vertrages in der Verantwortung der
einzelnen Mitgliedstaaten verbleibt, nicht unterlaufen wer-den darf. Insofern stellen wir die „strukturierte
Zusammenarbeit“ des Weißbuch-Entwurfs infrage. Denn mit
dieser strukturierten Zusammenarbeit würde es der
Kommission gestattet werden, bestehende Mechanismen zu
ersetzen, Prioritäten zu setzen, Indikatoren festzulegen,
Leitlinien und Empfehlungen auszusprechen und
Fortschritte zu evaluieren. Einen solchen Eingriff in die
Souveränität der Mitgliedstaaten lehnen die Fraktion Die
Linke und der Gesundheitsausschuss des Deutschen
Bundestages ab.
Die Festlegung von Indikatoren klingt zunächst einmal
ungefährlich, aber mit ihnen könnten dann die bisher
nicht näher erläuterten „quantifizierbaren Ziele“
definiert werden. Ohne Beteiligung der nationalen
Parlamente bei der Erstellung der Indikatoren kann und soll
Deutschland dem Weißbuch nicht zustimmen. Ansonsten
würde dem wiederholten Ansatz Brüssels, die
Souveränität der Mitgliedstaaten für die Gesundheitsversorgung zu
unterlaufen, nachgegeben werden.
Ich möchte aber auch klarstellen, dass das Weißbuch
durchaus gute Ansätze zeigt, die von uns unterstützt
werden. So soll das Weißbuch auch dazu dienen, Gesundheit
in allen Politikbereichen zu etablieren, die Bedeutung der
Gesundheit der Bevölkerung als Voraussetzung für
Wachstum und Wohlstand zu begreifen und gemeinsame
Werte zur Grundlage der Gesundheitspolitik zu machen.
Es ist zweifelsohne eine wichtige Aufgabe der
Mitgliedstaaten, sich stärker für die geriatrische Versorgung der
Bevölkerung einzusetzen und in gemeinsamen
Anstrengungen gegen Infektionskrankheiten vorzugehen.
Da die Zuständigkeit für das Gesundheitswesen bei
den Mitgliedstaaten liegt, sollen sie eng in die
Durchführung der Strategie eingebunden werden. Die Kommission
schlägt daher vor, einen neuen Mechanismus der
strukturierten Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich
einzuführen. Dieser soll die Kommission beraten und die
Koordinierung zwischen den Mitgliedstaaten fördern. So
soll der Kooperationsmechanismus der Kommission
unter anderem helfen, Prioritäten zu nennen, Indikatoren
festzulegen, Leitlinien und Empfehlungen zu erarbeiten,
den Austausch bewährter Verfahren zu fördern und
Fortschritte zu bewerten. Da bleibt Die Linke skeptisch.
Wichtig für uns ist – nicht zuletzt infolge der
wettbewerblichen Ausgestaltung der EU – die Beibehaltung des
Subsidiaritätsprinzips im Bereich Gesundheit. Im
Weißbuch formulierte Ziele wie insbesondere die Verringerung
der gesundheitlichen Ungleichheit werden von uns
unterstützt; wünschenswert wäre jedoch, wenn in einer
gesundheitspolitischen Strategie der EU der Grundstein
gelegt werden könnte für eine europäische Umverteilung
von Mitteln für den Aufbau funktionierender
Gesundheitswesen in allen Mitgliedstaaten. Hiervon könnten vor
allem die neuen Mitgliedstaaten profitieren. Denn
solange eine funktionierende Gesundheitsinfrastruktur
nicht gegeben ist, können gemeinsame Vorhaben wie eine
Abstimmung bei der Organspende und die Unterbindung
des Organhandels nicht wirkungsvoll angegangen wer-
den.Zu Protokoll gegebene Reden