Rede von Dr. Hakki Keskin (DIE LINKE) – Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 32 a und 32 b: Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3..
Text
Rede von Dr. Hakki Keskin (DIE LINKE) – Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Heute debattieren wir abschließend über die Anträge
der Regierungskoalition und der Grünen zum Thema
Südkaukasus. Lassen Sie mich zunächst auf eine aktuelle
Entwicklung eingehen.
Erst vor wenigen Tagen wurde zwischen der EU und
einigen Anrainern, darunter die Südkaukasus-Staaten,
die sogenannte Östliche Partnerschaft ins Leben gerufen.
Die Linke ist für eine engere Zusammenarbeit mit den
östlichen Nachbarn der EU. Entscheidend ist, ob es sich um
eine echte Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe handelt
und dass Russland nicht ausgegrenzt wird. Die Linke hat
hierzu bereits Anfang 2008 in ihrem eigenen
Südkaukasus-Antrag detaillierte Vorschläge unterbreitet. Die
Stichwörter lauten: Armutsbekämpfung, sozialer
Ausgleich, Demokratieförderung, Stärkung der
Binnenwirtschaften, fairer Handel und Öffnung des EU-
Binnenmarktes für Exportprodukte aus den Südkaukasus-
Staaten über Erdöl und Erdgas hinaus.
Ich finde es sehr bedenklich, wenn die Partnerländer
im Südkaukasus, wie insbesondere im Koalitionsantrag
vorgesehen, auf die Rolle einer Nachschubbasis für den
fossilen Energiehunger Europas reduziert werden. Diese
Politik ist kurzsichtig und wird den Ansprüchen einer
fairen und gleichberechtigten Partnerschaft nicht gerecht.
Da unser eigener Antrag deutlich über die Anträge der
Koalition und der Grünen hinausgeht und weitaus umfas-sendere und präzisere Antworten formuliert, kann die
Linke beiden Anträgen nicht zustimmen.
Völlig vage bleiben die Antragsteller von der
Koalition beispielsweise bei den Themen Sicherheitspolitik und
Lösung der ethno-territorialen Konflikte. Wir sollten uns
daran erinnern, dass Georgien und Russland erst im
August letzten Jahres wegen Südossetien einen Krieg
gegeneinander geführt haben, der tiefe Wunden hinterlassen
hat. Dies betrifft vor allem die bis zu 2 000 Getöteten und
die schwierige Lage der Kriegsflüchtlinge und
Binnenvertriebenen in Georgien. Ihr Recht auf Rückkehr in
die früheren Wohnorte muss in vollem Umfang
gewährleistet werden. Zahlreiche Binnenvertriebene, circa
100 000 Menschen, konnten bereits in ihre Wohnorte in
den ehemaligen sogenannten Pufferzonen zurückkehren.
Der Wiederaufbau von Wohnungen und Infrastruktur in
Georgien kommt zügig voran. Zahlreiche ehrenamtliche
Helferinnen und Helfer aus der örtlichen Bevölkerung
sowie humanitäre und technische Hilfsorganisationen aus
den EU-Mitgliedstaaten unterstützen aktiv den
Aufbauprozess. Auch die Verdienste russischer Aufbauhelfer in
Süd- und Nordossetien gilt es zu würdigen. Ihnen allen
gebührt an dieser Stelle Dank für ihren unermüdlichen
Einsatz.
In der Praxis dürfen sich die Rückkehrmöglichkeiten
für die Flüchtlinge jedoch nicht nur auf kerngeorgische
Gebiete beschränken, sondern müssen auch für
Südossetien und Abchasien gelten. Dies gilt für die
Flüchtlinge des letzten Krieges, aber auch für diejenigen aus
früheren Konflikten. Ebenso benötigen zivile
Hilfsorganisationen dringend einen ungehinderten Zugang zu den
Konfliktgebieten.
Eine neue Beobachtermission der OSZE für ganz
Georgien inklusive Südossetien ist dringend notwendig.
Es ist auch in russischem Interesse, die Rolle der OSZE zu
stärken. Schließlich hat sich Russland als OSZE-Mitglied
jahrelang aktiv engagiert und wertvolle Arbeit geleistet.
