Rede von Anton Schaaf (SPD) – Drucksache 16/9482
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 3 a: Drucksache 16/9482 –.
Text
Rede von Anton Schaaf (SPD) – Drucksache 16/9482
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr
Kolb, Sie wissen, ich lasse Sie in Rentendebatten nie
aus; das werde ich selbstverständlich auch hier nicht tun.
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir 20 Jahre nach
der Einheit in der Frage einer Ost-West-Angleichung
Bewegung brauchen. Diese Frage stellt sich mir
überhaupt nicht.
Zunächst komme ich auf die linke Seite zu sprechen,
bevor ich auf den FDP-Vorschlag eingehen werde. Ich
weise es zurück, dass die Linke denen, die seit der
Einheit in Gesamtdeutschland Verantwortung hatten,
unterstellt, sie hätten an dieser Stelle nichts gemacht und
wollten sich auch heute nicht bewegen. Die
Mechanismen, die wir damals zur Angleichung einführten, haben
über Jahre hinweg ordentlich funktioniert und den
Menschen im Osten auch höhere Renten gebracht.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der
FDP)
Diese automatisch wirkenden Instrumente sind erst in
den letzten Jahren ausgefallen, was mit der
Abkoppelung der Lohnentwicklung zu tun hat. Sie hat nicht so
stattgefunden, wie wir es uns alle außer der FDP
gewünscht haben.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Unerhört!
Nehmen Sie das zurück!)
– Ich kann mich sehr wohl noch an Debatten erinnern,
Herr Kolb, in denen im Hinblick auf die ostdeutschen
Länder von Sonderwirtschaftszonen sowie der
Außerkraftsetzung der Tarifautonomie und der
Betriebsverfassung die Rede war.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Zu der Zeit
wollte Lafontaine als SPD-Mann noch etwas
ganz anderes, weil es eigentlich zu teuer war!)
Zu dem FDP-Antrag sage ich Folgendes: Mich
würde einmal interessieren, was mit der Einmalzahlung
der Höhe nach gemeint ist. Das müsste man den
Menschen ja einmal sagen. Bekommen sie dann 1 000 Euro,
1 500 Euro oder 5 000 Euro? Wie viel bekommen sie
denn dann? Hoch spannend ist natürlich auch, dass das
aus Beitragsmitteln finanziert werden soll.
(Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Unglaublich! Typisch FDP!)
An dieser Stelle wird es kritisch, und auch das muss man
den Menschen sehr deutlich sagen.
(Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Die Verkäuferin finanziert
das!)
Ich finde es übrigens merkwürdig, dass in der
Diskussion gefordert wird, dass der
Rentenversicherungsbeitrag abgesenkt wird
– das ist Ihr Anliegen –, man der Rentenversicherung
aber gleichzeitig Mehrlasten in Form von
Einmalzahlungen aufbürden will. Das ist schon eine merkwürdige
Debatte.
(Iris Gleicke [SPD]: Das ist eine eierlegende
Wollmilchsau!)
Ihr Vorschlag läuft schlichtweg darauf hinaus, den
Status quo, der insbesondere von den Menschen im
Osten als ungerecht empfunden wird, festzuschreiben. Sie
wollen die Menschen mit einer Einmalzahlung
ruhigstellen. Das funktioniert aber nicht. Das ist ein
rentenpolitisches Placebo und sonst gar nichts. Das bringt keine
Angleichung der Ostrenten an die Westrenten. Deswegen
kann man Ihrem Antrag wirklich nicht zustimmen.
Herr Kollege Gysi, Ihre Rede war ein kurzer
Rundumschlag. Sie haben gesagt, was aus Ihrer Sicht
rentenpolitisch alles falsch läuft. Ich nenne nur ein Beispiel,
das von Ihnen immer wieder erwähnt wird. Sie
behaupten, die Rente mit 67 sei eine Rentenkürzung.
Diese Argumentation wäre nur dann schlüssig, wenn
man auch sagen würde, dass die Verlängerung der durch-schnittlichen Rentenbezugszeit, die sich zwischen den
60er-Jahren und heute von 10 auf 17 Jahre verlängert
hat, eine gigantische Rentenerhöhung ist. Nur dann
greift diese Argumentation; sonst läuft sie ins Leere.
Ich finde, man muss auch an solchen Stellen anständig
miteinander umgehen.
