Protokoll der 34. Sitzung des 11. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 34. Sitzung des 11. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 11/34
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
34. Sitzung
Bonn, Freitag, den 16. Oktober 1987
Inhalt:
Gedenkworte für die Opfer des Absturzes
eines italienischen Flugzeuges am 15.
Oktober 1987 2273 A
Tagesordnungspunkt 19:
Abgabe einer Erklärung der
Bundesregierung zur sozialen Flankierung des
Strukturwandels in der Stahlindustrie
in Verbindung mit
Zusatztagesordnungspunkt 16:
Beratung des Antrags der Fraktion der SPD:
Stahlpolitik der Bundesregierung
(Drucksache 11/947)
Dr. Bangemann, Bundesminister BMWi 2273B, 2294 D
Roth SPD 2278A
Dr. Sprung CDU/CSU 2281 B
Stratmann GRÜNE 2282 D
Beckmann FDP 2285 C
Dr. Blüm, Bundesminister BMA 2287 C
Urbaniak SPD 2291 C
Hinsken CDU/CSU 2292 D
Frau Weyel SPD 2294 B
Schreiner SPD 2294 D
Zusatztagesordnungspunkt 8:
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Umwelt,
Naturschutz und Reaktorsicherheit zu dem Antrag
der Abgeordneten Dr. Laufs, Schmidbauer,
Fellner, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der FDP: Einsetzung einer
Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz
der Erdatmosphäre"
zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Knabe,
Wetzel und der Fraktion DIE GRÜNEN:
Einsetzung einer Enquete-Kommission
„Langfristiger Klimaschutz" (Drucksachen 11/533,
11/787, 11/971) 2296D
Zusatztagesordnungspunkt 17:
Aktuelle Stunde betr. Entsendung von
Marine-Einheiten der Bundeswehr ins
Mittelmeer
Dr. Mechtersheimer GRÜNE 2297 B
Kossendey CDU/CSU 2298 B
Dr. Scheer SPD 2299 D
Dr. Hoyer FDP 2300 D
Frau Beer GRÜNE 2301 D
Dr. Uelhoff CDU/CSU 2302 C
Jungmann SPD 2303 C
Dr. Wörner, Bundesminister BMVg . . 2304 C
Zumkley SPD 2305 D
Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU 2306 C
Lowack CDU/CSU 2307 B
Kolbow SPD 2308 D
Schwarz CDU/CSU 2309 B
Tagesordnungspunkt 20:
a) Beratung des Antrags der Fraktion DIE
GRÜNEN: Beendigung der Arbeiten am
Endlager Gorleben (Drucksache 11/511)
und
b) Beratung des Antrags der Fraktion der
SPD: Entsorgung — Endlager (Gorleben)
(Drucksache 11/581)
Frau Wollny GRÜNE 2310B
Kleinert (Marburg) GRÜNE (zur GO) . . 2312A
Tagesordnungspunkt 21:
Erste Beratung des von der Fraktion DIE
GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über
das Bundesverfassungsgericht (Drucksache
11/73)
Frau Nickels GRÜNE 2312 B
Geis CDU/CSU 2313D, 2322A
Dr. de With SPD 2316B
Kleinert (Hannover) FDP 2318 D
Engelhard, Bundesminister BMJ 2321 A
Frau Roitzsch (Quickborn) CDU/CSU (zur
GO) 2322 A
Nächste Sitzung 2322 D
Anlage
Liste der entschuldigten Abgeordneten . . 2323* A
34. Sitzung
Bonn, den 16. Oktober 1987
Beginn: 9.00 Uhr
Vizepräsident Westphal: Meine Damen und Herren,
mit Bestürzung haben wir gestern in den späten
Abendstunden die schreckliche Nachricht erhalten,
daß ein italienisches Flugzeug bei schweren
Gewittern auf dem Flug von Mailand nach Köln abgestürzt
ist. An Bord befanden sich 37 Insassen, darunter 29
deutsche Mitbürger. Sie alle fanden den Tod. Den
Angehörigen der Verunglückten gelten unser
Mitgefühl und unsere aufrichtige Anteilnahme. — Sie
haben sich zu Ehren der Toten von Ihren Plätzen
erhoben. Ich danke Ihnen. —
Ich rufe Punkt 19 und Zusatzpunkt 16 der
Tagesordnung auf:
Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung
zur sozialen Flankierung des Strukturwandels
in der Stahlindustrie
Beratung des Antrags der Fraktion der SPD
Stahlpolitik der Bundesregierung
— Drucksache 11/947 —
Dazu liegen Entschließungsanträge der Fraktion
der SPD und der Fraktion DIE GRÜNEN vor.
Meine Damen und Herren, nach einer
interfraktionellen Vereinbarung sind für die gemeinsame
Beratung dieser Tagesordnungspunkte zwei Stunden
vorgesehen. — Kein Widerspruch. Dann ist das so
beschlossen.
Das Wort hat der Bundesminister für Wirtschaft.
Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft:
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wenn man
über die Stahlindustrie und die soziale Fl ankierung
des Strukturwandels in dieser Branche diskutiert, muß
man von einigen Grunderkenntnissen ausgehen, die
schwerer wiegen als alle offenbar unvermeidliche
Kritik und Polemik.
Erstens. Wir debattieren kein deutsches, sondern
ein internationales Problem. Natürlich wird das
Stahlarbeiter, die ihren Arbeitsplatz aufgeben müssen,
sicher nicht beruhigen. Das ist auch verständlich. Aber
es ändert leider nichts an der Tatsache, daß der
Strukturwandel, dem nicht nur diese Branche unterliegt,
weltweite Dimensionen hat. Keine Regierung, kein
Unternehmen kann ihn aufhalten. Es wäre auch nicht
nur unmöglich, ihn aufzuhalten, es wäre
gesamtwirtschaftlich verhängnisvoll. Wir können die sozialen
Folgen dieses Umbruchs erträglicher machen. Das
geschieht. Das geschieht mit dem Einsatz auch hoher
Mittel des Steuerzahlers. Wir können und dürfen aber
diesen Strukturwandel selbst nicht behindern.
Zweitens. Nationale Stahlpolitik, nationale
Stahlkonzepte stehen für ein einzelnes Mitgliedsland der
Europäischen Gemeinschaft nicht mehr zur
Diskussion. Wir haben eine gemeinsame Stahlpolitik der
EG. Man mag das kritisieren. Aber es ist auch eine
Tatsache: Kein Mitgliedsland allein kann sie
bestimmen. Wir können sie freilich beeinflussen. Die
Bundesregierung hat das get an , und sie wird es weiter
tun. Ich meine, daß wir dabei auch erfolgreich
gewesen sind. Wir werden auch künftig keine Anstrengung
unterlassen, um die Wettbewerbssituation der
deutschen Stahlunternehmen gleich mit der anderer
Stahlunternehmen zu gestalten,
Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten der deutschen Stahlunternehmen
abzuwehren.
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
Drittens. Die Bundesregierung ist weder gewillt
noch in der Lage, unternehmerische Verantwortung
in der Stahlindustrie zu übernehmen. Sie hält — ich
habe es gesagt — den Strukturwandel in dieser
Branche für unvermeidlich. Das heißt im Klartext: Sie ist
wie alle Unternehmen, wie übrigens auch die IG
Metall, der Meinung, daß Kapazitätsabbau unrentabler
Anlagen unausweichlich ist und daß damit ein
Arbeitsplatzverlust einhergeht, den auch wir bedauern,
aber nicht vermeiden können. Wo und wie das
geschieht, bleibt in der Kompetenz der mitbestimmten
Unternehmen.
