Rede von Michaela Noll (CDU/CSU) – Großen Anfrage der Abgeordneten
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 19 a und 19 b: Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten.
Text
Rede von Michaela Noll (CDU/CSU) – Großen Anfrage der Abgeordneten
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Liebe Kollegin Golze, ich wende mich
zunächst einmal Ihnen zu, weil Sie die erste Rednerin zu
diesem Thema waren. Wenn Sie eben Frau Fischbach
und Herrn Spanier aufmerksam zugehört haben und
nicht, wie jetzt gerade, geschrieben haben,
dann müssen Sie zugeben, dass die Bilanz, die die
Bundesregierung vorgelegt hat, eine wirklich gute ist. Ich
werde gleich noch zu den einzelnen Punkten kommen.
Was ich ein bisschen schade finde, weil ich Kollegin
Deligöz aus der Arbeit in der Kinderkommission auch
sehr schätze, ist Folgendes: Einig sind wir darin, dass
Kinderarmut viele Gesichter hat und dass die materielle
Michaela NollArmut die ist, die letztlich für uns alle am sichtbarsten
ist. Aber ich habe immer dann ein Problem, wenn wir
Kinderarmut allein auf finanzielle Armut reduzieren.
Das reicht meiner Meinung nach nicht aus.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
Zuruf von der LINKEN: Das tun wir gar
nicht!)
– Moment! Die ganze Diskussion lief im Moment in die
Richtung. Das finde ich sehr schade.
Frau Fischbach und Herr Spanier haben genau
dargelegt, was wir erreicht haben: Wir haben eine
Kindergelderhöhung durchgesetzt, wir haben die Regelung zum
Kinderzuschlag erweitert, ich nenne weiter das
Wohngeld und das Elterngeld. Wir haben also wirklich
Leistungen für Familien auf den Weg gebracht und damit die
Einkommensarmut von Eltern reduziert. Denn wir haben
festgestellt: Kinderarmut ist Elternarmut.
Wenn wir uns die Fakten ansehen – das ist ja auch in
der Antwort deutlich geworden – und den Vergleich zu
anderen europäischen Ländern ziehen, dann erkennen
wir: Wir stehen nicht schlecht da. Wir haben in
Deutschland mit das niedrigste Armutsrisiko von Kindern, und
wir liegen weit unter dem EU-Durchschnitt. Das sind
Fakten.
(Diana Golze [DIE LINKE]: Auf die Zahlen
der Bundesregierung reingefallen!)
Trotzdem möchte ich über Kinderarmut sprechen.
Denn Kinderarmut ist für mich nicht nur eine reine
Geldfrage. Es geht um Chancen. Deswegen definiere ich
Armut von Kindern etwas anders. Wann ist ein Kind arm? –
Für mich ist ein Kind dann arm, wenn es einsam
aufwächst – wir sprechen von sozialer Armut –, für mich ist
ein Kind arm, wenn es vernachlässigt und überfordert
wird – davon hatten wir im letzten Jahr viele traurige
Fälle –, und es ist arm, wenn es zu Hause keine
Anregung bekommt. Da müssen wir dringend handeln.
Ich möchte auch mit einem Vorurteil aufräumen: Es
gibt wirklich viele Familien, die ein begrenztes Budget
haben, aber sie geben ihr Bestes und ihren Kindern die
beste Förderung, die möglich ist. Die Kinder kommen
gut klar und werden entsprechend großgezogen. Die
Kinder fühlen sich wohl, weil sich die Eltern kümmern.
Wir sollten über soziale Armut sprechen. Es gibt viel
zu viele Kinder, die darunter leiden. Sie leiden nicht
unter Geldmangel, sie leiden unter zu wenig Zuwendung
und Aufmerksamkeit, und das ist nicht unbedingt eine
Frage des Geldes.
Wie können wir diesen Mangel tatsächlich beheben?
Wie können wir es schaffen, dass sich diese Eltern
wieder mehr kümmern? Wie können wir es schaffen, dass
bei ihnen die Gleichgültigkeit gegenüber ihren eigenen
Kindern abgebaut wird?
Es wird immer wieder gesagt – das haben wir uns bei
der Arche in Berlin selber angeschaut –: (Ingrid Fischbach [CDU/CSU]: Herr Wunderlich
kann etwas zur Arche sagen!)
Die Eltern haben oftmals die Fähigkeit verloren, ihren
Alltag zu bewältigen. Viele Kinder gehen morgens ohne
Frühstück los; viele Kinder werden nicht betreut. Aber
sie müssen einmal sehen, welche Ausstattung die Kinder
haben: ein Handy haben sie. Einen Fernseher haben sie;
stundenlang werden sie davor „geparkt“, und wenig
Wissenssendungen werden eingeschaltet. Wir müssen
also mehr zum Abbau von Erziehungsarmut tun.
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Freizeit kostet sonst viel Geld!
Fernsehen ist das Billigste! – Ina Lenke [FDP]: Das
stimmt nicht!)
– Nein, das ist nicht das Billigste. – Ich möchte einfach
wieder, dass wir dazu übergehen, dass Eltern ihre
Vorbildfunktion tatsächlich wahrnehmen. Denn wenn ihnen
der Antrieb fehlt, wenn sie nicht zu motivieren sind, ist
die Gefahr groß, dass die emotionale Armut und die
mangelnde Bildung weitervererbt werden. Unsere
Aufgabe ist es, sie mit frühen Hilfen zu unterstützen. Mit
dem KiföG haben wir die richtigen Weichen gestellt, um
Kindern zu helfen.
Ich wäre gern noch auf einzelne Gruppen, wie Kinder
von Alleinerziehenden, Kinder von Kinderreichen,
eingegangen. Ich kann aber nur noch einen Appell starten. –
Hier sitzen auch viele Mitglieder der
Kinderkommission. Wir hatten „MoKi“ zu einer Anhörung dort. Ihr
könnt euch daran erinnern: „MoKi“ ist ein
Präventionsprojekt bei mir im Wahlkreis, das den Deutschen
Präventionspreis bekommen hat. Das hat gezeigt, was möglich
ist, wie man mit wirklich wenig finanziellen Mitteln
Kindern Chancen geben kann. Wir alle waren davon
angetan – überparteilich, kann ich sagen –, und ich fände es
schön, wenn man diese Form der Vernetzung, diese
institutionenübergreifende Zusammenarbeit ausbaute. So
bekäme jedes Kind eine Chance. Es ist nicht nur eine Frage
des Geldbeutels.
Danke schön.