Sicherheitslage Deutschlands vor dem Hintergrund ukrainischer Drohnenangriffe, russischer Drohungen gegen europäische Unternehmen und möglicher Eskalationsrisiken
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Sicherheitslage Deutschlands vor dem Hintergrund ukrainischer Drohnenangriffe, russischer Drohungen gegen europäische Unternehmen und möglicher Eskalationsrisiken
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7390
21. Wahlperiode 29.07.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Stefan Keuter, Gerold Otten, Udo Theodor Hemmelgarn, Uwe
Schulz und der Fraktion der AfD
Sicherheitslage Deutschlands vor dem Hintergrund ukrainischer
Drohnenangriffe, russischer Drohungen gegen europäische Unternehmen und
möglicher Eskalationsrisiken
Am 15. April 2026 veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium
nach Medienberichten eine Liste mit insgesamt 21 europäischen Unternehmen
aus zwölf Ländern, darunter drei Unternehmen mit direktem
Deutschlandbezug. Diesen Unternehmen wurde vorgeworfen, an der Produktion von Drohnen
für die Ukraine beteiligt zu sein. Die betreffenden Länder wurden in diesem
Zusammenhang als „strategisches Hinterland der Ukraine“ bezeichnet. Kurz
darauf stufte der stellvertretende Leiter des russischen Sicherheitsrates, Dmitri
Medwedew, diese Aufstellung öffentlich als eine „Liste potenzieller Ziele für
die russischen Streitkräfte“ ein (https://correctiv.org/hybride-kriegsfuehrung/20
26/04/16/drohnen-start-ups-in-deutschland-im-visier-russlands-verfassungssch
utz-warnt/, zuletzt aufgerufen 24. Juni 2026).
Vor dem Hintergrund dieser Äußerungen stellt sich nach Auffassung der
Fragesteller die Frage, ob und in welchem Umfang deutsche Unternehmen, ihre
Beschäftigten, die Zivilbevölkerung sowie kritische Infrastrukturen in
Deutschland durch russische staatliche oder staatsnahe Akteure, durch Cyberangriffe,
Sabotagehandlungen oder sonstige hybride Maßnahmen gefährdet sein
könnten.
Zugleich mehren sich nach Medienberichten Hinweise darauf, dass ukrainische
Drohnenangriffe nicht mehr nur frontnahe Gebiete oder militärische Ziele in
den von Russland besetzten Gebieten betreffen, sondern zunehmend auch weit
in das russische Kernland hineinreichen. Betroffen waren nach
Medienberichten unter anderem die Hauptstadt Moskau und ihr Umland sowie weitere
Regionen im Landesinneren. Diese Entwicklung kann nach Auffassung der
Fragesteller geeignet sein, die Wahrnehmung persönlicher Sicherheit in der
russischen Bevölkerung und innerhalb des russischen Machtapparats zu verändern
und politischen Druck auf die russische Führung zu erhöhen (www.merkur.de/p
olitik/in-russland-waechst-die-angst-ukraine-krieg-erreicht-moskau-zr-9436132
6.html).
Estlands Außenminister Margus Tsahkna wurde in der Tageszeitung „DIE
WELT“ vom 23. Juni 2026 unter Bezugnahme auf ein Gespräch mit der
Wochenzeitung „DIE ZEIT“ mit der Aussage zitiert: „Ich denke, Putin kämpft jetzt
um sein Überleben.“ Nach Tsahknas Einschätzung veränderten ukrainische
Drohnenangriffe die Stimmung im Kreml spürbar: „Die Russen fühlen sich
nicht mehr sicher.“ Hohe Verluste an der Front, wirtschaftliche Probleme und
ukrainische Drohnenangriffe auf russischem Territorium hätten die Stimmung
im Land und im Machtapparat verändert. Moskau könne nach seiner
Einschätzung versuchen, die Geschlossenheit der NATO mit gezielten Provokationen zu
testen (www.welt.de/politik/ausland/article6a3a61f9bee7c015a23d8342/ukrain
e-krieg-ich-denke-putin-kaempft-jetzt-um-sein-ueberleben-heisst-es-aus-estlan
d.html, zuletzt aufgerufen 24. Juni 2026).