Wir sind bereit und haben diese Bereitschaft
bewiesen, mit sozialpolitischen Hilfen, mit der Förderung
von Ersatzarbeitsplätzen Erschütterungen aufzuf an
-
gen, die in einer solchen Situa tion durch die
betroffenen Regionen gehen. Aber wir haben die
Anpassungspläne der Gesellschaften zu respektieren. Nicht
die Bundesregierung sagt, daß in der deutschen
Stahlindustrie in den kommenden Jahren 35 000
Arbeitsplätze verlorengehen müssen. Das entscheiden
andere in ihrer eigenen Verantwortung. Zu diesem im
übrigen trostlosen Ergebnis sind Unternehmen und
Gewerkschaften auch gemeinsam gekommen.
Niemand in diesem Hause wird ihnen dabei unterstellen,
daß sie das leichtfertig oder unbedacht gemacht
haben. Auch sie haben sich ökonomischem Zwang
beugen müssen.
Viertens. So schmerzlich, so einschneidend dieser
Umbruch ist, so wenig genügt es, ihn nur zu beklagen
und angeblich dafür Verantwortliche zu kritisieren.
Wir müssen ihn zugleich auch als eine Chance
begreifen, als eine gemeinsame Herausforderung von
Gewerkschaften, Unternehmen und Politikern, die
Leistungskraft unserer Wi rtschaft zu erhöhen, auf diese
Weise neue wettbewerbsfähige Arbeitsplätze zu
schaffen.
(Beifall bei der FDP)
Schuldzuweisungen, die im übrigen auch häufig ins
Leere gehen, helfen den Betroffenen überhaupt nicht.
Wir brauchen in den Regionen, die von diesen
Belastungen betroffen sind, einen neuen Aufbruch. Ein
besseres Investitionsklima gehört vor allem anderen
dazu. Wir müssen die Unternehmen auffordern, — das
ist geschehen — , gerade do rt , wo Arbeitsplätze
verlorengehen, ihre Investitionen vorzunehmen und damit
neue Arbeitsplätze zu schaffen.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Wir müssen alle Anstrengungen unterstützen,
Umschulung und Fortbildung zu verstärken und dafür
das notwendige Interesse bei den Arbeitnehmern zu
wecken. Wir müssen Vorschriften abschaffen, die
einen flexiblen Arbeitsmarkt behindern.
Ich habe schon bei verschiedenen Gelegenheiten,
auch hier von diesem Platz aus, Gewerkschaften
darum gebeten — ich möchte das hier wiederholen —,
bei ihren Forderungen, die sie in den
Tarifverhandlungen erheben, auf regionale Besonderheiten mehr
Rücksicht zu nehmen. Wer übersieht, daß die von der
Strukturkrise be troffenen Regionen am besten
dadurch Hilfe bekommen könnten, daß man auf ihre
Situation auch mal bei Tarifvertragsverhandlungen
eingeht, der trägt zur Vertiefung der Probleme in
diesen Regionen bei.
(Stahl [Kempen] [SPD]: Das passiert doch
auch!)
Die sozialpolitischen Hilfen, die von der
Bundesregierung beschlossen worden sind, geben eine
ausreichende Grundlage, um jedenfalls materielle Not zu
vermeiden. Aber es genügt nicht, dabei
stehenzubleiben. Am Ende dieser mit so vielem persönlichen Leid
verbundenen Entwicklung muß eine neue
wettbewerbsfähige und leistungskräftige Struktur der
Stahl- und Bergbaugebiete stehen. Das sind die Ziele
unserer Politik. Alles andere würde nicht
weiterführen, und besonders unrealis tisch wäre es gewesen, die
Teile der Stahlproduktion künstlich erhalten zu
wollen, die international nicht mehr mithalten können.
Denn auch das ist unbestreitbar und wird immer
weniger bestritten: Der Stahlverbrauch geht weltweit
zurück. In den westlichen Industrienationen steigt auch
das Angebot aus Schwellenländern und
Entwicklungsländern. Diese Länder bieten einfache
Stahlsorten zu Bedingungen an, die in den Industrieländern
gar nicht mehr möglich sind. Übrigens sind viele
dieser Stahlwerke von Unternehmen westlicher
Industrieländer erstellt worden, und man kann wohl nicht
dabei Geld verdienen wollen und ihnen dann
andererseits Marktchancen nicht einräumen, die sie zu
Recht verlangen.
Zudem sorgt der technische Fortschritt dafür, daß
immer mehr Stahl mit immer weniger Arbeitskräften
hergestellt werden kann. Auch der spezifische
Stahlverbrauch ist zurückgegangen, weil immer mehr
Ersatzstoffe verwendet werden, oder do rt , wo Stahl
verwendet wird, mit geringeren Mengen gearbeitet
werden kann. Ich zitiere deshalb das Internationale
Eisen- und Stahlinstitut, das zu ähnlichen Prognosen
wie die OECD und die EG-Kommission kommt.
Danach geht der Stahlverbrauch in der Europäischen
Gemeinschaft bis 1995 auf 92 Millionen Tonnen
zurück, ein Minus von 10 Millionen Tonnen innerhalb
von zehn Jahren. In den Vereinigten Staaten wird zu
gleicher Zeit ein Rückgang von 12 Millionen Tonnen
und in Japan von 8 Millionen Tonnen erwartet.
Natürlich sind das Prognosen. Man kann immer
bestreiten, daß es tatsächlich so verläuft. Aber alle
Fachleute sind sich einig, daß dies der generelle Trend ist.
Die abwärts gerichtete Tendenz im Stahlverbrauch
löst den Zwang zu weiteren Kapazitätsanpassungen
aus.
Die vergeblichen Bemühungen in einigen unserer
Nachbarländer, eine hohe Stahlproduktion durch
riesige Subventionen zu retten, sollten jedermann zu
denken geben. Gegen den Markt, gegen den
technischen Fortschritt und gegen weltweite
Verbrauchsveränderungen gibt es kein Mi ttel. Selbst wenn es
dies gäbe, wer wollte es bei den Kosten, die damit für
die Volkswirtschaft verbunden sind, ernsthaft
anwenden?
Meine Damen und Herren, ich werde nicht müde,
auch das immer wieder zu wiederholen: Das
Aufhalten des Strukturwandels kostet nicht nur die
Arbeitsplätze, die man letztlich gar nicht retten kann, weil sie
schon wettbewerbsunfähig sind, sondern es kostet
auch die neuen Arbeitsplätze, die nicht entstanden
sind, weil man zu lange an einer überholten Struktur
festgehalten hat.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD)
— Ihr Problem besteht da rin, daß Sie durchaus über
die richtigen Erkenntnisse von Zeit zu Zeit verfügen,
sie aber nicht anwenden.
(Zurufe von der SPD)
Es ist gar nicht meine Erkenntnis.
Ich darf Ihnen einmal ein Papier in Teilen vorlesen,
das eine Arbeitsgruppe bei Ihnen, an der auch Herr
Glotz beteiligt war, ausgearbeitet hat. Da heißt es:
„Das Bewußtsein für die Notwendigkeit einer solchen
Politik", die nämlich nicht nur auf solidarische und
soziale Absicherung setzt, sondern die auch
Zukunftsentwicklungen ins Auge faßt, „ist in der Partei weiter
entwickelt, als nach außen hin deutlich wird". Das
sagt dieses Papier der SPD.
