Die Brigade "Litauen" der Bundeswehr und das ehemalige Partisanenlager im Wald von Rüdninkai
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Die Brigade "Litauen" der Bundeswehr und das ehemalige Partisanenlager im Wald von Rüdninkai
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3059
21. Wahlperiode 03.12.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Lea Reisner, Ulrich Thoden, Desiree Becker, Gökay Akbulut,
Janina Böttger, Maik Brückner, Katrin Fey, Vinzenz Glaser, Ates Gürpinar, Jan
Köstering, Stella Merendino, Edis Mirze, Charlotte Neuhäuser, Cansu Özdemir,
Zada Salihović, Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Die Brigade „Litauen“ der Bundeswehr und das ehemalige Partisanenlager im
Wald von Rūdninkai
Derzeit befindet sich die Panzerbrigade 45 „Litauen“ der Bundeswehr im
Aufbau. Vorgesehen ist die dauerhafte Stationierung von rund 5 000 Soldatinnen
und Soldaten sowie zivilen Beschäftigten der Bundeswehr in Litauen (vgl.
„Bundeswehr in Litauen: In großen Schritten zur deutschen Kampfbrigade“,
Bundeswehr, www.bundeswehr.de/de/auftrag/verteidigung/aufgaben/bundeswe
hr-litauen-grosse-schritte-deutsche-kampfbrigade). Der Hauptteil der Brigade
soll bei Rūdninkai stationiert sein, wo umfangreiche Bauarbeiten vorgesehen
sind (vgl. „Baubeginn in Litauen für die Kaserne der deutschen Brigade“,
Europäische Sicherheit & Technik vom 20. August 2024, https://esut.de/2024/08/me
ldungen/52466/baubeginn-in-litauen-fuer-die-kaserne-der-deutschen-brigade/).
In unmittelbarer Nähe des geplanten Bundeswehrstandortes befinden sich die
Überreste eines jüdischen Partisanenlagers aus dem Zweiten Weltkrieg. Nach
Angaben des US-amerikanischen Wissenschaftlers Dovid Katz gegenüber den
Fragestellerinnen und Fragestellern handelt es sich dabei um das letzte noch
existierende jüdische Partisanenlager bzw. Widerstandscamp aus jener Zeit. Die
Fragestellerinnen und Fragesteller äußern ihre Sorge um den Erhalt dieses
historischen Ortes. Die rund 100 Angehörigen des Partisanencamps waren
überwiegend aus dem Ghetto von Vilnius geflohen. Im Rudninker Wald (auch
Rudnicker Wald) errichteten sie Hütten und Erdbunker und führten von dort aus
den bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzungstruppen, bis diese
im Juli 1944 aus Litauen vertrieben wurden (vgl. „Jewish Partisans in the
Rudniki Forest“, Yad Vashem, https://www.yadvashem.org/vilna/during/partisans/r
udniki-forest.html).
Zu den Kämpferinnen dieses Partisanencamps gehörte auch die im Jahr 2024
verstorbene Fania Brantsovskaya (auch Brancovskaja) (vgl. „Fania
Brantsovsky, last living Vilna ghetto partisan resistance fighter, dies at 102“,
Jewish Telegraphic Agency vom 23. September 2024, www.jta.org/2024/09/23/
obituaries/fania-brantsovsky-vilna-ghetto-survivor-and-partisan-resistance-fight
er-dies-at-101). Die ehemalige Partisanin und Holocaust-Überlebende war in
den Jahren vor ihrem Tod Ziel einer politischen Kampagne in Litauen, in der
sie als „Verräterin“ litauischer Interessen diffamiert und der Begehung von
„Kriegsverbrechen“ beschuldigt wurde, ohne dass es zu einer formellen
Anklage kam. Diese Kampagne hatte seinerzeit auch bei der Bundesregierung
Besorgnis ausgelöst (vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage
auf Bundestagsdrucksache 16/10452, insbesondere die Antwort zu Frage 9).
