Rede von Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU) – Drucksachen 16/8148, 16/8393
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6 und 7: Drucksachen 16/8148, 16/8393 –.
Text
Rede von Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU) – Drucksachen 16/8148, 16/8393
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das
vergangene Jahr stand ganz im Zeichen des
Klimaschutzes. Die Weltklimaberichte der Vereinten Nationen
machten deutlich, dass der Klimawandel vom Menschen
verursacht ist und gravierende negative Auswirkungen
auf Frieden und Wohlstand weltweit haben könnte.
Klimaschutz und Energieeffizienz sind deshalb
Schwerpunktthemen der Großen Koalition. Während der
deutschen EU-Ratspräsidentschaft und der G-8-Präsi-
Dr. Maria Flachsbarthdentschaft im letzten Jahr konnte Angela Merkel
ambitionierte Klimaschutzziele international vereinbaren.
Derzeit setzt Deutschland die Vorgaben der EU in
nationales Recht um. Das Bundeskabinett hat deshalb das
Integrierte Energie- und Klimapaket beschlossen, welches
pünktlich zur Weltklimakonferenz im Dezember letzten
Jahres vorgelegt wurde. Ein zweites, kleineres Paket
folgt noch vor der Sommerpause.
Meine Damen und Herren, während im vergangenen
Jahr der Klimaschutz im Mittelpunkt stand, steht dieses
Jahr zunehmend unter dem Zeichen steigender
Energiepreise. Ein Ölpreis von zweitweise 135 Dollar pro Fass
ließ die Kraftstoffpreise auf mehr als 1,50 Euro pro Liter
steigen. Heizöl verteuerte sich im Vergleich zum Vorjahr
um bis zu 65 Prozent. Die Inflationsrate stieg
infolgedessen auf bis zu 3 Prozent. Die Union nimmt deshalb die
Sorgen und Nöte der Menschen sehr ernst, die sie sich
derzeit wegen der extrem steigenden Energiepreise
machen, die wiederum aus einem unguten Mix von
gesteigerter Nachfrage, begrenztem Angebot und
Finanzspekulationen entstehen. Leider ist nicht davon auszugehen,
dass es auf Sicht zu einer nachhaltigen Senkung der
Preise kommt.
Als Sofortmaßnahme hat die Große Koalition deshalb
eine Erhöhung von Wohngeld und
Heizkostenzuschüssen beschlossen – der Gesetzentwurf hängt allerdings
derzeit im Bundesrat –; auf diese Weise wird versucht,
mit staatlichem Geld die gröbsten Härten zu mindern.
Doch das kuriert nur an den Symptomen, stellt aber
keine nachhaltige Lösung dar. Diese kann nur in der
Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern
wie Öl und Gas liegen; denn die internationalen
Energiemärkte werden von Angebot und Nachfrage gesteuert.
Die Nachfrage steigt, da immer mehr Menschen auf
dieser Welt bei wachsendem Wohlstand immer mehr
Energie verbrauchen. Doch das Angebot bleibt konstant, die
Öl- und Gasreserven gehen auf Sicht sogar zur Neige.
Erst in dieser Woche hat der französische Ölmulti Total
mit dieser Nachricht für Aufmerksamkeit gesorgt.
(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Ist ja gut, dass Sie das alles auch
mitkriegen, was da los ist!)
Ein nachhaltiges Instrument in diesem
Zusammenhang ist das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz. Es
sieht vor, dass im Jahr 2020 14 Prozent der Wärme- und
Kälteenergie aus erneuerbaren Energien erzeugt werden.
Die Pflicht zur anteiligen Nutzung erneuerbarer
Wärme bei Neubauten aus einer Vielzahl von
Energieträgern – von Sonne über Holz, Biogas bis zum
Klärschlamm – kann auch durch Wärmedämmung oder
Nutzung von Fernwärme, Kraft-Wärme-Kopplung bzw.
Abwärme oder durch eine Kombination entsprechender
Maßnahmen ersetzt werden. Der Union ist es besonders
wichtig, dieses Gesetz technologieoffen auszugestalten.
Das haben wir erreicht.