(Dr. Vogel [SPD]: Na und? Bei Ihnen ist es
umgekehrt!)
— Herr Vogel, Ihre vorschnellen Schlüsse — ich habe
ja bisher nur einen Satz aus Ihrem Papier vorgele
-
sen — sind Ihnen schon verschiedentlich zum
Verhängnis geworden. Sie sollten eigentlich mit
Zwischenrufen warten, bis der zweite Satz kommt.
(Dr. Vogel [SPD]: Welches Papier denn? —
Zuruf von der SPD: Sie sind das Verhängnis
der Wirtschaftspolitik! — Weitere Zurufe von
der SPD)
Jetzt kommt nämlich der zweite Satz:
Jedoch gibt es da und do rt in der SPD eine
Unteruns-gesagt-Mentalität. Intern wird längst
eingeräumt, daß sich die Partei stärker solchen
Gedanken öffnen müßte, aber in der Öffentlichkeit wird
dann aus Rücksicht auf gesellschaftliche
Organisationen in altbewährter Manier weiter
argumentiert.
Das ist Ihr Problem.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU — Zuruf von
der SPD: Darum bedienen Sie die Rei
-
chen!)
Sie machen ja wunderbar weiter, wie Herr Glotz es
beschrieben hat: Nach außen haben Sie Ihre
Scheinformeln. „Sie bedienen die Reichen" usw., und intern
wissen einige von Ihnen schon, daß man an diesem
Strukturwandel nicht vorübergehen kann, wenn man
den Arbeitnehmern helfen wi ll. Das erkennen Sie
zwar, aber Sie h andeln nicht danach; das ist Ihr
Problem.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Dabei, meine Damen und Herren, ist die aktuelle
Situation in der Bundesrepublik sogar
verhältnismäßig günstig. Es kann gar nicht beschritten werden, daß
die generelle Konjunkturbelebung, die außer der
Opposition auch niemand hierzulande bestreitet, am
Stahlmarkt nicht vorbeigeht. Das Inlandsgeschäft hat
sich in den letzten Monaten wieder belebt. Die
Auslandsnachfrage nimmt seit der Jahresmitte deutlich
zu. Die Preise, zumindest bei Flachprodukten,
stabilisieren sich. Auch die Produktion geht nach oben. So
kann man nach heutigem Erkenntnisstand erwarten,
daß wir in diesem Jahr etwa die gleiche
Stahlproduktion wie 1986 haben werden, also rund 37 Millionen
Tonnen. Am Jahresanfang war dagegen noch mit
einem Rückgang gerechnet worden. Aber ich sage noch
einmal: An den langfristigen Tendenzen ändert das
auch nach Meinung der Stahlproduzenten nichts.
Um so mehr kommt es darauf an, die Interessen der
deutschen Stahlindustrie und ihrer Beschäftigten
innerhalb der EG wahrzunehmen. Wir haben das getan.
Auf deutsches Drängen hin ist der europäische
Subventionsdschungel mit dem Subventionskodex
beseitigt worden. Vor allem die Bundesregierung hat
durchgesetzt, daß seit Ende 1985 keine
stahlspezifischen Subventionen mehr gezahlt werden durften.
Wir achten auch darauf, daß dieses Subventionsverbot
in den EG-Ländern tatsächlich eingehalten wird. Ich
weiß, eine gesetzliche Vorschrift, ein Verbot, wird
nicht immer eingehalten; das weiß jeder, der mit
Gesetzen und ihrer Durchsetzung zu tun hat. Aber ich
weiß auch: Wir sind gar nicht diejenigen, die mit allzu
weißer Weste mit den Fingern auf andere zeigen
können: Von den Verfahren, die die Kommission
eingeleitet hat, betreffen drei auch deutsche
Unternehmen.
Wir sind aber jedem Hinweis auf die mögliche
Zahlung verbotener Subventionen sofort nachgegangen
und haben die EG-Kommission aufgefordert, das
sofort abzustellen. Das bedeutet dann natürlich auch,
daß wir, wenn wir mit diesen Aufforderungen Erfolg
haben wollen, uns selber bemühen müssen, nicht
gegen den Subventionskodex zu verstoßen.
(Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Aber der Unter
schied ist doch eklatant!)
Immerhin, in der Sitzung des europäischen Stahlrats
am 21. September haben alle Regierungen aller
Mitgliedsländer noch einmal versichert, daß sie den
Subventionskodex einhalten wollen.
Dieser Stahlrat hat auf unser Drängen auch
beschlossen, das geltende Produktionsquotensystem
um drei Jahre zu verlängern, sofern die Sicherheit
besteht, daß die Unternehmen dann auch den von der
EG-Kommission für unumgänglich gehaltenen
Anpassungsprozeß fortsetzen. Das ist eine ganz wichtige
Fortentwicklung der europäischen Stahlpolitik, die im
Interesse der deutschen Stahlunternehmen liegt.
Es mag sein, daß der eine oder andere fragt: Wieso
kann man unter einer liberalen Marktordnung für ein
Quotensystem eintreten? Dieses Quotensystem hat
zwei Vorteile:
Erstens. In einer Situa tion, in der wir nicht ganz
sicher sind, daß sich alle an den Subventionskodex
halten, verhindert dieses System, daß sich
ungerechtfertigte Wettbewerbsvorteile, die durch verbotene
Subventionen entstehen, unmittelbar auf dem Markt
bemerkbar machen.
Zweitens. Die Weiterführung des Quotensystems ist
notwendig, wenn der andere Gedanke, den wir auch
in die Debatte eingebracht und unterstützt haben,
nämlich der des Quotenkaufs und -verkaufs,
umgesetzt werden soll. Es ist klar: Man kann keine Quote
verkaufen, die nicht durch ein System geschützt wird.
Dieser Kauf und Verkauf soll dazu beitragen, Mittel zu
beschaffen, die wir einsetzen wollen und die den
Stahlunternehmen den Kapazitätsabbau erleichtern
werden.
Wir haben uns auch darauf geeinigt, daß die
europäische Stahlindustrie als Ganze nur dann gesunden
kann, wenn in allen Mitgliedsländern weitere
unrentable Anlagen abgebaut werden, deren Kapazität von
der Kommission inzwischen auf 30 Millionen Tonnen
veranschlagt wird. Ich sage bewußt „in allen
Mitgliedsländern", damit deutlich wird, daß das ein
Problem nicht nur der deutschen Stahlindustrie ist.
Hier kann man nicht, wie es seitens der SPD
geschehen ist, von Vorleistungen sprechen. Vielmehr
bestanden die Stillegungspläne der deutschen
Stahlindustrie bereits: Man muß sich einmal vorstellen, wie
sich da die Argumentation der Opposition verändert
hat:
(Zuruf von der CDU/CSU: Eine absurde Ar
gumentation ist das!)
In der Phase, in der wir die Einigung mit IG Metall und
Stahlindustrie noch nicht hatten, hieß es: Die
Bundesregierung drückt sich vor der Verantwortung; sie
schiebt Dinge nach Brüssel, die in Brüssel gar nicht
entschieden werden können. Ich habe dafür
geworben, daß man diese erste Sitzung des Stahlrats, von
der ich jetzt spreche, abwartet, damit wir zunächst
einmal eine europäische Grundlage für unsere
eigenen Beschlüsse haben. Daß das richtig war, zeigen die
Beschlüsse des Stahlrates, über die ich hier
berichte.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Aber als wir diese Grundlage hatten, wäre es
unverantwortlich gewesen, nicht Klarheit über die soziale
Absicherung zu schaffen.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Das haben wir getan. Vorher hat die SPD kritisiert,
daß wir es nicht getan haben; als wir es get an haben,
hat sie kritisiert, daß wir es getan haben. Meine
Damen und Herren, das ist unsere Opposi tion!
