Ein Demokratieschild gegen Desinformation und für eine wehrhafte digitale Öffentlichkeit als Eckpfeiler deutscher und europäischer Sicherheit
Text
Ein Demokratieschild gegen Desinformation und für eine wehrhafte digitale Öffentlichkeit als Eckpfeiler deutscher und europäischer Sicherheit
Antrag
der Abgeordneten Dr. Anna Lührmann, Dr. Konstantin von Notz, Agnieszka
Brugger, Dr. Irene Mihalic, Ayse Asar, Denise Loop, Marlene Schönberger,
Linda Heitmann, Rebecca Lenhard, Jeanne Dillschneider, Dr. Moritz
Heuberger, Lukas Benner, Marcel Emmerich, Schahina Gambir, Julian
Joswig, Sven Lehmann, Sara Nanni, Claudia Roth und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ein Demokratieschild gegen Desinformation und für eine wehrhafte digitale
Öffentlichkeit als Eckpfeiler deutscher und europäischer Sicherheit
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Hybride Bedrohungen und gezielte Einflussnahmeoperationen seitens in- und
ausländischer Akteur*innen setzen unsere Demokratie massiv unter Druck. Insbesondere
Desinformationskampagnen sollen unsere Gesellschaft gezielt destabilisieren.
Autokratische Akteure wie China und Russland erhoffen sich dadurch Deutschlands
geopolitische Rolle zu schwächen und in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dafür nutzen sie
gezielt moderne Kommunikationstechnologie und betreiben einen hohen personellen
und finanziellen Aufwand. Unter Desinformation versteht die Bundesregierung die
„absichtliche Verbreitung falscher oder irreführender Information[en]“ mit dem Ziel,
„Meinungen zu beeinflussen, um so einer Person, einer sozialen Gruppe oder einem
Land zu schaden“ (www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/was-ist-
desinformation-1875148).
Trotz weitreichender Vorarbeiten aus der letzten Legislaturperiode fehlt allerdings
weiterhin eine ressortübergreifende Strategie zum Umgang mit
Desinformationskampagnen. Der Kampf gegen Desinformation musss ein zentraler Baustein in einer
Gesamtstrategie der Bundesregierung gegen hybride Bedrohungen werden. Die EU-
Kommission hat mit dem europäischen Demokratieschild eine umfassende Strategie
gegen Desinformation formuliert. Die Bundesregierung muss diese Bemühungen auf
EU-Ebene konsequent unterstützen und über Ressortgrenzen hinweg national
umsetzen. Für eine wehrhafte, digitale Öffentlichkeit braucht es jetzt einen nationalen
Demokratieschild gegen Desinformation.
Auf digitalen Plattformen werden Desinformationskampagnen massenhaft verbreitet
und durch algorithmische Kuration in ihrer Sichtbarkeit künstlich verstärkt – mit
Millionengewinnen für Tech-Oligarchen. Dies geschieht oft in Form von Deepfakes, KI-
generierten Inhalten sowie mit Unterstützung von Bot-Armeen. Trotz klarer
rechtlicher Vorgaben durch die Europäische Union – etwa dem Digital Services Act – werden
die großen Plattformen und deren Besitzer ihrer enormen gesellschaftlichen
Verantwortung bis heute nicht ansatzweise gerecht.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6665
21. Wahlperiode 23.06.2026
Die Erkennung, Attribution, rechtsstaatliche Abwehr von und gesellschaftliche
Resilienz gegen Desinformation sind zentrale Herausforderungen unserer Zeit.
Technologischer Fortschritt – insbesondere KI – beschleunigt und vertieft das Problem.
Regulierung, Medienkompetenzvermittlung und technische Gegenmaßnahmen sind
notwendig, greifen aber erst schrittweise.
Desinformationskampagnen integrieren sich in Internetkultur, kurzweilige Trends und
Symboliken, die Menschen nicht mit Argumenten überzeugen, sondern emotional und
provokativ-unterhaltend abholen. Sie können so, sehr subtil, einen Wechsel der
Denkmuster und Einstellungen provozieren. Der Anteil der deutschen Bürger*innen, die in
Teilen für autoritäre Ideen empfänglich sind, wächst besorgniserregend und lag zuletzt
bei 21 Prozent (https://deutschland-monitor.info/#c228). Im digitalen Raum werden
autoritäre Ideen und Einflüsse gezielt verstärkt.
