Protokoll der 235. Sitzung des 7. Deutschen Bundestages
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Protokoll der 235. Sitzung des 7. Deutschen Bundestages
[Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
235. Sitzung
Bonn, Donnerstag, den 8. April 1976
Inhalt:
Zur Geschäftsordnung
Porzner SPD 16347 A
Dr. Jenninger CDU/CSU 16347 C
Erweiterung der Tagesordnung
16348 A, 16470 D
Überweisung einer Vorlage an Ausschüsse
Erklärung der Bundesregierung zur
Europapolitik
Schmidt, Bundeskanzler 16348 B
Aussprache über die Erklärung der
Bundesregierung
Strauß CDU/CSU 16359 D
Präsident Frau Renger 16364 B
Brandt SPD 16371 D
Hoppe FDP 16377 B
Dr. Klepsch CDU/CSU 16381 B
Genscher, Bundesminister AA 16386 A
Dr. Aigner CDU/CSU 16413 A
Dr. Ehrenberg SPD 16415 D
Dr. Bangemann FDP 16419 A
Blumenfeld CDU/CSU 16422 C
Dr. Graf Lambsdorff FDP 16424 D
Schmidt (Wattenscheid) SPD 16428 B
von Hassel CDU/CSU 16430 B
Mischnick FDP 16433 B
Dr. Narjes CDU/CSU 16436 A
Wehner SPD 16438 D
Beratung des Antrags des Ausschusses nach
Artikel 77 des Grundgesetzes
(Vermittlungsausschuß) zu dem Gesetz zur Änderung
des Abfallbeseitigungsgesetzes —
Drucksache 7/4962 —
Willms, Senator der Freien Hansestadt
Bremen 16406 D
Beratung des Antrags des Ausschusses nach
Artikel 77 des Grundgesetzes
(Vermittlungsausschuß) zu dem Ersten Gesetz zur
Reform des Ehe - und Familienrechts —
Drucksache 7/4992 —
in Verbindung mit
Beratung des Antrags des Ausschusses nach
Artikel 77 des Grundgesetzes
(Vermittlungsausschuß) zu dem Gesetz zur Änderung
beamtenversorgungsrechtlicher
Vorschriften — Drucksache 7/4993 —
Jahn (Marburg) SPD 16407 D
Dr. Emmerlich SPD . 16409 A
Dr. Lenz (Bergstraße) CDU/CSU 16411 A
Engelhard FDP 16412 A
Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Neunzehnten Gesetzes über die
Anpassung der Renten aus den gesetzlichen
Rentenversicherungen sowie über die
Anpassung der Geldleistungen aus der
gesetzlichen Unfallversicherung und der
Altersgelder in der Altershilfe für Landwirte
(Neunzehntes Rentenanpassungsgesetz)
— Drucksache 7/4722 —, Bericht des
Haushaltsausschusses gemäß § 96 der
Geschäftsordnung — Drucksache 7/4998 —, Bericht
und Antrag des Ausschusses für Arbeit und'
Sozialordnung — Drucksache 7/4951 —
Dr. Schellenberg SPD 16442 B
Franke (Osnabrück) CDU/CSU 16443 A
Sund SPD 16446 D
Arendt, Bundesminister BMA 16450 C
Müller (Remscheid) CDU/CSU 16453 D
Geiger SPD 16456 B
Schmidt (Kempten) FDP 16458 D
Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Achten Gesetzes über die Anpassung
der Leistungen des
Bundesversorgungsgesetzes (Achtes Anpassungsgesetz — KOV —)
— Drucksache 7/4653 —, Bericht des
Haushaltsausschusses gemäß § 96 der
Geschäftsordnung — Drucksache 7/4999 —, Bericht
und Antrag des Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung — Drucksache 7/4960 —
in Verbindung mit
Zweite Beratung des von den
Abgeordneten Geisenhofer, Maucher, Burger, Dr.
Althammer, Müller (Remscheid), Höcherl,
Ziegler, Franke (Osnabrück), Dr. Mikat, Dr.
Jobst, Freiherr von Fircks, Braun, Dr. Fuchs,
Krampe und der Fraktion der CDU/CSU
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Änderung des Bundesversorgungsgesetzes
— Drucksache 7/4585 —, Bericht des
Haushaltsausschusses gemäß § 96 der
Geschäftsordnung — Drucksache 7/4999 —, Bericht
und Antrag des Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung — Drucksache 7/4960 —
Burger CDU/CSU 16461 B
Maucher CDU/CSU 16463 A, 16467 A
Glombig SPD 16465 A, 16468 A
Geisenhofer CDU/CSU 16469 A
Jaschke SPD 16470 A
Schmidt (Kempten) FDP 16470 B
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines ...
Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes
(Artikel 29 GG) — Drucksache 7/4958 — 16470 D
Zweite und dritte Beratung des von den
Fraktionen der SPD, FDP eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des
Wehrpflichtgesetzes und des
Zivildienstgesetzes — Drucksache 7/3730 —, Bericht
des Haushaltsausschusses gemäß § 96 der
Geschäftsordnung — Drucksache 7/4843 —,
Bericht und Antrag des Ausschusses für
Arbeit und Sozialordnung — Drucksache
7/4841 —
in Verbindung mit
Zweite Beratung des von der Fraktion der
CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des
Wehrpflichtgesetzes — Drucksache 7/4206 —, Bericht und
Antrag des Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung — Drucksache 3/4811 —
Biermann SPD 16471 B
Frau Tübler CDU/CSU 16474 A
Hölscher FDP 16477 C
Dr. Kraske CDU/CSU 16481 D
Möllemann FDP 16483 A
Lutz SPD 16486 A
Beratung des Berichts und des Antrags des
Verteidigungsausschusses zu dem
Jahresbericht 1974 des Wehrbeauftragten des
Deutschen Bundestages — Drucksachen
7/3228, 7/3762 —
in Verbindung mit
Beratung des Jahresberichts 1975 des
Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages
— Drucksache 7/4812 —
Schlaga SPD 16487 B
Ernesti CDU/CSU 16489 B
Möllemann FDP 16491 D
Glückwünsche zum Geburtstag des
Wehrbeauftragten Berkhan 16487 B
Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes über die Personalstruktur
des Bundesgrenzschutzes — Drucksache
7/3494 —, Bericht des
Haushaltsausschusses gemäß § 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 7/4539 —, Bericht und
Antrag des Innenausschusses — Drucksache
7/4534 —
Gerster (Mainz) CDU/CSU
16492 B
Pensky SPD 16494 B, 16496 C
Wolfgramm (Göttingen) FDP 16495 B
Dr. Wörner CDU/CSU 16496 B
Dr. Dr. h. c. Maihofer, Bundesminister BMI 16497 A
Namentliche Abstimmung 16498 A
Feststellung der Beschlußunfähigkeit 16498 D
Fragestunde — Drucksache 7/4963 vom
2.4. 1976
—Erhaltung und Fortentwicklung der
deutschen Wochenschauen und Einbeziehung
in die Filmförderung gemäß dem Beschluß
des Bundestages vom 1. Dezember 1967
MdlAnfr A32 02.04.76 Drs 07/4963
Hoffie FDP
MdlAnfr A33 02.04.76 Drs 07/4963
Hoffie FDP
Antw StSekr Bölling BPA 16390 B, C, 16391 A, B, D,
16392 A, C, D, 16393 A, B, C, D, 16394 A
ZusFr Hoffie FDP 16391 A, B, C, D
ZusFr Dr. Hupka CDU/CSU .16392 A, B
ZusFr Dr. Lohmar SPD 16392 C, D
ZusFr Nagel SPD 16393 A, B
ZusFr Kleinert FDP 16393 B, C
ZusFr Reiser SPD 16393 D, 16394 A
ZusFr Dr. Klein (Göttingen) CDU/CSU
16393 D
Pressemeldungen über den Antrag von
Kabinettsmitgliedern auf Gewährung eines
Zuschusses an die Vereinigten Deutschen
Studentenschaften (VDS) aus Bundesmitteln
sowie neue Tatsachen zur Beurteilung der
Förderungswürdigkeit der VDS
MdlAnfr A10 02.04.76 Drs 07/4963
Dr. Klein (Göttingen) CDU/CSU
MdlAnfr A 02.04.76 Drs 07/4963
Dr. Klein (Göttingen) CDU/CSU
Antw PStSekr Dr. Glotz BMBW 16394 B, C, D,
16395 A, C, D, 16396 A
ZusFr Dr. Klein (Göttingen) CDU/CSU 16394 C,
16395 A, B
ZusFr Kleinert FDP 16395 D
ZusFr Seiters CDU/CSU 16396 A
Beurteilung des Sonderprogramms der
Bundesregierung zur Bekämpfung der
Jugendarbeitslosigkeit sowie Übertragung von
Mitteln an bisher unberücksichtigt
gebliebene Arbeitsämter zur Förderung
zusätzlicher Ausbildungsplätze
MdlAnfr A12 02.04.76 Drs 07/4963
Dr. Unland CDU/CSU
MdlAnfr A13 02.04.76 Drs 07/4963
Dr. Unland CDU/CSU
Antw PStSekr Dr. Glotz BMBW 16396 A, C, D,
16397 A, B, C
ZusFr Dr. Unland CDU/CSU 16396 B, C, 16397 B, C
ZusFr Fiebig SPD 16396 D
ZusFr Stahl (Kempen) SPD 16397 A
Verhandlungen über deutschsprachige
Schulen während des Aufenthalts von
Bundesminister Rohde in Polen
MdlAnfr A14 02.04.76 Drs 07/4963
Dr. Hupka CDU/CSU
Antw PStSekr Dr. Glotz BMBW 16397 D,
16398 A, B
ZusFr Dr. Hupka CDU/CSU 16398 A, B
Maßnahmen der Bundesregierung gegen die
illegale Einschleusung indischer und
pakistanischer Staatsbürger über die
Bundesrepublik Deutschland nach Großbritannien
MdlAnfr A15 02.04.76 Drs 07/4963
Schinzel SPD
MdlAnfr A16 02.04.76 Drs 07/4963
Schinzel SPD
Antw PStSekr Baum BMI 16398 C, 16399 B, C
ZusFr Schinzel SPD 16399 A, B, C
Höhe des Rückerstattungsbetrags der von
Polen von Aussiedlern verlangten
Gebühren für Ausreisepapiere in der Zeit von
1971 bis 1975
MdlAnfr A83 02.04.76 Drs 07/07/4963
Dr. Hupka CDU/CSU
Antw PStSekr Baum BMI 16399 D, 16400 B, C
ZusFr Dr. Hupka CDU/CSU 16400 B
Maßnahmen der Bundesregierung gegen die
Einfuhr von reinem Alkohol, hauptsächlich
aus Frankreich, zu Dumpingpreisen und die
Existenzgefährdung der deutschen
Brennereien
MdlAnfr A27 02.04.76 Drs 07/4963
von Alten-Nordheim CDU/CSU
MdlAnfr A28 02.04.76 Drs 07/4963
von Alten-Nordheim CDU/CSU
Antw PStSekr Haehser BMF 16400 D,
16401 A, B, C, D
ZusFr von Alten-Nordheim CDU/CSU 16400 D,
16401 A, B, C, D
Beurteilung der Preiserhöhungen in
deutschen Automobilunternehmen unmittelbar
nach Abschluß von Tarifverhandlungen
MdlAnfr A31 02.04.76 Drs 07/4963
Dr. Jens SPD
Antw PStSekr Grüner BMWi 16402 A, C, D
ZusFr Dr. Jens SPD 16402 B, C
ZusFr Ey CDU/CSU 16402 D
Schutz der deutschen Fanggebiete in der
Nordsee gegen mögliche Übergriffe
niederländischer Schiffe auf Grund der
Fangbeschränkungen für Seezungen in den
niederländischen Küstengewässern sowie Einsatz
von Booten des Bundesgrenzschutzes
MdlAnfr A41 02.04.76 Drs 07/4963
Schröder (Wilhelminenhof) CDU/CSU
MdlAnfr A42 02.04.76 Drs 07/4963
Schröder (Wilhelminenhof) CDU/CSU
Antw PStSekr Logemann BML
16403 B, C, D
ZusFr Schröder (Wilhelminenhof) CDU/CSU
16403 C, D
Änderung der Rechtslage hinsichtlich der
Gewährung von Haushaltshilfe nach dem
Gesetz über die Krankenversicherung der
Landwirte
MdlAnfr A46 02.04.76 Drs 07/4963
Horstmeier CDU/CSU
Antw PStSekr Buschfort BMA 16404 A, B
ZusFr Horstmeier CDU/CSU 16404 B
Anzahl der gemäß den Bestimmungen der
ICAO, der IATA und den Auflagen des
Bundesverkehrsministers in bezug auf die
Beförderungstarife verfahrenden
Fluggesellschaften in Deutschland sowie
Verschärfung der Kontrollen und Erhöhung der
Ordnungsstrafen bei Verstößen gegen diese
Bestimmungen
MdlAnfr A50 02.04.76 Drs 07/4963
Schmidt (Niederselters) SPD
MdlAnfr A51 02.04.76 Drs 07/4963
Schmidt (Niederselters) SPD
Antw PStSekr Jung BMV . 16404 C, D, 16405 A, B
ZusFr Schmidt (Niederselters) SPD 16404, D
16405 A
Verhinderung des Verkaufs von
Superkraftstoff mit zu geringen Oktanwerten an
Tankstellen, insbesondere an
Autobahntankstellen
MdlAnfr A63 02.04.76 Drs 07/4963
Immer (Altenkirchen) SPD
Antw PStSekr Jung BMV 16405 C, D
ZusFr Immer (Altenkirchen) SPD 16405 C, D
Restbestände und Vernichtung der
ungültigen Briefmarken mit der Abbildung des
ehemaligen Bundespräsidenten D. Dr. Dr.
Heinemann
MdlAnfr A68 02.04.76 Drs 07/4963
Dr. Dollinger CDU/CSU
Antw PStSekr Jung BMP 16406 A, B, C
ZusFr Dr. Dollinger CDU/CSU 16406 B
Nächste Sitzung 16498 D
Anlage
Liste der entschuldigten Abgeordneten . .16499* A
235. Sitzung
Bonn, den 8. April 1976
Beginn: 9.00 Uhr
Präsident Frau Renger: Die Sitzung ist eröffnet.
Meine Damen und Herren, das Wort zur
Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete Porzner.
Porzner (SPD): Frau Präsidentin! Meine verehrten
Damen und Herren! Die sozialdemokratische
Bundestagsfraktion und die Fraktion der Freien
Demokratischen Partei haben beantragt, den
Gesetzentwurf über die Personalstruktur des
Bundesgrenzschutzes — Drucksachen 7/3494, 7/4539 und 7/4534 —
auf die Tagesordnung zu setzen, und dies mit der
Bitte verbunden, diesen Gesetzentwurf nach Punkt 6
der Tagesordnung aufzurufen.
Ich will das folgendermaßen begründen: Der
Ältestenrat hatte schon einmal beschlossen, diesen
Gesetzentwurf auf die Tagesordnung zu setzen. Er
wurde dann auf Wunsch der Bundesregierung
wieder abgesetzt, weil mit den Bundesländern noch
einiges besprochen werden mußte. Diese Gespräche
mit den Bundesländern haben inzwischen
stattgefunden, und man ist zu einer Verständigung
gekommen.
Es liegt uns daran, daß die Verbesserungen für
das berufliche Fortkommen der Beschäftigten beim
Bundesgrenzschutz am 1. Juli in Kraft treten
können. Wir hatten bei den Gesprächen vorher nicht
die Gewißheit, daß der Bundesrat diesen
Gesetzentwurf in seiner Sitzung am 14. Mai behandeln
würde, wenn wir ihn erst in der ersten
Beratungswoche im Mai im Bundestag in zweiter und dritter
Lesung behandeln. Gestern abend noch habe ich
erfahren, daß ein Mitglied des Bundesrates dazu
bereit wäre. Darauf kann sich aber meine Fraktion
nicht verlassen, auch nicht die Fraktion der Freien
Demokratischen Partei.
Deswegen bitten wir Sie, dem Antrag der
Fraktionen der SPD und der FDP zuzustimmen und
diesen Gesetzentwurf auf die Tagesordnung zu
setzen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Präsident Frau Renger: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Dr. Jenninger.
Dr. Jenninger (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Die CDU/CSU-
Bundestagsfraktion bedauert, daß die
Regierungskoalition wieder einmal entgegen allen
interfraktionellen Abmachungen, entgegen aller sachlichen
Notwendigkeit und aller parlamentarischen
Gepflogenheit mit ihrer Mehrheit die Aufsetzung eines
Punktes auf die Tagesordnung erzwingen will. Seit
über drei Monaten — das hat Kollege Porzner eben
angedeutet — wird dieser Punkt von der Koalition
im Ältestenrat von Woche zú Woche verschoben,
weil er angeblich noch nicht beratungsreif sei. Noch
in der letzten Woche ließen uns die Kollegen
Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD und FDP
mitteilen, daß sie damit einverstanden seien, daß
dieser Punkt in der ersten Maisitzungswoche
beraten werden solle. Vor zwei Tagen hat man nun
plötzlich die Meinung um 180 Grad gedreht und
verlangt quasi über Nacht, diesen Punkt noch heute
als dringend zu behandeln.
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat bisher
keine Gelegenheit gehabt, diesen Punkt in ihren
Fraktionsgremien zu beraten.
(Zurufe von der SPD)
Es ist alter parlamentarischer Brauch, daß man auf
solche Wünsche der Fraktionen Rücksicht nimmt.
Aber im Zeitalter der zu Ende gehenden
sozialliberalen Koalition wird offensichtlich auf solche
Selbstverständlichkeit keine Rücksicht mehr genommen.
(Beifall bei der CDU/CSU - Lachen bei der
SPD)
Meine Damen und Herren, ich verkenne nicht,
daß es im Interesse aller Fraktionen dieses Hauses
liegt, daß dieser Gesetzentwurf am 1. Juli dieses
Jahres in Kraft tritt und deswegen noch am 14. Mai
im Bundesrat behandelt werden muß. Ich selbst
habe mich dafür eingesetzt und die Zusage der
CDU/CSU-Mehrheit im Bundesrat erhalten, daß
dieser Punkt in jedem Falle am 14. Mai im Bundesrat
behandelt wird. Dies habe ich auch den
Koalitionsfraktionen gestern mitteilen lassen, so daß eine
Notwendigkeit, dieses Gesetz heute nacht noch zu
behandeln, mitnichten gegeben ist.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn
wir dem Antrag des Kollegen Porzner
widersprechen, dann nicht deswegen, weil wir uns mit allen
Mitteln gegen die Beratung dieses Gesetzes zur
Wehr setzen wollen, sondern weil wir damit auch
gegen diese Art der Behandlung und gegen diesen
Stil in diesem Hause protestieren wollen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD)
Präsident Frau Renger: Meine Damen und Herren,
weitere Wortmeldungen zur Geschäftsordnung
liegen nicht vor. Wir kommen zur Abstimmung.
Wer dem Antrag der Fraktionen der SPD und
FDP, die zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes über die Personalstruktur des
Bundesgrenzschutzes — Drucksachen 7/3494, 7/4539, 7/4534 — auf
die Tagesordnung zu setzen, zuzustimmen wünscht,
den bitte ich um ein Handzeichen. -- Gegenprobe!
— Enthaltungen? — Das erste war die Mehrheit.
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung soll
die heutige Tagesordnung um die in der Ihnen
vorliegenden Liste aufgeführten Vorlagen erweitert
werden:
1. Beratung des Antrags des Ausschusses nach Artikel 77 des
Grundgesetzes (Vermittlungsausschuß) zu dem Gesetz zur
Änderung des Abfallbeseitigungsgesetzes
— Drucksache 7/4962 —
Berichterstatter: Senator Willms
2. Beratung des Antrags des Ausschusses nach Artikel 77 des
Grundgesetzes (Vermittlungsausschuß) zu dem Ersten Gesetz
zur Reform des Ehe- und Familienrechts (1. EheRG)
— Drucksache 7/4992 —
Berichterstatter: Abg. Jahn (Marburg)
3. Beratung des Antrags des Ausschusses nach Artikel 77 des
Grundgesetzes (Vermittlungsausschuß) zu dem Gesetz zur
Änderung beamtenversorgungsrechtlicher Vorschriften
— Drucksache 7/4993 —
Berichterstatter: Abg. Jahn (Marburg)
Das Haus ist damit einverstanden.
Der Bericht über die Durchführung des
Bundessozialhilfegesetzes hinsichtlich der Hilfe zur
häuslichen Pflege und der Hilfe für alleinstehende
Elternteile mit mindestens zwei Kindern unter 16
Jahren — Drucksache 7/4947 — soll gemäß § 76 Abs. 2
der Geschäftsordnung dem Ausschuß für Jugend,
Familie und Gesundheit - federführend —, dem
Haushaltsausschuß — mitberatend — und gemäß
§ 96 der Geschäftsordnung überwiesen werden.
Erhebt sich dagegen Widerspruch? — Das ist nicht der
Fall; so beschlossen.
Meine Damen und Herren, ich rufe Punkt 2 der
Tagesordnung auf:
Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler.
Schmidt, Bundeskanzler: Frau Präsidentin! Meine
Damen und Herren! Seit dem Abschluß der
Gemeinschaftsverträge ist unsere Außenpolitik
gleichermaßen eingebettet in die Politik der
europäischen Einigung wie in das Atlantische Bündnis. Zu
dem Gebäude, das in Europa entstanden ist — und
es ist ein in der Welt stark beachtetes Gebäude —,
hat unser Land einen Beitrag geleistet, der unserer
wirtschaftlichen Kraft und unserer tiefen
Überzeugung von der Notwendigkeit des Einigungswerks
entspricht. In absoluten Zahlen haben wir übrigens
den höchsten Beitrag von allen europäischen
Ländern geleistet. Wir tun das unverändert.