(Beifall bei der CDU/CSU)Aber auch Bestandsgebäude, Herr Kauch, werden im
Rahmen von Förderprogrammen, nicht von
Zwangsmaßnahmen berücksichtigt:
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Für das Marktanreizprogramm, das wir in das
Wärmegesetz aufgenommen und mit einer Ausstattung von
500 Millionen Euro pro Jahr verrechtlicht und verstetigt
haben, sind bereits im ersten Quartal dieses Jahres fast
30 000 Anträge mit einem Fördervolumen von 26
Millionen Euro eingegangen.
Das CO2-Gebäudesanierungsprogramm führte im
ersten Quartal dieses Jahres bereits zu Kreditzusagen für
energieeffizientes Bauen und Sanieren in Höhe von
1,4 Milliarden Euro; das sind 44 Prozent mehr als im
Vorjahreszeitraum. Es handelt sich um ein
Gesamtinvestitionsvolumen in Höhe von 2,9 Milliarden Euro.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Man kann nun wirklich nicht sagen, dass das keine
Erfolgsstory ist. Das ist ein großer Erfolg, und zwar nicht
nur für das Klima und die Besitzer und Bewohner von
sanierten Häusern und Wohnungen, sondern es tut auch
dem örtlichen Handwerk gut, das von Aufträgen
profitiert. Das ist Mittelstandsförderung pur.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Meine Damen und Herren, Maßstab für die
Energiepolitik der Union war und ist das Zieldreieck aus
Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und
Versorgungssicherheit. Deshalb sprechen wir uns für einen
breiten Energiemix von den Erneuerbaren über Kohle
und Öl bis hin zur Kernenergie aus.
Bei der Versorgungssicherheit ist die hohe
Importquote der fossilen Energieträger und deren Verfügbarkeit
in der Zukunft zu beachten. Der effiziente Einsatz und
intelligente Ersatz fossiler Brennstoffe durch in 2007
weit über 70 000 Gigawattstunden regenerativer Energie
stellt somit einen Beitrag zur Versorgungssicherheit
und Generationengerechtigkeit dar.
Die Wirtschaftlichkeit des Energiemixes ist
entscheidender Standortfaktor für Industrie und Gewerbe.
Während Deutschland 2006 mehr als 70 Milliarden Euro für
den Import fossiler Energieträger aus teilweise politisch
instabilen Ländern bezahlen musste, sind erneuerbare
Energien heimische Energieträger. Die 70 Milliarden
Euro sind weg; bei den Erneuerbaren findet trotz deren
Differenzkosten in Höhe von 3,3 Milliarden Euro die
Bruttowertschöpfung hier im eigenen Land statt.
Meine Damen und Herren, die Novelle des
Erneuerbare-Energien-Gesetzes lässt die Erneuerbaren
erwachsen werden. Sie wachsen heraus aus der beschützenden
Struktur von Abnahmezwang und Vergütung. Denn wir
Dr. Maria Flachsbarthhaben mit dieser Novelle das Gesetz auch qualitativ
weiterentwickelt. Dazu gehört, dass die Erneuerbaren –
zeitlich begrenzt – an den Markt gehen, aber auch zur
bisherigen Vergütungsstruktur zurückkehren können. Wir
haben damit ein niederschwelliges Angebot geschaffen,
um Markt auszuprobieren.
Zudem sieht die Novelle
Verordnungsermächtigungen mit Zustimmungspflicht durch den Bundestag vor,
mit der die Direktvermarktung, die Netzintegration,
nachfrageorientierte Vergütung und virtuelle
Kraftwerke ermöglicht werden sollen und der
Wälzungsmechanismus überarbeitet werden kann. Unabhängige
Erzeuger sollen sich am Regelenergiemarkt beteiligen
können.
Daneben haben wir natürlich auch die
unterschiedlichen Förderungsbedingungen für die einzelnen
Energieträger neu festgelegt. 30 Prozent des Stroms aus
Erneuerbaren bis 2020 bedeuten mehr als eine
Verdoppelung in den nächsten zwölf Jahren. Eine effiziente und
kostengünstige Förderung ist unabdingbar. Erneuerbare
sind nicht umsonst; aber die Kosten bleiben im Rahmen
und sind vorhersehbar: Der Gesetzesbegründung
entnehmen wir, dass die Differenzkosten bis 2015 auf ein
Maximum von 6,2 Milliarden Euro steigen werden. Das
EEG hat derzeit einen Anteil am Strompreis von 3 bis
4 Prozent. Eine vierköpfige Familie zahlt dafür im
Moment 40 Euro im Jahr.
