Rede von Jens Ackermann (FDP) – Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412 –.
Text
Rede von Jens Ackermann (FDP) – Drucksachen 16/7575 Nr. 1.5, 16/9412
Die Europäische Kommission hat im Oktober 2007
das Weißbuch „Gemeinsam für die Gesundheit: Ein
strategischer Ansatz der EU für 2008 bis 2013“ vorgelegt,
mit dem der Gesundheit in politischen Strategien mehr
Gewicht gegeben werden soll. Nach der Unterzeichnung
des Lissabon-Vertrages erwartet die Kommission neue
Prioritäten auf Gemeinschaftsebene sowie eine
verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten im
Gesundheitsbereich. Zentrale Herausforderungen sind
demnach die Überalterung der Gesellschaft, neue
Gesundheitsgefahren wie Pandemien und die Entwicklung
und Anwendung neuer Technologien der
Gesundheitsversorgung. Das Weißbuch ist in diesem Zusammenhang als
ein erster Ansatz einer kohärenten europäischen Politik
zu deuten, deren Ziel die Verankerung von
Gesundheitsfrage als Querschnittsaufgabe ist. Dafür hat die
Kommission vier Prinzipien entwickelt, von denen sie sich bei der
Formulierung von EG-Maßnahmen im
Gesundheitswesen leiten lassen will. Obgleich die Kommission
unterstreicht, dass die hauptsächliche Zuständigkeit bei den
Mitgliedstaaten liegt, hebt sie insbesondere im
Zusammenhang mit der Unterzeichnung des Lissabon-Vertrages
eine stärkere eigene Kompetenz hervor. Hierzu hat sie
drei Ziele mit insgesamt zehn Maßnahmen
vorgeschlagen, die von neuen Leitlinien für
Krebsvorsorgeuntersuchungen über die Berücksichtigung von
Gesundheitsaspekten der Anpassung an den Klimawandel bis hin zu
einem Gemeinschaftsrahmen für
Gesundheitsdienstleistungen gehen. Als Durchführungsmechanismus sieht das
Papier das Verfahren der strukturierten Zusammenarbeit
vor.
Abgesehen von der Tatsache, dass die Kommission
hier auf Grundlage eines Vertrages argumentiert, der
noch nicht endgültig ratifiziert ist und der in Irland
kommende Woche noch die Hürde des Referendums nehmen
muss, begrüßt die FDP das Vorhaben, der
Gesundheitspolitik mit einem kohärenten Weißbuch einen größeren
Stellenwert zukommen zu lassen.
Allerdings müssen wir sehr genau hinsehen, wie die
Kommission sich die Umsetzung der Ziele und
Maßnahmen vorstellt. Hier haben wir einige Bedenken,
insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Gesundheitspolitik in
erster Linie Aufgabe der Mitgliedstaaten ist. Ich bin skep-Zu Protokoll gegebene Reden
Jens Ackermanntisch, ob das Weißbuch dieser Tatsache ausreichend
Rechnung trägt. Unzweifelhaft ist, dass überall dort, wo
eine europäische Zusammenarbeit zu wesentlich besseren
Ergebnissen führt, als wenn die einzelnen Länder diese
Themen isoliert angehen, eine sinnvolle Koordination
gefördert werden muss. Für jedermann einleuchtend ist das
zum Beispiel bei der Abwehr beziehungsweise
Bewältigung von Pandemien.
Für die FDP ist aber das Subsidiaritätsprinzip nach
wie vor ganz entscheidend, um gute Politikergebnisse
erzielen zu können. Das bedeutet, dass die jeweils höhere
Ebene nur dann tätig werden soll, wenn die unteren
Ebenen nicht in der Lage sind, die anstehenden Aufgaben
zufriedenstellend zu lösen. Dies gilt auch und noch
verstärkt nach der Ratifikation des Lissabon-Vertrages: Die
Gesundheitspolitik ist und bleibt ein nationales
Politikfeld. Das muss auch die Kommission wissen. Die von ihr
vorgesehenen Zuständigkeiten bei der Umsetzung der
Zielvorgaben sprechen aber eine andere Sprache: Allein
acht der zehn Maßnahmen sollen ausschließlich in den
Kompetenzbereich der Kommission fallen, darunter
Leitlinien für die Krebsvorsorgeuntersuchung und ein
Gemeinschaftsrahmen für Gesundheitsdienstleistungen.
Mitgliedstaaten und Europäisches Parlament werden im
Weißbuch nicht ausreichend berücksichtigt.
Ich habe aber den Eindruck, dass hier schleichend ein
nationales Politikfeld erneut auf die europäische Ebene
gehoben werden soll. Insofern begrüßt die FDP auch den
Entschließungsantrag, der noch einmal verdeutlicht, dass
es nicht zu einer ungewollten Aufweichung nationaler
Kompetenzen kommen darf. Darüber hinaus unterstützen
wir die ablehnende Haltung im Hinblick auf den
strukturierten Dialog, da dies mit der Bildung neuer
europäischer Strukturen einhergeht. Mit dieser Art der sanften
Europäisierung haben wir im Zusammenhang mit der
Offenen Methode der Koordinierung bereits Erfahrungen
machen dürfen. Soweit es nur um eine Fokussierung der
europäischen Koordinierung auf grenzüberschreitende
Bereiche kommt, können wir das begrüßen. Mit
umfangreichen Berichtspflichten und quantifizierbaren
Indikatoren sollte aber äußerst vorsichtig umgegangen werden.
Letztlich muss eine europäische Gesundheitspolitik
auf Bereiche begrenzt bleiben, die einen Mehrwert
gegenüber nationalen Regelungen haben und keine neuen
Strukturen oder Europäisierungsprozesse nach sich
ziehen. Aufgrund der dargelegten Bedenken unterstützen
wir den Entschließungsantrag.