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Widerspruch bei der SPD)
Wir müssen jetzt noch bestimmen, wo welche
Anlagen stillgelegt werden. Das ist die Aufgabe der
sogenannten drei Weisen. Niemand erwartet von ihrer
Arbeit Wunder, aber es war schon deshalb richtig, sie
mit dieser Aufgabe zu betrauen, weil es
unwidersprochene Berichte gibt, daß einige Regierungen ihren
eigenen verstaatlichten Unternehmen untersagt
haben sollen, konkurrenzunfähige Kapazitäten
stillzulegen. Daran ist nämlich die Bemühung von Eurofer
gescheitert. Die p rivaten Unternehmen waren bereit,
diese Entscheidungen zu treffen; verstaatlichte
Unternehmen hätten sie von ihrer eigenen
unternehmerischen Verantwortlichkeit her auch getroffen, sind
aber von ihren Regierungen daran gehindert worden,
das zu tun, was übrigens ein weiterer Beweis dafür ist,
daß verstaatlichte Unternehmen das unternehmerisch
Richtige und Wichtige nicht tun können, weil sie
politisch daran gehindert werden.
Diese Berichte werden es der Bundesregierung, den
anderen Mitgliedsregierungen und der EG-
Kommission erlauben, Stillegungen zu definieren. Dieses
Ergebnis war übrigens auch deswegen so wich tig, weil
wir die Zwangsumlage abgewehrt haben, an der die
Kommission zwar immer noch festhält, die aber
offensichtlich keine Mehrheit mehr findet. Diese
Zwangsumlage wäre eine direkte Bestrafung der deutschen
Stahlindustrie gewesen, denn man hätte
Unternehmen, die Betriebe entweder schon stillgelegt haben
oder noch stillegen werden, zur Finanzierung der
überflüssig gewordenen Kapazitäten anderer
Unternehmen herangezogen. Wir hätten also auf diese
Weise einen Zustand erreicht, bei dem das, was wir
tun, für uns nicht auch gewirkt hätte.
Meine Damen und Herren, diese Ergebnisse des
Ministerrats sind alles andere als eine
Selbstverständlichkeit. Es ist schwer gewesen, sie zu erreichen, aber
wir sind doch ein wenig stolz darauf, daß wir sie
erreicht haben. Wer die Diskussion verfolgt hat, der
weiß, daß dieses Ergebnis die Bundesregierung in
ihrer Politik bestätigt.
Es war auch nicht selbstverständlich, daß wir uns
darauf einigen konnten, den
Umstrukturierungsprozeß mit verstärkten sozialen und regionalen Hilfen aus
der Gemeinschaftskasse zu flankieren. Die
Bundesregierung hat seit langem darauf gedrängt. Wir haben
uns gemeinsam mit anderen gegen ha rten Widerstand
durchgesetzt. Einzelheiten werden wir noch
beschließen.
Eines ist aber klar: Das Argument der Kommission,
der EGKS-Haushalt dürfe hier nicht herangezogen
werden, weil man die Reserven des EGKS-Haushalts
brauche, um im ranking, in der Einordnung der
Kreditwürdigkeit, möglichst oben zu bleiben, ist
natürlich sachlich nicht haltbar. Man kann dieses ranking
auch durch andere Maßnahmen — durch die
Erklärung allein der Mitgliedsländer — herbeiführen; dazu
braucht man keine Reserven. Deswegen müssen diese
Reserven des EGKS-Haushalts nach Möglichkeit
weitgehend eingesetzt werden. Wenn es dann noch
nötig sein sollte — das habe ich erklärt — , sind wir
auch bereit, über einen Transfer aus dem allgemeinen
Haushalt zu reden. Aber das kann erst diskutiert
werden, wenn der EGKS-Haushalt hier herangezogen
worden ist.
Die Ratstagung am 21. September hat auch die
notwendigen Voraussetzungen für zusätzliche soziale
Hilfen zur Flankierung des Kapazitätsabbaus in der
deutschen Stahlindustrie geschaffen. Wir haben uns
in dem Gespräch mit der Stahlindustrie und den
Gewerkschaften bereit erklärt, über alle bisher schon
gegebenen Mittel hinaus zusätzlich 300 Millionen
DM zu zahlen. Wir erwarten, daß sich die betroffenen
Länder mit weiteren 150 Millionen DM beteiligen.
Das entspräche etwa ihrer Beteiligung an dem
Stahlhilfeprogramm der Jahre 1983 bis 1985.
Zuwendungen zu diesen Sozialhilfen, die von der
EG gezahlt werden, werden auf die Hilfen des Bundes
und der Länder nur angerechnet, wenn sie 150
Millionen DM übersteigen, d. h. in dieser Höhe — 150
Millionen DM — kommen noch die Mittel aus der
europäischen Kasse dazu. Wir sehen auch die Möglichkeit,
daß den Unternehmen aus den Erlösen des
Quotenverkaufs von stillgelegten Anlagen wesentliche
Beiträge für die soziale Flankierung dieses Prozesses
bereitstehen werden. Wir erwarten natürlich, daß nach
den Vereinbarungen zwischen der Stahlindustrie und
der IG Metall keine einseitigen Kündigungen von den
Unternehmen ausgesprochen werden; das ist die
Geschäftsgrundlage dieser ganzen Vereinbarung.
Ich meine, dies wäre jetzt der Augenblick, in dem
die Opposition dieses Ergebnis würdigen könnte. Es
wäre eigentlich möglich.
(Zuruf von der SPD: Er muß aber selbst la
-
chen! — Weitere Zurufe von der SPD)
— Nein, ich erwarte es nicht. Es ist Ihr Problem, daß
man es nicht erwarten kann.
(Urbaniak [SPD]: Seien Sie doch nicht so
langweilig!)
Wir haben ein verantwortungsbewußtes
Zusammenwirken von Bund, Ländern, Unternehmen und
Gewerkschaften — und Gewerkschaften, möchte ich
der Opposition sagen — gehabt. In einer äußerst
schwierigen Situation ist es nach manchen — auch
unsachlichen — Kontroversen gelungen, zu sachlich
begründeten und politisch vertretbaren Beschlüssen
zu kommen. Die Beteiligten haben über viele
Meinungsunterschiede hinweg gehandelt, und sie haben
es gemeinsam im Interesse der Stahlarbeiter get an .
Ich möchte ausdrücklich der IG Metall und auch
den Unternehmen für ihre konstruktiven Vorschläge
und Beschlüsse danken, und ich möchte auch dem
Land Nordrhein-Westfalen für seine Bereitschaft
danken, sich an den Finanzbeiträgen dafür zu
beteiligen.
Wir haben uns dem nicht verschlossen. Ich weise in
aller Bescheidenheit darauf hin, daß sich der Bund
auch angesichts der Haushaltsdebatte bereit erklärt
hat, sich finanziell zu beteiligen.
Ich glaube, daß dieser Beschluß ein gutes Zeichen
für einen immer noch möglichen Konsens ist. Alle
Beteiligten haben zuvor eingenommene Positionen
verlassen und sind aufeinander zugegangen, um
bedrängten Mitbürgern Lasten abzunehmen.
