Rede von Dr. Bärbel Kofler (SPD) – Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 32 a und 32 b: Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3..
Text
Rede von Dr. Bärbel Kofler (SPD) – Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Die Länder des südlichen Kaukasus – Armenien,
Aserbaidschan und Georgien – haben nach der Auflösung derZu Protokoll gegebene Reden
Dr. Bärbel KoflerSowjetunion einen dramatischen Zusammenbruch ihrer
Wirtschaft und ihrer sozialen Sicherungssysteme
erfahren. Die desolate wirtschaftliche Situation verknüpfte
sich mit ethnischen und religiösen Konflikten, die ihre
Wurzeln in der Geschichte der Region Südkaukasus
haben. Gleichzeitig gibt es derzeit in allen drei Ländern
einen großen Bedarf am Aufbau von demokratischen und
rechtsstaatlichen Strukturen.
Das Verhältnis Georgiens zum Nachbarstaat Russland
ist durch die noch offene Regelung der Abchasien- und
Südossetien-Frage seit Jahren spannungsreich. Auch der
ungelöste Berg-Karabach-Konflikt zwischen Armenien
und Aserbaidschan beunruhigt die Region. Seit 1994 gibt
es einen fragilen Waffenstillstand zwischen beiden
Staaten, jedoch keinen Kompromiss, der den Frieden
ermöglicht.
Die Krise zwischen Russland und Georgien erreichte
im vergangenen Jahr eine Zuspitzung und zeigte zugleich
die internationale Dimension des südkaukasischen
Konflikts. Die Region des südlichen Kaukasus ist als
Schnittstelle zwischen Europa und Asien von großer politischer
Bedeutung. Die drei Südkaukasus-Länder streben eine
engere Bindung an Europa und die westliche
Staatengemeinschaft an. Davon erhoffen sie sich einen Beitrag zur
Lösung ihrer gegenwärtigen Problemsituation. Alle drei
Staaten sind seit einigen Jahren Mitglieder im Europarat,
sind Partnerstaaten der Europäischen
Nachbarschaftspolitik, und Georgien strebt zudem eine NATO-
Mitgliedschaft an. Frieden und Entwicklung in dieser Region sind
mithin für die internationale Gemeinschaft von großem
Interesse.
An erster Stelle aber ist eine demokratische und
wirtschaftliche Entwicklung für die Völker des Südkaukasus,
für die Menschen vor Ort von besonderer Dringlichkeit.
Immer noch leben die Hälfte der Männer und Frauen in
diesen Ländern unterhalb der Armutsgrenze. Hinzu
kommen die schrecklichen Erfahrungen von Krieg und
Bürgerkrieg. Die gesundheitliche Situation ist durch die
grenzüberschreitende Gefahr der Tuberkulose
überschattet. Eine Kultur der gewaltfreien Konfliktlösung bedarf
ebenso der Förderung wie der Schutz für Minderheiten.
Um die wirtschaftliche und politische Entwicklung des
Südkaukasus zu stärken, den Menschen vor Ort
Perspektiven zu geben und eine regionale Kooperation zwischen
den Ländern des Südkaukasus zu erreichen, leistet auch
die deutsche Entwicklungspolitik ihren Beitrag. Die
Eckpfeiler der Entwicklungszusammenarbeit mit der Region
des südlichen Kaukasus sind der Ausbau des
demokratischen Rechtssystems sowie die Stärkung der kommunalen
Demokratie und der Zivilgesellschaft. Die Förderung der
Privatwirtschaft und des Energiesektors sowie der
Aufbau von grenzüberschreitenden Nationalparks gehören
ebenso dazu wie die Bekämpfung der Tuberkulose.
Beispielsweise wird durch die deutsche Technische
Zusammenarbeit in allen drei Ländern Beratung für den
Aufbau unabhängiger und funktionsfähiger Justizsysteme
bereitgestellt. Seit 1999 werden in Georgien daher
fachliche Richterprüfungen durchgeführt. Bereits amtierende
Richter mussten sich ebenfalls dieser Prüfung
unterziehen. Sie findet zudem unter Beteiligung externer Beob-achter aus Europa und den USA statt. Gesetzesreformen
im Bereich des Zivil- und Handelsgesetzes sowie der
Zivilprozessordnung tragen zu einer verbesserten
Rechtssicherheit für wirtschaftliche Akteure in den drei Ländern
bei.