Gegenwärtig befindet sich die Europäische
Gemeinschaft jedoch nicht in einem guten
Zustand. Die schwere Rezession der
Weltwirtschaft hat die ökonomischen Unterschiede zwischen
den Partnern verschärft, und dieser Prozeß wurde
noch potenziert durch die unterschiedliche
Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit der
gesellschaftlichen und politischen Struktur der verschiedenen
Mitgliedstaaten. Die EG-Kommission hat dem
Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs vor
wenigen Tagen in Luxemburg in ökonomischen
Daten vor Augen geführt, daß der Abstand zwischen
den Partnern in den letzten zwei Jahren
schrittweise größer geworden ist, als er früher war. Unser
Freund Ministerpräsident den Uyl hatte in
Luxemburg darauf hingewiesen, daß die ökonomische
Entwicklung in den Mitgliedstaaten keineswegs im
Gleichklang erfolgt, auch nicht bloß in zwei
Geschwindigkeiten, sondern in Wahrheit mit mehreren
verschiedenen Geschwindigkeiten. Die europäische
Presse hat diese Entwicklung vor Luxemburg, aber
auch danach, z. B. bei der Kommentierung des
Tindemans-Berichts, häufig nicht ausreichend gesehen.
Die von der Kommission vorgelegten
Zahlenreihen beziehen sich auf die Entwicklung der Jahre
1973, 1974, 1975. Es ergibt sich daraus eine
erhebliche Differenz, z. B. bei der jährlichen Erhöhung der
öffentlichen Ausgaben in den einzelnen
Mitgliedstaaten. In allen drei Jahren war übrigens bei uns
die Zunahme der öffentlichen Ausgaben am
geringsten. Ähnlich war die Entwicklung zunächst noch in
Frankreich und in Belgien. Aber zwei Staaten haben
z. B. im letzten Jahr ihre öffentlichen Ausgaben
doppelt so stark erhöht wie die Bundesrepublik
Deutschland; sie hatten doppelt so hohe Zuwachsraten.
Ein noch klareres Bild ergibt sich für den
Zuwachs der Geldmenge. Sie wissen, daß es dafür
verschiedene statistische Methoden der Messung gibt.
Ich folge hier der in diesem Fall durch die EG-
Kommission angewandten Betrachtungsweise.
Dabei ist es so, daß allein drei Mitgliedstaaten der
Gemeinschaft in einem einzigen Jahr, im Jahr 1975,
ihre Geld- und Quasi-Geld-Mengen um 20 % und
mehr erhöht haben, die Bundesrepublik Deutschland
dagegen überhaupt nicht.
Die Lohnstückkosten sind in einem Staat der
Gemeinschaft in diesen drei Jahren anderthalbmal so
stark gestiegen wie in der Bundesrepublik
Deutschland, in den meisten Staaten doppelt so stark und
im Rest in zwei Fällen dreimal so stark wie in der
Bundesrepublik Deutschland.
Ein ähnliches Bild ergibt sich für die
Verbraucherpreise. In zwei Fällen liegt der Anstieg der
Verbraucherpreise in diesen drei Jahren bei dem
Anderthalbfachen des unseren, im übrigen liegt er in
diesen drei Jahren bei dem Doppelten des unseren,
und in zwei Fällen ist er sogar fast dreimal so hoch
wie bei uns.
Diese Zahlen prägen sich natürlich auch im
Außenwert der neun Währungen aus. Gegenüber
dem Beginn des Jahres 1973 hat sich der Wert der
übrigen Währungen der EG-Staaten im Verhältnis
zur D-Mark abgeschwächt, oder, anders
ausgedrückt, die Bewertung der D-Mark ist stetig
gestiegen: gegenüber dem holländischen Gulden im Laufe
der letzten 3 1/4 Jahre — von Anfang 1973 bis heute
— nur um rund 5 % — dies ist ganz unerheblich —,
gegenüber anderen Währungen innerhalb der EG
aber um .10 bis 16 % und in zwei Fällen sogar um
56 bzw. 85 %; der Wert der deutschen Währung ist
gegenüber einer anderen EG-Währung in drei
Jahren sage und schreibe um 85 % gestiegen!
Im gewogenen Durchschnitt ist der Wert unserer
Währung gegenüber allen übrigen EG-Währungen
in diesen 3 1/4 Jahren um mehr als ein Fünftel
gestiegen. Derselbe Anstieg ergibt sich gegenüber
dem gewogenen Durchschnitt der ganzen Welt; das
ist eine zufällige Übereinstimmung.
Dieser Anstieg hat sich in den allerletzten
Wochen und selbst Tagen bekanntlich fortgesetzt, zum
Teil unter spekulativen Begleiterscheinungen. Ich
komme darauf noch einmal zurück. Aber ich will
hier erwähnen, daß der Wert der D-Mark allein
seit Beginn dieses Jahres, 1976, gegenüber dem
gewogenen Durchschnitt der Welt noch einmal um
6 1/2 % gestiegen ist. In Klammern füge ich hinzu:
Man kann in dieser durch die Kapital-, Kredit- und
Devisenmärkte der Welt vorgenommenen
Bewertung erkennen, wie hoch die Teilnehmer der
Weltwirtschaft die zukünftige Leistungsfähigkeit und
Stabilität der deutschen Volkswirtschaft und der
deutschen Gesellschaft einschätzen. Klammer zu!
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Natürlich ergibt sich aus diesen
Währungsunterschieden dann auch, daß die Preise, die wir für
unsere Einfuhren zu bezahlen haben, im Laufe der
letzten drei Jahre wesentlich geringer angestiegen
sind als die Einfuhrpreise für die übrigen Länder
der Gemeinschaft. Hier haben Sie wieder den
Zusammenhang mit den Lebenshaltungskosten. Aber
auch unsere eigenen Ausfuhrpreise sind sehr viel
weniger gestiegen als diejenigen anderer
Partnerstaaten, jeweils gemessen in der Landeswährung.
Dies alles schlägt sich natürlich auch auf den
Arbeitsmärkten nieder. Auch in Sachen
Arbeitslosigkeit entwickelt sich die Bundesrepublik
Deutschland in diesem Weltrezessionsjahr deutlich
positiver, als die Entwicklungen in den
Partnerstaaten verlaufen.
Ebenso ist natürlich der erwartete Niederschlag
im realen Zuwachs sowohl des Bruttosozialprodukts
als auch des Volkseinkommens bei uns größer als
anderwärts in der Gemeinschaft.
Es ist klar, daß uns in Deutschland diese
Entwicklungen nicht in den Schoß gefallen sind. Zum Teil
beruhen sie darauf, daß — dies ist der negative
Aspekt der Ursachen — eine Harmonisierung des
ökonomischen Verhaltens der neun Mitgliedstaaten
und ihrer Regierungen trotz allen deutschen
Drängens und trotz vieler deutscher Initiativen und
Vorschläge über eine Reihe von Jahren — nicht nur die
gegenwärtige Bundesregierung, sondern auch ihre
Vorgängerin und die ihr vorangegangenen
Bundesregierungen haben darauf gedrängt — nicht entfernt
in ausreichendem Maße geglückt ist. Eine
konsequente Wirtschafts- und Sozialpolitik, die sich auf
ein verantwortungsbewußtes Verhalten der
Sozialpartner stützen konnte, hat uns einen hohen Grad
von Stabilität gegeben. Das ist befriedigend für uns.
Die unterschiedliche Entwicklung hat aber für
Europa und damit auch für unsere Europapolitik
eine sehr schwierige Situation geschaffen.
Das Ausscheiden Frankreichs aus dem europäischen
Währungverbund, der sogenannten Schlange, war
eine Konsequenz dieser Sachlage. Wir haben
Frankreichs Ausscheiden bedauert. Wir waren zu einer
Anpassung aller Leitkurse — auch der D-Mark —
innerhalb des Wechselkursverbundes, innerhalb der
Schlange bereit, wir waren zur Aufwertung bereit,
um den Zusammenhalt des Währungverbundes zu
ermöglichen. Von Frankreich ist dies gewürdigt
worden.
Ich will in diesem Zusammenhang aber auch
sagen, daß die währungs- und stabilitätspolitische
Aufgabe des Wechselkursverbundes, also der Schlange,
dann unweigerlich beeinträchtigt wird, wenn in
diesem Verbund Währungen von Ländern aneinander
-
gebunden sind, deren wirtschaftliche Grunddaten
eben nicht einigermaßen parallel, sondern so
auseinanderstrebend verlaufen, wie ich es vorhin
vorgetragen bzw. aus den Papieren, die die
Kommission in Luxemburg vorgelegt hat, zitiert habe.
Ich habe mich im Europäischen Rat in dieser
Lage gegen währungspolitische Kunstgriffe gewandt.
Durch Veränderung der bestehenden oder durch
Schaffung neuer Mechanismen käme die Wirtschafts-
und Währungsunion ebensowenig voran wie Europa
damit gedient wäre, wenn sich die Partner
stabilitätspolitisch etwa auf einer mittleren Linie träfen,
d. h. wenn wir, um uns den anderen anzunähern,
bewußt mehr Inflation in Kauf nähmen oder gar mit
Fleiß herbeiführten. Anregungen in dieser Hinsicht
sind uns gegenüber übrigens durchaus im E rnst
gegeben worden. Wir können dies nicht auf uns
nehmen, weil wir doch unsere wirtschaftliche und
unsere soziale Stabilität erhalten müssen und wollen.
Schon bisher erbringen wir erhebliche finanzielle
Beiträge für die Gemeinschaft — ich erwähnte das
bereits —, bis hin zu jenen anderthalb
Milliarden DM, die wir infolge von
Verrechnungseinheiten und Verrechnungsmodalitäten innerhalb der
Gemeinschaft zahlen, die auf längst überholten alten
Wechselkursen beruhen. Ich will hier trotzdem ganz
klar sagen: Die Bundesregierung wird dem
Bundestag und dem deutschen Steuerzahler auch in
Zukunft Opfer zugunsten der Europäischen
Gemeinschaft und sogar zugunsten einzelner Partner
innerhalb der Europäischen Gemeinschaft zumuten
müssen — und sie will dies auch tun —, allerdings unter
einer entscheidenden Voraussetzung: Die jeweiligen
eigenen ökonomischen und sozialen Anstrengungen
der Partnerstaaten und ihrer Regierungen und
Parlamente müssen so entschieden und so
erfolgversprechend sein, daß insgesamt, d. h. einschließlich
unserer zusätzlichen Beiträge, ein Fortschritt für
Europa dabei herauskommt.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Jede Regierung und jedes Parlament in den Staaten
der Europäischen Gemeinschaft muß diesen Weg
für sich selbst mit Entschlossenheit beschreiten. Die
Gemeinschaft kann dies einstweilen den
Mitgliedstaaten nicht abnehmen. Das sind Entscheidungen,
die in all den Hauptstädten in nationaler
Verantwortung getroffen werden.
Aber die Gemeinschaft kann den Staaten dabei
helfen. Zu diesem Zweck hat in Luxemburg die EG-
Kommission dem Europäischen Rat Vorschläge zur
umfassenden Koordinierung der Wirtschafts- und
Währungspolitik vorgelegt. Die Nichteinhaltung
dieser Verpflichtungen soll gegebenenfalls die
Verweigerung von Gemeinschaftshilfen auslösen. Solche
Vorstellungen waren zum Teil schon früher von
den Mitgliedstaaten theoretisch akzeptiert worden,
sind jedoch praktisch leider kaum jemals befolgt
worden.
Nur wenn und nur soweit dies gelingt, sind
Vorschläge zur Weiterentwicklung des
gemeinschaftlichen Wechselkurssystems sowie zur Verstärkung
der Mittel und der Befugnisse des Europäischen
Währungsfonds sinnvoll und erfolgversprechend.
Diese Uberzeugung hatte die Bundesregierung
schon in der dem Bundestag zugeleiteten
Stellungnahme zum Tindemans-Bericht ausgedrückt, die ja
im Auswärtigen Ausschuß — wenn ich es richtig
sehe — ohne Widerspruch der Opposition in
irgendeinem einzelnen Punkt einvernehmlich beraten
werden konnte.
Unsere Partner waren vorige Woche in
Luxemburg nicht in der Lage, konkrete Vorschläge für
Leitlinien einer von jedem Mitgliedstaat künftig
zu verfolgenden Wirtschafts- und Währungspolitik
anzunehmen. Vielmehr sollen sich die
Fachministerräte damit beschäftigen. Ich habe die Notwendigkeit
der Disziplin eindringlich vorgetragen erstens in
bezug auf das Wachstum der Geld- und
Kreditvolumina in den einzelnen Mitgliedstaaten, zweitens in
bezug auf die Haushaltspolitik, insbesondere die
Finanzierungsmethoden der Budgetdefizite, drittens
in bezug auf die Kosten- und
Einkommensentwicklung und die Einkommenspolitik in den
Mitgliedstaaten und viertens in bezug auf die
Zahlungsbilanzen. Ich habe von mehreren meiner Kollegen
durchaus Zustimmung dazu erfahren.
Der Europäische Rat hat nach dieser Diskussion
erfreulicherweise davon abgesehen, die
Notwendigkeit der Besinnung auf solche ökonomische Disziplin
durch Abgabe eines sehr allgemein gefaßten
Bekenntnisses zu relativieren. Ich sehe auch darin ein
wichtiges Ergebnis jenes Meinungsaustauschs.
Die weitere Behandlung der
Kommissionsvorschläge durch die zuständigen Minister sollte dazu
führen, daß die dringend erforderlichen
Folgerungen aus den in Luxemburg gewonnenen
Erkenntnissen von den einzelnen Regierungen, die es angeht,
gezogen werden.
Für unser Vorgehen in unserem eigenen Land
bedeutet das: Wir müssen auch künftig eine
vorbildliche Wirtschaftspolitik treiben, die gesicherte
Arbeitsplätze schafft und die notwendigen sozialen
Sicherungen und sozialen Strukturreformen
ermöglicht. Wer rechtzeitig seine Sozialordnung und seine
Wirtschaftsordnung den heutigen und den morgigen
Notwendigkeiten anpaßt, der braucht nicht nur über
Kompromisse mit Kommunisten nicht nachzudenken.
Die Staaten Europas haben zum Teil — um Herrn
Hans Dieter Kloss von der „Stuttgarter Zeitung" zu
zitieren — „versäumt, das kapitalistische
Wirtschaftssystem rechtzeitig so zu verändern und dem
Fortschritt anzupassen, daß es auch von denen
mitgetragen wird, die zum notwendigen Kapital die
notwendige Arbeit liefern."
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der FDP)
Ich stimme dem zu, was er so vor wenigen Tagen
in einer Betrachtung über die unterschiedliche
wirtschaftliche und soziale Lage in den neun
europäischen Staaten geschrieben hat.
Aber es ist ja bei all dem nicht zu spät. Vielmehr
beginnen auch anderwärts in Europa viele Menschen
damit, sich für die Erfahrungen mit modernen
Gewerkschaften und einer modernen Sozialordnung zu
interessieren. Ich drücke mich ganz zurückhaltend
aus. Die dreiseitigen Konferenzen zwischen
europäischer Unternehmerschaft, europäischen
Gewerkschaften und den Regierungen dieser neun Staaten
sind dabei ein gutes Hilfsmittel, das wir stärken und
ausbauen wollen. Aber die eigentliche Aufgabe muß
in eigener Verantwortung der Parlamente, der
Regierungen und der Sozialpartner in den neun
Staaten angepackt werden. Ehe nämlich das
Europäische Parlament auch nur eine einheitliche
Betriebsverfassung — ich rede gar nicht von
Unternehmensmitbestimmung — für ganz Europa binden d
vorschreiben kann, wird noch sehr viel Wasser die
Themse und die Seine und auch den Tiber
hinunterfließen.
Wir müssen gleichzeitig neben diesen nationalen
Anstrengungen nun allerdings den inneren Ausbau
der Gemeinschaft und die Ausgestaltung ihrer
Organe weiter voranbringen. Die Bundesregierung
unterstützt die Grundlinien von Minister
Tindemans' Bericht, die auf schrittweisen Ausbau gerichtet
sind, und dieses Haus ist sich darin ja offenkundig
einig. Wir sind dafür, daß die Entscheidungen über
Angelegenheiten der Römischen Verträge und die
Entscheidungen der Außenpolitik in einem Zentrum
zusammengeführt werden. Europa ist nur dann
handlungsfähig, wenn es sowohl ökonomisch als
auch außenpolitisch gemeinsam handelt, und dazu
muß es sich selbst befähigen. Die europäische
politische Zusammenarbeit hat sich in den letzten Jahren
in flexiblem Vorgehen bewährt.
Konsultationsverpflichtungen und die Bereitschaft der
Mitgliedstaaten, sich in aller Regel nach dem Ergebnis
gemeinsamer Beratung zu richten, sollte in Zukunft diese
Zusammenarbeit verfestigen.
Mit dem Ausbau der Gemeinschaften meine ich
allerdings in allererster Linie die Stärkung der
demokratischen Grundlage durch direkte Wahl, durch
Volkswahl des Europäischen Parlaments
(Beifall bei der SPD und der FDP)
und dann die Erweiterung seiner legislativen
Befugnisse. Mit ihrem Einsatz für die Direktwahl im
Jahre 1978 — ich habe das in der ersten Sitzung des
Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs
heute vor 16 Monaten vorgeschlagen — hat die
Bundesregierung auch seither die Grenzen des uns
Deutschen Möglichen voll ausgeschöpft. Der
Bundesminister des Auswärtigen und ich haben zum
Beispiel jetzt wieder in Luxemburg unseren Partnern
erklärt, daß wir uns in allen noch offenen Fragen,
überhaupt in allen Fragen, die die Direktwahl des
Europäischen Parlaments betreffen einschließlich des
Wochentags oder der Wochentage, an denen die
Wahl stattfinden soll, vor allem aber, was die
Aufteilung der Sitze unter die neun Staaten angeht,
jedem Kompromiß anschließen und jeden Kompromiß
hier vor dem Deutschen Bundestag vertreten
würden, auf den die anderen sich einigen könnten.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir haben uns natürlich immer mit Präferenz
eingesetzt für das vom Straßburger Parlament
selbst erarbeitete Modell, den sogenannten Patijn-
Bericht, aber unsere Bereitschaft auch zu jeder
anderen Lösung haben wir immer wieder klargemacht.
Trotz unseres sehr nachdrücklichen Einsatzes, zu
einem Kompromiß zu gelangen, haben andere
Regierungen — nicht alle — bisher keinen
gemeinsamen Weg akzeptieren können, auch nicht den sehr
intelligenten Kompromißvorschlag unseres Freundes
Präsident Giscard d'Estaing, es ganz einfach bei der
durch die Römischen Verträge und die
Beitrittsverträge hergestellten Sitzverteilung zu belassen, wie
sie heute und schon seit Jahr und Tag in Straßburg
gilt, und sie gar nicht neu zu verhandeln. Nicht
einmal die Beibehaltung der gegenwärtigen
Sitzverteilung erschien allen Regierungen akzeptabel. Ich
nehme an, Sie erkennen, daß unsere Seite, die
natürlich auch diesen Vorschlag unterstützt hat, weil er
Einigungsaussicht zu bieten schien, wirklich nichts
unversucht läßt.
Wir arbeiten gleichzeitig beharrlich an Lösungen,
welche die demokratischen, politischen, die
parteilichen Kräfte in Europa sich auf einer gemeinsamen
parlamentarischen Ebene formieren läßt. Das
Beispiel Willy Brandts, der seine Kandidatur für das
Europäische Parlament angekündigt hat, sollte auch
anderswo durchaus Schule machen.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Rawe
[CDU/CSU] : Er will ihn jetzt auf diese
Weise loswerden! — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
Auch der kürzlich erfolgte Zusammenschluß der
liberalen Parteien Europas und die offenbar
bevorstehende Entwicklung bei konservativen und
christlich-demokratischen Parteien Europas weist in die
gleiche Richtung. Unter den Sozialdemokraten hat
es das ja schon seit eh und je gegeben.
(Beifall bei der SPD)
Vom Parlament zur Kommission: Auch die EG-
Kommission muß — und ich denke: noch in diesem
Jahr — gestärkt werden, in diesem Jahr dadurch,
daß sich der Rat zunächst auf die Person des
nächsten Kommissionspräsidenten einigt, denn am 1.
Januar kommenden Jahres wird ein neuer Präsident
ins Amt treten. Dann haben die neun Regierungen
allerdings dem designierten neuen Präsidenten
erstmalig Einfluß einzuräumen auf die vertragsgemäß
von den neun Regierungen zu treffende
Entscheidung über die Berufung der Kommissionsmitglieder.
Es ist ein schwer vorstellbares System, in dem
jemand Chef einer Quasi-Regierung, der Europäischen
Kommission nämlich, sein soll, ohne bisher den
geringsten Einfluß auf die Auwahl der Kollegen
ausüben zu können, die in dieser Regierung mit ihm
zusammenarbeiten sollen.
Wir wollen die Europäische Gemeinschaft im
gesellschaftlichen und im politischen Bewußtsein der
Bürger Europas stärker verankern; darin sind wir
uns einig. Wir wollen auch den Schutz der
Grundrechte und Freiheiten des einzelnen verstärken, weil
dadurch die Europäische Gemeinschaft als politische
Grundordnung für den einzelnen Bürger unmittelbar
erlebbar gemacht wird. Unlösbar in diesen
Zusammenhang gehört die Gewährleistung des
entsprechenden gerichtlichen Rechtsschutzes für den
einzelnen. Auch darum werden wir uns kümmern; wir
sind dabei.
