Rede von Dr. Wolfgang Wodarg (SPD) – Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412 –.
Text
Rede von Dr. Wolfgang Wodarg (SPD) – Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412
Mit der kritischen Bewertung der von der Kommission
vorgeschlagenen sogenannten strukturierten
Zusammenarbeit haben wir klargemacht, dass Gesundheit in
Deutschland – wie in den meisten anderen europäischen
Ländern – ein wichtiger Bereich staatlicher
Daseinsvorsorge ist und bleiben soll. Die Europäische Union
kümmert sich zunehmend auch um den europäischen
Binnenmarkt „Gesundheit“, und es ist nicht zu leugnen, dass
sich in Europa längst ein großer Wirtschaftsbereich
entwickelt hat, der uns grenzüberschreitend mit
Arzneimitteln, Medizintechnik, Hilfsmitteln und zunehmend auch
mit Dienstleistungen versorgt. Auch staatliche Gesund-Zu Protokoll gegebene Reden
Dr. Wolfgang Wodargheitssysteme, wie die skandinavischen, das spanische
oder das britische, kaufen Leistungen auf diesem
überstaatlichen Markt; doch sie organisieren ihr System
autonom und, den Prinzipien der Subsidiarität folgend, auf
nationaler Ebene. Diese Länder sind stolz, wenn sie ihre
Bevölkerung auf hohem Niveau gesund halten und alt
werden lassen können und dafür möglichst wenig der so
kostbaren öffentlichen Ressourcen einsetzen müssen.
Wir in Deutschland sind bisher nicht so klar davor:
Wer demnächst die Berliner Gesundheitstage besucht,
wird dort von den Epigonen des boomenden
Gesundheitsmarktes belagert werden, die vom „Wachstumsmotor
Gesundheitswesen“ sprechen und hierbei von
volkswirtschaftlicher Effizienz so wenig hören mögen wie die
Zigarettenindustrie vom Nichtraucherschutz. Effiziente
Gesundheitspflege ist jedoch nicht nur ethisch gebotene
Daseinsvorsorge, sie ist auch die Voraussetzung für einen
nachhaltigen staatlichen Ressourceneinsatz im Wettlauf
der Nationen um globalen Einfluss und wirtschaftliche
Macht. Ein Staat, der wie zum Beispiel Finnland seine
Menschen mit wenig Aufwand auf hohem Niveau gesund
hält, kann die gesparten Mittel in die Bildung stecken und
damit erheblich effizienter sein als sein Konkurrent
Deutschland, der schon einen weit größeren Anteil seiner
Wirtschaftskraft im Gesundheitswesen verpulvert. Der
Markt kann einer effizienten Daseinsvorsorge dienlich
sein. Die Daseinsvorsorge selbst aber nach den Regeln
des Marktes zu bewerten oder gar zu ordnen, das würde
die Staaten Europas schwächen und vor allem der
Gesundheit seiner Einwohner abträglich sein – freut sich
doch der Markt über jeden Patienten.
Wir sind in unserem Antrag einen Kompromiss mit dem
Koalitionspartner eingegangen, der die nationale
Zuständigkeit für Gesundheit betont und einfordert, der aber
auch gewährleisten soll, dass in Zukunft auf europäischer
Ebene die Gesundheitssysteme sinnvoll miteinander
verglichen und evaluiert werden können. Wir wollen, dass
die Nationalstaaten gerade im gesundheitspolitischen
Bereich, das Subsidiaritätsprinzip verteidigen und dass
das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung gewahrt
bleibt. Neue koordinierende Strukturen dürfen nicht dazu
führen, dass eine schrittweise Aushöhlung der
mitgliedstaatlichen Kompetenzen bei gleichzeitig minimaler
Kontrolle durch das Parlament erfolgt.
Dennoch halte ich den Vorschlag der Kommission in
einem wichtigen Punkt für positiv, und dieser hätte
meines Erachtens in dem Entschließungsantrag noch
deutlicher zum Ausdruck kommen können: Die Kommission
will innerhalb der Europäischen Union Voraussetzungen
dafür schaffen, dass die europäischen
Gesundheitssysteme miteinander verglichen werden können. Unser Ziel
muss doch sein, langfristig einen möglichst gleichmäßig
hohen qualitativen und quantitativen Versorgungsstand
in der Europäischen Union zu erreichen.
So hat zum Beispiel die PISA-Studie einen positiven
Effekt auf die teilnehmenden Länder, da diese gezwungen
werden, sich dezidiert mit den Schwächen des eigenen
Bildungssystems auseinanderzusetzten. Für
Deutschland, so verheerend die ersten Ergebnisse auch waren,
hat diese eine breite bildungspolitische Debatte ausgelöstund zu vielen guten neuen Ansätzen und
Qualitätsverbesserungen des Bildungsangebotes geführt.
Es ist wichtig, dass wir den Wettbewerb um die
effizientesten Gesundheitsysteme in Europa ermöglichen
und hier eine verbesserte Transparenz nicht scheuen.
Schlechte Erfahrungen bei der Methode der offenen
Koordinierung im sozialen Bereich sollten uns nicht
entmutigen. Daher erachte ich eine demokratische
Formulierung gesundheitspolitischer Endpunkte und die
dazugehörige Indikatorenbildung als einen wichtigen
Mehrwert europäischer Kooperation im
Gesundheitsbereich. Es ist mir eine Freude, festzustellen, dass die im
Antrag genannten Ziele auch von einer großen Mehrheit
der Gesundheitspolitikerinnen und -politiker getragen
werden.
Relationen
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