Nach ukrainischen Angriffen auf Versorgungslinien der von Russland besetzten
Halbinsel Krim werden deren Auswirkungen nach Medienberichten
zunehmend spürbar. So sei der Kraftstoffverkauf zeitweise ausgesetzt
beziehungsweise inzwischen an Privatpersonen verboten worden (eurotopics.net, Ukraine
nimmt Versorgung der Krim ins Visier, zuletzt aufgerufen 24. Juni 2026).
Seit April und Mai 2026 richteten sich ukrainische Angriffe nach ukrainischen
Angaben gezielt insbesondere gegen Versorgungsleitungen, Treibstoffdepots
und Tankstellen. Aufgrund von Drohnenangriffen sei die Fährverbindung
zwischen Kertsch und der benachbarten Region Krasnodar bereits gestoppt
worden; zudem werde die Krimbrücke regelmäßig geschlossen (https://webcafe.bg/
analiz/ukrainskite-dronove-bavno-zadushavat-krim.html, zuletzt aufgerufen
24. Juni 2026).
Auch die in der Zeitung „DIE WELT“ am 24. Juni 2026 wiedergegebenen
Aussagen des russischen Präsidenten Wladimir Putin sind nach Auffassung der
Fragesteller in diesem Zusammenhang zu bewerten. Putin warf der NATO bei
einer Rede im Kreml vor Absolventen russischer Militärakademien vor, einen
Krieg gegen Russland vorzubereiten. Bislang hätten sich die Staaten des
westlichen Bündnisses darauf beschränkt, nach seiner Darstellung ihre militärische
Infrastruktur auszubauen und ihre Aktivitäten in der Nähe russischer Grenzen
zu verstärken (www.welt.de/politik/ausland/article6a3a800cbee7c015a23d860
0/krieg-in-der-ukraine-putin-wirft-der-nato-kriegsvorbereitungen-gegen-russlan
d-vor.html, zuletzt aufgerufen 24. Juni 2026).
Vor dem Hintergrund dieser nach Auffassung der Fragesteller sehr ernst zu
nehmenden Lageentwicklung gilt es, auch die Sicherheitslage Deutschlands,
deutscher Staatsangehöriger, deutscher Unternehmen, deutscher diplomatischer
Einrichtungen sowie deutscher militärischer Kräfte im Ausland neu zu
bewerten. Dies betrifft insbesondere die Frage, ob infolge der jüngsten Entwicklung
eine erhöhte Gefährdung durch russische staatliche Stellen, russische
Nachrichtendienste, staatsnahe Akteure, extrem nationalistische Gruppen, Cyberakteure
oder sonstige hybride Bedrohungen besteht.
Die Fragesteller weisen ausdrücklich darauf hin, dass die vorliegende Kleine
Anfrage nicht darauf gerichtet ist, geheimhaltungsbedürftige Informationen
offenzulegen oder sicherheitsrelevante Erkenntnisse zum Vorteil ausländischer
Akteure öffentlich zu machen. Ziel der Kleinen Anfrage ist vielmehr, im
Rahmen verantwortungsbewusster parlamentarischer Oppositionsarbeit zu klären,
ob die Bundesregierung die mögliche Gefährdung deutscher Staatsangehöriger,
deutscher Unternehmen, deutscher Einrichtungen sowie kritischer
Infrastrukturen im In- und Ausland in den Augen der Fragesteller angemessen bewertet
und ob bestehende Schutz-, Warn- und Vorsorgemaßnahmen ausreichen oder
erkennbare Defizite aufweisen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Hat sich die Sicherheitslage Deutschlands durch die Lageentwicklungen
der letzten zwei Monate in der Ukraine und in Russland nach
Einschätzung der Bundesregierung verändert, und wenn ja, in welcher Weise (bitte
begründen)?