Ich bin weiter zuversichtlich, daß sich die
Einwohner der neun Staaten schon von 1978 an durch
einen im wesentlichen einheitlichen europäischen
Paß ausweisen und daß die Grenzkontrollen
zunehmend beseitigt werden können.
Ich denke, wir können sagen, daß wir nicht zu
den europäischen Schönrednern gehören, von denen
es viele gibt. Wir möchten uns auch nicht
europäischer Besserwisserei schuldig machen, und wir
denken nicht an irgendwelche deutschen
Führungsansprüche.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Im Gegenteil: Ich warne vor der Versuchung zu
irgendwelchen deutschen Führungsansprüchen, die
der eine oder der andere bisweilen spüren mag.
Wenn aber die Schwierigkeiten einiger anderer
Länder es zur Zeit nicht oder noch nicht möglich
machen, solche Schritte zu tun, die eigentlich für
alle geboten wären, so wollen wir darauf achten,
daß unsere Kooperationsbereitschaft und unsere
Fähigkeit zur Kooperation miteinander im Einklang
gehalten werden. Für uns Deutsche als geteilte
Nation, für die Bundesrepublik Deutschland
insbesondere, die doch den Zustand der Teilung nicht als
geschichtlich endgültig hinnehmen kann und
hinnehmen will, ist die Förderung des europäischen
Zusammenschlusses und sein Erfolg eine
Lebensnotwendigkeit.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir sind uns dessen bei jeder einzelnen
europäischen Ratssitzung und bei der Vorbereitung zu
jeder einzelnen Entscheidung auf der morgen oder
nächste Woche bevorstehenden Ratssitzung —
welcher Rat auch immer das ist — durchaus bewußt.
Wir lassen es deshalb auch zu keiner Zeit an
konstruktiver Initiative auf dem Wege zu diesem Ziel
des Fortschritts des europäischen
Zusammenschlusses fehlen.
Wir haben es auch bisher an praktischer
Solidarität nicht fehlen lassen. Ich erinnere an die
Finanzierung der Agrarfonds, der Regional- und
Sozialfonds, an den Währungsbeistand, die
Gemeinschaftsanleihen, die Bekämpfung der
Jugendarbeitslosigkeit mit Mitteln des Sozialfonds, an die vom
Europäischen Rat in Dublin vereinbarten
Korrekturmechanismen für die Beitragszahlung aus Anlaß des
britischen Referendums. Zu alledem haben wir faire
Beispiele gegeben, und wir werden das weiterhin
tun.
Ich wiederhole: Wir sind auch weiterhin zu
zusätzlichen ökonomischen Opfern bereit, wenn sie
gemeinsam mit eigenen Anstrengungen der
Partnerstaaten gebracht werden und wenn sie dergestalt
zum Fortschritt und nicht bloß zum Zustopfen von
Löchern führen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die Europäische Gemeinschaft hat trotz aller
gegenwärtigen Schwierigkeiten in einigen
Mitgliedstaaten keinen Grund zu resignieren; denn sie hat
sich durch die Weltwirtschaftskrise eben doch nicht
auseinandertreiben lassen, wenngleich die Gefahr
bestand. Großbritannien hat seine Entscheidung für
Europa im Referendum von 1975 bestätigt. Der
Beitrittsantrag Griechenlands zeigt, daß der Gedanke
der europäischen Einigung auch in den europäischen
Ländern, die noch außerhalb der Gemeinschaft
leben, nichts an Anziehungskraft verloren hat. Das
sehen wir auch auf der iberischen Halbinsel. Die
Gemeinschaft hat mit dem Abkommen von Lomé
ihre Beziehungen zu 46 Ländern der Dritten Welt
in vorbildlicher Weise geregelt. Sie hat in der
Mittelmeerpolitik Fortschritte gemacht und im
Hinblick auf Portugal gezeigt — übrigens: dort nicht
nur die Gemeinschaft, sondern auch die
Bundesrepublik Deutschland als individueller Partner
Portugals —, daß sie zu schneller und wirksamer Hilfe
bereit ist.
Die schärfste Phase der weltweiten Rezession liegt
hinter uns. Der Erfolg der europäischen
Gemeinschaftsanleihe, unter der ja eben auch unsere
Unterschrift steht, hat gezeigt, daß die Gemeinschaft auf
den Kreditmärkten der Welt Vertrauen genießt.
Insgesamt ist die Leistungsbilanz der Gemeinschaft
ausgeglichen. Es gilt jetzt, überall in den Staaten
der Gemeinschaft dem konjunkturellen Aufschwung
zum Durchbruch zu verhelfen.
Ebenso wie in der Europäischen Gemeinschaft
erfüllen wir im Atlantischen Bündnis die uns
zukommenden Aufgaben. Seit langer Zeit hatte das
Bundeskabinett die Absicht, sich einmal auf dem
Hardtberg im einzelnen mit Fragen der Bundeswehr
und des Bündnisses zu beschäftigen. Ich darf nach
dieser gestrigen Sitzung feststellen, daß die
Bundeswehr nach Überzeugung der Bundesregierung
gegenwärtig einen Spitzenstand ihrer Ausrüstung und
Ausbildung erreicht hat. Sie wird von dieser Ge
-sellschaft voll akzeptiert. Das alles gibt ihr inneres
Vertrauen, Selbstvertrauen. Wir haben unsere
Bündnispflichten ohne jeden Abstrich sorgfältig
erfüllt. Wir werden das auch weiterhin tun.
Durch die Bundeswehr tragen wir in
vertrauensvoller Zusammenarbeit mit unseren amerikanischen
Freunden und mit unseren übrigen Verbündeten
zur Bewahrung des globalen, des weltweiten
Sicherheitsgleichgewichts bei und erhalten damit die
Voraussetzungen für die Politik der Entspannung. Die
globale Balance der Kräfte ist trotz großer
sowjetischer Rüstungsanstrengungen gesichert.
Keineswegs sind wir etwa unterversichert, wie manche
Schwarzmaler in letzter Zeit glauben machen
wollten. Die zahlenmäßige Überlegenheit der anderen
Seite bei Teilen der konventionellen Streitkräfte
wird durch das überlegene nukleare Potential und
den höheren technologischen Entwicklungsstand des
Westens insgesamt ausgeglichen, und die
Abschrekkungskraft des Bündnisses ist intakt. Alle Partner
in der NATO müssen sich aber bewußt sein, daß
die Funktionsfähigkeit des Bündnisses nur
bestehenbleiben kann, wenn jeder Partner seine
Verteidigungspflichten unvermindert erfüllt.
Es gibt andererseits nach wie vor keinen Zweifel
daran, daß die beiden Weltmächte entschlossen
sind, auf der Grundlage der Machtbalance an der
Entspannungspolitik festzuhalten. Jedoch bestärken
uns Beispiele wie Angola in der Forderung, die
Entspannungspolitik, die immer nur in solchen
Regionen oder in solchen Sachbereichen funktioniert hat,
die von den Großmächten einvernehmlich
abgedeckt waren, auf die ganze Welt auszudehnen.
(Zustimmung des Abg. Wehner [SPD])
Die Ergebnisse des 25. Parteitages der
Kommunistischen Partei der Sowjetunion haben gezeigt, daß es
eine friedliche Koexistenz auf ideologischem oder
auf gesellschaftspolitischem Gebiet nicht gibt.
Niemanden überrascht das. Aber wir haben keinen
Grund, diese Auseinandersetzung zu fürchten,
solange unsere Gesellschaftsordnung ihre innere
Stärke und Glaubwürdigkeit nicht verliert,
(Beifall bei der SPD und der FDP)
solange unser Wille zu immer fortschreitender
sozialer Gerechtigkeit und unser Wille zur Bewahrung
der Freiheit ungebrochen bleiben.
(Erneuter Beifall bei der SPD und der FDP)
Nun hat es — ungeachtet mancher
Umdeutungsversuche — niemals einen Zweifel daran geben
können, daß Präsident Ford bei seiner Reaktion auf
das sowjetische Eingreifen in Angola keineswegs
von der Entspannungspolitik hat abrücken wollen.
Wir zweifeln nicht daran, daß auch Amerika
weiterhin den Abbau der Spannungen will — oder, wie
Ford in derselben Rede, die in Deutschland vielfach
so verfälschend zitiert worden ist, gesagt hat, die
„relaxation of tensions", was auf deutsch nichts
anderes heißt als „Entspannung von Spannungen".
Und zwar durch, wie Ford gesagt hat, eine Politik
des „Friedens durch Stärke", nicht durch eine
sogenannte Politik der Stärke; das ist ja nur ein
scheinbarer Anklang an ganz andere Formulierungen aus
ganz anderen Zeiten.
Europa hat als Folge der Sicherheits- und
Entspannungspolitik den Vorzug, trotz vieler ungelöster
Probleme zu einer der politisch stabilsten Zonen der
ganzen Erde geworden zu sein. Europa ist in der
Tat eine der politisch stabilsten Zonen der Welt!
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Generalsekretär Breschnew hat auf seinem
Parteitag davon gesprochen, daß die deutschsowjetischen
Beziehungen auf der Basis des Moskauer Vertrages
von 1970 in „normalen Bahnen" verlaufen. Er hat
darauf hingewiesen, daß die Gipfeltreffen der
letzten Jahre es ermöglicht haben, „das Einvernehmen
zu verbessern und die Zusammenarbeit in der
Wirtschaft und auf anderen Gebieten voranzubringen".
Natürlich wäre es uns lieber, wenn sich Fortschritte
und Verbesserungen noch rascher zeigten und wenn
sie alle Felder der Zusammenarbeit, alle
Berührungspunkte deutsch-sowjetischer Interessen
erfaßten. Dies gilt insbesondere für eine
selbstverständliche vollständige Einbeziehung West-Berlins in
diese Zusammenarbeit, die den vertraglich
anerkannten engen Bindungen West-Berlins an die
Bundesrepublik Deutschland Rechnung trägt.
Die Fortentwicklung einer kontinuierlichen, in
normalen Bahnen verlaufenden Zusammenarbeit
bedeutet aber auch, daß die Überprüfung von Gedanken,
die Überprüfung gemeinsamer unternehmerischer
Vorhaben, die man ins Auge gefaßt hat, nicht zu
Rückschlägen hochstilisiert werden darf. Ich denke
dabei etwa an das Projekt des Kernkraftwerks
Königsberg, das auf einem sowjetischen Vorschlag
beruhte und dem sowjetischen Interesse an unserer
Kooperation beim Aufbau des sowjetischen
Energieversorgungsnetzes entsprach. Wir haben unser
Interesse an der Einbeziehung der Stromversorgung
Berlins damit verknüpft. Die sowjetische Seite ist
im Verlauf der Prüfung unter technischen,
wirtschaftlichen und finanziellen Gesichtspunkten zu
dem Ergebnis gekommen, daß sie aus
wirtschaftlichen Gründen gegenwärtig an dem Projekt nicht
interessiert ist. Andererseits jedoch weist das
Interesse, das die sowjetische Seite in der gemischten
Wirtschaftskommission an der industriellen
Kooperation mit uns verfolgt, darauf hin, daß es auch
zukünftig noch große, unausgeschöpfte Möglichkeiten
gibt.
Im vorigen Monat, am 24. März, sind die
deutschpolnischen Vereinbarungen vom 8. Oktober in Kraft
getreten. Wir sind damit den Zielen unserer
Ostpolitik um einen bedeutenden Schritt näher
gekommen: die Belastungen, unter denen das Verhältnis
der Bundesrepublik Deutschland zu ihren östlichen
Nachbarstaaten und -völkern seit dem Zweiten
Weltkrieg leidet, Stück für Stück abzutragen und die
Voraussetzungen für ein vertrauensvolles
Verhältnis zu schaffen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Unsere innenpolitischen Auseinandersetzungen der
letzten Wochen zuvor haben erkennbar gemacht,
wie groß und wie dringend die Aufgaben sind, die
gerade im Hinblick auf das deutsch-polnische
Verhältnis nach wie vor vor uns liegen.
(Beifall bei der SPD)
Ich freue mich deshalb, daß sich, obwohl die
Opposition hier im Bundestag abgelehnt hat, der
Bundesrat dann doch zu einem Ja durchgerungen hat.
Die zwischen den Regierungen ausgehandelten
Verträge können den Weg für eine Annäherung
zwischen den Völkern nur vorbereiten; sie können
die Annäherung zwischen den Völkern nicht
vereinbaren. Versöhnung und gegenseitiges Vertrauen
lassen sich nicht dekretieren, sondern sie müssen aus
der Begegnung erwachsen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Nach unserer Überzeugung liegt es im Interesse
beider Staaten, das durch die Vereinbarungen
geschaffene Klima auf möglichst vielen Feldern zur
Begegnung zu nutzen: in der Wirtschaft, in der Kultur,
in der Wissenschaft. Die Geschichte der
deutschfranzösischen Beziehungen seit dem Kriege — sie
haben ja heute ein bisher ganz ungewohntes Niveau
erreicht — zeigt, daß es auf das immer bessere
unmittelbare Kennenlernen, auf die unmittelbare
Begegnung ankommt. Diese Möglichkeiten müssen wir
nun — vor allem den jungen Menschen — auch
zwischen Polen und Deutschen eröffnen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Anders als den vorangegangenen Generationen
bietet sich ihnen die Chance, ein zutreffendes Bild
voneinander zu gewinnen und zwischen beiden
Völkern ein Verhältnis der guten Nachbarschaft
herzustellen. Ich bin zuversichtlich, daß der gestern abend
vereinbarte Besuch, den der Erste Sekretär, Herr
Gierek, im Juni dieses Jahres in Bonn machen wird,
uns auf diesem Wege weiter voranbringen wird.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die deutsche Außenpolitik ist bereit, auch
außerhalb Europas zur Überwindung von Krisen und
Konflikten beizutragen. Der sehr nützliche Besuch
des ägyptischen Staatspräsidenten Sadat in der
letzten Woche hat uns Gelegenheit gegeben, die
Auffassungen eines seiner großen Verantwortung
bewußten arabischen Staatsmannes über die
Mögleichkeiten und Voraussetzungen zur Bereinigung
des Nahostkonflikts unmittelbar kennenzule rnen.
Wir haben ihm unsererseits den ausgewogenen
deutschen Standpunkt dargelegt. Einerseits treten
wir für die Verwirklichung der legitimen Rechte
des palästinensischen Volkes ein, die das
Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf Errichtung einer
eigenen staatlichen Autorität auf demjenigen
Gebiet einschließen, das von Israel im Rahmen einer
Friedensregelung zu räumen sein wird; andererseits
muß ebenso das Existenzrecht Israels innerhalb
sicherer und anerkannter Grenzen in der
Friedensregelung bestätigt werden.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir sprechen zu beiden Seiten mit derselben
Zunge. Wir sind bereit, uns gemeinsam mit unseren
Partnern in der- Europäischen Gemeinschaft an der
Herbeiführung einer dauerhaften Friedensregelung
zu beteiligen; denn die Sicherheit in Europa wird
so lange gefährdet bleiben, wie in unserer
Nachbarschaft ein gefährlicher Krisenherd schwelt. Aber wir
haben dabei weder Schutzmachtambitionen, nodi
wollen wir an Waffenlieferungsspekulationen
beteiligt sein.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Das gleiche gilt übrigens für Afrika, das einen
Prozeß langdauernder Umschichtung durchläuft.
(Wehner [SPD] : Sehr wahr!)
Die weltpolitischen Erfahrungen der letzten Jahre
zeigen unter anderem eines: Das internationale
Gewicht der Bundesrepublik Deutschland hat
zugenommen. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Faktor
geworden, der gefragt wird und der gehört wird.
Damit wird uns eine erhöhte Verantwortung auferlegt.
Wir verdanken diese Veränderung unserer Position
in allererster Linie unserer inneren Stabilität,
(Beifall bei der SPD und der FDP)
die auf sozialer Sicherheit und auf wirtschaftlicher
Leistungsfähigkeit beruht. Darüber hinaus ist es das
Ergebnis unserer Ost- und Deutschlandpolitik, die
uns diesen erheblich größeren außenpolitischen
Spielraum geschaffen hat —, all dies auf der
tragfähigen Grundlage einer konsequenten Europa- und
Bündnispolitik.
Aber dennoch sind wir keine Weltmacht. Wir
haben nicht den Ehrgeiz — und sollten ihn auch
nicht haben —, eine eigenständige weltpolitische
Aufgabe zu übernehmen. Gleichwohl leisten wir im
Rahmen unserer Möglichkeiten unsere Beiträge zur
Lösung internationaler weltpolitischer oder
weltwirtschaftlicher Probleme. Um dies weiterhin tun zu
können, konzentrieren wir auch in Zukunft einen
großen Teil unserer Kräfte auf das, was unserem
Land seine heutige Stellung verschafft hat, nämlich
auf unseren weiteren wirtschaftlichen Aufstieg und
auf den weiteren sozialen Ausgleich.
Die Wirtschaft unseres Landes zeigt einen
deutlichen Aufwärtstrend. Das Sozialprodukt steigt seit
der Mitte des vorigen Jahres. Seither ist
Auftragseingang bei der Industrie aus dem Inland wie aus
dem Ausland gestiegen. Der beträchtliche Rückgang
der Arbeitslosenzahl im März — und er wird sich
fortsetzen — untermauert diese Tendenz. Die Zahl
der Beschäftigten und die Zahl der offenen Stellen
steigt. Aber weiterhin bedarf es intensiver
Anstrengungen aller Regierungen, aller Parlamente und
Sozialpartner in Deutschland, damit die
vorhandenen Arbeitsplätze gesichert werden, damit
zukunftssichere neue Arbeitsplätze entstehen können.
Trotz der positiven Aussichten gibt es keinen
Grund zur Selbstgefälligkeit. Niemand mache sich
vor, daß die Folgen der Ölkrise oder die Folgen der
Weltrezession schon überall überwunden seien.
Aber gerade wegen der positiven Aussichten gibt es
allerdings auch keinerlei Grund für Defätismus;
denn das Schwierigste haben wir gemeistert und
haben wir hinter uns.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Ein Teil der Risiken, die noch bestehen, liegt zum
Beispiel darin, daß andere Staaten unter dem Druck
ihrer Arbeitslosigkeit, unter dem Druck
innenpolitischer Instabilität zu kurzsichtigen Reaktionen
Zuflucht nehmen könnten. Es gibt an vielen Stellen
der Welt, nicht nur in Europa, eine sehr
beunruhigende Tendenz zu handelspolitischer Abschließung
gegen andere, zu Protektionismus.
Für uns besteht die Aufgabe jetzt darin, von der
monetären Seite her genug Spielraum für ein
kräftiges reales Wachstum zu ermöglichen, zugleich aber
keine inflationären Spielräume zuzulassen. Neben
der stabilitätsgerechten Steuerung der Geldmenge
durch die Bundesbank schafft die
Einkommenspolitik, die nach meiner festen Überzeugung autonome
Sache von Gewerkschaften und
Arbeitgeberverbänden bleiben muß, durch die bisherigen
Tarifabschlüsse in diesem Jahr günstige Voraussetzungen
dafür, daß wir dieses Ziel erreichen. Allerdings muß
auch von den Unternehmungen in dieser Lage
äußerste preispolitische Disziplin erwartet werden.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die Entwicklung hängt natürlich in besonderer
Weise davon ab, daß die Investitionen ausreichend
gesteigert werden können. Ich erwarte, daß unsere
Wirtschaft in dem Maße zu neuen Investitionen
übergehen wird, wie der Aufschwung an Intensität
gewinnt. Dadurch werden nicht nur zusätzliche
Arbeitsplätze geschaffen, sondern zugleich auch die
Nachfrage gestärkt und die Ertragslage der
Unternehmen durch verbesserte Kapazitätsauslastung
günstig beeinflußt.
Die Bundesregierung sieht sich in dieser
Beurteilung der Lage in breiter Weise durch die
Einschätzung nicht nur der Forschungsinstitute und der
Wirtschaft bestätigt; auch darüber hinaus erreicht uns
manch bemerkenswertes Urteil, z. B. dieses:
Wir erleben zur Zeit, wie der
Konjunkturhimmel sich aufhellt; es gibt noch gravierende
strukturelle Probleme, aber das schwerste
„Wirtschaftsgewitter" seit den 30er Jahren zieht
ab. Auch der Welthandel gibt Anlaß zu einiger
Hoffnung, von den USA gehen Impulse zur
Verbesserung der Konjunktur aus. Die
Inflationswelle klingt leicht ab, vorerst drohen
keine besonderen Preisgefahren.
Ende des Zitats, das von Wirtschaftsexperten der
CDU in Ludwigshafen stammt, die offensichtlich
unbestreitbare Tatsachen nicht leugnen können oder
wollen, wenngleich Sie in diesem Hause manchmal
zu sehr seltsamen Deutungen und politischen
Fehlschlüssen Ihre Zuflucht nehmen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Meine Damen und Herren, auf dem Felde des
sozialen Ausgleichs, auf dem Felde der sozialen
Reform war es die unbestreitbare Leistung dieser
Gesetzgebungskoalition, mitten in einer Weltrezession,
die auch die Einnahmen unseres Staates schwer in
Mitleidenschaft gezogen hat, das soziale Netz
ausgeweitet und verdichtet, statt etwa eingeschränkt
zu haben,
(Beifall bei der SPD und der FDP)
die Reform fortgesetzt, statt sie etwa eingestellt zu
haben. Das ist der prinzipielle Unterschied zu der
Art und Weise, wie man vor 40 Jahren im eigenen
Lande versucht hat, mit den Auswirkungen einer
Weltrezession fertig zu werden.
