Strategien und Maßnahmen der Bundesregierung zur Nutzung Künstlicher Intelligenz in Forschung und Wissenschaft
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Strategien und Maßnahmen der Bundesregierung zur Nutzung Künstlicher Intelligenz in Forschung und Wissenschaft
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3063
21. Wahlperiode 03.12.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Ayşe Asar, Dr. Andrea Lübcke, Claudia Müller, Dr. Anja
Reinalter, Misbah Kahn und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Strategien und Maßnahmen der Bundesregierung zur Nutzung künstlicher
Intelligenz in Forschung und Wissenschaft
Die Europäische Kommission hat am 8. Oktober 2025 „A European Strategy
for Artificial Intelligence in Science – Paving the way for the Resource for AI
Science in Europe (RAISE)“ vorgestellt (https://eur-lex.europa.eu/legal-conten
t/ES/TXT/?uri=COM:2025:724:FIN). Diese sieht ein virtuelles europäisches
Institut vor, das Rechenkapazitäten, Daten, Exzellenz bzw. Talente und
Forschungsförderung bündelt. Für die Pilotphase von RAISE sind 108 Millionen
Euro aus Horizon Europe vorgesehen; der Start ist auf dem AI in Science
Summit am 3. bis 4. November 2025 in Kopenhagen angekündigt. In ihrem
Strategiepapier benennt die Kommission zentrale strukturelle Herausforderungen: die
Fragmentierung von Ressourcen und Forschungsanstrengungen, den
unzureichenden Zugang zu Rechenkapazitäten und Datensätzen sowie den
zunehmenden globalen Wettbewerb um wissenschaftliche Talente insbesondere im
Bereich der künstlichen Intelligenz (KI). Eine gemeinwohlorientierte und
grundrechtsschonende KI-Forschung braucht offene Standards, transparent
ausgestaltete Modelle und verlässliche öffentliche Recheninfrastrukturen statt einer
zunehmenden Abhängigkeit von proprietären Angeboten einzelner
außereuropäischer Big-Tech-Konzerne. Der Einsatz von KI in Wissenschaft und Forschung
ist daher auch eine Frage digitaler Souveränität, da Zugang zu europäischen
Datenräumen und vertrauenswürdigen Modellen zunehmend darüber
entscheidet, wie unabhängig und zukunftsfähig der Forschungsstandort ist. Jedoch liegt
der Anteil der EU an der weltweiten KI-Rechenkapazität laut der Kommission
bei unter 5 Prozent (USA: 75 Prozent, China: 15 Prozent). Vor diesem
Hintergrund gewinnt auch in Deutschland die Diskussion über den Einsatz von KI in
der Wissenschaft an strategischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Laut der
internationalen Umfrage „Researcher of the Future“ nutzen inzwischen 58
Prozent der Forschenden KI-Tools – im Jahr 2024 waren es erst 37 Prozent –,
jedoch verfügt nur rund ein Drittel der Befragten über institutionelle Strukturen
einer guten KI-Governance, und lediglich 27 Prozent fühlen sich im Umgang
mit KI ausreichend geschult (https://assets.ctfassets.net/o78em1y1w4i4/137Sm
npRSP2mSu-DxtFdls/72a1777e8a72f3c60748956037f76433/Researcher-Of-Th
e-Future.pdf). Das Vertrauen in KI variiert international stark: Während in
China 68 Prozent der Forschenden KI als Chance begreifen, sind es in
Deutschland 37 Prozent und in den USA 29 Prozent; als größten Nutzen sehen 58
Prozent eine Zeitersparnis, zugleich bestehen erhebliche Zweifel an der
Zuverlässigkeit und ethischen Entwicklung von KI-Tools. Diese Ergebnisse
verdeutlichen, dass Fragen von Governance, Qualifizierung und Vertrauen zentrale
Voraussetzungen für eine gemeinwohlorientierte und verantwortungsvolle Nutzung
von KI in der Wissenschaft sind. KI gilt als Schlüsseltechnologie für die
Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wissenschaft, stellt aber zugleich eine
Herausforderung für Forschungsethik, Dateninfrastruktur und wissenschaftliche
Integrität dar. Die ehemalige Bundesregierung hat in der vergangenen
Legislaturperiode im Rahmen einer KI-Strategie sowie durch Programme wie die
Nationale Initiative für Künstliche Intelligenz und Datenökonomie eine Reihe
von Maßnahmen zur Förderung vertrauenswürdiger KI und offener
Forschungsdatenstrukturen eingeleitet. Diese zielten auf eine bessere Integration
der nationalen und europäischen KI-Forschungslandschaften ab. Aus Sicht der
Fragestellerinnen und Fragesteller bleibt bislang unklar, wie die aktuelle
Bundesregierung sicherstellen will, dass deutsche Forschungseinrichtungen
ausreichende Rechenkapazitäten, Datenzugänge und Förderinstrumente erhalten, um
im internationalen Wettbewerb Schritt zu halten. Ebenso fehlen belastbare
Konzepte, wie Start-ups, wissenschaftliche Ausgründungen und öffentliche
Forschungseinrichtungen ausreichend Zugang zu KI-Ressourcen erhalten sollen.
