Protokoll der 17. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 17. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 10/17
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
17. Sitzung
Bonn, Freitag, den 24. Juni 1983
Inhalt:
Abweichung von den Richtlinien für die
Fragestunde für die Sitzungswoche ab
5. September 1983 1107 A
Aktuelle Stunde
Lehrstellensituation in der
Bundesrepublik Deutschland
Vogelsang SPD 1107 B
Daweke CDU/CSU 1108 B
Neuhausen FDP 1109 B
Frau Beck-Oberdorf GRÜNE 1110 B
Lutz SPD 1111B
Schemken CDU/CSU 1112A
Frau Dr. Wilms, Bundesminister BMBW 1113B
Frau Steinhauer SPD 1114D
Frau Dr. Adam-Schwaetzer FDP . . . 1116A
Dr. Blüm, Bundesminister BMA . . . 1117A
Jung (Düsseldorf) SPD 1118D
Porzner SPD (Erklärung nach §30 GO) 1120A
Dr. Schäuble CDU/CSU 1120C
Rossmanith CDU/CSU 1120C
Burgmann GRÜNE 1121 C
Strube CDU/CSU 1122 B
Frau Odendahl SPD 1122D
Beratung des Berichts des
Petitionsausschusses
Bitten und Beschwerden an den Deutschen
Bundestag
Die Tätigkeit des Petitionsausschusses des
Deutschen Bundestages im Jahre 1982
— Drucksache 9/2389 —
Frau Berger (Berlin) CDU/CSU 1123C
Kirschner SPD 1126C
Neuhausen FDP 1128D
Frau Nickels GRÜNE 1130B
Frau Will-Feld CDU/CSU 1132 C
Meininghaus SPD 1133C
Dr. Göhner CDU/CSU 1135B
Peter (Kassel) SPD 1136 D
Dr. Becker (Frankfurt) CDU/CSU . . . 1138D
Beratung der Sammelübersicht 5 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/160 —
in Verbindung mit
Beratung der Sammelübersicht 6 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/195 — 1140 C
Beratung des Antrags der Fraktionen der
CDU/CSU, SPD, FDP und der Fraktion
GRÜNE
Zwischenbericht der Enquete-Kommission
„Neue Informations- und
Kommunikationstechniken"
— Drucksache 10/153 —
Weirich CDU/CSU 1141 B
Dr. Nöbel SPD 1143A
Dr. Hirsch FDP 1144 D
Frau Reetz GRÜNE 1145C
Vizepräsident Westphal 1147 C
Erste Beratung des von den Fraktionen der
CDU/CSU und FDP eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes über die Neuordnung
der Parteienfinanzierung
(Parteienfinanzierungsgesetz)
— Drucksache 10/183 —
Dr. Schäuble CDU/CSU 1148A
Wischnewski SPD 1150C
Schily GRÜNE 1152 A
Kleinert (Hannover) FDP 1155 B
Zur Geschäftsordnung
Stratmann GRÜNE 1157 C
Dr. Schäuble CDU/CSU 1157 D
Beratung des Antrags der Fraktionen der
CDU/CSU und FDP
Zukünfige Entwicklung der
Großforschungseinrichtungen
— Drucksache 10/158 — 1158B
Beratung des Antrags der Fraktion der
SPD
Zukünftige forschungspolitische
Zielsetzung im Bereich der
Großforschungseinrichtungen (GFE)
— Drucksache 10/188 — 1158 B
Zweite Beratung und Schlußabstimmung
des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
Abkommen vom 20. Oktober 1982 zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und der
Schweizerischen Eidgenossenschaft über
Arbeitslosenversicherung
— Drucksache 10/40 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung
— Drucksache 10/169 — 1158C
Zweite Beratung und Schlußabstimmung
des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
Übereinkommen vom 30. Nobember 1979 über
die Soziale Sicherheit der Rheinschiffer
— Drucksache 10/62 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung
— Drucksache 10/170 — 1158 D
Beratung der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
und Geschäftsordnung
Aufhebung der Immunität von Mitgliedern
des Deutschen Bundestages
— Drucksache 10/167 — 1159A
Beratung des Antrags des Präsidenten des
Bundesrechnungshofes
Rechnung des Bundesrechnungshofes für
das Haushaltsjahr 1982 - Einzelplan 20 —
— Drucksache 10/93 — 1159 B
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu
der zustimmungsbedürftigen Verordnung
der Bundesregierung zur Änderung des
Deutschen Teil-Zolltarifs (Nr. 3/83 —
Zollkontingent für Walzdraht — 1. Halbjahr
1983)
— Drucksachen 10/19, 10/128 — . . . . 1159B
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu
der zustimmungsbedürftigen Verordnung
der Bundesregierung zur Änderung des
Deutschen Teil-Zolltarifs (Nr. 4/83 —
Zollpräferenzen 1983 gegenüber
Entwicklungsländern — EGKS)
— Drucksachen 10/18, 10/129 — . . . . 1159B
Beratung des Antrags der Fraktionen der
CDU/CSU, SPD, FDP
Einsetzung von Ausschüssen
— Drucksache 10/177 — 1159C
Nächste Sitzung 1160A
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten 1161* A
Anlage 2
Französische Pläne zur Vereinfachung der
Schnellbrüterreaktoren unter Wahrung
des Sicherheitsstandards; deutsche
Beteiligung
MdlAnfr 5, 6 16.06.83 Drs 10/165
Lenzer CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Dr. Probst BMFT . 1161* B
Anlage 3
Abhängigkeit der Beantwortung von
Fragen der Bundestagsabgeordneten durch
die Bundesregierung vom erforderlichen
Zeitaufwand
MdlAnfr 82, 83 16.06.83 Drs 10/165
Schwenninger GRÜNE
SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . . 1161* C
Anlage 4
Einschränkung der Tierversuche auf
Grund einer Bundesratsinitiative zur
Änderung des Tierschutzgesetzes; Erfüllung
des Tatbestands einer extremen
Tierquälerei durch das Gänsestopfen
MdlAnfr 84, 85 16.06.83 Drs 10/165
Stutzer CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Dr. von Geldern BML 1162* A
Anlage 5
Bundesweite Übernahme des
nordrheinwestfälischen Förderungsprogramms zum
Bau umweltfreundlicher Lagerungsstätten
für Dung
MdlAnfr 86 16.06.83 Drs 10/165
Immer (Altenkirchen) SPD
SchrAntw PStSekr Dr. von Geldern BML 1162* C
Anlage 6
Entwicklung der Ertragslage
landwirtschaftlicher Betriebe durch die neue
Kategorieneinteilung von Schlachtrindern
MdlAnfr 87, 88 16.06.83 Drs 10/165
Carstensen CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Dr. von Geldern BML 1163* A
Anlage 7
Feststellung und Überwachung von PSE-
Fleisch
MdlAnfr 89 16.06.83 Drs 10/165
Frau Dr. Bard GRÜNE
SchrAntw PStSekr Dr. von Geldern BML 1163* C
Anlage 8
Verbesserung der Winzereinkommen im
Weinbaugebeit Mosel-Saar-Ruwer
MdlAnfr 90, 91 16.06.83 Drs 10/165
Schartz (Trier) CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Dr. von Geldern BML 1163* D
Anlage 9
Ausbau des US-Truppenübungsplatzes
Wildflecken; Belastung der angrenzenden
Gemeinden
MdlAnfr 106, 107 16.06.83 Drs 10/165
Frau Dr. Czempiel SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg . 1164* C
Anlage 10
Einleitung eines Ermittlungsverfahrens
wegen des Einsatzes von Feldjägern bei
der Demonstration am 11. Juni 1983 in der
Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in
Augustdorf
MdlAnfr 108 16.06.83 Drs 10/165
Verheyen (Bielefeld) GRÜNE
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg . . 1165* A
Anlage 11
Nutzung von Teilen des früheren
Konzentrationslagers Esterwegen für
Stationierungszwecke
MdlAnfr 109 16.06.83 Drs 10/165
Frau Nickels GRÜNE
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg . 1165* B
Anlage 12
Tierversuche im Bereich der
wehrmedizinischen Forschung in den Jahren 1981 und
1982
MdlAnfr 110 16.06.83 Drs 10/165
Frau Dr. Bard GRÜNE
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg . 1165* C
Anlage 13
Unterschiedliche Aussagen über den Bau
eines Heeresflugplatzes und die
Erweiterung des amerikanischen Munitionslagers
Roggenwald im Raum Igersheim
MdlAnfr 111, 112 16.06.83 Drs 10/165
Bachmaier SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg . 1165* D
Anlage 14
Ersetzung der Offiziere im
fachtechnischen Dienst durch Unteroffiziere
MdlAnfr 113, 114 16.06.83 Drs 10/165
Dr. Klejdzinski SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg . 1166* B
Anlage 15
Vorzeitige Entlassung der im Herbst zur
Bundeswehr einberufenen Abiturienten
zum Beginn des Wintersemesters 1984/
1985
MdlAnfr 115 16.06.83 Drs 10/165
Dr. Enders SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg . 1166* D
Anlage 16
Nichtbearbeitung der bis zum 30. Juni 1983
gestellten
Kriegsdienstverweigerungsanträge durch die Kreiswehrersatzämter
MdlAnfr 116, 117 16.06.83 Drs 10/165
Catenhusen SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg . 1167* C
17. Sitzung
Bonn, den 24. Juni 1983
Beginn: 8.00 Uhr
Vizepräsident Stücklen: Die Sitzung ist eröffnet.
Auf Grund einer Vereinbarung im Ältestenrat
wird vorgeschlagen, in der Sitzungswoche ab dem
5. September 1983 — dies ist die erste
Sitzungswoche nach der Sommerpause — mit Rücksicht auf
die für diese Woche vorgesehenen
Haushaltsberatungen keine Fragestunde durchzuführen. Ist das
Haus damit einverstanden? — Ich sehe und höre
keinen Widerspruch. Es ist so beschlossen.
Ich rufe Punkt 10 der Tagesordnung auf:
Aktuelle Stunde
Lehrstellensituation in der Bundesrepublik
Deutschland
Die Fraktion der SPD hat gemäß Nr. 1 c der
Anlage 5 unserer Geschäftsordnung eine Aktuelle
Stunde zu dem Thema „Lehrstellensituation in der
Bundesrepublik Deutschland" verlangt.
Ich eröffne die Aussprache. Wer wünscht das
Wort? — Bitte sehr, Herr Abgeordneter Vogelsang.
Vogelsang (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Die SPD-Bundestagsfraktion hat diese
Akutelle Stunde aus drei Gründen beantragt.
Erstens. Der Deutschen Bundestag kann nicht in
eine längere Sitzungspause eintreten, ohne über die
— Originalton des BMBW — schlimmen Zahlen im
Bereich der beruflichen Bildung zu diskutieren und
Konsequenzen zu ziehen. Es kann nicht sein, daß
im Deutschen Bundestag ausführlich über
Jugendprotest im demokratischen Staat beraten wird und
wir uns anschließend über eine der Ursachen
ausschweigen.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Zweitens. Die Bundesregierung muß an die
gegebene Ausbildungsplatzgarantie erinnert werden.
Ich verweise dabei — ich will das meinem
Nachfolgeredner gern hierlassen — auf eine Anzeige der
CDU aus der Zeit des Wahlkampfs. Das heißt: In
diesem Jahr müssen 685 000 Ausbildungsplätze
bereitstehen.
Wir wollen im Interesse der jungen Menschen
und ihrer Eltern die Bundesregierung daran
hindern, ihre Geschäftsgrundlage der
Ausbildungsgarantie weiter zu verlassen.
(Beifall bei der SPD)
Denn bei der Garantieerklärung war nicht die Rede
vom Abbau des Jugendarbeitsschutzgesetzes, des
Schwerbehindertengesetzes und einer Änderung
der Arbeitszeitordnung zu Lasten der Betroffenen.
(Sehr wahr! bei der SPD)
Sie, meine Damen und Herren von der
Bundesregierung, haben eine Bringschuld gegenüber den
jungen Menschen.
(Beifall bei der SPD)
Auf einen möglichen Einwand, es sei noch nicht
die Zeit, eine Bilanz zu ziehen, sage ich Ihnen: Wir
wollen auch verhindern, daß Sie im Herbst eine
Bilanz vorlegen müssen, die das Unternehmen
Ausbildungsplatzgarantie als konkursreif ausweist.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Das hätten Sie wohl gern!)
— Ich denke, bei der Verhinderung müssen Sie
doch interessiert sein!
Wir wollen aber auch verhindern, daß Sie der
Versuchung erliegen, die Bilanz zu verschleiern.
Die jungen Bürger dürfen nicht verkohlt werden.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Was heißt „verkohlt"?)
Fehlende Ausbildungsplätze dürfen nicht dazu
führen, daß die jungen Menschen, die dann auf der
Straße stehen, einfach zu Ausbildungsunwilligen
oder Ausbildungsunfähigen erklärt, also
gewissermaßen abgebucht werden.
(Beifall bei der SPD)
Erinnern darf ich Sie auch daran, meine Damen
und Herren von der CDU/CSU: In Ihrer Großen
Anfrage zur Ausbildungsplatzsituation vom 2. Juni
1982 — und das ist j a noch keine graue Vorzeit —
haben Sie ein ausreichendes Angebot
wohnortnaher und geeigneter Ausbildungsplätze verlangt.
(Kuhlwein [SPD]: Hört! Hört!)
Von mehr Mobilität der Jugendlichen — Wohnort:
Flensburg; Ausbildungsplatz: Rosenheim — war da
noch nicht die Rede.
Drittens. Wir machen Ihnen aber auch ein
Angebot — meine Kolleginnen und Kollegen werden
Ihnen dieses Angebot vortragen —, nämlich ein
Angebot, der Misere um der jungen Menschen willen zu
entgehen.
(Beifall bei der SPD)
Es liegt dann an Ihnen, meine Damen und Herren
von der Regierungskoalition, kleinlich an diesen
Vorschlägen herumzunörgeln oder mit anzupacken,
wie der Bundeskanzler es in der
Regierungserklärung j a von allen erwartet hat, wahrscheinlich dann
j a auch von Ihnen.
(Beifall bei der SPD)
Das System der dualen Berufsausbildung darf
nicht zu einem System mit beschränkter Zulassung
oder die Ausbildungsgarantie darf nicht zu einer
Situation mit beschränkter Haftung verkümmern.
(Beifall bei der SPD)
Wir wollen mit unseren Vorschlägen, die wir gleich
zu machen haben, Ihre Bereitschaft wecken, daß
Sie auch Ihrerseits Vorschläge machen, um einer
Ausbildungsplatzmisere im Herbst dieses Jahres zu
entgehen. Der Zustand ist sehr ernst. Wenn wir
hierin übereinstimmen, dann, denke ich, müssen
auch Sie Vorschläge machen, um dem Ernst dieser
Lage gerecht zu werden.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der
Abgeordnete Daweke.
Daweke (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Es tut mir leid, daß
ich dem Vorsitzenden unseres Ausschusses sagen
muß, daß ich das, was er gesagt hat, fast als
makaber empfinde, denn ich frage mich, Herr Vogelsang:
Wollen Sie eigentlich den jungen Leuten helfen,
oder wollen Sie dem Bundeskanzler Kohl ans
Leder?
(Zurufe von der SPD: Beides!)
Es war doch offensichtlich, daß Sie hier einen
Nebenkriegsschauplatz eröffnen.
(Zurufe von der SPD)
Sie wollen in Wahrheit überhaupt nicht die
Probleme lösen, sondern Sie wollen hier eine politische
Diskussion am falschen Ort vom Zaune brechen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Sie haben gesagt, Sie hätten uns gleich ein
Angebot zu machen. Ich denke, das Angebot, das Sie uns
machen werden, besteht darin, daß Sie uns den
Antrag, den Sie eingebracht haben und von dem wir
schon in der Zeitung lesen konnten, hier noch
einmal erläutern. Dann darf man doch vielleicht
fragen: Was haben Sie denn von den Maßnahmen, die
Sie jetzt hier noch einmal vorschlagen, in den
letzten 13 Jahren alles verwirklichen können?
(Zurufe von der SPD)
Weshalb haben Sie das, was Sie jetzt in Ihrem
Antrag vorschlagen, in den letzten 13 Jahren nicht
getan?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es muß doch so sein, daß Sie auf irgendeinem
Planeten herumgemacht haben, aber Sie waren doch
hier in Bonn und haben regiert. Sie müssen sich die
Frage gefallen lassen, weshalb Sie jetzt mit diesem
Antrag kommen, und warum Sie das, was Sie jetzt
vorhaben, nicht schon damals geleistet haben.
(Becker [Nienberge] [SPD]: Da gab es noch
Lehrstellen!)
Ich möchte im übrigen noch eine dritte
Bemerkung zu dem machen, was Sie vorschlagen. Wir
Unionsabgeordneten laufen nun von Nord bis Süd
herum und versuchen, den Ausbildungsmarkt in
Bewegung zu halten.
(Lachen bei der SPD)
— Entschuldigen Sie einmal, da machen Leute
Ausbildungsmarktkonferenzen und Ausbildungsbörsen,
und Sie lachen darüber. Sie sitzen hier und reden
und machen überhaupt nichts! Das müssen Sie sich
doch einmal sagen lassen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Daß der Ausbildungsmarkt in Bewegung ist, ist
doch wohl nicht zu bestreiten. Ich will Ihnen einmal
meine Heimatzeitung vom Dienstag, dem 21. Juni
mitbringen. Da hat das Arbeitsamt — zusammen
mit dieser Zeitung; übrigens kostenlos — auf einer
halben Seite abgedruckt, welche Lehrstellen jetzt
noch angeboten werden.
Nun helfen Sie doch einmal, den Betrieben, die
Sie in den letzten Jahren beschimpft haben, wieder
Mut zu machen, damit sie mithelfen,
Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Ich bin doch selbst
Einzelhändler, und ich kann mich gut daran
erinnern, was Sie uns alles vorgeworfen haben. Sie
haben gesagt, wir seien Ausbeuter. Sie haben die
Lehrlinge gegen uns aufgehetzt,
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lachen bei der SPD)
und Sie haben systematisch dafür gesorgt, daß
manche, die das noch konnten, gesagt haben: Jetzt
werfe ich die Kelle weg; jetzt macht doch euren
Dreck alleine. — So ist es doch gewesen.
(Buschfort [SPD]: Sie wissen das doch viel
besser, Herr Daweke!)
Jetzt wundern Sie sich über das, was nach 13
Jahren passiert ist.
(Zurufe von der SPD)
Dann haben Sie doch auch die demographische
Welle kommen sehen. Weshalb haben Sie denn da
nicht rechtzeitig gegengesteuert? Sie haben
gesehen, daß es eine Pleitewelle gab. Sie haben in der
Regel den großen Betrieben geholfen; Sie haben
nicht den Kleinen geholfen, die die Ausbildung in
diesem Land leisten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deshalb verstehe ich Ihre gesamte Aufregung jetzt
nicht. Sie haben im übrigen im Ausschuß auch noch
zugestimmt, daß wir uns im Herbst über die Bilanz
unterhalten werden.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Tun Sie
etwas für die jungen Leute, anstelle hier
Polemik zu machen!)
Nun möchte ich ganz gerne etwas zu dem sagen,
was auch wir tatsächlich als Problem sehen. Meine
Damen und Herren, es gibt ein Problem bei zwei
Gruppen von jungen Leuten, und deshalb, meinen
wir, sollten wir über diese beiden Gruppen in den
nächsten Monaten reden. Wir sollten versuchen,
vom Bund aus Mittel bereitzustellen, um ihnen zu
helfen.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Ausbil
-dungsplätze für eine halbe Million Leute!)
Die eine Gruppe sind die jungen Leute, die
ausbildungswillig und ausbildungsfähig sind, die aber in
Gegenden wohnen, wo es nicht genug
Ausbildungsplätze gibt, weil es dort die Firmen nicht mehr gibt,
die ausgebildet haben. Die sind weg. Die sind von
der Pleitewelle weggespült worden.
Die zweite Gruppe sind diejenigen,
(Frau Beck-Oberdorf [GRÜNE]: Die gar
nicht wollen!)
die als Mädchen, die als junge Ausländer, die mit
einem Handicap versehen
(Frau Beck-Oberdorf [GRÜNE]: Das nen
nen Sie Handicap!)
— mangelnde Schulabschlüsse, liebe Frau Beck, Sie
sind doch Lehrerin, Sie wissen das doch alles
besser —,
(Krizsan [GRÜNE]: Sie nicht?)
die nicht weiterkommen, weil sie von anderen
verdrängt werden. Für beide Gruppen sollten wir
Sonderprogramme entwickeln. Wir wollen die
Bundesregierung darin unterstützen, damit sie für diese
Gruppen mehr tun kann, daß sie mehr
überbetriebliche Ausbildung einrichtet.
Darin sind wir uns doch übrigens mit Ihnen einig.
Im Unterschied zu Ihnen werden wir das jetzt auch
tun. Ich bitte Sie, uns in den nächsten Wochen und
Monaten dabei zu unterstützen, diese Politik
einzuleiten. Im übrigen sind wir uns doch vielleicht einig,
wenn ich einem 16jährigen oder 17jährigen nach
seiner Schulausbildung — —
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter
Daweke, Ihre Redezeit ist zu Ende.
(Daweke [CDU/CSU]: Danke schön! — Bei
fall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das Wort hat der Herr Abgeordnete Neuhausen.
Neuhausen (FDP): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Ich halte es für etwas verfehlt, wenn
im Zentrum unserer heutigen Auseinandersetzung
um die Lehrstellensituation wirklich stehen sollte,
einander mit verharmlosenden oder
dramatisierenden Mitteilungen zu bombardieren. Jeder von uns
weiß, auf welch schwankenden Grundlagen die
Zahlen beruhen, mit denen wir uns immer
beschäftigen. Das fängt schon an mit den Modellrechnungen,
es fängt an mit den sehr mangelhaften Zahlen der
Bundesanstalt für Arbeit, es fängt auch an mit den
Zahlen, die aus den Kammerbezirken gemeldet
werden.