Von den wichtigen Vorhaben aus den
Regierungserklärungen der Jahre 1973 und 1974, die in den
letzten Wochen vom Bundestag verabschiedet
worden sind, möchte ich hier beispielhaft für die eben
aufgestellte These nennen: die Neufassung des
§ 218 — endlich! —; die Reform des Ehe- und
Familienrechts, die das Recht ehrlicher macht und den
Menschen hilft, mit einem Minimum an Bitterkeit,
aber einem Höchstmaß an Fairneß den Konflikt zu
lösen, der mit dem Zerbrechen einer Ehe verbunden
ist, kommt in diesen Tagen zustande. Ich nenne
ferner die Verbesserung des Bodenrechts, die
Ausweitung des Jugendarbeitsschutzes
(Seiters [CDU/CSU] : Landtagswahl in
Baden-Württemberg! — Weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
und vor allem die Einführung der Mitbestimmung
in Großbetrieben. Alle diese Gesetze sind lange
Jahre von der Opposition bekämpft worden.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Teilweise ist sie im Bundesrat immer noch nicht
bereit, diese Reformen zum Nutzen unserer Bürger
mitzutragen
(Zurufe von der CDU/CSU)
und gültiges Recht werden zu lassen. — Ich nehme
Ihren Zwischenruf auf: Was dies wohl mit Europa
zu tun hat? Das ist es eben, daß Sie nicht verstehen,
daß unser Beitrag in Europa auf unserer
Reformleistung beruht.
(Anhaltender Beifall bei der SPD und der
FDP — Lachen bei der CDU/CSU)
Sie treffen sich in den nächsten Wochen mit den
übrigen konservativen und christlich-
demokratischen Parteien Europas. Sie werden mit den übrigen
konservativen Parteien Ihre Meinung darüber
austauschen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Aber nicht über
das Ehescheidungsrecht! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Sie werden gefragt werden, worauf denn der
wirtschaftliche und soziale Stabilitätserfolg
Deutschlands beruht. Sie werden doch nicht im Traum
darauf antworten, er beruhe auf Herrn Prof. Carstens
oder auf Herrn Abgeordneten Strauß.
(Anhaltender Beifall bei der SPD und der
FDP — Rawe [CDU/CSU] : Und nicht auf
Herrn Bundeskanzler Schmidt! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Er beruht vielmehr auf der Stabilisierung der
Sozialordnung, auf dem kontinuierlich gestärkten
Vertrauen von Millionen Menschen in den stetigen
Fortschritt unserer sozialen Ordnung.
(Beifall bei der SPD und der FDP - Zurufe
von der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren von der Christlich
-
Demokratischen Union, Sie werden morgen bei der
Reform der beruflichen Bildung zeigen müssen, ob
Sie es mit Ihrer Verantwortung für die Jugend und
für die Sicherung qualifizierter Ausbildungsplätze
für Dreiviertel unserer Jugendlichen ernst meinen.
Lippenbekenntnisse jedenfalls werden ab 1977, wo
die geburtenstarken Jahrgänge vor der Tür stehen,
nichts mehr nützen. Es wird darauf ankommen,
jetzt nicht Unsicherheiten zu schüren, sondern es
wird darauf ankommen, für die Ausbildungplätze
der jungen Leute wirklich etwas zu tun.
(Beifall bei den Abgeordneten der SPD —
Dr. Marx [CDU/CSU]: Sie dürfen keine
Hindernisse in die Wege legen! — Dr.
Jenninger [CDU/CSU] : Aber nicht die Un
ternehmer beschimpfen!)
Sie werden nach der Studentenkrise, der zu
großen Zahl von Studenten, deren-
Studienplatzwünsche wir nicht befriedigen können — wenn ich
einigen zuhöre, scheint es mir immer, das sei nicht
von den Ländern wie z. B. Baden-Württemberg,
Rheinland-Pfalz und Bayern herbeigeführt, sondern
durch die Bundesregierung —, nun nicht auch noch
eine Schülerkrise zulassen dürfen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
So steht nach Ostern eine Reihe weiterer
bedeutender sozialer Reformgesetze in diesem Hause
zur Entscheidung an.
Ich nenne das Erste Gesetz zur Bekämpfung der
Wirtschaftskriminalität. Spektakuläre oder
gewalttätige Formen des Verbrechens oder des politisch
verbrämten Terrors lassen in der öffentlichen
Beachtung diese heimliche und heimtückische Form
des Wirtschaftsverbrechens in den Hintergrund
treten. Wirtschaftsverbrechen verursachen
volkswirtschaftliche Milliardenverluste. Sie beeinträchtigen
. auch die Glaubwürdigkeit und die
Durchsetzungskraft unserer freiheitlichen Rechtsordnung. Dieses
Gesetz soll damit aufräumen, daß nur der kleine
Bürger bestraft, derjenige aber als cleverer
Geschäftsmann behandelt wird, der durch betrügerische
Manipulationen die Gemeinschaft schädigt.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Ich nenne das Arzneimittelgesetz. Das Contergan-
Geschehen hat gezeigt, daß eine umfassende
Arzneimittelsicherheit für den Bürger, übrigens auch für
die Arzneimittelhersteller, unverzichtbar ist.
Ich will hier ein Wort zu den homöopathischen
Arzneimittel sagen. Uns ist in dieser Frage- eine
große Zahl von Briefen zugegangen. Die jetzt
gefundene Fassung des Gesetzentwurfs vermeidet
eindeutig das Mißverständnis oder die vielfach
befürchtete Gefahr der Verdrängung der Naturheilmittel
vom Arzneimittelmarkt etwa durch unerfüllbare
Zulassungsanforderungen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Ich nenne die Verbesserung des Umweltschutzes
durch das Abwasserabgabengesetz. Die Belastung
unserer Gewässer hat von 1957 bis 1969 fast um
die Hälfte zugenommen. Das herkömmliche
Instrumentarium reicht zur Reinhaltung, zur Sicherstellung
der Trinkwasserversorgung nicht mehr aus.
Deswegen wird hier das Verursacherprinzip eingeführt.
Das heißt: derjenige, der die Schäden verursacht,
muß auch die Kosten für deren Beseitigung tragen.
Ich nenne das Wohnungsmodernisierungsgesetz.
Nach fast 30 Jahren einer im ganzen recht
erfolgreichen Wohnungspolitik gibt es heute in der
Bundesrepublik so viele Wohnungen wie Haushalte.
Über die Hälfte dieses Wohnungsbestandes ist nach
1948 gebaut worden, allein 6 Millionen Wohnungen
im sozialen Wohnungsbau. Jetzt geht es verstärkt
um die Erhaltung und um die Verbesserung, d. h.
auch um die Wertsicherung der Wohnungssubstanz.
(Dr. Hauser [Sasbach] [CDU/CSU] : Und die
Mieten!)
Dabei haben die seit 1974 gemeinsam
durchgeführten Modernisierungsprogramme und zusätzlich die
Konjunkturprogramme 1974 und 1975 den
Durchbruch gebracht. 1975 ist allein für die Förderung der
Wohnungsmodernisierung fast 1 Milliarde Mark zur
Verfügung gestellt worden. 1965, zehn Jahre vorher,
waren es ganze 10 Millionen DM. Neben der
Förderung des Neubaues von Wohnungen und der
Stadtsanierung ist damit die Modernisierung zur
dritten Säule der Wohnungspolitik geworden.
Ich nehme Ihren Zwischenruf wegen der Mieten
auf. Wir haben durch die wirtschaftliche Gesundung
dafür Sorge tragen können, daß der langfristige Zins
in Deutschland überall gesunken ist. Ebenso ist
dann aber auch zu verlangen, daß die Zinsen für
Sparkassenhypotheken sinken und daß diese
Zinssenkung an die Mieter weitergegeben wird, deren
Miete man damals erhöht hat, als der Zins gestiegen
war.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Zu den Aufgaben, die in den nächsten Wochen
noch vor uns liegen, gehört auch die
Körperschaftsteuerreform, die gegenwärtig noch im
Finanzausschuß beraten wird.
(Stücklen [CDU/CSU] : Und blockiert wird!)
Sie ist international und auch sozial nicht leicht zu
bewältigen. — Herr Abgeordneter Stücklen! Die
Bundesregierung, die an ihrem Kompromißentwurf,
der all diese verschiedenartigen Interessen
miteinander in Einklang bringt, festhält, geht gleichwohl
davon aus, daß die Körperschaftsteuerreform am
1. Januar 1977 in Kraft treten kann. Sie wird
übrigens im ersten Jahr zunächst zu erheblichen
Mehreinnahmen für die staatlichen Kassen führen. Sie
soll auf die Dauer den Anteilseignern die Stärkung
der Eigenkapitalbasis der Unternehmungen
ermöglichen.
Zusammen mit dem Haushalt 1976 wird der
Bundestag über die vorgeschlagene Verbesserung der
Staatseinnahmen entscheiden. Wegen der strikten
Begrenzung der Ausgaben wird der Bundeshaushalt
in diesem Jahr nur um 5 % höher sein als im
Vorjahr. Damit sind wir allerdings bis an die Grenzen
dessen heruntergegangen, was konjunkturpolitisch
zu verantworten ist. Die Nettokreditaufnahme wird
dabei um einige Milliarden Mark niedriger sein, als
wir damals bei der Aufstellung des
Haushaltsentwurfs noch erwartet haben. Obwohl erst drei Mo
-
nate dieses Jahres vergangen sind, hat der
Bundesminister der Finanzen bereits mehr als die Hälfte
der für 1976 notwendigen Kredite aufnehmen
könen, und das bei sinkenden Zinsen.
Wir können aber nach wie vor nicht darauf
verzichten, die Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte
anzuheben. Wir brauchen sie, um die
Staatsverschuldung in den nächsten Jahren abzubauen und um
Bund und Länder und Gemeinden mit den Mitteln
auszustatten, die sie für ihre zukünftigen Aufgaben
brauchen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Auch nach dieser Mehrwertsteuererhöhung wird
übrigens die Mehrzahl der europäischen Länder
immer noch einen höheren, zum Teil weit höheren
Mehrwertsteuersatz haben als die Bundesrepublik.
Wir gehen hier also einen Schritt, der aus Gründen
der Harmonisierung der Steuern in Europa ohnehin
von uns erwartet wird.
(Stücklen [CDU/CSU] : Aber die
Gewerbesteuer bleibt nach wie vor unausgeglichen!)
Die Bundesregierung weiß, daß die
Mehrwertsteuer nicht populär ist. Aber im Gegensatz, Herr
Kollege Stücklen, zu Ihnen — ich nehme Ihren
Zwischenruf auf — sagen wir den Wählerinnen und den
Wählern vor der Wahl, was nötig ist, und
verstecken uns nicht vor unserer Verantwortung.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Lachen
bei der CDU/CSU — Rawe [CDU/CSU] :
Siehe Nordrhein-Westfalen! — Dr. Carstens
[Fehmarn] [CDU/CSU] : Das wäre das erste
Mal! — Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Der Vorsitzende der CSU hat gestern seine
Ablehnung erneut öffentlich vorgetragen. Zugleich hat
er in derselben Rede erneut davon gesprochen, daß
die Grenzen des Sozialstaates erreicht seien.
(Wehner [SPD] : Hört! Hört!)
Zugleich hat er den Fiskus, die Kirchen und die
Sozialversicherung angegriffen.
(Wehner [SPD] : Hört! Hört!)
Wir glauben nicht, Herr Abgeordneter Strauß, daß
Sie die Einnahmen der Kirchen wirksam beschneiden
wollen. Aber daß Sie in die Sozialversicherung
hineinschneiden wollen, das allerdings muß jedermann
für möglich halten.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der FDP — Zuruf von der CDU/CSU: Das
hat er überhaupt nicht gesagt! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Es ist unredlich, auf der einen Seite die
Staatsfinanzen schwarzzumalen,
(Rawe [CDU/CSU] : Was Sie da vortragen,
ist unredlich! — Dr. Freiherr von Weiz
säcker [CDU/CSU] : Einen unredlichen Bun
deskanzler haben wir!)
nachdem doch die Steuerquote tatsächlich abgesenkt
worden ist, und auf der anderen Seite — —
(Zuruf von der SPD: Ruhe! — Große Heiter
keit)
- Wissen Sie, die Geräusche in der Mitte des
Hauses wie auf den Flügeln kommen mir zunehmend
bayerisch vor.
(Rawe [CDU/CSU] : Er hat den Kanzler
gemeint! — Seiters [CDU/CSU]: Meinen Sie
die SPD-Flügel? — Franke [Osnabrück]
[CDU/CSU] : Meinen Sie Herrn Bangemann?
— Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Der Redner von gestern, der Abgeordnete Strauß,
sollte sich bei all seiner Schwarzmalerei doch einmal
daran erinnern, daß die gesamte öffentliche
Verschuldung unseres Landes — ich rede hier nicht nur
vom Bund und vom Lastenausgleich und von allem,
was dazugehört, ich rede auch von den Ländern und
Gemeinden — in allen Jahren der sozialliberalen
Koalition mit einer einzigen Ausnahme nie jenen
hohen Anteil am Bruttosozialprodukt erreicht hat,
wie das in allen drei Jahren der Fall war, als Herr
Abgeordneter Strauß als Bundesfinanzminister die
Verantwortung trug.
(Beifall bei der SPD und der FDP —
Wehner [SPD] : Hört! Hört!)
Diese eine Ausnahme war das Weltrezessionsjahr
1975. Im übrigen ist in all den sieben Jahren
sozialliberaler Koalition der Anteil des Bundes an der
öffentlichen Gesamtverschuldung niemals so hoch
gewesen wie in allen den drei Haushaltsjahren, in
denen der Abgeordnete Strauß für die Verschuldung
des Bundes die Verantwortung trug.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Lachen
und Zurufe von der CDU/CSU)
Ich sage das nicht, um der damaligen Finanzpolitik
Vorwürfe zu machen.
(Lachen bei der CDU/CSU)
Wir haben die damalige Finanzpolitik mitgetragen,
sie war damals richtig. Was damals richtig war —
und was heute besser ist —, das kann doch heute
nicht schlecht und falsch sein.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wer von Ihnen sich auf die steigende Kraft beruft,
die seine Partei im Bundesrat besitzt,
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Und im Land
draußen!)
der muß sich auch bereit finden, steigende
Verantwortung zu übernehmen, statt solche Reden zu
halten.
(Beifall bei der SPD und der FDP - Dr.
Marx [CDU/CSU] : Am 3. Oktober!)
Es besteht ohnehin zwischen der Wirklichkeit
unseres Landes und dem, was innerhalb unserer
Grenzen manche Propaganda daraus macht, ein
erstaunlicher Unterschied.
(Seiters [CDU/CSU] : Bangemann hat recht!)
Ihre Propaganda verzeichnet unser Land zu einem
Notstandsgebiet. Die ganze Welt draußen fragt sich
dagegen, wie es eigentlich möglich war, daß wir
diesen Aufstieg zustande gebracht haben.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, der
Wohlstand und das soziale Netz, das wir gegenwärtig in
Deutschland erreicht haben, waren vorher in der
deutschen Geschichte nicht erreicht, und die Bürger
wissen, daß wir im internationalen Vergleich dabei
sehr gut abschneiden. Im Ausland wird Ihnen das
doch allenthalben bestätigt.
(Dr. Carstens [Fehmarn] [CDU/CSU] : Des
-
wegen sinken die Zahlen bei der SPD! —
Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Ich will, Herr Professor Carstens, in aller
Deutlichkeit ein Wort an die Adresse derjenigen
hinzufügen, die so tun, als gehe soziale Sicherheit auf
Kosten der Freiheit. Dies ist eine falsche Alternative,
(Beifall bei der SPD und der FDP — Unruhe
bei der CDU/CSU)
eine Alternative, die von uns, den Freien
Demokraten und Sozialdemokraten in gleicher Weise,
entschieden zurückgewiesen wird.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU] : Das
war ein Pappkamerad! — Weitere Zurufe
von der CDU/CSU)
Die Bürger unseres Landes sehen, daß ihnen die
flexible Altersgrenze mehr soziale Sicherheit bringt,
aber doch zugleich auch mehr persönliche Freiheit,
selber zu entscheiden, wann sie in die Rente gehen
wollen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die von uns herbeigeführte Dynamisierung der
Kriegsopferversorgung bringt mehr soziale
Sicherheit — Herr Strauß würde sagen: mehr soziale
Lasten oder „Gratifikationen" —,
(Zurufe von der CDU/CSU)
aber sie befreite die Kriegerwitwen von der
Notwendigkeit, alle paar Jahre vor den Toren des
Deutschen Bundestages zu demonstrieren.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die Erhöhung des Arbeitslosengeldes bringt mehr
soziale Sicherheit und mehr soziale Lasten —
„Gratifikationen" würde er sagen —, aber sie befreite
auch von Angst.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Daß wir dafür gesorgt haben, daß Betriebsrenten
nicht mehr verfallen, gibt die Freiheit, den
Arbeitsplatz ohne materielle Einbuße wechseln zu können.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Betriebsverfassung, Mitbestimmung und
Personalvertretung geben den Arbeitnehmern in den
Betrieben mehr Sicherheit, mehr Schutz vor Willkür, aber
sie geben auch die Freiheit zu verantwortlicher
Mitwirkung.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die verbesserte Rehabilitation, das neue
Schwerbehindertengesetz geben dem Kranken, dem
Behinderten mehr sozialen Schutz, zugleich aber auch die
Freiheit zur aktiven Mitwirkung in unserer
Gesellschaft.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die Öffnung der Rentenversicherung für die
Hausfrauen, das neue Kindergeld und viele andere
Verbesserungen erhöhen die soziale Sicherheit der
Frauen; zugleich aber vergrößern sie den Raum
für die reale Freiheit und die reale Emanzipation der
Frauen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Diejenigen, die sich öffentlich über das Netz der
sozialen Sicherheit in- Deutschland lustig machen,
sollten einmal die deutschen Landwirte fragen, was
far sie die soziale Sicherheit bedeutet, die wir im
Laufe der letzten sieben Jahre für sie geschaffen
haben.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Vogel
[Ennepetal] [CDU/CSU] : Wie ist es mit der
Seerechtskonferenz!)
Was seit 1969 in der Agrarsozialpolitik gemeinsam
mit den Wirkungen der Markt-, Preis- und Struktur
-
politik zugunsten der in der Landwirtschaft
Tätigen geschehen ist, war bisher ohne jedes Beispiel.
Wenn im Jahre 1969 im Agrarhaushalt des
Bundes 800 Millionen DM zur Verfügung gestanden
haben, so sind es heute, sieben Jahre später,
dreieinhalbmal soviel.
Alle diese Beispiel zeigen, daß soziale Sicherheit
und Freiheit sich nicht widersprechen.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Dr.
Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU] : Wer
behauptet das denn?)
Soziale Sicherheit geht nicht auf Kosten der
Freiheit. Im Gegenteil, soziale Sicherheit schafft Freiheit
für die Menschen.
(Anhaltender Beifall bei der SPD und der
FDP)
Sie macht der überwiegenden Mehrheit unserer
Bürger,
(Seiters [CDU/CSU]: Baden-Württemberg!)
die über Generationen hinweg unter großen Opfern
um den sozialen Fortschritt hat ringen müssen,
eigentlich erst erfahrbar, was Freiheit bedeuten
kann.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Dr.
Marx [CDU/CSU] : Er fälscht hier die
Geschichte! — Zuruf von der CDU/CSU:
Betriebsversammlungen! — Weitere Zurufe
von der CDU/CSU)
— Ich gehe gern in Belegschaftsversammlungen,
weil ich dort das unmittelbare Interesse und die
Zustimmung der Arbeiter und der Angestellten in
der deutschen Industrie spüre.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Lachen
bei der CDU/CSU — Dr. Jenninger [CDU/
CSU]: Gegen das Gesetz!)
Ich weiß gar nicht, was Sie dagegen haben, daß ein
deutscher Bundeskanzler in die Fabriken geht und
sich dort zur Diskussion stellt.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der FDP)
Sie sollten auch in die Fabriken gehen.
Voraussetzung allerdings ist, daß Sie sowohl vom Vorstand
als auch vom Betriebsrat eine Bleichlautende
Einladung bekommen.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Franke
[Osnabrück] [CDU/CSU] : Nehmen Sie
Herrn Lambsdorff demnächst mit! — Wei
terer Zuruf von der CDU/CSU: Und Herrn
Bangemann! — Heiterkeit bei der CDU/
CSU)
Lassen Sie mich das Thema „Freiheit und soziale
Sicherung" abschließen mit dieser Feststellung:
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Auszüge aus einigen
Fachbüchern!)
Sozialliberale Politik hat auf deutschem Boden so
viel Freiheit und so viel soziale Sicherheit
verwirklicht, wie es vorher niemals der Fall war.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wer solche sozialpolitischen Leistungen als
„Gratifikationen" herabwürdigt und herabsetzt, während
er gleichzeitig selber eine angeblich neue soziale
Frage erfindet, der denkt in Wahrheit nicht an die
Freiheit der vielen, sondern an die Freiheit der
wenigen.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Dr.
Klepsch [CDU/CSU] : Ist das eine Regie
rungserklärung?)
Unsere soziale Sicherung und unsere Stellung an
der Spitze mußten erarbeitet werden. Sie müssen
auch in Zukunft immer wieder erarbeitet werden.
Es bedurfte der gemeinsamen Entschlossenheit der
Koalitionspartner, um die Folgen der
Weltwirtschaftskrise für unser Land abzuwenden und zu
meistern, soweit das ging. Es bedurfte gemeinsamer
Beharrlichkeit der Bundestagsmehrheit — beider
Fraktionen und beider Fraktionsvorsitzenden Wehner
und Mischnick —,
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zurufe
von der CDU/CSU)
um unser soziales Netz so dicht zu knüpfen, wie es
seit 1969 geschehen ist.
(Zuruf von der CDU/CSU: Haushaltsstruktur
gesetz!)
