Rede von Dr. Hermann Otto Solms (FDP) – Drucksache 16/2523
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 9: Drucksache 16/2523 –.
Text
Rede von Dr. Hermann Otto Solms (FDP) – Drucksache 16/2523
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Es war schon eine große Überraschung für uns
Oppositionspolitiker – dazu gehörte damals auch die
CDU/CSU –, als wir im Jahre 2000 die Vorschläge der
damaligen rot-grünen Regierung zur Steuerfreiheit von
Veräußerungsgewinnen bei Beteiligungsverkäufen zurKenntnis genommen haben. Das hatten wir nicht
erwartet.
(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das war kurz vor Weihnachten! Das
weiß ich noch!)
In den Diskussionen, die wir vorher in unserer Koalition
geführt hatten, hatten wir als FDP eine völlige
Steuerfreiheit immer ausgeschlossen, weil das
steuersystematisch nicht gerechtfertig war und auch bis heute nicht
gerechtfertigt ist.
In diesem Punkt stimme ich dem Antrag der Linken zu.
Allerdings gilt das nicht für die Begründung, die Sie
vorgebracht haben.
(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Gott sei Dank! – Leo Dautzenberg
[CDU/CSU]: Das wäre aber auch erstaunlich
gewesen, Herr Dr. Solms!)
Der reine Appell an den Neidkomplex führt uns nicht
weiter. Die Frage lautet, was steuersystematisch richtig
ist.
Ich habe die Diskussion damals hier im Deutschen
Bundestag, bei der ich sogar die Ehre hatte, einen
Beitrag zu leisten, noch einmal nachgelesen. Ich habe
damals gesagt:
Das … führt zu einer einseitigen Begünstigung der
Kapitalgesellschaften gegenüber den
Personengesellschaften und den Einzelkaufleuten.
Genau das ist der steuersystematisch entscheidende
Gegenangriff. Es war nicht in Ordnung, dies nur für
Kapitalgesellschaften einzuführen und die
Personengesellschaften davon auszuschließen. Im Übrigen hat die
Steuerfreiheit natürlich dazu beigetragen, dass die so
genannte Deutschland AG stärker entflochten worden ist.
Insofern hatte das volkswirtschaftlich auch einen
positiven Effekt. Steuersystematisch aber war es nicht richtig,
die Kapitalgesellschaften auf diese einseitige Weise zu
begünstigen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Deswegen haben wir als FDP hinsichtlich einer
Reform der Einkommen- und Körperschaftsteuer einen
steuersystematisch einwandfreien Vorschlag gemacht.
(Frank Schäffler [FDP]: So etwas bekommt
die große Koalition gar nicht hin!)
Nach unserem Entwurf sind Veräußerungsgewinne bei
Beteiligungsverkäufen grundsätzlich steuerpflichtig. Der
Steuertarif ist dabei natürlich deutlich abgesenkt. Diese
Gewinne können aber in eine steuerfreie
Reinvestitionsrücklage eingestellt werden, die für entsprechende
Investitionen innerhalb von vier Jahren aufgelöst werden
muss. Wenn das nicht geschieht, dann muss die
Besteuerung endgültig nachvollzogen werden. – Das ist ein
steuersystematisch richtiger Ansatz.
Dr. Hermann Otto SolmsEin anderer richtiger Ansatz ist der, der in anderen
Ländern gefunden worden ist, beispielsweise in den
Vereinigten Staaten, wo Veräußerungsgewinne mit einem
eigenen Steuertarif belastet werden, der sehr viel niedriger
ist. Er lag einmal bei 12 Prozent und 15 Prozent; ich
weiß nicht, wie hoch er im Moment ist. Mir geht es aber
auch nur um das System.
Es stellt sich die Frage, was die Bundesregierung jetzt
tut.
(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Da bin ich auch
einmal gespannt!)
Sie hat ja angekündigt, eine Unternehmensteuerreform
einzubringen. Noch im Januar wird sie einen
Regierungsentwurf vorlegen.
Herr Krüger, ich habe mich etwas darüber gewundert,
dass Sie das Halbeinkünfteverfahren so gerühmt
haben, obwohl Sie gerade dabei sind, es wieder
abzuschaffen. Das macht ja wenig Sinn.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der LINKEN – Christine Scheel [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist komisch; das
stimmt! – Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Da
sehen Sie einmal, welche Überzeugungsarbeit
wir geleistet haben, Herr Solms! – Dr. Hans-
Ulrich Krüger [SPD]: Ich musste es den
Kollegen von der Linken erst einmal erklären!)
Nach dem, was bis jetzt von Ihren Vorschlägen und
Überlegungen bekannt ist, bleibt § 8 b
Körperschaftsteuergesetz – also diese Ausnahme – erhalten.
(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das stand in der Zeitung! Das habe ich
auch gesehen!)
Dadurch würden Sie den steuersystematischen Fehler
fortschreiben. Das wäre bedauerlich.
Sie haben aber noch Zeit, diese Frage zu überdenken und
einen steuersystematisch einwandfreien Vorschlag zu
machen.
(Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Diese
Überzeugungsarbeit müssen wir in der Koalition
noch leisten!)
Wenn es Ihnen hilft, stelle ich Ihnen unseren Entwurf zur
Verfügung. Sie müssen ihn nur abschreiben. Sie können
sich darauf verlassen, dass das sauber durchdacht,
steuersystematisch konsequent und einwandfrei ist.
(Dr. Hans-Ulrich Krüger [SPD]: Abschreiben
war schon in der Schule verboten!)
Sie brauchen sich also nicht mehr den Kopf darüber zu
zerbrechen und auch über das Halbeinkünfteverfahren
nicht mehr nachzudenken.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der FDP – Christine Scheel
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das Denken
haben viele schon eingestellt; das stimmt!)Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Das Wort hat nun Kollege Peter Rzepka, CDU/CSU-
Fraktion.
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