Gaza - Völkerrecht verteidigen, Waffenlieferungen stoppen, humanitäre Hilfe ermöglichen
Text
Gaza - Völkerrecht verteidigen, Waffenlieferungen stoppen, humanitäre Hilfe ermöglichen
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/350
21. Wahlperiode 03.06.2025
Antrag
der Fraktion Die Linke
Gaza – Völkerrecht verteidigen, Waffenlieferungen stoppen, humanitäre Hilfe
ermöglichen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die humanitäre Situation in Gaza ist katastrophal. Seit Anfang März ließ Israel keine
Hilfslieferungen mehr zu – die jetzt angelaufene Bereitstellung humanitärer Hilfe
durch das israelische Militär und Söldnerfirmen ist vollkommen unzureichend und
widerspricht den Prinzipien der Unabhängigkeit, Neutralität und Unparteilichkeit, wie
sie im humanitären Völkerrecht verankert ist. Es mehren sich Berichte über tödliche
Angriffe bei Hilfsgüterverteilungen. Humanitäre Hilfe darf nicht als militärisches oder
politisches Druckmittel missbraucht werden.
Den Menschen in Gaza fehlt es an Nahrung, an Medikamenten, an sauberem Wasser,
Strom und Obdach. Laut UN sind 100 Prozent der Bevölkerung von einer Hungersnot
bedroht, besonders vulnerable Gruppen wie zum Beispiel Kleinkinder oder Säuglinge
sind unmittelbar vom Hungertod betroffen. Die medizinische Infrastruktur ist
inzwischen fast vollständig zerstört.
In Israel wächst inzwischen der Widerstand der Zivilgesellschaft gegen den Krieg. Wir
beobachten eine wachsende Anzahl von Demonstrationen mit mehr und mehr
Protestierenden. Auch in Gaza protestieren mutige Menschen gegen die Hamas und riskieren
dadurch ihr Leben, denn die Hamas tötet weiterhin Palästinenserinnen und
Palästinenser, die ihren Herrschaftsanspruch in Frage stellen und sich gegen ihre Terrorherrschaft
aussprechen.
Durch den Angriff der Hamas sowie weiterer radikaler Gruppen am 7. Oktober 2023
hat Israel den schlimmsten Terrorangriff seit seiner Gründung erlebt. Mehr als 1.200
Menschen wurden getötet, über 250 als Geiseln genommen. Es ist von höchster
Wichtigkeit, unmissverständlich für den Schutz von Jüdinnen und Juden, gegen jeden
Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels einzutreten.
Gaza gehört seit Jahrzehnten zu den am dichtest besiedelten Ballungsgebieten der
Welt, mehr als die Hälfte der rund 2,1 Millionen Einwohner sind Kinder und
Jugendliche. Die Zivilbevölkerung ist israelischen Angriffen am Boden und aus der Luft
schutzlos ausgeliefert. Angriffe mit Hunderten 2.000 Pfund-Bomben sind
nachgewiesen. Seit Beginn des Krieges sind über 53.000 Menschen getötet worden, die übergroße
Mehrheit davon Zivilisten.
Seit der Wiederaufnahme der Bodenoffensive und der Operation „Gideons Chariot“
hat sich die Situation der Zivilbevölkerung noch einmal massiv verschlechtert. Die
Bevölkerung, inklusive alter, kranker und verletzter Menschen, wird erneut vertrieben
und gezwungen, sich in ein kleines Gebiet im Süden Gazas zu begeben.
Regionalexperten sowie ehemalige israelische Regierungspolitiker bezeichnen die Ziele der
Operation u. a. als „ethnische Säuberung“ und „Zerstörungskrieg“.
Das Hostages and Missing Families Forum fordert die Erreichung eines
Waffenstillstandes und den Abschluss eines Deals, damit sämtliche Geiseln freikommen.
Ein kürzlicher Aufruf israelischer HochschullehrerInnen, der von mehr als 1.100
Lehrenden unterzeichnet wurde, das Policy Paper „Der Tag danach ist heute“ von
führenden israelischen WissenschaftlerInnen oder das Engagement von
Graswurzelbewegungen wie Standing Together zeigen, dass es in der israelischen Gesellschaft starke
Kräfte gibt, die sich gegen die Logik der Zerstörung sowie für Frieden und eine
politische Lösung einer militärisch nicht zu lösenden Situation einsetzen.