Meine Damen und Herren, jeder weiß, daß sich
hinter der einen wie hinter der anderen Zahl
Dunkelziffern verbergen. Das brauchen wir uns hier
nicht mitzuteilen. Es ist überhaupt nicht zu
leugnen, daß z. B. die Zahlen der Bundesanstalt — auch
wenn man sie wie ich nur als Indikatoren
verwendet — keinerlei Anlaß zu irgendeiner Beruhigung
oder Entwarnung bieten.
Meine Damen und Herren, es geht mir auch um
die methodische Reinheit unserer
Auseinandersetzung. Aber andererseits dürfen natürlich auch die
positiveren Zahlen nicht unberücksichtigt bleiben.
Es ist eine Tatsache, daß bis Ende Mai nach den
Angaben des DIHT die Zahl der neu registrierten
Ausbildungsplätze gegenüber dem entsprechenden
Zeitraum des Vorjahres um rund 10 % gestiegen
sind. Immerhin sind dabei 56 von 69
Kammerbezirken erfaßt. Aus dem Bereich der
Handwerkskammern hört man ähnliches.
Man kann das alles natürlich positiv oder negativ
interpretieren. Man kann die Frage stellen, ob
sowohl die natürlich alarmierenden Vergleichszahlen
der Bundesanstalt im Verhältnis zum Vorjahr als
auch die positiveren der Kammern darauf
zurückzuführen sind, daß die Meldungen der Jugendlichen
bei den Arbeitsämtern angesichts der drängenden
Situation in diesem Jahr sehr viel früher erfolgt
sind und damit natürlich auch die Abschlüsse der
Ausbildungsverträge. Dann spielt die sogenannte
Einschaltquote eine Rolle. Ich brauche das alles
nicht zu wiederholen, höchstens für die, die es nicht
wissen. Es ist komplizierter, als es sich in Ihren
plakativen Darstellungen ausmacht.
Aber, meine Damen und Herren, die Ehrlichkeit
gebietet es natürlich zu sagen, daß wir heute nicht
in der Lage sind, das Ergebnis so oder so
vorauszusagen. Da gebietet es die Sorge, die wir natürlich
um das gemeinsame Ziel haben, eher mit Vorsicht
und auch mit Skepsis als mit Euphorie an die
Prognosen heranzugehen. Ich bin mit Ihnen völlig
einer Meinung, daß wir nicht zu Buchhaltern der
Ausbildungsstellenbilanz verkümmern sollten.
Meine Damen und Herren, bei allen
Diskussionen heute abend — heute morgen,
Entschuldigung — —
(Lachen bei der SPD — Beifall bei der FDP
und der CDU/CSU)
Wenn man sich gründlich vorbereitet, meine
Damen und Herren, dann denkt man die ganze Nacht
über die Zahlen nach.
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP und
der CDU/CSU)
Bei allen Diskussionen spielt natürlich die
Zusage der deutschen Wirtschaft, zusätzliche
Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen, eine große
Rolle. Mit Recht; denn damit hat die deutsche
Wirtschaft eine neue Bewährungsprobe übernommen.
Ich zweifle nicht an den Anstrengungen, die in
dieser Hinsicht unternommen werden. Die
vergangenen Jahre haben gezeigt, welch großes
Verantwortungsbewußtsein hier unter Beweis zu stellen ist.
Aber eine globale Zusage kann natürlich regionale,
sektorale und sonstige besondere Schwierigkeiten
nicht ohne weiteres ausgleichen. Das ist ja
sonnenklar. Deshalb müssen in dieser Hinsicht alle
Vorschläge sehr gründlich geprüft werden.
(Zurufe von der SPD)
— Ich empfehle, auf das zu hören, was ich so sage:
daß alle Vorschläge gründlich geprüft werden
sollen. Wenn ich ein Auszubildender wäre, der keine
Stelle hat, und ich hätte die Gelegenheit, Sie von
vorne zu sehen, dann wäre ich doch sehr um Ihren
Ernst besorgt.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Wenn in dieser Aussprache — was ich Herrn
Vogelsang abnehme — das Ziel verfolgt wird, noch
einmal die Gelegenheit wahrzunehmen, auf dieses
wirklich — ich betone es — bedrängende und
bedrückende Problem aufmerksam zu machen, dann
bin ich sehr dafür, daß wir hier in allem Ernst
sprechen. Aber ich bin nicht dafür, daß wir diese
Debatte zum Schauplatz von Witzen machen, mit
denen kein Ziel verfolgt wird.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Was der Arbeitgeberverband Lüneburg in einem
Brief an seine Mitglieder geschrieben hat — ich
zitiere das nur beispielsweise —, gilt nicht nur für
die Wirtschaft, sondern das gilt natürlich auch für
Bund, Länder und Gemeinden. Er schreibt:
Setzen Sie Ihre bisherigen
Ausbildungsanstrengungen fort. Prüfen Sie, ob nicht eine
Bereitstellung weiterer Ausbildungsplätze
möglich ist. Die Hoffnung der Jugendlichen darf
nicht enttäuscht werden. Denken Sie auch
daran, daß in wenigen Jahren die
geburtenschwachen Jahrgänge nachrücken. Lehrlinge werden
dann fehlen. Helfen Sie jenen, die es besonders
schwer haben.
Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat Frau
Abgeordnete Beck-Oberdorf.
Frau Beck-Oberdorf (GRÜNE): Meine Damen und
Herren! Ich finde es geradezu schamlos, wenn
davon gesprochen wird, daß Lehrlinge in der letzten
Zeit aufgehetzt worden seien;
(Beifall bei den GRÜNEN und der SPD)
denn das sind junge Leute, die sich mit bitteren
Erfahrungen herumschlagen müssen, mit dem
Gefühl der Nutzlosigkeit, nämlich in dem Moment, wo
sie keine Lehrstelle bekommen.
In den vergangenen drei Monaten hat Herr
Lambsdorff grundlegende Verbesserungen der
wirtschaftlichen Wachstumsbedingungen
beschworen, und Herr Kohl wirbt um eine „Jugend mit
Selbstvertrauen". Herr Strauß steuert dazu bei —
ich zitiere —: „Wir brauchen eine Jugend, die mit
der ihr zustehenden Fröhlichkeit j a sagt zum
Leben, zur Zukunft und zur Geschichte."
(Demonstrativer Beifall bei der CDU/CSU)
Wie diese Fröhlichkeit dann in der Realität
aussieht, das wissen Sie, wenn Sie mit jungen Leuten
zu tun haben.
Ich möchte jetzt nur einen Aspekt herausgreifen,
der seltsamerweise — vielleicht auch
bezeichnenderweise — immer nur in Halbsätzen angesprochen
wird, nämlich daß sich die Chancen für junge
Mädchen und Frauen auf dem Arbeitsmarkt nach einer
EG-Untersuchung zunehmend verschlechtern.
(Sehr wahr! bei der SPD)
Ich habe Zahlen des Arbeitsamtes Pforzheim. Das
Verhältnis von Lehrstellen zu
Ausbildungssuchenden sieht folgendermaßen aus: für Jungen 1 : 3,5 bis
4 und für Mädchen 1 : 12. 1 : 12!
(Zurufe von der CDU/CSU)
Das heißt, wir haben wieder die alte Situation: eine
Hierarchie setzt sich durch, frei nach den Gesetzen
der freien Marktwirtschaft, nämlich zuerst
kommen die Herren der Schöpfung, und dann kommt
das schwache Geschlecht.
Dazu wird die entsprechende Ideologie von
Herrn Kohl geliefert, dem Wendekanzler, der
geistig-moralisch erneuert, und zwar in dem Sinne:
Wir haben wieder das traditionelle Bild von der
Frau, Hausfrau und Mutter, körperlich schwach
und schonenswert, natürlich ein bißchen weniger
leistungsfähig, vielleicht auch ein bißchen weniger
intelligent.
(Zuruf von der CDU/CSU: Alte Hüte!)
Also kein so rechter Partner. Deswegen kann man
die Frauen bei der Ausbildungswahl auch
hintanstellen.
Es hätte dem Kanzler, wenn er die geistige
Führung beschwört, gut angestanden, seiner Klientel
einmal zu sagen: Wir brauchen Ausbildungsplätze
vor allen Dingen für Mädchen und Frauen; denn
wir leben in einer Zeit, in der Mädchen und Frauen
berufstätig sind und in der man sie nicht mehr in
die Küche zurückschicken kann.
(Beifall bei den GRÜNEN und der SPD)
Statt dessen werden Mädchen in
minderqualifizierte Bereiche abgeschoben, und zwar in den
Dienstleistungssektor und in kaufmännische
Berufe. Die gewerblich-technischen Berufe bleiben
gemäß dieser Ideologie den Männern vorbehalten,
denn sie sollen ja später einmal die Ernährer der
Familie sein.
Hier setzt auch der Teufelskreis ein: Zu dieser
ideologischen Benachteiligung kommt eine durch
wirtschaftspolitische Entwicklung bedingte
Benachteiligung hinzu; denn die von Herrn Lambsdorff
beschworene Wachstumsideologie zieht einen
Investitionsschub besonders im Bereich der neuen
Technologien nach sich. Dadurch werden gerade in
frauentypischen Bereichen Arbeitsplätze
wegrationalisiert. Das heißt auch, daß die
Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen gerade in diesen
Bereichen — Mikroelektronik, EDV und ähnliches mehr
— abnimmt. Daher kommt zunehmend dieses
erschreckende Mißverhältnis von 1 : 12.
Insofern sind in der Tat bei dieser Politik die
Mädchen die doppelten Verlierer: zum einen durch
die Ideologie „Geht wieder nach Hause!", zum
zweiten durch die wirtschaftspolitische Entwicklung, die
gerade im kaufmännischen Bereich und im
Dienstleistungsbereich Arbeitsplätze wegrationalisiert.
Ich denke, daß man, wenn man wirklich ernsthaft
an die Beseitigung dieser Misere für die jungen
Frauen und Mädchen gehen will, auf der einen
Seite die ideologischen Wurzeln solch einer
Benachteiligung wirklich angehen muß — das erwarten
wir von dieser Regierung nicht —, daß man auf der
anderen Seite die wirtschaftlichen Strukturen
ändern muß, die den Einsatz
arbeitsplatzvernichtender Technologien bedingen. Zum dritten darf man
die Ausbildung nicht dem freien Spiel der Kräfte
überlassen,
(Zuruf von der CDU/CSU)
sondern man muß Ausbildung genauso als ein
Recht betrachten wie das Recht auf
Schulausbildung. Das ist der wichtige Punkt, der angegangen
werden muß.
Ich möchte von diesem Platz aus alle Mädchen
aufrufen: Weigert euch, euch auf schlechte
Ausbildungsplätze abzuschieben zu lassen, und weigert
euch, euch zur Reservearmee für die Wirtschaft
machen zu lassen!
(Beifall bei den GRÜNEN und bei
Abgeordneten der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der
Abgeordnete Lutz.
Lutz (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Zu dieser frühen Stunde müssen wir des
Bundeskanzlers entraten; er frühstückt
offensichtlich.
(Zurufe von der CDU/CSU)
— Ich finde das nicht so heiter. Dieser
Bundeskanzler hat den Jugendlichen dieser Republik Hoffnung
gemacht,
(Beifall bei der SPD)
und er ist bei dieser Aussprache nicht da.
(Seiters [CDU/CSU]: Er handelt! Er redet
nicht!)
Wir werden uns erlauben, wenn er nicht bald
kommt, auf § 42 der Geschäftsordnung zu
rekurrieren. Wir werden ihn bitten, daß er erscheint.
(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN
— Seiters [CDU/CSU]: Er handelt!)
Ich gebe ja zu, daß Frühstücken besser ist.
(Seiters [CDU/CSU]: Sie sind unmöglich!
Das ist unfair! Sie Flegel! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Seien wir ehrlich: Es ist sehr viel einfacher, einen
Bäckerlehrling eine Stunde früher in die Backstube
zu scheuchen, als hier im Plenum zu tagen!
(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN
— Seiters [CDU/CSU]: Unmöglich so was!
Unverschämtheit! — Weiterer Zuruf von
der CDU/CSU: Treten Sie doch ab! Gehen
Sie nach Hause!)
Sie haben, meine sehr verehrten Kolleginnen und
Kollegen, heute eine Chance, nicht nur über die
beklagenswerte Situation auf dem
Ausbildungsmarkt zu lamentieren, sondern Sie könnten
gemeinsam mit uns Schritte zu einer Besserung der
Situation tun, rechenbare Schritte. Meine Fraktion
hat sie in dem Sofortprogramm „Jugendarbeitslo -
sigkeit" vorgelegt.
(Daweke [CDU/CSU]: 1,7 Milliarden!)
— Ja, 1,7 Milliarden DM. Das stimmt. Ich darf Ihnen
die Eckwerte des Programms noch einmal in die
Erinnerung heben. Mit diesen 1,7 Milliarden DM
würden wir 150 000 Jugendlichen helfen, 150 000
Einzelschicksalen.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Für wie lange! — Weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
Da bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als einen
dämlichen Zwischenruf zu machen.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Weil Ihre Rede dämlich ist!)
Wir haben unser Programm Punkt für Punkt
vorgestellt. Sie wissen — es ist eine Drucksache dieses
Hauses —, wie das geschehen könnte. Wir haben
unterstellt, daß ein gleichgeartetes Bemühen von
Bund, Ländern und Gemeinden stattfinden müßte,
um der Not der Jugendlichen in diesem Land
gerecht zu werden. Wir hatten Sie gebeten, mit uns
gemeinsam darüber nachzudenken, wie man 1,7
Milliarden DM vernünftig verwendet.
Wenn Sie fragen, woher wir diese Summe
nehmen, sage ich Ihnen das: Dann verzichten wir doch
darauf, den Reichen in dieser Republik 1,7
Milliarden DM über die Vermögensteuer in den Hintern
zu pusten!
(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN
— Rossmanith [CDU/CSU]: Dann reden
Sie doch mal mit Schöfberger!)
Wenden wir das Geld doch bitte für die
Jugendlichen auf!
(Zurufe von der CDU/CSU)
Aber vermutlich gibt es bei Ihnen ein paar, die
meine Ausführungen „demagogisch" nennen.
(Lachen bei der CDU/CSU — Zuruf von der
CDU/CSU: Dumm, Herr Lutz!)
Doch ich würde Sie um Verständnis dafür bitten,
daß mich schön langsam die Bitterkeit übermannt.
Wir haben ein Problem, das von Monat zu Monat
wächst: Von Monat zu Monat steigt die Zahl der
Arbeitslosen, und von Monat zu Monat hören wir
von Ihnen,
(Unruhe bei der CDU/CSU)
das müsse — geordnet werden.
(Dr. Althammer [CDU/CSU]: Das haben
Sie zu verantworten!)
— Sie haben uns doch versprochen, daß durch den
Machtwechsel am 6. März alles ganz anders wird!
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
Aber die einzige verläßliche Zuwachsrate Ihrer
Regierung ist die der Zahl der Arbeitslosen.
(Zustimmung bei der SPD)
Und der Herr Bundeskanzler frühstückt noch
immer!
(Beifall bei der SPD und bei den GRÜ-
NEN)
Ich darf mit Bitterkeit dieses Podium räumen
und hoffen, daß Sie darüber endlich einmal
nachdenken.
(Beifall bei der SPD und bei den GRÜ-
NEN)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Schemken.
Schemken (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Es gehört
sicher zu den großen Herausforderungen dieser Zeit,
jungen Menschen Ausbildungsplätze und
Arbeitsplätze zu verschaffen und ihnen damit Hoffnung zu
geben.
(Zurufe von der SPD)
— Ja, ich komme gleich dazu. — Dazu sind wir alle
aufgerufen.
Meine Damen und Herren, die
Jugendarbeitslosigkeit ist aber ein Teil der Arbeitslosigkeit, und wir
müssen deutlich erkennen, daß — da beißt keine
Maus den Faden ab — in den 70er Jahren viele
Unternehmen wegen einer verfehlten Politik ihre
Tore schließen mußten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Sie, meine Damen und Herren, haben Betriebe und
damit Ausbildungsplätze vernichtet!
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD)
Ich will nur die Zahlen der beiden letzten Jahre
nennen: Im Jahre 1981 waren es 12 000
Unternehmen, 1982 waren es sogar 16 000, und nicht die
schlechtesten; die hatten nämlich
Ausbildungsplätze.
(Unruhe bei der SPD)
Es sind damit durch Ihre verfehlte
Wirtschaftspolitik Ausbildungsplätze verlorengegangen,
(Zurufe von der SPD: Lambsdorff!)
die Sie nicht mehr zurückholen können.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Dennoch, meine Damen und Herren, bemühen
sich Wirtschaft, Handel und Handwerk, zusätzliche
Ausbildungsplätze bereitzustellen. Allein im
Handwerk — Stand: 31. Dezember 1982 — bestehen
Ausbildungsverhältnisse von 666 523. Ich bringe bewußt
diese Zahlen, um das einmal deutlich zu machen.
Wie war es 1968 oder 1969? Ich bin seit Anfang der
50er Jahre in diesem Ausbildungsgeschäft,
allerdings draußen als Meister.
(Zurufe von der SPD)
— Ja, manchmal ist bei den Meistern der Blick
nicht so verstellt, wie es hier der Fall ist. Das sage
ich hier ganz offen.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
-
neten der FDP)
Wir hatten 1968/69 ein Angebot von über 640 000
Ausbildungsplätzen. Durch Ihre verfehlte Politik,
z. B. durch die ausbildungshemmenden Erlasse,
(Lachen bei der SPD)
haben Sie dieses Angebot bis Mitte der 70er Jahre
auf knapp über 300 000 heruntergedrückt. Das ist
eine Tatsache!
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD)
Meine Damen und Herren, nur durch
nachdrückliches Bemühen — auch das Bemühen dieses
Kanzlers — ist es nun gelungen zu erreichen, daß die
Wirtschaft bereit ist, zusätzliche Ausbildungsplätze
anzubieten.
(Widerspruch bei der SPD)
— Nun meckern Sie nicht über diesen Kanzler! Ich
will Ihnen einmal etwas sagen: Ich bin seit 1950 als
Ausbilder tätig, und es hat in dieser
Bundesrepublik Deutschland noch keinen Kanzler gegeben, der
sich so um die Auszubildenden bemüht, der sich so
um die Jugendlichen bemüht, der sogar jedem
einzelnen Fall nachgeht. Das hat es noch nicht
gegeben!
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD und von den GRÜNEN)
Nun wäre j a — —
(Lutz [SPD]: Sie sollten mit dem erst früh
stücken!)
— Herr Lutz, lassen Sie das doch mit dem
Frühstücken, falls das der Fall ist. — Sie operieren mit
der Statistik und machen damit Stimmung. Meine
Damen und Herren, wie ist es denn nun wirklich?
Das, was bei der Arbeitsverwaltung gemeldet ist,
liegt doch weit unter dem, was als Angebot wirklich
vorliegt. Nur 78 % waren 1980/81 registriert, nur 72%
waren es 1982, und nur 70% lassen sich überhaupt
bei der Ausbildungsberatung informieren; die
anderen gehen unmittelbar zu den Unternehmen.
Konkretiesierte Zahlen werden wir erst im September
vorliegen haben. Meine Damen und Herren, was
soll die Panikmache, wo Hoffnung am Platze
wäre?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir haben Wege beschritten. Sie haben nichts
getan. Sie tun nichts zu Hause, Sie tun nichts in Ihren
Wahlkreisen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir haben hier Modelle aufgebaut. Wir bemühen
uns permanent. Auch Herr Fraktionsvorsitzender
Dregger hat hier noch einmal nachdrücklich jeden
einzelnen Abgeordneten aufgefordert. Ich weiß, was
dort erwirkt wird. Wir müssen im Einzelfall helfen.
Jeder einzelne Jugendliche ist wichtig, meine
Damen und Herren. Es geht hier nicht um
Hunderttausende, es geht um jeden einzelnen Fall, und
darum müssen wir uns kümmern.
(Burgmann [GRÜNE]: Doch, um
Hunderttausende geht es!)
Meine Damen und Herren, ich erinnere an CDU-
Maßnahmen wie das Mühlheimer Modell, ich
erinnere an unsere Ausbildungsplatzbörsen. Eben weil
die Arbeitsverwaltung das nicht schafft, nicht alles
packt, müssen wir mit einstehen.
(Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren, hier hilft nicht die
Kritik der Opposition, hier hilft nur das
gemeinsame Anpacken. Meine Damen und Herren, ich
habe manchmal das Empfinden, Sie sind gar nicht
daran interessiert, daß diese Frage geregelt wird.
Sie wollen nur den Kanzler vorführen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD: Unglaublich! — Weitere Zurufe
von der SPD)
Und das, meine Damen und Herren, wird Ihnen
nicht gelingen. Das werden wir bis Ende des Jahres
regeln. Nachdem die endgültigen Zahlen vorliegen,
werden wir entsprechende Maßnahmen weiter
einleiten. Wir werden auch die
ausbildungshemmenden Vorschriften beseitigen — das nehmen Sie zur
Kenntnis —, damit endlich wieder die in den Stand
versetzt werden, auszubilden, die in der
Vergangenheit leider das Handtuch geworfen haben, weil Sie
eine überzogene Gesetzgebung aufgezäumt haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei
Abgeordneten der FDP)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat Frau
Bundesminister für Bildung und Wissenschaft.
