Rede von Karoline Otte (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Plenarprotokoll 21/100
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Karoline Otte (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Plenarprotokoll 21/100
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und
Herren! Erinnern Sie sich noch an Telefonzellen und an
das piepende Einwählen des Modems für den
Internetzugang? Ich muss gestehen, ich kenne das weitestgehend
nur vom Hörensagen. Das alles liegt schon weit hinter
uns – zum Glück.
Schnelles Internet und guter Mobilfunkempfang sind
inzwischen unverzichtbare Bestandteile unseres Alltags,
ob beim Arbeiten im Homeoffice, für die digitale
Ummeldung oder den Kontakt mit Freundinnen und
Freunden.
Aber noch längst nicht überall steht die Verbindung
stabil; das haben wir heute Morgen schon oft gehört.
Deshalb muss es beim Ausbau weiter vorangehen.
Die Bundesregierung verspricht mit ihren
Anpassungen im Telekommunikationsgesetz mehr Tempo. Das ist
grundsätzlich gut und richtig. Doch vereinfachte
Verfahren müssen praxistauglich sein, und die Qualität des
Ausbaus muss stimmen.
So ist mit diesem Gesetz geplant, die Zustimmungsfrist
von drei auf zwei Monate zu verkürzen. Das klingt jetzt
erst mal nach Tempo. Dabei braucht der komplexe
Netzausbau fast immer eine Fristverlängerung. Diese wird
zukünftig von einem auf zwei Monate ausgeweitet.
Meine Tochter ist jetzt seit acht Wochen in der
Grundschule, sie kann noch nicht sicher im Zahlenraum bis
zehn rechnen, aber auch sie weiß: 3+1 und 2+2, beides
ergibt 4. Deshalb muss man hier wirklich einmal
konstatieren: Egal ob mit oder ohne Gesetz, wir landen bei
vier Monaten Genehmigungszeit. Was hier als
Beschleunigung verkauft wird, bringt kein einziges Kabel
schneller in die Erde.
Stattdessen setzt es unsere Bauämter unter Druck, die
trotzdem schnellere Ersteinschätzungen vornehmen
sollen. Deshalb kritisieren auch die kommunalen
Spitzenverbände dieses Gesetz klar: Wer in Folge beim Ausbau
schludert und zum Beispiel Schäden an unserer
Straßeninfrastruktur verursacht, der schadet am Ende uns allen.
Ähnlich ist es beim geplanten Anzeigeverfahren.
Hiermit können sich Unternehmen mit einer kurzen Meldung
den Anspruch auf Ausbaukorridore sichern. Im richtigen
Maß kann dieser Ansatz Verfahren verkürzen. Doch so,
wie es aktuell vorliegt, können sich die großen
Techunternehmen per Handtuchwurf die lukrativen Flächen
herauspicken und damit kleinere Anbieter verdrängen. Dass das
doof ist, das kennen wir alle aus dem Urlaub. Das
verhindert echten Wettbewerb, geht auf Kosten der
Kommunen und der Menschen in unserem Land.
Am Ende geht es hier um weit mehr als um Kabel im
Boden, es geht um gleichwertige Lebensverhältnisse in
allen Regionen dieses Landes. Und da hat, muss ich
sagen, diese Bundesregierung noch eine ganz große
Aufgabe vor sich. Denn ein schnelles Netz nützt der jungen
Familie im Dorf wenig, wenn der Kitaplatz fehlt und kein
Bus mehr fährt. Der Handwerker braucht schnelles
Internet; er braucht aber genauso intakte Straßen. Und die
Seniorin profitiert von der Onlinesprechstunde nur dann,
wenn die Apotheke im Ort bleibt. Gleichwertige
Lebensverhältnisse sind eine riesengroße Aufgabe, und es gibt
sie nur im Gesamtpaket. Das heißt, das, was beim
Netzausbau funktioniert, muss auch in anderen Bereichen zum
Standard werden. Wir müssen die Priorität erhöhen und
die finanziellen Spielräume erweitern: für den
Nahverkehr, gute Schulen und Rathäuser mit finanzieller Luft
zum Atmen. Unsere Kommunalfinanzen müssen von
Ihnen saniert werden. Sie müssen an dieser Stelle
Verantwortung übernehmen. 30 Milliarden Euro
Rekorddefizit in den Kommunen, das darf Sie nicht länger
kaltlassen, da müssen Sie handeln! Stärken wir also unsere
Städte und Gemeinden!
Relationen
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