Wir führen in diesen Tagen die Gespräche, um die
Details festzulegen. Entscheidend ist dabei, daß wir
nur Instrumente verwenden können und wollen, die
mit dem EG -Beihilferecht vereinbar sind. Das engt
den Kreis der Maßnahmen etwas ein, aber sicher ist,
daß wir die Sozialhilfen nach A rt . 56 EGKS-Vertrag
verbessern können und die Sozialaufwendungen der
Unternehmen, die durch Stillegungen verursacht
werden, teilweise erstatten.
Auch die Stahlländer der Bundesrepublik — das
möchte ich hier mit Blick auf die Situa tion in diesen
Ländern und einiger Stahlunternehmen do rt
ausdrücklich betonen — dürfen zur finanziellen
Begleitung des Anpassungsprozesses nur EG-rechtliche
Instrumente benutzen. Wenn jemand bei uns in den
Ländern den Subventionskodex verletzt, muß er
wissen, daß er damit der gesamten deutschen
Stahlindustrie einen nicht wiedergutzumachenden Schaden
beifügt.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Das sollte jeder bedenken, der heute insoweit
Überlegungen anstellt.
Meine positive Wertung dieser gemeinsamen
Anstrengung wird nicht dadurch relativiert, wenn ich
daran erinnere, daß sie freilich nur eine Ergänzung
anderer Hilfen für die Stahlindustrie und ihre
Beschäftigten ist. Bei solchen Diskussionen geht oft verloren,
was in der Vergangenheit schon get an worden ist.
Um mit der Vergangenheit zu beginnen: Von 1983
bis 1985 sind Subventionszulagen,
Strukturverbesserungsbeihilfen, Beihilfen nach Art. 56 des EGKS-
Vertrages von über 5 Milliarden DM gezahlt worden.
Von 1983 bis 1985, in zwei Jahren, über 5 Milliarden
DM! Davon hat der Bund 2,8 Milliarden DM
aufgebracht. Aber auch das ist kein abgeschlossenes
Kapitel; denn diese Beiträge wirken ja weiter.
Von größerer aktueller und künftiger Bedeutung
sind die Leistungen des Bundes, die den deutschen
Stahlunternehmen und ihren Arbeitnehmern sowie
den Stahlregionen in den kommenden Jahren zugute
kommen werden. An sozialen Anpassungsbeihilfen
nach Art. 56 des EGKS-Vertrages werden bereits
nach der heutigen Fassung der entsprechenden
Richtlinie bis 1997 zusätzlich zu den 5 Milliarden DM zirka
1,2 Milliarden DM gezahlt. Davon wird der Bund rund
70 % tragen, die EG-Kommission 30 %. Das entfällt
nicht auf die Länder.
Die Bundesregierung hat eine Verbesserung des
Wartegeldes, der Umschulungshilfen und der
Obergangshilfe beschlossen. Das führt in den Jahren 1987
bis 1991 zu zusätzlichen Ausgaben von 60
Millionen DM. Für die Arbeitnehmer der Stahlindustrie ist
die Bezugsfrist für Kurzarbeitergeld auf 36 Monate
verlängert worden. Das wird die BfA rund 40
Millionen DM kosten. Und in unserer Regionalpolitik wird
das Stahlstandorteprogramm um drei Jahre
verlängert. Die Bundesregierung gibt den Stahlländern
Nordrhein-Westfalen, Bayern und Saarland
zusätzliche Haushaltsmittel zur Schaffung von
Ersatzarbeitsplätzen.
Jetzt ist es Sache der Landesregierungen und der
Kommunen, Investitionshemmnisse abzubauen und
Grundstücke anzubieten. Auch gerade das Land
Nordrhein-Westfalen sollte sich sehr genau ansehen,
was von Institutionen des eigenen Landes zur
Verbesserung des Investitionsklimas gesagt wird.
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
Wenn man das berücksichtigt, dann braucht man
weniger Geld — auch weniger eigenes Geld — , um neue
Arbeitsplätze zu schaffen.
Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen
sollte sich die Verteilung der Mittel zur
Wirtschaftsförderung in ihrem Haushalt ansehen. Wenn fast zwei
Drittel dieser Mittel zur Erhaltung von Arbeitsplätzen
aufgewandt werden, die in Wahrheit gar nicht mehr
wettbewerbsfähig sind, und nur noch ein Drittel
übrigbleibt, um Zukunftsaufgaben zu finanzieren, dann
muß man sich nicht beklagen, wenn es in anderen
Ländern, die eine bessere Wi rtschaftspolitik machen,
besser aussieht.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Widerspruch bei der SPD)
So sehen die Rahmendaten für die künftigen
Unternehmensbeschlüsse aus. Wir werden es nicht s till und
ergeben hinnehmen, wenn diese falsche Politik
unsere richtige Politik konterkariert. Wir werden das
deutlich sagen; denn tatsächlich haben wir finanzielle
Lasten auf uns genommen, die ihresgleichen
suchen.
(Zuruf von der SPD: Wer ist denn „wir"?)
Sie haben ja auch bereits in anderen Branchen die
Frage provoziert, was denn zur Linderung ihrer
strukturellen Bedrängnisse geschehe.
Die Bundesregierung, die verantwortlich ist für die
Lebensverhältnisse in der ganzen Bundesrepublik,
(Zurufe von der SPD: Eben!)
kann nicht daran vorübergehen, daß andere Bereiche,
denen nicht direkt geholfen worden ist, Fragen
stellen, denen wir uns stellen und die wir auch
beantworten müssen, wenn es um Gerechtigkeit in unserem
Lande gehen soll. Deswegen glaube ich, daß wir
dieses Ergebnis auch vor diesem Hintergrund
diskutieren müssen.
In jedem Fall wird es nicht zu Massenentlassungen
in der Stahlindustrie kommen. Das ist ein Ergebnis,
das wenige erwartet haben und über das wir uns alle
freuen sollten, wie ich meine. Trotzdem wird sich
niemand in diesem Hause beruhigt zurücklehnen und
erklären, der unausweichliche Strukturwandel sei
bereits geschafft.
Die Bundesregierung verkennt keinen Moment die
unermeßlichen menschlichen und ökonomischen
Probleme, die hier noch zu lösen sind. Aber das, was bis
zum heutigen Tag von uns zur Linderung dieser
Probleme getan werden konnte, was wir tun mußten,
haben wir getan. Ich denke, daß die Opposi tion einen
Beitrag dazu leisten sollte, der über Lamento und ein
lautes Geschrei hinausgeht.
Wir handeln und wir werden weiter handeln, um
den Bürgern nicht nur in den Stahlregionen, sondern
überall in der Bundesrepublik eine Perspektive zu
bieten.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der
Abgeordnete Roth.
Roth (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Was ist der Vorgang der letzten 14 Tage? Die
Bundesregierung hat sich damit einverstanden
erklärt, daß in den nächsten zwei Jahren 37 000
Arbeitsplätze in der deutschen Eisen - und Stahlindustrie
beseitigt werden sollen, ohne daß es ein Programm für
Ersatzarbeitsplätze oder eine Zusage der
Unternehmen für Ersatzarbeitsplätze gibt; das ist der
Vorgang.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Hier wurde und wird der wi rtschaftspolitische
Kahlschlag von ganzen Regionen vorprogrammiert. Und
Sie rühmen sich hier mit Selbstlob, daß Sie sich an den
Beerdigungskosten beteiligen.
(Zustimmung bei der SPD — Beckmann
[FDP]: Unerhört!)
Das ist nach meiner Überzeugung ein
wirtschaftspolitisch skandalöser Vorgang.