(Zuruf von der SPD: Der Bundeskanzler ist
beim Frühstücksei!)
Frau Dr. Wilms, Bundesminister für Bildung und
Wissenschaft: Herr Präsident! Meine sehr geehrten
Damen und Herren! Die
Ausbildungsstellensituation bietet zur Zeit ein sehr kontroverses Bild. Das
wird auch nicht klarer, wenn Sie so laut schreien
wie heute morgen. Vielleicht liegt das an der
sommerlichen Hitze.
Wie wir alle wissen, geben die neuesten Zahlen
der Bundesanstalt für Arbeit über die
Ausbildungsplatzsituation — in der Form der Geschäftsstatistik
— nur ein sehr, sehr grobes Bild der tatsächlichen
Situation. Wir wissen, daß sich fast alle
Jugendlichen bei der Arbeitsverwaltung melden, wir wissen,
daß sich die Jugendlichen zum größten Teil nicht
mehr abmelden, wenn sie Arbeitsverträge
geschlossen haben, und wir wissen, daß sich die Betriebe
fast überhaupt nicht mehr bei der
Arbeitsverwaltung melden.
(Krizsan [GRÜNE]: Hört! Hört!)
In zunehmendem Maße zeigen sich dadurch sehr
unterschiedliche Einschätzungen der derzeitigen
Situation; denn neben den negativen
Arbeitsamtsgeschäftsstatistiken stehen positive Meldungen
über die Zahl der abgeschlossenen
Ausbildungsverträge im Kammerbereich. So hat z. B. eine Ifo-
Untersuchung über die Ausbildungsplatzsituation
ergeben, daß es offensichtlich noch ein großes
Potential für mobilisierbare Ausbildungsplatzreserven
gibt. Steigerungsraten von 5 % sind zu erwarten.
Die Spitzenorganisationen der Wirtschaft erklären
bis zum heutigen Tag, daß durch erneute
Mobilisierungsanstrengungen die Zusage der Wirtschaft
eingehalten wird. Die Bundesregierung hilft bei dieser
Mobilisierungskampagne durch die Anregung und
Durchführung von regionalen
Ausbildungsplatzkonferenzen; denn unser Ziel muß sein — im
Gegensatz zu Ihren Ambitionen —, alle Beteiligten in
der Region an einen Tisch zu bekommen. Nur
miteinander ist die schwierige Aufgabe hinsichtlich der
Ausbildungsplatzsituation zu erledigen, nicht durch
billige Polemik.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das Bundesministerium für Bildung und
Wissenschaft hat in den letzten Tagen Einzelumfragen bei
den Kammern gemacht. Ich darf Ihnen sagen, daß
bei allen Kammerbezirken die Zahl der
abgeschlossenen Verträge bis zum heutigen Zeitpunkt über
der Zahl der abgeschlossenen Verträge im Vorjahr
liegt. Nehmen Sie das bitte doch endlich mal zur
Kenntnis!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
So liegt z. B. ausgerechnet im Ruhrgebiet, einer
unserer schwierigsten Regionen, die Zahl der heute
abgeschlossenen Ausbildungsverträge bereits um
14,23 % über der Zahl des Vorjahres.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Die Kammer Duisburg, die Kammer Köln liegen
mit ihren Zahlen über 20 % höher als im Vorjahr.
Die Kammern des Landes Schleswig-Holstein
liegen mit ihren Zahlen um 16% über der Zahl der
Ausbildungsverträge im vergangenen Jahr.
(Anhaltende Unruhe bei der SPD — Kroll
-
Schlüter [CDU/CSU]: Bei so etwas hören
die gar nicht mehr zu! — Dr. Althammer
[CDU/CSU]: Die sollen mal Ruhe geben da
drüben!)
Vizepräsident Stücklen: Frau Bundesminister, ich
darf bitten, daß die Damen und Herren ihre
Aufmerksamkeit diesen Ausführungen widmen. Frau
Abgeordnete, bitte nehmen Sie Platz.
Ich bitte fortzufahren.
Frau Dr. Wilms, Bundesminister für Bildung und
Wissenschaft: Wenn man sachlich über die Dinge
redet, findet das anscheinend kein Interesse.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Vielleicht darf ich auch noch sagen, daß der
gesamte Bereich der Industrie- und Handelskammern
damit rechnet, daß wir zu einer 10%igen Steigerung
kommen. Der Handwerksbereich hat uns durch
seinen Präsidenten Schnitker wissen lassen, daß man
eine Steigerung der Zahl der Ausbildungsplätze um
zehntausend, d. h. um weit über 5 %, für realistisch
und machbar hält. Meine Damen und Herren,
nehmen wir doch endlich einmal auch diese
Bemühungen zur Kenntnis! Es ist unsere Aufgabe sowohl als
Bundesregierung als auch als einzelne Abgeordnete
als auch als Fraktion — ich denke, auch als
Oppositionsfraktion —, daß wir die Wirtschaft hier in ihren
Bemühungen unterstützen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wenn Sie immer nur — das haben Sie in
früheren Jahren auch schon gemacht und damit dazu
beigetragen, daß in vielen Jahren die
Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft zurückging —
(Zurufe von der SPD)
Negativzahlen vor sich hertragen, dann tragen Sie
damit — —
(Zuruf des Abg. Egert [SPD] — Weitere
Zurufe von der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Entschuldigen Sie, Frau
Bundesminister! — Herr Abgeordneter Egert, ich
bitte, diese Zwischenrufe nicht in der Form zu
machen, daß sie für den Redner als störend empfunden
werden müssen und die Verhandlungen nicht
ordnungsgemäß durchgeführt werden können. Ich bitte
Sie.
(Beifall bei der CDU/CSU — Egert [SPD]:
Aber Herr Präsident!)
Frau Dr. Wilms, Bundesminister für Bildung und
Wissenschaft: Meine Damen und Herren, es ist
einfach so, und das ist auch ein Punkt der politischen
Psychologie: Wenn Sie nur Negativzahlen vor sich
hertragen, tragen Sie damit zur weiteren
Verunsicherung der Jugend bei.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Sie helfen der Jugend nicht, sondern Sie
verunsichern sie, Sie bringen sie weiter in eine
Angstpsychose hinein, statt — auch durch viele
Einzelaktionen — zu helfen, daß wir das schwierige Problem
lösen.
(Grobecker [SPD]: Der Kanzler hat die
Backen aufgeblasen, und wir sind schuld!
— Zuruf von der SPD: Sie wissen nicht, wie
es draußen aussieht! — Weitere Zurufe von
der SPD)
Erlauben Sie mir hier auch eine Bemerkung zu
Ihrem Antrag, den Sie gestern hier eingebracht
haben. Ihre Maßnahmen sind in vielen Punkten
überhaupt nicht präzise beschrieben,
(Zuruf von der SPD: Was?)
sie sind in ihrer Quantifizierung und Qualifizierung
sehr, sehr willkürlich und punktuell und lassen
einen Gesamtrahmen vermissen. Wichtig ist — das
wissen Sie auch, und die Fachleute unter Ihnen
wissen das —, daß man durch die Annoncierung von
bestimmten Maßnahmen, durch die Erweckung des
Eindruckes, man könne nur mit staatlichen
Maßnahmen zum Ziel kommen, die Wirtschaft zum
Attentismus verführt, und das ist genau das Falsche,
das brauchen wir nicht.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Fraktion
der CDU/CSU, bei der FDP und bei vielen, vielen
einzelnen Kollegen, die durch mühsame, aber sehr
erfolgreiche Einzelmaßnahmen versuchen, den
einzelnen Jugendlichen Chancen zu geben, die
Beteiligten an einen Tisch zu setzen und durch gezielte
Hilfen der Probleme Herr zu werden.
Ich möchte von dieser Stelle auch noch einmal an
die Betriebe der Wirtschaft appellieren, ihre
Bemühungen zu verstärken, zusätzliche Angebote
bereitzustellen, und ich möchte noch einmal an die
Jugendlichen appellieren, nicht zu verzweifeln, wenn
es beim ersten Ansturm und bei der ersten
Bemühung nicht klappt, und flexibel zu sein.
(Zurufe von der SPD)
— Ich weiß, wovon ich spreche, vielleicht besser als
Sie.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Junge Leute müssen flexibel sein.
Ich bitte von dieser Stelle die jungen Menschen
auch, daß sie sich sofort beim Arbeitsamt abmelden,
daß sie Mehrfachbewerbungen zurückziehen, wenn
sie mit einem Betrieb einen Vertrag abgeschlossen
haben, damit wir eine klare Sicht der Dinge
bekommen.
Wir werden im Laufe des Herbstes, zum 30.
September, nicht eher und nicht später, festzustellen
haben, wo noch Probleme sind, in den Regionen, bei
Benachteiligten, bei Mädchen, und dann kann man
überlegen, ob und wie von Bund, Ländern und
Gemeinden noch zusätzliche Maßnahmen möglich und
notwendig sind. Eher ist dieses, wenn man es
realistisch anpackt, nicht möglich. — Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat Frau
Abgeordnete Steinhauer.
Frau Steinhauer (SPD): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Herren und Damen! Frau Minister,
irgendwie habe ich j a noch Mitgefühl mit Ihnen. Sie
versuchen, von der schwankenden Treppe, die Sie
unfreiwillig bestiegen haben, irgendwie wieder
herunterzukommen.
(Beifall bei der SPD — Dr. Waigel [CDU/
CSU]: Man sieht Ihnen das Mitgefühl rich
-
tig an!)
Weil Sie die Verpflichtung, die der Bundeskanzler
übernommen hat, ja nicht einlösen können,
versuchen Sie auch heute morgen, statt konkret etwas
vorzuschlagen, hier noch einmal Appelle
auszusprechen, von denen wir wissen, daß sie längst nichts
mehr nützen.
(Beifall bei der SPD)
Ich will einmal positiv annehmen, daß die Zusage
nicht nur eine Wahlkampfaktion war. Dann möchte
ich aber mal wissen, wie Sie die 30 000
Ausbildungsplätze, die Sie zusätzlich zugesagt haben — eine
Garantie haben Sie j a gegeben —, schaffen
können.
(Zuruf von der CDU/CSU: Die Wirtschaft
hat sie zugesagt!)
— Sehen Sie, da kommt es: Jetzt wollen Sie
plötzlich nur eine relative Garantie gegeben haben.
(Zuruf von der CDU/CSU: Nein, die
Wirtschaft hat die 30 000 Plätze zugesagt!)
Jedenfalls gibt die derzeitige Situation zu
Pessimismus — um es nicht härter auszudrücken — größten
Anlaß. Da nützt es nichts, daß Sie Statistiken
anzweifeln, dann aber schließlich doch von
„schlimmen Zahlen" sprechen.
Sie haben von den Problemen vor Ort
gesprochen. Ich mache vor Ort sehr viel; ich bin
Berufsschulausschußvorsitzende und kann Ihnen aus der
Praxis einiges erzählen, welche Schwierigkeiten die
Wirtschaft mit dem Ideologiesschild „duale
Ausbildung" macht.
(Beifall bei der SPD — Daweke [CDU/
CSU]: Was wollen Sie denn?)
Ich habe mich auch über die neuesten Zahlen
informiert. In meiner Region haben von 4 000
Schulabgängern 900 noch keinen Ausbildungs- oder
Arbeitsplatz, und davon sind 600 Mädchen. Die
Schulbesucher, die die Schule nur als Parkstation
benutzen, sind hier noch nicht erwähnt. Da gibt es keine
Beschönigung und Bezweiflung der Statistik:
Hinter jeder Zahl steckt ein persönliches Schicksal.
(Beifall bei der SPD und bei den GRÜ-
NEN)
Wir haben uns in der Vergangenheit bemüht,
Ausbildungsplätze für Mädchen zu bekommen.
Hier gibt es einen Rückwärtstrend in die 50er
Jahre, sowohl was die Zahl angeht, als auch was die
Berufe angeht, die sie erlernen wollen.
(Beifall bei der SPD)
Hier findet eine Verdrängung der Abgänger der
Hauptschule durch Jugendliche von Gymnasien
und Realschulen statt, erst recht aber auch von
Mädchen durch Jungen.
(Beifall bei der SPD — Dr. Kunz [Weiden]
[CDU/CSU]: Was haben denn Sie getan?)
Da kann man sich nicht darauf verlassen, daß sich
das in den nächsten Monaten schon regeln wird,
sondern da muß man sich der Verantwortung
stellen. Man kann auch nicht nur die Verantwortung
der Wirtschaft unterstreichen, die sie im dualen
System ja tragen will. Wir haben sehr oft versucht,
hier mit Verantwortung zu übernehmen. Sie haben
das, nebenbei gesagt, abgelehnt.
Es nützt alles nichts, wir müssen die
Jugendlichen aus der Hoffnungslosigkeit der nächsten
Wochen schon jetzt befreien, nicht erst am 30.
September.
(Beifall bei der SPD)
Das ist auch der Sinn unseres Sofortprogramms:
daß zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen und
angeboten werden. Hier müssen alle schon
vorhandenen Ausbildungsplätze genutzt werden. Ich bin
sehr bedrückt darüber, daß man nicht erkennt, daß
in Bundesbetrieben noch Ausbildungsstellen
unbesetzt sind, die aber mangels Masse nicht besetzt
werden dürfen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Woher kommt
das denn?)
weil der Haushalt im Augenblick keine Möglichkeit
dazu gibt. Wir alle müssen uns diesen Problemen
stellen.
Insbesondere müssen wir auch das Problem der
Benachteiligten sehen. Sonst dürfen wir uns nicht
wundern, daß wir keine Einsteiger, sondern nur
Aussteiger haben. Wir dürfen auch nicht bis zum
Herbst warten. Dann ist es zu spät. Sie haben
gesagt: Jeder, der ausbildungswillig und -fähig ist,
kriegt einen Ausbildungsplatz. Wir stempeln die
jungen Menschen also heute schon ab, daß sie nicht
ausbildungswillig und ausbildungsfähig sind. Wir
stempeln sie zu Außenseitern — eine ganz
gefährliche Eingruppierung!
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN — Dr. Kunz [Weiden] [CDU/
CSU]: Eine billige Polemik!)
Ich denke, Frau Minister Wilms, es geht auch um
Ihren Stellenwert. Denn sonst werden auch Sie hier
unter Umständen abqualifiziert.
Wie ich höre, will sich der Kanzler im Herbst
diesem Problem widmen. Er hätte trotz seines, wie ich
erfahren habe, Termins in Nürnberg in dieser
Situation heute hier bei dieser wichtigen Debatte
anwesend sein können. Und wenn ich vom
Pressesprecher am Wochenende hörte, er schliefe gut,
(Seiters [CDU/CSU]: Das ist doch dummes
Zeug!)
dann weiß ich nicht, ob er auch über den Sommer
gut schlafen kann, ob er überhaupt seinen Urlaub in
Ruhe verleben kann.
(Dr. Kunz [Weiden] [CDU/CSU]: Völlig
deplaziert! Schämen Sie sich!)
Und wenn ich von Mitgliedern der
Regierungsparteien noch heute morgen höre, wir hätten gar
kein Interesse, dann muß ich mich dagegen
verwahren. Das ist eine Beleidigung. Wir haben sehr viel
auf diesem Gebiet getan und werden es auch
weiterhin tun.
(Beifall bei der SPD)
Frau Dr. Wilms, wir bieten Ihnen die Hand zur
Gemeinsamkeit an. Wir sind bereit, mit Ihnen
schnellstens nach Lösungen zu suchen. Suchen Sie
die Gemeinsamkeit, geben Sie der Jugend eine
Chance für die Zukunft.
Vizepräsident Stücklen : Frau Abgeordnete
Steinhauer, Ihre Redezeit ist abgelaufen.
Frau Steinhauer (SPD): Dazu gehört, daß Sie die
Dinge nicht verharmlosen, sondern zielstrebig nach
Lösungen suchen. Praktisches schnelles Handeln
ist gefragt.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat Frau
Abgeordnete Adam-Schwaetzer.
Frau Dr. Adam-Schwaetzer (FDP): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Wenn diese Diskussion
heute morgen tatsächlich dazu beitragen soll, daß
zusätzliche Ausbildungsplatzreserven mobilisiert
werden, dann sollten wir sie wirklich mit dem
gebotenen Ernst führen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Ich habe — vor allen Dingen aus den Beiträgen des
Kollegen Lutz und — leider — auch der Frau
Kollegin Steinhauer — mehr herausgehört, daß es sich
hier eher um einen Schauantrag der SPD
(Seiters [CDU/CSU]: Klamauk!)
als um eine ernsthafte Diskussion um die Probleme
junger Menschen handelt.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Widerspruch bei der SPD)
Herr Lutz, ein Frühstück kann ungeheuer
beruhigend sein. Es wäre sicherlich besser gewesen, Sie
hätten heute morgen auch ausreichend
gefrühstückt.
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP und
der CDU/CSU — Frau Dr. Däubler-Gmelin
[SPD]: Arroganz! — Weitere Zurufe von der
SPD)
Meine Damen und Herren, liebe Kollegen, wir
alle wissen, daß die Ausbildungsplatzsituation
letztendlich noch nicht beurteilt werden kann, weil es —
das ist hier ja auch schon gesagt worden — immer
noch Jugendliche gibt, die sich natürlich um
mehrere Lehrstellen bewerben, die natürlich für sich
erst einmal das Beste aussuchen wollen und
natürlich erst dann, wenn sie einen Ausbildungsplatz
gefunden haben, die anderen Lehrstellen freimachen.
Ich appelliere hier noch einmal, daß dies möglichst
schnell geschieht. Nur, alles das führt dazu, daß
eben letztendlich nicht gesagt werden kann, wie die
Situation im Herbst sein wird.
Aber eins möchte ich auch feststellen, Herr
Kollege Daweke: Es hat noch niemals so viele
Ausbildungsplätze gegeben wie im Moment. Das spricht
eine sehr deutliche Sprache dafür, daß Handel,
Handwerk und Industrie ihrer Verantwortung
gegenüber der jungen Generation nachgekommen
sind und daß sie sich bemühen und alles daran
setzen werden, dieser Verantwortung auch weiterhin
gerecht zu werden.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Wir müssen, meine Damen und Herren, natürlich
auch selber unseren Beitrag leisten und uns prüfen,
was wir noch zusätzlich tun können. Wir müssen
zusätzlich mobilisieren in Regionalkonferenzen,
wir können Ausbildungsplatzbörsen organisieren.
Wir können natürlich die öffentliche Hand auf
allen Ebenen auffordern und selbst dazu beitragen,
daß zusätzliche Ausbildungsplätze vor allen Dingen
in den Berufen zur Verfügung gestellt werden, die
dann auch außerhalb des öffentlichen Dienstes
gebraucht werden können. Aber — ich sage auch das
hier in aller Deutlichkeit — wir können als
öffentliche Hand damit natürlich keine
Einstellungsgarantie verbinden.
(Freiherr von Schorlemer [CDU/CSU]:
Sehr wahr! — Dr. Kunz [Weiden] [CDU/
CSU]: Die Gewerkschaften weigern sich,
welche einzustellen!)
Ich möchte nur daran erinnern, daß das
Benachteiligtenprogramm bereits einmal aufgestockt
worden ist. Ich bitte die Bundesregierung zu prüfen, ob
es nicht möglich wäre, hier noch einmal
aufzustokken.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Wir bitten die Bundesregierung, Hilfen
vorzubereiten, vor allen Dingen bei regionalen Problemen, die
im Herbst auf uns zukommen können. Wir bitten
die Bundesregierung, Hilfen vorzubereiten, die
dann einsetzen, um die wirklich Benachteiligten,
nämlich Mädchen und Ausländer, auch tatsächlich
in einem ausreichenden Maße in Ausbildungsplätze
vermitteln zu können.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: So eine
Arroganz!)
Frau Beck-Oberdorf, daß Frauen und Mädchen
benachteiligt sind, ist überhaupt keine Frage. Daß
sie besondere Schwierigkeiten haben, eine
Ausbildungsstelle zu finden, ist auch keine Frage.
Allerdings muß ich in aller Deutlichkeit feststellen —
das ist auch im Bericht der Enquete-Kommission
„Jugendprotest im demokratischen Staat"
nachzulesen —, daß alle Fraktionen dieses Hauses das
Problem gleichermaßen sehen und dazu beitragen
wollen, daß gerade Frauen und Mädchen nun endlich
die Chancen bekommen, sich selbst auszusuchen,
wo sie ihr Leben tatsächlich verbringen und wie sie
es gestalten möchten. Dann muß man allerdings
auch sagen, daß das, was sich an Schutzvorschriften
und an ausbildungsplatzhemmenden Vorschriften
entwickelt hat und aus anderen Zeiten noch
übriggeblieben ist, jetzt endlich angegangen werden
muß. Man darf sich dann nicht dagegen wehren,
daß alles das überprüft wird, was sich bisher als ein
Hemmnis dargestellt und letztlich verhindert hat,
daß Frauen und Mädchen Ausbildung und Arbeit
finden.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Weisen Sie doch
einmal ein Hemmnis nach!)
Meine Damen und Herren, wir wollen, daß die
junge Generation — so schwierig das wird — auch
diesen Herbst tatsächlich als einen Einstieg in ihr
Leben, in diese Gesellschaft empfinden kann.
Deshalb werden wir alles tun, damit allen
Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt werden können.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung.
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Herr Abgeordneter Lutz (Nürnberg), der Herr
Bundeskanzler befindet sich auf dem Flug zur
Luther-Feier nach Nürnberg.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU — Egert
[SPD]: Zwei Stunden! — Weitere Zurufe
von der SPD)
Es wäre Ihnen durch eine Nachfrage bei Ihrem
Geschäftsführer Porzner leicht möglich gewesen, zu
erfahren, daß dies bereits in der letzten Woche
zwischen den Geschäftsführern abgesprochen war.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Kunz [Weiden] [CDU/CSU]: Aber diffa
-
mieren muß man! Die wollen gar nicht die
Wahrheit!)
