Rede von Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) – Drucksache 16/9482
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 3 a: Drucksache 16/9482 –.
Text
Rede von Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) – Drucksache 16/9482
Herr Staatssekretär, stimmen Sie mir zu, dass der
Durchschnitt bei den Pensionen in den alten
Bundesländern bei über 2 000 Euro liegt und dass es im Osten
keine bzw. so gut wie keine Pensionen gibt, dass das also
mit in der gesetzlichen Rente enthalten ist? Der
Durchschnittsvergleich kann schon aus diesem einen Grund
niemals stimmen. Sonst müssten Sie die Pensionen in
den Durchschnitt der gesetzlichen Rente West
einbeziehen. Das ist nicht üblich – das würde ich auch gar nicht
machen –, und deshalb hilft uns dieser Vergleich nicht
weiter.
Franz Thönnes, Parl. Staatssekretär beim
Bundesminister für Arbeit und Soziales:
Herr Kollege Gysi, da ich mit einer solchen Frage
gerechnet habe und wir im Ministerium ebenfalls daran
arbeiten, haben wir eine Untersuchung darüber anstellen
lassen, wie es aussieht, wenn man alles einbezieht, damit
das Bild ergänzt wird. Nach dieser Studie verfügten
Ehepaare mit Bezugspersonen über 65 Jahre im Jahr 2007 in
den alten Bundesländern im Durchschnitt über ein
monatliches Nettoeinkommen in Höhe von 2 350 Euro. In
den neuen Bundesländern sind es durchschnittlich
1 937 Euro. Daran kann man sehen, wie groß die Distanz
noch ist. Bei den alleinstehenden Frauen ist dabei der
Unterschied am geringsten, auch beim Nettoeinkommen.
Hier liegt er nur noch bei rund 50 Euro. So viel
abschließend zur Bestandsaufnahme.
Was würde nun geschehen, wenn man den aktuellen
Rentenwert in Höhe von 23,34 Euro im Osten auf den
Betrag von 26,56 Euro im Westen anhebt? Die
durchschnittliche Altersrente von Männern stiege von 994 Euro
um 137 Euro auf 1 131 Euro. Damit läge der Wert im
Osten nicht mehr 43 Euro, sondern 180 Euro über dem
Wert im Westen. Entscheidend ist aber: Für eine
sofortige, von der Lohnentwicklung abgekoppelte Anhebung
des Rentenwerts Ost auf den Rentenwert West wären
Mehrausgaben in Höhe von 6 Milliarden Euro
erforderlich, und zwar jährlich. Bei einer schrittweisen
Angleichung bauten sich die Mehrausgaben proportional mit
den Angleichungsschritten bis auf diesen Betrag auf. Ein
derartiger Weg führte über den entsprechenden Zeitraum zu
jeweils höheren Anpassungen der Renten in
Ostdeutschland im Vergleich zu den Renten in Westdeutschland, die
nur entsprechend der Lohnentwicklung angeglichen
werden. Die weitere Entwicklung der Mehrausgaben hängt
dann von der tatsächlichen Lohnentwicklung in den
neuen Bundesländern ab.
Die 6 Milliarden Euro Mehrausgaben müssen aber
von irgendjemandem aufgebracht werden, entweder von
den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern oder von den
Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das will also die
Bundesregierung!)Auch ein Wegfall der Höherwertung, über den
manchmal diskutiert wird, leistete keinen
Finanzierungsbeitrag; denn die Einsparungen entstünden erst langfristig
und wüchsen langsam auf. Fällt allerdings die
Hochwertung in Höhe von circa 18 Prozent weg, steht ihr auf der
anderen Seite die Beseitigung des heute noch 14-
prozentigen Unterschiedes zwischen den beiden Rentenwerten
Ost und West gegenüber. Das heißt, der Vorteil des
4-prozentigen Beitrags-/Leistungsverhältnisses fiele
ebenfalls weg. Beide Wirkungen – Angleichung umsetzen
und Höherwertung beibehalten – dürften für die
Vermittlung in Deutschland eine erheblichere Herausforderung
darstellen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Der nachvollziehbare Wunsch, fast 20 Jahre nach der
Einheit zu einem einheitlichen Rentensystem zu
kommen, ist also nicht einfach zu realisieren. Es gibt dazu
Vorschläge und Überlegungen, vom Sachverständigenrat
bis hin zu den Parteien. Sie betreffen die Renten im
Osten wie im Westen. Bundesarbeits- und -sozialminister
Scholz wurde im Kabinett gebeten, Vorschläge für eine
Angleichung der Rentenwerte Ost und West zu prüfen.
Das machen wir in der gesamten Bandbreite. Eine
einfache Lösung wird es dabei auf die Schnelle nicht geben.
Ich bin aber zuversichtlich, dass wir eine Lösung im
Interesse aller Beteiligten erreichen können. Die muss
anständig austariert sein. Das erfordert einen breiten
Konsens im Bundestag und im Bundesrat. Meine Bitte ist:
Helfen Sie mit, die Diskussion so sachlich zu führen,
dass das, was trennt, nicht noch größer wird, sondern
dass man am Ende des Prozesses eine Lösung findet, die
in Ost und West – und damit meine ich
Gesamtdeutschland – auch in der Zukunft Bestand hat. Das müsste
unser Ziel sein.
Relationen
- part_of → Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Gregor Gysi (Rede)