Später wurde Fania Brantsovskaya vom Bundespräsidenten mit dem
Bundesverdienstkreuz geehrt (vgl. die Antwort zu Frage 10 auf Bundestagsdrucksache
17/9626). Fania Brantsovskaya hatte bereits seit vielen Jahren auf die seit dem
Ende der Sowjetunion im Verfall befindlichen Überreste des Partisanenlagers
im Rudninker Wald hingewiesen und sich für deren Erhalt beziehungsweise
Restaurierung eingesetzt (vgl. „The Last Jewish Fort in the Forests of
Lithuania: Fania Yocheles Brantsovsky Calls for its Preservation“, Defending History,
https://defendinghistory.com/the-last-jewish-fort).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Ist der Bundesregierung die Existenz sowie der genaue Standort des
jüdischen Partisanenlagers im Rudninker Wald bekannt?
2. Welche Angaben kann die Bundesregierung dazu machen, in welcher
Entfernung sich der im Aufbau befindliche Standort der Panzerbrigade 45
„Litauen“ zu den Überresten des genannten Partisanenlagers befindet?
3. Wird die Bundeswehr den Angehörigen der Brigade „Litauen“ Kenntnisse
über die Geschichte des jüdischen Partisanenlagers im Wald von Rūdninkai
vermitteln?
a) Wenn ja, welche konkreten Maßnahmen sind hierzu vorgesehen oder
bereits eingeleitet worden?
b) Wenn nein, warum nicht?
4. Hat die Bundeswehr oder andere Stellen der Bundesregierung,
gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit den zuständigen litauischen Behörden, der
Jüdischen Gemeinde Litauens, internationalen jüdischen Organisationen mit
Bezug zu Litauen oder weiteren Akteurinnen und Akteuren, Überlegungen
zu möglichen Auswirkungen der Bauarbeiten am Standort der Brigade
„Litauen“ auf das Partisanenlager angestellt?
a) Wenn ja, zu welchen Erkenntnissen ist die Bundesregierung dabei
gelangt, und welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus?
b) Wenn nein, warum nicht?
5. Wird nach Kenntnis der Bundesregierung während der Bauarbeiten für den
Standort der Brigade „Litauen“ oder im Anschluss daran der Zugang zum
Partisanenlager, der derzeit nach Kenntnis der Fragestellerinnen und
Fragesteller nur über eine unbefestigte Waldstraße möglich ist, eingeschränkt
werden?
a) Wenn ja, in welcher Form und für welchen Zeitraum ist eine solche
Einschränkung vorgesehen?
b) Wenn nein, warum nicht?
6. Hat die Bundesregierung gegenüber den zuständigen litauischen Behörden
allgemeine Vorschläge hinsichtlich des Umgangs mit den Überresten des
jüdischen Partisanenlagers unterbreitet?
a) Wenn ja, welche Reaktionen haben die litauischen Behörden hierauf
gezeigt, und welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung
daraus?
b) Wenn nein, warum nicht?
7. Ist die Bundesregierung bereit, gemeinsam mit den litauischen Behörden,
der Jüdischen Gemeinde Litauen, internationalen jüdischen Organisationen
mit Bezug zu Litauen oder weiteren Akteurinnen und Akteuren Konzepte
zu entwickeln, um den Zugang zum Partisanenlager zu verbessern, etwa
durch eine bessere Ausschilderung und die Asphaltierung des
Zufahrtsweges?
8. Hat die Bundesregierung Überlegungen angestellt, angesichts der
räumlichen Nähe des künftigen Standortes von bis zu 5 000 deutschen
Soldatinnen und Soldaten zu den Überresten eines jüdischen Partisanenlagers, in
Abstimmung mit den zuständigen litauischen Behörden, der Jüdischen
Gemeinde Litauens, internationalen jüdischen Organisationen mit Bezug zu
Litauen oder weiteren Akteurinnen und Akteuren, Maßnahmen zu
ergreifen, um dieses Lager zu restaurieren und zu einem historischen Lern- und
Gedenkort zu entwickeln, oder entsprechende Maßnahmen finanziell zu
unterstützen?
a) Wenn nein, warum nicht?
b) Wenn ja, welche konkreten Planungen liegen hierzu bereits vor, wie hat
die litauische Seite darauf reagiert, und bis wann ist eine Umsetzung
vorgesehen?
Berlin, den 26. November 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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