Beginnen Sie die Debatte über die Lage der
Auszubildenden, über die Lage der Lehrlinge, nicht mit
billigen Gags, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zuruf von der SPD: Das sagt der Gag-Mini
ster! — Dr. Waigel [CDU/CSU]: Da kriegt
einer einen Schreikrampf!)
Meine Damen und Herren, ich möchte in wenigen
Worten unsere Position zu dieser uns alle
bewegenden Frage deutlich machen.
Erstens. Wir setzen in dieser Frage auf
Ermutigung und nicht auf Entmutigung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Zweitens. Wir setzen auf Freiwilligkeit und nicht
auf Zwang,
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
weil wir glauben, freiwillig entsteht immer mehr
Initiative, mehr Kreativität, mehr Mitmachen. Ich
glaube nicht, daß die Anklagebank der bevorzugte
Platz ist, auf dem wir die Betriebe dazu bringen,
mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, wir wollen hier die
Ansteckungsgefahr der guten Beispiele vorführen,
die von vielerorts zu liefern sind: Da machen 21
Mitarbeiter des Arbeitsamtes Bad Kreuznach einen
ganzen Samstag Überstunden, einen Tag der
offenen Tür, vermitteln kostenlos, ohne dafür durch
Freizeit wieder etwas entschädigt zu werden. Das
sind die guten Beispiele der Initiative, der
Freiwilligkeit, des Mitmachens.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Da spenden die Priester des Bistums Essen einen
Solidaritätsbeitrag, um 15 Lehrlingen einen
Ausbildungsplatz zu schaffen. Das ist mehr als Ihr
gesamtes Gerede.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Mit Worten ist keinem Lehrling geholfen. Taten
wollen die jungen Leute sehen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lebhafter Beifall bei der SPD)
Deshalb geht mein Appell an alle, da darf sich
niemand vom Spielfeld — —
(Zuruf des Abg. Egert [SPD])
— Ich sage Ihnen gleich, was die Bundesregierung
gemacht hat, sie hat nämlich mehr gemacht als Sie,
Herr Egert. Wir haben ein Sonderprogramm für
jugendliche Arbeitslose aufgelegt, das in diesem Jahr
205 Millionen DM und auch im nächsten Jahr 205
Millionen DM umfassen soll. Herr Abgeordneter
Egert, wissen Sie, was Ihre Regierung in der
mittelfristigen Finanzplanung für das nächste Jahr
vorgesehen hat? 35 Millionen DM!
(Hört! Hört! und Beifall bei der CDU/CSU
und der FDP)
Das ist nur ein Sechstel. Kehren Sie vor Ihrer Tür,
bevor Sie bei uns nachsehen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich fürchte, auch dieser Vergleich interessiert die
jungen Leute nicht. Sie wollen wissen, wie ihnen
jetzt geholfen wird. Ich appelliere an jeden.
(Beifall bei der SPD)
— Ja, das wollen sie.
Mein Beitrag richtet sich in erster Linie an
diejenigen, die helfen können: die Arbeitgeber. Jedem
Handwerker, der einen mehr ausbildet, als er
ursprünglich vorhatte, sollten wir hier von diesem
Pult aus unsere Anerkennung und unser
Dankeschön sagen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Politik besteht aus Kritik und Forderung. Sie
muß allerdings auch aus Respekt, Dank und
Anerkennung für die bestehen, die etwas tun. Das sollte
heute morgen auch gemacht werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Bundesregierung hat ihren Beitrag geleistet.
Obwohl sie unter dem Zwang knapper Geldmittel,
leerer Kassen steht — was sie selber nicht
verursacht hat —, hat sie dennoch die Mittel zum Kampf
gegen Jugendarbeitslosigkeit erhöht.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Das hat
sie nicht geleistet!)
Wir haben die ausbildungshemmenden
Vorschriften beseitigt. Dabei sind wir — —
(Frau Fuchs [SPD]: ... immer mehr auf
dem falschen Weg! — Weitere Zurufe von
der SPD)
Meine Damen und Herren, ich halte es in der Tat
für ausbildungshemmend, wenn ein
Tierpflegerlehrling erst um 7 Uhr am Ausbildungsplatz
erscheinen kann, die Tiere richten sich nämlich nicht
nach der deutschen Arbeitszeitordnung, sie werden
schon ein bißchen früher wach.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
und der FDP)
Wenn der 16jährige im Krankenhaus erst um 7 Uhr
erscheinen kann, sind manche Patienten schon im
zweiten Schlaf.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der
FDP)
Gott sei Dank haben wir Krankenhäuser, in denen
dies möglich ist.
Unsere Philosophie ist: Lernen durch Mitarbeit.
Das ist das ganze Erfolgsgeheimnis der deutschen
Berufsausbildung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich weiß, daß es andere gibt, die glauben, gelernt
werde nur auf der Schulbank. Unser
Erfolgsgeheimnis ist: Lernen durch Praxis. Das wollen wir uns
auch durch Gerede nicht zerstören lassen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, ein Maurerlehrling,
der erst um 7 Uhr anfangen kann, während die
Monteure schon um 6 Uhr von dem Sammelplatz
weggefahren sind, kann doch nicht mit dem Taxi
nachgeschickt werden.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
und der FDP)
Wir machen hier kein Programm, das wir in den
ideologischen Lehrbüchern nachschlagen müssen.
Wir machen ein Programm, das aus dem Leben, aus
den Erfahrungen gespeist ist. Deshalb ist unsere
Politik praxisnah, und sie soll es bleiben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, auch die
Gewerkschaften müssen mitarbeiten, und sie haben
mitgearbeitet. Ich sage mit großem Respekt — darf man
das nicht anerkennen? —, daß die IG Chemie einen
Tarifvertrag abgeschlossen hat, in dem die
Lehrlingsvergütung eingefroren wurde. Das halte ich für
einen Beitrag, der in diese Situation paßt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich appelliere auch an Eltern und Jugendliche,
nicht aufzugeben. Ich appelliere auch an jene, die
schon einen Ausbildungsplatz haben, nicht weiter
auf der Suche zu bleiben. Ausbildungsplätze zu
hamstern ist eine Form von Kameradendiebstahl.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
— Meine Damen und Herren, ich weiß auch, daß
manche die Vorstellung haben, nur in dem von
ihnen erwünschten Beruf sei ihr Glück zu finden.
Aber mancher Beruf, der als Traumberuf ersehnt
wird, ist nur ein Modeberuf. Deshalb ist mein
Appell an unsere jungen Mitbürger: Einen Beruf zu
erlernen, ist immer noch besser, als keinen Beruf zu
erlernen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich unterstütze den Appell, alte Schablonen, die
die Beschäftigung, die Ausbildung von Mädchen
behindern, Schablonen, die nicht nur in den Gesetzen,
sondern auch in den Köpfen der Menschen
bestehen, zu beseitigen. 60 % der unvermittelten
Bewerber sind Mädchen. Von zehn der am meisten
gesuchten Berufe auf der Seite der Mädchen sind vier
Berufe solche mit einer Ausbildungszeit von zwei
und weniger Jahren. Auf der Seite der Männer sind
alle zehn Berufe Facharbeiterberufe. Hier ist das
Stellwerk der Benachteiligung der Frauen im
Erwerbsleben. Hier im Ausbildungssystem werden die
Plätze verteilt. Kein Gesetz der Gleichbehandlung
verhindert anschließend die Folgen dessen, was bei
der Ausbildungsgrundlage falsch eingestellt wurde.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Das ist doch nun
wieder Quatsch!)
Meine Damen und Herren, vielleicht ist dieser
letzte Tag vor der Sommerpause — deshalb bin ich
Ihnen, Herr Vogel, und der Opposition dankbar —
auch geeignet, daß wir zusammen, Opposition und
Regierung, alle hier in diesem Hause, zu einem
großen Schlußspurt aufrufen.
(Zuruf von den GRÜNEN: Stimmungska
-
none!)
Die wenigen Monate, die wenigen Wochen bis zum
Beginn des neuen Ausbildungsjahres sollten durch
Anstrengungen der Regierung, der
Gewerkschaften, der Arbeitgeber genutzt werden. Ich gehe
davon aus, daß wir alle daran interessiert sind, daß
jeder seinen Ausbildungsplatz findet. Deshalb:
Dieser Tag muß zu einem großen Appell der
Ermutigung genutzt werden. Jeder junge Mann, jedes
junge Mädchen sollte einen Ausbildungsplatz
finden. Das ist unser gemeinsames Ziel.
(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Jung.
Jung (Düsseldorf) (SPD): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Der Bundeskanzler steht bei
den Jugendlichen nach wie vor im Wort. Daran
kann auch die Tatsache nichts ändern, daß er sich
heute morgen auf dem Flug zur Luther-Feier in
Nürnberg befindet. Von seiner ursprünglich so
genannten Lehrstellengarantie scheint j a nun sehr
wenig übriggeblieben zu sein,
(Beifall bei der SPD — Daweke [CDU/
CSU]: Das freut Sie wohl?)
wenn jetzt nur noch davon gesprochen wird, daß es
eine relative Ausbildungsgarantie gibt. Meine
Damen und Herren von der Regierungskoalition, wir
können Sie nur davor warnen, dieses durchsichtige
Spiel mit den Hoffnungen und Ängsten der Jugend
so weiter zu treiben.
(Beifall bei der SPD — Daweke [CDU/
CSU]: Unerhört!)
Denn so vergrößern Sie doch nur die
Staatsverdrossenheit junger Menschen,
(Daweke [CDU/CSU]: Makaber! — Dr.
Kunz [Weiden] [CDU/CSU]: Angstmache
rei!)
die Sie sonst so häufig beklagen.
Wir können Sie nur davor warnen, das
Lehrstellenangebot dadurch erhöhen zu wollen, daß
angeblich ausbildungshemmende Vorschriften beseitigt
werden. Denn das läuft doch darauf hinaus, daß
zusätzliche Ausbildungsplätze, wenn überhaupt,
nur in den Bereichen geschaffen werden, in denen
billige Arbeitskräfte, deren Zukunft in höchstem
Maß ungewiß ist, sozusagen zum Ausbildungstarif
gebraucht werden.
(Beifall bei der SPD — Dr. Kunz [Weiden]
[CDU/CSU]: So ein Gerede! So was billiges!
— Feilcke [CDU/CSU]: Wo leben Sie denn?
— Dr. Kunz [Weiden] [CDU/CSU]:
Schämen Sie sich!)
Was wir brauchen, sind nicht irgendwelche
Lehrstellen. Wir brauchen qualifizierte
Ausbildungsstellen, die in zukunftsträchtige Berufe hineinführen.
(Beifall bei der SPD)
Und wir erwarten von der Regierung, daß die
Zusage eingehalten wird, 30 000 Ausbildungsplätze
über den Bedarf hinaus zur Verfügung zu stellen.
(Beifall bei der SPD)
Wir können die Wirtschaft und den Staat nicht
aus der Verantwortung entlassen.
(Seiters [CDU/CSU]: Bringen Sie doch mal
einen neuen Gedanken! Bitte einen neuen
Gedanken! Oder überhaupt einen
Gedanken!)
Investitionen in die Bildung sind Investitionen in
unsere Zukunft. Der Fehlbedarf an qualifizierten
Ausbildungsplätzen heute ist der Fehlbedarf an
qualifizierten Arbeitskräften morgen.
(Beifall bei der SPD)
Wenn wir die internationale
Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft nicht aufs Spiel setzen
wollen, dann können wir es nicht wenigen Betrieben
überlassen, für die Zukunft auszubilden, während
sich die Mehrheit der Betriebe dieser
Verantwortung entzieht.
(Beifall bei der SPD)
Darum führt nach meiner Auffassung kein Weg
daran vorbei, zwischen den Betrieben, die
ausbilden, und solchen Betrieben, die ihrer
Ausbildungspflicht nicht genügen, einen Finanzausgleich zu
schaffen.
(Beifall bei der SPD)
Und da hilft es sehr wenig, wenn Herr
Bundesminister Blüm, der sich j a seiner gewerkschaftlichen
Herkunft immer rühmt, von Freiwilligkeit der
unternehmerischen Leistung spricht.
(Beifall bei der SPD)
Aber so wichtig der Abbau von Bildungsdefiziten
und die Schaffung von zusätzlichen
Ausbildungsplätzen auch sind, dies wird nicht ausreichen, um
dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit
beizukommen, wenn nicht genügend Arbeitsplätze zur
Verfügung gestellt werden. Die Jugendarbeitslosigkeit, so
schlimm sie auch im einzelnen ist, ist eben nur e in
Aspekt der Massenarbeitslosigkeit.
Wie die Bundesregierung diesem Problem
beikommen will — nicht nur in unserem Land,
sondern auch auf internationaler Ebene —, ist ja
gerade in den letzten Tagen in diesem Haus wieder
deutlich gemacht worden: nämlich ganz offenbar
durch Nichtstun! Es gibt kein Programm der
Bundesregierung zur gezielten Förderung von
Wachsturn und Beschäftigung.
(Sehr wahr! bei der SPD)
Jeder Gedanke an eine soziale Beherrschung der
technologischen Entwicklung ist ihr fremd, und die
Bundesregierung macht auch keine Anstalten, die
Gewerkschaften bei ihrem Kampf um eine
drastische Verkürzung der Arbeitszeit zu unterstützen.
(Beifall bei der SPD)
Das haben die Regierungsparteien gerade mit ihrer
Haltung zu unseren Entwürfen für ein
Arbeitszeitgesetz und eine Regelung des vorgezogenen
Ruhestands zur Genüge bewiesen. Weder auf dem
europäischen Gipfel in Stuttgart noch auf dem
Weltwirtschaftsgipfel in Williamsburg hat die
Bundesregierung Anstrengungen unternommen, um eine
gemeinsame beschäftigungspolitische Strategie zu
entwickeln.
(Zuruf von der CDU/CSU: Falsch!)
Entgegen den Ankündigungen der
vorangegangenen Gipfeltreffen in Kopenhagen und Brüssel
beschäftigten sich die Regierungschefs nur am Rand
mit wirtschaftlichen und sozialen Fragen.
Ich berufe mich hier auf eine völlig
unverdächtige Quelle, nämlich „Die Welt":
(Daweke [CDU/CSU]: Wieso ist die denn
unverdächtigt?)
Das Gipfelversprechen aus dem Vorjahr, jedem
Jugendlichen in der Gemeinschaft in den
kommenden fünf Jahren eine Berufsausbildung zu
ermöglichen, wird in den Schlußdokumenten
von Stuttgart überhaupt nicht mehr erwähnt.
Ich glaube, das spricht für sich.
(Beifall bei der SPD)
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
daß Ihr Glaube an die Selbstheilungskräfte des
Markts Sie blind macht für die nüchternen
Tatsachen, mit denen wir es heute zu tun haben.
(Beifall bei der SPD)
Tatsache ist doch schon heute: Der Bundeskanzler
wird seine Lehrstellengarantie nicht einhalten
können. Tatsache ist auch: Die Arbeitslosigkeit wird bei
der von Ihnen zu verantwortenden
Wirtschaftspolitik nicht abnehmen, sondern allen ernst zu
nehmenden Prognosen zufolge weiter steigen.
(Feilcke [CDU/CSU]: Sie sind ein Berufs
-
pessimist!)
Tatsache ist schließlich: Die Wirtschaft, die
Gesellschaft und vor allem die jungen Menschen in
unserem Land werden einen hohen Preis dafür bezahlen
müssen, wenn die Bundesregierung weiter untätig
bleibt.
(Beifall bei der SPD)
Wir fordern Sie daher auf: Ergreifen Sie endlich
konkrete Maßnahmen. Es ist besser für uns alle,
zusätzliche Mittel für eine wirksame Ausbildungs-
und Beschäftigungspolitik zur Verfügung zu stellen,
als die wachsende Arbeitslosigkeit mit
zunehmendem Mitteleinsatz finanzieren zu müssen. —
Schönen Dank.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort zu einer
Erklärung nach § 30 erteile ich Herrn Abgeordneten
Porzner.
Porzner (SPD): Herr Präsident! Meine verehrten
Damen und Herren! Es ist vorhin gesagt worden —
auch von Herrn Blüm —, mit mir sei besprochen
worden, daß der Bundeskanzler zu dieser Stunde
nicht im Bundestag sein kann. Davon ist nicht die
Rede.
(Zurufe von der SPD: Hört! Hört! — Uner
-
hört!)
Ich wußte, daß der Bundeskanzler heute vormittag
in Nürnberg
(Graf von Waldburg-Zeil [CDU/CSU]: Na
also!)
bei der Festveranstaltung in der Lorenzkirche ist,
zu dem wir mittelfränkischen Abgeordneten auch
alle eingeladen sind.
(Seiters (CDU/CSU): Der Herr Lutz also
auch!)
Es ist nicht an mir, zu bewerten, welche Pflichten
man vorzieht, aber ich glaube, meine verehrten
Damen und Herren, daß es durchaus vereinbar ist, um
8 Uhr an einer Aktuellen Stunde teilzunehmen —
bei diesem Thema! — und um 10.30 Uhr in
Nürnberg bei einer Jubiläumsveranstaltung zu sein.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN —
Dr. Althammer [CDU/CSU]: Billiger geht
es nicht mehr! — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
— Nein, hier ist behauptet worden, es sei mit mir
vereinbart, daß der Bundeskanzler jetzt nicht hier
sein kann. Und das stimmt nicht.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Als wir besprochen hatten, wann der Antrag der
SPD-Fraktion auf Entlassung des Bundesministers
Geißler auf die Tagesordnung gesetzt werden sollte,
ist mit mir besprochen worden, wann der
Bundeskanzler anwesend sein kann und wann nicht.
Darunter war der Freitagvormittag wegen der
Nürnberger Veranstaltung.
(Zurufe von der CDU/CSU: Aha!)
Ich brauche mich nicht zu wiederholen, wenn ich
sage, daß die Transportmöglichkeiten für den
Bundeskanzler so sind, daß er, wenn er will, beide
Termine wahrnehmen kann.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN —
Zurufe von der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der
Abgeordnete Schäuble.
Dr. Schäuble (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Wir haben anstrengende und
aufregende Tage und Wochen hinter uns.
(Zurufe von der SPD)
Ich finde, wir sollten nichts dramatischer machen,
als es ist. Erlauben Sie mir diese Bemerkung
vorweg.
Herr Kollege Porzner, es ist völlig unstreitig —
Sie haben das auch gesagt —, daß wir beide — das
ist unsere Aufgabe — bei der Festlegung der
Tagesordnung dieser Woche darüber gesprochen haben,
daß der Herr Bundeskanzler heute vormittag in
Nürnberg bei der Eröffnung der Luther-Ausstellung
ist. Dies war der SPD-Fraktion bekannt; es ist ihr
mitgeteilt worden. Es macht j a wohl keinen
Unterschied, bei welchem Tagsordnungspunkt man über
diese Frage spricht. Er kann ja nur einmal in
Nürnberg sein, und wenn er heute vormittag in Nürnberg
ist, kann er nicht hier sein. Dies, meine Damen und
Herren, war der SPD-Fraktion bekannt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Wir fahren in der
Aktuellen Stunde fort.
Das Wort hat der Abgeordnete Rossmanith.
Rossmanith (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Ich glaube, über
dieses Thema brauchen wir in der Zwischenzeit
nicht mehr viel zu sprechen. Aber es verwundert
mich sehr, meine sehr verehrten Damen und
Herren von der Opposition, daß wir seit zehn Jahren
immer wieder in regelmäßigen Abständen eine
Diskussion über das Ausbildungsgeschehen führen, in
der nun nicht gefragt wird, wie wir für die
Jugendlichen und für diejenigen, die Ausbildung betreiben
— Handwerksmeister und die in der Industrie für
die Ausbildung Verantwortlichen —, sorgen, wie wir
mehr Ausbildungsplätze erhalten können, sondern
in der eine Politik nur nach dem Motto betrieben
wird: Wie kann ich dieses Geschehen
dramatisieren? Wie kann ich in diese Debatte künstlich ein
qualitatives und ein quantitatives Moment mit
einschalten?
Diese Diskussionsrunde war ein beredtes
Beispiel dafür, daß Sie, meine sehr verehrten Damen
und Herren von der Opposition, wenig Interesse
daran zeigen, den jungen Leuten tatsächlich zu
helfen, sondern ein größeres Interesse daran haben,
heute wieder eine polemische Attacke gegen die
Regierung Kohl zu reiten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Kein Mensch bestreitet, daß wir auch in diesem
Jahr durch regionale und strukturelle Engpässe
eine Belastung und eine Schwierigkeit im
Ausbildungsgeschehen haben. Wir wissen aber genauso,
daß wir auch in diesem Jahr wieder über 600 000
jungen Menschen eine Lehrstelle werden
beschaffen können und daß — das möchte ich noch einmal
betonen — am Ende dieses Jahres jeder
ausbildungswillige und ausbildungsfähige Jugendliche
eine Lehrstelle haben wird. Das werden auch Sie
mit Ihrer Polemik nicht verhindern.
Ich will mich mit dem einen Thema an sich nicht
mehr befassen. Von Sozialisten war ich sehr viel
gewöhnt. Daß sie einem aber das Frühstück noch
mißgönnen, das war mir eine ganz neue
Komponente.
Meine sehr verehrten Damen und Herren von der
Opposition, wir wollen nicht verkennen, daß es
Problemgruppen gibt, natürlich auch in diesem Sektor.
