Rede von Katja Kipping (DIE LINKE) – Drucksache 16/7467
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 10 a und 10 b: Drucksache 16/7467 –.
Text
Rede von Katja Kipping (DIE LINKE) – Drucksache 16/7467
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die
Bundesregierung hat eine Verordnung verabschiedet, die
vorsieht, dass Arbeitslosengeld-II-Bezieher, die länger als
21 Tage in ein Krankenhaus müssen, ab dem 1. Januar
des nächsten Jahres einen um 35 Prozent gekürzten
Hartz-IV-Regelsatz erhalten – und das, obwohl der
Regelsatz ohnehin schon viel zu niedrig ist.
(Stefan Müller [Erlangen] [CDU/CSU]: Das
ist die Weihnachtskarte, die Sie hier verteilen,
oder?)
Das kann unter anderem Folgendes bedeuten: Ein
Arbeitslosengeld-II-Bezieher, bei dem Krebs diagnostiziert
wird, muss zu einer Chemotherapie. Eine solche
Behandlung dauert in der Regel länger als 21 Tage. Damit hat er
die Bagatellgrenze überschritten. Das heißt, nach einigen
Wochen wird diesem Menschen das ohnehin niedrige
Arbeitslosengeld II gekürzt, und zwar um 121 Euro. In
einer Situation, in der es diesem Menschen schon richtig
dreckig geht, wird also noch eins obendrauf gesetzt. Ich
finde, diese Verordnung muss gestoppt werden.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos] – Andrea Nahles
[SPD]: Wie kommen Sie denn auf 121 Euro?)
– Frau Nahles, da Sie mich gerade fragen, wie ich auf
121 Euro komme, empfehle ich Ihnen, nachzulesen,
welche Aussagen von Mitgliedern Ihrer Regierung, zum
Beispiel von Klaus Brandner, getroffen wurden.
(Andrea Nahles [SPD]: Denken Sie daran:
1 Prozent Obergrenze!)
Diese Verordnung ist eines der ersten Produkte des
unter neuer Führung stehenden Sozialministeriums. Herr
Staatssekretär Brandner und Herr Minister Scholz, ich
muss Ihnen sagen: Sie starten mit einer grandiosen
Fehlleistung, und zwar in dreifacher Hinsicht:
Erstens. Diese Verordnung ist ein Schlag ins Gesicht
der Betroffenen.
(Andrea Nahles [SPD]: Warum sprechen Sie
denn immer von Verordnungen? Wir sind hier
für die Gesetze zuständig!)
Die Bundesregierung begründet ihren Schritt wie folgt
– ich zitiere –:
Andernfalls würde es durch einen Aufenthalt im
Krankenhaus zur Einkommensverbesserung
kommen.
Glauben Sie denn wirklich, die Arbeitslosengeld-II-
Bezieher stürmen jetzt haufenweise in das Krankenhaus,
nur weil sie dort verpflegt werden?(Frank Spieth [DIE LINKE]: Ja, das denken
die! Die Regierung leidet doch unter
Realitätsverlust!)
So gut ist das Krankenhausessen für Kassenpatienten
wahrlich nicht.
Außerdem müsste auch Ihnen bekannt sein, dass ein
Aufenthalt im Krankenhaus mit zusätzlichen Kosten
einhergeht. So ist zum Beispiel das Telefonieren im
Krankenhaus wesentlich teurer. Nach einer schweren OP ist
man geschwächt, kann nicht mit dem Fahrrad fahren und
muss womöglich Geld für ein Taxi bezahlen. Im Übrigen
ist es sehr wahrscheinlich, dass nach einer schweren
Erkrankung oder nach einer schweren Operation höhere
Kosten anfallen, zum Beispiel deshalb, weil Heilmittel
oder gesündere Lebensmittel erworben werden müssen.
