Rede von Dr. Volker Wissing (FDP) – Drucksache 16/2520
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Drucksache 16/2520 –.
Text
Rede von Dr. Volker Wissing (FDP) – Drucksache 16/2520
Ich finde das äußerst unangemessen. Es zeigt, dass
sich der sozialdemokratische Finanzminister für die
Interessen der Menschen, denen er in die Tasche greift,
längst nicht mehr interessiert.
So sagt Peer Steinbrück auch: „Wir treten vielen auf
die Füße, aber wir tun dies gleichmäßig.“ Aber wenn ich
bei der SPD bleibe und dies nach ihrer eigenen
Darstellung weiterspinne, dann muss man sagen: Mit der
Mehrwertsteuererhöhung treten Sie Beziehern größerer
Einkommen mit der flachen Sohle und denen mit geringen
Einkommen mit der Hacke auf die Füße.
Auch das Deutsche Institut für Wirtschaft gelangt zu
dem Ergebnis, dass die geplante
Mehrwertsteuererhöhung Nichterwerbstätige wie Arbeitslose und Rentner
besonders belastet. Während Ihre Politik die
Bevölkerung insgesamt um 0,8 Prozent ihres verfügbaren
Einkommens bringt, ist das obere Zehntel mit 0,6, das
untere mit knapp 1,4 Prozent dabei.
– Ich hatte es gerade gesagt. Wenn Sie zugehört hätten,
wüssten Sie es. Es ist das Deutsche Institut für
Wirtschaft.
Wo SPD draufsteht, ist eines jedenfalls nicht mehr
drin, und das ist soziale Gerechtigkeit, meine Damen
und Herren. (Beifall bei der FDP – Gabriele Frechen [SPD]:
Und davon haben Sie keine Ahnung!)
Ich muss Ihnen auch sagen: Was die SPD heute für
ganz konkret falsch hält, hält sie morgen für ganz
konkret richtig. Ich will Ihnen noch einmal Franz
Müntefering zitieren, weil Sie das ja schon langsam verdrängen:
Wenn wir jetzt die Mehrwertsteuer erhöhen, also
Produkte und Dienstleistungen spürbar teurer
machen, würde das die Binnennachfrage noch weiter
abwürgen. Das kann niemand ernsthaft wollen.
Deswegen sind wir fest entschlossen, das zu
verhindern.
So sieht es also aus, wenn Sie fest entschlossen sind,
etwas zu verhindern: Dann zahlen die Bürger nicht
2 Prozentpunkte mehr, sondern gleich 3 Prozentpunkte.
Meine Damen und Herren, die Erhöhung der
Mehrwertsteuer schwächt die Konjunktur. Daran ändert auch
die Einschätzung von Herrn Finanzminister Steinbrück
nichts, dass es sich nur um eine „leichte Delle“ handeln
wird. Man kann nicht bestreiten, dass das Ganze unter
dem Strich Arbeitsplätze kostet und nur eines fördert,
nämlich die Schwarzarbeit.
Sie müssen sich schon die Frage gefallen lassen: Was
ist denn eigentlich eine leichte Delle? Sind das 100, sind
es 1 000 oder 100 000 verloren gegangene
Arbeitsplätze? Wir wissen es heute nicht. Fest steht aber: Sie
schwächen unser Land mit einer Steuererhöhung nach
der anderen. Und es wird keinen trösten, der seinen
Arbeitsplatz verliert, wenn er vom Bundesfinanzminister
erklärt bekommt, dies geschehe nur aufgrund einer
kleinen Delle.
Diese leichte Delle wird für viele Menschen einen
herben und bitteren Einschnitt bedeuten. Finanzpolitik
findet nicht im leeren Raum statt. Was wir hier beschließen,
hat für die Menschen konkrete Auswirkungen. Das
sollten wir nicht vergessen.
Es wirkt geradezu grotesk, wenn sich die
Bundesregierung im Hinblick auf die größte Steuererhöhung in
der Geschichte unseres Landes mit einer sensationell
niedrigen Nettokreditaufnahme rühmt. Sie greifen den
Bürgerinnen und Bürgern schamlos in nicht gekanntem
Ausmaß in die Taschen und wollen dann auch noch ein
Lob für Ihre geringe Nettokreditaufnahme haben. Das
grenzt an Lächerlichkeit.
