Rede von Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Großen Anfrage der Abgeordneten
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 19 a und 19 b: Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten.
Text
Rede von Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Großen Anfrage der Abgeordneten
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr
Kollege Spanier, Sie haben wirklich schöne Worte gefunden.
Wir reden heute aber leider nicht über Ihre Wünsche,
sondern wir diskutieren über die Antwort der
Bundesregierung auf die Große Anfrage zur Kinderarmut. Bei
diesem Thema ist die Bilanz nicht so schön, wie Ihre
Worte waren. Die Bilanz ist eigentlich sehr schlecht.
Denn in der Antwort der Bundesregierung wird deutlich,
dass es in Deutschland Kinderarmut gibt, dass Kinder
benachteiligt sind und dass sich die Kinderarmut
verfestigt. Das ist die Bilanz, über die wir reden und die wir
ernst nehmen müssen.
Anstatt nach Lösungen zu suchen, Antworten zu
geben und Ideen, wie es weitergehen kann, zu entwickeln,
verwenden Sie Ihre Energie darauf, die Lage zu
beschönigen und die Zahlen schönzureden; um das
festzustellen, braucht man nur die Antworten der
Bundesregierung auf die Große Anfrage zu lesen. Das kann es nicht
sein. So dürfen Sie mit diesem Thema nicht umgehen;
hier haben die Kolleginnen und Kollegen von der Linken
wirklich recht.
Ekin Deligöz(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der LINKEN – Wolfgang Spanier
[SPD]: Wir sind das Parlament! – Caren Marks
[SPD]: Du musst zum Staatssekretär gucken!
Das ist die Regierung!)
Es ist an der Zeit, Klartext zu reden. Jedes sechste
Kind in Deutschland lebt in Armut; das ist eine
Katastrophe. Armut hat in Deutschland viele Gesichter. Armut
liegt nicht nur dann vor, wenn man wenig Geld hat. Es
geht auch um die Teilhabe, den Bildungshunger und
darum, ob ein Kind mit knurrendem Magen im Unterricht
sitzen muss und ob es ein paar neue Sandalen bekommen
kann. Das sind die Fragen, die die Eltern von Kindern,
die von Armut betroffen sind, beschäftigen. Diese
Fragen sind ganz akut.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
Wir brauchen ein Umdenken. Ihr Klein-Klein bringt
uns nicht weiter. Übrigens hat auch das im
Bundesfamilienministerium eingerichtete Kompetenzzentrum darauf
hingewiesen, dass ein Umdenken bzw. ein
Systemumschwung notwendig ist, weil das jetzige
Familienfinanzierungssystem ehelastig und steuerlastig ist. Es ist nicht
transfer-, sondern steuerlastig. Wenn wir für
Gerechtigkeit sorgen wollen, müssen wir diese Steuerlastigkeit
überwinden. Wir müssen unseren Blick weg von der
Definition der Ehe und hin zur Finanzierung des Lebens mit
Kindern richten.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Caren Marks [SPD]: Du musst nicht uns
überzeugen! Die andere Richtung!)
Die Grünen schlagen vor, eine Kindergrundsicherung
einzuführen. Dazu haben wir einen Parteitagsbeschluss
gefasst. Wir wollen, dass für jedes Kind 330 Euro pro
Monat zur Verfügung gestellt werden.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist das
Gießkannenprinzip!)
Das ist unser Vorschlag, um das Zusammenleben mit
Kindern zu finanzieren und die Armut zu bekämpfen.
Wir brauchen allerdings nicht nur eine umfangreiche
Unterstützung, sondern auch die notwendige
Infrastruktur.
Jetzt komme ich auf Ihre Lösungsvorschläge zu
sprechen. Sie sagen, es gebe den Rechtsanspruch auf
Kinderbetreuung und den Kinderzuschlag. Sie sind wirklich
nicht besonders ambitioniert. Der Rechtsanspruch auf
Kinderbetreuung, den Sie festgeschrieben haben, gilt
erst irgendwann, erst ab dem Jahre 2013.
(Caren Marks [SPD]: Irgendwann? Wir haben
schon bald 2010!)
Bis dahin – auch das kommt in Ihren Antworten auf die
Große Anfrage sehr gut zum Ausdruck – passiert nichts.
Was unternehmen Sie dagegen, dass wir auf einen
Erziehermangel zusteuern? Was unternehmen Sie dagegen,
dass sich die Kommunen in einer sehr schwierigen
finanziellen Situation befinden? Was unternehmen Sie in
Anbetracht der Tatsache, dass die Kommunen ihre Auf-gabe ernst nehmen, und zwar nicht erst im Jahre 2013,
sondern schon heute? Nichts. In Ihren Antworten heißt
es nur: Dieses Problem kennen wir nicht. – Das ist
beschämend.
(Ingrid Fischbach [CDU/CSU]: Der Ausbau
läuft doch jetzt an, Frau Deligöz!)
Um die Kinderarmut zu bekämpfen, brauchen wir
eine Existenzsicherung für Kinder. Außerdem benötigen
wir die erforderliche Infrastruktur. Das muss Hand in
Hand gehen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Ingrid Fischbach [CDU/CSU]: Ja! Das läuft
jetzt an! Das hat aber nicht etwa Rot-Grün
geschafft, sondern das haben wir geschafft!)
Wir brauchen nicht leere Versprechen, nicht schöne
Worte und Wunschträume; das können wir uns nicht
leisten; das ist zu wenig. Wir müssen handeln.
Frau Fischbach, als Sie sagten, die Große Koalition
habe sehr viel für Familien getan, habe ich mich gefragt:
Was haben Sie denn für Familien getan?
Mehrwertsteuererhöhung und Abwrackprämie, ist das Ihre
Familienpolitik?
(Heiterkeit bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN und der FDP –
Bernhard Kaster [CDU/CSU]: Quatsch! –
Ingrid Fischbach [CDU/CSU]: Frau Deligöz,
das ist für Sie ein zu niedriges Niveau!)
Das kann es doch wohl nicht sein.
Wir brauchen Politiker, die Mut zum Handeln haben
und nicht immer das, was da ist, schönreden. Denn
Schönreden heißt: weggucken und ignorieren. Genau
das können wir uns nicht leisten.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der LINKEN)
Relationen
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