Datengestützte Bildungsentwicklung fördern - Qualität sichern, Chancen verbessern
Text
Datengestützte Bildungsentwicklung fördern - Qualität sichern, Chancen verbessern
Antrag
der Abgeordneten Dr. Anja Reinalter, Misbah Khan, Denise Loop, Ulle
Schauws, Nyke Slawik, Dr. Andrea Lübcke, Ayse Asar und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Datengestützte Bildungsentwicklung fördern – Qualität sichern, Chancen
verbessern
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Deutschland verfügt über umfangreiche Bildungsdaten aus Lernstandserhebungen
sowie nationalen und internationalen Vergleichsstudien.
Dennoch bleibt die Wirkung dieser Daten bisher begrenzt: Zu viele Schülerinnen und
Schüler erreichen die Mindeststandards in Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben
und Rechnen nicht und der Bildungserfolg hängt weiterhin stark von der sozialen
Herkunft ab. Erkenntnisse aus erhobenen Daten führen selten zu konkreten
Verbesserungen im Unterricht, in der Schulentwicklung oder bei der Steuerung von
Bildungsprogrammen.
Besonders deutlich wird dies an den Übergängen im Bildungssystem – von der
frühkindlichen Bildung in die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführenden
Schulen sowie von der Schule in Ausbildung, Studium und Beruf. Trotz vielfältiger
Maßnahmen gelingt es nicht ausreichend, diese Übergänge zu begleiten und Brüche
zu vermeiden. Gerade hier fehlen verlässliche und verknüpfbare Daten darüber, wie
Bildungswege verlaufen, warum Abbrüche entstehen und welche Maßnahmen
wirksam sind.
Ein aktuelles Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) zeigt
die Funktionen von Daten für diagnosegeleitete Lernförderung und
Unterrichtsentwicklung, Schulentwicklungsprozesse, das Controlling durch die
Schulaufsichtsbehörden, für Bildungspartnerschaften zwischen Lehrkräften und Eltern sowie die
Systemsteuerung durch Bundes- und Landesebene systematisch auf (vgl. Gutachten zur
datengestützten Entwicklung und Steuerung in Schulen und frühkindlicher Bildung
der Ständigen Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz).
Die Potentiale der datengestützten Bildungsentwicklung gilt es im Rahmen einer
Nationalen Bildungsoffensive von Bund, Ländern und Kommunen mit verbindlichen
Zielen, konkreten Maßnahmen und messbaren Fortschritten noch in dieser
Legislaturperiode nutzbar zu machen.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7854
21. Wahlperiode 07.09.2026
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. mit Ländern und Kommunen eine gemeinsame Nationale Bildungsoffensive zu
starten und dazu verbindliche und messbare Bildungsziele noch für diese
Legislaturperiode zu vereinbaren, insbesondere zur Entkopplung des Bildungserfolgs
von der sozialen Herkunft, zur Verbesserung der Basiskompetenzen, zur
Reduzierung der Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss sowie zur
Verbesserung der Übergänge zwischen Kita, Schule und Ausbildung;
2. zur Erreichung der Bildungsziele eine evidenzbasierte Qualitätsentwicklung auf
allen Ebenen des Bildungssystems zu fördern;
3. gemeinsam mit den Ländern eine pseudonymisierte Bildungsverlaufsstatistik
einzurichten, deren Nutzung für Forschung, Berichterstattung und die Evaluation
von Bildungsprogrammen ausschließlich in anonymisierter Form erfolgt, um
Bildungsbiografien über die gesamte Bildungskette systematisch und
längsschnittlich nachvollziehen zu können und die Wirksamkeit von Bildungsprogrammen
evidenzbasiert beurteilen zu können;
4. ein Forschungsdatengesetz vorzulegen, das der Bildungsforschung unter