Die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung im Kampf gegen Desinformation
sind bei Weitem nicht ausreichend. Sie sind zu isoliert, fragmentiert und noch immer
primär analysierend, nicht handelnd. Auch eine enge Abstimmung auf europäischer
Ebene findet bislang nicht ausreichend statt. Hebel liegen u. a. im sicherheits-, digital-,
medien-, bildungs- und forschungspolitischen Bereich.
Um diese Hebel erfolgreich zu nutzen, müssen viele Kompetenzen zusammenlaufen,
ohne dabei die jeweiligen Funktionslogiken von staatlichen Stellen, unabhängigen
Aufsichtsbehörden und gesellschaftlichen Akteur*innen zu verwässern. Vertrauen
braucht Transparenz und klare, frühzeitige und regelmäßige Kommunikation aller
relevanten Akteur*innen. Es gilt die Balance zwischen dringend notwendiger
rechtsstaatlicher Abwehr hybrider Bedrohungen, dem Schutz der verfassungsrechtlich
garantierten Meinungsfreiheit sowie unabhängiger gesellschaftlicher Aufklärung von
Desinformationskampagnen zu wahren. Für nachrichtendienstliche Analyse und
Attribution sowie die operative Abwehr hybrider Angriffe durch Sicherheitsbehörden
müssen bestehende Strukturen auf exekutiver Seite und in den Sicherheitsbehörden auf den
Prüfstand gestellt, verfassungsrechtlich einwandfreie Rechtsgrundlagen geschaffen
sowie die materiell-personelle Ausstattung und die Kooperation verschiedener
Akteur*innen und deren Kontrolle verbessert und effektiver ausgestaltet werden. Das gilt
auch für das jüngst eingerichtete Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider
Bedrohungen (GAZ Hybrid) am Standort des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) in
Berlin-Treptow. Trotz des positiven Signals, dass die Bundesregierung stark
gestiegene Gefahren offenbar doch ernst nimmt und strukturelle Veränderungen
existierender und teils neu geschaffener Strukturen auf exekutiver Ebene vornimmt, bleiben
auch hier zahlreiche Fragen weiterhin ungeklärt, nicht zuletzt mit Blick auf die
fehlende Rechtsgrundlage für die Kooperation und den Datenaustausch zwischen
verschiedenen Behörden aus dem polizeilichen und nachrichtendienstlichen Bereich von
Landes- und Bundesebene, die Einbettung und Kooperation mit anderen bestehenden
Strukturen, beispielsweise anderen Zentren, der Zentralen Stelle zur Erkennung
ausländischer Informationsmanipulation (ZEAM) oder mit dem Nationalen
Sicherheitsrat.
Für die Beobachtung, Einordnung und gesellschaftliche Aufklärung von
Desinformationskampagnen braucht es eine unabhängige Agentur für digitale Medien. Diese
Agentur ist staatsfern organisiert und stellt die Rechtsaufsicht zur Durchsetzung
relevanter Gesetze, wissenschaftlich begleitetes Social Media Monitoring und
gesellschaftliche Aufklärung über Desinformationskampagnen sicher. Einige dieser
Funktionen sind derzeit unter dem Dach der Bundesnetzagentur (BNetzA) an der Stelle des
Digital Services Coordinator (DSC) vereint. Weitere Aufsichts- und
Analysefunktionen sind über zahlreiche andere Akteur*innen auf Bundes- und Landesebene verteilt.
Um Unabhängigkeit und Durchsetzungskraft weiter zu stärken, müssen die vielfältigen
Aufsichts- und Monitoringfunktionen, ein intensiver Austausch mit europäischen
Partnern sowie interdisziplinäre Kompetenzen in einer neuen Agentur für digitale Medien
gebündelt werden. Dazu gehören u. a. die konsequente Durchsetzung europäischer
Digitalgesetze auf nationaler Ebene, die Plattformregulierung und -aufsicht unter
besonderer Berücksichtigung des Medienrechts, die Beobachtung und wissenschaftlich-
begleitete Analyse von Desinformationskampagnen, strategische
Aufklärungskampagnen in der Gesellschaft sowie die Sicherstellung von Datenzugängen zu sehr großen
Online-Plattformen und Suchmaschinen für unabhängige Forschende. Personell kann
sich eine solche Agentur für digitale Medien u. a. aus den bestehenden Ressourcen des
DSC sowie von Vertreter*innen der Medienanstalten speisen. Ein steter Austausch mit
zivilgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Akteur*innen sollte sichergestellt und
diverse Kooperationsformen gefördert werden.