Auch warnen ehemalige ranghohe israelische Militärs vor ein einer Fortsetzung der
Zerstörung in Gaza, darunter der ehemalige Ministerpräsident und Armeechef Ehud
Barak, welcher der Regierung Netanjahu Kriegsverbrechen vorwirft.
Dazu ist die Anzahl an ReservistInnen, die nicht zum Dienst erscheinen, enorm
angestiegen und liegt derzeit bei rund 100.000 Personen.
Dies alles zeigt, dass die Regierung Netanjahu Politik gegen die Interessen einer
Mehrheit der israelischen Bevölkerung betreibt und, gemeinsam mit seinen rechtsradikalen
Koalitionspartnern nur auf den eigenen Machterhalt aus ist – zum Preis der fast
vollständigen Zerstörung des Gazastreifens –, die führende Menschenrechtsorganisationen
und Genozidforscher mittlerweile als genozidal bezeichnen.
Niemals darf ein Menschenrechtsverbrechen als Rechtfertigung für ein anderes
Menschenrechtsverbrechen herangezogen werden. Das völkerrechtswidrige Unrecht der
Besatzung und Besiedlung der palästinensischen Gebiete ist niemals eine
Rechtfertigung für den menschenverachtenden Terror der Hamas – und genauso rechtfertigt der
7. Oktober nicht die Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht der israelischen
Streitkräfte in Gaza und die vollständige Zerstörung des Gazastreifens.
Der Beschluss der israelischen Regierung, 22 neue Siedlungen in den
palästinensischen Gebieten errichten zu wollen, verstößt gegen die Resolution 446 des VN-
Sicherheitsrates und das Völkerrecht. Dies und die noch weitergehende Äußerungen des
israelischen Verteidigungsministers Katz, im besetzten Westjordanland einen „jüdisch
israelischen Staat“ errichten zu wollen, stehen in der von der Regierung Netanjahu
verfolgten Logik, die Zweistaatenlösung zu verunmöglichen – dies ist absolut
inakzeptabel.
Es benötigt internationalen Druck, um die Stimmen der Vernunft in Israel zu stärken
und die verbrecherische Kriegsführung der israelischen Regierung zu stoppen – die
derzeitigen Militäroperationen in Gaza gehen weit über das legitime Recht Israels
hinaus, sich gegen Terrorangriffe wie die der Hamas zu verteidigen. Vielmehr handelt es
sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor den Augen der Welt.
Die Bundesregierung muss jetzt endlich entschieden handeln. Die jüngsten
Äußerungen von Bundeskanzler Merz und Außenminister Wadephul sind ein Schritt in die
richtige Richtung, aber viel zu wenig. Stattdessen muss die Bundesregierung
unverzüglich alle Waffenlieferungen nach Israel einstellen. Die Regierungen Kanadas,
Großbritanniens und Frankreichs haben in einer gemeinsamen Erklärung gezeigt, wie
man effektiv diplomatisch Druck aufbaut. Auch sollte sich Deutschland denjenigen
EU-Staaten anschließen, die eine Überprüfung und ggf. Aussetzung des
Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel fordern. Solchen Initiativen, die von
Israel klar die Einhaltung des Völkerrechts einfordern, darf sich die Bundesregierung
nicht verschließen.
Plänen der israelischen Regierung, eine weitere permanente Vertreibung der
Palästinenser auch aus Gaza vorzubereiten – welche von US-Präsident Trump unterstützt
werden –, gilt es entschieden entgegenzutreten und das Völkerrecht zu verteidigen.