2. Hat die Bundesregierung zusätzliche Maßnahmen ergriffen, um das
Personal der Deutschen Botschaft in Moskau sowie deren Angehörige zu
schützen, wenn ja, welche Maßnahmen wurden ergriffen, und wenn nein, aus
welchen Gründen wurden keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen?
3. Wie beurteilt die Bundesregierung auf Grundlage offen zugänglicher
Informationen die Entwicklung der Stimmung der Bevölkerung in Russland
gegenüber dem Krieg vor dem Hintergrund zunehmender und
weitreichender ukrainischer Angriffe auf russisches Territorium
beziehungsweise auf von Russland kontrollierte Gebiete?
4. Hat sich die Bundesregierung eine Einschätzung dazu gebildet, ob und
inwieweit ukrainische Drohnenangriffe Auswirkungen auf das Alltagsleben
in den betroffenen Städten und Regionen in Russland beziehungsweise in
von Russland kontrollierten Gebieten haben, insbesondere hinsichtlich
a) möglicher Treibstoffengpässe,
b) der Sperrung von Flughäfen oder Bahnlinien,
c) möglicher Stromausfälle,
d) Einschränkungen des öffentlichen Lebens,
e) eines etwaigen Urlaubsverbots beziehungsweise vergleichbarer
Einschränkungen auf der von Russland annektierten Krim,
und wenn ja, wie lautet diese Einschätzung?
5. Hat sich die Bundesregierung eine Einschätzung dazu gebildet, ob und
inwieweit das Risiko besteht, dass Stimmen extremer russischer
Nationalisten oder Hardliner, die ein noch härteres Vorgehen gegen die Ukraine oder
eine Eskalation gegenüber westlichen Staaten fordern, so einflussreich
werden, dass die russische Führung diesem Druck nachgeben könnte
(www.reuters.com/world/europe/russian-hawks-urge-putin-escalate-war-d
rop-us-talks-ukraine-strikes-deep-2026-06-26/ zuletzt aufgerufen 30. Juni
2026) und wenn ja, weil lautet diese?
6. Hat die Bundesregierung Erkenntnisse darüber, ob Äußerungen extremer
russischer Nationalisten oder Hardliner im Zusammenhang mit
ukrainischen Angriffen der Zahl nach seit Anfang April 2026 zugenommen
haben (vgl. Frage 5), und wenn ja, welche Erkenntnisse liegen der
Bundesregierung hierzu vor?
7. Wurden nach Erkenntnissen der Bundesregierung Deutschland oder
konkrete Ziele in Deutschland von russischen Nationalisten, Hardlinern,
staatlichen Stellen, staatsnahen Akteuren oder in russischen Medien explizit
als mögliche Ziele russischer Angriffe genannt, und wenn ja,
a) welche Ziele wurden genannt,
b) in welchem Zeitraum erfolgten diese Nennungen,
c) handelte es sich nach Einschätzung der Bundesregierung um
vereinzelte Äußerungen oder um eine Häufung entsprechender Aussagen,
d) wie bewertet die Bundesregierung die daraus resultierende
Gefährdungslage?
8. Wurde nach Erkenntnissen der Bundesregierung die Panzerbrigade 45 der
Bundeswehr in Litauen in russischen Medien, sozialen Netzwerken,
offiziellen Verlautbarungen oder Äußerungen staatsnaher Akteure als
mögliches Ziel erwähnt, wenn ja, in welchem Zusammenhang, und wie
bewertet die Bundesregierung diese Äußerungen sicherheitspolitisch (https://tas
s.com/defense/2127333 zuletzt aufgerufen 30. Juni 2026)?
