Medienkompetenz für alle - Nationale Strategie des Bundes für eine lebensbegleitende Medienbildung
Text
Medienkompetenz für alle - Nationale Strategie des Bundes für eine lebensbegleitende Medienbildung
Antrag
der Abgeordneten Denise Loop, Dr. Anna Lührmann, Dr. Anja Reinalter,
Dr. Andrea Lübcke, Ayse Asar, Rebecca Lenhard, Jamila Schäfer, Marlene
Schönberger, Simone Fischer, Misbah Khan, Ulle Schauws, Nyke Slawik,
Marcel Emmerich, Katrin Göring-Eckardt, Sven Lehmann, Claudia Müller,
Dr. Konstantin von Notz und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Medienkompetenz für alle – Nationale Strategie des Bundes für eine
lebensbegleitende Medienbildung
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Digitale Medien prägen heute nahezu alle Lebensbereiche – von politischen Debatten
auf sozialen Medien über Onlinebestellungen bis hin zu Games oder digitalen
Angeboten von Bürgerämtern. Kommunikation, politische Teilhabe, Arbeit und Bildung,
Konsum, Kultur und Spiel finden zunehmend in digitalen Räumen statt. Gleichzeitig
verändern Algorithmen, Künstliche Intelligenz (KI), gezielte
Desinformationskampagnen und Aufmerksamkeitsökonomien die Bedingungen, unter denen Menschen
Informationen wahrnehmen, bewerten und verbreiten – etwa, wenn soziale Plattformen
Nutzer*innen gezielt ähnliche Inhalte ausspielen und so die Vielfalt von Perspektiven
reduzieren. Vor diesem Hintergrund werden Medienkompetenzen immer wichtiger für
politische, kulturelle und soziale Teilhabe und die Resilienz gegenüber
Desinformationen und Manipulation. Sie sind – neben einer stärkeren Regulierung von großen
sozialen Plattformen – entscheidend für eine informierte, selbstbestimmte und
demokratische Gesellschaft.
Medienkompetenzen sind Wissen und Fähigkeiten, um Medieninhalte kritisch zu
nutzen, zu reflektieren und kreativ einzusetzen. Angesichts der aktuellen
Herausforderungen in digitalen Räumen sollten diese gemeinsam mit digitalen Kompetenzen und
Demokratiekompetenzen gefördert werden. Diese sind zentral, um Informationen und
Medieninhalte kritisch einordnen und bewerten zu können. Insbesondere die neuen
Herausforderungen durch generative KI-Tools und KI-Chatbots müssen in der
Vermittlung konsequent eingebettet werden.
Doch fast die Hälfte der Bundesbürger*innen hat Schwierigkeiten, seriöse von
unseriösen Nachrichtenquellen zu unterscheiden (www.interface-eu.org/storage/archive/
files/studie_quelleinternet.pdf). KI-Anwendungen verschärfen das Problem, da oft
schwer zu erkennen ist, ob Inhalte KI-generiert sind und wer dahintersteht. Nur knapp
die Hälfte aller Bürger*innen verfügt über digitale Basiskompetenzen (D21-Digital-
Index 2024/25). Nicht einmal die Hälfte der 15-Jährigen in Deutschland traut sich zu,
die Qualität von Onlineinhalten fundiert beurteilen zu können (www.pedocs.de/
volltexte/2025/33288/pdf/Kastorff_et_al_2024_Fake_News_oder_Fakten.pdf). Bei Acht-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6660
21. Wahlperiode 23.06.2026
klässler*innen ist seit 2013 ein Rückgang digitaler Fähigkeiten zu beobachten –
trotz wachsender Herausforderungen durch KI und digitalisiertem Unterricht (ICILS
Studie 2023). Dies ist aus kinderrechtlicher Perspektive problematisch, da
Informations-, Bildungs- und Beteiligungsrechte zunehmend in digitalen Räumen
wahrgenommen werden (vgl. General Comment Nr. 25 des UN-Ausschusses für die Rechte des
Kindes). Die Bestandsaufnahme der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz
in der digitalen Welt“ beschreibt die Elternbildung als „bundesdeutschen
Flickenteppich“ und die Angebotslandschaft der Medienbildung als strukturell fragil
(www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/284628/c22a5e3075220368a8591bca19ff288-
b/20260420-exertenkommission-kinder-und-jugendmedienschutz-bestandsaufnahme-
data.pdf).