In Georgien unterstützt die deutsche Finanzielle
Zusammenarbeit ein Projekt zur Errichtung eines
funktionierenden Kataster- und Grundbuchwesens. 1991, nach
der Unabhängigkeit Georgiens, wurde aus staatlichem
Besitz faktisch über Nacht Privateigentum.
Überprüfungen alter Eigentumsrechte fanden nicht statt, die neuen
Besitzer wurden wiederum nirgendwo eingetragen.
Gemeinden konnten keine Grundsteuern erheben, weil sie
die Eigentümer nicht kannten, und die mangelnde
Rechtssicherheit im Grundbuchwesen führte zu Konflikten in
der Gesellschaft. Der Erfolg des Projekts macht sich
inzwischen bemerkbar, denn überall im Land gibt es nun
verlässliche Grundbücher. Das ist die Basis für
wirtschaftliche Entwicklung und für sozialen Frieden, aber
auch die Grundlage für ein Verantwortungsbewusstsein
von Eigentümern; denn Eigentum verpflichtet.
In Aserbeidschan hemmen gravierende
Strukturprobleme die weitere Entwicklung des Energiesektors
außerhalb des Ölsektors. Das führt trotz des Ölreichtums
zu einer schlechten Energieversorgung des Landes.
Übertragungsnetze sind veraltet, häufig überlastet und
daher instabil. Hier setzt die deutsche
Entwicklungszusammenarbeit mit einem Reformprojekt der
Elektrizitätsübertragungsanlagen an. Auch hier sind erste
Erfolge zu verzeichnen, denn das Projekt führt zu einer
besseren Energieeffizienz und einer erhöhten Versorgung
des Landes. Dadurch wird zum einen die wirtschaftliche
Wettbewerbsfähigkeit gesteigert, zum anderen der
Klimaschutz gefördert.
Zum Klimaschutz trägt zudem das „Ökoregionale
Naturschutzprogramm Südlicher Kaukasus“ bei, welches
unter anderem mit deutschen Entwicklungsgeldern
finanziert wird. Der südliche Kaukasus besitzt eine
einzigartige biologische Vielfalt, die durch Wilderei,
Überweidung und Holzeinschlag akut bedroht ist. Der mit unserer
Unterstützung gegründete Umweltstiftungsfonds
finanziert die Entwicklung und Umsetzung einer regionalen
Naturschutzstrategie.
Mit solchen Beispielen könnte ich im Bereich der
Förderung des Klein- und Mittelstandes fortfahren, wo durch
Mikrokredite nicht nur die Wirtschaft belebt wird,
sondern auch der Korruption im Kreditwesen der Kampf
angesagt wird.
Aber lassen sie mich noch ein besonderes Augenmerk
auf die Friedensarbeit und Konfliktprävention der
Entwicklungszusammenarbeit werfen. Hier arbeiten die
deutschen Durchführungsorganisationen Hand in Hand
mit unseren politischen Stiftungen. Sie fördern den
Erfahrungsaustausch zwischen politischen
Entscheidungsträgern, Mediatoren und Multiplikatoren, Vertretern von
Menschenrechtsgruppen sowie Medien. Dabei wird
Themen wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und religiöser
Toleranz sowie dem Schutz von Minderheiten besondere
Aufmerksamkeit geschenkt. Das Besondere an den
konfliktpräventiven Initiativen ist ihre regionale Dimension.Zu Protokoll gegebene Reden
Dr. Bärbel KoflerSie sind als grenzüberschreitende Kooperationen
angelegt und arbeiten mit unterschiedlichen Akteuren und
Entscheidungsträgern aller drei Länder.
Die Kaukasus-Initiative der deutschen
Entwicklungspolitik ergänzt in vielen Punkten die deutsche
Außenpolitik sowie Europapolitik. Gerade Letztere wurde mit der
„Östlichen Partnerschaft“ in der vergangenen Woche
noch einmal vertieft. Hierbei soll unter anderem die
Kooperation der Länder untereinander gefördert werden.