(Beifall bei der SPD — Unruhe bei der CDU/
CSU)
— Meine Damen und Herren — an die Zwischenrufer
gerichtet — ,
(Werner [Ulm] [CDU/CSU]: Wer hat hier
denn gerufen?!)
wir sind keine Pharisäer, wir wissen, daß
Strukturwandlungen notwendig sind. Wir wissen auch ganz
genau — und haben das hier stets gesagt — , daß
Stahlarbeitsplätze in der Zukunft wegfallen werden.
Die Frage ist jedoch, ob man das nur mit Sozialplänen
begleitet oder ob man aktive Strukturpolitik für neue
Arbeitsplätze betreibt; das ist unsere Posi tion.
(Beifall bei der SPD)
Sicher — besser, als wenn es anders wäre — , es ist
gut, wenn die Mehrheit der betroffenen Stahlarbeiter
in den vorzeitigen Ruhestand geht, also nicht auf die
Straße gesetzt wird. Dabei muß ich in Richtung auf die
Kollegen der Union — die anderen habe ich bei
sozialen Fragen sowieso abgeschrieben —
(Beckmann [FDP]: Na, na!)
auch einmal fragen: Ist es so sozial, Menschen mit
50 Jahren nach Hause zu schicken, von der Arbeit
wegzuschicken und nur für Abfederung zu sorgen? Ist
das sozial?
(Günther [CDU/CSU]: Sie wollen doch schon
auf 40 heruntergehen! — Weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, es ist — zum Glück —
ein Stück Sozialkultur in diesem Lande, daß wir es
bisher geschafft haben, daß Massenentlassungen im
Stahl nicht vorkommen. Aber ich frage mich auch:
Was bedeutet das ständige Anmahnen von mehr
Flexibilität in diesem Lande anderes, als genau dieses
Stück Sozialkultur in Frage zu stellen? Da sollten wir
alle sehr hellhörig sein.
Im übrigen: Angesichts der massiven Hilfe,
beispielsweise für die deutsche Landwirtschaft, hatten
die Stahlkocher nichts anderes als einen politischen
Anspruch auf entsprechende Sozialpläne.
(Beifall bei der SPD)
Herr Blüm, Sie sind nun in den vergangenen
Wochen durch das Ruhrgebiet gereist und haben
verkündet, es gebe 1 Milliarde DM zusätzlich zur sozialen
Flankierung bei Eisen und Stahl.
(Dr. Hüsch [CDU/CSU]: Das hat euch arg ge
-
ärgert!)
Doch was ist tatsächlich herausgekommen? Der Bund
beteiligt sich an Sozialplanhilfen mit 300
Millionen DM. Er verlangt von den Ländern, die das
zugesagt haben, 150 Millionen DM. Von den 300
Millionen DM des Bundes sind 170 Millionen DM bereits im
Etat der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und
Stahl eingesetzt. Das heißt: Der zusätzliche
Ausgabenposten, den Herr Blüm vorher auf 1 Milliarde DM
veranschlagt hat, beträgt in Wirk lichkeit 130
Millionen DM netto. Das ist der Vorgang, der hier
stattgefunden hat.
(Hört! Hört! bei der SPD)
Mehr hat Herr Blüm bei Herrn Bangemann und Herrn
Stoltenberg nicht durchgesetzt.
(Dr. Emmerlich [SPD]: Politik der schillern
den Seifenblasen!)
Meine Damen und Herren, der vorzeitige
Ruhestand der Stahlarbeiter ist jedoch nicht das
Hauptergebnis der Stahlrunde vom 2. Oktober. Das
Hauptergebnis sind 37 000 Arbeitsplätze, die wegfallen, eine
Zahl, die jeden überrascht hat, der die Stahldebatte
des Sommers verfolgt hat: Zuerst war von 15 000 bis
20 000 Arbeitsplätzen die Rede, dann, unmittelbar vor
dem Rat in Brüssel, von 25 000 Arbeitsplätzen, und
Ende September sind es 35 000 Arbeitsplätze
geworden; zählt man die Maxhütte hinzu, sind es insgesamt
37 000 Arbeitsplätze. Damit steht fest: Der
Anpassungsprozeß in der europäischen Eisen- und
Stahlindustrie geht in erster Linie zu Lasten der deutschen
Stahlindustrie. Von 80 000 Arbeitsplätzen im
Stahlbereich, die in der EG insgesamt wegfallen sollen, wer-
Deutscher Bundestag — 11. Wahlpe riode — 34. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Oktober 1987 2279
Roth
den also etwa 50 % in der Bundesrepublik
Deutschland beseitigt. Die Bundesrepublik hat aber nur einen
Anteil von etwa einem Drittel der
Stahlarbeitsplätze.
Meine Damen und Herren, Herr Bangemann, wie
wollen Sie eigentlich den Stahlkochern in Dortmund,
Duisburg, an der Saar oder in Osnabrück klarmachen,
daß die Bundesrepublik Deutschland mehr als die
anderen zur Sanierung beiträgt? Ich verstehe Ihre
Freude über diesen Vorgang nicht.
(Beifall bei der SPD)
Wie wollen Sie eigentlich der deutschen
Öffentlichkeit klarmachen, daß es notwendig ist, Arbeitsplätze
aufzugeben, die zu den modernsten in Europa
gehören? Sie haben selber Zahlen genannt. Es waren da in
der Regel Modernisierungszuschüsse. Die
Bundesrepublik Deutschland hat schon in unserer
Regierungszeit die deutsche Stahlindustrie rationalisiert und
modernisiert. Deshalb müßte m an zum Abbau von
Arbeitsplätzen weniger und nicht überproportional
beitragen. Das ist es, was wir kritisieren.
(Beifall bei der SPD)
Wie können Sie der deutschen Öffentlichkeit
klarmachen, daß die großen Vorleistungen, die erbracht
wurden, überhaupt nicht mehr zählen? Es waren doch
die deutschen Stahlunternehmen, die abgebaut
haben: von 70 Millionen Jahrestonnen vor zehn Jahren
auf heute 45 Millionen Jahrestonnen. Die Zahl der
Beschäftigten lag 1978 bei 300 000; heute liegt sie bei
200 000. Gilt das alles nichts mehr? Hätten die
Beschäftigten in der Stahlindustrie nicht mindestens
einen Anspruch, gleichbehandelt zu werden?
Geradezu unfaßbar ist das Selbstlob der
Bundesregierung, wenn man sich die Ergebnisse des EG-Stahl
-
rats vom 21. September anschaut. Damals haben sich
die Wirtschafts- und Industrieminister nicht auf ein
gemeinsames Konzept zur Strukturanpassung
geeinigt. Statt dessen haben sie sich auf den 8. Dezember
vertagt. Man hat sich also damals vor Entscheidungen
gedrückt. Wir haben das zu Recht kritisiert.
Bis Mitte November sollen nur die drei
Sachverständigen, die inzwischen benannt worden sind, einen
Kapazitätsabbau vorschlagen. Was hat es dann für
einen Sinn, wenn die Deutschen 37 000 Arbeitsplätze
vorleisten? Ich verstehe dann das Konzept der
Moderatoren oder der drei Weisen überhaupt nicht mehr.
(Beifall bei der SPD)
Wir hätten erwartet, daß Herr F riedrich, der von Ihnen
benannt ist, kämpft, und zwar mit den anderen
Moderatoren um jeden Arbeitsplatz kämpft.