Diese Befunde zeigen, dass digitale, demokratische und medienbezogene
Kompetenzen in Deutschland bei vielen Menschen noch nicht ausreichend verankert sind. Da
das Vertrauen in traditionelle Medien sinkt und populistische Weltbilder an
Attraktivität gewinnen, braucht es eine flächendeckende Kompetenzvermittlung. Und doch
fehlen aktuell eine kohärente Strategie sowie eine verlässliche Finanzierung für die
Förderung dieser Kompetenzen in allen Altersgruppen. Die Kompetenzvermittlung ist
fragmentiert, im ländlichen Raum oft nur schwach vertreten und erreicht vulnerable
Gruppen oft nicht, etwa Menschen mit Behinderungen, Menschen, die überwiegend
andere Sprachen als Deutsch sprechen, oder Kinder, die kein Gymnasium besuchen.
Die kurzfristige, projektbezogene Finanzierung durch den Bund verhindert eine
langfristige Qualitätsentwicklung und belastet Medienzentren, Volkshochschulen und freie
Träger, die das Rückgrat der Medienbildung bilden. Fachkräfte verbringen häufig viel
Zeit mit Antragstellungen statt mit Bildungsarbeit. Medienpädagogik als
eigenständiges Berufsfeld ist bislang nicht ausreichend anerkannt und nicht systematisch in
Schulen verankert. Gleichzeitig bestehen Forschungslücken zu Medienkompetenzen
vulnerabler Gruppen, zu den Auswirkungen algorithmischer Systeme auf politische
Meinungsbildung und Informationsverhalten sowie zur Entwicklung von
Medienkompetenzen über die gesamte Lebensspanne.
Es gibt zahlreiche erprobte Formate und Initiativen, die hervorragende Arbeit vor Ort
leisten und über viel Erfahrung verfügen. Diese Angebote sollten dauerhaft abgesichert
und flächendeckend ausgebaut werden. Es braucht verbindliche Ziele, Standards und
eine verlässliche Finanzierung. Deutschland braucht – wie andere europäische Länder
– eine Nationale Strategie, die Medienkompetenzen stärkt und bestehende Initiativen
bündelt und ausbaut. Diese Strategie sollte vom Bund gemeinsam mit Ländern,
Wissenschaft und Zivilgesellschaft entwickelt werden. Ziel ist die Stärkung von Digital-,
Medien- und Demokratiekompetenzen als Grundlage einer resilienten, digitalen
Demokratie.
Medienkompetenzförderung betrifft Kitas, Schulen und Hochschulen, Jugendarbeit,
Seniorenbildung, berufliche Qualifizierung und Zivilgesellschaft. Eine starke
Demokratie braucht medienkompetente Bürger*innen in jedem Alter. Medienkompetenzen
müssen über den schulischen Bereich hinaus bei allen gesellschaftlichen Gruppen mit
passgenauen Angeboten gefördert werden.
Die Angebote sollen alltagsnah gestaltet sein und an bestehende Strukturen anknüpfen
– etwa an den rund 8.000 öffentlichen Bibliotheken, 850 Volkshochschulen oder 600
Landesbildstellen und Medienzentren. Auch Elterngruppen, Sportvereine,
Kirchengemeinden und andere zivilgesellschaftliche Akteur*innen sollten als informelle
Lernorte einbezogen und gefördert werden. Nicht zuletzt sollen auch Medienorganisationen
stärker in die Vermittlung einbezogen werden.