Neben einer konsequenten Durchsetzung von Plattformregulierung muss die
öffentliche Hand aus strategischer Sicht gemeinwohlorientierte, dezentrale und staatsferne
Netzwerke fördern. Es besteht ein überragendes öffentliches Interesse, unsere digitale
Kommunikationsinfrastruktur unabhängig aufzustellen. Öffentliche Diskurse dürfen
nicht durch obskure Algorithmen manipuliert noch dem Risiko ausgesetzt sein, von
autoritären Interessen unterwandert zu werden. Daher müssen entsprechende
Angebote wie Mastodon und EuroSky deutlich gestärkt und langfristig abgesichert werden.
Resilienz in der digitalen Öffentlichkeit hängt ganz entscheidend vom Zugang zu
vertrauenswürdigen Informationsquellen ab. Professionell arbeitende, unabhängige
Redaktionen stellen traditionell diese Informationsinfrastruktur bereit und bleiben auch
in der digitalen Welt sehr relevant für die politische Meinungs- und Willensbildung.
Demokratische digitale Räume brauchen vielfältige digitale Medienangebote, damit
der Journalismus seine Kritik- und Kontrollfunktion erfüllen kann. Nur so werden
Bürger*innen ausgewogen und umfassend informiert und der gesellschaftliche
Zusammenhalt durch alltagsnahe, mehrsprachige Berichterstattung gestärkt. Auch
internationale Bildungs-, Kultur-, Wissenschafts- und Medienkooperationen leisten einen
wichtigen Beitrag zur demokratischen Resilienz gegen Desinformation und autoritäre
Einflussnahme. Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist daher ein wesentlicher
Bestandteil eines nationalen Demokratieschilds. Dafür braucht es in Zeiten von
rückläufigen Werbeeinnahmen sowie gravierenden technischen Transformationen durch
Digitalisierung und KI neue Formen der Journalismusförderung durch einen
Unabhängige Medien-Fonds.
Die oftmals intransparenten Strukturen der digitalen Öffentlichkeit überfordern die
Nutzer*innen häufig – durch die schiere Menge an Inhalten, ihrer Vielfalt, aber vor
allem durch das Fehlen traditioneller Vertrauensanker. Dadurch entsteht ein
Nährboden für die unfreiwillige Verbreitung von Desinformationskampagnen und
Verschwörungserzählungen. Demokratie- und Medienkompetenzen können helfen, Inhalte zu
reflektieren, selbstbestimmt zu nutzen und souverän im digitalen Raum zu handeln.
Mit einer nationalen Strategie Medienkompetenz sollen relevante Kompetenzen in
allen Altersgruppen gestärkt werden.