Die langfristige und nachhaltige Begleitung der
Transformationsprozesse in der Region des südlichen
Kaukasus wird seit 2001 mit 50 Millionen Euro jährlich
aus dem entwicklungspolitischen Bundeshaushalt
finanziert. Die bereits geschilderten Maßnahmen und
Investitionen unserer Entwicklungszusammenarbeit zeigen
eines besonders deutlich: Entwicklung fördern heißt auch
immer Frieden sichern. Grenzüberschreitende Projekte
regen fachlichen und zwischenmenschlichen Austausch
auf vielen Ebenen der Gesellschaft an. Gegenseitiges
Verständnis für gemeinsame Probleme führt zu besserer
Verständigung.
Mit unserer Entwicklungspolitik stellen wir uns dem
Anspruch, Verständnis zu ermutigen und Frieden zu
fördern.
Michael Link (Heilbronn) (FDP):
Die Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen
erneut, dass eine Aussprache über den Südkaukasus nur
unter dem Bezug zu den regionalen Akteuren Russland und
Türkei geschehen kann.
Die Reaktion Russlands auf das NATO-Manöver im
Rahmen der Partnerschaft für den Frieden und die
Reaktionen Aserbaidschans auf die türkisch-armenische
Annäherung zeigen, wie stark die verschiedenen
Problemlagen innerhalb der Region miteinander verzahnt und
verflochten sind. Dies mag mancher von uns bedauern,
zumal Akteure in allen Staaten der Region gleichermaßen
eine Lösung der Konflikte in die Geiselhaft eigener
partikularistischer und aggressiver Politiken nehmen.
Man kann über den ungünstigen Zeitpunkt des
Militärmanövers in Georgien diskutieren, auch wenn dieses
Manöver prinzipiell berechtigt und langfristig geplant und
angekündigt war. Die Reaktion Russlands zeigt jedoch
erneut deutlich seine Haltung in der Südkaukasus-Frage.
Die Begrifflichkeiten mögen sich geändert haben, die
russische Politik des sogenannten Nahen Auslands als
seiner von ihm so definierten exklusiven Einflusszone ist
geblieben.
Die teils reflexhafte Politik Russlands richtet sich
gegen jeden, der vermeintlich in diese Einflusszone
vordringt. Russland hat leider noch immer nicht
verinnerlicht, dass es sich bei den Nachfolgestaaten der UdSSR
um unabhängige Staaten handelt. Dieser
rückwärtsgewandte Ansatz schadet jedoch letztendlich auch Russland
selbst. Im Gegensatz zur EU hat das Land leider noch
nicht begriffen, dass es sich bei internationaler
Kooperation nicht um ein Nullsummenspiel handelt.Die zwanghafte Einteilung in Freunde und Feinde
schadet hingegen allen Seiten und behindert
Entwicklung, Frieden und Wohlstand. Diese Lektion haben wir in
Europa bitter lernen müssen, und deshalb besteht für die
FDP deutsche Außenpolitik immer zuerst aus einer
Selbstverpflichtung zur Kooperation. Eine solche
Selbstverpflichtung zur Kooperation erwarten wir auch von
Russland – und natürlich von den südkaukasischen
Staaten.
Verpflichtung auf Kooperation ist auch ein integraler
Teil der Botschaft, die in der „Östlichen Partnerschaft“
steckt, die am 7. Mai 2009 in Prag offiziell initiiert wurde.
Das geringe Interesse mancher Mitgliedstaaten an der
Inauguration war allerdings, das muss man leider
deutlich sagen, ein Armutszeugnis. Leider ist der Mangel an
Vertrauen und gegenseitiger Achtung anscheinend ein
prinzipielles Problem im Südkaukasus. Dies zeigt sich
innerhalb der Länder im Umgang mit der politischen
Opposition. So sind die beständige Diffamierung der
Protestbewegung in Georgien und eine fast zwanghafte
verschwörungstheoretische Aufladung der Probleme in
Georgien nicht hilfreich.