Bevor die Drei überhaupt an die Arbeit gegangen
sind, haben Sie das also akzeptiert.
Die Menschen in Bochum, Hattingen, Hagen,
Bremen, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Mühlheim
Oberhausen, Osnabrück, an der Saar, in Peine-
Salzgitter, Siegen, Troisdorf, Sulzbach-Rosenberg werden
das Chaos, das Sie, Herr Bundeswirtschaftsminister,
mit dieser Stahlpolitik ange richtet haben, ausbaden
müssen.
Wissen Sie, was es bedeutet, wenn allein an der
Saar 4 800 Arbeitsplätze wegfallen, in Do rtmund
3 600, in Duisburg 6 200, in Mühlheim-Oberhausen
4 300, und zwar in den nächsten zwei Jahren, bevor
irgendein Alternativarbeitsplatzprogramm überhaupt
greifen kann? Das ist die Situation.
Wir wissen aus der regionalen Wirtschaftsanalyse,
daß auf einen Stahlarbeitsplatz zwei Zulieferer- bzw.
Abnehmer- oder mit der Stahlindustrie verbundene
Arbeitsplätze kommen. Das heißt, zu den 37 000
müssen wir noch etwa 80 000 Arbeitsplätze rechnen, die
über die Jahre hin außerhalb des engeren
Stahlbereichs wegfallen werden.
Dieselben Regionen, von denen ich spreche, sind
von der Kohlepolitik des Herrn Bangemann betroffen.
Wir erwarten auch da, daß 30 000 Arbeitsplätze
wegfallen.
Man kann also insgesamt sagen, daß an
Montanstandorten in der Bundesrepublik Deutschland in den
nächsten Jahren etwa 200 000 Arbeitsplätze
verlorengehen, ohne daß die betroffenen Bundesländer darauf
noch einen Einfluß haben, weil die Bundesregierung
ein Ersatzarbeitsprogramm verbietet oder untersagt
oder dafür jedenfalls nichts leistet.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der FDP:
Das ist doch Unsinn!)
Meine Damen und Herren, reden Sie sich nicht mit
dem Markt heraus. Wir haben hier vor drei Jahren
eine Stahldebatte gehabt. In dieser Stahldebatte
haben wir an den Bundeswirtschaftsminister appelliert,
er sollte die Atempause, die die bessere Konjunktur
biete, dazu nutzen, für diese Standorte
Ersatzarbeitsplatzprogramme zu schaffen. Wir haben dazu
Vorschläge entwickelt. Jedem mußte klar sein, daß es nur
eine Atempause war. Wir haben Sie beschworen, sie
zu nutzen. Wir haben Sie immer wieder aufgefordert,
sich endlich mit allen Beteiligten an einen Tisch zu
setzen. Wir sagten damals: Wir brauchen ein Konzept
für die Stahlindustrie und für die Standorte. Wir
nannten das ein nationales Stahlkonzept. Wir hatten die
Betriebsräte und die Arbeitsdirektoren hier. Wir
haben Ihnen das mehrfach ganz konkret abverlangt.
Diese Zeit der guten Konjunktur ist versäumt worden.
Es wurde nicht gehandelt, und jetzt stehen Sie vor
dem Chaos und reden vom Markt.
(Beifall bei der SPD und der Abg. Frau Ven
negerts [GRÜNE] — Dr. Jobst [CDU/CSU]:
Die Ursachen liegen in den 70er Jahren!)
Meine Damen und Herren, das Resultat ist klar: Die
Bundesregierung nimmt hin, daß in kürzester F rist
200 000 Arbeitsplätze vernichtet werden, ohne
dagegen ein Konzept zu haben. Statt etwas für die
Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen zu tun, streicht sie in
einer halbseidenen Steuerreform sogar noch
Finanzmittel, die bisher den strukturschwachen Regionen
zur Verfügung gestellt worden sind. Um die
Steuerentlastung für Begüterte und Reiche zu finanzieren,
(Beckmann [FDP]: So ein Quatsch!)
sollen nach Ankündigung des Bundesfinanzministers
u. a. die Investitionszulagen im Rahmen der
Regionalförderung völlig abgeschafft werden. Das heißt im
Klartext: 1,6 Milliarden DM Fördermittel werden im
Rahmen dieser Steuerreform gestrichen. Sie haben
sich dann, um das ein bißchen zu kaschieren, ent-
2280 Deutscher Bundestag — 11. Wahlpe riode — 34. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Oktober 1987
Roth
schlossen, 500 Millionen DM im Rahmen der
regionalen Wirtschaftspolitik zuzulegen. Netto bleibt eine
Streichung in dieser Phase von 1,1 Milliarde DM für
regionale Förderungsmittel übrig. Das ist die
Steuerreform gegen die Standorte mit Eisen und Stahl,
gegen die Montanregionen und nicht für sie.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Dieser Vorgang liegt ganz auf der Linie der
bisherigen Steuer- und Finanzreform der Bundesregierung,
die gerade für die strukturschwachen Regionen
besondere Probleme aufwirft. Wenn der
Oberbürgermeister von Stuttga rt , Rommel, sagt, daß diese
Steuerreform in den gefährdeten Regionen nie verkraftet
werden kann, so ist das eine bittere Wahrheit. Es ehrt
den Oberbürgermeister einer der reichsten deutschen
Städte, daß wenigstens er ein Stück Solidarität mit den
bedrohten Montanstandorten zeigt und sich klar
gegen Ihre Steuerreform äußert.
(Beifall bei der SPD)
Die SPD wird diesem wirtschaftlichen
Zusammenbruch von Regionen nicht zuschauen. Wir werden mit
aller Kraft und Entschlossenheit für neue
Perspektiven und Hoffnungen in Montanregionen kämpfen.
Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat
eine Zukunftsinitiative „Montanregionen" in dieser
Woche im Kabinett beschlossen, an der sich Bund und
Länder beteiligen sollen. Wir wollen diese NRW-
Initiative bundesweit ausweiten. Die nordrhein-
westfälische Landesregierung hat einen Vorschlag
entwikkelt, der durchaus zum Modell werden könnte.
(Zuruf von der CDU/CSU: Wo ist Herr Rau
denn eigentlich heute morgen?)
Meine Damen und Herren, wenn der Herr
Bundeswirtschaftsminister sich heute erneut vor den
Bundestag gestellt und behauptet hat, die SPD stelle sich
gegen notwendige Strukturanpassungen, dann ist das
eine ganz bewußte Verdrehung der Tatsachen.
Tatsache ist: Die Bundesregierung nimmt den Verlust von
Zehntausenden hochmoderner Arbeitsplätze hin,
ohne eine Antwort zu haben, welche neuen
Arbeitsplätze an diesen Standorten entstehen sollen.
Tatsache ist: Diese Bundesregierung nimmt die
Vernichtung von fast 40 000 Arbeitsplätzen hin, ohne von der
EG auch nur eine Zusage zu künftigen
Produktionsquoten zu haben. Dazu hat der Herr
Bundeswirtschaftsminister bezeichnenderweise kein Wo rt
gesagt.
(Zuruf von der SPD: K ann er ja nicht!)
Tatsache ist: Wir schließen weitere Anpassungen im
Stahlbereich nicht aus. Wir kämpfen jedoch mit a ller
Entschlossenheit gegen jeden voreiligen politischen
Offenbarungseid gegenüber der EG oder im Rahmen
der EG-Verhandlungen. Tatsache ist: Wir
Sozialdemokraten hätten vor den Zusagen über die
Finanzierung von Sozialplänen eine feste Zusage von den
großen Stahlkonzernen — von Thyssen, Krupp und den
anderen — verlangt, wie sie eigentlich in den
nächsten Jahren an den Standorten Oberhausen,
Hattingen und Duisburg, um nur diese zu nennen,
Ersatzarbeitsplätze anbieten.
