Rede von das Wort der Kollege Winfried Nachtwei.Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/26
Teil von Protokoll der 2. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 2: Drucksache 16/26 –.
Text
Rede von das Wort der Kollege Winfried Nachtwei.Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/26
Herr Präsident! Geehrte Kolleginnen und Kollegen!
Zunächst eine Vorbemerkung: Ich bedauere, dass
Kollege Bisky nicht zum Vizepräsidenten gewählt wurde.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN und der LINKEN)
Nun direkt zum nächsten neuen Kollegen. Kollege
Lafontaine, Sie haben hier ein Zerrbild der deutschen
Beiträge zur internationalen
Terrorismusbewältigung entworfen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU und der FDP)
Die Konsequenzen Ihrer Forderung, bezogen auf
Afghanistan, sind ganz eindeutig und klar: volle Bewegungs-
und Anschlagsfreiheit für die Taliban- und andere
Terrorgruppen und Zerstörung des UN-mandatierten
Stabilisierungsprozesses, der schon schwierig genug ist.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU und der FDP)
In der Tat ist die Entscheidung über den Antrag der
Bundesregierung keine Routine und darf keine Routine
sein, auch wenn es für viele von uns die vierte
Entscheidung solcher Art ist; denn es geht hier um
Menschenleben, um Gewalt- und Kriegseindämmung. Deshalb
haben wir uns immer wieder zu fragen: Ist dies notwendig,
dringlich und ergiebig? Ist dies legal und verantwortbar?
Was sind die Alternativen?
Zur Erinnerung: Deutsches Territorium ist bisher von
terroristischen Anschlägen verschont geblieben. Aber
dies ist kein Grund zur Beruhigung und kein Grund zu
der illusionären Annahme, diesen Zustand dadurch
aufrechterhalten zu können, indem sich Deutschland aus
allem heraushält.
Der UN-Generalsekretär hat in seinem großen Bericht
vom 21. März dieses Jahres zum Thema Terrorismus
festgestellt – er hat den Terrorismus dabei treffend
definiert und die Bundesregierung hat dies voll unterstützt –:
Der transnationale Terrorismus hat sich in den
letzten fünf Jahren zu einer immer akuteren Gefahr
entwickelt. Grenzüberschreitende Netzwerke
terroristischer Gruppen verfügen mittlerweile über eine
globale Reichweite, machen gemeinsame Sache
und stellen eine globale Bedrohung dar. Diese
Gruppen machen aus ihrem Wunsch keinen Hehl,
nukleare, biologische und chemische Waffen zu
erwerben. Schon ein einziger derartiger Anschlag und
die dadurch möglicherweise ausgelöste
Kettenreaktion könnten unsere Welt für immer verändern.
Die hochrangige Gruppe zur UN-Reform hat in ihrem
Bericht vom vergangenen Dezember festgestellt:
Die Angriffe in den vergangenen fünf Jahren gegen
mehr als zehn Mitgliedstaaten auf vier Kontinenten
haben gezeigt, dass die al-Qaida und die mit ihr
verbundenen Gruppierungen eine weltweite
Bedrohung für alle Mitglieder der Vereinten Nationen und
Winfried Nachtweifür die Vereinten Nationen selbst darstellen. In
öffentlichen Erklärungen hat die al-Qaida die
Vereinten Nationen speziell als ein wesentliches Hindernis
für ihre Ziele erwähnt und sie als einen ihrer Feinde
definiert.
Wir sollten nicht vergessen, dass es nicht nur die
Resolution des Sicherheitsrats vom 14. September
gibt. Vielmehr hat der Sicherheitsrat seit dem 11.
September 2001 zu dieser Problematik insgesamt 22
Resolutionen einstimmig beschlossen, in denen der
internationale Terrorismus gebrandmarkt wurde und die Staaten
dazu aufgefordert wurden, im Rahmen der Charta der
Vereinten Nationen und des humanitären Völkerrechts
– das ist eine sehr wichtige Auflage, die zwingend
notwendig ist – jeden ihnen möglichen Beitrag zu leisten.
Die Berichte stellen auch klar, dass eine globale
Gesamtstrategie gegen den Terrorismus notwendig ist.
Es liegt eigentlich auf der Hand: Direkte
Täterverfolgung, Gefahrenabwehr, politische Isolierung und mittel-
und langfristig wirkende Ursachenbekämpfung gehören
untrennbar zusammen.
Genau darin, dies global und unter Bündnispartnern
durchzusetzen, liegt die Schwierigkeit.