Wenn Sie, Frau Steinhauer, heute wiederum so
beredt den Verdrängungswettbewerb beklagen, dann
muß ich Sie natürlich fragen: Wer hat denn diesen
Verdrängungswettbewerb mit in Gang gesetzt?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das waren doch Sie. Das müssen Sie sich hier noch
einmal sagen lassen. Sie haben durch Ihre Politik
Betriebe permanent zum Konkurs getrieben.
(Widerspruch bei der SPD)
Sie haben eine Hochschulpolitik betrieben, die dazu
geführt hat, daß heute hunderttausend Akademiker
vor dem Nichts stehen. Der junge Abiturient oder
die Abiturientin fragt: Was kann ich denn eigentlich
noch studieren? Sie wenden sich dem
Lehrstellensektor zu, weil sie wissen, daß sie im
Hochschulbereich keine Situation mehr vorfinden, die ihnen die
Zukunft sichern könnte.
Ich möchte ganz kurz die Problemgruppen
anreißen. Das sind — erstens — die Jugendlichen ohne
Schulabschluß, die natürlich bei den jetzt
hochgeschraubten, vertheoretisierten
Berufsausbildungsordnungen vor dem Nichts stehen. Sie, meine
Damen und Herren von der Opposition, haben dafür
gesorgt, daß hier die Lehrstellen verlorengingen,
die auch für diesen Personenkreis noch in Frage
gekommen wären.
Zweitens haben die Mädchen noch
Schwierigkeiten auf dem Lehrstellensektor. Keiner von uns wird
das je bestreiten oder hat es je bestritten. Wir sind
leider trotz aller Bemühungen — und dafür tragen
Sie mit Verantwortung — nicht dazu gekommen,
den Mädchen zu helfen, von sich aus die Initiative
zu ergreifen, und bei ihnen den Gedanken zu
verstärken, daß für sie nicht allein ein kleiner Bereich
von Ausbildungsberufen in Frage kommt, vor allem
im kaufmännischen Bereich, sondern daß auch in
der Technik für Mädchen die Ausbildung möglich
ist.
Die Ausländer bilden die nächste Problemgruppe.
Wir wissen das. Wir haben Möglichkeiten zur
Lösung geschaffen. Minister Blüm und Frau Minister
Wilms haben das angesprochen. Wir können nur
durch sachliche Diskussion miteinander dafür
Sorge tragen, daß die momentane schwierige
Situation überwunden wird. Ich rufe noch einmal alle
hier im Haus und auch die Regierung auf, den
Betrieben und allen Jugendlichen zu helfen. — Ich
bedanke mich.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Burgmann.
Burgmann (GRÜNE): Meine Damen und Herren!
Liebe Freundinnen und Freunde!
(Lachen bei der CDU/CSU)
Ich denke, ich bin im Walde, wenn ich den Herrn
Blüm hier so laut pfeifen höre, um seine Angst zu
vertreiben.
(Daweke [CDU/CSU]: Sehr witzig!)
Ich mag zwar fröhliche Menschen, Herr Blüm, aber
ich glaube, daß in dieser Angelegenheit etwas mehr
Ernst angebracht wäre.
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Glauben Sie, vor
Ihnen hat er ganz besonders Angst?)
Faktum ist, daß, wenn wir aus dem Urlaub
zurückkehren
(Daweke [CDU/CSU]: Wo gehen Sie denn
in Urlaub hin? Machen Sie einmal
Ausbildungsbörsen! Tun Sie mal was für die
jungen Leute und fahren Sie nicht in Urlaub!)
und den Berg Aufgaben hier wieder vor uns haben,
dann 240 000 junge Menschen keinen
Ausbildungsplatz haben. Sie müssen sich also dem Heer der
zweieinhalb Millionen Arbeitslosen zugesellen. Die
Regierung — Frau Dr. Wilms, Herr Kohl und
andere — appelliert dann an die Unternehmer und
verkauft hier ihre Ideologie. Sie legt die
Verantwortung in die Hände der Unternehmer und Vorstände,
über die es keinerlei demokratische Kontrolle gibt.
Damit ist das Problem der Kontrolle dieses
Parlaments entzogen.
(Repnik [CDU/CSU]: Wollen Sie Kontrolle
oder Ausbildungsplätze?)
Und noch mehr: Sie nutzen die Not von
hunderttausend jungen Menschen aus, nicht nur, um mit
billigen Versprechen die Wahl zu gewinnen,
sondern auch, um den Jugendschutz durch sogenannte
ausbildungshemmende Vorschriften abzubauen.
Meine Damen und Herren, alles, was die
Arbeiterbewegung in über hundert Jahren erkämpft hat —
ob Jugend- und Arbeitsschutz, ob Lohn und Tarif,
ob Arbeitszeitverkürzung und Urlaub —, alles das
muß nach Ihrer Ideologie letzten Endes
arbeitshemmend und ausbildungshemmend sein, weil all das j a
die Gewinne und die Willkür der Unternehmer
einschränkt.
(Reents [GRÜNE]: Die wollen zurück zur
Kinderarbeit!)
Die SPD aber, die dieses Sofortprogramm
vorgelegt hat, hat damit sicher der aktuellen Situation
Rechnung getragen. Aber wenn Sie vor zwei bis
drei Jahren, als die Gewerkschaften diese
Entwicklung ziemlich exakt vorausgesagt hatten, das
Sofortprogramm vorgelegt hätten — genauso wie
Sofortprogramme gegen Waldsterben, Nachrüstung
und Arbeitslosigkeit —, wenn Sie so aktiv gewesen
wären, als Sie in diesem Hause noch die Mehrheit
hatten, dann hätten Sie diese Mehrheit
wahrscheinlich heute noch. Sie tragen mit die Verantwortung
dafür, daß heuer eine Viertelmillion Jugendliche
keinen Ausbildungsplatz bekommen. Genauso
tragen Sie Mitverantwortung für die zweieinhalb
Millionen Arbeitslosen.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Die Folgen dieser Politik sind verheerend. In den
Betrieben steigt der Druck auf die Jugendlichen.
Die Shell-Studie sagt wörtlich: Jeder zweite
Jugendliche befindet sich auf dem Weg zum
Duckmäusertum. „Befriedigend" ist nicht mehr
ausreichend, um eine Lehrstelle zu bekommen.
(Daweke [CDU/CSU]: Wenn ich Sie so
sehe!)
Die Jugendlichen werden rücksichtlos
gegeneinander ausgespielt. In den Zeitungen sind schon
Angebote zu Lesen, in denen Jugendliche auf jede
Ausbildungsvergütung verzichten, um überhaupt einen
Ausbildungsplatz zu bekommen.
(Hört! Hört! bei den GRÜNEN)
Die Zahl der Jugendvertreter in den Betrieben ist
von 9 000 im Jahre 1972 auf heute 5 500
zurückgegangen. Aber vielleicht verstehen Sie das j a auch
als einen Abbau von ausbildungshemmenden
Maßnahmen, meine Damen und Herren von der FDP
und der CDU/CSU.
Dabei gäbe es heute so viele dringende Aufgaben
für die jungen Menschen. „Schwerter zu
Pflugscharen" — ich meine, statt Raketen
Entschwefelungsanlagen, alternative Energien, menschenwürdige
Städte, eine biologische Landwirtschaft und Hilfe
zur Selbsthilfe in der Dritten Welt. Das sind
Aufgaben, die vor uns stehen. Dafür könnten Sie heute
Jugendliche gewinnen. Das wäre eine echte Wende,
die in Bonn notwendig wäre.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Dafür müßten die Haushaltsmittel
umstrukturiert werden. Da ist unser Staat gefordert, der im
Grundgesetz festgelegt hat, daß jeder das Recht auf
freie Entfaltung der Persönlichkeit hat. Dazu
gehört doch wohl auch die Ausbildung. Wir sind der
Meinung, daß der Staat hier in die Pflicht
genommen werden muß, wenn die Betriebe, wenn die
Unternehmen nicht in ausreichender Zahl
Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Da kann man
sich nicht darauf beschränken, an die Unternehmen
zu appellieren.
Wir sind nicht unbedingt dafür, daß das alles vom
Staat dirigiert werden muß.
(Zuruf von der CDU/CSU: So?)
Aber die Politiker müssen hier gestalten. Wir sind
durchaus dafür, auch die Arbeitsloseninitiativen
und die Alternativbetriebe und selbstverwaltete
Ausbildungszentren zu unterstützen. Dafür ist
allerdings Geld notwendig. Das ist hier aber besser
angelegt als für Raketen. Für die Millionen jungen
Menschen in diesem Land muß das Geld
bereitgestellt werden.
(Beifall bei den GRÜNEN — Dr. Kunz
[Weiden] [CDU/CSU]: Das können Sie mit
Ihrer Politik nicht bereitstellen! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der
Abgeordnete Strube.
Strube (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Ich höre, daß ich
noch zwei Minuten Redezeit habe. Darum stelle ich
fest:
Erstens. Die SPD ist angeblich sehr besorgt
darüber, daß der Bundeskanzler sein Wort nicht
einhalten kann. Wir stellen fest: Die gesamte CDU/CSU
und viele gesellschaftliche Schichten fühlen sich
mit uns zusammen in der Pflicht.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir werden dafür sorgen, daß dieses Wort
eingehalten wird.
Zweitens. Heute kann man allenfalls eine
Zwischenbilanz ziehen; denn im Juni, Juli werden noch
sehr viele Lehrverträge abgeschlossen. Da auch Sie,
meine Damen und Herren von der Opposition, das
wissen, möchte ich feststellen, daß diese Debatte
heute zur Effekthascherei geführt wird.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Drittens. Der Unterschied zwischen den
Unionsparteien und den Oppositionsparteien besteht
darin, daß wir uns ernsthaft um Ausbildungsplätze
bemühen, Sie aber, meine Damen und Herren von der
SPD, die Hände in den Schoß legen.
(Zurufe von der SPD: Na, na!)
Sie leisten sich viele verbale Kraftakte, ohne
konkrete, seriöse Lösungsvorschläge zu unterbreiten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ansonsten empfinden Sie hämische Freude, wenn
Schwierigkeiten auftreten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Viertens. Ich möchte Ihnen sagen, meine Damen
und Herren von der Opposition, daß Sie an dieser
schwierigen Lage ein gerütteltes Maß an Schuld
mittragen; denn denken Sie an Ihre verfehlte
Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik, die viele
Tausende Konkurse herbeigeführt hat. Davon waren
Betriebe betroffen, die in der Vergangenheit auch
ausgebildet haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die fallen nunmehr auch aus.
Fünftens. Meine Damen und Herren von der
Opposition, es waren auch Ihre ideologisch
verklemmten Bildungspolitiker, die altbewährte Ausbilder auf
die Schulbank zwingen wollten, damit sie dort den
Nachweis ihrer Ausbildungsfähigkeit erbringen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter, Ihre
Redezeit ist zu Ende. Das ist bedauerlich; zwei
Minuten Redezeit sind sehr kurz. Zwei Minuten sind
nur beim Zahnarzt sehr lang.
(Heiterkeit und Beifall)
Das Wort hat Frau Abgeordnete Odendahl.
Frau Odendahl (SPD): Herr Präsident! Meine
Herren und Damen! Es ist schon eine Unverfrorenheit,
Herr Kollege Rossmanith und Herr Strube, zu
unterstellen, daß nur Sie sich um Ausbildungsplätze
bemühen; denn jeder einzelne auch meiner Kolle-
1 gen tut in seinem Wahlkreis im Rahmen seiner
Möglichkeiten dasselbe.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Wir haben Ihr Muster nicht übernommen. Wir
betreiben keine Sonthofen-Strategie und genießen
heute nicht, wie Sie in Schwierigkeiten geraten, die
Ausbildungsgarantie zu erfüllen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Nicht so bös!)
— Ich kann es auch lieb, wenn es Ihnen lieber ist.
Herr Blüm hat schon ganz entschieden
differenziert. Er hat vorhin gesagt, jeder soll einen
Ausbildungsplatz „finden". Der Herr Bundeskanzler hat
gesagt, jeder soll einen Ausbildungsplatz
„bekommen". Man achte doch darauf.
Sie haben heute nichts dazu gesagt, was Sie unter
„ausbildungswillig" und „ausbildungsfähig"
verstehen. Sie haben sich nur bemüht, diese Begriffe auf
eine höhere Ebene zu heben, damit sie weit nach
außen dringen und damit man das Wort „jeder"
inzwischen verdrängen kann.
(Beifall bei der SPD)
Wir haben den Ausführungen entnommen, daß
Sie nichts tun wollen, sondern bis Herbst hoffen.
Wir meinen aber: Das reicht nicht. Sie müssen jetzt
etwas tun. Deshalb haben wir konkrete
Maßnahmen auf den Tisch gelegt.
(Freiherr von Schorlemer [CDU/CSU]:
Tatsächlich?)
Sie wollen auch die Statistik frisieren. Zu dieser
Befürchtung sind wir heute gekommen; denn Sie
haben einige Maßnahmen aufgezeigt, die dazu
dienen.
Hauptsache ist, daß heute außer Reden nichts
gewesen ist. Es wäre dienlicher gewesen, Sie hätten
nicht einzelne Punkte angesprochen, was man tun
sollte, sondern Sie hätten hier und heute konkret
gesagt, was Sie sofort tun werden, denn im Herbst
wird es zu spät sein.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Frau Abgeordnete, Ihre
Redezeit ist zu Ende.
Meine Damen und Herren, die Aktuelle Stunde
ist damit beendet.
Ich rufe Punkt 11 der Tagesordnung auf:
Beratung des Berichts des
Petitionsausschusses (2. Ausschuß)
Bitten und Beschwerden an den Deutschen
Bundestag
Die Tätigkeit des Petitionsausschusses des
Deutschen Bundestages im Jahre 1982
— Drucksache 9/2389 —
Meine Damen und Herren, nach einer
Vereinbarung im Ältestenrat sind für die Aussprache zwei
Stunden vorgesehen. — Ich sehe und höre keinen
Widerspruch. Dann ist es so beschlossen.
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Frau
Abgeordnete Berger.
(Unruhe)
— Einen Augenblick, Frau Abgeordnete Berger. Wir
wollen abwarten, bis eine Beruhigung nach der
Aktuellen Stunde eingetreten ist.
Frau Abgeordnete Berger, Sie haben die volle
Aufmerksamkeit der Damen und Herren des
Hauses.
Frau Berger (Berlin) (CDU/CSU): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Liebe Kollegen! Dem
aufmerksamen Beobachter wird es nicht entgangen
sein, daß der Ausschuß den Bericht über seine
Tätigkeit im Jahre 1982 diesmal bereits zwei Wochen
nach Ablauf des Berichtsjahres vorgelegt hat. Dies
zeigt u. a., daß eine zeitnahe Berichterstattung
möglich ist und wie leistungsstark das Ausschußbüro
sein kann. Insoweit gilt mein Dank unserem Büro
und seinem neuen Leiter, Herrn
Ministerialdirigenten Dr. Schick.
Erstens. Meine Damen und Herren, unsere Arbeit
im Jahre 1982 war dadurch gekennzeichnet, daß die
Zahl der Eingaben von 11 000 im Vorjahr auf
beinahe 14 000 gestiegen ist. Das ist eine Steigerung
von über 20 %.
Dies ist in erster Linie eine Folge der vielfachen
Sparmaßnahmen im Bundeshaushalt. Ich nenne
hier das 2. Haushaltsstrukturgesetz, das
Arbeitsförderungs-Konsolidierungsgesetz und das
Kostendämpfungs-Ergänzungsgesetz, die sich fast alle im
Jahre 1982 für den Bürger auswirkten.
Zum Ende des Jahres 1982 gingen bereits
Eingaben zum Haushaltsbegleitgesetz 1983 ein, das ja
u. a. vielfältige Änderungen von Steuergesetzen,
eine Investitionshilfeabgabe sowie Änderungen
beim Kindergeld, bei den Renten, beim Wohngeld,
bei der Arbeitsförderung und bei der Sozialhilfe
brachte.
An der Spitze der Eingaben liegt wiederum — wie
schon in den Vorjahren — das Bundesministerium
für Arbeit und Sozialordnung. Hier haben wir im
ersten Halbjahr 1983 einen Anstieg von 22 auf etwa
35 % aller Eingaben zu verzeichnen. Dabei geht es
vor allem um Beschwerden gegen Arbeitsämter
wegen zu langer Bearbeitungsdauer oder wegen zu
niedriger Leistungen, aber auch um Hilfegesuche
bei der Arbeitsvermittlung und der
Berufsförderung.
Viele Rentner haben sich an uns gewandt, weil
sie ab 1. Januar 1983 Beiträge zur
Krankenversicherung zahlen müssen, und dies auch aus ihren
sonstigen Einkünften.
In jüngster Zeit wird häufig auch die
Härteregelung bei Bagatellarzneimitteln angesprochen, die
jetzt im Regelfall nicht mehr von der Krankenkasse
übernommen werden. Hier wird der Ausschuß bei
der Regierung vor allem auf eine einheitliche
Handhabung bei allen Krankenkassen hinwirken
müssen. Es darf nicht so bleiben wie zur Zeit, daß z. B.
die eine Krankenkasse Abführmittel für einen
querschnittgelähmten oder an multipler Sklerose
leidenden Rollstuhlfahrer als Härtefall anerkennt,
die Nachbarkasse dies aber nicht tut.
Ein anderer Schwerpunkt bleibt das
Verteidigungsministerium. Dort ist das Hauptanliegen nach
wie vor die Zurückstellung vom Wehrdienst oder
die vorzeitige Entlassung, um eine Arbeitsstelle
erhalten oder behalten zu können. Mit Recht hat ein
Kommentator in der Zeitung „Das Parlament" Nr.
15/16 vom 16./23. April 1983 zu unserem
Jahresbericht 1982 bemerkt:
Im Hinblick auf die immer schwierigere
Arbeitsmarktsituation werden künftig noch
vermehrt Härtefälle auftreten, in denen bereits
vereinbarte Ausbildungsverhältnisse zum
Zeitpunkt der Einberufung noch nicht begonnen
werden konnten und daher auch nicht unter
den Schutz des Arbeitsplatzschutzgesetzes
fallen.
Immerhin konnte der Ausschuß in einigen
gravierenden Fällen eine Zurückstellung bis nach
Beendigung der Ausbildung erreichen.
Meine Damen und Herren, in einer Zeit, in der
der Arbeitsplatz ein kostbares Gut geworden ist
und in der viele arbeitslose Wehrpflichtige den
Wehrdienst ableisten wollen, muß die
Güterabwägung zwischen Wehrpflicht und Arbeitsplatzrisiko
im Verteidigungsministerium teilweise zu anderen
— flexibleren — Entscheidungen führen als bisher.
Auf dieses die Bürger außerordentlich bedrängende
Problem hat auch der Wehrbeauftragte in seinem
letzten Jahresbericht eindringlich hingewiesen.
Zweitens. Lassen Sie mich jetzt auf die
Anwendung der dem Petitionsausschuß zustehenden
besonderen Befugnisse zu sprechen kommen. Es
handelt sich dabei um unser Recht, uns Akten vorlegen,
Auskunft erteilen und Zutritt gewähren zu lassen
sowie Petenten, Zeugen und Sachverständige zu
hören. Wie Sie dem schriftlichen Bericht entnehmen
können, haben wir davon auch im Jahre 1982 nur
maßvoll Gebrauch gemacht.
Im Jahresbericht 1982 sind auf Seite 5 drei
Ortstermine erwähnt. Dabei haben die
Ausschußmitglieder die Erfahrung gemacht, daß es beim Bürger
nicht ohne Eindruck bleibt, wenn Abgeordnete sich
unmittelbar und bei genauer Kenntnis der
Einzelheiten an Ort und Stelle mit den Sorgen der Bürger
beschäftigen. Das wirkt vertrauensbildend.
Bei den Anhörungen von Regierungsvertretern
im Ausschuß hat sich häufig bestätigt, daß sich auf
diese Weise in kurzer Zeit sehr viel mehr klären
und vieles schneller regeln läßt als in
monatelangem Schriftwechsel. Wir wollen und wir können
unsere Befugnisse immer nur dann anwenden, wenn
wir im Einzelfall anders wirklich nicht
weiterkommen. Die Erfahrung zeigt aber, daß wir auf den
heilsamen Präventiveffekt dieser Befugnisse durchaus
vertrauen können.
Wir haben zwar mehr Rechte als andere
Ausschüsse; dennoch ist eines völlig klar: Der
Petitionsausschuß ist kein Oberausschuß. Er ist auch kein
ständiger Untersuchungsausschuß, und er will dies
auch nicht sein.
Drittens. Wir debattieren heute über eine
Drucksache aus der 9. Wahlperiode. Das Grundrecht nach
Art. 17 des Grundgesetzes überdauert in seiner
Wirkung das Kommen und Gehen der Wahlperioden.
Der Bürger kann also sicher sein, daß sein an den
Bundestag herangetragenes Problem solange
bearbeitet wird, bis wir ihm geholfen haben oder
letztlich feststellen müssen, daß wir ihm nach Sach- und
Rechtslage eben leider nicht helfen können.
Viertens. Die Kontinuität der Petitionen hat beim
Übergang von der 9. auf die 10. Wahlperiode auch
die Vorsitzende des Ausschusses mit erfaßt. Alle
Fraktionen dieses Hauses haben es für richtig
angesehen, dieses Amt erneut in meine Hände zu
legen. Ich weiß dieses Vertrauen sehr wohl zu
würdigen.
(Kirschner [SPD]: So sind wir!)
— Ihnen danke ich besonders, Herr Kollege
Kirschner —, zumal vor dem Hintergrund einer weit
verbreiteten Meinung, daß der Vorsitz des
Petitionsausschusses der Opposition zufallen sollte. Ich lasse
dahingestellt, welche guten Gründe dafür sprechen
könnten. Für mich gilt weiterhin, daß ich meine
Aufgabe in diesem Amt wie in den vergangenen
zehn Jahren ohne Ansehen der Person und der
Parteien als Fürsprecherin der Bürger sehe. Dafür bitte
ich um Ihre Unterstützung.
