Rede von Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE) – Berichts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 27 a und 27 b: Berichts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz.
Text
Rede von Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE) – Berichts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
Die Linksfraktion unterstützt den Antrag der Grünen,
der auf einen Vorschlag der Europäischen Kommmission,
des Rates und des EU-Parlaments zurückgeht. Ein
„Europäischer Tag der Meere“, der festlich begangen wird,
könnte dazu beitragen, ein Bewusstsein für das
gemeinsame maritime Erbe zu schaffen.
Ein solches Bewusstsein wäre auch mehr als
notwendig. Schließlich ist die Bilanz der menschlichen Eingriffe
in die unterseeische Welt katastrophal. In den letzten
hundert Jahren sind die Bestände vieler Fischarten um fast
90 Prozent zurückgegangen, schätzen Wissenschaftler.
Weil sich das Ganze jedoch fernab und unter der
Wasseroberfläche abspielt, wird es für viele Menschen wenig
greifbar. Das ist beispielsweise beim Waldsterben anders.
Lichte Kronen und Mittelgebirge mit Baumstümpfen sind
sichtbar. Sie haben viele Bürgerinnen und Bürger für den
„sauren Regen“ und Luftschadstoffe sensibilisiert. Der
öffentliche Druck war es vor allem, der zur Verschärfungder entsprechenden Grenzwerte für Industrie- und
Verbrennungsanlagen geführt hat.
Genau solch ein öffentlicher Druck für den Schutz der
Meere fehlt, wenn man einmal von Walen und Delfinen
absieht. Kabeljau, Sprotte und Tunfisch haben keine
Lobby. Sie werden gnadenlos überfischt. Dabei geht es
nicht nur um den Artenschutz, sondern – wie beim
Klimaschutz – auch um Solidarität. Denn während Millionen
Tonnen wertvoller Meerestiere als Beifänge ungenutzt
und tot über Bord gehen, sitzen Millionen von
Küstenbewohnern in Afrika vor leeren Tellern. Die Trawler der
Industriestaaten saugen ihnen die Meere leer, legal und
illegal.
Es geht aber nicht nur um Fische. Das Ökosystem
Meer als Ganzes zu begreifen und endlich behutsam zu
nutzen, das ist die eigentliche Aufgabe, die vor der
Menschheit steht. Schließlich sind die Ozeane neben der
Überfischung auch durch organische Überfrachtung und
Schadstoffeinträge bedroht. Die Überdüngung der Flüsse
aus der Landwirtschaft führt in den Meeren zu
gefürchteten Algenblüten. Schwermetalle und hormonelle Stoffe,
neuerdings auch nukleare Belastungen reichern sich in
den Organismen an. Zunehmend wird auch Lärm zu
einem Problem, insbesondere für Großsäuger.
Wie mangelhaft die europäische Meeresschutzpolitik
ist, zeigen Grünbuch und Blue-Paper der EU-
Kommission genauso wie die Entwicklung der europäischen
Meeresschutzrichtlinie. Die Gesetzgebung und die
Zuständigkeiten in Bezug auf den Meeresschutz bleiben zersplittert.
Ein ganzheitlicher ökosystemarischer Ansatz ist nicht
erkennbar. Die Ozeane werden vorrangig als
Wirtschaftsgut betrachtet. Meeresschutz ist aber deutlich mehr, als
konkurrierende Nutzungsansprüche aus Fischerei,
Bergbau, Seefahrt und Tourismus abzugleichen.
Doch noch ein Blick nach vorn, der zeigt, dass sich
moderner Meeresschutz und Meeresnutzung auch
gegenseitig befruchten können. In Neuseeland waren die
Fischer einst die stärksten Gegner, als es darum ging,
Schutzgebiete einzurichten. Nunmehr gehören die
Fischer zu den Verteidigern dieser ökologischen Oasen.