Dabei müssen wir nüchtern feststellen, dass der
Hauptfehler in diesem Bereich in vielen Ländern die
Reduzierung der Terrorismusbekämpfung auf das
militärische, polizeiliche und nachrichtendienstliche Element
ist. Dies bewirkt den bekannten und berüchtigten Hydra-
Effekt.
Es ist allerdings völlig unzureichend, sich nur auf die
Ursachenbekämpfung zu beschränken. Das ist zwar sehr
wichtig, hilft aber gegenüber akuten terroristischen
Bedrohungen überhaupt nicht.
Die deutschen Beiträge zur
Terrorismusbekämpfung gehen über dieses gesamte Spektrum von der
Ursachenbekämpfung bis hin zur direkten Gefahrenabwehr
und Terrorismusverfolgung und verfolgen einen primär
politischen und ganzheitlichen Einsatz.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Man kann deutlich erkennen, dass unter den vielen
deutschen Beiträgen zur Terrorismusbekämpfung die
Beiträge zur Stabilisierung Afghanistans und die
Gegnerschaft gegen den Irakkrieg von wirklich strategischer
Bedeutung sind. Transnationaler Terrorismus lässt sich
nicht mit Krieg besiegen. Das ist uns völlig klar.
(Beifall der Abg. Claudia Roth [Augsburg]
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Bestimmte Akteure und Aktionsformen sind aber ohne
Militär nicht einzudämmen. Beides muss auseinander
gehalten werden.
Deutschland beteiligt sich an der Operation Enduring
Freedom nicht pauschal und uneingeschränkt, sondern
mit ausgewählten und präzisen Fähigkeiten, insgesamtzurückhaltend und mit klarer rechtsstaatlicher
Begrenzung.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg.
Dr. Franz Josef Jung [CDU/CSU])
Das größte Kontingent besteht aus Marinekräften zur
Seeraumüberwachung. Dies ist notwendig und nützlich,
um dort terroristische Bewegungen – zumindest deren
Bewegungsfreiheit – einzuschränken.
Es ist richtig – das ist von allen angesprochen worden –:
Potenziell am riskantesten ist der zeitweilige Einsatz von
maximal 100 Soldaten der KSK in Afghanistan. Dass
Afghanistan nicht mehr das Rückzugs- und
Ausbildungsgebiet für den transnationalen Terrorismus ist, ist
ein enormer Fortschritt.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN und der CDU/CSU)
Dieser Fortschritt ist aber nur dann zu halten, wenn
Stabilisierung und Aufbau in Afghanistan insgesamt
vorankommen.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP)
Beides ist durch enorme Gewaltpotenziale gefährdet,
über die man nicht einfach hinwegreden oder
hinwegblicken kann. Diese Gewaltpotenziale sind ohne die
Ausweitung der ISAF-Stabilisierungstruppe und die
Rückendeckung durch Enduring Freedom nicht
einzudämmen und zu bewältigen.
Umgekehrt: Ohne Enduring Freedom keine ISAF,
keine Stabilisierungschance für Afghanistan. Deshalb
hat sich Präsident Karsai – übrigens im Unterschied zu
den Formulierungen im Antrag der Linkspartei –
ausdrücklich für die Präsenz dieser Truppen ausgesprochen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU)
Er hat sich darüber hinaus sogar – wir teilen das nicht –
für das Zusammenfügen von ISAF und der OEF
ausgesprochen.
Ein erhebliches Problem bei der Zusammenarbeit im
Rahmen der OEF ist allerdings, dass sich die US-
Streitkräfte bekanntermaßen und in erschütternder Weise
nicht an die Genfer Konvention halten, vor allem, was
die Behandlung von Gefangenen angeht.
Die deutschen Soldaten sind hier eindeutig und
zwingend an Recht und Gesetz gebunden. Dies ist auch vom
Ministerium klargestellt worden.
Es wäre in Hinblick auf die insgesamt notwendige
Geheimhaltung im Zusammenhang mit der KSK sehr
hilfreich, wenn die Bundesregierung hier die
Geheimhaltung auf das Ausmaß beschränken würde, welches
zum Schutz von Operationen und Personen notwendig
ist.
Winfried NachtweiZusammengefasst: Die heute beantragten Beiträge
zur Operation Enduring Freedom sind notwendig und
verantwortbar. Die Bundesrepublik sieht sich damit ganz
und gar nicht in dem zu Recht kritisierten Krieg gegen
den Terrorismus; vielmehr liegt sie voll auf der Linie
dessen, was in den Resolutionen des UN-
Sicherheitsrates und in den höchsten UN-Berichten eingefordert
wird. Deshalb stimmt die grüne Fraktion in ihrer
übergroßen Mehrheit dem Antrag der Bundesregierung zu.
Danke schön.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU)