Rede von Lamya Kaddor (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 36: Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,.
Text
Rede von Lamya Kaddor (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte
Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Besucherinnen und
Besucher auf den Tribünen! Herr Curio, Sie haben der
Bundesregierung hier vor einem Jahr Realitätsverweigerung
vorgeworfen.
Dass die Bundesregierung in manchen Punkten unter
Realitätsverweigerung leidet, mag stimmen.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Da stimmen sogar
Sie zu!)
Aber bei der Migration verweigern eindeutig Sie die
Realität.
Sie schreiben in Ihrem Antrag, Syrer und Afghanen seien
„mehr als zehnmal so häufig“ tatverdächtig wie
Deutsche. Wenn nur alles so einfach wäre wie Ihre
Rückschlüsse auf Nationalität und Kriminalität!
Schauen wir uns den „Welt“-Artikel an, auf den Sie
sich beziehen.
(Dr. Gottfried Curio [AfD]: Das ist die
Polizeiliche Kriminalstatistik!)
Ich habe mir die Mühe mal gemacht. Erstens. Diese
„zehnmal“-Zahl stammt nicht vom BKA oder aus einer
fundierten Statistik.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Doch! – Tino
Chrupalla [AfD]: Doch! – Dr. Gottfried Curio
[AfD]: Doch!)
Nein, sie beruht auf eigenen Berechnungen der „Bild“-
Zeitung. Der „Bild“-Zeitung!
(Dr. Bernd Baumann [AfD]: Nein! Quatsch!
Das sind BKA-Zahlen! Es geht um
Gewaltkriminalität! – Dr. Gottfried Curio [AfD]: Nein! –
Dr. Götz Frömming [AfD]: Wie geht es
eigentlich Ihrem Terrorschüler?)
Dann kann das ja nur stimmen, richtig?
Und zweitens. Tatverdächtige sind keine Täter. Das
müssten eigentlich auch Sie wissen.
Also, was soll uns die Zahl eigentlich sagen? Ich weiß
es nicht. Aber am Ende ist es natürlich auch egal. Es ist ja
schließlich die Botschaft, um die es Ihnen geht. Fakten?
Wo kämen wir denn dahin? Fakten? Meine Meinung
steht. Also, bitte, verwirren Sie mich nicht mit Fakten –
nicht wahr?
(Dr. Gottfried Curio [AfD]: Sie sprechen für
sich selbst!)
Kommen wir zum Kern des Problems. Die AfD schießt
sich selbst und ihren Wählerinnen und Wählern mit
diesem Antrag ins Knie. Ich sage Ihnen jetzt bestimmt auch
nichts Neues, aber Sie stellen hier ja immer die gleichen,
nahezu wortgleichen Anträge. Seit Jahren keine
Entwicklung bei der AfD, kein Fortschritt, kein
Erkenntnisgewinn, keine politische Reife – seit Jahren!
Bundesweit suchen Unternehmen händeringend nach
Fachkräften.
(Tino Chrupalla [AfD]: Wo sind sie denn? Wo
sind sie denn, die großen Fachkräfte?)
369 000 Stellen konnten nicht mit passend qualifizierten
Arbeitskräften besetzt werden; da kann vielleicht auch
der Innenminister mal zuhören. Laut einer neuen Studie
des Berlin-Instituts und der Wüstenrot Stiftung wird die
Bevölkerung bis 2045 um 1,5 Millionen Einwohner
schrumpfen. Sie können sich unter den Folgen dieser
Entwicklung natürlich nichts vorstellen. Kleiner Tipp:
Befassen Sie sich mal mit Südkorea.
Was wir brauchen, um die Zukunft Deutschlands zu
sichern, meine Damen und Herren, ist eine geregelte
Fachkräfteeinwanderungspolitik von dieser
Bundesregierung.
(Sylvia Rietenberg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Ja!)
Wir sollten uns nicht mehr mit inhaltsleeren
Ankündigungen einer Work-and-Stay-Agentur abspeisen lassen, Herr
Dobrindt, die – weiß der Himmel – vielleicht noch
kommen wird oder vielleicht auch nicht. Und es macht den
Eindruck, dass sie wahrscheinlich nicht kommen wird.
Wir brauchen zum Beispiel Mentoring-Programme für
zugewanderte Fachkräfte.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Fachkräfte
brauchen Fachkräfte!)
Und wir müssen eigentlich alle gemeinsam daran
arbeiten, die Sorgen und Ängste vor Zuwanderung in Teilen
der Bevölkerung abzubauen. Das hätten wir übrigens
heute auch hier machen können; das ist nicht passiert
seitens der Union.
Denn schlimmer als Zuwanderung aus dem Ausland sind
verödende, verwaisende und verwahrlosende Dörfer,
Gemeinden und Stadtteile, meine Damen und Herren.
Und vielleicht noch ein paar letzte Worte an Sie, liebe
Union: Wir alle haben heute Ihr Spektakel wieder
mitbekommen. Die Migrationswende hat sich für Sie
politisch nicht ausgezahlt, gar nicht.
(Detlef Seif [CDU/CSU]: Darum geht es nicht!
Es geht darum, das Beste für dieses Land zu
machen, und nicht, was sich wie auszahlt! –
Zuruf des Abg. Maximilian Kneller [AfD])
Die hat sich eigentlich nur für die AfD ausgezahlt. Statt
also immer weiterzumachen und hier immer weiter diese
negativen Narrative zu verbreiten und vermeintliche
Problemlösungen anzukündigen, versuchen Sie doch mal,
ein anderes Bild von diesem Land und von Einwanderung
zu prägen! Dann hat die AfD wenigstens nichts davon,
und Sie können sich ordentlich von denen abgrenzen.
Aber das schaffen Sie bis heute nicht.
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Detlef Seif [CDU/CSU]: Und Sie schaffen es
nicht, zu differenzieren! – Zuruf des Abg.
Dr. Götz Frömming [AfD])
Relationen
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- part_of_vorgang → Maßnahmen für eine wirkliche Migrationswende
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