Rede von Otto Bernhardt (CDU/CSU) – Drucksache 16/2520
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Drucksache 16/2520 –.
Text
Rede von Otto Bernhardt (CDU/CSU) – Drucksache 16/2520
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Sie
wissen, dass die Finanzpolitik der großen Koalition
zwei Ziele gleichzeitig anstrebt: erstens die Stärkung der
Wachstumskräfte der Wirtschaft und zweitens die
nachhaltige Sanierung der öffentlichen Finanzen. Wenn man
zwei Ziele gleichzeitig anstrebt, weil beide sehr wichtig
sind, dann kann man leider nicht maximieren, sondern
nur optimieren.
Mit einem Drittel der Einnahmen aus der geplanten
Mehrwertsteuererhöhung leisten wir einen Beitrag zur
Stärkung der Beschäftigung; denn 7 Milliarden Euro
– das entspricht etwa den Einnahmen aus einem
Mehrwertsteuerpunkt – sind für uns ein durchlaufender
Posten. Diesen Betrag nehmen wir den
Mehrwertsteuerzahlern und geben ihn den sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten. Hier wird netto gegen netto ausgetauscht.
Konjunkturpolitisch können Sie diese 7 Milliarden
vernachlässigen. Aber mit diesem Betrag leisten wir wie
gesagt einen Beitrag zur Stärkung der Beschäftigung.
Das ist eines unserer Ziele.
Die 14 Milliarden Euro aus dem Aufkommen der
beiden anderen Mehrwertsteuerpunkte sind hälftig für die
Sanierung der Finanzen der Bundesländer und des
Bundeshaushalts bestimmt. Dies wird dazu führen, dass die
Otto Bernhardtöffentliche Hand im nächsten Jahr 14 Milliarden Euro
weniger Schulden aufnehmen muss. Das bedeutet selbst
bei günstigen Zinssätzen langfristig eine Ersparnis in
Höhe von 500 Millionen Euro im Jahr. Wir machen also
endlich mit dem Schuldenabbau ernst und handeln
damit im Interesse zukünftiger Generationen.
Nun gibt es die beiden berühmten Argumente, die Sie
heute wieder gegen eine Mehrwertsteuererhöhung
vorgetragen haben. Diese werden durch Wiederholung nicht
glaubwürdiger. Das eine Argument lautet: Ihr könntet
doch mehr sparen. – Meine Damen und Herren, was hat
diese große Koalition nicht bereits alles an unpopulären
Entscheidungen zum Subventionsabbau durchgesetzt!
Ich erinnere nur an die Abschaffung der
Eigenheimzulage und die Kürzung der Pendlerpauschale. Beim
Sparen haben wir mehr gemacht als fast alle
vorangegangenen Regierungen, und das in sehr unpopulären
Bereichen. Das hat die große Koalition durchgestanden.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Wenn Sie 7 Milliarden Euro im Bundeshaushalt
einsparen wollen, dann müssen Sie an Positionen wie die
Rente, das Kindergeld oder die Infrastruktur herangehen.
Ich sage sehr deutlich: Dazu sind wir nicht bereit. Mit
uns, der großen Koalition, wird das mit Sicherheit nicht
geschehen.
(Martin Zeil [FDP]: Sie kürzen lieber die
Rente!)
Das zweite Argument gegen eine
Mehrwertsteuererhöhung lautet: Die Steuereinnahmen sprudeln. Wir
machen offenbar eine gute Politik und deshalb steigen die
Steuereinnahmen; darauf sind wir stolz. Aber wer die
Zahlen kennt, der wird mir zustimmen, wenn ich sage:
Wir stehen bei der Sanierung der Staatsfinanzen leider
noch ganz am Anfang. Wir werden den ohnehin viel zu
hohen Schuldenberg trotz der sprudelnden
Steuereinnahmen in diesem Jahr um 30 Milliarden Euro und trotz der
Mehrwertsteuererhöhung im nächsten Jahr um 20
Milliarden Euro neue Schulden erhöhen. Das eigentliche
Ziel der Finanzpolitik muss aber sein – nur so darf man
den Maastrichtvertrag und Art. 115 des Grundgesetzes
interpretieren –, dass man in wirtschaftlich „normalen“
Jahren gar keine neuen Schulden macht, dass die
Nettoneuverschuldung in schlechten Jahren maximal 3
Prozent beträgt und dass man in guten Jahren beginnt
– wenn man die momentane wirtschaftliche
Entwicklung sieht, dann kommt man zu dem Schluss, dass wir
uns in wirtschaftlich guten Jahren befinden –, Schulden
zurückzuzahlen. Wer vor diesem Hintergrund die
sprudelnden Steuereinnahmen als Argument gegen die
geplante Mehrwertsteuererhöhung anführt, der ist
entweder nicht bereit – das ist bei vielen so – oder nicht
willens, die Zahlen zu verarbeiten.