9. Hat die Bundesregierung nach Bekanntwerden einer in Russland
veröffentlichten Liste westlicher Rüstungsunternehmen, die die Ukraine
unterstützen sollen (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller), mit den dort
genannten deutschen Unternehmen Kontakt aufgenommen oder Maßnahmen
zu deren Schutz sowie zum Schutz ihrer Beschäftigten in Deutschland
ergriffen, wenn ja, welche Maßnahmen wurden ergriffen, und wenn nein,
warum nicht?
10. Ist der Bundesregierung bekannt, ob und gegebenenfalls in welchem
Umfang in ukrainischen Rüstungsgütern, insbesondere in Drohnen oder
drohnenbezogenen Systemen, die gegen Russland eingesetzt werden, deutsche
Baukomponenten, Bauteile, Software, Sensorik, Elektronik oder sonstige
Zulieferprodukte enthalten sind, und wenn ja, wie beurteilt die
Bundesregierung diesen Umstand unter sicherheits-, außenwirtschafts- und
exportkontrollpolitischen Gesichtspunkten?
11. Gibt es nach Erkenntnissen der Bundesregierung seit Anfang April 2026
eine signifikante Zunahme von Cyberangriffen gegen kritische
Infrastrukturen in Deutschland, und wenn ja,
a) welche Sektoren kritischer Infrastrukturen waren betroffen,
b) wie viele entsprechende Angriffe wurden registriert,
c) welche Angriffe konnten nach Einschätzung der Bundesregierung
russischen staatlichen, staatsnahen oder von Russland aus operierenden
Akteuren zugeordnet werden,
d) welche Gegenmaßnahmen wurden gegebenenfalls ergriffen?
12. Verfügt die Bundesregierung über ein aktuelles ressortübergreifendes
Lagebild zur möglichen Gefährdung Deutschlands, deutscher
Staatsangehöriger, deutscher Unternehmen, deutscher diplomatischer Vertretungen
sowie deutscher militärischer Einrichtungen durch russische staatliche,
staatsnahe oder nichtstaatliche Akteure infolge der jüngsten
Lageentwicklung, und wenn ja, seit wann, durch welche Ressorts wird dieses Lagebild
erstellt, und in welchem Turnus wird es aktualisiert?
13. Hat die Bundesregierung Erkenntnisse darüber, ob deutsche
Staatsangehörige, deutsche Unternehmen oder deutsche Einrichtungen im Ausland
seit Anfang April 2026 Ziel russischer Drohungen,
Einschüchterungsversuche, Spionagehandlungen, Cyberangriffe oder sonstiger hybrider
Maßnahmen geworden sind (wenn ja, bitte nach Staaten, Art der Vorfälle und
betroffenen Kategorien aufschlüsseln)?
14. Hat die Bundesregierung Erkenntnisse über eine Zunahme russischer
Aufklärungsaktivitäten gegen deutsche kritische Infrastrukturen seit Anfang
April 2026 (wenn ja, bitte insbesondere Energieversorgung,
Telekommunikation, Verkehr, Häfen, Flughäfen, Bahn, Rechenzentren,
Wasserwirtschaft und Gesundheitswesen berücksichtigen)?
15. Hat die Bundesregierung Erkenntnisse darüber, ob russische staatliche
oder staatsnahe Akteure deutsche Unternehmen, die unmittelbar oder
mittelbar an Lieferketten für ukrainische Rüstungsgüter beteiligt sein
könnten, ausspähen, bedrohen oder öffentlich markieren, wenn ja, welche
Branchen sind betroffen, und welche Schutz- oder Beratungsmaßnahmen
wurden gegenüber betroffenen oder potenziell betroffenen Unternehmen
ergriffen?
16. Hat die Bundesregierung Notfall- oder Krisenpläne für den Fall
aktualisiert, dass russische Akteure in Deutschland Anschläge, Sabotageakte
oder großflächige Cyberangriffe gegen kritische Infrastrukturen,
militärische Einrichtungen, Rüstungsunternehmen oder diplomatische
Einrichtungen durchführen, wenn ja, wann und in welcher Weise, und wenn nein,
warum nicht?
Berlin, den 27. Juli 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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