Künstliche Intelligenz in der Wissenschaft ist aus Sicht der Fragestellerinnen
nicht nur eine Technologiefrage, sondern eine gesellschaftspolitische
Gestaltungsaufgabe. Ziel muss eine gemeinwohlorientierte, grundrechtsschonende,
nachhaltige und europäisch eingebettete KI-Forschungspolitik sein, die
wissenschaftliche Exzellenz mit Transparenz, Grundrechtsschutz, Datenverantwortung
und offener Innovationskultur verbindet. Nur durch eine enge Verzahnung von
nationalen und europäischen Strategien, den Ausbau öffentlicher
Recheninfrastruktur und die Stärkung offener Forschungsdatenökosysteme kann
Deutschland seine Rolle als innovationsgetriebener Wissenschaftsstandort sichern und
zugleich zu einer europäischen KI-Souveränität beitragen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Initiativen oder Förderprogramme des Bundes adressieren explizit
den Einsatz und die Entwicklung von KI in Forschung und Wissenschaft?
2. Welche konkreten Maßnahmen der Bundesregierung sind geplant, um die
Fragmentierung der KI-Forschungsförderung zwischen Bund, Ländern
und verschiedenen Forschungsorganisationen zu überwinden?
3. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um die Koordination
insbesondere mit den Ländern zu verbessern?
4. Wie werden Start-ups, Spin-offs und Ausgründungen im Bereich KI in der
Wissenschaft von der Bundesregierung unterstützt, insbesondere bei
Zugang zu Daten und Rechenleistung?
5. Welche Maßnahmen aufseiten der Bundesregierung sind vorgesehen, um
privates Kapital in diesem Bereich zu mobilisieren?
6. Plant die Bundesregierung die Einführung von Fast-Track-
Förderinstrumenten für KI-Forschung mit deutlich verkürzten Antragsprozessen (z. B.
drei bis sechs Monate von Antrag bis Bewilligung), wie genau sollen die
Förderprogramme ausgestaltet sein, mit welchem Zeitplan und
Finanzvolumen?
7. Welche Rolle wird Deutschland in der europäischen RAISE-Initiative
übernehmen, und wie plant die Bundesregierung, die nationale
Forschungslandschaft mit RAISE zu verzahnen?
8. Das EU-Papier zu RAISE unterscheidet explizit zwischen der
methodischen Erforschung von KI-Systemen („Science for AI“) und der
Anwendung von KI in anderen Wissenschaftsdisziplinen („AI for Science“), teilt
die Bundesregierung diese konzeptionelle Unterscheidung, und wenn ja,
welcher Anteil der nationalen KI-Forschungsförderung entfällt jeweils auf
„Science for AI“ (Grundlagenforschung zu KI-Methoden, Architekturen,
Lernverfahren) und auf „AI for Science“ (KI-Anwendung in Medizin,
Materialwissenschaften, Klimaforschung etc.)?
9. Plant die Bundesregierung den gezielten Ausbau von Kapazitäten für
„Science for AI“ in Deutschland, um sicherzustellen, dass Europa nicht
nur bestehende KI-Modelle anwendet, sondern eigene methodische
Durchbrüche erzielt, und wenn ja, mit welchen konkreten Maßnahmen
und welchem Finanzvolumen bis 2029?
10. Durch welche konkreten Förderinstrumente und in Abstimmung mit den
Ländern stellt die Bundesregierung sicher, dass KI-Methodenforschung
(„Science for AI“) und Fachwissenschaften („AI for Science“)
systematisch zusammenarbeiten, damit KI-Entwicklungen bedarfsorientiert und
nicht als „Produkt von der Stange“ in verschiedene
Wissenschaftsdisziplinen transferiert werden?