Auf dem Weg zur Sanierung der Staatsfinanzen sind
zwei Bundesländer schon deutlich weiter als wir im
Bund. Ich kann den Bayern nur wieder Lob zollen. Sie
haben in diesem Jahr einen ausgeglichenen Haushalt. Esist eine sehr positive Meldung, dass Sachsen
offensichtlich im nächsten Jahr genauso weit sein wird.
Wenn wir uns in Europa umschauen, dann stellen wir
fest, dass inzwischen fünf EU-Länder dabei sind,
Schulden zurückzuzahlen; das sind die skandinavischen
Länder und im nächsten Jahr offensichtlich Spanien. Das
muss unser Ziel sein.
Ich höre immer wieder den Vorwurf, die
Mehrwertsteuererhöhung sei nicht sozial verträglich. Ich sage
Ihnen: Die Mehrwertsteuererhöhung ist auch sozial
verträglich. Wer die Fakten kennt, der weiß, dass
wesentliche Positionen, zum Beispiel Nahrungsmittel,
unverändert mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz
von 7 Prozent belegt werden.
Das zeigt, dass unsere Politik sozial ist.
Ein weiterer entscheidender Posten, die Mieten, wird
gar nicht mit Mehrwertsteuer belegt. Von daher stelle ich
die These auf, dass zwei Drittel der Ausgaben der viel
zitierten Empfänger unterer Einkommen von der
Mehrwertsteuererhöhung überhaupt nicht tangiert werden.
Wenn Sie sich einmal in Europa umsehen, dann
werden Sie feststellen, dass wir mit 19 Prozent noch in der
unteren Hälfte liegen.
(Zuruf von der FDP: Die haben aber ein
anderes Steuersystem!)
Es gibt einige, die weniger haben, aber die Mehrzahl der
Länder innerhalb der EU hat eine höhere
Mehrwertsteuer, sodass Sie auch unter diesem Gesichtspunkt nicht
davon reden können, dass wir mit überzogenen
Positionen arbeiten.
(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Die haben aber viel niedrigere
Sozialabgaben!)
Ich sage sehr deutlich: Wem die Sanierung der
öffentlichen Haushalte ein ernstes Anliegen ist – der großen
Koalition ist es ein ernstes Anliegen; deshalb haben wir
ja die vielen unpopulären Entscheidungen getroffen –,
(Zuruf von der FDP: Der muss bei den
Ausgaben sparen!)
der kommt nicht um die Mehrwertsteuererhöhung
herum.
Interessant ist, dass die Einstellung von Wissenschaft,
Wirtschaft und inzwischen auch von weiten Teilen der
Bevölkerung zur Mehrwertsteuererhöhung eine andere
geworden ist. Es ist richtig, dass zu Beginn manches
wissenschaftliche Institut gesagt hat, es bestehe die
Gefahr, dass die Konjunktur erschlagen werde. Solche
Meldungen gab es vor einem Jahr. Lesen Sie heute einmal
nach! Das Ifo-Institut schreibt schon in der Überschrift:
Der Aufschwung ist inzwischen so robust, dass sich die
Nachfrageseite von der Mehrwertsteuererhöhung nicht
mehr ablenken lässt. – Gott sei Dank! Das ist Ergebnis
unserer Politik.
Otto BernhardtDer Antrag der FDP ist nicht mehr aktuell. Sie
müssen sich andere Themen einfallen lassen. Das Thema
Mehrwertsteuererhöhung ist abgehakt.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD – Zuruf von der FDP: Der ist
hoch aktuell!)
Wir haben ganz andere Probleme. Ich bin froh, dass die
Bevölkerung und insbesondere die wissenschaftlichen
Institute und die Wirtschaft erkannt haben, dass die
Sanierung der Staatsfinanzen etwas ganz Wichtiges ist. Vor
diesem Hintergrund – das wird Sie von der FDP nicht
überraschen – werden wir natürlich Ihren Antrag
ablehnen. Wir freuen uns, dass die Zustimmung zur
Mehrwertsteuererhöhung immer größer wird. Sie sollten sich
aktuellere Themen einfallen lassen.
Danke.