(Beifall bei allen Fraktionen)
Fünftens. Ich komme nunmehr zu einigen
Verfahrensfragen. Der Ausschuß handelt nach dem
Prinzip: Wir prüfen regelmäßig, ob das, was wir
getan haben, auch für die Zukunft richtig ist. Von
dem Motto „Das haben wir schon immer so
gemacht" oder dem, „Das haben wir noch nie so
gemacht, und da könnte ja jeder kommen", halten wir
überhaupt nichts. Also haben wir zu Beginn dieser
Wahlperiode auch die bisher geltenden Grundsätze
für die Behandlungen von Bitten und Beschwerden
überprüft und völlig neu bearbeitet. Diese
Grundsätze sind eine eigenartige Mischung von
Geschäftsordnung für den Ausschuß und von quasi
Dienstanweisung für das Ausschußbüro. § 110 der
Geschäftsordnung des Bundestages schreibt
zwingend vor, solche Verfahrensgrundsätze zu Beginn
jeder Wahlperiode neu zu beschließen.
a) Bei der Überarbeitung sind wir auf einige
Probleme gestoßen, die wirklich nicht einfach zu
behandeln sind. Sie liegen z. B. darin, daß 1968 ein
Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und
Fernmeldegeheimnisses nach Art. 10 des
Grundgesetzes beschlossen wurde, ein Gesetz, welches auch
Beschwerdeinstanzen vorsieht. 1975 kam dann der
Art. 45 c ins Grundgesetz, der dem
Petitionsausschuß die alleinige Zuständigkeit für die
Behandlung von Petitionen zuweist. 1978 schließlich kam
das Gesetz über die Parlamentarische
Kontrollkommission.
Es ist notwendig, unsere Zuständigkeit im
Verhältnis zu diesen Stellen zu klären. Angesichts der
genannten Daten und Fakten kann uns wirklich
niemand unparlamentarische Hast vorwerfen,
wenn wir solchen Fragen nachgehen. Es wäre dem
Bundestag nicht angemessen, abzuwarten, bis wir
von einem Petenten mit einer
Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht
vorgeführt werden.
Diese Eventualität ist gar nicht so theoretisch,
wie es dem Außenstehenden vielleicht erscheinen
möchte. Erst vor zwei Jahren hatte sich das
Bundesverfassungsgericht mit dem Petitionsverfahren
zu beschäftigen. Als Kriterium für die
Verfassungsmäßigkeit des Verfahrens war es für das Gericht
entscheidend, daß das Ausschußbüro vom
Petitionsausschuß durch die Verfahrensgrundsätze
Arbeitsanweisungen erhalten hat, die klar und für
juristisch geschulte Mitarbeiter ohne weiteres
anwendbar sind.
b) Ferner geht es um die Zuständigkeit des
Ausschusses bei Beschwerden gegen Bundesbehörden,
die nicht Bestandteil der Bundesregierung sind.
Dazu gehören vor allem das Bundespräsidialamt
und das Sekretariat des Bundesrates. Es fällt
schwer anzunehmen, daß es für das exekutive
Handeln solcher Behörden keine zuständige
Volksvertretung geben soll, die Petitionen entgegennehmen
kann. Über alle diese Fragen möchten wir Klarheit
und Sicherheit hinsichtlich der
Verfassungsmäßigkeit unseres Vorgehens haben. Der Ausschuß hat
daher beschlossen, ein wissenschaftliches
Gutachten hierzu einzuholen.
c) Zu keinem Zeitpunkt war übrigens bestritten,
daß der Petitionsausschuß auch zuständig ist für
die Behandlungen von Beschwerden über die
Verwaltung des Deutschen Bundestages. Nur habe ich
den Eindruck, daß diese oberste Bundesbehörde
noch nicht in allen ihren Teilen voll verstanden hat,
daß für sie keine Extrawurst gebraten werden
kann.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Parlamentarier
sind da oft nur störend!)
Wenn also z. B. der Bundesminister des
Auswärtigen oder der Bundesminister der Verteidigung
damit leben müssen und durchaus auch damit leben
können, daß der Sachbearbeiter XY im Auftrage
des Ausschusses eine Stellungnahme mit Vordruck
anfordert und Fristen setzt, so gilt dies auch und
selbstverständlich gegenüber der Verwaltung des
Bundestages. Wir haben dies kürzlich in einem
Obleutegespräch klargestellt.
d) Schließlich haben wir bei der Neufassung der
Verfahrensgrundsätze auch die Zusammenarbeit
mit dem Wehrbeauftragten auf eine neue
Grundlage gestellt. Die alte Vereinbarung aus dem Jahre
1975 war von den beiden damaligen Bürochefs
unterzeichnet. Da in dieser Vereinbarung die
Tätigkeit des Petitionsausschusses bei
Soldatenpetitionen angesprochen ist, haben wir - nach
Abstimmung mit dem Wehrbeauftragten — die Regelung
in die vom Ausschuß beschlossenen Grundsätze mit
aufgenommen.
Unverändert gilt weiterhin, daß das Anliegen
eines Soldaten, das er beim Wehrbeauftragten und
beim Petitionsausschuß vorbringt, zunächst vom
Wehrbeauftragten behandelt wird. Allerdings muß
sich der Petitionsausschuß, je nach den Umständen
des Einzelfalles, ein gleichzeitiges Tätigwerden
vorbehalten. Dies folgt unmittelbar aus dem
Grundrecht nach Art. 17 des Grundgesetzes, das durch
eine Eingabe an den Wehrbauftragten nicht
konsumiert wird.
Wir hatten z. B. einen Fall, wo der
Wehrbeauftragte seine Prüfung bis zum Abschluß eines
Wehrbeschwerdeverfahrens ausgesetzt hatte. Da auch
wir nach der bisherigen Regelung nicht hätten tätig
werden können, wäre der Petent zwischen zwei
Stühlen gesessen. In derartigen Fällen muß dem
Ausschuß ein Tätigwerden möglich sein.
An dieser Stelle möchte ich mich auch für die
gute Zusammenarbeit mit dem Wehrbeauftragten,
Willi Berkhan, und seinen Mitarbeitern
ausdrücklich bedanken.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die wenigen hier erwähnten Punkte zeigen, daß
bei der Neufassung der Grundsätze über die
Behandlung der Petitionen allerlei Ungereimtheiten
auszuräumen waren. Was der Ausschuß jetzt
beschlossen hat, ist übrigens meines Erachtens ein
gutes Beispiel für klare, transparente
Vorschriftensprache und Vorschriftentechnik. Ich danke den
Mitarbeitern des Ausschußbüros, an der Spitze dem
neuen Bürochef, daß sie sich dieser Aufgabe in
überzeugender Weise angenommen haben.
Sechstens. Nun ein paar Bemerkungen zu
Problemen des Arbeitsalltages, die letztlich den Bürger
treffen und die dem Ansehen des Parlaments aber
abträglich sind: Es kommt leider immer wieder vor,
daß sich die Bundesregierung nicht an die
gesetzten Fristen für die Abgabe von Stellungnahmen
oder Berichten hält. Das sind in der Regel sechs
Wochen. Durch die Fristüberschreitung wird das
Verfahren entsprechend verzögert.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Hört! Hört!)
Dem Ausschuß liegen leider zu oft Fälle vor,
deren Bearbeitung fast ein Jahr und zuweilen noch
länger gedauert hat. Dies kann besonders in den
Fällen nicht hingenommen werden, in denen die
Zeit gegen den Bürger gearbeitet hat. Ich habe
dafür kein Verständnis, und der Ausschuß hat dafür
kein Verständnis.
Eine Mitbürgerin hatte sich z. B. darüber
beschwert, daß sie fast zwei Jahre vergeblich auf eine
Entscheidung einer Behörde gewartet hatte. Als wir
dann eine Stellungnahme der Bundesregierung
angefordert hatten, erhielten wir endlich nach vier
Monaten die Erklärung, daß eine
Bearbeitungsdauer von zwei Jahren nicht entschuldigt werden
könne. Dies, meine Damen und Herren, wußten wir
von vornherein.
Siebtens. Für das Protokoll muß ich zum
Jahresbericht 1982 noch eine Berichtigung anbringen, um
die der Bundesminister für Bildung und
Wissenschaft ausdrücklich gebeten hat.
In Abschnitt 2.16.1 auf der Seite 21 dieses
Berichtes ist die Rechtslage zum Teil unzutreffend
dargestellt. Richtig ist folgende Fassung:
Nach § 21 Abs. 1 Nr. 2 des Bundesausbildungs
-
förderungsgesetzes ist die Absetzung für
Abnutzung nach § 7 b Einkommensteuergesetz
nur für ein selbstgenutztes Einfamilienhaus
oder eine selbstgenutzte Eigentumswohnung
berücksichtigungsfähig und somit
einkommensmindernd. Die 7 b-Abschreibung für ein
unechtes Einfamilienhaus oder ein
Zweifamilienhaus bleibt auch für den selbstgenutzten
Teil des Hauses förderungsrechtlich
unberücksichtigt und vermindert das Einkommen im
Sinne des
Bundesausbildungsförderungsgesetzes nicht.
Soweit die Berichtigung.
Achtens. Bevor ich zum Schluß komme, möchte
ich nach vielen Seiten Dank sagen. Zunächst den
Mitgliedern des Petitionsausschusses, die übrigens
keine ungestörte Parlamentspause kennen und die
jedes Jahr viele Hunderte von Petitionen in den
Urlaub nachgeschickt bekommen. In den letzten
Sommerferien waren es über 500 Akten, die wir in
die Ferienorte nachzuschicken hatten. — Jetzt
kommt kein Beifall, weil das natürlich niemandem
so recht gefallen möchte.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Am besten fährt
man dann in die Sahara!)
— Herr Abgeordneter Bötsch, in die Sahara wird
nichts verschickt, weil wir das Risiko nicht
eingehen wollen, daß der Abgeordnete eventuell nicht
dort, sondern woanders zu finden ist.
(Heiterkeit und Beifall)
Besonders möchte ich auch die Kollegen
erwähnen, die nicht mehr dem Parlament oder dem
Ausschuß angehören. Es sind dies vor allem der frühere
stellvertretende Vorsitzende des
Petitionsausschusses, Richard Müller (Bayreuth), es sind dies die
Kollegen Obleute Otto Regenspurger, Rainer Funke
und der stellvertretende Obmann Horst Ginnuttis.
Sie alle haben — ebenso wie die anderen
ausgeschiedenen Ausschußmitglieder — die Last dieser
Arbeit über Jahre hinweg gerne auf sich
genommen. Sie haben viel zum Wohle der Bürger bewegt.
Mein Dank gilt auch den Mitarbeitern des
Ausschußbüros, das mit seinen nicht einmal 60
Beschäftigten dem Riesenheer der vereinigten
obersten Bundesbehörden gegenübersteht.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Aber auch dieses Riesenheer der
Regierungsbeamten und Angestellten soll und darf nicht ohne Dank
bleiben für die Mühe, die sie mit uns hatten, und für
die zusätzliche Arbeit, die sie im Interesse der
Bürger auf sich nahmen.
Ich schließe mit den Worten meiner Rede aus
dem Jahre 1980 von dieser Stelle aus:
Wir danken den Bürgern für das Vertrauen, das
sie uns entgegenbringen. Wir meinen: Der
Bürger ist gut beraten, wenn er sich mit seinen
Sorgen an das von ihm gewählte Parlament
wendet; denn er kann mit Sicherheit davon
ausgehen, daß sein Anliegen ernst genommen
wird. Wir sind sein verlängerter Arm. Wir sind
Anwälte des Bürgers.
Das wollen wir auch in Zukunft so halten.
(Beifall bei allen Fraktionen)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Kirschner.
Kirschner (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Der Bericht des Petitionsausschusses,
der dem Bundestag vorliegt und über den wir heute
diskutieren, betrifft einen Zeitraum der 9.
Legislaturperiode des Bundestages. Deshalb ist es zu
begrüßen, daß wir noch vor der Sommerpause die
Gelegenheit haben, über diesen Bericht zu beraten.
Allerdings lassen Sie mich — auch selbstkritisch —
eines feststellen. Das Interesse von seiten der
Bundesregierung hat sich, zumindest wenn man die
Anwesenheit auf der Regierungsbank betrachtet, nicht
sehr gesteigert.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Die frühstücken
alle!)
— Die frühstücken? Na, wollen wir ihnen einen
guten Appetit wünschen!
(Zuruf von der CDU/CSU: Nicht übertrei
-
ben!)
Meine Damen und Herren, insgesamt sind im
Jahre 1982 rund 3 600 Petitionen eingegangen,
wobei wir, was die Zahl der eingehenden Petitionen
aus den einzelnen Bundesländern betrifft, ein
deutliches Nord-Süd-Gefälle feststellen können. So
kommen aus Berlin auf 1 Million Einwohner 546
Eingaben, die an den Deutschen Bundestag gerichtet
sind, aus Bayern dagegen nur 105. Ich will dies jetzt
nicht so werten, als ob die Dinge im Süden unserer
Republik besser im Lot seien als im Norden.
(Eigen [CDU/CSU]: Präsident Stücklen
freut sich! — Weiterer Zuruf von der CDU/
CSU: Jedenfalls ist das ein sehr gutes Zei
chen!)
— Sehr richtig. — Ich glaube vielmehr, das hängt
auch mit einer kritischeren und wachsameren
Einstellung des Bürgers gegenüber dem Staat
insgesamt zusammen.
(Zuruf von der SPD: So ist es!)
Petitionen, die an uns gerichtet werden, sollten
als das gewertet werden, was sie sein sollen: Bitten
zur Änderung der Gesetzgebung und Beschwerden
des Bürgers dort, wo er sich ungerecht behandelt
fühlt. Petitionen sind wichtige Gradmesser für uns.
Einzel- und Massenpetitionen machen deutlich, wo
den Bürger der Schuh drückt, wo er Veränderungen
wünscht und wo er bestehende Gesetze und
Rechtsverordnungen als veränderungsbedürftig ansieht.
Meine Damen und Herren, ich möchte an Hand
einiger Einzelpetitionen, die in dem Ihnen
vorliegenden Jahresbericht aufgeführt sind, versuchen,
deutlich zu machen, wo wir helfen konnten, wo wir
als Sozialdemokraten in der Konsequenz auch
Handlungsbedarf sehen.
So konnte der Petitionsausschuß erreichen —
erst durch eine Eingabe sind wir auf dieses
Problem aufmerksam geworden —, daß
deutschstämmige Aussiedler aus der Sowjetunion ihre dort
zurückgelassenen Geldguthaben bzw. auf einem
Sammelkonto der deutschen Botschaft hinterlegten
Rubel in der Bundesrepublik nun im Gegenwert von
D-Mark erhalten. In Verhandlungen mit der
Regierung der Sowjetunion konnte eine Regelung dahin
gehend erreicht werden, daß die deutsche Botschaft
diese Rubel in ihrem allgemeinen Geschäftsbereich
verwendet und der entsprechende Gegenwert hier
in der Bundesrepublik an die Berechtigten
ausgezahlt wird. Immerhin betraf und betrifft dies rund
380 Aussiedler. Bisher konnten davon rund 370
Fälle mit einem Gesamtvolumen von 1 650 000
abgewickelt werden. Dies ist der Erfolg einer einzigen
Petition, die der Bundestag auf Vorschlag des
Ausschusses dann mit dem Votum „zur
Berücksichtigung" an die Bundesregierung weiterreichte. Dazu
möchte ich auch noch feststellen: Dies ist auch ein
Teil der Entspannungspolitik, die diese kleinen
Schritte — für die Betroffenen sind es große —
ermöglicht.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren, ich komme zu
weiteren, aus meiner Sicht sehr markanten
Petitionsfällen: Wie schon in der 8. Wahlperiode, so wandten
sich auch in der 9. Soldaten an den
Petitionsausschuß, weil sie, da sie keine Beiträge an die
Bundesanstalt für Arbeit entrichteten, nach Abschluß ihrer
Dienstzeit keine finanziellen Leistungen nach dem
Arbeitsförderungsgesetz bei Umschulung,
beruflicher Weiterbildung oder Arbeitslosigkeit erhalten.
Hier wird an Hand konkreter Fälle, die an das
Parlament herangetragen werden, ein
Handlungsbedarf deutlich. Ich darf an dieser Stelle an die von
unserem letzten Münchener Parteitag im Jahre
1982 erhobene Forderung nach einem allgemeinen
Arbeitsmarktbeitrag erinnern. Ein solcher würde
solche Härtefälle gar nicht aufkommen lassen. Der
damalige und jetzige Bundeswirtschaftsminister
Graf Lambsdorff hat unserer damaligen Beschlüsse
als „Marterwerkzeuge aus der sozialistischen
Rumpelkammer" diffamiert. Die betroffenen Soldaten
können sich ob einer solchen Einstellung, die eine
Verhöhnung ihres ganz konkreten Problems ist, bei
dem Bundeswirtschaftsminister bedanken. Das ist
die politische Konsequenz einer Politik, die sich
solchen Anliegen letzten Endes verweigert.
Meine Damen und Herren, Sparbeschlüsse — das
wissen wir — sind in der Regel wenig populär.
Wenn sie jedoch sein müssen, sollten sie sozial
ausgewogen sein. Daß darüber, was soziale
Ausgewogenheit ist, die Meinungen nicht erst seit der Wende
erster Teil und dem nachfolgenden zweiten Teil
zwischen uns Sozialdemokraten und den anderen
Parteien weit auseinandergehen, ist bekannt. Im
Zuge des 2. Haushaltsstrukturgesetzes wurde von
den CDU/CSU-regierten Bundesländern über den
Bundesrat, durch den Vermittlungsausschuß u. a.
durchgesetzt, daß das Zusatztaschengeld für
Heimbewohner stark gekürzt wird und Eltern bei der
Unterbringung ihrer behinderten Kinder in
Heimen erheblich mehr belastet werden. Wir als
Ausschuß haben — wie auch die meisten Kolleginnen
und Kollegen aus ihren Wahlkreisen — zu diesen
einschneidenden Änderungen im
Bundessozialhilfegesetz etliche Petitionen erhalten, die zu Recht
Mißmut und Verärgerung der Betroffenen
beinhalteten. Dieser Protest — dazu waren uns, das sage
ich ganz offen, die Petitionen eine willkommene
Unterstützung — hat mit dazu beigetragen, daß
diese Maßnahmen letzten Ende zurückgenommen
wurden.
Auf Initiative der unionsgeführten
Bundesratsmehrheit erfolgte im 2. Haushaltsstrukturgesetz
eine erhebliche Einschränkung des
Personenkreises, der zum Bezug des sogenannten
Zusatztaschengeldes berechtigt war. Wer nicht mindestens
680 DM zu den Kosten seiner Heimunterbringung
beitragen konnte, so war in diesem Gesetz
formuliert, sollte des bis dahin gezahlten
Zusatztaschengeldes in Höhe von 25% des eigenen Einkommens,
jedoch höchstens 20% des Sozialhilfe-
Eckregelsatzes, verlustig gehen. In dem dann folgenden
Vermittlungsverfahren zum 2. Haushaltstrukturgesetz
konnte auf Initiative meiner Fraktion nach zähen
Verhandlungen die jetzt geltende Regelung
durchgesetzt werden, daß jeder Heimbewohner eine
monatliche Barleistung zur persönlichen Verfügung in
Höhe von 30 % des Eckregelsatzes der Sozialhilfe —
das sind zur Zeit rund 100 DM — erhält. Zusätzlich
erhält jetzt derjenige, der in der Lage ist, überhaupt
einen Eigenanteil zu seinen Heimkosten
beizusteuern, zusätzlich 5% seines Einkommens bis
höchstens 15% des Eckregelsatzes, also einen Zuschlag
bis ca. 50 DM. Durch die Anbindung an den
Eckregelsatz konnte eine gewisse Dynamisierung der
Barleistung erreicht werden.
Die politischen Vorstellungen der
unionsregierten Bundesratsmehrheit über Einschnitte in das
soziale Netz waren viel weitgehender, als die Union
heute noch wahrhaben will. Ein Beispiel dafür ist
die im Protokoll festgehaltene Äußerung des
bayerischen Finanzministers Streibl aus der 507.
Bundesratssitzung vom 18. Dezember 1981, wo er stolz
von den von der Union durchgesetzten
Minderausgaben bei der Sozialhilfe spricht.
Nun, diese Maßnahme konnte im Interesse der
Heimbewohner rückgängig gemacht werden. Was
jedoch jetzt wieder von Planungen der
Bundesregierung in der Sozialhilfe zu hören ist, hat mit dem
Bedarfdeckungsprinzip, auf dem die Sozialhilfe
aufgebaut ist, nichts zu tun. Man kann allerdings bis
jetzt nur vom Hörensagen ausgehen, weil die
Regierung hierzu noch nichts Konkretes sagt, offenbar
weil sie den Kommunen den Schwarzen Peter für
weitgehende Einschnitte zuschieben will. Das, was
damals in dem 2. Haushaltstrukturgesetz von den
Ministerpräsidenten Späth und Stoltenberg
durchgesetzt wurde, war kein zu entschuldigender
einmaliger Ausrutscher. Dahinter ist viel mehr
System. Es geht um die Durchsetzung dieser
berühmten Wende zur Umverteilung von unten nach oben,
gerade auch in der Sozialpolitik. An der Sozialhilfe
und in der Behindertenpolitik wird es für
jedermann deutlich sichtbar.
