Rede von Michael Leutert (DIE LINKE) – Unterrichtung durch den
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 12 a: Beratung der Unterrichtung durch den.
Text
Rede von Michael Leutert (DIE LINKE) – Unterrichtung durch den
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Niemand hier wird bezweifeln, dass die Ratifizierung
des Zusatzprotokolls der VN-Antifolterkonvention eine
Notwendigkeit ist. Allerdings muss man sagen, dass der
Gesetzentwurf natürlich lange auf sich hat warten lassen.
Die Schuld dafür – das ist hier schon mehrmals gesagt
worden – liegt mit Sicherheit nicht bei der
Bundesregierung.
Dies liegt vielmehr an der Länderebene, und zwar an den
Ländern Sachsen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.
Wenn ich die Feierlaune etwas trüben darf: Das alles
sind CDU-geführte Länder; auch das sollte hier
gerechterweise gesagt werden.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –
Zuruf des Abg. Holger Haibach [CDU/CSU])
– Moment, wir kommen noch dazu.
Der Preis, der dafür gezahlt worden ist, dass diese
Verhandlungen mit den Ländern geführt werden
mussten, ist ein sehr bitterer, nämlich die Struktur von nur
vier ehrenamtlichen Beobachtern, die über 1 000
Einrichtungen zu überprüfen und zu untersuchen haben.
Hinzu kommen möglicherweise weitere
Gewahrsamseinrichtungen, die nicht zum Bereich der Polizei gehö-ren. Dass das eine defizitäre Struktur ist, wird hier im
Hause wohl niemand – auch keiner von der CDU/CSU-
oder der SPD-Fraktion – bestreiten.
Wenn das Argument vorgebracht werden sollte, dass
das zumindest ein Einstieg ist, dann kann ich nur sagen:
Das ist kein Argument; das ist einfach nur eine
Beteuerung. Wir werden uns anschauen, wie weit man in
diesem Bereich in den nächsten Jahren vorankommen wird.
Schlimm ist meines Erachtens aber etwas ganz
anderes: Es wird immer davon gesprochen, dass Deutschland
eine größere internationale Verantwortung hat,
insbesondere in den Bereichen Terrorismusbekämpfung und
militärisches Engagement; das Thema der vorhergehenden
Debatte war Afghanistan. Wenn es so ist, dass wir eine
größere internationale Verantwortung haben, dann hat
das, was vorgelegt wurde, eine maximal negative
Signalwirkung und zeigt einen relativen traurigen Zustand
unserer Gesellschaft:
Ein so reiches Land wie Deutschland ist nicht in der
Lage, einen Präventionsmechanismus gegen Folter
einzurichten.
Ich möchte Zahlen nennen – sie müssen einmal
genannt werden –: Deutschland investiert jedes Jahr
650 Millionen Euro nur in das Militär in Afghanistan.
Das Hauptargument dafür ist immer wieder die
gestiegene internationale Verantwortung. Im Bereich der
Prävention von Folter sind wir aber nicht einmal in der
Lage, 300 000 Euro zu investieren;
trotzdem reden Sie hier von der gestiegenen
internationalen Verantwortung. Wenn es dabei bleibt, bin ich
gespannt, wie die Bundesregierung in nächster Zeit auf
internationaler Ebene nicht so reichen Ländern erklärt,
dass es für sie extrem wichtig ist, einen solchen
Präventionsmechanismus einzurichten.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos] – Christoph
Strässer [SPD]: Wir haben schon einen!)
Gerade im Hinblick auf den außenpolitischen Bereich
wäre es notwendig gewesen, eine angemessene
materielle Ausstattung zu gewährleisten, um eine
Signalwirkung zu erreichen.
Wir reden hier über Folter und über das Folterverbot.
Gerade im Kampf gegen den internationalen
Terrorismus – das wurde heute schon mehrmals erwähnt – ist
das Folterverbot in letzter Zeit mehr und mehr
aufgeweicht worden. Wir reden hier nicht nur über die USA;
wir, der Deutsche Bundestag, haben einen
Untersuchungsausschuss eingerichtet, weil die Vermutung im
Raume steht, dass deutsche Sicherheitsbehörden unter
Anwendung von Folterpraktiken erzielte
Ermittlungsergebnisse zumindest verwendet haben. Wenn so etwas
schon im Raume steht, wenn solche Vorwürfe existieren,
dann sollte das ein ausreichender Grund sein, einen
Präventionsmechanismus einzurichten, der materiell ausrei-
Michael Leutertchend abgesichert ist, um seine Aufgaben in
angemessener Form wahrzunehmen.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Leider begnügt sich die Koalition damit, sich mit
einer gewissen Symbolpolitik in der Öffentlichkeit
darzustellen. Dennoch werden wir notgedrungen diesem
Gesetzentwurf zustimmen.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos] – Christoph Strässer
[SPD]: Jetzt aber! – Weiterer Zuruf von der
SPD: Lange Herleitung!)