Zur Finanzierung der Strategie müssen sehr große Online-Plattformbetreiber in die
Pflicht genommen werden. Denn sie tragen durch ihre Geschäftsmodelle zur
Problemlage bei, während sie zugleich enorme Profite erwirtschaften. Deshalb sollen ihre
Umsätze aus Onlinewerbung besteuert und die Einnahmen unter anderem in einen
Nationalen Medienkompetenz-Fonds überführt werden. Dieser Fonds soll die langfristige
und unabhängige Förderung medienpädagogischer Angebote sichern. Als Vorbild
dient das kanadische „Digital Literacy Exchange Program“, das insbesondere die
Medienkompetenzen sozial benachteiligter Personen stärkt. Der Nationale
Medienkompetenz-Fonds soll von einer neu einzurichtenden, staatsfernen und unabhängigen
Koordinierungsstelle verwaltet werden, die über Programmlinien und Auswahlprozesse
entscheidet.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. geeignete Maßnahmen für die altersübergreifende Vermittlung von
Medienkompetenzen in einer Nationalen Strategie Medienkompetenz – in enger Abstimmung
mit den Ländern – zu bündeln und bundesweit verfügbar zu machen. Dabei ist
die Verbindung mit Medien-, Demokratie- und Digitalkompetenzen zu beachten.
Die Strategie soll messbare Ziele sowie ein kontinuierliches Monitoring und die
Evaluation der Maßnahmen beinhalten;
2. eine Koordinierungsstelle Digitale Medienkompetenz auf Bundesebene
einzurichten, die Angebote bündelt und sichtbar macht, gemeinsame
Qualitätsstandards und einen Kompetenzrahmen entwickelt, Trends identifiziert,
Forschungsergebnisse für die Praxis aufbereitet, Lehr- und Lernmaterialien bereitstellt,
medienpädagogische Initiativen und Akteur*innen vernetzt und weiterbildet und
sich eng in die Aufklärung von Desinformationskampagnen einbringt. Dabei ist
die enge Zusammenarbeit mit Ländern, Kommunen und Zivilgesellschaft
sicherzustellen;
3. einen dauerhaften Nationalen Medienkompetenz-Fonds einzurichten, der unter
anderem aus Einnahmen aus der Besteuerung von Onlinewerbeumsätzen großer
Digitalunternehmen gespeist werden kann (vgl. Drucksache 21/2247 sowie
21/5287). Der Fonds soll medienpädagogische Angebote langfristig fördern und
entsprechend finanziell ausgestattet werden;
4. aus den Mitteln des Nationalen Medienkompetenz-Fonds Maßnahmen für
verschiedene Zielgruppen zu finanzieren. Diese umfassen insbesondere:
a. eine bundesweite Aufklärungskampagne über die Bedeutung von
Medienkompetenzen für Eltern und Bezugspersonen von (Klein-)Kindern, die
alltagsnahe Unterstützung bietet und gemeinsam mit Expert*innen und
Elternverbänden entwickelt wird. Die Kampagne soll durch niedrigschwellige
Beratungsangebote in Kindertagesstätten, Familienzentren und
Familienbildungsstätten ergänzt werden. Mehrsprachigkeit und die Lebenssituation von
Familien mit Migrationsgeschichte sind dabei zu beachten;
b. außerschulische medienpädagogische Angebote als festen Bestandteil der
Ganztagsschule, um allen Schüler*innen Medien-, Demokratie- und
Digitalkompetenzen zu vermitteln. Dabei sollten insbesondere KI, Social Media und
Games in den Blick genommen werden. Dafür müssen Kooperationen
zwischen Schulen und außerschulischen Akteur*innen wie
zivilgesellschaftlichen Trägern, Volkshochschulen, Bibliotheken oder Medienzentren
strukturell abgesichert werden;
c. flächendeckende, niedrigschwellige Fortbildungsangebote für Fachkräfte in
Kindertagesstätten, Lehrkräfte und Fachkräfte aus der Kinder- und
Jugendhilfe mit Fokus auf die Vermittlung von Medien- und
Demokratiekompetenzen, die in die Arbeitszeit integriert und berufsbiografisch anerkannt werden.