Eine unabhängige Forschungslandschaft, die Mechanismen der Manipulation
aufdeckt, bevor diese gesellschaftlichen Schaden anrichten können, ist ein weiterer
zentraler Baustein eines nationalen Demokratieschilds gegen Desinformation. Nur eine
ausreichend ausgestattete Wissenschaft kann mit der Innovationsgeschwindigkeit
autoritärer Akteur*innen und Tech-Giganten mithalten.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die Herausforderungen von Desinformationskampagnen endlich mit der nötigen
Ernsthaftigkeit und Konsequenz anzugehen, umgehend eine lange überfällige,
ressortabgestimmte Strategie gegen Desinformation vorzulegen und die
Einrichtung einer staatsfernen Agentur für digitale Medien zu forcieren, in der diverse
Aufsichts- und Aufklärungsfunktionen strategisch zusammenlaufen und die
personell, technisch und rechtlich so ausgestattet ist, dass sie ihren Aufgaben
vollumfänglich gerecht werden kann. Dies umfasst unter anderem:
a. die Aufgaben und Kompetenzen des Digital Services Coordinator (DSC), der
als unabhängiger Akteur für die Aufsicht von Plattformen und
Vermittlungsdiensten sowie die Einhaltung der Transparenz von politischer Werbung
verantwortlich ist;
b. die Wahrnehmung von Funktionen der Medienaufsicht, soweit diese sich
direkt aus europäischer Gesetzgebung ergeben, die sich nur bedingt auf
bestehende Länderstrukturen anwenden lässt;
c. die enge Kooperation und Einbindung von wissenschaftlichen und
zivilgesellschaftlichen Akteur*innen für eine kontinuierliche, unabhängige
Beobachtung, Erforschung und Begleitung von systemischen Risiken im
digitalen Raum;
2. ein zentrales und laufend aktualisiertes Gesamtlagebild zu hybriden Bedrohungen
zu erstellen, das die Erkenntnisse aller relevanten Behörden handlungsleitend
zusammenführt und dabei auch die Erkenntnisse über Desinformationskampagnen
der Agentur für digitale Medien berücksichtigt;
3. sich dafür einzusetzen, die europäische Plattformregulierung konsequent
umzusetzen und das vorgesehene Instrumentarium voll auszuschöpfen, um Plattformen
für ihre Rolle in der Verbreitung von Desinformationskampagnen und anderen
systemischen Risiken zur Verantwortung zu ziehen. Dazu gehört unter anderem:
a. aus den Anforderungen für den Umgang mit systemischen Risiken (Art. 34
Digital Services Act (DSA)) die Verpflichtung zu angemessener,
menschlicher und in der EU ansässiger Inhaltsmoderation mit ausreichend Training
und psychologischem Support (Art. 42 (1) b DSA) sowie für Programme mit
unabhängigen Faktenprüfer*innen abzuleiten;
b. sicherzustellen, dass der Datenzugang für unabhängige Forschung nach Art.
40 DSA in Deutschland praktisch wirksam wird, dass Forschungsanträge
zügig, rechtssicher und forschungsfreundlich begleitet werden, und Forschende
insb. bei der Umsetzung von Vorgaben zum Datenschutz und zur
Datensicherheit, bei Antragsverfahren und Implementierung technischer
Infrastruktur unterstützen werden;
c. die Transparenz von Bußgeldzahlungen und von der EU-Kommission
vorgeschlagener Anpassungen von Designs, Algorithmen, Nutzungsbedingungen
und weiteren Auflagen deutlich zu erhöhen, um Präzedenzen für andere
Anbieter zu schaffen;
4. die Förderung von digitaler Kommunikationsinfrastruktur, auf deren Grundlage
ein staatsfernes Ökosystem an gemeinwohlorientierten, dezentralen sozialen
Netzwerken entstehen und wachsen kann, als öffentliche Kernaufgabe zu
verstehen und unsere Abhängigkeiten von U.S.-amerikanischen und chinesischen
Plattformen systematisch zu reduzieren;
5. sich für ein Level-Playing-Field zwischen traditionellen Medien und sehr großen
Online-Plattformen einzusetzen, und zwar u. a. durch fairen Wettbewerb im
Werbesektor, für mehr Sichtbarkeit von Medieninhalten inklusive der Zulassung von
Outlinks und die Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten, besonders relevant
sind hierfür Gesetzgebungsverfahren auf europäischer und Länderebene;
6. einen Unabhängige-Medien-Fonds einzurichten, finanziert aus Einnahmen aus
der Besteuerung von Onlinewerbeumsätzen großer Digitalkonzerne (vgl.