Wenn man bedenkt, dass durch die
Mehrwertsteuererhöhung um 3 Prozentpunkte die Ausgaben
entsprechend steigen, dann ist die Grenze zum Grotesken weit
überschritten. Hätten Sie die im Haushalt verfolgten
Ziele durch Sparanstrengungen erreicht, dann wäre
Ihnen der Respekt in unserem Land und – davon bin ich
überzeugt – auch des gesamten Hauses sicher gewesen.
Dr. Volker Wissing(Zuruf von der FDP: Das Geld anderer Leute
ausgeben, das können die!)
Aber den Menschen das Geld wegzunehmen und sich
dann dafür zu loben, dass die Kreditaufnahme niedriger
ausfällt, ist ein starkes Stück.
Aber wie der Bundesfinanzminister so schön festgestellt
hat: Man kann sich auch totsparen. Das
Finanzministerium ist ja auf der Regierungsbank im Augenblick nicht
vertreten.
(Martin Zeil [FDP]: Die schämen sich so! Die
sind gar nicht gekommen!)
Ich sehe aber auch sonst niemanden, der kurz davor
wäre, sich totzusparen. Wenn Sie endlich erkennen
würden, dass Sparen für den Staat keine Bedrohung
darstellt, sondern dass Einsparungen – das heißt, nicht mehr
Ausgaben, sondern weniger – eine Chance für unser
Land sind, dann würden Sie vielleicht statt von
Totsparen von Gesundsparen sprechen und endlich damit
anfangen.
Die FDP hat die Mehrwertsteuererhöhung von
Anfang an abgelehnt und wir fordern Sie heute auf, diese
Maßnahme auszusetzen. Sie schadet der Konjunktur und
gefährdet Betriebe und Arbeitsplätze in Deutschland.
Genau das haben auch Sie vor den Wahlen verkündet.
Jetzt wollen Sie aber nicht mehr daran erinnert werden.
Ich bin im Übrigen schon gespannt, was Sie den
Menschen vor der nächsten Bundestagswahl erzählen
werden.
(Gabriele Frechen [SPD]: Das sage ich Ihnen
dann, wenn es soweit ist!)
Fest steht nur, dass Sie sich nach der nächsten Wahl frei
fühlen werden, das krasse Gegenteil zu tun.
(Zuruf von der FDP: Sie werden gar nicht
mehr antreten können!)
Geld mag vielleicht glücklich machen oder nicht, aber
wenn der Finanzminister unter dem beklemmenden
Gefühl leidet, zu wenig zu haben,
(Dirk Niebel [FDP]: Er wird schon ganz krank
sein, sonst wäre er hier!)
dann sollte er ernsthaft sparen, sparen und nochmals
sparen, bevor er sich am Geld der Bürgerinnen und Bürger
bedient.
Wir wissen genauso gut wie Sie, dass bei
Steuermehreinnahmen in Höhe von 19,4 Milliarden Euro in diesem
Jahr und 20,1 Milliarden Euro im nächsten Jahr die
Mehrwertsteuererhöhung nicht notwendig ist.
Sie können auf diese Erhöhung verzichten, ohne sich
totzusparen. Sie können vor allen Dingen unserem Land
eines ersparen, nämlich dass das kleine Pflänzchen deskonjunkturellen Aufschwungs, den wir in den letzten
Monaten erlebt haben – es ist wirklich nur ein kleines
Pflänzchen –, nicht zertreten wird. Wenn Sie etwas für
Arbeitsplätze in diesem Land tun wollen, dann stimmen
Sie unserem Antrag zu, die Mehrwertsteuererhöhung
rückgängig zu machen! Die Menschen in unserem Land
werden es Ihnen danken. Dann können wir die Chance,
die sich durch die Belebung der weltweiten Konjunktur
zum Teil auch in Deutschland bietet, in großem Maße
nutzen. Die FDP steht in diesem Sinne an Ihrer Seite.
(Detlef Dzembritzki [SPD]: Bitte helfen Sie
uns nicht! Es ist allein schon schwierig
genug!)
– Sie mit Ihren klugen Zwischenrufen! Ich gehe davon
aus, dass sich die SPD weigern wird, das zu tun, wofür
Sie gewählt worden sind. Sie haben den Menschen
gesagt, Sie seien gegen die Mehrwertsteuererhöhung.
Sie werden sich heute aller Voraussicht nach weigern,
das zu tun, wofür Sie gewählt wurden. Aber wundern Sie
sich nicht, wenn sich die Menschen in Deutschland dann
beim nächsten Mal weigern, Sie zu wählen.