Es bedurfte gemeinsamer Zielstrebigkeit, um die
gesellschaftliche Reform auch gegen Widerstände
voranzubringen. Es bedurfte großer konzeptioneller
Fähigkeit und großer Kraft zur Verwirklichung, um
mit unserer Politik der Friedenssicherung die
Isolierung unseres Landes zu beenden und uns Freunde
in aller Welt zu schaffen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Der Außenminister und der Bundeskanzler wissen,
was sie ihren beiden Vorgängern Brandt und Scheel
auf diesem Felde verdanken und was beide auf
diesem Felde bewegt haben.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Europa und die Welt draußen, außerhalb deutscher
christlich-demokratischer Begrenzungen, wissen das
ebenfalls.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Der Kern und die Grundlage des Erfolges
unseres Landes ist die gemeinsame Arbeit für mehr
soziale Gerechtigkeit und für mehr Freiheit. Dieser
Weg war möglich, weil sich die politische Kraft der
Sozialdemokratie mit der politischen Kraft des
Liberalismus zusammengetan hat.
(Zuruf von der CDU/CSU: Auf ewig?)
Abgesehen von den allerersten Anfangsjahren der
Bundesrepublik Deutschland hat diese Koalition in
den sieben Jahren seit 1969 allerdings mehr erreicht
als jede andere davor.
(Beifall bei der SPD und der FDP —
Widerspruch bei der CDU/CSU)
Sie hat unsere Gesellschaft in einer Weise sozial
befriedet, wie es anderwärts in Europa
seinesgleichen sucht, und es wird bei uns in Zukunft noch sehr
viele Anstrengungen kosten, dieses Maß an
sozialem Frieden aufrechtzuerhalten.
(Beifall bei der SPD und der FDP —
Widerspruch bei der CDU/CSU — Zuruf von
der CDU/CSU: Wenn sie so
weiterregieren!)
Die Vorstellung, gemeinsame Erfolge machten die
Fortsetzung dieser Arbeit überflüssig, entspricht
nicht der Wirklichkeit; ihr liegt Interessenideologie
zugrunde. Wichtig ist, daß Erfolge für die weitere
Arbeit verbinden. Die Aufgaben in der Zukunft sind
nicht geringer, und sie sind auch nicht weniger leicht.
Die Wiedererlangung der Vollbeschäftigung bleibt
Aufgabe Nummer eins.
(Zuruf von der CDU/CSU:
Wiedererlangung!)
Wir brauchen viele neue Ausbildungsplätze für die
jungen Menschen, damit der soziale Friede zwischen
den Generationen erhalten bleiben kann.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Noch mehr als bisher müssen wir uns dann um die
Modernisierung der Wirtschaft kümmern und dazu
insbesondere unsere erfolgreiche Forschungs- und
Technologiepolitik einsetzen, um unsere
Wettbewerbsfähigkeit auch in Zukunft zu sichern.
(Seiters [CDU/CSU] : „Erfolg, Erfolg, Erfolg!")
Wir müssen unsere weltweit führende
Preisstabilität auch zukünftig erhalten.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir müssen das soziale Netz, das die politische
Stabilität bewahrt, sichern und ausbauen.
(Lemmrich [CDU/CSU] : Wie?)
Wir müssen dabei auch eingetretene Gefährdungen
ausräumen, zum Beispiel die Kosten im
Gesundheitswesen eindämmen.
Es gilt, die innere Sicherheit zu verteidigen, ohne
deshalb auch nur ein kleines Stückchen der
Liberalität unseres Rechtsstaates aufs Spiel zu setzen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir brauchen den stetigen Ausbau des Schutzes
unserer natürlichen Umwelt, um die Lebensbedin
-
gungen besonders für die Menschen in den
Großstädten zu verbessern.
Und schließlich und am wichtigsten: wir müssen
das Werk der Verständigung und der Versöhnung
fortführen, wir müssen die Balance der Kräfte und
damit den Frieden in der Welt zu stabilisieren
helfen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Dieser Auftrag hat die sozialen und die liberalen
Kräfte in unserem Lande in die Verantwortung
gestellt. Eine Regierung aber, von der ungewiß bliebe,
ob sie die Organisationen der Arbeiter und der
Angestellten domestizieren oder aus der
Verantwortung herausdrängen will, eine Regierung, von der
nicht sicher wäre, ob sie die liberalen Bürgerrechte
festigen und erweitern will, eine solche Regierung
würde unserem Lande nicht guttun.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Seiters
[CDU/CSU] : Das überlassen wir dem
Wähler!)
Besser als andere, uns vergleichbare Länder sind
wir mit den Folgen der dramatischen
Veränderungen der Weltwirtschaft fertig geworden. Wir dürfen
die Voraussetzungen dafür, daß dies gelang und
daß es weiterhin gelingen wird, nicht beschädigen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wer aus diesem Grunde den sozialen Frieden in
unserer Gesellschaft erhalten und festigen will, wer
will, daß sich die Bürgerinnen und Bürger nicht
abwenden, sondern sich mit unserem Staat
identifizieren und sich zu ihm bekennen, wer vermeiden will,
sich eines Tages zu einem sogenannten
„historischen Kompromiß" gezwungen zu sehen
(Lebhafter Beifall bei der SPD und der
FDP — Wehner [SPD] : Sehr wahr! — Dr.
Marx [CDU/CSU]: Wie die Sozis in Italien
in sieben Regionen, mit den Kommunisten!)
-- und das sind ja wohl in erster Linie Ihre Freunde,
die vor dieser Frage stehen, und nicht unsere —,
(Beifall bei der SPD und der FDP — Dr.
Marx [CDU/CSU] und Stücklen [CDU/CSU] :
Mitterrand!)
wer dies alles nicht will, der allerdings muß den
Weg der stetigen Reform von Gesellschaft und Staat
fortsetzen.
(Lang anhaltender Beifall bei der SPD und
der FDP)
Präsident Frau Renger: Meine Damen und Herren,
ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der
Abgeordnete Strauß.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Jenninger
[CDU/CSU]: Die Volksfront zieht aus!)
Strauß (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Ursprünglich waren
wir der Meinung, daß wir heute vom Herrn
Bundeskanzler etwas erfahren würden, wie es zur Zeit
in Europa aussieht, wie es mit Europa weitergehen
soll und welche Vorschläge die Bundesregierung
dem deutschen Parlament und auf europäischer
Ebene machen wird, damit die Stagnation — oder
richtiger gesagt: der schwerwiegende Rückschlag in
der europäischen Entwicklung — wieder
überwunden werden kann.
Statt dessen haben wir, wenn ich es humorvoll
betrachte, die letzte Wahlrede von Baden-
Württemberg gehört.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf des Abg.
Dr. Marx [CDU/CSU])
Ich frage mich nur, wo der Staat und die
Gesellschaft sind, auf die die Merkmale zutreffen, von
denen der Bundeskanzler in seiner bemerkenswert
langen Rede gesprochen hat.
(Wehner [SPD] : Hört! Hört!)
Wir waren nicht überrascht, diese Mischung von
staatsmännischem Gehabe, von eigener Uniformiert
-
heit, von Fehlinformation gegenüber der
Öffentlichkeit und von mehr oder minder plump
vorgetragenen Diffamierungsversuchen gegenüber dem
politischen Gegner hier zu erleben.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von der
SPD: Das müssen gerade Sie sagen!)
Nur, Herr Bundeskanzler: Die Bürger, die Ihnen
das abnehmen, gibt es in einer immer noch
mündigen, offenen und freien Gesellschaft nicht mehr.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es ist selbstverständlich die Aufgabe des ersten
Sprechers der Opposition, zu den Vorgängen
Stellung zu nehmen, die mit dem Tagesordnungspunkt
umrissen wurden. Sie zwingen uns durch Ihre
vorgezogene Regierungserklärung — Sie befürchten
offensichtlich, sie nach dem 3. Oktober nicht mehr
abgeben zu können —
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
wenigstens mit einigen Worten auf das einzugehen,
was Sie hier in der bei Ihnen üblichen Weise gesagt
haben.
(Wehner [SPD]: Sehr originell! — Zuruf
von der CDU/CSU: Üblen Weise!)
Zunächst einmal zu der Aufzählung der großen
Ruhmestaten, der großen heroischen Erfolge dieser
Regierung.
(Wehner [SPD]: „Gratifikationen", würden
Sie sagen! — Zuruf des Abg. Dr. Marx
[CDU/CSU])
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Wenn es so ist,
wie es uns die SPD im Jahre 1965/66 hier
vorgespielt hat, daß die Regierung an allem schuld
ist, dann hat sie auch das Recht, den Erfolg für
sich zu beanspruchen. Wir waren damals
bescheidenerer Meinung, wir waren der Meinung, daß ein
fleißiges, tüchtiges, leistungsfähiges, in seinem
Lebenswillen nicht gebrochenes Volk dank einer
vernünftigen politischen Führung das zustande
gebracht hat, was man in übertriebener Weise in der
Welt als „deutsches Wunder" bezeichnet hat,
nämlich die Tatsache, daß aus dem größten
Trümmerhaufen der Weltgeschichte die stärkste Wirtschafts
macht Europas, die stärkste Sozialorganisation aller
Industriestaaten und die zweitgrößte
Außenhandelsnation der gesamten Welt wurde.
Wir haben das nie für uns beansprucht, sondern
wir haben gesagt: Das beruht auf dem
Zusammenwirken des ganzen Volkes in Verbindung mit einer
vernünftigen Politik. Heute erleben wir ein
merkwürdiges Paradoxon, nämlich daß alles, was in
diesem Lande an wirtschaftlichen Fehlerscheinungen,
an sozialen oder sozioökonomischen Verwerfungen
— um in der Sprache des Herrn Bundeskanzlers zu
sprechen — auftritt, die Schuld entweder der
Opposition oder der Unternehmer oder der Presse oder
des Auslandes ist; aber es ist auf keinen Fall die
Schuld der Regierung. Es gibt einen einzigen
Faktor, eine einzige Verfassungsinstitution, die an
allem unschuldig ist, das ist die Bundesregierung.
Sie kann für nichts.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
Sie kann nichts für die Entwertung der
Sparguthaben, sie kann nichts für 1,3 Millionen Arbeitslose
und für 500 000 Kurzarbeiter.
(Zurufe von der SPD: Aha!)
Der Bundeskanzler sprach vom beträchtlichen
Rückgang der Arbeitslosigkeit: um 140 000. Waren Sie
es denn nicht, der noch vor kurzem gesagt hat:
Schon 500 000 Arbeitslose bedeuten eine soziale
Katastrophe, eine grobe Verwerfung und
Verformung unserer gesellschaftlichen Struktur. Und jetzt
sind 1,15 Millionen Arbeitslose eine große Leistung
der Regierung!
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Immer Schnauze,
mal so, mal so!)
Herr Bundeskanzler, was in diesem Lande gesund
ist, das ist trotz aller Propagandaversuche und aller
Manipulationskünste der Sinn unserer Bürger, die
sich einen Instinkt für Echtheit bzw. einen Instinkt
für kosmetische Fälschungen bewahrt haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wer echte oder vermeintliche Erfolge für sich in
Anspruch nimmt, muß auch die Verantwortung für das
übernehmen, was sich in diesem Lande seit dem
Jahre 1969 wirtschaftlich und finanziell geändert
hat. Dieses Spiel mit gezinkten Karten, diese
doppelte Buchführung, diese Unehrlichkeit in der
Zumessung von Verdiensten und von Schuld sind
unerträglich.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir sind auch nicht gewillt, das hinzunehmen.
(Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU] : Die
Wähler sagen es doch deutlich genug!)
Der Bundeskanzler sprach davon — und er hat
die „Stuttgarter Zeitung" zitiert —, daß es in
unserem Lande sozialen Frieden gebe, weil das System
des Kapitalismus durch die Betonung des Faktors
Arbeit sinnvoll ergänzt worden sei.
(Wolfram [Recklinghausen] [SPD] : Wollen
Sie das bestreiten?)
Nein, das will ich nicht bestreiten, sondern sagen,
daß das die soziale Marktwirtschaft war, die Sie
ursprünglich verhindern wollten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich gehörte seit dem Jahr 1948 dem Wirtschaftsrat in
Frankfurt an, ich gehöre seit dem September 1949
diesem Hohen Hause an. Sie wollen doch nicht im
Ernst bestreiten, daß wir uns in tage- und oft
nächtelangen Redeschlachten über das wirtschaftliche
Ordnungssystem unterhalten haben. Haben nicht Sie
versucht — oder Ihre Vorgänger —, das zu
verhindern, und haben nicht wir es damals mit unseren
Koalitionspartnern durchgesetzt?
Ich habe immer — ich sage das auch hier — die
Auffassung vertreten, daß der Kapitalismus der
Vergangenheit angehört und der Sozialismus keine
Zukunft hat.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich vertrete leidenschaftlich die Auffassung, daß der
Weg der sozialen Marktwirtschaft der dritte Weg
ist,
(Zuruf von der CDU/CSU: Sehr richtig!)
der das eine überwunden und das andere verhindert
hat.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Man soll doch nicht so tun
(Zuruf des Abg. Wehner [SPD])
— ach, Herr Wehner, Sie haben am allerwenigsten
eine Legitimation, darüber zu reden —,
(Beifall bei der CDU/CSU)
als ob soziale Marktwirtschaft
Unternehmerwirtschaft sei. Soziale Marktwirtschaft ist ein
wirtschaftliches Ordnungssystem, dessen Nutznießer alle
Bevölkerungsschichten sind, vornehmlich die
Arbeitnehmer. Nirgendwo in der Welt und niemals in der
Geschichte haben sozialistische Wirtschaftsformen
dem Arbeitnehmer das gleiche Maß an Freiheit, an
Recht und an Wohlstand gebracht wie die soziale
Marktwirtschaft.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Daß Sie sich zur sozialen Marktwirtschaft, wenn
auch mit einigen Verdauungsbeschwerden und mit
zahlreichen Einschränkungen, bekannt haben, ist
doch die Folge des Zwanges, den der Erfolg dieses
wirtschaftlichen Ordnungssystems auf Sie ausgeübt
hat, und nicht das Ergebnis Ihrer eigenen Einsicht.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Der Bundeskanzler spricht auch davon — und ich
wende mich gegen diese Art der
Geschichtsfälschung —, durch seine Regierung sei die
Mitbestimmung in den Großbetrieben eingeführt
worden. Die Mitbestimmung ist von der ersten
Regierung der Bundesrepublik Deutschland eingeführt
worden,
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU - Wehner
[SPD] : Da mußte sogar die Abstimmung
wiederholt werden, weil Ihre Mehrheit
damals versagte! -- Weiterer Zuruf von der
SPD: Deswegen waren Sie jetzt dagegen?)
und zwar sowohl die Betriebsverfassung wie die
Mitbestimmung.
(Weitere Zurufe von der SPD)
— Auch wenn Sie glauben, mich durch Ihre
Zwischenrufe irremachen zu können, werden Sie mich
nicht daran hindern, das zu sagen, was ich in
diesem Zusammenhang sagen will.
(Zuruf von der SPD: Nachlesen im Proto
-
koll!)
Warum haben Sie denn Ihren ersten Entwurf
fallengelassen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Wie eine heiße
Kartoffel!)
der von SPD und FDP sowohl im Kabinett wie in
Koalitionsgesprächen einstimmig angenommen
worden war? Warum haben Sie ihn denn
fallengelassen? Weil Sie sich unter unserem Druck davon
überzeugen lassen mußten, daß dieser Entwurf in
schwerwiegendem Gegensatz zu wesentlichen
verfassungsrechtlichen Bestimmungen stand.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es ist einfach eine Geschichtsfälschung, zu
behaupten, die Mitbestimmung sei durch die Regierung
Schmidt/Genscher eingeführt worden. Die
Mitbestimmung mit einem Drittel der Arbeitnehmer in den
Aufsichtsgremien ist durch die Regierung Konrad
Adenauer und durch ihre parlamentarische Mehrheit
in der ersten Legislaturperiode eingeführt worden!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Und daß mit dieser Mitbestimmung der soziale
Friede in unserem Lande gestärkt und erhalten und
ausgebaut worden ist, haben wir immer betont; das
haben wir gewünscht, das haben wir so gewollt.
Aber wir haben auch gewollt, daß unsere Wirtschaft
funktionsfähig bleibt, daß das Eigentumsrecht —
auch das Recht auf Privateigentum an
Produktionsmitteln — in unserem Lande nicht nur dem
Buchstaben nach, sondern auch dem Sinn nach erhalten
bleibt.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Sie sollten sich — aber das können Sie nicht —
mit denjenigen in Ihren Reihen auseinandersetzen,
die in immer neuen Programmen — und es sind
nicht nur die berühmten Jusos, es sind auch ihre mit
Patina behafteten bärtigen Vorgänger,
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Moos, nicht Patina!)
Stichwort: München, und zwar mit zunehmendem
Einfluß, siehe die Aufstellung Ihrer Landeslisten für
die kommende Bundestagswahl — dafür eintreten,
zunächst Investitionsplanung, Investitionslenkung,
Investitionskontrolle durch die Gesellschaft
einzuführen, und die dafür eintreten, das nach Ihrer
Meinung einzige wirkliche große Übel der Gesellschaft,
das Privateigentum an Produktionsmitteln,
abzuschaffen. Das ist der entscheidende Kern der
Auseinandersetzung, und Sie sollten darüber reden, wie
Sie mit dem Problem in Ihren Reihen fertig werden,
statt falsche Erfolge aufzuweisen,
(Beifall bei der CDU/CSU)
statt hier Erfolge aufzuweisen, die nicht von Ihnen
erarbeitet sind, und statt Vorwürfe zu erheben, die
Sie an die eigene Adresse richten müßten, aber nicht
an die Adresse der Opposition.
(Franke [Osnabrück] [CDU/CSU] : Statt den
Dreck vor der Tür der FDP abzuladen! —
Zuruf von der SPD: Ist das Ihre Sache?)
— Ja, das ist wahrlich Ihre Sache; davon bin ich fest
überzeugt. Stimmt ganz genau!
(Weitere Zurufe)
Der Bundeskanzler hat ferner — an die Adresse
der Arbeitgeber, an die Adresse der Unternehmer —
von der Notwendigkeit der Preisdisziplin
gesprochen. Nun, es gibt ein in den letzten Jahren
mancherlei Schwankungen unterworfenes industrielles
Großunternehmen,. das nicht nur volle
Mitbestimmung hat, sondern durch Beamte und Funktionäre
übermitbestimmt ist; das ist das Volkswagenwerk.
(Dr. Ehrenberg [SPD] : Meinen Sie Leisler
Kiep damit?)
— Leisler Kiep hat doch bis jetzt nur wenige Tage
an dem ganzen Konto mitgewirkt. Ich weiß, daß der
Begriff „Niedersachsen" für Sie einen Alptraum
bedeutet.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Aber hier gilt die Regel, daß man im Hause des
Gehenkten nicht vom Strick reden soll.
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
Als vor wenigen Tagen das Volkswagenwerk die
Preise für VW, Audi und NSU nicht unbeträchtlich
erhöhte, sprach Ihr Parteifreund, der Vorsitzende
der IG Metall, Loderer, seine tiefe Sorge hinsichtlich
dieser Preiserhöhungen aus und zwar im Interesse
der Arbeitnehmer. Ich habe mich nur gefragt: Ist
das derselbe Vorsitzende, derselbe Loderer, der als
stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des
Volkswagenwerks diese Preiserhöhungen selbst
mitbeschlossen hat?
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von
der SPD: Sie kennen noch nicht einmal die
Aufgaben eines Aufsichtsrats!)
Herr Bundeskanzler, wenn Sie davon sprechen,
das soziale Netz sei ausgeweitet und verdichtet statt
eingeschränkt worden,
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Gespaltene Zunge!)
dann ist das wieder genau dieselbe Methode der
unterschwelligen Diffamierung, wie Sie sie früher
uns gegenüber in bezug auf die Arbeitslosigkeit
angewandt haben.
(Zustimmung bei der CDU/CSU — Zurufe
von der SPD)
Ich, gehöre zu denjenigen in diesem Hause, die
gemeinsam mit anderen aus den Reihen der
Opposition in vielen Reden davor gewarnt haben, daß
durch Verletzung der Gebote der Stabilität, durch
Unterlassung notwendiger Maßnahmen zur
gegebenen Zeit Arbeitslosigkeit eintritt. Sie, Herr
Bundeskanzler, waren es, der das volkswirtschaftlich
unendlich dumme Wort gesagt hat: lieber 5 % Infla
-
tion als 5 % Arbeitslosigkeit. Sie waren der erste
Kanzler, der beides erreicht und übertroffen hat.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Wir haben damals vor Übertreibungen gewarnt. Ich
habe im Herbst 1969 davor gewarnt,
(Zuruf von der SPD: Aufzuwerten!)
die Kaufkraft unnötig zu erhöhen. Ich habe davor
gewarnt, den Staatsverbrauch so unsinnig
auszudehnen bis zu Zuwachsraten von jährlich 15 % bei
starker inflationärer Erhitzung des Klimas. Damals
tönte uns mit derselben demagogischen
Hemmungslosigkeit entgegen: Sie wollen ja nicht Stabilität,
Sie wollen Arbeitslosigkeit. Hätte man damals
unsere Ratschläge beachtet, wäre es heute nicht
notwendig, 9 bis 10 Milliarden DM Unterstützung zu
zahlen und auf 6 Milliarden DM Steuern und
Gebühren zu verzichten und damit eine gespenstische
Verschwendung von Produktionsfaktoren in
unserem Lande herbeizuführen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Mit derselben hemmungslosen Demagogie
behauptet man heute, daß wir die Absicht hätten, eine
soziale Demontage herbeizuführen. Die soziale
Demontage ist durch Sie längst eingeleitet worden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Natürlich weiß ich, daß Arbeitslosigkeit heute
nicht mehr dasselbe bedeutet wie am Ende der
Weimarer Republik, wo der Verlust des Arbeitsplatzes
ein sofortiger tiefer Einschnitt in die persönlichen
Lebensverhältnisse war. Das ist heute gottlob nicht
mehr der Fall. Warum? — Weil in 20 fleißigen
Jahren ein Fundament gelegt worden ist, das auch die
durch Ihre Fehler und Versäumnisse bis jetzt
hervorgerufenen Erschütterungen noch überstanden
hat.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Waren es denn nicht Sie, Herr Bundeskanzler,
und Sie, Herr Wehner, die vor zehn Jahren
gesagt haben, die Schuldigen an den relativ harmlosen
wirtschaftlichen Schwankungen von damals
gehörten ins Gefängnis? Waren es nicht Sie, der diesen
Stil angewandt hat? Wir sagen nicht das, was Sie
gesagt haben; wir sagen nur: Sie gehören weg,
damit es bei uns wieder aufwärtsgeht.
