Rede von Detlef Dzembritzki (SPD) – Drucksache 16/9428
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 34: Drucksache 16/9428 –.
Text
Rede von Detlef Dzembritzki (SPD) – Drucksache 16/9428
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Mir tut es immer leid, Kollege Königshaus, wenn ich die
Verpflichtung habe, nach Ihnen zu sprechen. Ich finde,
es wird dem Anliegen, das wir hier im Hause haben,
nicht gerecht, das Thema auf eine solche Ebene zu
ziehen.
Detlef DzembritzkiIch habe überhaupt kein Problem damit, der Fraktion der
Grünen zu sagen: Ich finde es gut, dass Sie diesen
Antrag eingebracht haben.
Das Neue an der ganzen Geschichte ist, dass wir
nächste Woche eine Paris-Konferenz haben,
(Beifall des Abg. Jürgen Trittin [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN])
die sich mit den Leistungen auseinandersetzt, die die
internationale Gemeinschaft, die afghanische Regierung,
das Parlament und die Menschen dort haben erbringen
können, bzw. damit, wo Stellschrauben verändert
werden müssen. Die Diskussionen hier haben sich bisher
immer dadurch ausgezeichnet, dass wir geschaut haben,
wo wir bei diesem diffizilen Thema im Parlament
Schnittmengen haben. Die Verantwortung tragen wir
doch gemeinsam. Ich persönlich bin sehr dankbar für
den Antrag, weil ich hier schon des Öfteren in den
Debatten über Afghanistan darauf hingewiesen habe,
wie wichtig der Afghanistan-Compact vom Januar/
Februar 2006 ist. Ich habe dieses Papier bei allen
Diskussionen, die ich zum Thema Afghanistan führe, dabei;
denn das ist in gewissem Sinne die Roadmap. Ich habe
überhaupt keine Scheu, im Zweifel zu sagen: Das ist die
Exit-Strategie, und zwar eine erfolgreiche. Wenn wir das
erreicht haben, was im Afghanistan-Compact vereinbart
worden ist, dann haben wir die Chance, uns aus diesem
Land Schritt für Schritt zurückzuziehen. Das ist die
Philosophie, die hinter dem Afghanistan-Compact steht.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ich glaube, es ist notwendig, auf Folgendes
hinzuweisen – Kollege Ruck hat damit ein Stück weit
begonnen –: Das, was die internationale Gemeinschaft sich
vorgenommen und die afghanische Regierung mit
eingebracht hat, beginnt zu greifen, wenn auch nicht in dem
Umfang, wie wir es erhofft haben. Wer sich die Mühe
machen konnte, im Land etwas mehr als nur in den
Militärcamps von Masar-i-Scharif und Kunduz unterwegs zu
sein, der konnte unzweifelhaft feststellen, dass es riesige
Veränderungen gegeben hat. Man betrachte allein die
Infrastruktur und das, was auch deutsche Ingenieure
vollbracht haben – wenn ich es schon einmal gesagt habe,
bitte ich um Nachsicht –: Die Energieversorgung für
Kabul ist – wenn auch nicht im notwendigen Ausmaße –
sicher. Dort werden hervorragende Leistungen erbracht,
zum Teil unter Bedingungen, die eine ordentliche
Bezahlung nun wirklich notwendig machen. Mit diesen
Worten will ich das zusammenfassen.
Schauen wir uns die Polizeireform an; wir haben oft
darüber gesprochen. Ich muss hier noch einmal betonen:
Es geht nicht um Kritik an dem Verhalten der
Beamtinnen und Beamten sowie der Polizistinnen und Polizisten,
die in Kabul und anderswo in Afghanistan die
Ausbildung gemacht haben. Sie haben das zum allergrößten
Teil hervorragend gemacht. Die politischen
Voraussetzungen, die die Europäische Union und wir geschaffen
haben, waren nicht so umfassend, dass dort ein noch
größerer Erfolg hätte erzielt werden können.Von dem Beispiel Polizei ausgehend, will ich sagen:
Ich erwarte von der Paris-Konferenz, dass der
Afghanistan-Compact nicht mehr nur als Absichtserklärung
benutzt wird, sondern dass man sich zusammensetzt, eine
Art Bestandsaufnahme durchführt – was ist erreicht
worden? –, um festzustellen, was bis 2010/2011 noch
geleistet werden muss. Dann kann man nämlich sagen, welche
Ressourcen wir dafür einsetzen müssen, ob 400
Polizistinnen und Polizisten reichen, ob das, was für die
Armeeausbildung im Augenblick eingebracht wird, reicht
oder ob sowohl materielle als auch personelle
Ressourcen erweitert werden müssen. Herr Königshaus, das
Erwerben des Wissens, das notwendig ist, um bestimmte
Kapazitäten zu schaffen, kann man durchaus als Exit-
Strategie bezeichnen. Ich will mich auf diesen Begriff
nicht festlegen, weil er offensichtlich negativ besetzt ist;
ich dagegen möchte ihn positiv verstanden wissen.