Ich meine, Arbeitslosengeld-II-Bezieher, die gerade eine
schwere Krankheit durchgemacht oder eine schwere
Operation hinter sich haben, sollten nicht auch noch
dadurch schikaniert werden, dass der Regelsatz des ALG II
um 35 Prozent gekürzt wird.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
und des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])
Zweitens ist Ihre Verordnung vor allen Dingen eines:
ein Bürokratievermehrungsprogramm. Herr Alt von der
Bundesagentur für Arbeit hat es gestern im
Sozialausschuss auf den Punkt gebracht, indem er sagte – ich
zitiere erneut –:
Der dadurch entstehende Aufwand ist für alle
Beteiligten ärgerlich.
Drittens. Diese Verordnung ist ein Schlag ins Gesicht
des Parlaments. Der Petitionsausschuss hat einstimmig
beschlossen, dass das Arbeitslosengeld II eine
pauschalierte Leistung ist und dass das Krankenhausessen
deswegen kein Grund für eine Rückforderung sein kann.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
und des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])
Wir alle haben dies am 25. Oktober dieses Jahres
einstimmig bestätigt. Die Bundesregierung aber ignoriert
dieses Votum des Parlaments und verabschiedet diese
Verordnung einfach. Ich finde, jeder Abgeordnete, der
noch einen Funken parlamentarischer Ehre im Leib hat,
darf sich das nicht gefallen lassen.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: In
diese Kategorie fällt die Linkspartei mit
Sicherheit nicht! – Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/
CSU]: Dazu gehört ihr ja nicht!)
Wir alle sollten jetzt klar sagen: Stopp mit dieser
Verordnung!
(Beifall bei der LINKEN sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
und des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])
Liebe Kolleginnen und Kollegen von CDU/CSU und
SPD, zeigen Sie, dass Sie mehr sind als die
Westentaschenreserve der Regierung! Sorgen Sie dafür, dass ein
Katja KippingKrankenhausaufenthalt für Arbeitslosengeld-II-
Bezieher nicht zu einer Kürzung des Arbeitslosengeldes II
führt!
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Im zweiten Antrag, den die Fraktion Die Linke zur
Abstimmung stellt, ist eine Weihnachtsbeihilfe in Höhe
von 40 Euro für Asylsuchende und Arbeitslosengeld-II-
Beziehende vorgesehen.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Wie
kann ein Vertreter der Linkspartei nur von
Weihnachten sprechen?)
– Sie haben sich ja wiederholt echauffiert, dass sich
ausgerechnet die Linke für Weihnachten einsetzt.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Ja,
klar!)
– Da Sie gerade „Ja, klar!“ rufen: Der Umgang mit
Weihnachten war in der DDR nicht gerade
unverkrampft; das kann man so sagen.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Ich
wollte ja nur einmal wissen, was Sie da
eigentlich feiern! – Weiterer Zuruf von der CDU/
CSU: So, so! Das ist ja interessant!)
Das hat zum Glück aber nichts daran geändert, dass
Weihnachten auch für die meisten konfessionslosen
Menschen eine wichtige Familientradition ist. Im
Übrigen finde ich, dass das, was Sie hier starten, ein ganz
erbärmliches Ablenkungsmanöver ist.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Im Sozialausschuss hat sich eine
Vierparteienkoalition gebildet – von der FDP über die CDU/CSU und die
SPD bis hin zu den Grünen –, die sich in der Ablehnung
der Einführung einer Weihnachtsbeihilfe in Höhe von
40 Euro einig ist. Hier muss ich insbesondere an die
Adresse der Christdemokraten und der
Sozialdemokraten sagen: Die Ablehnung einer so bescheidenen
Weihnachtsbeihilfe von gerade einmal 40 Euro ist
beschämend, vor allen Dingen vor dem Hintergrund der sehr
unbescheidenen Diätenerhöhung, die hier vor kurzem
beschlossen wurde.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Ich bin der Meinung, dass auch die Menschen, die auf
den Bezug des Arbeitslosengeldes II oder auf die
Gewährung von Asyl angewiesen sind, das Recht auf ein
schönes Weihnachtsfest haben.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]:
Natürlich haben sie das! Deswegen ist in der
Pauschale ja das Weihnachtsgeld enthalten!)
Deswegen stellen wir heute die Einführung einer
Weihnachtsbeihilfe zur Abstimmung.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
Nächster Redner ist nun der Kollege Karl
Schiewerling für die CDU/CSU-Fraktion.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)