Rede von Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c: Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer.
Text
Rede von Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Frau Winkelmeier-Becker, ich will direkt mit Ihrer
Kritik anfangen. Das Problem der jetzigen Koalition ist,
dass Sie im Moment Kinderarmut gar nicht vernünftig
konzeptionell angehen.
Ihnen liegen ein Bericht von Herrn Scholz und ein
Bericht von Frau von der Leyen vor. Frau von der Leyen
bezweifelt die Zahlen von Herrn Scholz, Herr Scholz die
von Frau von der Leyen, und Herr Glos bezweifelt
einfach alle Zahlen. Sie führen eine reine Zahlendebatte.Das hat aber überhaupt nichts damit zu tun, wie man
Kinderarmut konkret bekämpft.
Anstatt diese Zahlendebatte zu führen, sollten Sie sich
mit den Instrumenten beschäftigen. Das müssen Sie sich
vorwerfen lassen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Ilse Falk [CDU/CSU]: Haben Sie Frau von der
Leyen nicht zugehört?)
Wir brauchen ein Gesamtkonzept. Dieses
Gesamtkonzept wird von zwei Säulen getragen. Das eine ist die
Kinderbetreuung zur Vereinbarkeit von Beruf und
Familie und damit zum Schutz gegen Kinderarmut. Das
andere sind die materiellen Leistungen. Die Vereinbarkeit
von Beruf und Familie ist wichtig. Ja, Herr Singhammer,
auch wir sind für Wahlfreiheit. Aber Kinderbetreuung
dient nicht nur der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Kinderbetreuung ist auch die frühe Förderung von
Kindern, sei es in der Sprache, sei es in weiteren
Kernkompetenzen. Vor allem für benachteiligte Kinder ist frühe
Förderung wichtig.
Wenn das Geld zu Hause knapp ist und die Eltern
dann vor der Entscheidung stehen, dann entscheiden sie
sich lieber für das Geld als für die frühe Förderung ihres
Kindes.
(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Das ist eine
Unterstellung gegenüber den Eltern!)
Das ist das Manko Ihres Betreuungsgelds. Sie können
das noch so sehr verneinen: Die Einführung des
Betreuungsgelds wird dazu führen, dass Kinder eben nicht früh
gefördert werden, weil ihnen diese
Förderungsinstrumente vorenthalten werden. Das ist nichts anderes als
eine reine Ideologiepolitik, die Sie hier durchzusetzen
versuchen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
KEN – Johannes Singhammer [CDU/CSU]:
Schlechte Meinung von den Eltern! Eltern sind
nicht böse! – Dr. Norbert Röttgen [CDU/
CSU]: Sie misstrauen den Eltern!)
Kommen wir zu dem anderen Instrument, das Sie
vorschlagen, dem Kinderzuschlag. Wir hatten dazu im
Ausschuss eine Anhörung. Wissen Sie, was ich von
dieser Anhörung mitgenommen habe? Dass der
Kinderzuschlag nichts anderes als eine Mogelpackung ist.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN)
Er ist Symbolpolitik, weil Sie nicht dazu bereit sind,
ausreichend Geld in die Hand zu nehmen, um in diesem
Land wirklich etwas zu verändern. In diesem Fall sollten
Sie es lieber ganz lassen. Machen Sie keine
Versprechungen, die Sie mit Ihren Taten nicht einhalten können.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der
LINKEN – Johannes Singhammer [CDU/
CSU]: Wir halten sie ein!)
Ekin DeligözIch komme nun zu dem, was Sie gesagt haben, Herr
Wunderlich. Sie tun so, als ob Sie mit einer minimalen
Änderung im Unterhaltsvorschussgesetz Armut in
Deutschland bekämpfen könnten. Der Bezug des
Unterhaltsvorschusses ist in Deutschland auf sechs Jahre
begrenzt. Unser Problem ist aber nicht das
Unterhaltsvorschussgesetz. Unser Problem ist, dass zwei Drittel
derjenigen, die unterhaltspflichtig sind, unterhaltssäumig
sind und das Geld erst gar nicht zahlen. Da müssen wir
sehen, wie wir die Menschen dazu bringen, den
Unterhalt zu finanzieren und zu bezahlen.
(Dr. Norbert Röttgen [CDU/CSU]: Dann
machen Sie mal einen Vorschlag!)
Die komischen Vorschläge, die Sie machen, gehen
komplett an der Realität vorbei.
(Caren Marks [SPD]: Die Täter sind
männlich!)
