Rede von Kerstin Andreae (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/8905, 16/9471
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8: Drucksachen 16/8905, 16/9471 –.
Text
Rede von Kerstin Andreae (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/8905, 16/9471
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Bevor ich auf die Inhalte des Antrags eingehe,
möchte ich kurz sagen: Es hat uns sehr enttäuscht, dass
wir im Wirtschaftsausschuss über die Angelegenheit
nicht debattieren konnten.
(Laurenz Meyer [Hamm] [CDU/CSU]:
Warum?)
Uns wurde erzählt, es gebe einen Fragenkatalog der
FDP. Dem Protokoll der Wirtschaftsausschusssitzung ist
zu entnehmen:
Die Parlamentarische Staatssekretärin Wöhrl hat
zugesichert, aufgrund der vorangeschrittenen Zeit
die schriftlich ausgearbeiteten Antworten den
Ausschussmitgliedern im Laufe des Tages per E-Mail
zuzusenden.
Das war gestern. Es ist nicht geschehen. Wir mussten
heute extra nachfragen, damit wir die Antworten
bekommen.
Ich bitte, dass das abgesprochene Verfahren
eingehalten wird. Wir haben ein Recht auf die Antworten auf
diese Fragen. Es ist notwendig, dass wir sie bekommen,
damit wir eine ausführliche, sinnvolle Debatte führen
können.
Kerstin Andreae(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der FDP – Laurenz Meyer [Hamm]
[CDU/CSU]: Das müssen wir sicherstellen! –
Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Aber hallo!)
Ich möchte jetzt einige Punkte zu den Inhalten des
Antrags sagen. Ich stimme mit Ihnen darin überein, dass
es wichtig ist, hier Bürokratieabbau zu betreiben. Sie
wollen die Programme zusammenfassen. Das ist gut; es
wird einfacher. Der Antrag ist aber noch sehr unkonkret
und kommt blass daher. Es gibt viele Möglichkeiten, im
Bereich der KMU Forschungs- und
Technologieförderung zu betreiben. Sie müssen aber viel dezidierter und
klarer äußern, was Sie denn wollen und in welche
Richtung Ihre politische Arbeit geht. Das wäre sehr wichtig.
Ein Beispiel: Unternehmensteuerreform und
Wagniskapital. Der erste Entwurf zum Venture Capital war ein
totaler Rohrkrepierer. Er wurde in der Anhörung von den
Sachverständigen auseinandergenommen.
(Widerspruch des Abg. Dr. Rainer Wend
[SPD] – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Es gab ein vernichtendes Urteil
aller Sachverständigen!)
– Das Urteil war sogar vernichtend. – Jetzt haben Sie
einen neuen Entwurf angekündigt. Meines Wissens hätte
er vor der Sommerpause verabschiedet werden sollen.
Das werden wir jetzt nicht mehr wirklich schaffen. Im
Übrigen ist meine Prognose, dass wir es in dieser
Legislaturperiode überhaupt nicht mehr schaffen werden, die
Programme zum Venture Capital auf neue Beine zu
stellen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der FDP)
Zweites Thema: Forschungsprämie. Sie haben die
Forschungsprämie eingeführt. Das ist eine gute Sache;
wir finden das richtig. Es geht darum, die
Zusammenarbeit zwischen KMU und Hochschulen zu fördern.
Untersuchen Sie aber einmal, warum nur 20 Prozent der
Mittel überhaupt abgefragt wurden. Wenn Sie solche
Programme auflegen und solche Prämien einführen,
müssen Sie doch auch schauen, was mit den Mitteln
passiert. Warum liegen 80 Prozent der Mittel brach? Warum
werden sie nicht genutzt? Solcher Fragen müssen Sie
sich annehmen.
Mein drittes Thema – auch hier finde ich Ihr
Vorgehen viel zu unambitioniert –: Klimaschutz,
Umwelttechnologien und effiziente Technologien. Wir haben schon
im Zusammenhang mit der Hightech-Strategie
angemahnt, dass ein Leitbild „nachhaltiges Wirtschaften“
fehlt. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, eine politische
Ausrichtung der Technologieförderung und -forschung
vorzunehmen. Wir brauchen wesentlich stärkere
Anstrengungen in den Bereichen Effizienztechnologien,
erneuerbare Energien und Einsparpotenziale.
Ich gebe zu, dass Sie im Haushalt mehr Mittel für
Klima- und Energieforschung bereitgestellt haben. Sie
müssen aber auch deutlich mehr Marktanreizprogramme
auflegen, damit die Forschungsergebnisse als Produktebzw. Produktionsprozesse in den Markt überführt
werden können. Das ist es, was wir brauchen, was Sie aber
nicht machen. Die Klimapolitik der Bundesregierung
besteht nur aus schönen Worten. Da steckt nicht viel hinter.
Morgen führen wir eine lange Debatte über das
Klimapaket, über das IKEP. Da steckt nicht viel hinter, was
Marktanreizprogramme oder die Schaffung von Märkten
angeht, damit das, was erforscht wird, auch tatsächlich
einmal auf dem Markt angeboten werden kann. Wir
müssen marktreife Produkte entwickeln und
Anreizprogramme schaffen, sonst sind die meisten Mittel im
Forschungsbereich nutzlos.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Und es muss vor allen Dingen in
Deutschland produziert werden!)
Viertes Thema: IT. Es gab einen IT-Gipfel. Es bestand
die große Hoffnung, dass die Bundeskanzlerin auf
diesem IT-Gipfel ankündigt, dass die Einkommensschwelle
für ausländische Fachkräfte gesenkt wird, weil sie zu
hoch ist. Ich werde nicht müde, es zu sagen: Wenn Sie
verlangen, dass eine ausländische Fachkraft aus dem
Nicht-EU-Ausland in Deutschland ein Einkommen von
85 000 Euro pro Jahr nachweist, dann werden Sie diese
Kraft nicht bekommen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der
LINKEN)
Sie stehen einer Fortentwicklung in den Bereichen
Technologieentwicklung, Forschung und Innovation, in
denen wir auf das Know-how von anderen angewiesen
sind, im Weg, weil Sie eine diesbezügliche Änderung
nicht herbeigeführt haben. Das war eine
Riesenenttäuschung auf dem IT-Gipfel. Wenn Sie wenigstens solche
Maßnahmen umsetzen würden, wären wir schon
deutlich weiter.
Fazit: Das ist ein oberflächlicher, blasser Antrag, der
mehr Fragen aufwirft, als er Antworten liefert.
Statt den Kritikpunkten, die im Übrigen auch von der
eigenen Expertenkommission geäußert wurden,
nachzugehen, verzetteln Sie sich in Prosa. Auch im
Wirtschaftsausschuss fand keine Debatte darüber statt. Da wir es im
Prinzip sinnvoll finden, dass Sie die Programme
zusammenfassen, werden wir uns bei der Abstimmung heute
enthalten.
Vielen Dank.