Drucksache 21/2247 sowie 21/5287); aus dem
a. ein Programm für die strukturelle, staatsferne Unterstützung vom
Lokaljournalismus,
b. ein Transformationsprogramm für den Journalismus in der digitalen Welt,
c. ein Programm für den Ausbau gemeinwohlorientierter, unabhängiger
sozialer Netzwerke sowie
d. Programme zur Förderung mehrsprachiger journalistischer Angebote sowie
zur Stärkung von Medien- und Informationskompetenz für transnationale
und diasporische Öffentlichkeiten finanziert werden sollen;
7. eine nationale Strategie Medienkompetenz mit verlässlicher Finanzierung von
digitaler Bildungsinfrastruktur, Investitionen in Weiterbildungen, in die
Schulsozialarbeit sowie in die Aufklärung für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen
aufzusetzen, dazu gehört:
a. einen nationalen Medienkompetenz-Fonds, der eine finanzielle Grundlage
für Vermittlungsangebote bietet, einzurichten, der sich ebenfalls aus
Einnahmen aus der Besteuerung von Onlinewerbeumsätzen großer Digitalkonzerne
speist;
b. eine Koordinationsstelle digitale Medienkompetenz einzurichten, die
Angebote bündelt und sichtbar macht, Qualitätsstandards entwickelt, Trends
identifiziert und Forschungsergebnisse für die Praxis aufbereitet, Lehr- und
Lernmaterialien bereitstellt und medienpädagogische Initiativen und
Akteur*innen vernetzt und weiterbildet;
c. die Vermittlung von Medien- und Demokratiekompetenzen in relevante
Bundesprogramme zu integrieren, wie etwa in den Frühen Hilfen, bei „Respekt
Coaches“, „Demokratie Leben!”, Mehrgenerationshäusern und im
„Startchancen-Programm“;
8. ein Nationales Forschungsprogramm „Digitale Resilienz“ mit einer Laufzeit von
zunächst sechs Jahren aufzulegen, das unter anderem:
a. die langfristige, interdisziplinäre Erforschung von
Desinformationsdynamiken, Plattformrisiken, KI-gestützter Manipulation und demokratischer
Resilienz absichert, u. a. durch die Unterstützung von Forschungsallianzen zur
Früherkennung transatlantischer und weiterer mehrsprachiger
Manipulationsmuster;
b. unabhängige Forschung zu digitalen Öffentlichkeiten stärkt, den Zugang zu
Plattformdaten wissenschaftlich nutzbar macht, hierfür auch
Rechenleistungen bereitstellt und den Transfer von Forschungsergebnissen in Politik,
Aufsicht, Bildung und Zivilgesellschaft fördert;
c. Forschende, die zu Desinformation, Plattformrisiken und digitalen
Einflussoperationen arbeiten, besser vor Einschüchterung, Bedrohung, digitaler
Gewalt und missbräuchlichen rechtlichen Verfahren zu schützen. Dafür soll die
Bundesregierung bestehende Schutz-, Beratungs- und
Unterstützungsangebote für Wissenschaftler*innen – wie auch Journalist*innen und
zivilgesellschaftliche Akteur*innen – ausbauen.
III. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung darüber hinaus auf,
die Effektivität der Strukturen der Sicherheitsbehörden im föderalen Staat in Bezug
auf die Bekämpfung von Desinformationskampagnen grundsätzlich zu überprüfen und
mindestens die Zusammenarbeit im Gemeinsamen Zentrum zur Abwehr hybrider
Bedrohungen (GAZ Hybrid) sowie ihre Kontrolle gesetzlich zu regeln.
Berlin, den 23. Juni 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Begründung
Die Intensität von Desinformationskampagnen nimmt seit Jahren und insbesondere seit der Vollinvasion der
Ukraine 2022 massiv zu. Deutschland steht als freiheitliche Demokratie im Herzen Europas und als einer der
wichtigsten Unterstützer der Ukraine regelmäßig im Fokus hybrider Angriffe und gezielter Manipulation (z. B.
www.disinfo.eu/publications/disinformation-landscape-in-germany/, www.disinformationindex.org/research/-
2025-09-13-state-of-disinformation-germany-june-2025/). Eine Gefahr, auf die auch die Spitzen der
Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste immer wieder eindringlich hinweisen (www.verfassungsschutz.de/Shared-
Docs/pressemitteilungen/DE/2025/pressemitteilung-2025-10-13-pkgr.html). Zu beobachten ist eine
Arbeitsteilung zwischen autoritären Staaten, nicht-staatlichen-Akteur*innen sowie Extremist*innen im Inland, die
entsprechende Inhalte gezielt weiterverbreiten (Verfassungsschutzbericht 2024, S. 308, www.verfassungs-
schutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutzberichte/2025-06-10-verfassungsschutzbericht-
2024.pdf?__blob=publicationFile&v=11). Digitale Räume werden mit Bildern und Anspielungen überflutet und
Diskurse nachhaltig verschoben – mit konkreten Gefahren auch für politische Entscheidungsprozesse sowie
insbesondere für Wahlen und Referenden (z. B. www.nature.com/articles/s41562-022-01460-1). Die Ziele der
Angreifer, zu denen staatliche Akteure wie Russland, China und Iran zählen: Einfluss, Verunsicherung und die
gezielte Destabilisierung demokratischer Gesellschaften.