(Zuruf des Abg. Eigen [CDU/CSU])
— Herr Kollege Eigen, wir bekommen doch diese
Petitionen. Wir arbeiten doch nicht im luftleeren
Raum. Das wissen Sie doch selber. Sie waren doch
in der letzten Wahlperiode auch in unserem
Ausschuß.
(Beifall bei der SPD — Frau Berger [
Berlin] [CDU/CSU]: Das ist doch
parteipolitisch! — Weitere Zurufe von der CDU/
CSU)
— Entschuldigen Sie bitte, wir haben doch über
Petitionen zu reden, die bei uns eingehen. Das sind
doch konkrete Fälle.
(Zuruf von der FDP)
— Ich weiß gar nicht, warum Sie sich aufregen.
Herr Kollege, Sie sind doch jetzt auch im
Petitionsausschuß. Sie werden damit auch noch genügend zu
tun bekommen. Bekennen Sie sich doch einmal zu
Ihrer eigenen Politik. Ich verstehe Ihre Aufregung
gar nicht.
Meine Damen und Herren, ich will noch einige
weitere Probleme ansprechen, die uns
regelungsbedürftig erscheinen. Mehrere Petitionen machten
den Ausschuß auf folgendes Problem aufmerksam.
Wenn Kinder zu Vollwaisen werden und jemand
zum Vormund ernannt wird oder das älteste Kind
zum Haushaltsführer — so nennt man dies —
bestellt wird, geht das Kindergeld verloren. Das
jetzige Recht sieht die Zahlung von Kindergeld an
alleinstehende Vollwaisen, das angeblich nicht in
die Systematik des Familienlastenausgleichs paßt,
nicht vor, weil hier — so die Begründung — weder
eine Familie noch eine familienähnliche
Gemeinschaft vorliege. Wir werden uns mit dieser
Begründung jedenfalls nicht zufrieden geben — darin war
sich der Ausschuß einig —, sondern wir sollten die
nächste Gelegenheit nutzen, um dies zu einer
wirklich befriedigenden Lösung zu führen. Von einer
solchen Regelung dürften ca. 12 000 Personen
betroffen sein.
Ebenfalls unbefriedigend ist der jetzige Zustand,
wonach ein Arbeitnehmer, der wegen
Frühinvalidität aus dem Erwerbsleben ausscheidet, seine
staatlichen Sparprämien nach dem
Vermögensbildungsgesetz verliert, wenn er dieses Geld vorzeitig
anfordert, es sei denn, seine Minderung der
Erwerbsfähigkeit ist höher als 90 %, was in der Praxis 100 %
bedeutet. Ein Arbeitsloser kann dagegen ohne
prämienschädliche Wirkung über seine Sparzulagen
nach dem Spar-Prämiengesetz verfügen, was auch
richtig ist. Wir Sozialdemokraten sind der Meinung,
daß ein Arbeitnehmer bei Frühinvalidität über sein
angespartes Geld, und zwar ohne Prämienverlust,
sofort verfügen können sollte. Die Frühinvalidität
— das wissen wir — hat viele Ursachen. Nicht
zuletzt auf Grund der Arbeitsplatzbedingungen
scheiden immerhin rund 56 % der Arbeiter vor dem
Erreichen des 60. Lebensjahres aus dem Arbeitsleben
aus. Dies zeigt die Statistik der LVAs. Dies sollte
uns allen zu denken geben. Wenn wir uns die
Frühinvaliditätszahlen und Risiken anschauen, wissen
wir, daß die Arbeitnehmer für Frühinvalidität die
geringste Schuld tragen. Deshalb sollten die
Betroffenen nicht noch mit dem Verlust der staatlichen
Sparprämie bestraft werden. Wir werden hier
ebenfalls auf gesetzliche Änderungen drängen.
Meine Damen und Herren, Petitionen — ich
sagte es schon — sind wichtige Gradmesser für
anstehende Probleme. Lassen Sie mich von dieser
Stelle des Parlaments die Arbeitnehmer, die
Betriebsräte, die Personalräte, die hauptamtlichen
Kolleginnen und Kollegen in den Gewerkschaften
auffordern, uns über ihre Probleme zu unterrichten.
Der öffentliche Dienst ist sich in diesem
Zusammenhang seiner Rechte viel mehr bewußt. Aus der
Privatwirtschaft, in der wir auch unzählige
Probleme haben, wird, so meinen wir, aus dem Bereich
dieser Probleme viel zu wenig an uns
herangetragen, ob es nun das Kündigungsschutzrecht, den
Schwerbehindertenbereich, den Arbeitsschutz oder
auch die ausländischen Mitbürger betrifft. Es ist
eine Vielzahl von Fragen vorhanden, die wir
aufzugreifen haben, um sie im Interesse der Mehrheit
unserer Bürger einer Lösung zuzuführen. Wir
Sozialdemokraten sind dazu jedenfalls bereit.
Lassen Sie mich zum Schluß vor allen Dingen an
die Mitarbeiter, aber auch an die Kolleginnen und
Kollegen des Ausschusses einen Dank für die
Zusammenarbeit trotz unterschiedlicher
Auffassungen richten. Dieser Dank gilt vor allen Dingen auch
den Mitarbeitern des Ausschußbüros, die uns bei
vielen Eingaben wichtige Helfer auf dem Weg zu
gerechten Entscheidungen sind. — Herzlichen
Dank.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der FDP)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Neuhausen.
Neuhausen (FDP): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Es ist nicht ganz
unproblematisch, hier heute einen Beitrag zur
Aussprache über den Jahresbericht 1982 des
Petitionsausschusses leisten zu sollen und zu wollen, weil
meine Fraktion den Kollegen Dr. Rumpf und mich
erst ganz neu in diesen Ausschuß entsandt hat und
wir zudem auch nicht von einem Kreis erfahrener
Kollegen umgeben sind, die uns auf der Grundlage
ihrer eigenen Beteiligung im Jahre 1982 an den
Ausschußberatungen über die Schwerpunkte
unterrichten könnten. Meine Damen und Herren, ich
bekenne außerdem, daß mir in der letzten
Legislaturperiode über das hinaus, was man natürlich
theoretisch weiß, über die Einzelheiten des praktischen
Verfahrens, der praktischen Arbeit im
Petitionsausschuß nicht viel mehr bewußt war als das Gefühl
großer Hochachtung für die Kollegen, die ich zu
früher Morgenstunde zur Sitzung eilen sah, oft
offenbar ein wenig hungrig und außerdem meist mit
umfangreichen Akten versehen, die Obleute jedenfalls
mit umfangreicheren Akten versehen, als ich es bei
der Mitarbeit in anderen Ausschüssen erlebt habe.
Meine Damen und Herren, ich sage das deshalb
ganz offen, weil ich mich rückblickend ebenfalls ein
wenig dem Bedenken — und zwar zu Recht —
ausgesetzt fühle, das sich, wie ich bei der Lektüre der
Niederschriften über die Debatten zu den
Tätigkeitsberichten der Vorjahre festgestellt habe, in
vornehmer Form wie ein roter Faden durch die
Ausführungen der Kollegen hindurchzieht, dem
Bedenken nämlich, wie es denn um das Verständnis
für die Aufgaben und die Bedeutung des
Petitionsausschusses, auch um den Bekanntheitsgrad seiner
Arbeit in der Öffentlichkeit und ebenfalls hier im
Hause aussieht oder aussehen sollte. Meine Damen
und Herren, vielleicht ersetzt deshalb die Neuigkeit
der Beteiligung, der ersten Bekanntschaft ein
wenig die Autorität längerer Erfahrungen und erlaubt
ein paar unbefangene, wenn auch grundsätzlich
gemeinte Bemerkungen.
Tatsächlich besteht ja immer die Gefahr, daß
angesichts großer und bewegender politischer
Auseinandersetzungen über aktuelle Themen, die Denken
und Gemüt nicht nur der Akteure, sondern auch der
Bürger in Anspruch nehmen und im Mittelpunkt
des Interesses stehen, manche Einzelsorge,
manches Einzelproblem in den Hintergrund tritt, das
aber für den oder die Betroffenen von ebenso
drängender, vielleicht sogar von noch drängenderer
Bedeutung sein kann wie das, was die allgemeine
politische Diskussion beherrscht. Es besteht auch die
Gefahr, daß das Bemühen um die Lösung dieser
Einzelfragen und Einzelprobleme im Bewußtsein
der Öffentlichkeit und auch der politisch
Handelnden nicht den Rang einnimmt, der ihm entspricht.
Das erkennt man nicht deshalb, weil man jetzt
selber in dieses Arbeitsgebiet einbezogen ist und
natürlich seine Wertschätzung fördern möchte.
Man erkennt das, weil man nun praktisch oder, wie
man heute sagt, hautnah mit einer Fülle von
Einzelfragen konfrontiert wird, die ehestens als ein Stück
Erfolgs- oder auch Mißerfolgskontrolle hinsichtlich
der Art der gesetzgeberischen Arbeit und deren
Durchführung angesehen werden könnte. Sie
zeigen tatsächliche oder vermeintliche schwache
Stellen auf. Sie machen vermeintliche oder tatsächliche
Widersprüche, Ungerechtigkeiten oder Härten
deutlich. Sie stellen über das hinaus, was man ohnehin
in den Wahlkreisen hört, eine Art
institutionalisierten Test auf Effizienz, Zweckmäßigkeit und auch
auf den Einzelfall bezogene Angemessenheit und
Gerechtigkeit dar.
Ich nehme an, daß jeder, der an der Erarbeitung
vieler den Alltag unserer Bürger bestimmender
gesetzlicher Regelungen beteiligt oder für deren
Durchführung verantwortlich ist, an einem solchen
Test, an einem solchen Barometer, an einem
solchen Gradmesser, wie Herr Kirschner gesagt hat,
oder gar an einem solchen Seismographen
interessiert sein müßte. Schon deshalb ist die gründliche
Arbeit des Petitionsausschusses auch von
allgemeiner Bedeutung. Und schon deshalb ist eine stärkere
Verankerung des ihm zugrunde liegenden Rechts,
sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen an
das Parlament zu wenden, im Bewußtsein der
Öffentlichkeit, durch Aufklärung und Einbezug etwa
auch in schulische Inhalte, wünschenswert und
notwendig.
Für mich bietet die Behandlung solcher Bitten
und Beschwerden, solcher Petitionen, eigentlich
immer wieder die Probe aufs Exempel, wie ernst wir
es mit dem Gedanken des Vorrangs des
Individuums vor der Institution meinen und wie nachhaltig
wir uns dessen bewußt bleiben, daß Politik den
Rahmen für das Leben einzelner Menschen mit
ihren ganz individuellen Verhältnissen,
Möglichkeiten, Rechten und Pflichten bestimmt, wo aber auch
die Grenze zwischen allgemeinem Regelungsbedarf
und persönlicher Lebensgestaltung und
Verantwortung verläuft, wo Solidarität und Gerechtigkeit
gefordert sind, wo aber auch der einzelne sein
persönliches Risiko zu tragen hat.
Ein Blick in die Übersicht des Tätigkeitsberichts
zeigt, auf wie viele und wie verschiedene Bereiche
sich die Arbeit des Petitionsausschusses bezieht. In
den wenigen, kargen Wochen meiner Mitarbeit
habe ich doch den sehr nachhaltigen Eindruck
gewonnen, daß diese Mitarbeit den wohltätigen
Zwang ausübt, sich von der ja niemals
auszuschließenden Verengung des Blicks auf ein bestimmtes
Fachgebiet einmal zu lösen. Und wenn, wie ich
bisher gelernt und erlebt habe, die Zusammenarbeit
nicht so sehr vom Pro und Contra parteipolitischer
Auseinandersetzungen beeinträchtigt ist, sondern
bei aller Unterschiedlichkeit der Denkansätze auf
die Klärung, Beratung und auch Lösung eines ganz
konkreten Problems bezogen ist, also eine wirkliche
Zusammenarbeit darstellt, so ist das, finde ich, von
nicht zu unterschätzender Auswirkung auch auf
das gegenseitige Verständnis über die eigentliche
Arbeit in diesem Ausschuß hinaus.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Dazu kommt die ebenso energische wie
freilassende Verhandlungsführung der Frau
Vorsitzenden, der ich auch im Namen der im Jahr 1982, dem
der Bericht ja gilt, in ihrem Ausschuß tätig
gewesenen früheren Kollegen meiner Fraktion zu danken
habe.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Dazu kommt die vorbildliche Unterstützung durch
die Mitarbeiter des Ausschußbüros.
Eigentlich könnte man fast von parlamentarisch
-
paradiesischen Verhältnissen reden, wenn die Fülle
der Akten nicht so groß wäre, wenn sich nicht aus
ihrer Lektüre auch mancher bedrückende Einblick
in Einzelschicksale oder Problembereiche ergäbe.
Es kommt auch vor, daß das Petitionsverfahren,
wie ich sehe, als Forum der Fortführung politischer
Auseinandersetzungen mit anderen Mitteln, mit
den Mitteln des Petitionswesens, benutzt wird —
nicht von Abgeordneten, sondern von Petenten
gruppen. Das gilt z. B. für eine durch eine
Unterschriftensammlung unterstützte Petition, die sich
gegen das Gesetz zur Neuordnung des Rechts der
Kriegsdienstverweigerung richtet. Natürlich ist
auch sie wie jede andere in ihrem Anliegen und in
ihrer Argumentation sehr ernst zu nehmen. Aber
sie gerät in das Spannungsverhältnis allgemeiner
unterschiedlicher politischer Beurteilungen.
Anderes kann man wohl nicht erwarten.
Es gibt aber Punkte auch im Rückblick und bei
Nichtbeteiligung, die auf brennende Probleme
aufmerksam machen. Ein solcher ist neben anderen im
Jahresbericht 1982 auf Seite 10 unter 2.4.2
enthalten. Er betrifft eine Petition, die ein gesetzliches
Verbot der Gewalt gegen Kinder fordert. Weil ich
zur Zeit der Beratungen im Ausschuß noch nicht
dort tätig war, kann ich, obwohl mir die Unterlagen
zu diesem Komplex zur Verfügung gestellt wurden,
auf die Einzelheiten natürlich nicht eingehen. Das
wäre zu theoretisch.
Aber ich möchte doch — wenn auch nur
aphoristisch — diese Gelegenheit dazu benutzen, auf ein
wirklich bedrückendes Problem hinzuweisen, das,
wie ja auch Presseberichte der letzten Wochen und
Monate noch einmal zeigen, seine Aktualität nicht
verloren hat und leider so schnell auch nicht
verlieren wird. Man liest jetzt wieder, daß etwa 30 000
Kinder in Deutschland jedes Jahr von ihren Eltern
mißhandelt werden und etwa 1 000 Kinder an den
Folgen solcher Mißhandlungen sterben müssen. Zu
Recht schrieben die „Stuttgarter Nachrichten", daß
sich hinter diesen nüchternen statistischen Zahlen
noch sehr viel mehr Leid verberge, als reine Ziffern
es ausdrücken können. Aber Gewalt gegen Kinder,
meine Damen und Herren, meint ja mehr als
ausgesprochene Mißhandlungen; die Grenze ist fließend.
Ich möchte nicht im Sinne einer schlüssigen
Kausalität, aber doch unter Berücksichtigung eines
Zusammenhanges auf die ebenfalls genannte Zahl von
300 000 Schulunfällen jährlich hinweisen, die, wie es
heißt — ich kann das nicht überprüfen —, durch
aggressive Schulkinder verursacht werden. Hinter
diesen aggressiven Schulkindern steht natürlich
das zuerst genannte Problem.
Meine Damen und Herren, Politik, die sich um
Frieden bemüht, die heranwachsenden jungen
Menschen im Rahmen des nur irgend Möglichen
ein angstfreies Leben sichern möchte, Politik, die
wirklich den einzelnen meint und nicht mit
anonymen Massen rechnet, Politik, die weiß, daß unsere
Gesellschaft auf diese jungen Leute ja angewiesen
sein wird, Politik also, in der wir, wie ich glaube und
hoffe, alle übereinstimmen, muß solche Symptome
als eine schmerzende Wunde empfinden, und sie
weiß natürlich auch, daß mit Gesetzen nur ein
Bruchteil zu regeln ist, vor allem wenn physische
und psychische Gewalt zusammenfließen. Aber
Aufklärung und Hilfe ist doch eine ihrer
wichtigsten Aufgaben.
Meine Damen und Herren, unversehens — das
gilt nicht nur für diesen Punkt — führt also die
Arbeit im Petitionsausschuß an Grundfragen, die
einen persönlich berühren. Trotz des damit
verbundenen Ernstes und trotz der Fülle an Arbeit und
Akten, meine ich, ist gerade aus diesem Grund die
Arbeit in diesem Ausschuß befriedigend, weil sie
nicht nur den allgemeinen Anspruch erheben kann,
dem Bürger zu dienen, sondern dies auch im
konkreten Einzelfall unter Beweis zu stellen hat. —
Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat die Frau
Abgeordnete Nickels.
Frau Nickels (GRÜNE):
Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in
Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bit
-
ten oder Beschwerden an die zuständigen
Stellen und an die Volksvertretung zu wenden.
So bestimmt es Art. 17 des Grundgesetzes seit 1949.
Das Petitionsrecht gehört somit zu den
unveräußerlichen Grundrechten.
(Eigen [CDU/CSU]: Sehr richtig!)
Um diesem Recht einen noch größeren Nachdruck
zu verleihen, erhielt 1975 auch der
Petitionsausschuß Verfassungsrang. In Art. 45 c des
Grundgesetzes heißt es — ich zitiere —:
(1) Der Bundestag bestellt einen
Petitionsausschuß, dem die Behandlung der nach Artikel 17
an den Bundestag gerichteten Bitten und
Beschwerden obliegt.
(2) Die Befugnisse des Ausschusses ... regelt
ein Bundesgesetz.
Dieser doch erstaunlich hohe Rang wird dem
Petitionsrecht aus der Einsicht heraus zugebilligt, daß
auch in einem demokratischen Staat staatliches
Handeln immer menschliches Handeln ist und
somit zwangsläufig auch Fehler und Mängel
produziert, unter denen andere Menschen zu leiden
haben. Wenn also alle Stricke reißen und der einzelne
nicht mehr weiß, was er machen soll, kann er sich
in ganz bestimmten Fällen an die Volksvertreter
wenden. Ein Stückchen direkter Demokratie also,
von den immer mehr Menschen Gebrauch
machen.
1982 hatte das Ausschußbüro einen erheblichen
Anstieg der Zahl der Eingaben zu verzeichnen, was
hier auch von allen Vorrednern schon
hervorgehoben worden ist. Von 11 386 Eingaben im Vorjahr
stieg die Zahl 1982 auf 13 593 an. Je nachdem, wo
man sich im Augenblick befindet — auf der
Regierungsbank oder auf der Oppositionsbank —, kann
man diese Zunahme der Zahl der Eingaben einmal
der Tatsache zuschreiben, daß die Politik dem
Bürger im Augenblick etliche unverdauliche Brocken
zu schlucken gibt, oder aber dem zunehmenden
Rechtsbewußtsein des einzelnen. Die jungen Leute
würden es vielleicht noch anders ausdrücken; sie
würden vielleicht sagen: Je mehr das „Raumschiff
Bonn" von der Basis abhebt, desto mehr machen die
Bürger von ihrem Petitionsrecht Gebrauch.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Wahr ist wohl, daß schmerzhafte Einschnitte die
Leute wacher machen. Wer keinen Grund zum
Klagen hat, der tut es meistens auch nicht.
Ein Blick auf die Verteilung der Petitionen auf
die verschiedenen Sachgebiete zeigt darum auch
sehr früh, wo den Leuten der Schuh drückt und wo
Gesetze offenkundig viele Menschen zu Härtefällen
werden läßt. Es wäre vielleicht ganz gut, wenn die
Regierung öfter einen Blick in die
Ausschußvorlagen riskieren würde. Vielleicht wäre dann manches
wissenschaftliche Gutachten überflüssig.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Der Petitionsausschuß ist so eine Art
Fieberthermometer, der anzeigt, wo die Volksseele kocht oder
anfängt zu kochen. Aber er sollte auch — und das
vor allen Dingen — der verlängerte Arm des
Bürgers sein — wie Sie, Frau Berger, das früher auch
schon einmal gesagt haben — und seinen
berechtigten Beschwerden zum Erfolg verhelfen. Das ist
allerdings ein sehr hoher Anspruch. Die Wirklichkeit
sieht in vielem leider ganz anders aus.
Trotz der steigenden Zahlen von Eingaben
wissen z. B. sehr viele Bürger immer noch nicht, was
sie mit dem Begriff Petitionsausschuß überhaupt
anfangen sollen. Sie wissen nicht, daß „jedermann"
— und übrigens auch „jedefrau" — ganz gleich, ob
Gastarbeiter, Ausländer, Staatenloser, Strafgef
angener oder Minderjähriger das Petitionsrecht
besitzt. Ein Blick in den Jahresbericht 1982 zeigt, daß
auffallend viele Angehörige des öffentlichen
Dienstes, aber nur 28 % Frauen von ihrem Petitionsrecht
Gebrauch machen. Im übrigen — ich möchte das
hier anmerken — entsprechen sich Petenten und
Ausschußmitglieder: Wenn es um
beamtenrechtliche Belange geht, kann man im Ausschuß
nachgerade leidenschaftliche Debatten erleben, denen
Sabine Bard und ich nur staunend folgen können.
Aber nicht nur Unkenntnis, manchmal ist es auch
die Angst vor Nachteilen, die Menschen davon
abhält, sich an den Petitionsausschuß zu wenden.