Die Regierung Saakaschwili muss sich endlich der
Kritik an der eigenen verfehlten Politik der vergangenen
Monate stellen und sich konstruktiv mit der
Oppositionsbewegung auseinandersetzen. Eine substanzlose
Diffamierungsrhetorik ist der falsche Weg. Aber auch die
georgische Opposition muss mehr bieten als den Druck der
Straße.
Eine langfristige Stabilisierung der Beziehungen
zwischen der Türkei und Armenien macht die Einbindung
Aserbaidschans in den Annäherungsprozess notwendig.
Die Lösung dieser Konflikte darf kein Land auf dem Altar
rein nationaler Interessen opfern. Die berechtigten
Ansprüche Aserbaidschans auf eine Rückgewinnung der von
Armenien besetzten Gebiete dürfen aber nicht dazu
dienen, die türkisch-armenische Annäherung zu torpedieren.
Im Gegenteil sollte Aserbaidschan, statt diesen Prozess
mit allen Mitteln zu bekämpfen, ihn verstärkt nutzen.
Bedauernswert ist aber auch die Reaktion der
Opposition in Armenien. Trotz der Unterdrückung durch die
aktuelle armenische Regierung sollte die Opposition ihr
Heil nicht in strammen nationalen Tönen suchen. Auch
wenn die Bearbeitung der Konflikte im Südkaukasus – von
einer Lösung kann man leider wohl erst in ferner Zukunft
sprechen – die Einbeziehung aller Konfliktparteien
verlangt, darf dies nicht dazu führen, dass die
armenischtürkische Annäherung in die Geiselhaft ultra-
nationalistischer Propaganda auf beiden Seiten genommen wird.
Bezüglich der Konflikte im Südkaukasus hat sich die
internationale Gemeinschaft klar zum Prinzip der
territorialen Integrität bekannt. Die internationale
Gemeinschaft ist aber zuallererst einer friedlichen Lösung
verpflichtet, die langfristig nur unter Berücksichtigung der
Bedürfnisse aller Parteien erreicht werden kann.
Der russisch-georgische Krieg hat gezeigt, wie
Gewalterfahrungen das Vertrauen, das für eine erfolgreiche und
friedliche Konfliktbearbeitung unabdingbar ist, nachhal-Zu Protokoll gegebene Reden
Michael Link (Heilbronn)tig zerstören. Dieser Vertrauensverlust betrifft beileibe
nicht nur Georgien, sondern bedroht die gesamte Region.
Kaukasusexperten betonen, wie sehr der Augustkrieg
den Begriff der Frozen Conflicts infrage gestellt hat. Dies
stellt das „Arrangement“, mit dem man sich bisher
begnügt hat, infrage. In Zukunft bedeutet dies, dass die
Konfliktbearbeitung von der EU und auch von Deutschland
aktiver angegangen werden muss, und zwar auf allen
Ebenen, insbesondere aber auf der Ebene der
zivilgesellschaftlichen Akteure.
Dialog ist das Gebot der Stunde! Neben vielen
internationalen Nichtregierungsorganisationen leisten
insbesondere die politischen Stiftungen hier gute Arbeit, die
gestärkt werden muss.
Die deutsche Politik ist gefordert, die im Rahmen der
„Östlichen Partnerschaft“ geplante Annäherung des
Südkaukasus an Europa aktiv zu begleiten. Viele betonen,
dass dies nicht ohne gleichzeitige Einbindung Russlands
geschehen kann – das stimmt –, aber nicht durch ein
Mitspracherecht oder Vetorecht Russlands bei der
„Östlichen Partnerschaft“ , sondern durch die zügige und
vordringliche Verabschiedung eines neuen Partnerschafts-
und Kooperationsabkommens mit Russland. Nur ein
solches neues PKA wird der besonderen Bedeutung
Russlands gerecht.
Abschließend hebe ich für die FDP hervor, dass wir
dem gelungenen Antrag der Grünen zustimmen und uns
beim Antrag der Großen Koalition enthalten werden, da
er leider auf die kritische innenpolitische Situation und
die Unterdrückung der demokratischen Opposition nicht
eingeht.
Relationen
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