(Beifall bei der CDU/CSU — Gansel [SPD] :
Das ist doch die Rede von Passau!)
Natürlich konnte dieses Netz sozialer Sicherung
ausgebaut werden. Es ist aufgebaut worden in den
20 Jahren, in denen nach kurzer Übergangsfrist —
Flüchtlinge, Vertriebene, Zerstörung der
Produktionsstätten, Abschneiden von den Weltmärkten —
wieder Vollbeschäftigung erreicht war. Dieses Netz
sozialer Sicherung konnte aufgebaut werden, weil
wir über 20 Jahre hinweg jährlich, wenn auch mit
gewissen Schwankungen, immer einen hohen
Zuwachs des realen Bruttosozialprodukts hatten.
Dieses Netz sozialer Sicherung konnte aufgebaut
werden, weil die Politik der gesicherten
Vollbeschäftigung mit ihren Überschüssen die Gewähr dafür bot,
den wenigen Arbeitslosen, die es naturgemäß immer
gibt und die unvermeidlich sind —
Vollbeschäftigung bedeutete früher 4 %, später 3, dann 2, dann
1 % der in der gewerblichen Wirtschaft Tätigen —,
einen angemessenen Lebensstandard zu
ermöglichen. Bei den hohen Überschüssen, den hohen
Zuwachsraten, den jährlich stark steigenden
Steuereinnahmen und Einnahmen aus den
Sozialversicherungen konnte man es sich leisten, den Arbeitslosen
ein Einkommen zu bieten, das auch ihnen — das
haben wir ja gewollt und herbeigeführt — ein
menschenwürdiges, sogar — das darf ich wohl sagen —
ein kulturwürdiges Dasein, ein zivilisationsgemäßes
Dasein in unserer heutigen Umwelt ermöglicht hat.
Aber sind denn die Fundamente des sozialen
Sicherungssystems nicht durch Sie und die Politik
Ihrens Vorgängers erschüttert worden und heute
gefährdet? Und sie werden nicht aufrechterhalten
bleiben, wenn Sie nicht auf diesem Wege einhalten
und umkehren.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es sind doch nicht wir, es ist doch der Verband der
Rentenversicherungsträger, der in einer Denkschrift
vor wenigen Tagen erklärt hat,
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
daß schon ab 1. Januar 1976 die angeblich höchste
Beitragshöhe von 18 % nicht mehr ausreicht, daß
man 19,6 % haben müßte, um die gesetzlich
vorgeschriebenen Mindestreserven zu behalten. Wer hat
denn diesem Lande in falschen Sozialbudgets eine
falsche wirtschaftliche und soziale
Zukunftsentwicklung vorgetäuscht? Das sind doch diejenigen, die
immer von falschen Zukunftsannahmen ausgingen
und darauf das Gebäude ihrer Phantasien aufgebaut
haben.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Wer hat denn dafür gesorgt, daß heute ein
Beitragssatz von 11 % bei weitem nicht mehr ausreicht, um
den finanziellen Verfall unserer öffentlichen
Krankenkassen aufzuhalten? Wer hat denn den Beitrag
zur Arbeitslosenversicherung wieder auf 3 %
erhöhen müssen? Ist das IFO-Institut vielleicht eine
Organisation der Opposition, das vor wenigen
Tagen festgestellt hat, daß in diesem Jahr von jeder
zusätzlich verdienten Mark, die bei Tarifabschlüssen
erzielt wird, nur mehr 41 Pfennig im Durchschnitt
in die Taschen der Arbeitnehmer kommen und 59
Pfennig vom Staat mit Steuern, Gebühren, Beiträgen
und Abgaben vorweg abgezweigt werden?
(Zuruf des Abg. Dr. Marx [CDU/CSU]
Haben wir, die Opposition, oder hat die Regierung
es zu verantworten, daß in diesem Jahr das, was
bei Lohnerhöhungen unter dem Strich übrigbleibt,
nicht mehr ausreicht, um auch nur 6 %
Kaufkraftentwertung zu decken? Darüber sollten Sie reden, Herr
Bundeskanzler, statt sich mit fremden Federn zu
schmücken.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Sie müssen ja wirklich von allen guten Geistern
verlassen gewesen sein, als Sie heute die
Schuldenaufnahme der Regierungen der CDU/CSU als ein
abschreckendes Beispiel gegenüber Ihrer vorbildlichen,
spartanischen, an Cato senior erinnernden
Sparsamkeit hervorgehoben haben.
(Heiterkeit und Zurufe von der CDU/CSU)
Ist Ihnen denn nicht bekannt, Herr Bundeskanzler,
daß in 20 Jahren — das reicht von dem ersten Tag
der Regierung Adenauers bis zum letzten Tag der
Regierung Kiesingers, das reicht vom Finanzminister
Schäffer bis zu meinem letzten Amtstag im Herbst
1969 - insgesamt 14,5 Milliarden DM Nettokredit
aufgenommen worden sind? Insgesamt! Dabei nehme
ich an, daß wir uns wenigstens in der Terminologie
einig sind, daß Nettokredit heißt:
Schuldenaufnahme minus Tilgung im gleichen Zeitraum. Nachdem
Sie hinsichtlich Ihres Vorgängers der Meinung
waren und sind, daß er nicht wisse, wieviel Nullen
hinter der 1 stehen, damit eine Milliarde herauskommt,
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
wollte ich wenigstens diese begriffliche Klarheit
hier schaffen. In 20 Jahren der CDU/CSU-
Regierungen sind wir oft von Ihnen bedrängt worden. Ich
habe die Debatten noch sehr gut in Erinnerung, als
Sie sagten, höhere Verschuldung täte gut; warum
sollte die jetzige Generation alles zahlen?
Verschulden wir doch lieber die kommende Generation! —
Das waren doch jahrzehntelange
Auseinandersetzungen. Wir waren der Meinung, wir sollten uns ein
hohes Verschuldungspotential erhalten, damit wir
von diesem Spielraum — den wir nie ausgenutzt
haben, der nur einmal, im Jahre 1967, geringfügig in
Anspruch genommen wurde — in der Stunde der
Rückschläge, weltwirtschaftlicher
Fehleinwirkungen, im Interesse der Vollbeschäftigung und der
Erhaltung des Wachstums Gebrauch machen können.
Ich weiß, daß hier oft falsche Zahlen genannt
werden, daß man ein paar Milliarden mehr darauf
-
packt. Auch das wäre noch gleichgültig; nur darf
ich vorsichthalber sagen: hier handelt es sich um
die sogenannten Umstellungsschulden aus der
Währungsreform, die nicht von den Regierungen ab
September 1969 zu verantworten sind. Wenn man diese
Umstellungsschulden abzieht, dann bleiben 14,5
Milliarden DM für 20 Jahre. Jetzt sagen Sie, daß eine
Schuldenaufnahme von 36 Milliarden DM gegenüber
den ursprünglich geplanten 39 Milliarden DM eine
Einsparung von 3 Milliarden DM bedeute.
(Lachen bei der CDU/CSU)
Das ist eine völlig neue Rechnung.
(Stücklen [CDU/CSU] : Kassenüberschuß von
3 Milliarden!)
Ihnen geht es so, wie man von einer europäischen
Macht im zweiten Weltkrieg erzählt, der der
Bundesgenosse sagte, sie solle ihre Divisionen suchen.
So müßte man Herrn Apel sagen, er solle seine
Milliarden suchen. Wir hören einmal, 39 Milliarden
DM Schuldenaufnahme sei unvermeidlich. Zum
anderen heißt es wieder: Große Erfolgsmeldung aus
dem Hauptquartier, wir kommen mit 36 Milliarden
DM aus. In Ihrem Manuskript heute heißt es, 17
Milliarden DM seien in diesem Jahr schon
aufgenommen worden. Aber hier haben Sie es nicht
wiederholt, entweder weil Sie sich der Zahl nicht sicher
waren oder weil Sie von der Negativwirkung der
17 Milliarden DM überzeugt waren. Das würde
nämlich heißen, daß Sie in den ersten drei Monaten
dieses Jahres schon mehr Schulden aufgenommen
haben als wir in 20 Jahren zusammen.
(Heiterkeit und lebhafter Beifall bei der
CDU/CSU)
Dann ist es einfach eine Irreführung der
Öffentlichkeit — und da Sie den Text genau kennen, Herr
Bundeskanzler, muß ich hier sagen, es ist eine
Lüge —, wenn Sie sagen, ich hätte Fiskus, Kirchen
und Sozialversicherungen angegriffen.
Ich habe in einer Rede, deren Text gestern in
vollem Wortlaut, so wie die Rede gehalten worden ist,
veröffentlicht wurde, Fiskus und Kirchen
angesprochen. Das heißt, ich habe von der Kirchensteuer
gesprochen. Man muß sie ja erwähnen, wenn sie acht
oder zehn Prozent der Einkommensteuer ausmacht.
Das sage ich auch als Mitglied einer Kirche und als
Bekenner einer christlichen Konfession. Ich greife
auch den Fiskus nicht an. Wenn der Fiskus
sorgsam verwalten würde, wenn er mit dem Geld der
Steuerzahler nicht in so liederlicher Weise umginge,
wie es seit dem Jahre 1969 geschehen ist, wenn
der Bettelmann aufs Roß kommt und wenn mit dem
Geld fremder Leute in schlampiger Weise
umgegangen worden ist - —
(Wehner [SPD] : Das ist eine Lüge!
Nachdem Sie „Lüge" gesagt haben, darf man das
jetzt hier sagen! Eine „Lüge" wiegt wohl
die andere auf! — Zuruf von der CDU/CSU:
Der Bettelmann regt sich auf!)
— Herr Wehner, bei Ihnen regt mich nichts auf.
(Wehner [SPD] : Mich auch nicht bei Ihnen!
Das war etwas ganz anderes, was mich
aufregt!)
Präsident Frau Renger: Herr Abgeordneter Strauß,
ich wollte Sie erst zu Ende reden lassen. Das Wort
„Lüge" habe ich hier zu rügen.
Strauß (CDU/CSU) : Entschuldigen Sie, ich will
mich — —. Ich bedanke mich sehr, Frau Präsidentin!
Ich habe in dieser Rede vom Fiskus gesprochen.
Das können Sie ja nachlesen. Aber bei Fiskus kann
man nicht die Kirchensteuer einbeziehen. Darum
habe ich, schon damit mir nicht eine Unterlassung
vorgeworfen wird, gesagt, daß Fiskus, Kirche und
Sozialversicherungen zusammen in diesem Jahr vom
Sozialprodukt einen Anteil von etwa 47 % — andere
sagen sogar 48 % — in Anspruch nehmen.
Was heißt hier: angegriffen? Das Eigenartige ist:
Wenn man der Regierung nur die Wahrheit sagt,
wenn man ihre eigenen Berichte in der
Öffentlichkeit verwendet, dann heißt das, man habe gehetzt.
Ich kann Ihnen ein anderes Beispiel bringen, das
hierzu paßt: Als der bayerische Finanzminister vor
einigen Tagen in einer Rede in München davon
sprach, daß im Jahre 1978 7,5 % der gesamten
Ausgaben des Bundes allein für Zinszahlungen
verwendet werden müssen, hat Ihr Finanzminister gesagt,
das sei Wahlkampfgerede. Wissen Sie, daß diese
Zahl aus einer amtlichen Veröffentlichung des
Bundesfinanzministerium stammt?
(Heiterkeit und Zurufe voni ?der CDU/CSU)
Als der Bundesfinanzminister darauf hingewiesen
wurde, daß Herr Huber aus einem Bericht des
Bundesfinanzministeriums zitiert habe, mußte Herr Apel
zugeben, daß er diesen Bericht nicht kenne. Aber so
wird in diesem Lande mit gezinkten Karten gespielt,
und das nehmen wir nicht mehr hin!
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von der
CDU/CSU)
Ich habe — und ich verteidige mich nicht, weil ich
es in diesem Zusammenhang nicht notwendig habe
— nicht den Fiskus, der unvermeidlich und
notwendig ist, angegriffen. Man mag sagen, er ist ein
notwendiges Übel, aber er dient der Erfüllung der
staatlichen und auch der gesellschaftlichen Aufgaben. Auch
die Rolle der Kirchen haben wir immer anders
beurteilt als Sie. Sie sollten sich nicht hier der Kirchen
annehmen, denn hier sind sie nicht angegriffen
worden, sondern sollten die kirchlichen Anliegen auf
anderen Gebieten ernster nehmen, als Sie es tun.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich habe nicht Fiskus, Kirchen und
Sozialversicherung angegriffen, sondern habe darauf hingewiesen
und benutze gern die Gelegenheit, die Sie mir bieten,
darauf hinzuweisen, daß auf diesem Wege der
ständigen Ausdehnung der Staatsquote, daß durch
Steuern, Abgaben, Gebühren und Beiträge 50 % der
Mark und in diesem Jahre von jeder neu verdienten
Mark schon fast 60 % in Anspruch genommen
werden, nicht fortgefahren werden darf.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das ist es, wenn wir davon reden, daß die
Entscheidung auch auf wirtschaftspolitischem Gebiet
zwischen der freiheitlichen Gesellschaft und einer
gegängelten bevormundeten, von Beamten,
Apparatschiks und Funktionären von der Wiege bis zur
Bahre total betreuten und entmündigten Gesellschaft
fällt.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf des Abg.
Dr. Ehmke [SPD])
Wenn Sie sagen, die Opposition dürfe nach der
Studentenkrise nicht auch noch eine Schülerkrise
riskieren, so ist das auch wieder so ein Beitrag
der bekannten Art. Was heißt „Schülerkrise
riskieren"? Wer hat denn dieses sinnlose Gerede von
der Bildungskatastrophe in die Welt gesetzt? Wer
hat denn durch eine verfehlte Planung gigantische
Fehlausgaben verursacht? Die Herren Friedeburg
und Oertzen sitzen doch nicht in unseren Reihen.
Sie sind in Ihren Reihen, und mit denen müssen Sie
sich auseinandersetzen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
(V o r s i t z : Vizepräsident Frau Funcke)
Wir waren nie der törichten Meinung, daß das
Glück oder der Wohlstand der Nation von der
maximalen Zahl der Abiturienten abhänge. Wir sind
deshalb auch der Meinung, daß m an nicht den
gesellschaftlichen Bedarf planen kann, weil man nämlich
sonst für die Inhaber überflüssiger Diplome neue
Planstellen schaffen wird, eines Tages
gesellschaftliche Bedarfsplanungsräte einführen wird.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU — Dr. Marx
[CDU/CSU] : Und Oberräte!)
Sie, Herr Bundeskanzler, haben vor kurzem in so
überzeugender Weise, wie Sie es jeweils vor
kompetentem Publikum tun, von der großen Zukunft des
Automobils gesprochen.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU — Stücklen
[CDU/CSU]: Da war der Vogel nicht dabei!)
Anscheinend ist die Zeit vorbei, wo aktive und
ehemalige Mitglieder Ihres Kabinetts mit der Trambahn
ins Büro fuhren und den Acht-Zylinder-Mercedes
nachkommen ließen, um auf diese Weise das
Nahverkehrsproblem besser zu lösen.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Die Zeit ist anscheinend vorbei, als ein ehemaliges
Mitglied Ihres Kabinetts das Modell Peking als
studienwertes Objekt für die Lösung des
Massenverkehrs dargestellt hat.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Hätte man den gesellschaftlichen Bedarf an
Automobilen vor zweieinhalb Jahren geplant, hätte man
die Kapazität auf 50 °/o herabgesetzt. Damit hätten
wir heute drei- bis vierjährige Wartefristen, einen
grauen Markt, einen schwarzen Markt und noch
höher gestiegene Preise. Das sind doch alles Ideen,
die in Ihrem Bereich vorkommen, doch nicht bei
uns. Während sich die von Ihnen verführte junge
Generation auf die Schienen setzt, um den
Nulltarif zu erzwingen, stellt Herr Gscheidle die Züge
ein, die auf den Schienen fahren sollen.
(Große Heiterkeit und anhaltender Beifall
bei der CDU/CSU)
Haben denn nicht wir, meine Damen und
Herren, — —
(Wolfram [Recklinghausen] [SPD]:
Primitiver geht es nicht mehr!)
— Wenn Sie den Bundeskanzler meinen, möchte
ich Ihnen ausnahmsweise zustimmen. Ich versuche
mich der Argumentation anzupassen, mit der er
hier versucht hat, auf dem Wege über eine
Parlamentsdebatte, im Fernsehen übertragen, die
Öffentlichkeit über die Pleite seiner Politik
hinwegzutäuschen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Wäre denn von uns jemals jemand auf die Idee
gekommen, im Telefonverkehr einen Vierminuten
-
takt als Kostenschwelle einzuführen? Ist das die
höhere Lebensqualität? Wieviel Hunderttausende,
wieviel Millionen von Menschen, ältere Menschen,
kranke Menschen, einsame Menschen brauchen das
Telefon, um mit der Umwelt in Verbindung zu
bleiben? Das ist doch alles im Schoße dieser Regierung
ausgeheckt worden.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Marx
[CDU/CSU]: Sozialisten sind das!)
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
(Wehner [SPD] : Hört! Hört! — Heiterkeit
bei der SPD)
— Ja, das dürfte so ziemlich das sein, was Ihrem
geistigen Niveau entspricht, Herr Wehner.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
Der Bundeskanzler hat ferner sozusagen am Rande
seiner heutigen Ausführungen auch einige Worte
über Europapolitik gesagt.
(Wolfram [Recklinghausen] [SPD] : Sagen
Sie jetzt etwas über Spinola?)
— Ich habe nicht zu denen gehört, die Herrn Spinola
als den großen Helden, den Retter des Vaterlandes
und Einführer der Demokratie verehrt haben, wie
es anderswo der Fall war.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Corterier
[SPD] : Sie haben Salazar verehrt! — Wei
tere Zurufe von der SPD)
Aber wenn eine Figur der Zeitgeschichte — und
das muß ja nicht immer Herr Breschnew
(Beifall bei der CDU/CSU)
oder Herr Tito sein, Herr Wehner; Sie haben ja hier
einschlägige Erfahrungen —,
(Wehner [SPD] : Große Ehre!)
die ihre historische Chance versäumt hat, was ich
ihm gesagt habe
(Wehner [SPD] : Mit dem Monokel! — Hei
terkeit bei der SPD)
— ach, Sie haben ihn doch vor zwei Jahren
bewundert und verehrt, ausgerechnet Sie —,
(Dr. Jenninger [CDU/CSU] : So war es doch!)
mich um eine Unterredung bittet, habe ich keinen
Grund, diese Unterredung zu verweigern.
(Wolfram [Recklinghausen] [SPD] : Was
wollte er denn von Ihnen? — Gegenrufe
von der CDU/CSU)
— Ich bin gerne bereit, im Rahmen einer
Pressekonferenz darüber Auskunft zu geben. Bloß haben'
wir hier keine Nachhilfestunde für Sie.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von der
SPD: Über Europa!)
Aber wenn Sie schon hier etwas abseits vom
Thema — angesichts der Bandbreite des
Bundeskanzlers muß man sich ja auf vieles gefaßt machen;
(Wehner [SPD] : Ja!)
darum habe ich mich in meinen Unterlagen auf
manches eingerichtet —
(Heiterkeit bei der CDU/CSU — Wehner
[SPD] : Hört! Hört!)
das Thema Portugal anschneiden: ja, ich war bei
einer öffentlichen Veranstaltung, wo hundert
Journalisten aus ganz Europa sowie Rundfunk und
Fernsehen beisammen waren, bei dem ersten offiziellen
Parteitag der CDS — das ist die Christlich-
Demokratische Partei Portugals — in Portugal, und dort
habe ich gemeinsam mit Vertretern der Democrazia
Cristiana, christlich-demokratischen Vertretern aus
Holland, einem Vertreter der Konservativen
Großbritanniens und anderen — —
(Wehner [SPD] : Einen „historischen
Kompromiß" gemacht!)
— Vorsicht, Herr Wehner, Sie werden jetzt
„rasiert" !
(Lachen bei der SPD)
Vorsicht, Herr Wehner!
(Zuruf des Abg. Dr. Marx [CDU/CSU])
Ich habe dort etwas gesagt, was ich hier gern
wiederhole, nämlich daß bis jetzt die
Wiederherstellung der Demokratie in Portugal nach der
Änderung des Systems im April 1974 nicht durch die
Militärs und nicht durch die Politiker erfolgt ist,
sondern durch den Mut des Volkes, das einen
marxistischen Putsch verhindert hat..
(Beifall bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege Strauß,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Graf Lambsdorff?
Strauß (CDU/CSU): Jetzt bitte nicht! Sie sind nicht
der richtige Partner, Graf Lambsdorff.
(Lachen bei der SPD)
— Ach, Sie werden doch nicht glauben, daß ich
einer Frage ausweichen will.
