Rede von Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/7110
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 7: Drucksache 16/7110 –.
Text
Rede von Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/7110
Die demokratischen Beteiligungsrechte von Kindern
und Jugendlichen müssen in der gesellschaftlichen
Realität endlich besser eingelöst werden. Es ist eine wichtigeZu Protokoll gegebene Reden
politische Aufgabe von Bund, Ländern, Kommunen,
Zivilgesellschaft und Organisationen, diese Rechte in der
Praxis wirklich zu gewährleisten und altersgerechte
Beteiligungsmöglichkeiten auszubauen.
Wir wissen alle, dass gerade qualitativ hochwertige
Beteiligungsprojekte und -verfahren die Erfahrung von
Selbstwirksamkeit ermöglichen. Sie fördern damit die
Persönlichkeitsentwicklung und die ohnehin hohe
Bereitschaft junger Menschen zur Verantwortungsübernahme.
In unserem grünen Antrag haben wir deshalb ein
Maßnahmenpaket vorgeschlagen, damit Kinder- und
Jugendbeteiligung besser gelingt. Notwendig ist eine neue
Beteiligungskultur auf allen politischen Ebenen, die bereits in
den Kindertagesstätten und in den Schulen beginnt.
Kinder und Jugendliche müssen ihr Lebensumfeld aktiv
mitgestalten können – sei es bei dem Bau und der Gestaltung
von Spielplätzen, Schulhöfen und Jugendeinrichtungen
oder bei Verkehrsplanungen. Kinder und Jugendliche
können somit als Expertinnen und Experten in eigener
Sache zu guten und generationengerechten Lösungen für
alle Mitglieder der Gesellschaft beitragen.
Gerade arme Kinder und Jugendliche werden von
bestehenden Beteiligungsangeboten allerdings viel zu
wenig erreicht. Hiergegen braucht es besondere
Anstrengungen, damit niemand aufgrund seiner sozialen und
ethnischen Herkunft ausgegrenzt wird und weniger
Teilhabechancen innehat. Wir Grüne haben deshalb
umfassende Vorschläge sowohl zur Betreuungs- und
Bildungsinfrastruktur als auch zugunsten von höheren Regelsätzen
für Kinder und Jugendliche gemacht. Bereits im
Entschließungsantrag zu unserer Großen Anfrage
„Jugendliche in Deutschland: Perspektiven durch Zugänge,
Teilhabe und Generationengerechtigkeit“ haben wir diese
zentralen Aufgaben benannt und Lösungen aufgezeigt.
Der hier vorliegende Antrag der Linken ist dagegen eine
lückenhafte Ansammlung von Forderungen ohne
Gewichtung und Gesamtkonzept.
Ein elementarer Teil der von uns vorgeschlagenen
Strategie ist die Absenkung des Wahlalters. Uns geht es
wohlgemerkt um das selbst ausgeübte Wahlrecht und
nicht um ein Stellvertreterwahlrecht für Eltern, wie Sie es
wollen, Frau Landgraf. Ein solches Eltern- bzw.
Familienwahlrecht verhindert Jugendpartizipation, bricht mit
elementaren Grundprinzipien wie „one man one vote“,
ist verfassungsrechtlich bedenklich, benachteiligt
Kinderlose und ist praktisch kaum umsetzbar. Dass die
Linksfraktion das Thema „Herabsenkung des Wahlalters“ mit
keinem Wort erwähnt, ist eine besonders große Schwäche
ihres Antrags. Ein aktives Wahlrecht ab 16 Jahre auch bei
Bundestagswahlen ist jedoch ein zentraler Bestandteil
einer wirkungsvollen Gesamtstrategie für mehr
Beteiligung.
Diese Ignoranz unterscheidet sich nicht von der
Haltung der Bundesregierung. Deren
Partizipationsmaßnahmen verfolgen keine Gesamtstrategie und sind nicht
nachhaltig: Bei der Entwicklung, Durchführung und
Evaluation dürfen Kinder und Jugendliche bisher kaum
mitwirken. Die Ergebnisse und Forderungen der isolierten
Veranstaltungen werden kaum gesichert, geschweige
denn zielstrebig weiterverfolgt. Wir fordern deshalb, ge-meinsam mit Nichtregierungsorganisationen
verbindliche Qualitätsstandards zu entwickeln.
Wir brauchen zudem einen besseren europäischen und
internationalen Austausch über qualitativ hochwertige
Kinder- und Jugendbeteiligung. Diese Chance auf
wirklich nachhaltige Programme hat die Bundesregierung
leider auch im Rahmen ihrer EU-Ratspräsidentschaft
verpasst. Insofern ist unser Antrag – leider – auch an
diesem Punkt weiter aktuell.
Lassen Sie mich einen anderen essenziellen Bereich
ansprechen. Wir sind der festen Überzeugung, dass
Kinderrechte nicht nur in Sonntagsreden vorkommen dürfen.
Bei der überfälligen Stärkung von Kinderrechten in der
Verfassung formuliert die Linke jedoch in ihrem Antrag
noch vorsichtiger als die Bundesregierung. Sie sagen
dort wörtlich, dass „der Gedanke an die Aufnahme von
Kinderrechten ins Grundgesetz erwägenswert“ sei. In
diesem Punkt wurden Sie verbal sogar von Kanzlerin
Merkel und Ministerin von der Leyen überholt. Passiert
ist unter dieser Bundesregierung aber leider nichts.
Offenbar knicken die Fachpolitiker der
Koalitionsfraktionen immer wieder vor ihren eigenen Rechtspolitikern ein,
anstatt endlich breite Bündnisse im Interesse der Kinder
zu schmieden und deren Rechte im Grundgesetz zu
stärken.
Diese Bundesregierung produziert bei der Kinder- und
Jugendpartizipation jedoch nicht nur Sprechblasen.
Manchmal handelt sie sogar – zulasten demokratischer
Beteiligung. Bei der Föderalismusreform I wurden
demokratische Standards im Kinder- und Jugendhilfegesetz
aufgeweicht. Das Land Niedersachsen hat mit der
Abschaffung des Jugendhilfeausschusses und des
Landesjugendamts davon bereits eifrig Gebrauch gemacht. Auch
Baden-Württemberg öffnet jetzt dem Abbau dieser
bewährten demokratischen Beteiligungsinstrumente Tür
und Tor. Das ist ein Fehler und ein
beteiligungspolitischer Rückschritt.
Festzustellen bleibt: Für echte Beteiligung, für Lust
auf Demokratie und damit gegen Politikverdrossenheit
wird hierzulande viel zu wenig getan. Pseudobeteiligung
schreckt ab, konsequente Kinder- und Jugendbeteiligung
ermuntert und würde unsere Demokratie beleben. Lassen
Sie uns endlich mit einer klaren Partizipationsstrategie
Kinder und Jugendliche als „Nachwuchs für die
Demokratie“ gewinnen und fördern. Unser
parlamentarischdemokratisches System braucht eine „Frischzellenkur“.
Packen wir es an!
Relationen
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