Zur Frage der Beitragsbemessungsgrenze: Vielleicht
werden Sie irgendwann einmal verstehen, dass
höchstrichterlich festgestellt wurde, dass
Rentenansprüche, die man erworben hat, dem Eigentumsvorbehalt
unterliegen. Man kann Beiträge, die in die
Rentenversicherung eingezahlt wurden, nicht einfach umverteilen. Das
funktioniert so nicht. Das muss man doch wissen. Es ist
nicht machbar, die Beitragsbemessungsgrenze
aufzuheben und die Beiträge derer, deren Einkommen darüber
liegt, umzuverteilen. Das würde im Übrigen einem
zentralen Prinzip der gesetzlichen Rentenversicherung, der
Leistungsgerechtigkeit, nicht entsprechen. Das muss
man schlichtweg so sagen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Wenn Sie umverteilen wollen, bleiben Sie lieber im
Bereich der Steuern. Das ist das, was Sie immer
machen. Steuern sind zur Umverteilung geeignet. Sie
werden in der Regel erhoben, damit man Leistungen
erbringen kann. Das ist der richtige Ansatz, wenn man das
denn machen will.
All denen, die in der heutigen Debatte gemeint haben:
„Wir nehmen Steuergelder, um die zusätzlich
entstehenden Lasten zu finanzieren“, sage ich allerdings: Achtet
mir bitte schön auf die Parität.
Jeder Cent mehr Steuern sorgt dafür, dass im System das
Prinzip der Parität verlassen wird. Das kritisieren Sie
sonst immer besonders stark. Ich will nur darauf
hinweisen, dass das so ist.
Bezüglich des Lohnniveaus im Osten darf ich als
Sozialdemokrat und Gewerkschaftler einmal feststellen:
Da, wo wir im Osten Tarifgebundenheit haben, ist die
Lohnangleichung zu 95 Prozent erreicht.
Die Ansprüche derer, die im Osten den gleichen Lohn
wie im Westen beziehen, werden höher bewertet. Das
stellt auch niemand infrage. Dadurch ist es in der Tat so,
dass der Arbeitnehmer bzw. die Arbeitnehmerin im
Osten später höhere Ansprüche hat als der Arbeitnehmer
bzw. die Arbeitnehmerin im Westen.
Es wurde vorgeschlagen, den Rentenwert jetzt
anzupassen. Ich habe Sympathien für diesen Vorschlag; das
sollte man zügig machen. Wenn man aber gleichzeitig
die Höherbewertung beibehält, verhält man sich den
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern im Westen
gegenüber ungerecht.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU – Peter Weiß [Emmendingen]
[CDU/CSU]: So ist es!)
Wir können nicht Ungerechtigkeiten oder gefühlte
Ungerechtigkeiten durch die Verlagerung von
Ungerechtigkeiten beseitigen. So funktioniert das aus meiner Sicht
nicht.
Von daher ist es ohne jeden Zweifel in der Tat
angebracht, wenn schon 20 Jahre ins Land gegangen sind,
sich vernünftig und sachgerecht mit dieser Frage zu
befassen und sich darüber klar zu werden, wie man dem
berechtigten Anliegen der Menschen im Osten, und zwar
gegenüber allen Beteiligten, gerecht werden kann. Die
Vollendung der deutschen Einheit bedeutet für mich
auch, dass wir die Unterschiede im Rentensystem
überwinden. Ein einheitliches Rentensystem sollte man
aber nicht aushebeln, indem man permanent
Ausnahmetatbestände schafft, beispielsweise durch
Höherbewertung oder durch Beträge, die zusätzlich gezahlt werden
oder Ähnliches. Das kann man nicht machen.
Übrigens kann man – gerechterweise muss man das
sagen – drohende Altersarmut nicht über das
Rentensystem bekämpfen. Das funktioniert überhaupt nicht.
Das, was arbeitsmarktpolitisch leider noch nicht
funktioniert, was sozialpolitisch und auf anderen Ebenen leider
noch nicht ordentlich funktioniert, über das Rentenrecht
reparieren zu wollen, ist höchst gefährlich für dieses
System. Bei diesem System geht es nämlich auch um die
Akzeptanz der Menschen, übrigens in Ost und in West.
Herr Gysi, was Sie vorschlagen, wäre eine dauerhafte
Besserstellung. Wenn ich die Diskussion der Menschen
im Osten richtig verstanden habe – ich glaube, ich habe
sie richtig verstanden –, dann streben die Menschen im
Osten keine dauerhafte Besserstellung, sondern eine
Gleichstellung an. Wir werden uns darum kümmern.