11. Plant die Bundesregierung die Einrichtung einer zentralen
Koordinierungsstruktur nach dem Vorbild von RAISE zur Bündelung von KI-
Ressourcen (Rechenkapazitäten, Daten, Talente, Forschungsförderung) für
die wissenschaftliche Forschung, und wenn ja, mit welchem Zeitplan und
welchen Ressourcen?
12. Plant die Bundesregierung die Schaffung thematischer
Exzellenznetzwerke für KI in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (analog zu den
„Thematic Networks of Excellence“ der EU), und wenn ja, für welche
Disziplinen, und mit welcher Finanzierung?
13. Wie ermittelt die Bundesregierung den aktuellen und künftigen Bedarf an
KI-Anwendungen und Rechenkapazitäten für Forschung und
Wissenschaft in Deutschland?
14. Welche Bedeutung misst die Bundesregierung einer erfolgreichen
deutschen Bewerbung um eine AI Gigafactory bei, und welche Investitionen
sind im Erfolgsfall vorgesehen?
15. Welche Anbindung wird die Wissenschaft an den geplante AI Factories in
Stuttgart und Jülich haben?
16. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um Akteure in der KI-
Forschung systematisch zu vernetzen und langfristig zu finanzieren, um
kritische Masse in strategisch wichtigen Bereichen zu erreichen?
17. Welcher konkrete Anteil der für die Hightech Agenda vorgesehenen
Mittel ist spezifisch für KI in der Wissenschaft vorgesehen?
18. Welche Maßnahmen unternimmt die Bundesregierung, um ein stabiles,
interoperables und vertrauenswürdiges Forschungsdaten-Ökosystem in
Deutschland zu schaffen?
19. Inwiefern bezieht das geplante Forschungsdatengesetz die Nutzung und
Weitergabe von Daten für KI-Anwendungen in der Wissenschaft mit ein?
20. Welche konkreten Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um
international KI-Forscherinnen und KI-Forscher für den Wissenschaftsstandort
Deutschland zu gewinnen (z. B. gezielte Rückkehrerprogramme,
beschleunigte Visaverfahren, kompetitive Startpakete), und mit welchem
Finanzvolumen sind diese Bemühungen konkret ausgestattet?
21. Über welche Daten verfügt die Bundesregierung zur Abwanderung von in
Deutschland ausgebildeten KI-Expertinnen und KI-Experten ins Ausland
(insbesondere USA, Großbritannien, Schweiz, China), und welche
konkreten Schlussfolgerungen zieht sie daraus für Reformen beim
Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG), Mittelbaustrategie, Ausbau von
Tenure-Track-Stellen, Tandemprofessuren und verbesserten
Forschungsbedingungen?
22. Welche Bestrebungen unternimmt die Bundesregierung, den Frauenanteil
in der KI-Forschung zu erhöhen?
23. Inwiefern bestehen aus Sicht der Bundesregierung Risiken hinsichtlich
des zunehmenden Einsatzes von KI in der Wissenschaft?
24. Inwiefern besteht aus Sicht der Bundesregierung die Notwendigkeit, das
Vertrauen gegenüber dem Einsatz von KI in der Wissenschaft zu stärken,
und wenn ja, welche Maßnahmen ergreift sie dafür gemeinsam mit der
Wissenschaft?
25. Welche Rolle kann dabei eine zügige Umsetzung der KI-Verordnung mit
einer starken und effektiven Aufsichtsstruktur spielen?
26. Wie bewertet die Bundesregierung die Abhängigkeit deutscher
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von proprietären, überwiegend
außereuropäischen Anbietern von KI-Modellen (z. B. OpenAI, Google,
Anthropic)?
27. Welche Strategie verfolgt die Bundesregierung zur Entwicklung von
(Open-Source-)KI-Modellen „Made in Germany“ oder „Made in Europe“
für wissenschaftliche Zwecke?
28. Wie bewertet die Bundesregierung den hohen Energie- und
Ressourcenbedarf für das Training und die Anwendung von KI in der Wissenschaft?
29. Welche konkreten Maßnahmen zur Forschungssicherheit sind geplant, um
Know-how-Abfluss in sicherheitsrelevanten KI-Bereichen zu verhindern,
ohne die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit zu behindern?
30. Wie stellt die Bundesregierung sicher, dass ethische,
verfassungsrechtliche, sicherheitspolitische und forschungspolitische Aspekte in der
nationalen und europäischen KI-Förderung miteinander abgestimmt werden?
31. Inwiefern evaluiert die Bundesregierung den Einsatz von KI in der
Forschung gemeinsam mit der Wissenschaft, und welche Schlussfolgerungen
zieht sie daraus?
Berlin, den 1. Dezember 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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