(Wolfram [Recklinghausen] [SPD] : Dann
lassen Sie ihn sie doch stellen!)
— Nein, ich will jetzt das sagen, was Ihnen nicht
paßt; das will ich Ihnen jetzt sagen, und dabei darf
ich mich an den Kollegen Brandt wenden. Sie, Herr
Brandt, haben nämlich in Portugal die
Sozialdemokratische Partei, die PPD, desavouiert und sind zu
Ihrem Gesinnungsfreund Soares gegangen, den Sie
mit Bruderkuß und Umarmung in Portugal wie in
Bonn begrüßt haben.
(Stücklen [CDU/CSU]: So ist es!)
Ist denn nicht Soares der Mann der Volksfront in
Portugal?
(Beifall bei der CDU/CSU — Wehner [SPD] :
Was brauchen Sie noch für Blitzableiter? —
Weitere Zurufe von der SPD)
Ich kann meine Gesprächspartner, Herrn Professor
Amaral, den Vorsitzenden der CDS in Portugal,
seinen Stellvertreter Costa — es gibt manche hier,
die diese Politiker kennen — oder General Melo
sehr wohl vorzeigen.
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Sehr wahr!)
Ich brauche mich dieser Gesellschaft weder zu
schämen noch mich für sie zu entschuldigen. Ob aber
Herr Soares, der bei den letzten Regionalwahlen in
Italien auf einem Marktplatz in Rom zur Wahl der
Kommunisten aufgerufen hat
(Stücklen [CDU/CSU]: Hört! Hört!)
— ein neuer Volksfrontpartner —, das gleiche für
sich beanspruchen kann, ist eine andere Frage.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Als Sie, Herr Brandt, in Portugal waren und Ihre
sozialdemokratischen Freunde links liegenließen, um
Ihre Verbundenheit mit dem Volksfrontpolitiker
Soares zu bekunden, haben Sie — sinnigerweise war
es der Hessische Rundfunk, also nicht der
Bayerische Rundfunk — ein Interview gegeben.
Der Interviewer sagte:
Herr Brandt, überall rote Tücher und gereckte
Fäuste! Das war der äußere Eindruck. Und Ihr
Freund Mario Soares appellierte an seine
Parteifreunde, gemeinsam einen eigenständigen
Weg zum Sozialismus auf marxistischer
Grundlage zu suchen. Kann diese sozialistische Partei,
Herr Brandt, für die SPD-Mehrheit ein
akzeptabler Gesprächspartner sein?
Darauf antwortete Herr Brandt:
Mario Soares ist Marxist in dem Sinne, daß er
methodisch aus der Marxschen Wirtschafts .. .
(Kurze Sprechpause)
... analyse
— das Papier, das wir vom Bundespresseamt
kriegen, ist so schlecht wie die Politik dieses Amtes —
(Stürmische Heiterkeit und Beifall bei der
CDU/CSU)
manches für die heutige Zeit übernimmt.
(Erneutes Lachen bei der CDU/CSU)
Dies ist auch einer der Wege des Godesberger
Programms der SPD.
(Lachen, Hört! Hört! und weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
So der offizielle Text, den jedermann in diesem Land
immer noch haben kann.
Ich habe gar nicht gewußt, daß Herr Soares ein
portugiesischer Politiker ist, der nur der Meinung ist,
daß man aus der Marxschen Wirtschaftsanalyse
einiges für die heutige Zeit übernehmen kann. Darum
war er in einem Kabinett mit Herrn Cunhal
zusammen, und darum hat er — sicherlich ohne das Ende
so zu wollen - der kommunistischen
Machtergreifung in Portugal substantiellen Vorschub geleistet.
(Wehner [SPD] : Sie waren doch sogar in
einem Kabinett mit dem „Kommunisten"
Wehner zusammen!)
— Ich hätte darüber ja nicht gesprochen. Aber wenn
Sie mich nach Spinola fragen, muß ich Sie nach
Soares fragen. Ich habe mit dem einen nicht das
gemeinsam, was Sie mit dem anderen gemeinsam
haben. Das ist der Unterschied zwischen uns.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Herr Bundeskanzler, Sie haben heute am Rande
Ihrer Ausführungen, wo Sie gelegentlich auf Europa
zu sprechen kamen, Europa als eine der politisch
stabilsten Zonen der Welt erwähnt. Ihr
Außenminister hat vor kurzem in einer bemerkenswerten
Kolumne — wenn nicht „Bundesaußenminister"
darunter gestanden hätte, hätte ich gedacht, es gäbe
einen namensgleichen Journalisten —, der ich fast
durchweg zustimme, Herr Genscher, eine Warnung
vor der roten und der schwarzen Volksfront
ausgesprochen. Ein ganz beachtlicher Artikel! Da heißt es:
Uns bedrängen schwere Probleme. Europa steht
in der Krise. Die Gemeinschaft erreicht ihre
selbstgesteckten politischen Ziele nicht. In
unseren Nachbarländern zeichnen sich
bedrohliche Entwicklungen ab. Die rote Volksfront von
Sozialisten und Kommunisten in Frankreich ist
auf dem Vormarsch. Die schwarze Volksfront
aus Christlichen Demokraten und Kommunisten
in Italien ist zur akuten Gefahr geworden.
Ich scheue mich nicht, hier zu sagen, daß wir, meine
Freunde und ich, alles getan haben, um das zu
verhindern,
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Aber nicht die da
drüben!)
und daß nach menschlichem Ermessen die
Democrazia Cristiana auf keinen Fall ein Bündnis mit den
Kommunisten eingehen und sie in die Regierung
aufnehmen wird.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Warum erreichen Sie nicht das gleiche bei Herrn
Mitterand und bei den italienischen Sozialisten?
Warum erreichen Sie das gleiche in Portugal nicht?
Warum betreiben Sie auch in Spanien eine Politik
à la Soares oder à la Mitterand in Frankreich? Das
sind doch die Probleme. Das sind die Gefahren, vor
denen Ihr eigener Außenminister warnt!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich habe Herrn Genscher gesagt, daß ich ihm in
der Analyse recht gebe. Nur sitzen die Gefahren
bei ihm dann sozusagen am Tisch. Er ist dann doch
in der falschen Gemeinschaft.
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Und er ißt mit ihnen
die gleiche Suppe!)
Das ist doch auch ein Beitrag dazu, daß er bei uns
mit offenen Karten spielen soll.
Was geht in dieser Sozialdemokratie vor sich?
Andere reden ja auch über die Vorgänge innerhalb
der Unionsparteien. Das ist in einer offenen
Gesellschaft, in der Parteien kein Geheimklub sind, auch
durchaus üblich. Ist denn nicht bei Ihnen heute der
Zerfall in gewissen Bereichen in zwei verschiedenen
Parteien, die sich haßerfüllt — die einen als
Volksfrontanhänger und die anderen als soziale
Demokraten — ins Gesicht starren, zu einer politischen
Gefahr in unserem Land geworden?!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Darum ist Europa nicht eine der stabilsten
politischen Zonen der Welt. Man kann, Herr
Bundeskanzler, Sicherheit nicht durch verbale Beschwörung
schaffen. Das ist genauso entweder eine
Selbsttäuschung oder eine Irreführung wie der heute von
Ihnen gesprochene Satz, daß Ihre Regierung bzw.
die Regierungen ab 1969 die außenpolitische
Isolierung unseres Landes beendet haben. Wo waren Sie
denn in jener Zeit?
Wir haben in den 20 Jahren — und das waren
die ersten sehr bitteren Nachkriegsjahre der
Achtung, der Isolierung, der Ausgeschiedenheit und der
Verstoßung wegen der Vorzeit — durch die Politik
Konrad Adenauers die Aufnahme in die
Gemeinschaft der demokratischen Völkerfamilie
herbeigeführt.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir haben es dabei auch immer verstanden,
deutsche Interessen mit den lebenswichtigen Belangen
unserer Partner sorgsam abzustimmen. Wir haben
nie Verträge geschlossen, bei denen Geben und
Nehmen in einem krassen Mißverhältnis stand.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es ist einfach eine unerträgliche Unwahrheit, zu
behaupten, daß die außenpolitische Isolierung ab
1969 überwunden worden sei.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: So ist es!)
Die außenpolitische Isolierung war überwunden, als
in diesem Hause seinerzeit ein engstirniger von
Sozialdemokraten vertretener antiwestlicher
Nationalismus von uns in jenen stürmischen Debatten um
das sogenannte Petersberg-Abkommen und um die
Pariser Verträge niedergerungen worden ist. Da
-
mals ist die Isolierung überwunden worden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir wollen doch hier wirklich — wir jedenfalls
— unseren Beitrag dazu leisten, daß die Dinge, daß
der Ablauf der Ereignisse und die geschichtliche
Wahrheit nicht auf den Kopf gestellt werden. So
weit darf es nicht kommen, daß die nächste
Generation in einem Zustande permanenter
Geschichtsfälschung aufwächst,
(Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU] : So ist
es!)
wie das auch unter einer gewissen
Gesellschaftspolitik heute immer wieder versucht wird.
(Schinzel [SPD] : Ab und zu mal nach vorn
sehen! — Wolfram [Recklinghausen] [SPD]:
Strauß wird alt!)
Sie haben auch von den Polen-Abkommen
gesprochen, Herr Bundeskanzler. Ich frage mich immer
noch: Was ist da eigentlich vor sich gegangen?
(Zurufe von der SPD)
Denn wir, Herr Kohl, Herr Albrecht, Herr Stücklen
und ich, sind von Ihnen weggegangen, mit einer
markigen Belehrung entlassen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Markig und arro
gant!)
daß an diesem Abkommen nichts mehr zu ändern
sei, daß alles, was überhaupt herauszuholen
gewesen sei, von Ihnen schon im Juli 1975 in der
euphorischen Nacht in Helsinki herausgeholt
worden sei. In der Nacht haben wir dann davon
vernommen, daß der Außenminister genau das getan
hat, was Sie am Nachmittag noch strikt abgelehnt
haben, nämlich einen neuen Versuch zu
unternehmen. Merkwürdige Verhältnisse innerhalb dieser
Regierung!
Aber mit einem forschen Auftreten allein,
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist keine
Politik!)
mit einer Politik hinsichtlich der Herr Kollege
Lambsdorff einmal ausländische Gesprächspartner
zitiert hat, die über den Stil des Bundeskanzlers bei
Europa-Verhandlungen gesagt haben: „Ein
Auftreten à la Wilhelm II." — so steht es im „Kölner
Stadtanzeiger" ; ich zitiere nur Sie; ich hätte den
Vergleich nicht gebraucht, aber Sie in Ihrer
taktvollen Art haben es getan, darum darf ich das hier
durchaus wiederholen; ich kann Ihnen das Zitat
zeigen —,
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
ist es nicht getan.
Hier ist doch bewiesen worden, daß Sie uns am
Nachmittag die Unwahrheit gesagt haben.
(Dr. Carstens [Fehmarn] [CDU/CSU] :
Richtig!)
Alles, was ich wollte — bloß, damit hier keine
falschen Eindrücke entstehen —, war es,
klarzustellen: Der Beschluß der Führungsmannschaft der CDU/
CSU und der Ministerpräsidenten vom 17. Februar
wurde und wird von mir voll getragen. Alles, was
mein Petitum war — ich scheue mich nicht, das zu
sagen; wir sind eine offene Partei, deren Mitglieder
sich gegenseitig vertrauen, im Gegensatz zur SPD —
(Beifall bei der CDU/CSU)
und was ich auch heute noch für richtig halte —
auch wenn meine Freunde anderer Meinung
waren —, war es, so lange zu warten, bis die Texte
vorliegen und man die Texte genau politisch
prüfen, rechtlich interpretieren und in ihrer
gegenseitigen Bezugnahme hätte werten können. Der
Meinung war ich und der Meinung bin ich. Wenn wir
in den Unionsparteien keine anderen Gegensätze
haben, dann werden wir sehr glücklich weiterleben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich war deshalb dieser Meinung, weil doch in jener
Nacht dem Herrn Albrecht vom Herrn
Außenminister versichert worden ist, daß das, was am
Nachmittag laut endgültiger Feststellung des Kanzlers
unmöglich gewesen sein sollte, durch ihn in Polen
noch in letzter Stunde herausgeholt worden sei.
Was soll man denn von einer Regierung halten, die
nach solchen politischen Maximen handelt und die
immerhin prominente Politiker der
Oppositionsparteien in dieser Weise behandelt, wie es an diesem
Nachmittag und an diesem Abend zutage getreten
ist.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich weiß nicht — das weiß niemand, das
werden wir ja später merken —, ob ich recht habe, und
zwar in diesem Fall gemeinsam mit Herrn Bahr, ob
wirkliche Verbesserungen erreicht worden sind.
Wenn aber die polnische Seite das hält, was uns
der Außenminister in dieser Nacht als Ergebnis
seiner Bemühungen mitgeteilt hat, dann ist das ein
Beweis dafür, daß dieser Vertrag dilettantisch
ausgehandelt, leichtfertig unterschrieben und seine
Verbesserungen dann als Rechthaberei wider
deutsche Interessen abgelehnt worden ist.
(Beifall von der CDU/CSU)
Herr Bundeskanzler, wenn Sie schon über
Außenpolitik außerhalb Europas sprechen, dann sollten Sie
sich der euphorischen Schönfärberei enthalten. Sie
sprechen von einem Afrika, das einen Prozeß
langdauernder Umschichtungen durchlaufe.
So kann man es auch nennen! Ich sage das nicht,
um hier beckmesserisch an einzelnen Sätzen
herumzunörgeln, sondern aus einem anderen Grunde: weil
Sie sowohl in dieser Rede heute wie auch bei
früheren Gelegenheiten erstaunliche Äußerungen
getan haben, die mich veranlaßt haben, Ihnen
Engstirnigkeit, Kleinkariertheit, Verkümmerung des
geschichtlichen Denkens und die Unfähigkeit, in
globalen Maßstäben politisch zu überlegen,
vorzuwerfen.
Wenn Sie sagen, es gäbe Zonen der Entspannung
und Zonen, wo die Entspannung nicht vereinbart
ist, dann kann ich nur fragen: Wissen Sie denn
nicht, Herr Bundeskanzler, daß wir hier in einer
Welt leben, in der es für Nachrichtentechnik,
Verkehrstechnik und Zerstörungstechnik keine
Grenzen mehr gibt? Wir sind die erste Generation, die
erlebt, daß es keine Grenze für diese drei — im
guten wie im schlechten — unheimlichen Mittel
menschlicher Leistungsfähigkeit mehr gibt. Hier
kann man doch nicht sagen, Europa sei eine der
sichersten Zonen der Welt, hier funktioniere die
Entspannung, aber in Afrika und anderswo sei sie
noch nicht vereinbart und funktioniere dort darum
eben nicht. Sind Sie denn unfähig, in strategischen
Prozessen zu denken, obwohl Sie Bücher darüber
schreiben?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ist es denn hier nicht ein und dieselbe Macht, mit
der wir es zu tun haben? Habe ich nicht von dieser
Stelle aus in der Sondersitzung des Deutschen
Bundestages vor der Konferenz in Helsinki vor dem
Krieg in Angola gewarnt? Ich habe Ihnen gesagt,
daß Ihr Partner, den Sie in den nächsten Tagen in
Helsinki treffen würden, durch Waffenlieferungen in
gigantischer Höhe einen blutigen Bürgerkrieg
vorbereite, der dieses Land in sowjetische
Abhängigkeit und unter sowjetische Kontrolle bringen solle,
und daß das mit Entspannungspolitik unvereinbar
sei. Ist es denn nicht wahr,
(Gansel [SPD] : Was haben Sie mit Mao ge
-
redet?)
daß heute in nordafrikanische Länder wieder ein
großer Strom an Waffen, Munition und anderen
modernsten militärischen Ausrüstungsgegenständen
fließt und daß die davon betroffenen Länder vor
einem kommenden Krieg zittern? Ist es denn nicht
wahr, meine Damen und Herren, daß hier auf der
einen Seite in der Sprache der Entspannung
gesprochen wird und auf der anderen Seite
Bürgerkriege — angebliche Befreiungskriege —,
revolutionäre Kriege, entfacht werden? In Angola war es
schon kein Befreiungskrieg mehr. Eine gut
bewaffnete schwarze Minderheit hat gegen eine zahlenmä-
Big weit überlegene schwarze Mehrheit mit Hilfe der
aus Moskau kommenden Waffen und kubanischer
Söldner in diesem Krieg die Fahne Moskaus zum
Sieg gebracht.
Darüber sollten Sie reden, wenn Sie von
Entspannung reden. Da erwarten wir von einem
deutschen
Staatsmann eine nüchterne Analyse, eine
klare Sicht statt dieser Propagandaphrasen, mit
denen wir hier über Entspannung gefüttert werden.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Ich hätte heute wirklich lieber über das Thema
gesprochen, das sicherlich nicht nur mir, sondern
vielen im Hause, und zwar in allen politischen
Parteien, am Herzen liegt: den Prozeß der europäischen
Einigung, in dessen Dienst wir uns damals als junge
Politiker, glücklich, aus dem Krieg gesund
heimgekehrt zu sein, alle gestellt haben. Ich beanspruche
hier für die Unionsparteien wahrlich kein Monopol,
wahrlich nicht. Denn der Prozeß der europäischen
Bewegung, der Prozeß der europäischen Einigung
muß von allen demokratischen Kräften in den
Ländern der Gemeinschaft getragen werden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Bei aller Schärfe meiner Kritik am politischen
Gegner, die ich in einer wirklich funktionierenden
parlamentarischen Demokratie als
Oppositionsredner hier vorzubringen nicht nur das Recht,
sondern auch die Pflicht habe, wird mich nichts
veranlassen, etwa darüber zu schweigen, daß sich
führende Sozialdemokraten und führende Liberale im
Dienst der europäischen Einigung große Verdienste
erworben und dieses Ziel mit derselben Lauterkeit
und Ehrlichkeit angestrebt haben und anstreben, wie
wir es tun.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Aber — und die Frage muß man stellen-:Wo
stehen wir? Nicht nur mich beschleicht seit Jahren,
Monaten die immer stärker werdende Furcht, daß
es sich hier nicht nur um einen Stillstand handelt,
sondern daß hier ein schwerer Rückschlag aus einer
Reihe von Gründen, die zu analysieren ich nicht
mehr die Zeit habe, eingetreten ist. Man muß sich
die bange Frage stellen, ob es in den 70er, 80er
Jahren oder in diesem Jahrhundert überhaupt noch zu
einer funktionierenden politischen Gemeinschaft der
Europäer kommt. Denn wir haben sogar im
Gemeinsamen Markt nicht nur einen Stillstand erfahren,
sondern wir sind hinter das zurückgefallen, was wir
schon einmal erreicht haben.
(Dr. Klepsch [CDU/CSU]: Sehr wahr!)
Man soll in einem Parlament nicht nur über Zölle,
Steuern, Sozialabgaben, Grenzausgleich und all die
Dinge reden, die das Leben der Mehrheit unseres
Volkes natürlich beeinflussen, sondern man soll
auch — das ist das, was wir von einer Regierung
erwarten — den historischen Überblick bewahren
und ihn gerade in einer offenen parlamentarischen
Demokratie der Bevölkerung, dem eigenen
Parlament und der europäischen Umwelt vermitteln. Die
Geschichte hat uns in Deutschland immer wieder
eine Chance gegeben: Nach dem Ersten Weltkrieg,
als wir Kinder waren, nach dem Zweiten Weltkrieg,
als wir uns die Frage stellten: Gibt es denn
überhaupt noch eine europäische Zukunft? Als damals
im Radio die Meldung kam, daß sich amerikanische
und russische Truppen am 28. April 1945 bei Torgau
die Hand gereicht und damit die Kapitulation der
deutschen Wehrmacht besiegelt haben, die wenige
Tage später erfolgte, haben wir allen Grund gehabt,
zu fragen, ob damit die deutsche, aber auch die
europäische Geschichte am Ende angelangt sei,
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Sehr wahr!)
haben wir allen Grund gehabt, zu fragen, ob Europa
in Zukunft nichts anderes als ein
Verschiebebahnhof der Großmachtinteressen nichteuropäischer
Großmächte sein werde.
Es ist aus einer Reihe von Gründen anders
gekommen, wenn auch nicht in vollbefriedigender
Weise. Wir haben in diesem Hohen Hause, in
diesem Parlament, sobald wir wieder in freier
Entscheidung handeln durften, unseren Teil dazu
beigetragen, damit dieses Europa nicht nur eine glanzvolle
Vergangenheit mit vielen dunklen Kapiteln,
sondern auch eine neue, lebenswerte und
Lebenshoffnung gewährende Zukunft hat.
Heute stellt man die Frage: Wo stehen wir denn?
Denn die Geschichte steht nie still. Wer im
geschichtlichen Prozeß die eigenen Möglichkeiten
nicht dynamisch einsetzt, wird erleben, daß er von
der Geschichte überrollt wird. Es hat gar keinen
Sinn, später dann zu klagen „Was hätten wir tun
müssen, wenn".
Ich sage das deshalb, Herr Bundeskanzler, weil
sowohl Sie, aber noch mehr Ihre Vorgänger uns
vom Herbst 1969 an eine Serie brillant formulierter
Fehlprognosen über die europäische Entwicklung
und über die großartigen Ergebnisse europäischer
Gipfelkonferenzen geliefert haben.
(Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)
Da ich in Vorbereitung der eigentlichen Debatte
gestern noch einmal nachgelesen habe, wie die
Kommuniqués lauten, was dazu vom vergangenen
Kanzler, vom jetzigen Kanzler und den jeweiligen
Außenministern gesagt worden ist, kann ich
wirklich nur mit Verzweiflung die Frage stellen: Wenn
das nach diesen Ankündigungen das Ergebnis ist,
mein Gott, was soll aus Europa werden, wenn es
so weitergeht?
