Rede von Manfred Grund (CDU/CSU) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8 a und 8 b: Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),.
Text
Rede von Manfred Grund (CDU/CSU) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Vielen Dank, Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Wir debattieren zwei Anträge von der FDP und von
der Linksfraktion nicht nur zu einer späten Tageszeit,
sondern auch zu einem Zeitpunkt im Jahr, zu dem die
Intention beider Anträge durch Zeitablauf fast überholt ist.
In dem Antrag der FDP geht es um freie faire Wahlen im
Jahre 2008, und die Linksfraktion nimmt die
europäische Nachbarschaftspolitik zum Anlass, um Stabilität
und Frieden in der Region anzumahnen. Beides ist durch
Ereignisse in der Region, aber auch durch Zeitablauf ein
wenig überholt.
(Dr. Hakki Keskin [DIE LINKE]: Die
Konfliktsituation ist noch da!)
Anfang des Jahres fanden in Armenien
Präsidentschaftswahlen statt, die weitestgehend frei abgelaufen
sind. Trotzdem hat es dort im Anschluss an diese Wahlen
Ausschreitungen mit mehreren Toten und
innenpolitische Instabilitäten gegeben. Auch in Aserbaidschan
fanden Präsidentschaftswahlen statt, die allerdings nicht
den Kriterien der OSZE bzw. von ODIHR genügten; ins-besondere deshalb, weil es überhaupt keine Alternative
zum Präsidenten Alijew gab, war eine freie Wahl nicht
möglich. Bei den Parlamentswahlen in Georgien am
5. Januar dieses Jahres und den Präsidentschaftswahlen
im Mai konnten OSZE und ODIHR Fortschritte im
Vergleich zu den anderen Wahlen feststellen. Trotzdem hat
es aufgrund massiver Kritik und von
Fälschungsvorwürfen der Opposition, aufgrund der vorausgegangenen
Repressalien – Verbot des einzigen oppositionellen
Fernsehsenders – und der Unruhen im Herbst 2007 und
aufgrund eines möglicherweise erfolgten Stimmen- und
Wählerkaufs, was für uns OSZE-Beobachter nicht
immer zu verifizieren war, auch dort Probleme gegeben.
Insofern sind alle drei Regierungen, alle drei Länder in
dieser Region politisch als eher instabil zu bezeichnen.
Wir stehen vor einer Situation, die sich in den nächsten
Monaten und Jahren wahrscheinlich in negativer Weise
weiterentwickeln wird.
Beim Antrag der Linken geht es eigentlich gar nicht
um die europäische Nachbarschaftspolitik, wie sie
angelegt ist, sondern um deren Neuausrichtung, eine
Umjustierung. Der Ansatz der Linken lautet: Durch die
neoliberale Politik, die in dieser Region gemacht worden ist,
und durch eine drohende Militarisierung der Region
auch seitens Europas entstehen Konflikte, die nur zu
lösen sind, wenn man, wie es Kollege Keskin ausgeführt
hat, die sozialen Spannungen abbaut und eine andere
Wirtschaftspolitik einführt.
(Dr. Hakki Keskin [DIE LINKE]: Unter
anderem!)
Dies kann nicht Intention unserer Nachbarschaftspolitik
sein und gehört auch nicht zu unseren Möglichkeiten.
Insoweit können wir auch diesem Antrag überhaupt nicht
folgen.
Viele Ansätze im Antrag der FDP sind inhaltlich
durchaus richtig. Aber ich bedauere es – das sagte ich
auch schon in meiner ersten Rede zu diesem Antrag –,
dass zu sehr pauschalisiert und gleichgesetzt wird; kleine,
durchaus vorhandene Fortschritte werden zu wenig
gesehen. Noch einmal zurück zu Georgien: Bei allen
Fragezeichen, die an den Wahlen in Georgien anzubringen
sind, stellten die Parlaments- und
Präsidentschaftswahlen einen Fortschritt gegenüber dem dar, was es in
Georgien vorher gegeben hatte. Dies sollte man durchaus
anerkennen; dies gilt auch für andere Bereiche wie etwa
den Menschenrechtsdialog. Hier wäre also etwas mehr
Differenzierung angebracht gewesen.