Die dort rasant anwachsenden Bestände wandern
nämlich aus den Schutzgebieten aus und füllen wieder die
Netze. Greenpeace und andere fordern seit langem, auch
in anderen Teilen der Welt Meeresschutzgebiete
einzurichten, in denen Fischerei und Rohstoffabbau verboten
werden. Konkrete Vorschläge gibt es für Nord- und
Ostsee sowie für die außereuropäischen Meere. Vielleicht
kann ein „Europäischer Tag der Meere“ dazu beitragen,
solche Visionen Wirklichkeit werden zu lassen.
Was den zweiten Antrag betrifft, so halten wir den
steigenden Unterwasserlärm für eine große Bedrohung der
maritimen Lebenswelt. Mit Sicherheit gefährdet er Wale
und Tümmler. Entsprechende Untersuchungen liegen vor.
Deshalb muss die Bundesregierung einerseits national
Maßnahmen gegen anthropogenen Unterwasserlärm
ergreifen und sich andererseits konsequent für
internationale Maßnahmen gegen den Unterwasserlärm einsetzen.
Insbesondere in Schutzgebieten und hochfrequentierten
Aufenthaltsgebieten dieser Tiere müssen Tätigkeiten des
Menschen, die starken Lärm entwickeln, weitgehend ver-Zu Protokoll gegebene Reden
Eva Bulling-Schröterboten werden. Das betrifft insbesondere die
Sonaraktivitäten von U-Booten sowie Sprengungen. Für
Deutschland müssen darum seismische Untersuchungen, wie sie
im Naturschutzgebiet Doggerbank stattgefunden haben,
künftig unterbunden werden.
Rainder Steenblock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN):
Die Meere sind für alle Länder Europas von zentraler
ökonomischer und ökologischer Bedeutung: Circa zwei
Drittel der europäischen Außengrenzen werden von
Küstenlinien gebildet, 22 der 27 EU-Mitgliedsländer sind
Insel- oder Küstenstaaten, und die Fläche der EU-
Hoheitsgewässer ist größer als das kontinentale Hoheitsgebiet
der EU. Fast die Hälfte aller EU-Bürger lebt in
Küstenregionen. Sowohl ihre Lebensqualität als auch ihr
Lebensstandard sind abhängig vom Zustand der Meere und
einer nachhaltigen Nutzung dieser Ressource. Der
Rückgriffsmöglichkeit auf die Ressource Meer haben wir einen
erheblichen Teil unseres heutigen Wohlstandes auf dem
europäischen Kontinent zu verdanken. Andererseits war
es genau diese Nutzung, die große Teile der sensiblen
maritimen Ökosysteme an den Rand des Zusammenbruchs
gebracht hat. Unsere Meere sehen sich heute
mannigfaltigen Bedrohungen ausgesetzt: Zunehmende Schadstoff-
und Lärmemission durch die Schifffahrt, eine
Überdüngung und Überfischung, eine zunehmenden Verbauung
der Küsten etc. haben bereits heute zu teilweise
irreparablen Schäden geführt. Durch die exzessive Nutzung
unserer Meere laufen wir Gefahr, den erst durch sie
ermöglichten Standard einer hohen Lebensqualität zu
gefährden.
Mit dem „Europäischen Tag der Meere“ macht die EU
deutlich, dass sie die Herausforderungen, unsere Meere
effektiv zu schützen, erkannt hat und die Herausforderung
ernst nimmt. Der „Europäische Tag der Meere“ ist
elementarer Bestandteil der Strategie für „eine integrierte
Meerespolitik für die Europäische Union“. Diese lässt
sich im gleichnamigen Blaubuch und dem darauf
aufbauenden Aktionsplan der Kommission vom 10. Oktober
2007 finden. Dort heißt es: Die Stärkung der
Wettbewerbsfähigkeit, der Schutz der Meeresumwelt und die
Interessen und Lebensgrundlagen derjenigen, die von der
maritimen Wirtschaft abhängig sind oder an der Küste
wohnen, sollen integrale Bestandteile einer
ganzheitlichen Betrachtungsweise sein. Dementsprechend
enthalten Blaubuch und Aktionsplan folgende Aktionsbereiche:
Optimale Nachhaltigkeit bei der wirtschaftlichen
Nutzung der Meeresressourcen, Aufbau einer Wissens- und
Innovationsgrundlage, verbesserte Lebensqualität in den
Küstenregionen, Ausbau der Position Europas in den
internationalen Organisationen und Abkommen und
größere Aufmerksamkeit für ein maritimes Europa in der
Öffentlichkeit.
