Rede von Kurt Bodewig (SPD) – Berichts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 27 a und 27 b: Berichts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz.
Text
Rede von Kurt Bodewig (SPD) – Berichts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
Am 20. Mai 2009 feiert der „Europäische Tag der
Meere“ seinen ersten Geburtstag. Dessen Einführung
wurde im letzten Jahr in einer gemeinsamen
Dreiererklärung von den Präsidenten der Europäischen
Kommission, des Europäischen Parlaments und des Rates der
Europäischen Union beschlossen und wird nun jedes
Jahr feierlich begangen. Hintergrund ist,
Bewusstseinsbildungs- und Netzwerkaktivitäten zu organisieren, die
den Menschen die Bedeutung der Meere näherbringen
und die Sichtbarkeit maritimer Angelegenheiten in
Europa stärken.
Deshalb ist an der grundsätzlichen Idee der Grünen in
ihrem vorliegenden Antrag nichts auszusetzen. Durch die
Einführung eines „Europäischen Tages der Meere“ in
Deutschland einen konkreten öffentlich wahrnehmbaren
Schritt zu unternehmen, um ein Bewusstsein für das
gemeinsame maritime Erbe zu schaffen, ist ja grundsätzlich
nicht falsch. Aber ich muss an dieser Stelle fragen, warum
es hier explizit eines deutschen europäischen Tages der
Meere bedarf? Ich denke, dass es nicht zielführend ist in
Zeiten, in denen wir ein gemeinsames Europa anstreben,
in jedem Land einen nationalen Tag zu zelebrieren. Ein
gemeinsamer „Europäischer Tag der Meere“, der
europaweit in allen Mitgliedstaaten an vielen Orten begangen
wird, ist nach meiner Ansicht die bessere Lösung. So habe
ich die Freude, am kommenden Dienstag als Chairman
des internationalen „Baltic Sea Forums“ in der
Landesvertretung Hamburg diesen Tag mit einer Veranstaltung
zum Thema „Die EU-Ostseestrategie – das Meer als
Chance“ zu begehen. Weitere Veranstaltungen anlässlich
des „Europäischen Tags der Meere“ fanden im Vorfeld
und in den Tagen um den 20. Mai allein in Deutschland in
Berlin, Kiel, Hamburg, Rostock und Bremen statt. Warum
sollten wir dies auf eine einzige Bundesveranstaltung
eindampfen?
Manche könnten sich fragen, warum ein europäischer
Mitgliedstaat wie beispielsweise Österreich den
„Europäischen Tag der Meere“ feiern sollte. Die Antwort
darauf ist einfach. Denn der maritime Sektor beschränkt
sich keineswegs nur auf Küstenregionen. Die Zulieferer-Zu Protokoll gegebene Reden
Kurt Bodewigindustrie für die maritime Wirtschaft ist auch weit weg
von den Küsten angesiedelt. Deshalb und weil die Meere
und das maritime Erbe von unschätzbarem Wert für die
Bevölkerung Europas sind, sollte der „Europäische Tag
der Meere“ als europäischer und nicht als nationaler
Feiertag betrachtet werden. Mir gefällt der Gedanke,
dass sich europaweit in den Mitgliedstaaten
Veranstaltungen mit der Bedeutung der Meere auseinandersetzen
und diese auch der breiten Öffentlichkeit vermitteln.
Denn wir alle sollten die vielfältige Bedeutung der
Meere nicht unterschätzen. Europa ist von 70 000
Kilometern Küste umgeben. Mehr als zwei Drittel seiner
Grenzen sind Küsten, und mehr als 40 Prozent von
Europas BIP wird in Küstenregionen erwirtschaftet. Zudem
leben mehr als 50 Prozent der europäischen Bevölkerung in
Küstenregionen. Eine gemeinsame europäische
Meerespolitik ist also wirklich wichtig, wenn Europa weiterhin
so erfolgreich sein möchte, wie es ist. Denn 90 Prozent
des Außenhandels und 40 Prozent des Binnenhandels
erfolgen über den Seeweg. Trotz der aktuellen Finanzkrise
bewältigen europäische Häfen jährlich 3,5 Milliarden
Tonnen Fracht, und etwa 350 000 Menschen sind in der
Hafenwirtschaft beschäftigt. Im Fischsektor sind es
weitere 526 000 Arbeitnehmer. Und auch der
Küstentourismus bringt jährlich 72 Milliarden Euro in Europas
Kassen.