Wir behandeln diese beiden Anträge heute
abschließend. Vielleicht könnten wir zu Beginn des nächsten
Jahres mit einem neuen Antrag auf viel breiterer Basis
– nicht nur der Koalition, sondern möglicherweise auch
der anderen Fraktionen – das Thema Südkaukasus neu
debattieren. Dabei geht es nicht nur um den Krieg um
Südossetien und die Fakten, die danach geschaffen
wurden. Vielmehr erkennen wir eine Annäherung zwischen
Russland und Aserbaidschan. Gazprom hat
Aserbaidschan angeboten, die in diesem Lande geförderten
Energieträger aufzukaufen und auf dem Weltmarkt
weiterzuverkaufen und damit Aserbaidschan Zugänge zu
bisher nicht erreichten Märkten zu eröffnen. Armenien,
das keine Rohstoffe hat, spürt, dass dies möglicherweise
zu seinen Lasten geht, weil es sich in seiner Not an
Russland angelehnt hat und dieses fragile Gleichgewicht in
eine Unwucht hineingeraten könnte. Am Ende könnte es
in dieser Region zu Aufrüstung und Militarisierung
kommen. Schon heute gehen Teile des Erlöses aus
Energieverkäufen in Aserbaidschan in Waffenkäufe und eine
Aufrüstung des Militärs. Von daher könnte uns hier
drohen, dass aus Frozen Conflicts heiße Konflikte werden,
wie wir es Anfang August in Georgien gesehen haben.
Die Kollegen Weisskirchen und Stinner haben noch
einmal die Frage aufgeworfen, ob nicht die
Anerkennung des Kosovo durch etliche Länder der westlichen
Welt ein Präjudiz für eine Anerkennung von Südossetien
und Abchasien durch Russland war und ob man nicht
länger hätte zuwarten sollen. Vielleicht hätten wir noch
länger warten können; aber die Kosovaren machten, wie
ich vor Ort selbst erfahren habe, überhaupt nicht den
Anschein, noch länger warten zu wollen. Möglicherweise
wäre mit einer einseitigen, von westlichen Ländern nicht
unterstützten Unabhängigkeitserklärung ein Teil dessen,
was später in diesen Prozess hineinverhandelt worden ist
und was wir jetzt mit EULEX dort implementieren
können, gar nicht mehr möglich gewesen.
Ich glaube nicht, dass die Anerkennung des Kosovo
der eigentliche Sündenfall gewesen ist. Ich denke, der
Sündenfall war 1999/2000, als die Abtrennung des
Kosovo vom damaligen Serbien eingeleitet worden ist,
ohne mit Russland zu reden und vor allem gegen
Russland. Ich glaube, das war der eigentliche Fehler. Das ist
ein Fehler, der sich fortsetzt; wie bei einer Jacke, die
man falsch zuknöpft. Alles was danach kam, vergrößerte
das Elend und unsere Unzufriedenheit mit der ganzen
Angelegenheit.
(Beifall des Abg. Gert Weisskirchen [
Wiesloch] [SPD])
Wir werden dem FDP-Antrag aufgrund seiner
verkürzten Intention leider nicht zustimmen können. Wir
bekommen aber Gelegenheit, darüber neu zu
diskutieren. Das sollten wir dringend tun, und zwar nicht nur
wegen Georgien, Aserbaidschan und Armenien, sondern
auch, weil der Nordkaukasus ein Hort der Instabilität
wird: Inguschetien, Nordossetien und Tschetschenien.
Das wird uns in den ersten Wochen des nächsten Jahres
wahrscheinlich viel stärker beschäftigen. Das muss
zusammen betrachtet werden. Wir müssen zusehen, dass
wir eine einheitliche Strategie hinbekommen. Wir
müssen mithelfen, ohne uns zu überheben. Wir müssen
versuchen, auf die Region einzuwirken, damit es zu einer
Abkühlung der Überhitzung und einer Normalisierung in
der Region kommt.
Ich hoffe und wünsche, dass wir in dieser
Gemeinsamkeit im nächsten Jahr weiterarbeiten können.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
des Abg. Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN])Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Das Wort hat nun Kollege Rainder Steenblock,
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Rainder Steenblock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
würde gerne mit einem Zitat beginnen:
Beide Seiten haben den politischen Willen, die
Beziehungen zu normalisieren.
Das ist kein Zitat, das uns aufgrund der
diplomatischen Sprachgewohnheiten normalerweise vom Hocker
reißen würde. Da dieser Satz, „Beide Seiten haben den
politischen Willen, die Beziehungen zu normalisieren“,
vor wenigen Wochen in Istanbul vom türkischen
Außenminister gesagt worden ist, nachdem er sich mit seinem
armenischen Kollegen getroffen hat, ist das eine der
besten Nachrichten, die aus dieser Region in den letzten
Jahren gekommen sind.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU und der SPD sowie des
Abg. Dr. Werner Hoyer [FDP])
Wir haben heute schon eine Debatte über den Sport
geführt. Das, was an Fußballdiplomatie zwischen
Armenien und der Türkei nach dem Fußballspiel stattgefunden
hat, ist aber wirklich bemerkenswert. Die Türkei hat sich
aus meiner Sicht in sehr positiver Weise als
Regionalmacht in diesen Konflikt eingemischt. Die Türkei hat
gesagt: Im Konflikt zwischen Aserbaidschan – einem
befreundeten Turkvolk – und Armenien – einem Volk, mit
dem die Türkei eine ganz schwierige Geschichte
verbindet – wollen wir jetzt vorankommen, und wir Türken
übernehmen die Mitverantwortung für diesen Prozess.