Mit dem Instrument des Unterhaltsvorschusses können
Sie die Armut nicht bekämpfen; das wissen Sie. Dieser
Vorschlag macht sich vielleicht in Ihren Wahlkreisbüros
gut, um sich in ein positives Licht zu rücken, aber mit
Armutsbekämpfung hat er rein gar nichts zu tun.
Ich komme zum Vorschlag der FDP. Sie schlagen vor,
die Freibeträge zu erhöhen. Wer profitiert davon?
Davon profitieren doch nur diejenigen, die Steuern zahlen,
um die Freibeträge nutzen zu können.
Das sind aber nicht die Menschen, die von Armut
betroffen sind oder das ALG II beziehen. Wer profitiert davon,
wenn das Kindergeld, wie Sie es fordern, auf 200 Euro
erhöht wird? Schließlich ist auch Ihnen aufgefallen, dass
die Freibeträge nur von einem Bruchteil der Menschen
in Anspruch genommen werden können.
(Sibylle Laurischk [FDP]: Wollen Sie alles so
belassen?)
Wie finanzieren Sie das? Woher nehmen Sie das
Geld? Wissen Sie überhaupt, was das kostet? Sie haben
gerade der Linken und auch uns vorgeworfen, wir
wüssten nie, wie wir unsere Forderungen finanzieren.
(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Wir
wissen das!)
Wie Sie Ihre „Träume“ finanzieren, sagen Sie uns aber
nicht.
Ich komme zu einem weiteren Punkt, der immer
wieder angesprochen wird, das Ehegattensplitting. Über
dieses Thema werden wir noch lange diskutieren. In
allen Fraktionen gibt es dazu verschiedene Positionen.
Aber eines müssen wir festhalten: Das
Ehegattensplitting fördert nicht die Familie, sondern das
Ehegattensplitting fördert die Ehe.
(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Genau!
Richtig! Jawohl! – Paul Lehrieder [CDU/
CSU]: Art. 6 des Grundgesetzes!)60 Prozent der Familien haben nichts, aber auch gar
nichts vom Ehegattensplitting. Es gibt nun einmal
verschiedene Lebensformen in Deutschland, nehmen Sie
das zur Kenntnis. Es gibt nun einmal Verheiratete und
Unverheiratete mit Familie.
(Dr. Norbert Röttgen [CDU/CSU]: Das sind ja
ganz neue Erkenntnisse!)
Es gibt Doppelverdiener, die aber nicht viel verdienen.
Sie profitieren überhaupt nicht vom Ehegattensplitting.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Wollen
Sie grundgesetzwidrig handeln?)
Dafür gibt es aber Menschen, die hervorragend
verdienen und vom Ehegattensplitting maximal profitieren.
(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Weil sie
verheiratet sind!)
Dass diese Menschen dann bis zu 8 000 Euro mehr als
Nichtverheiratete bekommen, liegt daran, dass sie sich
für ein bestimmtes Lebensmodell entschieden haben. Es
darf uns aber nicht darum gehen, bestimmte
Lebensmodelle zu bevorzugen, sondern wir müssen Kinder und
das Leben mit Kindern fördern. Dafür ist das
Ehegattensplitting das falsche Instrument. Daran gibt es nichts zu
zweifeln.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD – Johannes
Singhammer [CDU/CSU]: Haben Sie schon
einmal Art. 6 des Grundgesetzes gelesen?)
Zusammengefasst sage ich Folgendes: Der Kampf
gegen Kinderarmut beruht auf zwei Säulen. Wir brauchen
die Infrastruktur, wie den Ausbau der Kinderbetreuung für
die unter Dreijährigen, qualitativ hochwertige Angebote
und eine bessere Qualifizierung unserer Erzieherinnen.
Wir brauchen die Ganztagsschulen, deren Förderung aber
2009 ausläuft und die dank der
Föderalismusstrukturreform nicht fortgesetzt werden kann. Wenn es um die
Fortführung der Ganztagsschulförderung geht, ist auch
die FDP gefordert.
Wir brauchen all dies, darüber hinaus brauchen wir
aber auch eine materielle Sicherung, vor allem auf der
untersten Ebene: Die ALG-II-Leistungen für Kinder
müssen neu berechnet werden. Vor allem müssen wir
aber eine Neustrukturierung der Leistungen ins Visier
nehmen; denn die gegenwärtige Leistungsstruktur dient
vor allem den Gut- und Besserverdienenden.
Dafür steht der Antrag der Grünen. Uns geht es nicht
darum, ein bestimmtes Familienmodell zu unterstützen,
sondern darum, Kinder direkt und effizient zu
unterstützen.
Relationen
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