Desinformationen finden sich in zahlreichen Themenfeldern, wie Gesundheit, LGBTQI*, Klima und mehr. Teil
davon sind häufig zudem Verschwörungserzählungen über übermächtige Eliten, die aus bösen Absichten heraus
das Weltgeschehen lenken, wie das rassistische Narrativ eines „Bevölkerungsaustausches“. Denkstrukturen und
Stereotype des Antisemitismus werden dabei gezielt eingesetzt, um Vertrauen in demokratische Institutionen zu
unterminieren. In der Bevölkerung ist das Bewusstsein für die Bedrohungen längst angekommen. Bereits 2024
stimmten 81 Prozent der Menschen in Deutschland der Aussage zu, dass Desinformationen eine Gefahr für unsere
Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind (www.bertelsmann-stiftung.de/doi/10.11586/-
2024020). Rein reaktive und isolierte Maßnahmen einzelner Ressorts greifen zu kurz. Wir müssen
Desinformationskampagnen offensiv und strategisch begegnen: Wir brauchen eine ressortübergreifende Strategie gegen
Desinformationskampagnen. Ziel muss es sein, unsere Gesellschaft insgesamt zu ermächtigen, sich effektiv und
entschlossen gegen die Angriffe von innen und außen zu schützen.
Zur unabhängigen Aufsicht:
Wir können dabei viel von unseren europäischen Nachbarn wie der Agentur für psychologische Verteidigung in
Schweden, den litauischen Elfen oder auch Wertepartnern wie Taiwan, das unter massiven Bedrohungen Chinas
steht, lernen; nicht zuletzt auch wie wir in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft Desinformation frühzeitig
enttarnen können. Dabei ist es in Deutschland bei der unabhängigen Aufsicht und Aufklärung bisher personell
weiterhin eng, so auch beim DSC. Dieser verfügt im Haushalt 2026 über 34 von 99 geforderten Planstellen (vgl.
DSC-Bericht vom April 2026). Strukturell ist der DSC trotz klarer Vorgaben aus dem Digital Services Act für
die notwendige Unabhängigkeit dieser Aufsichtsfunktion in die BNetzA eingebunden und erfüllt damit die
Anforderungen einer staatsfernen Aufsicht nicht ausreichend.
Zu Plattformregulierung:
Zwei Drittel der Deutschen sind auf sozialen Medien aktiv. Der Anteil steigt auf über 90 Prozent bei den 14-29-
Jährigen. Die am häufigsten genutzten Plattformen: YouTube, Instagram, TikTok und Facebook –
privatwirtschaftliche Plattformen, deren Algorithmen entscheiden, was wir konsumieren. Und diese Inhalte sind
zunehmend verzerrt, polarisierend und irreführend. Verstärkt werden diese Dynamiken in Messengern wie WhatsApp
und Telegram, die sich vertraut und familiär anfühlen, deren öffentliche Kanäle aber zu oft, ohne jegliche
Moderation, Falschinformationen und Verschwörungserzählungen weiterverbreiten. Die rasante Verbreitung von
Companion-AI bringt diese Dynamiken noch näher an uns heran, da die emotionale Verbundenheit im direkten
„Gespräch“ den Raum für Interventionsmöglichkeiten verringert. Das muss nicht so sein. Eine konsequente
Umsetzung der europäischen Plattformregulierung ist unabdinglich. Darüber hinaus müssen gemeinnützige,
europäische Alternativen gefördert werden. Die Jüngeren entdecken Angebote wie Mastodon und EuroSky bereits für
sich (s. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/543605/umfrage/verteilung-der-nutzer-von-social-medi
aplattformen-nach-altersgruppen-in-deutschland/). Es ist eine staatliche Kernaufgabe, die Infrastruktur für diese
Angebote im öffentlichen Interesse auszubauen.
