Rede von Maik Reichel (SPD) – Unterrichtung durch den
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 12 a: Beratung der Unterrichtung durch den.
Text
Rede von Maik Reichel (SPD) – Unterrichtung durch den
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Von einigen meiner Vorredner ist schon betont
Maik Reichelworden: Der uns vorliegende Antrag der Fraktion Die
Linke ist nahezu gleichlautend mit Anträgen, die wir
schon des Öfteren behandelt haben. Das gibt uns noch
einmal die Möglichkeit, klarzustellen, was wir in
Afghanistan tun und was wir dort nicht tun. Ich denke, dazu
sollte immer genügend Zeit sein, auch wenn manche
Anträge von vornherein besser durchdacht sein sollten.
Ich will auf diesen Antrag unter dem Eindruck meiner
Reise nach Afghanistan vor wenigen Tagen eingehen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Linken, als ich
zunächst die Überschrift Ihres Antrags „Abzug der
Bundeswehr aus Südafghanistan“ gelesen habe – die war
zuerst bekannt –, habe ich geglaubt: Okay, die Linke hat
sich dem ISAF-Einsatz konstruktiv genähert; sie hat
unsere Mission dort zumindest anerkannt. Aber weit
gefehlt! Es geht wieder darum, aus Afghanistan insgesamt
abzuziehen. Auch meine Vorredner – Kollege Beck,
Kollege Nouripour und Frau Homburger – haben
deutlich gemacht, unter welchen Bedingungen wir da sind,
was wir wollen und was klar sein muss, damit wir dort
weiter bleiben wollen. Meine Kollegin Uta Zapf ist
darauf entsprechend eingegangen.
Frau Homburger, nicht nur die FDP, sondern wir alle
– die SPD und die anderen Fraktionen – halten viel
davon, genau darauf zu achten, dass die Mandate
eingehalten werden; das machen wir auch. Ich möchte das kurz
an dem Beispiel Kontingentobergröße erläutern: An
diesem Punkt halten wir das Mandat ein, auch wenn es hier
und da ein bisschen quietscht, weil wir
Managementprobleme haben. Auch da werden wir perspektivisch bis zur
nächsten Mandatsverlängerung sicherlich einiges tun.
Frau Homburger, was Thales anbetrifft, sind wir
ebenfalls auf Ihrer Seite. Wir müssen beobachten, wie
sich der Afghanistan-Einsatz dort entwickelt. Er ist
anders als vor sechs Jahren. Wohin konkret müssen wir
gehen? Wenn die nächste Mandatsverlängerung ansteht,
müssen wir über Veränderungen nachdenken. Auch das,
worüber wir heute diskutieren, wird dabei eine gewisse
Rolle spielen.
Ich möchte auf meine Reise vor wenigen Tagen
zurückkommen. Daran haben insgesamt acht Kollegen
teilgenommen. Vor Ort gewesen zu sein – einige hier haben
mich begleitet –, erhöht das Verständnis dessen, was dort
passiert. Zwar können Berichte und Bilder einen
Eindruck vermitteln, aber wichtiger ist, dorthin zu gehen
und mit den Akteuren vor Ort auf allen Ebenen zu reden.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie des
Abg. Ernst-Reinhard Beck [Reutlingen]
[CDU/CSU])
Lieber Kollege Schäfer, ich glaube, für viele von
Ihnen wäre es nötig, einmal dorthin zu fahren – das
scheinen Sie nicht zu wollen –, sich mit den Soldatinnen und
Soldaten, mit den Polizistinnen und Polizisten und auch
mit den Leuten, die dort leben, zu unterhalten, um zu
erfahren, was dort passiert; denn man kommt von dort
etwas verändert zurück. Man erfährt, was die Soldatinnen
und Soldaten beim Aufbau der afghanischen Armee
machen. Unser hiesiges Menschenbild ist dort fehl am
Platz. Dort gilt ein ganz anderer Maßstab für das, wasErfolg ist. Wir reden zu wenig über die Erfolge, die dort
erzielt werden.
Natürlich ist die Sicherheitslage prekär; aber sie wird
noch prekärer, falls wir unsere Truppen dort abziehen
und den Wiederaufbau nicht fortführen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/
CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN)
Das wollen wir nicht. Man kann dort konkret erleben,
was unsere Soldatinnen und Soldaten, unsere Polizisten
und auch die zahlreichen Aufbauhelfer dort tun. Ich
möchte an dieser Stelle allen, die dort monatelang mit
vielen Entbehrungen arbeiten, meinen herzlichsten Dank
aussprechen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/
CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN)
Ich möchte noch auf einige wenige Aspekte eingehen.
Seit 2002 wird der Polizeiaufbau dort bilateral
durchgeführt; mittlerweile geschieht er unter der Verantwortung
von EUPOL. Über 18 000 Polizisten sind dort
ausgebildet worden. Momentan werden etwa 35 000 Menschen
in der Armee ausgebildet. Diese Zahl soll auf 70 000
ansteigen. Wir sind unterstützend dort – Assistants. Das
heißt, wir wollen, dass die Afghanen sich selbst schützen
können, ob mithilfe von Polizei, Justiz oder Armee. Das
ist das Wichtige; das kann nicht oft genug gesagt
werden. Ich kann nur jedem raten: Fahren Sie hin! Sprechen
Sie mit den Leuten vor Ort!
Zum Abschluss möchte ich noch erwähnen, was Zia
Farsin – ein Afghane, der uns begleitet hat – gesagt hat:
Afghanistan ist wie ein Mensch, der gefallen ist, der
unterstützt wird und dessen Arme hochgehalten werden,
unter anderem auch von euch. Er wankt nach vorne und
nach hinten. Wenn ihr loslasst, dann fällt er wieder. Das
wollen wir nicht. Bleibt hier und helft!
Viele Studien – Frau Zapf hat es erwähnt – sprechen
dafür. In diesem Sinne, lieber Herr Schäfer: Fahren Sie
hin, schauen Sie es sich an, und reden Sie mit den
Leuten!
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der FDP)