Um den Konflikt zu überwinden und endlich allen Menschen in der Region ein Leben
in Freiheit und Sicherheit zu ermöglichen, muss die Bundesregierung ihrem
Bekenntnis zur Zweisaatenlösung jetzt konkrete Taten folgen lassen. Dazu gehört, die
Anerkennung Palästinas als Staat in den Grenzen von 1967 vorzunehmen – dies würde der
Konferenz der Vereinten Nationen zur Zweistaatenlösung, welche im Juni in New
York stattfinden wird, Momentum geben, zumal der Präsident der Französischen
Republik, Emmanuel Macron, dort Frankreichs Entscheidung zur Anerkennung
Palästinas verkünden wird.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. sich für einen sofortigen, ungehinderten Zugang zu umfassender humanitärer
Hilfe für die palästinensische Zivilbevölkerung in Gaza einzusetzen und dabei
den Fünf-Punkte-Hilfsplan der Vereinten Nationen zur Sicherstellung von
Hilfslieferungen in Gaza zu unterstützen sowie sich unmissverständlich für die
Erreichung eines dauerhaften Waffenstillstandes einzusetzen;
2. den Entscheidungsstopp des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge bei
Asylverfahren von Palästinenserinnen und Palästinensern umgehend aufzuheben
und Geflüchteten aus Gaza den dringend benötigten Schutz zu gewähren;
3. Waffenlieferungen an Israel unverzüglich einzustellen. Die bestehenden
rechtlichen Grundlagen wie die des „Gemeinsamen Standpunkts des Rates der
Europäischen Union vom 8. Dezember 2008 betreffend gemeinsame Regeln für die
Kontrolle der Ausfuhr von Militärtechnologie und Militärgütern“ in der Fassung des
Ratsbeschlusses vom 14. April 2025 (Gemeinsamer Standpunkt) und des
Vertrags über den Waffenhandel (Arms Trade Treaty – ATT) sowie die „Politischen
Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen
Rüstungsgütern“ aus dem Jahr 2000 in der Neufassung vom 26. Juni 2018
schließen allesamt Waffenlieferungen an Länder aus, die Kriegsverbrechen begehen;
4. die Anerkennung Palästinas als eigenen Staat in den Grenzen von 1967
vorzunehmen, um einer Zweistaatenlösung mit einem sicheren und demokratischen
Israel und einem lebensfähigen, unabhängigen und demokratischen Palästina
näherzukommen. Für einen dauerhaften Frieden ist es unerlässlich, dass alle Staaten
der Region Israel als Staat anerkennen, die Waffen niederlegen, antisemitische
Propaganda und die Unterstützung und Finanzierung des Terrors – wie der Hamas
oder Hisbollah – unterlassen;
5. die Konferenz der Vereinten Nationen zur Wiederbelebung der
Zweistaatenlösung, welche vom 17. bis 20. Juni 2025 in New York stattfinden wird, aktiv zu
unterstützen und Plänen zu einer Umsiedlung der Palästinenserinnen und
Palästinenser entschieden zu widersprechen.
6. die wirtschaftliche Kooperation mit den Staaten des Mittleren und Nahen Ostens
konsequenter unter die Bedingung zu stellen, aktiv zum Friedensprozess
beizutragen und Eskalationsschritte zu unterlassen bzw. zu verhindern. Das gilt vor
allem für die Türkei, Katar und Iran, die zu den Hauptsponsoren der Hamas
gehören;
7. sich den 17 EU-Ländern anzuschließen, die eine Überprüfung und ggf.
Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel fordern.
Deutschland muss sich aktiv für die juristische Aufarbeitung der
Kriegsverbrechen einsetzen, die in Israel, im Libanon und in Gaza begangen wurden und
werden, und die internationale Gerichtsbarkeit konstruktiv bei ihrer Tätigkeit
unterstützen;
8. sich gegenüber der israelischen Regierung gegen die Kriminalisierung der Teile
der israelischen Zivilgesellschaft einzusetzen, die sich friedlich für ein sofortiges
Ende des Krieges einsetzen und sich gegen die Versuche der israelischen
Regierung wenden, kritische israelische Nichtregierungsorganisationen durch massive
Besteuerung handlungsunfähig zu machen;
9. Konsultationen mit den Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und Kanadas
auf der Grundlage der gemeinsamen Erklärung der drei Staaten zu führen;
10. sich für die Freilassung der Geiseln einzusetzen. Sich für die Wiederaufnahme
der Gespräche in Doha für die Erreichung eines Waffenstillstandes und einer
Einigung über die Freilassung der Geiseln einzusetzen, muss eine Priorität der
Bundesregierung werden. Sie muss betonen, dass sie auch im Falle Israels die
internationale Gerichtsbarkeit anerkennt und dementsprechend auch Haftbefehle
gegen führende israelische Politiker wie Ministerpräsident Netanjahu im Falle einer
Einreise nach Deutschland umsetzen wird;
11. die weiter fortschreitende Eskalation im Westjordanland klar zu verurteilen. Der
Ausbau illegaler Siedlungen auf völkerrechtswidrig besetztem Gebiet, die
zunehmende SiedlerInnengewalt gegen palästinensische Menschen und die verstärkten
israelischen Militäroperationen müssen unterbunden werden und Bedingungen
eines nachhaltigen Waffenstillstands und der Friedensverhandlungen sein.
Berlin, den 3. Juni 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- part_of_vorgang → Gaza - Völkerrecht verteidigen, Waffenlieferungen stoppen, humanitäre Hilfe ermöglichen (Antrag)