Eines ist doch genauso klar: dass Polizei und Militär
nicht die Sicherheit, nicht die staatliche Funktionalität
schaffen können, die notwendig sind, um Vertrauen in
den Staat selbst zu haben. Wenn man sich anschaut, wie
schwach staatsanwaltliche, gerichtliche Institutionen
ausgebildet sind – der Gerichtsapparat steht nicht zur
Verfügung, um das, was wir als Recht betrachten, Recht
werden zu lassen –, fragt man sich: Wie soll Polizei
funktionieren?
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Hier ist viel nachzuholen; hier ist eine riesige Arbeit zu
leisten.
Heinemann hat gesagt: Wer mit dem Finger auf
jemand anders zeigt, sollte daran denken, dass in dieser
Hand zugleich drei Finger auf ihn zurückweisen. Ich
zeige daher überhaupt nicht auf irgendein Land.
Wahrscheinlich müssen die Europäische Gemeinschaft und
die internationale Gemeinschaft auch hier eine viel
stärkere Gemeinschaftsleistung vollbringen, als das bisher
der Fall war. Sie müssen eben die notwendigen
Ressourcen zur Verfügung stellen, damit das Land eine
materielle und eine inhaltliche Infrastruktur – Stichwort
„Justiz“ – bekommt. Erst dann wird man die Möglichkeit
haben – der Drogenbereich ist angesprochen worden –,
kriminelle Energie in diesem Bereich, etwa
Drogenanbau, rechtsstaatlich zu verfolgen. Bisher kann diese
Energie nur gezügelt werden.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, am Mittwoch haben
wir in der Parlamentarischen Versammlung der
Westeuropäischen Union den Bericht zur politischen
Entwicklung Pakistans und Afghanistans verabschiedet. Ich
will nicht unbescheiden sein; ich hatte die
Berichterstattung für diesen Teil übernommen. Was die
Parlamentarier der Westeuropäischen Union und der inzwischen
dazugekommenen EU-Länder damit beschlossen haben,
trifft genau den Kern: Wir erwarten, dass die Paris-
Konferenz nicht eine Pledging-Konferenz ist, sondern eine
Konferenz, auf der bilanziert wird, nachjustiert wird,
Vereinbarungen getroffen werden und Verbindlichkeit
hergestellt wird.
Detlef DzembritzkiHerr Kollege Trittin, dann wird man im Einzelnen
schauen müssen, wo im Zweifel für einen gewissen
Zeitraum bestimmte zusätzliche Mittel bereitgestellt werden
müssen, um diese Zielvorgaben zu erreichen.
Wir erwarten aber auch – ich denke, da im Namen des
Deutschen Bundestages zu sprechen –, dass ernsthafte
Anstrengungen unternommen werden, um das
europäische Konzept kohärent zu machen, damit es gelingt, dass
wir dort nicht als 20 bilaterale Akteure operieren,
sondern mit einem einheitlichen europäischen Konzept tätig
werden.
In diesem Sinne sollten wir zum Beispiel die Arbeit
von Kai Eide unterstützen, damit die Vereinten Nationen
innerhalb des Afghanistan-Compact tatsächlich die
Funktion erhalten, das Koordinierungs- und
Kooperationsglied zu sein.
Ich finde Ihre Überlegung in Ordnung, dass dieses
Beratungs- und Monitoringboard möglicherweise nur in
Afghanistan tagt. Hier sollte man mit einer
substanziellen Verbesserung zu dessen Handlungsfähigkeit
beitragen. Das kann ich nur unterstützen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, in der vorigen
Woche haben wir zusammen mit der Friedrich-Ebert-
Stiftung, die – wie auch andere Organisationen – in
Afghanistan wirklich gute Arbeit leistet, ein sogenanntes
Young Leaders Forum durchgeführt – mit jungen
afghanischen Akademikern, die in Afghanistan ihre
akademische Bildung abgeschlossen haben und dort quasi als
Potenzial zur Verfügung stehen. Es war ein wirkliches
Vergnügen, sich mit diesen jungen Leuten zu unterhalten
und deren Wissen, deren Kompetenz und deren
Erfahrung über die Situation in ihrem Land kennenzulernen.
So etwas ist zum Beispiel eine Antwort auf die Kritik
dahin gehend, dass die Menschen immer von den dort
eingesetzten Milliardenbeträgen hören und sich fragen:
Wo kommen die Milliarden von Entwicklungsgeldern
eigentlich an? Wie sieht es im ländlichen Bereich aus?
Findet dort die gleiche Unterstützung statt wie in den
Städten?
Es ist beeindruckend, mit diesen jungen Leuten zu
diskutieren und allein ihre Sprachfertigkeit zu erleben.
Das ist doch ein Signal dafür, dass sich in diesem Land
in den letzten sechs Jahren wirklich etwas verändert hat.
Mit dieser Ausbildung in Afghanistan werden junge
Menschen tatsächlich befähigt, sich für ihr Land
einzusetzen und Aufgaben zu übernehmen.
Wenn wir als internationale Gemeinschaft es jetzt
schaffen, dort für einen bestimmten Zeitraum zu
materieller Sicherheit beizutragen, können wir gemeinsam
mit der afghanischen Regierung versuchen, in den
Administrationen bzw. in den Ministerien solche in
Afghanistan selbst ausgebildeten jungen Leute mit Aufgaben
zu betrauen, die für ihr Land wichtig sind, um die
überkommenen Eliten abzulösen.