Dazu gehören insbesondere Weiterbildungen zu Fähigkeiten, Grenzen und
Risiken von KI-Tools.
d. unabhängige, vielfältige und nicht-kommerzielle digitale Angebote für
Kinder und Jugendliche, wie etwa moderierte Chat-Räume, KI-Tools,
Kinderwebseiten und -apps;
e. Angebote der Erwachsenenbildung und Weiterbildung unter anderem von
Kreis- und Landesmedienzentren, freien Trägern, Volkshochschulen oder
Bibliotheken, Angebote zur Medienkompetenzvermittlung im
Arbeitskontext, in der beruflichen Bildung sowie mit Hilfe von Elterngruppen und
Vereinen;
f. niedrigschwellige, aufsuchende Angebote für ältere Menschen,
beispielsweise in Seniorenbegegnungsstätten, Mehrgenerationenhäusern,
Bibliotheken oder mobile Beratungsangebote, die über Nutzungsschulungen
hinausgehen;
g. ein bundesweites Programm zur Qualifizierung und Vernetzung von
Multiplikator*innen, um Kompetenzen in Milieus hineinzutragen, die durch
institutionelle Bildungsangebote kaum erreicht werden. Dazu gehören
zugängliche und modular aufgebaute Fortbildungsformate sowie anerkennungsfähige
Zertifizierungen;
h. mehrsprachige und interkulturelle Formate für Menschen mit
Migrationsgeschichte sowie gezielte Medienkompetenzprogramme für mehrsprachige
Communities;
i. inklusive Angebote für Menschen mit Behinderungen sowie barrierefreie
Medienangebote. Die Barrierefreiheit der Angebote und Materialien ist
konsequent sicherzustellen;
j. Projekte von Bürgermedien wie Offene Kanäle, Bürgerradios und
gemeinwohlorientierte Medienprojekte, die als bewährte Orte demokratischer
Partizipation und aktiver Medienpraxis anzuerkennen sind;
k. Begleitforschung zum Medienkompetenz-Fonds, die die geförderten
Projekte evaluiert, um ihre Wirksamkeit zu ermitteln und Best-Practice Modelle
für die bundesweite Skalierung zu identifizieren;
5. auf die Länder hinzuwirken, dass Digital-, Demokratie- und Medienkompetenzen
(inklusive KI-Kompetenzen) als fester Bestandteil im Lehramtsstudium, im
Studium der Sozialen Arbeit und in der Erzieher*innenausbildung sowie in der
praktischen Ausbildung und Weiterbildung von Lehrkräften, Sozialarbeiter*innen
und Erzieher*innen verankert werden;
6. ein Bundesprogramm Schulsozialarbeit, unter anderem mit einem Schwerpunkt
Medienpädagogik aufzulegen, welches niedrigschwellige medienpädagogische
Arbeit insbesondere für Kinder und Jugendliche in belasteten Lebenslagen stärkt;
7. die Bundesbeteiligung an der Digitalisierung der Schulen zu verstetigen, um
dauerhaft Investitionen in eine zeitgemäße digitale Bildungsinfrastruktur an Schulen
sicherzustellen und die Grundlage für eine reflektierte Medienbildung zu
schaffen;
8. Medienkompetenzförderung in relevante Bundesprogramme wie die „Frühen
Hilfen“, „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, „Demokratie Leben!“ oder „Kultur
macht stark“ fest zu integrieren;
9. öffentliche Bibliotheken als kostenfreie, niedrigschwellige Anlaufstellen für
Medienbildung anzuerkennen und entsprechend auszustatten. Ihre Rolle als
Medienkompetenz-Orte ist in der Bundesförderung explizit zu verankern;
10. eine Förderlinie für interdisziplinäre und praxisnahe Forschung zu
Medienkompetenzen einzurichten. Die Ergebnisse der Förderlinie sollen in die
Weiterentwicklung der Strategie einfließen. Ein besonderer Fokus soll auf den
Auswirkungen von generativer KI und Deepfakes auf die politische Meinungsbildung –
insbesondere von Jugendlichen – liegen, um wirksame medienpädagogische
Angebote zu entwickeln.
Berlin, den 23. Juni 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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