Das ist etwas, was wir sehr deutlich unterstützen
müssen, weil das ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg zu
einer Lösung ist.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU und der LINKEN)
Auch die Einladung der beiden Staatschefs aus
Armenien und Aserbaidschan durch den russischen
Präsidenten – Gert Weisskirchen und Manfred Grund haben
darauf hingewiesen – sowie die gemeinsame Erklärung
und die Tatsache, dass dieses Thema auf dem OSZE-
Gipfel noch einmal angesprochen werden soll, sind
Ausdruck dieser positiven Entwicklung. Ich habe mich sehr
darüber gefreut, dass Medwedew aus dem Desaster in
Georgien – insbesondere für die russische Außenpolitik
war das ein Desaster – gelernt hat. Diese Regionalmacht
hat sich mit der völkerrechtswidrigen Anerkennung von
Südossetien und Abchasien regelrecht ins Aus
manövriert. Kein GUS-Staat, kein Land der Schanghai-
Kooperation, niemand sonst hat diese Anerkennung
vollzogen. Die Russen haben sich mit der Anerkennung aus
der internationalen Gemeinschaft herauskatapultiert. Die
Reaktion von Medwedew zeigt mir, dass es Leute gibt,
die daraus gelernt haben und in die internationale
Kooperation zurückwollen. Auch das sollten wir
unterstützen. Wir können kein Interesse daran haben, Russland zu
isolieren.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Wir müssen vielmehr sehr klar sagen: Das war zwar
eine völkerrechtswidrige Anerkennung, aber wir
brauchen einen veränderten Blick Russlands auf die Politik.
Natürlich werden die Russen nicht sofort sagen, dass das
falsch war; das können sie auch nicht tun. Wir sollten
einen anderen Politikweg Russlands aber unterstützen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU)
Ein gutes Zeichen war, dass das armenische
Parlament, das aserbaidschanische Parlament und das
georgische Parlament mit einer gemeinsamen
Parlamentarierdelegation Deutschland besucht und Gespräche geführt
haben. Auch das ist als ein sehr positiver Schritt zu
werten.
(Beifall des Abg. Gert Weisskirchen
[Wiesloch] [SPD])
Die europäische Nachbarschaftspolitik, die wir in
allen drei Ländern zum gleichen Zeitpunkt gemeinsam mit
den Aktionsplänen implementiert haben, ist etwas völlig
anderes, Herr Keskin, als das, was Sie in Ihrem Antrag
beschrieben haben. Zu sagen, die europäische
Nachbarschaftspolitik diene der Militarisierung und Aufrüstung
in diesen Ländern, ist völliger Quatsch.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der FDP)
Natürlich findet dort eine Militarisierung statt. Die
Aufrüstung Georgiens durch die Amerikaner ist aus
meiner Sicht falsch. Das, was die Aseris mit ihren Ölgeldern
tun, ist falsch. Dass die Russen aus Georgien ihre
Soldaten nach Armenien geschickt haben und dort auch eine
Aufrüstung betreiben, ist auch falsch. In allen drei
Ländern sind Fehler passiert.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Ich gebe Herrn Keskin recht in der Behauptung, dass
wir uns zu spät gekümmert haben. Das ist richtig. Es war
absehbar, dass dieser Konflikt nicht kalt bleibt, sondern
heiß läuft. Das war im vergangenen Jahr immer mehr der
Fall.
Die Verantwortung der Europäer ist jetzt deutlich
geworden. Die Nachbarschaftspolitik ist das Instrument,
mit dem wir das machen können. Wir sollten aber
aufpassen, dass das viele Geld, das wir mit Blick auf unsere
Nachbarschaftspolitik in diese Region investieren
wollen, nicht ohne Konditionen investiert wird, dass wir
Kriterien setzen, dass wir dafür sorgen, dass nicht
kriminelle und korrupte Strukturen in diesen Ländern durch
unsere Gelder gestärkt werden, dass nicht Inflation
gestärkt wird, sondern dass Infrastruktur ausgebaut wird,
dass den Menschen mit unserem Geld geholfen wird.
Auch das gehört zu unserer Verantwortung, und dabei
müssen wir aufpassen. Das heißt, wir müssen in dieseRegion fahren und schauen, was dort passiert, und mit
den Leuten reden.
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU und der SPD)
Relationen
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