Nach Aussagen von Behindertenvertretern ist das
vor allen Dingen bei Behinderten und
Heimbewohnern der Fall. Diesen Menschen dauert auch das
Ausschußverfahren oft zu lang. Vor allen Dingen
schreckt sie aber die Tatsache ab, daß die Voten des
Petitionsausschusses — Verfassungsrang hin,
Verfassungsrang her — keine bindende Wirkung
haben, daß heißt, daß sich die zuständigen Stellen
durchaus über ein Votum des Ausschusses
hinwegsetzen können. Und das geschieht doch relativ
häufig. So hat z. B. der Petitionsausschuß 1982 bloß in
52 von über 13 000 Fällen von seinem Recht
Gebrauch gemacht, der Bundesregierung Petitionen
zur Berücksichtigung und zur Erwägung zu
übermitteln. Davon waren bis zur Drucklegung des
Jahresberichts 17 noch nicht abgeschlossen, 13 positiv
beschieden, und in immerhin 10 Fällen ist die
Regierung dem Votum des Ausschusses nicht gefolgt.
Ich denke, daß hier eine der Ursachen dafür liegt,
daß im Gegensatz zum hohen rechtlichen Rang und
der moralischen Legitimation, die dem Ausschuß j a
zugebilligt wird, eine Geringschätzung seiner
Arbeit oft bei vielen Behörden, aber unter der Hand
auch beim Parlament, zu spüren ist.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich gut
an die erstaunten Blicke, die wir GRÜNEN von den
anderen Fraktionen hier geerntet haben, als wir
uns bei der Beschlußfassung über die beiden letzten
Sammelübersichten der Stimmen enthalten haben.
Wir hatten damals das Gefühl, diese Petitionen
nicht richtig genug zu kennen. Aus Respekt vor den
einzelnen Menschen, die doch hinter diesen
Sammelübersichten stehen, entschlossen wir uns zur
Stimmenthaltung. Fast hat es aber den Anschein,
als sei die Beschlußfassung über die
Sammelübersichten im Plenarsaal zu einem nutzlosen Ritual
verkommen, dem man sich eben aus
Pflichtbewußtsein unterzieht. Wenn das tatsächlich so ist — ich
weiß es nicht genau —, dann sollten wir dieses
Verfahren ändern.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Schon im vergangenen Jahr hat Herr Funke von
der FDP von dieser Stelle aus auf die zunehmende
Ohnmacht des Bürgers vor „anonymen
Einrichtungen wie Banken, Versicherungen oder großen
Konzernen" sowie anderen „nichtstaatlichen
Organisationen und gesellschaftlichen Gruppen"
hingewiesen. In allen diesen Fällen hat der
Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages bis heute keine
Einwirkungsmöglichkeiten.
Die von Herrn Funke angeregte
Weiterentwicklung des Petitionsrechts ist aber bis heute noch
nicht angegangen worden. Sie wäre doch so wichtig,
einmal im Interesse des Bürgers, zum anderen aber
auch, um die Schere zu schließen, die zwischen der
verfassungrechtlichen Stellung und den
tatsächlichen Möglichkeiten des Petitionsausschusses
klafft.
Einbeziehen sollte man meiner Meinung nach
hier auch die Erfahrungen, die Mitglieder des
baden-württembergischen Petitionsausschusses in
der vorletzten Woche in Skandinavien gemacht
haben. Sie waren sehr beeindruckt von der starken
und unabhängigen Stellung und Autorität der
Ombudsleute, die etwa im Rang eines Ministers
unabhängig neben Parlament und Regierung stehen und
aus eigener Initiative dort eingreifen können, wo
immer sie es für nötig halten. Das ist hier nicht
möglich.
Die Realität im Petitionsausschuß sieht heute so
aus, daß seine Wirksamkeit als Bürgeranwalt steht
und fällt mit dem persönlichen Engagement seiner
Mitarbeiter und Mitglieder. Dabei sind ihm
folgende Tätigkeitsfelder zugewiesen. Der Ausschuß
soll versuchen, für die Probleme eine Lösung zu
finden, die im Verantwortungsbereich des Bundes
entstehen oder durch Ämter und Einrichtungen
verursacht werden, die von Bonn beaufsichtigt werden.
Daß auf diesem Arbeitsfeld doch relativ viel
erreicht wird, ist vor allem — das ist so gemeint, wie
ich es sage; denn Lobhudelei liegt uns nicht — Ihr
Verdienst, Frau Berger. Ich denke, Sie sollten auch
nicht traurig sein, wenn Sie die leeren Bänke hier
sehen. Die Leute, denen Sie geholfen haben, wissen
das schon zu schätzen.
(Beifall bei allen Fraktionen)
Ein zweiter wichtiger Tätigkeitsbereich umfaßt
Vorschläge zur Gesetzgebung, die Bürger dem
Ausschuß übermitteln, der dann über die — das ist ein
Ausdruck der Verwaltung — Berechtigung des
Anliegens zu entscheiden hat. Diese Arbeit erleben
meine Kollegin und ich als ziemlich
spannungsreich. Einmal unterliegen die Mitglieder des
Petitionsausschusses der begründeten Forderung, ihren
Ausschuß nicht zum Oberausschuß über alle
anderen werden zu lassen. Das ist aber nur machbar
durch Selbstbeschränkung in der inhaltlichen
Diskussison. Andererseits hat das aber auch zu der
Legende geführt, der Petitionsausschuß sei ein
politisches Neutrum, so etwa nach der Devise: Im
Petitionsausschuß sind die Abgeordneten weder rechts
noch links, sondern vorn am Puls des Volkes.
Dabei spiegelt unser Ausschuß nicht bloß die
Ungereimtheiten und Härten wider, die oft in der
Folge von Gesetzen im Leben auftauchen, sondern
ganz genau auch die politische Wirklichkeit.
Gesetze werden eben nicht im luftleeren Raum
gemacht, sondern sie entstehen auf dem Boden
politischer Realitäten und Interessen. Eben darum ist
auch die Entscheidung darüber, ob die Bitte zur
Änderung eines Gesetzes ein berechtigtes Anliegen
und — wie es so schön heißt — der Regierung zur
Berücksichtigung zu überweisen oder aber nach
Sach- und Rechtslage als erledigt anzusehen ist,
eine politische Entscheidung. So werden gerade die
Gesetze, die von der Regierungsmehrheit gemacht
und dann beim Petitionsausschuß von Bürgern
beanstandet werden, von eben dieser Mehrheit im
Petitionsausschuß oft auch als nach Sach- und
Rechtslage erledigt erklärt.
Ein konkretes Beispiel dafür liegt Ihnen heute in
der Sammelübersicht 5, Drucksache 10/160, zur
Beschlußfassung vor. Es ist die Petition Nr. 103,
Stichwort Zivildienst, und zwar ist es die zweite Petition
auf der letzten Seite oben der Sammelübersicht.
Der Bittsteller wendet sich zusammen mit 422
anderen gegen das Gesetz zur Neuordnung der
Kriegsdienstverweigerung, weil er die
Verlängerung des Zivieldienstes auf 20 Monate für
verfassungswidrig hält. Die Neuregelung verstößt seiner
Meinung nach gegen Art. 12 a des Grundgesetzes,
nach dem die Dauer des Zivildienstes die Dauer des
Wehrdienstes nicht übersteigen darf. Außerdem
kritisiert er, daß dieses Gesetz eine weitere
Benachteiligung von Kriegsdienstverweigerern und
Zivildienstleistenden mit sich bringt.
In der Stellungnahme, die der Petitionsausschuß
vom Bundesminister für Jugend, Familie und
Gesundheit zu dieser Petition einholte, führte dieser
aus, daß die Eingabe unbegründet sei. Der
Petitionsausschuß schloß sich mit Mehrheit der
Auffassung des Ministers an und schlägt heute dem
Bundestag vor, diese Petition als nach Sach- und
Rechtslage erledigt anzusehen. Eine wirkliche
Würdigung der Argumente des Petenten konnte aber im
Petitionsausschuß nicht stattfinden, eben mit der
Begründung, eine inhaltliche Diskussion dieser
Problematik sei dem entsprechenden
Fachausschuß vorbehalten.
Jeder hier weiß, wie umstritten die übereilige
Novellierung des Kriegsdienstverweigerungsrechtes
in juristischen Fachkreisen, aber auch in breiten
Teilen der Öffentlichkeit war und ist. Eine
Dauerdiskussion über diese Gesetzesnovelle bahnt sich
an. Aus diesen Gründen und weil wir das Anliegen
des Bittstellers für voll berechtigt halten — und
weil ich auch denke, daß nicht nur in
beamtenrechtlichen Belangen Petitionen der Regierung zur
Berücksichtigung vorgelegt werden sollten —, machen
wir heute von unserem Recht Gebrauch, die
getrennte Abstimmung über diese Petition zu
verlangen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Namens meiner Fraktion stelle ich hiermit
gemäß § 47 der Geschäftsordnung den Antrag, über
die im Antrag 4, lfd. Nr. 103, Sammelübersicht 5,
genannte Petition getrennt abzustimmen. Ein
weitergehender Antrag zu dieser Petition liegt Ihnen
als Drucksache vor.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat die
Abgeordnete Frau Will-Feld.
Frau Will-Feld (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Herr Kollege Kirschner, ich
kann mich nicht enthalten, einiges zu Ihnen zu
sagen. Ich meine, wir sollten im Petitionsausschuß
und auch hier im Plenum kein Wahlkampfforum
eröffnen. Wir bemühen uns im Petitionsausschuß
quer durch die Fraktionen um Hilfen und die
Vermeidung von Härten. Es ist keine Umverteilung von
unten nach oben. Sparen ist eine sehr schmerzliche
Angelegenheit. Ich habe immer wieder festgestellt,
Herr Kollege, daß sich alle anderen
Mitabgeordneten im Petitionsausschuß darum bemühen, Hilfe zu
leisten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, Frau Kollegin Berger
hat dankenswerterweise schon die Begründung
dafür gegeben, warum die Zahl der Petitionen so sehr
zugenommen hat. Ich will mich darauf beschränken
zu sagen, daß das Steuerrecht auch immer noch
Anlaß gibt, Petitionen einzureichen, und daß das
Ehe- und Familienrecht in seinen Auswirkungen
auf das Steuerrecht und in seinen Auswirkungen
auf das Scheidungsfolgenrecht zu zahlreichen
Petitionen führt. Betroffen sind einzelne Bürger,
Gruppen von Bürgern und auch gesellschaftliche
Gruppen.
Die Petitionen — das sage ich jetzt auch einmal
an die Anschrift der Frau Kollegin Nickels —
beinhalten echte Härten, aber auch — dies habe ich in
langjähriger Erfahrung festgestellt — solche
Anliegen, die individuell als Härten empfunden werden.
Aus diesem Grunde ist es so schwierig, im
Petitionsausschuß zwischen echten, objektiven Härten
und subjektiv empfundenen Härten zu
unterscheiden.
Aus diesen Gründen wundert es mich eigentlich
gar nicht, daß der Herr Bundesminister für Arbeit
und Sozialordnung 21,87 % Anteil an den Petitionen
hat. Das Finanzministerium folgt in weitem
Abstand mit 8,66 % Anteil. Auch bei den Petitionen im
Bereich der Finanzen wird sehr deutlich, wie hart
der einzelne Bürger von den Auswirkungen
betroffen werden kann. Es wird aber auch deutlich, daß
der Bürger immer schneller auf Gesetze reagiert,
die wir hier im Bundestag verabschieden, und zwar
nicht nur der einzelne Bürger, sondern auch ganze
Gruppen von Bürgern. Das haben wir in der letzten
Zeit feststellen können. Meine Damen und Herren,
das ist ein beachtenswerter Umstand, durch den vor
allen Dingen auch die Bedeutung des
Petitionsausschusses unterstrichen wird.
Ich darf aus der Fülle der Beratungen im
Petitionsausschuß drei Fälle herausgreifen. Es sind
Deutscher Bundestag — 10. Wahlperiode — 17. Sitzung. Bonn, Freitag. den 24. Juni 1983 1133
Frau Will-Feld
keine typischen Beispiele, sondern es ist einfach
eine Materialsammlung.
Der erste Fall behandelt das sogenannte
Realsplitting, die Anerkennung von
Unterhaltsleistungen für geschiedene Eheleute. Ein Bürger beklagte
sich, in der Praxis sehe es so aus, daß der
geschiedene Ehegatte seine Zustimmung oft deshalb
verweigere, um nicht selbst steuerpflichtig zu werden.
Leider verweigere er die Zustimmung aber auch —
das sagt der sich beklagende Bürger —, um „alte
Rechnungen" zu begleichen und den
Unterhaltspflichtigen nicht in den Genuß der günstigeren
Regelung kommen zu lassen.
Der Petitionsausschuß hat diesem Bürger
allerdings antworten müssen, daß bei einer ersatzlosen
Aufhebung des Zustimmungserfordernisses dieser
Nachteil zwar entfiele, die Last, im Wege der Klage
vorzugehen, dann aber den Unterhaltsberechtigten
träfe. Das heißt also, wir konnten keine Abhilfe
schaffen, weil wir den einen Bürger zwar entlastet,
dafür den anderen Bürger aber in eine zusätzliche
Pflicht genommen hätten.
Ein zweites Beispiel. Es werden auch Regelungen
angegriffen, die unbedingt geändert werden
müssen, weil der Bürger sie unter den Bedingungen der
80er Jahre als unerträglich empfindet,
beispielsweise die Ungleichheit der Besteuerung der
Altersversorgung. Ein Bürger sagte uns, Altersrente sei
nicht gleich Altersrente; der Privatrentner werde
für seine Eigeninitiative bestraft, die Gleichheit
aller Bürger vor dem Gesetz sei nicht mehr gegeben.
Wir konnten dem Bürger mitteilen, daß das
Bundesverfassungsgericht am 26. März 1980 den
Gesetzgeber verpflichtet hat, die Besteuerung der
Alterseinkünfte neu zu regeln, konnten also Hilfe in
Aussicht stellen.
Ein drittes Beispiel soll zeigen, daß manches
Wünschenswerte, mit dem dem Bürger geholfen
werden könnte — was wir auch gern sehen
würden —, im Zeitalter der leeren Kassen eben nicht
mehr machbar ist. Da beschwert sich beispielsweise
ein Bürger, der Schwerbehinderter ist, er erhalte in
seinem Schwerbehindertenausweis sofort den
Befreiungsstempel sowohl für Rundfunk- und
Fernsehgebühren als auch für Telefongebühren, aber
bei der Kfz-Steuer und der Kfz-Versicherung sei
dies alles viel schwieriger, denn er bekomme — so
sagt der betroffene Bürger — diese Befreiung nicht,
wenn auch seine Frau das Auto, für das er die
Befreiung begehrt, benutze. Er führt weiter aus,
seine Frau höre doch auch mit ihm zusammen
Rundfunk, sehe mit ihm fern und benutze mit ihm
das Telefon.
Wir mußten dem Bürger allerdings sagen, wir
müßten an dieser Regelung, wie sie im Augenblick
normiert sei, festhalten,
(Zuruf von den GRÜNEN: Deswegen, weil
wir das Geld für die Panzer brauchen, geht
es nicht anders!)
sonst bestünde die Möglichkeit, ein Fahrzeug nur
mit dem Ziel der Steuerersparnis auf den Namen
des Behinderten zuzulassen, es aber tatsächlich nur
oder doch teilweise für andere Zwecke zu benutzen.
Eine andere Regelung sei wünschenswert, aber in
Anbetracht der Tatsache, daß wir leere Kassen
haben, nicht zu verwirklichen.
Meine Damen und Herren, abschließend möchte
ich eine Anregung geben, von der ich allerdings
sicher bin, daß sie nur schwer in die Tat
umzusetzen oder sogar kaum zu verwirklichen ist. Aus den
Ministerien, vor allen Dingen aus dem
Finanzministerium und aus dem Ministerium für Arbeit und
Sozialordnung, erhalten wir hervorragende
Stellungnahmen. Die Umsetzung dieser
Stellungnahmen in die Bescheide an die einzelnen Bürger
könnte ich mir anders vorstellen, nämlich im Text
schlichter, in der Darstellung einfacher und im Ton
ein wenig wärmer, denn der Bürger erhält eine
Fülle von Bescheiden von der Verwaltung und von
allen möglichen anderen bürokratischen Instanzen,
und er fühlt sich zu sehr als Objekt und zu wenig
als Mensch behandelt. Ich meine, hier wäre noch
ein weites Feld, auf dem wir einiges tun könnten,
denn der Petitionsausschuß sollte sich eines
anderen Tones, eines anderen Stils befleißigen. — Ich
bedanke mich.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Meininghaus.
Meininghaus (SPD): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Wenn der
Petitionsausschuß unter dem Stichwort
„Familienzusammenführung" in seinem Tätigkeitsbericht für das
Jahr 1982 schlicht feststellt, daß er mit großer Sorge
den Rückgang der Zahlen der Aussiedler aus der
UdSSR, aus Polen und aus Rumänien betrachtet,
wenn dann mit wenigen nüchternen Sätzen einige
Probleme angesprochen werden und festgestellt
wird, daß Ausreisewillige lange Wartezeiten,
vielfach jahrelange Wartezeiten, hinnehmen müssen,
und wenn es heißt, verstärkt klagten
Ausreisewillige über berufliche und persönliche Nachteile
während des Ausreiseverfahrens, kann das nicht die
ganze Tragik deutlich machen, die in den
Ostblockländern den Menschen widerfährt, die nichts
anderes wollen, als mit ihren Familien in Frieden und
Freiheit leben, die nichts anderes wollen als ihre
Menschenrechte wahrnehmen.
Da lesen wir in den Petitionen von Schikanen der
Behörden und der Parteiorgane, wenn bekannt
wird, daß jemand in die Bundesrepublik
Deutschland ausreisen will. Anfeindungen am Arbeitsplatz
und Verlust einer qualifizierten Tätigkeit sind
oftmals die Folge. Fachkräfte werden zu Hofreinigern
degradiert oder müssen andere — nach unseren
Vorstellungen unzumutbare — Arbeiten verrichten,
und dies über Jahre hinweg, in denen der
Ausreiseantrag immer wieder in Frage gestellt wird und neu
eingereicht werden muß. Not und Verzweiflung für
die gesamte Familie sind doch wohl die Folge dieses
unwürdigen Verfahrens.
Der Petitionsausschuß verweist hier mit allem
Nachdruck auf die Verträge von Helsinki, in denen
sich die Teilnehmerstaaten verpflichteten, Gesuche
zur Familienzusammenführung zu genehmigen und
so zügig wie möglich zu behandeln.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Die Bundesregierung sollte alle Möglichkeiten
ausschöpfen, um zu helfen. Der Bundeskanzler sollte
bei seinem Besuch Anfang Juli bei Herrn
Andropow in Moskau die humanitären Probleme der
Familienzusammenführung nachdrücklich gegenüber
den sowjetischen Gesprächspartnern ansprechen
und dabei auch konkrete Einzelfälle vortragen, wie
das in der Vergangenheit durch andere
Bundeskanzler schon geschehen ist.
Während 1978 noch 8 455 Aussiedler die UdSSR
verlassen konnten, waren es 1982 nur noch 2 071
Personen. Bei gleichbleibender Entwicklung wird
1983 nicht einmal mehr diese Zahl erreicht
werden.
Diesen Zahlen steht eine immer bedrückendere
Situation der Ausreisewilligen gegenüber, die das
eben geschilderte Schicksal erleiden müssen.
Eine Vielzahl von Petitionen zur
Familienzusammenführung bezog sich in der vergangenen Zeit
auch auf Polen. Dabei häufen sich die Fälle, in
denen die Petenten im Rahmen einer Besuchsreise
in die Bundesrepublik Deutschland kamen und
nicht wieder zu ihren Familien nach Polen
zurückkehrten. Die polnischen Behörden haben in solchen,
wie sie es nennen, illegalen Fällen für die in Polen
verbliebenen ausreisewilligen Angehörigen bisher
nur in einer relativ kleinen Zahl
Ausreisegenehmigungen in zumutbarer Zeit erteilt. Sie vertreten
nämlich den Standpunkt, daß ein in ihren Augen
illegales Verbleiben im Ausland nicht vorrangig
zum Nachzug der Familienangehörigen führen
dürfe.
Das polnische Außenministerium lehnt daher die
Annahme von Interventionsnotizen unserer
Botschaft entschieden ab. Die Polen betrachten dies als
Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten.
Der Petitionsausschuß erwartet von der
Bundesregierung, daß sie trotzdem bei jeder sich bietenden
Gelegenheit diese Ausreiseanliegen fördert.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Der Ausschuß rät den Angehörigen, den
Ausreiseantrag bei den zuständigen polnischen Behörden
beharrlich weiterzuverfolgen und unsere Botschaft
in Warschau über die Entwicklung des
Ausreiseverfahrens auf dem laufenden zu halten.
Wenn die Antragsteller allerdings Personen mit
unbestreitbarer deutscher Volkszugehörigkeit sind,
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Bitten und Beschwerden an den Deutschen Bundestag Die Tätigkeit des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages im Jahre 1982 (G-SIG: 100
- part_of_vorgang → Gesetzes zur Änderung des Parteiengesetzes und anderer Gesetze (G-SIG: 10020066) (1. Beratung)
- part_of_vorgang → Gesetz zu dem Abkommen vom 20. Oktober 1982 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Schweizerischen Eidgenossenschaft über Arbeitslo
- part_of_vorgang → Gesetz zu dem Übereinkommen vom 30. November 1979 über die Soziale Sicherheit der Rheinschiffer (G-SIG: 10020021)
- part_of_vorgang → Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Neue Informations- und Kommunikationstechniken" (G-SIG: 10000217)
- spoke_in ← Detlef Kleinert (Rede)
- spoke_in ← Eckhard Stratmann (Zur Geschäftsordnung BT)
- spoke_in ← Hans-Jürgen Wischnewski (Rede)
- spoke_in ← Otto Schily (Rede)
- spoke_in ← Wolfgang Schäuble (Rede)