Rede von Marina Schuster (FDP) – Hübinger, Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer,
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 4: Hübinger, Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer,.
Text
Rede von Marina Schuster (FDP) – Hübinger, Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Ich möchte zunächst auf meine Vorrednerin
eingehen. Ich weiß nicht, welches Gipfeldokument Sie
gelesen haben. Ich kann jedenfalls in der 15-seitigen
Abschlusserklärung wenig Konkretes finden. Substanzielle
Ergebnisse sind ebenfalls ausgeblieben.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
BP: Brille putzen!)
So war dieser Gipfel wie auch die Gipfel zuvor leider
eine Veranstaltung mit hohem Symbolcharakter, aber
ohne neue Ergebnisse. Das ist wirklich sehr schade.
Vor fast zehn Jahren, 1999, ist diese strategische
Partnerschaft begründet worden. Es ist schon gut, wenn man
sich die alten Gipfelerklärungen anschaut. 1999 wurden
insgesamt 69 Punkte vereinbart. Man muss schon die
kritische Frage stellen, was bisher herausgekommen ist
und was bisher umgesetzt worden ist. Die Ergebnisse
sind einfach mau.
Ich hatte die Hoffnung, dass der Gipfel in Lima neuen
Schwung bringt. Deutschland und die EU waren einfach
zu wenig engagiert und haben zu wenige ehrgeizige
Ziele vereinbart. Das rächt sich zu einem Zeitpunkt, zu
dem sich die politische Landkarte in Lateinamerika
komplett verändert hat und sehr viel komplexer ist als
noch vor zehn Jahren.
Jahrelang sind wir wie selbstverständlich davon
ausgegangen, dass wir der natürliche Partner
Lateinamerikas sind, weil wir in der Tat viele Werte teilen,
was die Kultur, die Religion und die Tradition angeht.
Aber der große Fehler war, zu glauben, dass uns der
Kontinent so nahe ist, dass wir uns nicht mehr aktiv
darum bemühen müssen.
Marina SchusterJetzt wundern wir uns, dass China, Indien und
Russland vor Ort an Einfluss gewinnen und dass sie ihre
Beziehungen gefestigt haben. Da muss ich auch an die
Adresse der Grünen sagen: Wer sich an die Politik von
Joschka Fischer erinnert, der muss auch feststellen, dass
es in dieser Zeit keine neuen Impulse gab.
Glücklicherweise ist das Interesse der
lateinamerikanischen Staaten an den Beziehungen zu Deutschland und
zur Europäischen Union sehr hoch. Wir müssen endlich
diese ausgestreckte Hand ergreifen.
Die Staaten Lateinamerikas haben ein neues
Selbstbewusstsein gewonnen. Der Rohstoffboom und die
asiatische Nachfrage nach Energie und Lebensmittel tun das
Ihre dazu. In diesem Zusammenhang erwarte ich von der
Bundesregierung, dass sie definiert, welche Rolle
Lateinamerika für die künftige Energiediversifizierung
Deutschlands und der Europäischen Union spielen soll.
Zudem müssen wir uns eingestehen, dass sich unsere
Hoffnungen auf eine lateinamerikanische Integration
nach europäischem Vorbild auf absehbare Zeit wohl
nicht erfüllen werden. Dies ist sehr schade. Die Gründe
dafür sind aber auch bekannt.
Zum einen ist es die nachlassende Bereitschaft der
lateinamerikanischen Staaten, nationale Souveränität
abzutreten. Dafür ist Mercosur ein gutes Beispiel. Ob die
seit Jahren geplanten Assoziierungsabkommen mit dem
Mercosur oder auch mit der Anden-Gemeinschaft
überhaupt noch zustande kommen, ist die große Frage. Bei
der Erklärung der Mercosur/EU-Troika, die jetzt im
Internet steht, ist das Deckblatt größer als die Erklärung
selbst. Ich glaube, da sind wir auf keinem guten Weg.
Zum anderen müssen wir Europäer uns fragen, was
unsere neue Initiative ist. Es ist vollkommen richtig, auf
den globalen Freihandel zu setzen. Auch wir wünschen
uns endlich den Durchbruch bei den Doha-
Verhandlungen. Wir müssen aber auch eine ehrliche
Bestandsaufnahme vorlegen und überlegen, inwieweit wir EU-weit
bilaterale und subregionale Abkommen forcieren
müssen, so wie wir das im Falle von Chile und Mexiko
gemacht haben.
Ansonsten verpassen wir den Zug, auf den andere schon
längst aufgesprungen sind.
Ich begrüße, dass die Kanzlerin Deutschland in Lima
prominent vertreten hat und dass sie sich von Chávez
nicht hat aus der Ruhe bringen lassen.
Es ist aber die Frage, mit welchen Initiativen die
Bundesregierung jetzt an die Umsetzung herangehen und
wie sie zum Beispiel die Außenwirtschaft und den
Tourismus forcieren will. Es ist auch ganz drängend, im
Bereich der Sicherheitspolitik enger zusammenzuarbeiten.
Wir haben Probleme im Bereich der Bekämpfung des
Drogenhandels und des Terrorismus, aber auch in der
Frage der Abrüstung. Da ist viel zu tun. Außerdem be-steht bei der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik
enormer Handlungsbedarf.
Ich frage mich, welche konkreten Ziele und welchen
Zeitrahmen die Bundesregierung vereinbaren will. Denn
zu einer strategischen Partnerschaft gehört aus meiner
Sicht eine umfassende Zusammenarbeit in allen
wichtigen Politikbereichen. Eines darf nicht passieren: dass
wir den Begriff „strategische Partnerschaft“ als dauernde
Wunschvorstellung in unsere Dokumente schreiben und
dass dies nicht Wirklichkeit wird.
Gerade für Lateinamerika gilt, dass diese Partnerschaft
endlich mit Leben erfüllt werden muss. Dafür ist es aus
liberaler Sicht höchste Zeit.