Die Vorgängerin der heutigen Regierung erklärte
nach der Gipfelkonferenz von Den Haag: „Der
Europazug ist jetzt wieder in voller Fahrt." Was hat
man in Paris im Jahre 1972, auf der Gipfelkonferenz
im Jahre 1974, bei der Konferenz der Außenminister
in Kopenhagen im Jahre 1973 alles gesagt! Es gab
manches großmaulige Wort an die Adresse der
Amerikaner, daß sie sich damit abfinden müßten
— damit meine ich auch Sie, Herr Brandt —, daß
Europa eine Großmacht im Werden sei. Ich habe
damals gesagt: Europa ist ein Haufen gut
gefütterter Zwerge, die ihre geschichtliche
Verantwortung vergessen haben.
(Wehner [SPD] : Das wahr sehr höflich!)
Leider habe ich heute keinen Grund, das
zurückzunehmen.
Deshalb darf ich die Kritik wiederholen, die von
dieser Stelle aus von anderen Rednern aus den
Reihen der Opposition und mehrmals von mir an die
Adresse der Regierung gerichtet wurde: Sie hätten
Ihr volles politisches Engagement, Ihr politisches
Vertrauensvorschußpotential, das Sie zum Teil in
übertriebener Weise hatten und dann
selbstverständlich verspielt haben, benutzen sollen, um den
Prozeß der europäischen Einigung voranzutreiben,
statt im Osten leichtfertig ausgehandelte Verträge
abzuschließen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es geht hier nicht um die Frage, ob man mit
kommunistischen Regierungen Verträge schließen
soll oder nicht. Nur ein Verleumder und Lügner
kann behaupten, daß Unionsregierungen keine
Verträge mit kommunistisch geführten Ländern
schließen wollen.
(Zuruf des Abg. Wehner [SPD])
Wir haben es in der Vergangenheit getan, wir wer
-
den es auch in der Zukunft wieder tun, aber wir
werden es illusionslos, wachsam und nüchtern tun.
(Dr. Carstens [Fehmarn] [CDU/CSU] : Sehr
gut!)
Wir werden nicht eine außenpolitische
Zusammenarbeit zwischen unseren Parteien und der
Kommunistischen Partei der Sowjetunion anbieten, wie Sie
es, Herr Brandt, laut Ihrem Kommuniqué getan
haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Was soll denn dann aus diesem Europa werden?
(Wehner [SPD]: Ein Saustall
wahrscheinlich! — Heiterkeit bei der SPD)
— Wenn Sie der Meinung sind, daß der
gegenwärtige Zustand damit so bezeichnet werden kann,
möchte ich das auf die Komponente beschränken,
die Ihre Politik dazu beigetragen hat.
(Beifall bei der CDU/CSU — Wehner [SPD] :
Sie sind ja Experte im Saustall-Definieren!
Wenn sogar Zwerge in einem Saustall
zusammengefaßt werden!)
— Sie sollten vorsichtig sein; Ihr Nachbar hat in
diesem Zusammenhang schon einen Prozeß
verloren !
(Wehner [SPD] : Ich wollte Sie zu einem
neuen verlocken! - Weiterer Zuruf von
der SPD: Wieviel haben Sie denn verloren?)
Es ist einerseits üblich gewesen, den
amerikanischen Außenminister in allen Tönen als den großen
Erfolgsdiplomaten dieser Zeit zu loben, und es ist
üblich geworden, Herrn Kissinger zu tadeln, zu
kritisieren, Mißtrauen über ihn auszusprechen.
(Abg. Dr. Jenninger [CDU/CSU] begibt sich
zum Sitzungsvorstand — Wehner [SPD] :
Und es ist üblich geworden, Ihnen die
doppelte Redezeit zu geben!)
Ich tue weder das eine noch das andere. Wenn aber
Herr Kissinger in seiner, wie ich sagen möchte, trotz
allem nüchternen und illusionsfreien
Entspannungspolitik, die sowohl vom früheren als auch vom
jetzigen Präsidenten getragen wurde bzw. wird,
Konzessionen machen muß, die in Europa immer wieder
Sorge hervorrufen, dann deshalb, weil die Europäer
für die Amerikaner als Partner seit Jahren ausfallen
und ihrer geschichtlichen Funktion nicht gerecht
werden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Dann bewegt uns natürlich in dem Zusammenhang
die Frage, wie der Zusammenschluß Europas
tatsächlich aussieht. Das ist für den Sprecher einer
Generation, die damals als Schüler zwischen den beiden
Weltkriegen, aus denen die Väter heimgekehrt oder
nicht heimgekehrt sind, mit Hoffnung erlebt haben,
wie Briand und Stresemann dem Völkerbund 1929
und 1930 das Projekt der Europäischen Union, das .
Projekt der Vereinigten Staaten Europas vorgelegt
haben, nicht ohne Bedeutung. Als Briand diesen
Plan am 9. September 1929 vortrug, Stresemann ihn
in einer freien Rede begeistert aufgriff, als dann die
französische Regierung im Mai 1930 die Noten
vorlegte, als wiederum im September 1930 Briand die
Zustimmung aller europäischen Regierungen
verkündete — mit Ausnahme der englischen, die,
vertreten durch Lord Henderson, schwerwiegende
Bedenken erhob —, als der damalige deutsche
Außenminister Curtius diesem Projekt im Namen der
deutschen Reichsregierung mit vollem Engagement
zustimmte, da glaubten wir, die damalige junge
Generation, die den gleichen Anspruch an das Leben
richtete, wie es die Jugend heute mit Recht genauso
tut — indem sie von der älteren Generation eine
vernünftige Politik verlangt —, daß sich der größere
Teil unseres Lebens in einer europäischen
Gemeinschaft abspielen werde, zwischen deren Mitgliedern
es keinen Krieg mehr geben werde, in einer
europäischen Gemeinschaft, in der die bösen Geister der
Vergangenheit endlich überwunden wären. Das war
im September 1930 in der Völkerbund-Sitzung,
wenige Tage nachdem die Nationalsozialisten einen
dramatischen Wahlsieg — zum erstenmal —
errungen hatten. Nur wenige Jahre später hat uns alle,
die Jahrgänge vor dem meinen und nach dem
meinen, genau das Schicksal getroffen, das wir glaubten
durch eine europäische Gemeinschaft, durch die
Vereinigten Staaten von Europa endgültig überwunden
zu haben und losgeworden zu sein.
Wenn man mich heute fragte: Wo stehen wir?,
habe ich manchmal das beklemmende Gefühl,
obwohl es niemals eine exakte Wiederholung
geschichtlicher Prozesse gibt — es gibt höchstens
Vergleichbarkeiten, Affinitäten und Ähnlichkeiten —,
Mitte der 30er Jahre zu stehen; nicht im
wirtschaftlichen, sozialen oder finanziellen Gefüge, sondern in
der außenpolitischen Verschiebung. Wenn der
Expansion des Imperialismus neuer Art durch
Zusammenschluß der Europäer und durch ihre
Partnerschaft mit den Amerikanern nicht Einhalt geboten
wird, wird die nächste Generation genauso von
einem Unheil heimgesucht werden, wie es bei der
unserer Väter und bei unserer eigenen war. Das ist
unsere Sorge.
Wir haben die Europäische Gemeinschaft nie als
eine reine Kalorien-Gemeinschaft, als ein reines
Commonwealth, als ein reines gesellschaftliches
Wettbewerbsspiel gesehen. Wir haben die
Europäische Gemeinschaft als Instrument einer frieden
-
sichernden Politik gesehen. Es ist einfach eine
Geschichtsfälschung, Herr Bundeskanzler, wenn Sie
sagen — und uns das vorwerfen —, der amerikanische
Präsident habe nicht eine Politik der Stärke gemeint.
Man sollte hier nicht um Formulierungen kämpfen.
Wir haben nie etwas anderes gewollt als eine
Politik des Friedens durch Stärke; denn nur der Starke
kann den Frieden garantieren. Der Schwache wird
entweder versklavt, oder er wird als Instrument für
die Kriegspolitik benutzt. Das war schon vor der
Sowjetunion so, war unter Hitler so und ist auch
heute nicht anders. Weil dieses Europa eine
historische Funktion zu erfüllen hat, weil dieser
Kontinent die Zukunft nicht in sozusagen sorglosem
Überleben als Niemandsland zwischen dem einen und
dem anderen Koloß meistern kann, müssen wir
dieses Europa schaffen, oder der historische Prozeß
wird sich gegen Europa und gegen uns richten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich sage das auch aus einem ganz bestimmten
Grunde: weil man die Frage nicht mit schön
klingenden Formulierungen, die nicht nur zweideutig,
sondern mehrdeutig sind, umgehen kann. Wie
soll dieses Europa ausschauen? Meine politischen
Freunde und ich bekennen uns zu dem Projekt der
Vereinigten Staaten Europas, und zwar der freien
Länder Europas, die sich auf freiwilliger Grundlage
im Rahmen freier Gesellschaftsordnungen zu einer
historischen Gemeinschaft zusammenschließen
müssen oder das Selbstbestimmungsrecht über sich
verlieren werden.
(Beifall bei der CDU/CSU — Wehner [SPD] :
Und was die Freiheit ist, bestimmen Siel?)
Das ist nur eine Frage des Ablaufs.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Sie sollten das, was Wolfgang Leonhard am 19.
Januar dieses Jahres geschrieben hat, ernst nehmen.
Wolfgang Leonhard kommt sicherlich nicht aus dem
Konrad-Adenauer-Haus oder aus der Landesleitung
der CSU, sondern:... er weiß, was er sagt, — -
(Lachen und demonstrativer Beifall bei der
SPD — Zuruf von der SPD: Wissen die das
nicht?)
— Wolfgang Leonhard weiß, was er sagt, — —
(Wehner [SPD] : Sie haben „sondern"
gesagt! Sie sind herzig! Reden Sie noch eine
Weile!)
— Sie werden allmählich kindisch, Herr Wehner,
aber das kann man nicht ändern.
Wolfgang Leonhard weiß genau, was er sagt,
wenn er in einem bemerkenswerten Artikel schreibt:
Moskau will Westeuropa finnlandisieren. Und wenn
Sie, Herr Wehner, sich hier so unflätig äußern,
möchte ich einmal wissen, welchen Beitrag Sie dazu
schon geleistet haben.
(Beifall bei der CDU/CSU — Wehner [SPD] :
Mein Beitrag ist: Sie sollen noch länger
reden!)
Und wenn vor wenigen Tagen in der „Prawda" zu
lesen war: „Mißerfolg von Luxemburg macht
gesamteuropäische Zusammenarbeit notwendig", dann
merkt man doch mit einer durch nichts mehr zu
versteckenden Deutlichkeit, welche zwei europäischen
Architekturen hier einander gegenüberstehen,
(Wehner [SPD] : Sie müssen die „Pekinger
Volkszeitung" lesen — ganz aktuell!)
auf der einen Seite das Projekt der Vereinigten
Staaten Europas, der Vereinigung der freien Länder
Europas, und auf der anderen Seite ein Europa, das
unter sowjetischer Kontrolle — wenn auch ohne
militärische Besetzung
(Wehner [SPD]: Ja, ja!)
und ohne kommunistische Revolution, aber
außenpolitisch handlungsunfähig, militärisch
verteidigungsunfähig, von der Partnerschaft mit Amerika
abgelöst — als kapitalistisches Wohlstandsland noch
weiterhin ausbeutungsfähig erhalten werden soll.
Hier stehen doch diese beiden Architekturen
einander gegenüber. Darum geht doch das Ringen, und
darum, Herr Bundeskanzler, wäre es die Aufgabe
der deutschen Bundesregierung, die dank dem Fleiß
des Volkes etwas hinter sich hat, in dieser Richtung
das ganze Gewicht der Bundesrepublik einzusetzen,
damit der historische Prozeß der Einigung Europas
wieder fortgesetzt wird. Es gibt keine
langanhaltenden Pausen in den Wetterecken der Weltpolitik.
Wir leben zur Zeit nicht in einer Pause, sondern in
einer gefährlichen Rückschlagsphase, und wir
erwarten von einem deutschen Bundeskanzler, daß er hier
nicht eine Wahlrede hält, sondern eine historische
Analyse gibt
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
und eine klare Konzeption dafür aufzeigt, wie dieses
historische Werk gestaltet werden soll.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das hätten wir von Ihnen, Herr Bundeskanzler,
heute erwartet. Dann würden Sie von uns als
Staatsmann anerkannt werden.
(Lachen bei der SPD)
— Daß Sie darüber lachen, kann ich verstehen; ich
tu's ja auch.
(Beifall bei der CDU/CSU — Wehner [SPD] :
Staatszwerg!)
Aber so haben Sie sich heute leider nur als ein
Parteipolitiker erwiesen, der die letzte Wahl nicht
verdaut hat und vor der nächsten Angst hat.
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der CDU/
CSU)
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Brandt.
Brandt (SPD) : Frau Präsidentin! Meine Damen und
Herren! Ich möchte hier keine lange Rede halten,
möchte aber drei Fragen nachgehen, und ich denke,
dies ist angemessen nach der Rede, die wir gerade
gehört haben.
Die erste Frage ist --- und sie leitet sich ab aus
dem ersten Teil der Rede des Kollegen Strauß —:
Von welchem Land ist hier in der Beschreibung die
Rede, die Herr Strauß während der ersten halben
Stunde seiner Rede von einem europäischen Land
gegeben hat? Die Bundesrepublik Deutschland war
das nicht, über die er gesprochen hat.
(Beifall bei der SPD und der FDP —
Lemmrich [CDU/CSU] : Das ist doch Ihre alte
Verleumdungsmasche, die Sie da abspulen!
Ihre Replik auf Passau! Eine ganz üble
Methode!)
Die zweite Frage ist: Hat die Opposition, nachdem
Herr Strauß zeitlich nicht mehr dazu gekommen ist,
obwohl er weit über eine Stunde geredet hat, im
Laufe der Debatte des heutigen Tages konkret etwas
dazu beizutragen — das könnte ja für die Regierung
unter Umständen nützlich sein —, wie Europa über
den schweren Rückschlag hinwegkommen kann, der
in Luxemburg deutlich geworden ist.
(Lemmrich [CDU/CSU] : Was hat denn Ihr
Parteifreund Schmidt hier dazu gesagt?!)
Außer dem Zwergen-Gerede von Herrn Strauß war
heute morgen zu diesem Thema nichts zu hören.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Drittens leitet sich aus der Rede von Herrn Strauß,
vor allen Dingen aus dem letzten Teil, zwingend die
Frage ab, mit wem er und seine Gesinnungsfreunde
eigentlich jenes Europa bauen wollen, von dem sie
sagen, sie bekennten sich zu ihm.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Diese Frage muß gestellt werden.
Was den ersten Punkt angeht, ist es doch nicht
so, als ob irgend jemand, der hinter der Regierung
steht, erwartet, diejenigen, die gegen die Regierung
stehen, die die Rolle der starken Opposition spielen,
sollten bei solcher Gelegenheit das, was die
Regierung sagt, in allen Punkten für richtig halten. Das
erwartet hier niemand. Aber welchen Interessen
— auch deutschen Interessen draußen in der Welt —
soll es eigentlich dienen, wenn man gegen Tatsachen
anrennt, die im Grund jeder von ihnen kennt und
denen Sie ja auch nicht widersprechen, wenn Sie im
Ausland — diejenigen von Ihnen, die
herauskommen — darauf angesprochen werden. Denn Ihre
Partner in den anderen Ländern fragen ja Sie wie
uns auch: Wieso schafft es die Bundesrepublik, durch
eine schwere Weltwirtschaftskrise besser
durchzukommen als andere?
(Stücklen [CDU/CSU] : Durch unsere
Substanz, die wir geschaffen haben!)
Das ist doch eine ganz andere Fragestellung, und
Sie widersprechen nicht. Aber hier wollen Sie eine
solche Tatsache nicht gelten lassen. Wir haben das
ja hier wieder gehört, Herr Kollege Strauß. All Ihr
Verunsicherungsgerede hat nicht verhindern
können, daß die Deutsche Mark in der Welt immer
stärker geworden ist, daß sie eine der härtesten
Währungen geworden ist.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Sie werden und dürfen auch keinen Erfolg damit
haben, den Rentnern, die das ganz gewiß nicht
verdient haben, Unsicherheitsgefühle zu vermitteln. Die
Rentner können sich darauf verlassen, daß sie Mitte
des Jahres die Rentenerhöhung und für die
folgenden Jahre die Dynamisierung ihrer Renten
bekommen.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zuruf
des Abg. Lemmrich [CDU/CSU])
Es ist nicht in Ordnung, wenn Sie auf diese Weise
schon wieder, nachdem das andere nicht gezogen
hat — jetzt zu Lasten der Älteren, die ein Leben lang
hart gearbeitet haben —, Angstgefühle in diesem
Volk verbreiten wollen.
(Zuruf von der SPD: Marodeure! —
Lemmrich [CDU/CSU] : Sie haben doch die Sache
zerrüttet! Da helfen doch Ihre Redensarten
nicht mehr! Sie machen die Sache kaputt!)
— Sie können hier schreien wie die
kommunistischen Zwischenrufer in Berlin und in Freiburg, Sie
bringen mich trotzdem nicht vom Reden ab.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der CDU/
CSU) : Unerhört! Unglaublich! — Lemmrich
(CDU/CSU) : Herr Brandt, ich war in mei
-
nen jungen Jahren nicht da, wo Sie stan
den!)
— Ich wiederhole: Ich lasse mich durch Ihre
Zwischenrufe, die stören sollen, genausowenig von
dem abbringen, was ich zu sagen habe, wie von
kommunistischen Störtrupps in Berlin oder in
Freiburg.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wer will denn hier tatsächlich widersprechen?
Der Bundeskanzler hat doch die Ziffern der EG
vorgetragen und festgestellt, daß die Daten über die
Preissteigerungen, die Daten über die
Realeinkommen und vor allen Dingen — was noch gar nicht
drinstand — die Daten über die konkrete soziale
Sicherung bei uns günstiger sind als bei den
Partnern der Gemeinschaft.
Welchen vernünftigen Interessen soll es dienen,
gegen diese Tatsachen anzurennen? Herr Strauß,
um ein auch Ihnen bekanntes angelsächsisches
Wort abzuwandeln: Sie mögen viele Menschen
während einer kurzen Zeit und wenige Menschen
während einer langen Zeit an der Wirklichkeit, an den
Tatsachen vorbeiführen können; es wird Ihnen
nicht gelingen, viele Menschen während einer
langen Zeit über die Tatsachen zu täuschen, so wie Sie
es heute wieder versucht haben.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Viele von Ihnen — ich sagte és — kommen so
wie wir ein bißchen in der Welt herum. Warum
sprechen Sie eigentlich nicht von dem, was Ihnen
dort gesagt wird? Ich meine ja nicht, daß die
Tatsache, daß wir besser als fast alle anderen in
Europa und in der Welt dastehen, zur
Selbstgefälligkeit verleiten sollte. Ich weiß, daß wir bei allem
Streit miteinander noch eine ganze Menge an
Problemen vor uns haben. Da kommt die Reform der
beruflichen Bildung. Dann wird man wieder sehen,
ob der Bundesrat erneut als Neinsagemaschine
eingeschaltet werden soll.
(Stücklen [CDU/CSU] : Da müssen Sie ein
besseres Gesetz vorlegen! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Da kommt das Problem der Sicherung der Arbeit
für alle, von dem der Bundeskanzler gesprochen
hat. Dabei geht es natürlich auch um die
Bewahrung sozialer Errungenschaften vor ihrer
Auszehrung durch Sonderinteressen. Jawohl, solche
Probleme gibt es. Aber das ist doch etwas anderes, Herr
Kollege Strauß, als das, was Sie mit den „Grenzen
des Sozialstaats" bezeichneten, zwar nicht hier,
leider nicht, aber gestern woanders, wie uns durch
Meldungen übermittelt wurde. Darüber müssen wir
uns, wenn es geht, verständigen.
Ich glaube, der eigentliche Gegensatz ist der, Herr
Kollege Strauß: Wir fassen den Art. 20 des
Grundgesetzes als einen permanenten Auftrag auf. Er
kann keine Situationsbeschreibung gewesen sein.
Denn als 1949 in Art. 20 die Bundesrepublik als
demokratischer und sozialer Bundesstaat beschrieben
wurde, war ihr Zustand ein ganz anderer als heute.
Es handelt sich um den Auftrag, diesen Bundesstaat
zunehmend auszubauen. Die, die immer schon
gesagt haben — einige 12 und 15 Jahre vor Ihnen —,
die Grenzen des Sozialstaats seien erreicht, folgen
der Tradition jener Konservativen, die vor 50, 70
und 80 Jahren gesagt haben: 14-Stunden-Arbeitstag
ist zu wenig, 12-Stunden-Arbeitstag ist zu wenig.
Muß denn unbedingt die Kinderarbeit abgeschafft
werden? Muß die Sonntagsarbeit abgeschafft
werden?
(Lebhafter Beifall bei der SPD und der FDP
— Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU] : Das
ist Demagogie! — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
Die Konservativen waren immer der Meinung, die
Grenzen seien erreicht, und andere haben den
sozialen Fortschritt und die Freiheit für die Millionen
Menschen
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Erstes Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts (1. EheRG)
- part_of_vorgang → Gesetz über den Ehe- und Familiennamen
- part_of_vorgang → Gesetz über die Personalstruktur des Bundesgrenzschutzes (BGSPersG) (3. Beratung)
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung beamtenversorgungsrechtlicher Vorschriften
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung des Abfallbeseitigungsgesetzes