Die Meere und Ozeane haben also eine strategische
Bedeutung für die europäische Wirtschaft. Die
unterschiedlichen Sektoren Schiffbau und Schifffahrt, Häfen
und Fischerei, Offshoreenergie, Fremdenverkehr,
Umwelt und maritimes Erbe sind jeder für sich von großer
wirtschaftlicher Bedeutung. Ergänzt wird dies durch die
Synergien zwischen diesen Sektoren.
Im Blaubuch der KOM vom 10. Oktober 2007 „Eine
integrierte Meerespolitik für die Europäische Union“
wurde auf die strategische Bedeutung der Meere und
Ozeane für die europäische Wirtschaft hingewiesen. In
Zeiten der Globalisierung, der Finanzkrise und der
Piraterie, aber auch des technologischen Fortschritts und des
Klimawandels ist eine gemeinsame europäische
Meerespolitik ein Muss.
Ich habe das Gefühl, dass sich auch im
technologischen Bereich in den kommenden Jahren einiges bewegen
wird. Die Meere sind ein noch in weiten Teilen
unentdeckter Forschungsbereich, und die Potenziale, die die
europäischen Mitgliedstaaten hier gemeinsam noch
entwickeln und nutzen können, sind groß. Gerade – aber nicht
nur – für den Bereich der erneuerbaren Energien wird
hier sicher noch ein großer Nutzwert entstehen, der auch
unserem Klima zugutekommen wird. Jeder Mitgliedstaat
für sich wäre wahrscheinlich mit der Ausschöpfung
dieser Potenziale überfordert. Doch durch die Kombination
ihres Wissens und ihrer Technologien kann Europa
wettbewerbsfähig sein. Der Zusammenschluss bzw. die
Kooperation von Universitäten und Unternehmen aus elf
Staaten im Ostseeraum ist ein gutes Beispiel.
Auch für den logistischen Bereich entwickeln sich die
Meere zu einer unverzichtbaren Alternative zur Schiene.
Wie bereits erwähnt, erfolgen 90 Prozent des
europäischen Außen- und 40 Prozent des Binnenhandels auf demSeeweg. Die Frachtmengen, die an europäischen Häfen
bewältigt werden, sind immens. Dass die Europäische
Union zukünftig verstärkt auf die Schifffahrt setzt, um die
bevorstehenden Verkehrszuwächse ökologisch
verträglich und kostengünstig bewältigen zu können, begrüße
ich.
Problembereiche wie der Klimaschutz und der Schutz
der Meeresumwelt und die Bekämpfung von Piraterie
lassen sich, wie man an der erfolgreichen Arbeit der
Organisation HELCOM im Bereich der Umwelt und der
Atalanta-Mission der Europäischen Union zur
Bekämpfung der Piraterie vor den Küsten Somalias sieht, am
besten gemeinsam bekämpfen und lösen.
Gerade deshalb plädiere ich noch einmal dafür, den
„Europäischen Tag der Meere“ dort zu belassen, wo er
hingehört: auf der europäischen Ebene. Dort wird er
auch in diesem Jahr in großem Stil begangen. Ich selbst
freue mich sehr darauf, auf der Stakeholder Conference,
die anlässlich dieses Tages am 20. Mai in Rom stattfindet,
zu Gast zu sein. In einer Vielzahl von Paneldiskussionen,
Workshops und Gesprächen, aber auch bei den vielen
Veranstaltungen, die anlässlich des „Europäischen Tages
der Meere“ in ganz Rom stattfinden werden, wird es
öffentlichkeitswirksam um die Bedeutung der Meere für
Europa gehen.
Die Meerespolitik ist ein europäisches Anliegen.