Um die Bedeutung unserer Meere für unser tägliches
Leben stärker ins Bewusstsein zu rufen und vor allem dem
letzten Punkt, einer größeren Aufmerksamkeit für ein
maritimes Europa, gerecht zu werden, haben Europäische
Kommission, Rat und Parlament vor zwei Jahren den
„Europäischen Tag der Meere“ ins Leben gerufen.
Zugleich wurden alle, ich betone, alle Mitgliedstaaten,Regionen, nichtstaatliche Organisationen,
Wissenschaftseinrichtungen sowie alle Organisationen und
Institutionen, die irgendwie mit dem Meer zu tun haben,
aufgerufen, sich mit eigenen Aktionen an dem „Europäischen Tag
des Meeres“ zu beteiligen. Dieser Aufforderung sind viele
Mitgliedstaaten, etliche Regionen, unzählige
nichtstaatliche Organisationen und Wirtschafts- und
Forschungseinrichten nachgekommen. Auch viele deutsche
Bundesländer begehen in Kooperation mit Universitäten,
Meeresforschungsinstituten und Organisationen den
„Europäischen Tag der Meere“ am 20. Mai 2009.
Nur die Bundesregierung weigert sich bislang
beharrlich, einen solchen „Europäischen Tag der Meere“ auch
in Deutschland einzuführen und angemessen zu gestalten.
Das ist mehr als traurig: Als Exportnation haben gerade
wir besonders von der Bedeutung der Meere profitiert.
Gerade wir sind es, die ein besonderes Interesse daran
haben sollten, auch unseren zukünftigen Wohlstand zu
sichern. Womit die Weigerung der Bundesregierung,
einen solchen Tag auch in Deutschland einzuführen, zu
begründen ist, bleibt weiter unklar. Der Hinweis darauf,
man sei nicht imstande, einen solchen Tag in Deutschland
zu begehen, da man sich auf europäischer Ebene so stark
engagiere, ist peinlich und kann wohl kaum der Grund
sein. Für mich bleiben nur zwei mögliche Erklärungen:
Entweder hat die Bundesregierung die Bedeutung der
Meere bisher nicht erkannt, womit sie sich ein
Armutszeugnis ausstellen würde –, oder der wahre Grund ist der,
dass es sich nach Meinung der Bundesregierung um die
Initiative einer Oppositionsfraktion handelt, der man
schon aus Prinzip nicht zustimmen will.
Liebe Vertreterinnen und Vertreter der
Bundesregierung, um das noch einmal klarzustellen: Die Annahme,
dass es sich hier ausschließlich um eine Initiative der
Opposition handele, ist falsch. Wir, die Vertreterinnen
und Vertreter der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen
sind es lediglich, die Sie, die Bundesregierung, einmal
mehr an die Bedeutung der Meere für unser Land und die
von Ihnen eingegangenen Verpflichtungen innerhalb der
EU erinnern müssen.
Hiermit fordern meine Fraktion und ich sie noch
einmal mit Nachdruck dazu auf, den 20. Mai als den
„Europäischen Tag der Meere“ auch in Deutschland
einzuführen und angemessen zu gestalten. Ansonsten läuft die
Bundesregierung nicht nur Gefahr, die gemeinsame
Empfehlung der Europäischen Kommission, des
Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Union
vom 14. Dezember 2007 zu missachten, sondern vergibt
zudem die Chance, ein Bewusstsein für das maritime
Erbe auf deutscher und europäischer Ebene zu schaffen
und der Notwendigkeit des Schutzes der Meere den Platz
einzuräumen, welche die Meere als unsere natürliche
Lebensgrundlage verdienen.