Bei den Fördersätzen für die Solarenergie gab es ein
besonders großes Potenzial, Anreize für mehr Effizienz
zu setzen. Deshalb haben wir gegenüber dem
Regierungsentwurf eine noch stärkere jährliche Absenkung
der Vergütung zwischen acht und fast 13 Prozent vor
allem für große Anlagen über 1 000 Kilowatt festgelegt.
Hinzu kommt ein atmender Deckel, je nachdem wie sich
der Zubau der Solarenergie entwickelt.
Hinsichtlich der Biomasse haben wir neue
Förderregelungen für die Nutzung von Gülle als Gärsubstrat
vorgelegt. Wird Gülle direkt auf die Felder ausgebracht,
ergibt sich eine Methanausgasung in großem Maße. Da
Methan wesentlich klimaschädlicher als CO2 ist, wollen
wir mit dem Güllebonus erreichen, dass die
betriebseigene Gülle erst durch die Biogasanlagen gelenkt wird,
um so die Methanausgasung zu vermeiden.
Daneben verbessern wir die Bedingungen für den
Einsatz effizienter Kraft-Wärme-Kopplung sowie zur
Biogasaufbereitung und -einspeisung. Das Gas muss
dort verstromt werden, wo es Wärmesenken gibt. Das
halten wir für einen ausgesprochen zukunftsweisenden
Weg.
Den Nawaro-Bonus haben wir bei Alt- und
Neuanlagen – genauso wie die Grundvergütung bei Anlagen bis
500 Kilowatt – erhöht, um den gestiegenen
Substratpreisen und auch den erhöhten Anforderungen im Rahmen
des Immissionsschutzes Rechnung zu tragen.
Bei der Wasserkraft setzen wir Anreize für eine
weitere ökologische Modernisierung der Anlagen, um die
vorhandenen Potenziale nachhaltig zu nutzen.Die Geothermie lieferte zwar bislang keine
bedeutenden Strommengen. Allerdings hat sie großes
Potenzial, gerade grundlastfähigen Strom zu liefern.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Deshalb haben wir Anreize zu einem schnelleren
Einstieg in diese Technologie gesetzt. Außerdem wollen wir
den Einsatz effizienter Kraft-Wärme-Kopplung und
neuartiger HDR-Verfahren fördern.
Die Windenergie ist mit einem Anteil von 60 Prozent
am erneuerbaren Strom das Arbeitspferd der
Erneuerbaren schlechthin. Den Vergütungssatz für Onshore-
Anlagen, also Anlagen im Binnenland, haben wir deshalb auf
9,2 Cent erhöht, um die gestiegenen Kosten für
Rohstoffe zu kompensieren. Daneben wurden die
Bedingungen für das Repowering verbessert und ein
Systemintegrationsbonus für die erhöhten Anforderungen an das
Einspeisemanagement der Anlagen vorgesehen.
Für Offshore-Anlagen, also Anlagen in der offenen
See, ist es uns wichtig, mit einem Frühstarterbonus und
erhöhter Vergütung die Ampeln auf Grün zu stellen, um
trotz noch erheblicher technologischer Probleme und
Herausforderungen einen zügigen Ausbau zu
ermöglichen.
Die Bundesrepublik setzt mit dem IKEP und
insbesondere mit den heute zu beschließenden Gesetzen für
erneuerbaren Strom und erneuerbare Wärme
energiepolitische Weichenstellungen in die Zukunft. Das IKEP ist
nicht nur in der Geschichte der deutschen Klimapolitik,
sondern auch international einmalig. Es gibt kein
vergleichbares Industrieland mit einem ähnlich
ambitionierten und konkret ausgestalteten Programm.
Wir haben ein ausgewogenes Konzept vorgelegt, mit
dem wir unsere ehrgeizigen Klimaschutzziele erreichen
können, die Versorgungssicherheit verbessern und einen
langfristig wirksamen Beitrag gegen steigende
Energiepreise auf den Weg gebracht haben. Ich bitte Sie deshalb
um Ihre Zustimmung zu diesen beiden Gesetzen.
Herzlichen Dank.
Relationen
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