Die OSZE ist nicht die NATO. Die OSZE hat sich in der
Vergangenheit sehr bewährt und könnte zur Grundlage
für eine neue Sicherheitsarchitektur in Europa werden,
die Russland nicht ausgrenzt, sondern integriert. Die
militärische Einkreisungspolitik, die die NATO
gegenüber Russland immer noch praktiziert, entspricht der
Geisteshaltung des Kalten Krieges. Sie verschärft die
Konfrontation und muss deshalb umgehend beendet
werden. Vor diesem Hintergrund ist es politisch
unverantwortlich, dass die Koalitionsfraktionen in ihrem Antrag
ausgerechnet die NATO-Beitrittsoption für Georgien
ausdrücklich bekräftigen. Auch im Antrag der Grünen wird
die Aufnahme Georgiens in die NATO nur für den
Moment ausgeschlossen, jedoch nicht für die Zukunft. Einzig
die Linke lehnt die Aufnahme neuer NATO-Mitglieder ab.
Frieden und Sicherheit in Europa bedürfen der
Partnerschaft mit Russland und nicht seiner Ausgrenzung.
Dies würde ebenso die Lösung der Konflikte im
Südkaukasus erleichtern. Es ist sehr zu begrüßen, dass sich
in jüngster Zeit die Anzeichen für Fortschritte bei der
Lösung des Berg-Karabach-Konflikts mehren. Berg-
Karabach bildet den potenziell gefährlichsten Krisenherd
im Südkaukasus. Als Folge der seit 1994 anhaltenden
Besetzung von circa 20 Prozent des Staatsterritoriums derZu Protokoll gegebene Reden
Dr. Hakki KeskinRepublik Aserbaidschan durch die Nachbarrepublik
Armenien wird die Rückkehr von über 1 Million
Binnenflüchtlingen blockiert. Armenien leidet umgekehrt unter
den Auswirkungen der Wirtschaftsblockade und den
geschlossenen Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei,
die zur Massenauswanderung insbesondere von gut
ausgebildeten Fachkräften beigetragen haben.
Die Linke unterstützt den Friedensplan, den die OSZE
den Konfliktparteien bereits 1997 unterbreitet hat.
Demnach gilt es, die armenisch besetzten Gebiete um Berg-
Karabach schnellstmöglich zu räumen, damit der
Großteil der Flüchtlinge zurückkehren kann. Erst im Anschluss
daran sollte über den endgültigen Status der abtrünnigen
Provinz entschieden werden. Die Linke befürwortet
hierbei eine Autonomielösung innerhalb der territorialen
Integrität Aserbaidschans, die den legitimen,
völkerrechtlichen Interessen aller Konfliktbeteiligten nach unserer
Auffassung am besten entspricht.
Die EU und die deutsche Bundesregierung sind
aufgerufen, ihre diplomatischen Anstrengungen für eine
friedliche Konfliktlösung im Südkaukasus zu erhöhen, um
möglichen erneuten kriegerischen Konfliktzuspitzungen
vorzubeugen. Dies gilt für Abchasien und Südossetien
ebenso wie für Berg-Karabach.
Rainder Steenblock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN):
Die alltägliche Vorstellung der Region des
Südkaukasus wird bis heute geprägt vom Krieg in Georgien im
August 2008 und seinen Folgen. Wenn man sich die
Situation an den Grenzen von Südossetien und Abchasien
anschaut, dann stellt man fest, dass sie dramatischer ist,
als es häufig in Westeuropa wahrgenommen wird. Vor
zwei Wochen begann Russland, dauerhaft Truppen an
diesen Grenzen zu Georgien zu stationieren. Zu Recht
kritisierte die Europäische Union dies als eine weitere
Verletzung der Waffenstillstandsvereinbarung.
Wir brauchen eine Deeskalation, weil sich an den
Grenzen Georgiens ein neuer Konflikt aufbaut. Wir
müssen sehr viel sensibler als in der Vergangenheit darauf
achten, dass dieser Konflikt nicht wieder heißläuft. Das
heißt unter anderem auch, dass wir ein großes Interesse
daran haben müssen, dass dort internationale
Beobachtungsstrukturen aufgebaut werden, die mehr
Eingriffsmöglichkeiten bieten, als es bei unserer EU-
Monitoringmission bisher der Fall ist. Wir brauchen dort eine sehr
viel bessere Präsenz. Noch bis Mitte Juni 2009 läuft
derzeit das Mandat für die unbewaffnete UN-Beobachter-
Mission UNOMIG in Abchasien. Sie sollte verlängert und
auf Südossetien ausgedehnt werden. Denn die UN und ihr
Sicherheitsrat sollten dafür zuständig sein. Vermittlung
erfordert Neutralität und Ergebnisoffenheit auf den
Grundlagen des Völkerrechts.