Wahrung der Datenschutzstandards die Verknüpfung der Bildungsverlaufsdaten mit
anderen Datensätzen rechtssicher und grundrechtsschützend ermöglicht;
5. zu prüfen, inwiefern mit den Ländern eine länderübergreifend kompatible
Bildungs-ID für die gesamte Bildungsbiografie unter Wahrung höchster
Datenschutzstandards und insbesondere unter strenger Einhaltung des
datenschutzrechtlichen Zweckbindungsgebots eingeführt werden kann, um eine bessere
individuelle Förderung zu ermöglichen und Verwaltungsabläufe, bspw. bei
Schulwechseln oder Bildungsübergängen, zu vereinfachen;
6. Lehrkräfte und Schulleitungen dabei zu unterstützen, Daten zur Schul- und
Unterrichtsentwicklung sinnvoll einzusetzen und dazu
a. mit den Ländern die Lehrkräftebildung zu modernisieren und die Neuauflage
der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ mit einem entsprechenden
Förderschwerpunkt zu Datenschutz und Datenkompetenz/„Data Literacy“ im
Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel auf den Weg zu bringen;
b. im Rahmen der Bund-Länder-Initiative „Digitales Lehren und Lernen“ des
Digitalpakts 2.0 praxisorientierte Forschung zu datengestützter Schul- und
Unterrichtsentwicklung zu fördern und dabei auch lernwirksame Materialien
und digitale Unterrichtsassistenzen in den Blick zu nehmen;
7. die Förderung der empirischen Bildungsforschung im Rahmen der zur Verfügung
stehenden Haushaltsmittel auszubauen und systematisch bei der Konzipierung
und Begleitung von Bildungsprogrammen einzubinden, wie bspw. beim
Startchancen-Programm mit dem CHANCEN-Verbund, und den Transfer in die Breite
stärker zu unterstützen;
8. gemeinsam mit den Ländern eine datenschutzkonforme und sichere digitale
Infrastruktur für Datendashboards im Bildungssystem zu entwickeln, um Daten
sparsam und gezielt für unterschiedliche Akteure aufbereiten zu können;
9. gemeinsam mit den Ländern eine Plattform für qualitätsgeprüfte, evidenzbasierte
diagnostische Instrumente sowie Materialien zur Unterrichtsentwicklung und
Lernförderung für Lehrkräfte auf den Weg zu bringen;
10. evidenzbasierte Qualitätsentwicklung bereits im frühkindlichen Bereich zu
stärken und insbesondere die Übergänge von der Kita in die Schule systematisch zu
verbessern und dazu unverzüglich einen Gesetzentwurf für ein
Qualitätsentwicklungsgesetz (QEG) für Kitas vorzulegen und die Qualität der frühkindlichen
Bildung dauerhaft deutlich stärker zu fördern, insbesondere durch verbindliche
Sprachstandserhebungen, individuelle Förderangebote, bessere Fachkraft-Kind-
Schlüssel und gezielte Unterstützung von Einrichtungen in sozial benachteiligten
Lagen, und zur Verbesserung der Qualität der frühkindlichen Bildung jetzt und
in den Folgejahren jeweils 1 Milliarde Euro mehr Bundesmittel als bisher zur
Verfügung zu stellen;
11. den Berufsbildungsbericht zu einem politischen Steuerungsinstrument
weiterzuentwickeln und dazu evidenzbasierte Wirkungsanalysen bestehender Programme
und Maßnahmen anhand klar definierter berufsbildungspolitischer Ziele
durchzuführen und eine bessere Datenerhebung zu individuellen Bildungsverläufen,
insbesondere in Hinblick auf Abbrüchen und Übergänge, zu ermöglichen. Dies
schließt eine integrierte Berichterstattung über die Schnittstellen zum
Hochschulbereich ein, um die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer
Bildung sowie den systematischen Übergang nach Studienabbrüchen in die
berufliche Bildung (Spurwechsel) evidenzbasiert zu verbessern.
Berlin, den 7. Juli 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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