Rede von Miriam Gruß (FDP) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c: Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer.
Text
Rede von Miriam Gruß (FDP) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten
Damen und Herren! Es gibt eine gute Nachricht und eine
schlechte Nachricht. Die gute Nachricht vorneweg: Wir
unterhalten uns heute, an diesem Donnerstag, hier im
Deutschen Bundestag zur Kernzeit über das Thema
Kinderarmut. Das ist die gute Nachricht. Es gibt aber auch
eine schlechte Nachricht: Die Tatsache, dass wir uns in
Deutschland überhaupt über das Thema Kinderarmut
unterhalten müssen, ist die schlechte Nachricht. Reiches
Deutschland – arme Kinder!
Kommen wir zu den Fakten. Der Kinderschutzbund
hat uns die Zahlen genannt: 2,4 Millionen Kinder in
Deutschland leben in Armut. Danach lebt inzwischen
jedes sechste Kind in Deutschland in Armut. Es gibt aber
auch noch andere Zahlen. Damit komme ich zum ersten
wunderlichen Aspekt dieser Debatte. Es gibt nämlich
anderslautende Zahlen des Bundesarbeitsministers Scholz,
und es gibt anderslautende Zahlen der
Bundesfamilienministerin von der Leyen. Wer weiß schon, welche
Zahlen die richtigen sind? Die Frage ist auch, ob mit den
Aussagen gewisser Studien nicht politische
Schlussfolgerungen herbeigerufen werden sollen. Wie auch immer,
in diese Debatte will ich jetzt nicht einsteigen. Ich
gehöre zur Opposition und kann die Zahlen nicht
nachprüfen. Ich weiß allerdings: Jedes arme Kind in
Deutschland ist ein Kind zu viel.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Neben der materiellen Armut gehen mit Armut
nämlich auch schlechtere Gesundheit, größerer emotionaler
Miriam GrußStress, der sich sogar auf die Bildungschancen von
Kindern auswirkt, und schlechtere Teilhabechancen von
Kindern in Deutschland einher. Schauen wir uns die
Antworten der Bundesregierung an. Damit kommen wir,
meine Damen und Herren, zu einem zweiten
wunderlichen Aspekt: Meines Erachtens findet hier nämlich ein
ganz wunderliches „Rechte Tasche, linke Tasche“-Spiel
statt. Auf der einen Seite wird uns im Ausschuss gesagt,
der Kinderzuschlag wurde erhöht. Das hat man aber
nicht gescheit gemacht; denn ansonsten wäre auch der
bürokratische Aufwand vermindert worden. Nun
profitieren die, die tatsächlich den Kinderzuschlag erhalten,
nur so marginal und minimal, dass es der Rede gar nicht
wert ist.
Außerdem wird auf die uns vorgelegten Konzepte zur
Vereinbarkeit von Beruf und Familie verwiesen. Wir
wissen allerdings heute noch nicht, ob nicht durch
Einführung des Betreuungsgeldes all die guten Dinge, die
hierdurch auf den Weg gebracht werden, entsprechend
konterkariert werden. Damit würde den Kindern
wiederum die Möglichkeit geraubt, von Anfang an
Bildungschancen wahrzunehmen.
Auf der anderen Seite – das zu „Rechte Tasche, linke
Tasche“ – zieht die Bundesregierung den Eltern durch
die größte Steuererhöhung der Bundesrepublik
Deutschland das Geld aus der Tasche.
Von den 19 Steuererhöhungen sind vor allem die Eltern
betroffen, die das Geld am dringendsten brauchen.
Familien sind diejenigen, die am schnellsten in die
Bedürftigkeit abrutschen. Die Antwort der Bundesregierung sind
immer weitere Steuererhöhungen, von denen die
Familien am meisten betroffen sind. Ich nenne beispielsweise
die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Reduzierung bei
der Pendlerpauschale und Abschaffung der
Eigenheimzulage.
Unsere Antworten sehen anders aus. Wir wollen
keine Verteilungspolitik, sondern Hilfe für die wirklich
Bedürftigen, die zielgenau und bedarfsgerecht sein
muss. Wir schauen nicht nur auf die Erwachsenen,
sondern auch auf die Kinder. Wir müssen nämlich beide
Gruppen im Blick haben.
Was tun wir für die Kinder? Wenn wir im Bundestag
über Kinder reden, dann müssen wir beachten, dass
natürlich auch die Länder beteiligt sind. An dieser Stelle
würde ich mich freuen, wenn die Länder sich mehr an
den Investitionen in die frühkindliche Bildung
beteiligen würden.
Chance auf Teilhabe heißt Chancengleichheit von
Beginn an. Es ist ein Faktum, welches nicht wegzureden
ist, dass das am Besten über die frühkindliche Bildung
geht.Wir kümmern uns um die Teilhabe, um die
Beteiligung von Kindern in Deutschland. An dieser Stelle
möchte ich den Jugendverbänden ein großes Lob und
Dankeschön aussprechen, die tagtäglich viel
ehrenamtliche Arbeit leisten und sich dafür einsetzen, dass alle
Kinder in Deutschland Beteiligung erfahren dürfen.
Mit Blick auf die Erwachsenen sind meines Erachtens
drei Dinge ganz wichtig. Der wichtigste Punkt ist ein
Arbeitsplatz. Denn ein Arbeitsplatz schützt vor Armut.
Deswegen müssen wir alle Anstrengungen unternehmen,
die Arbeitslosigkeit weiter zu reduzieren.
(Caren Marks [SPD]: Da haben wir schon was
vorzuweisen!)
Des Weiteren ist es wichtig, die Aufnahme einer
Arbeit durch eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und
Familie überhaupt zu ermöglichen.
(Caren Marks [SPD]: Da haben wir mehr
gemacht als die FDP!)
Es ist zwar richtig, in Richtung des Ausbaus der
Betreuungsplätze für unter Dreijährige zu gehen, aber die
Anstrengungen dürfen an dieser Stelle nicht aufhören. Auch
hier müssen die Länder mit ins Boot geholt werden.
Kinderbetreuung wird nicht überflüssig, wenn die
Kinder älter als drei Jahre sind. Wir müssen für alle
Altersgruppen Betreuung gewährleisten, und zwar eine
qualitativ hochwertige Betreuung. Bis jetzt habe ich in
diesem Hause viel über den quantitativen Ausbau
gehört, aber leider noch viel zu wenig über den qualitativen
Ausbau der Betreuung von Kindern aller Altersstufen.
Natürlich müssen wir – das ist der dritte Punkt – die
Steuern und Abgaben für die Familien senken. Die
FDP-Bundestagsfraktion hat das familienfreundlichste
Steuerkonzept von allen Fraktionen im Deutschen
Bundestag:
Steuersätze von 10, 25 und 35 Prozent, ein höheres
Kindergeld von 200 Euro, eine verbesserte steuerliche
Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten in Höhe von
12 000 Euro und ein Bürgergeld, das den wirklich
Bedürftigen zugute kommt. Wir haben die Antworten auf
die Kinderarmut in Deutschland.
Fakt ist: Der Nutzen von Kindern wird in
Deutschland gerne generalisiert; die Kosten werden nach wie vor
individualisiert. Das darf nicht sein. Ich bin gespannt auf
Ihre Antworten.