Zu Journalismus:
Durch die Übermacht von Digitalkonzernen geraten journalistische Redaktionen zunehmend in existenzielle
Bedrängnis. Tech-Konzerne wie Google und Meta greifen einen Großteil der Werbeumsätze ab. Sie nutzen Inhalte,
ohne dafür zu zahlen – etwa für KI-Anwendungen. Gleichzeitig entscheiden Digitalkonzerne wie Medieninhalte
auf ihren Plattformen ausgespielt werden. Auch wegen Finanzierungsengpässen fehlt vielen Redaktionen die
Kraft für Innovation im digitalen Zeitalter. Zudem sehen sich Journalist*innen zunehmend persönlichen
Angriffen bis hin zu physischer Gewalt ausgesetzt. Dadurch ist der Beruf weniger attraktiv. Dabei sind unabhängige
journalistische Medien überlebenswichtig für unsere demokratische Öffentlichkeit – mit gut recherchierter
aktueller Berichterstattung, umfassenden Recherchen, Hintergrundinformationen und Einordnungen, und nicht
zuletzt mit einem kritischen Blick auf Politik und Macht. Wichtig ist zudem, dass Desinformationskampagnen oft
mehrsprachig auf Türkisch, Russisch, Arabisch, Persisch und mehr verbreitet werden, was gezielter auf die
gelebte Realität der Bevölkerung einzahlt als das deutsche Medienangebot. Laut Mikrozensus 2024 sprechen
23 Prozent der Bevölkerung, das sind 15,5 Millionen Menschen, zu Hause vorwiegend oder ausschließlich eine
andere Sprache als Deutsch. 31 Prozent der Kinder unter 15 Jahren wachsen mehrsprachig auf. Mehrsprachige,
journalistische Angebote brauchen Förderung und mehr Sichtbarkeit. Angesichts der akuten Ablösungsprozesse
vor allem bei Lokalmedien setzen wir uns daher für eine gezielte finanzielle Unterstützung für lokal berichtende
Redaktionen sowie für Transformations- und Innovationsförderungen für den gesamten Medienbereich. Dazu
stellen wir einen Antrag für die Stärkung von unabhängigen und vielfältigen Medien durch einen Unabhängige
Medien-Fonds.
Zu Kompetenzen:
Demokratie- und Medienkompetenzen sind Voraussetzung für die demokratische Teilhabe, werden allerdings
nicht ausreichend vermittelt. Fast die Hälfte der Bundesbürger*innen hat laut aktueller Studien Schwierigkeiten,
seriöse von unseriösen Nachrichtenquellen zu unterscheiden. Relevante Kompetenzen sinken auch bei jungen
Menschen messbar. So zeigen bspw. die ICILS-Studien bei Achtklässlern seit 2013 einen signifikanten
Kompetenzrückgang. Generative KI-Anwendungen und KI-Chatbots verschärfen das Problem. Der Vertrauensverlust
in traditionelle Medien und die Attraktivität rechtspopulistischer Weltbilder mit ihren scheinbar „einfachen“
Lösungen zeigen die Notwendigkeit für eine bundesweite Förderung. Aus diesem Grund fordern wir die
Bundesregierung in einem Antrag dazu auf, eine umfassende Nationale Strategie für die altersübergreifende Vermittlung
von Medienkompetenzen aufzusetzen - mit neu einzurichtender Koordinierungsstelle und einem neuen
Medienkompetenz-Fonds.
Dabei können wir auch von unseren ost- und nordeuropäischen Freunden viel lernen. So zeigt Finnland
beispielsweise, wie gute Sensibilisierung vor Desinformation und effektive Medienkompetenz gestaltet werden kann, die
dort von der ersten Schulklasse an vermittelt wird.
Darüber hinaus verfügen die Einrichtungen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik über wertvolle
Erfahrungen bei der Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz in internationalen Kontexten. Netzwerke
von Schulen, Hochschulen, Wissenschafts- und Kultureinrichtungen können einen wichtigen Beitrag leisten,
demokratische Resilienz gegenüber Desinformation grenzüberschreitend zu stärken.
Zu Forschung:
Die Online-Dynamiken von Desinformationen sind bisher untererforscht. Gleiches gilt für die Bewertung von
Gegenmaßnahmen. Die unabhängige Begleitung durch Forschende verbessert unser Verständnis, schärft
Handlungsoptionen und korrigiert bei weitreichenden Eingriffen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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