Ungeachtet der notwendigen Beobachtung des
Konfliktgebietes und der diplomatischen Suche nach einer
dauerhaften Lösung steht noch immer die Klärung der
Vorgänge im August 2008 aus. Mit Aufmerksamkeit
erwarten wir die demnächst anstehenden Ergebnisse der
auch von uns geforderten unabhängigen
Untersuchungskommission unter Leitung der Schweizer Diplomatin
Heidi Tagliavini.Unsere, die Beziehungen der Europäischen Union zu
den Ländern des Kaukasus sind eng und intensiv. Die
„Östliche Partnerschaft“ wird sie noch vertiefen, und die
Erwartungen vieler dieser Länder gerade an Deutschland
sind hoch. Deshalb begrüßen wir es, dass die
Bundeskanzlerin im Gegensatz zu vielen anderen westeuropäischen
Regierungschefs an diesem Treffen teilgenommen hat.
Wir haben allerdings kein Verständnis dafür, dass diese
Länder in der Abschlusserklärung nicht, wie
ursprünglich im Entwurf vom Ratsvorsitz vorgesehen, als
europäische Länder bezeichnet werden. Falls dies mit aktiver
deutscher Beteiligung bzw. aufgrund deutscher
Intervention verändert wurde, war es ein schwerer Fehler, den wir
scharf verurteilen. Diese Länder sind unsere
europäischen Partner, und die Beziehungen beruhen auf den
Werten der gemeinsamen Mitgliedschaft im Europarat. Und
die Einhaltung dieser Werte ist die Grundlage für Frieden
und Stabilität in dieser Region.
Territoriale Integrität ist eine zentrale Säule des
Völkerrechts. Das gilt für die Lösung des Konflikts zwischen
Russland und Georgien genauso wie für den Konflikt
zwischen Aserbaidschan und Armenien. Aber wir werden
diese Konflikte nur lösen können, wenn die
Selbstbestimmungsrechte von Minderheiten sichergestellt werden und
wenn die Bereitschaft zu sehr weitgehenden
Autonomieregelungen ehrliches Anliegen aller Konfliktpartner ist.
Solange es Hunderttausende Flüchtlinge gibt, vor allem
in Georgien und Aserbaidschan, bleiben die Wunden
offen. Für sie muss mehr investiert werden, und vor allem
muss die Rückkehr in ihre Heimat ermöglicht werden. Die
jüngsten Entwicklungen in den Beziehungen zwischen der
Türkei und Armenien geben Anlass zu der Hoffnung, dass
dies auch positive Wirkung auf den direkten Konflikt
zwischen Armenien und Aserbaidschan, aber auch für die
Region als Ganzes, entfalten kann.
Eine Schlüsselrolle zur Lösung all dieser Konflikte
wird Russland spielen. Deshalb ist die Integration
Russlands in internationale Konfliktlösungsstrategien
notwendig. Die EU muss dabei in allen Verhandlungen mit
Russland aber deutlich machen: Es geht nicht um die
Aufteilung in Einflusszonen. Es geht um die eigenständige,
freie und demokratische Entscheidung jedes dieser
Länder über seine eigene Zukunft. Dabei ist ökonomischer
Druck genauso fehl am Platz wie politische oder
militärische Provokation.
Deshalb ist es richtig, die Art der russischen
Militärpräsenz in Südossetien zu kritisieren, aber deshalb war
es zumindest unklug, jetzt ein Manöver der NATO in
Georgien abzuhalten. Das NATO-Argument langer Planung
und Bekanntheit zieht nicht, denn inzwischen hat
immerhin ein Krieg stattgefunden. Die Manöver geben zum
jetzigen Zeitpunkt, noch nach einem angeblichen oder
vermeintlichen „Militärputsch“ in Georgien, unnötige
Gelegenheit zur politischen Instrumentalisierung.
Alle Länder des Südkaukasus verdienen unsere
Unterstützung. Sie ist ebenso notwendig wie die eigenen
Anstrengungen der Menschen in den drei Ländern, damit die
Wertegemeinschaft des Europarates und die Werte der
Europäischen Union dort auch erfolgreich und dauerhaft
wirksam werden können.Zu Protokoll gegebene Reden