Es war ja interessant: Am ersten Tag der Stahlrunde
wurde vom Bundeswirtschaftsminister eine Zusage
der Stahlindustrie angekündigt. Herr Kriwet, der
verantwortliche Sprecher der Stahlindustrie, hat am
nächsten Tag gesagt, es gebe keinerlei
Verbindlichkeit im Hinblick auf Initiativen für
Ersatzarbeitsplätze.
(Zuruf von der SPD: So ist es!)
Tatsache ist: Die SPD und die Montanländer haben
mit der Zukunftsinitiative Montanregionen ein klares
Konzept auf den Tisch gelegt, wie neue
Ersatzarbeitsplätze in den Krisenregionen geschaffen werden
können. Der Ministerpräsident von Nordhrein-Westfalen
hat sich in dieser Sache bereits im Sommer an den
Bundeskanzler gewandt.
(Zurufe von der CDU/CSU: Wo ist Herr Rau
denn?)
Bisher versucht die Bundesregierung, diese Ini tiative
totzuschweigen.
Vizepräsident Westphal: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Bangemann? — Bitte schön.
Dr. Bangemann (FDP) : Herr Kollege Roth, würden
Sie die Freundlichkeit haben, zu präzisieren, wann ich
angekündigt haben soll, daß die Stahlindustrie eine
verbindliche Zusage zur Schaffung von
Ersatzarbeitsplätzen abgibt? Ich habe nämlich diese Ankündigung
nicht gemacht.
Roth (SPD): Das ist ja noch schlimmer.
(Beifall bei der SPD — Beckmann [FDP]: Das
ist ja ganz billig!)
Tatsache ist: Ohne die Ini tiative Montanregionen,
d. h. ohne ein massives Ersatzarbeitsplatzprogramm
für die im Strukturwandel befind lichen
Krisenregionen, saufen nicht nur die Regionen selbst ab. Tatsache
ist: Dort gibt es fähige und fleißige Menschen. Diese
Montanstandorte sind anders als die Montanstandorte
in England. Bisher sind es keine armen Regionen. Do rt
gibt es Qualifikation, dort gibt es eine Infrastruktur,
die vorbildlich ist, dort gibt es auch ein kulturelles
Leben, das vorbildlich ist.
(Beifall bei der SPD)
Aber dieser Standard kann nicht aufrechterhalten
werden, wenn man weiterhin eine dera rt passive
Regionalpolitik betreibt wie diese Bundesregierung.
(Zuruf des Abg. Dr. Jobst [CDU/CSU])
Soll es wirklich so kommen wie in England oder in
einzelnen anderen Regionen in Westeuropa?
Meine Damen und Herren, der dauernde Hinweis
auf die Länder entbindet Sie doch nicht von der
Verantwortung. Wer macht denn die Finanzpolitik? Wer
streicht denn die Finanzen der Länder zusammen?
Wer beutet denn die großen Städte des Ruhrgebiets
durch eine Steuerreform aus? Wer macht das denn?
(Beifall bei der SPD — Lachen und Zurufe
von der CDU/CSU und der FDP)
Im übrigen, meine Damen und Herren, der Verfall
dieser Krisenregion müßte auch
gesamtwirtschaftliche Folgen haben. Das Ruhrgebiet ist nicht nur
Stahlstandort, sondern bezieht aus vielen Regionen der
Bundesrepublik Deutschland — bei der Saar ist es
nicht anders — Vorleistungen, die do rt Arbeitsplätze
sichern. Dieser Zusammenhang scheint völlig
vergessen zu sein.
Meine Damen und Herren, wir fordern Sie auf:
Hören Sie — insbesondere Herr Blüm; ich höre, er redet
noch —
(Schreiner [SPD]: Er kaspert noch!)
mit Sonntagsreden auf. Setzen Sie in den nächsten
drei Monaten ein umfassendes 2-Milliarden-
Initiativprogramm für die Montanstandorte in der
Bundesregierung durch. Das ist die Meßlatte, die wir Ihnen
hinhalten.
(Beifall bei der SPD)
Hören Sie mit falschen Behauptungen über die
angebliche Unabwendbarkeit der Vernichtung von
Stahlarbeitsplätzen auf. Machen Sie Druck auf die
großen Stahlkonzerne, daß sie investieren. Mittel sind
z. B. im Thyssen-Konze rn vorhanden. Das ist kein
ausgebluteter Konzern, der unfähig wäre, etwas zu
finanzieren. Aber statt Druck zu machen, versuchen
Sie, sich auf einen Markt- und Strukturwandel
herauszureden, der die Regionen treffen muß.
Meine Bitte, insbesondere an die Kollegen der
CDU, lautet: Zeigen Sie in dieser Debatte Solidarität
mit den Montanregionen. Nur ein umfassendes
Konzept zur Sicherung der Arbeitsplätze dort und zur
Neuschaffung von Ersatzarbeitsplätzen kann dort
eine Perspektive bieten. Sie werden es nicht schaffen,
sich mit dem Hinweis auf die Landesregierung aus der
Verantwortung zu stehlen.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der
Abgeordnete Dr. Sprung.
Dr. Sprung (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Herr Roth, Ihre
Argumentation ist unseriös, und Sie wissen das.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Umstrukturierungsmaßnahmen sind ausschließlich
Aufgabe der Unternehmen.
(Stratmann [GRÜNE]: Warum denn?)
Zur sozialen Flankierung der
Umstrukturierungsmaßnahmen hat der Bund seit 1982 erheblich mehr
geleistet und wird auch künftig erheblich mehr
leisten, als zu Ihren Zeiten je für die Stahlarbeiter
geleistet worden ist.
(Zurufe von der SPD und den GRÜNEN)
Meine Damen und Herren, Herr Roth behauptet
außerdem, daß der Verlust von Arbeitsplätzen
hingenommen würde.
(Zuruf von der SPD: Jeden Beweis bleiben
Sie schuldig!)
Nichts wird hingenommen! Auch für die Schaffung
von Ersatzarbeitsplätzen stellt die Bundesregierung
seit Jahren mehr Mittel zur Verfügung, als je zu den
Zeiten Ihrer Regierungsverantwortung dafür Mittel
bereitgestanden haben.
Vizepräsident Westphal: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Urbaniak?
Dr. Sprung (CDU/CSU): Herr Präsident, ich habe
nur ganze sieben Minuten Redezeit. Ich möchte
deshalb keine Zwischenfragen zulassen.
(Zuruf von der SPD: Wenn Sie sich der Frage
nicht stellen, ist das eine Feigheit!)
Wenn mir die Zeit nicht angerechnet wird, bin ich
gerne dazu bereit. — Also dann bitte, Herr
Urbaniak.
Urbaniak (SPD): Herr Kollege Sprung, Ihnen ist
doch bekannt, daß wir 1981 das
Stahlstandorteprogramm hier verabschiedet haben und daß all diese
Elemente — Investitions-Struktur-Förderung,
Ersatzarbeitsplätze, aber auch soziale Flankierung — dazu
geführt haben, daß die Unternehmen wieder in die
schwarzen Zahlen gekommen sind. Können Sie nicht
zugeben, daß die jetzige Koalition diese
Voraussetzungen nicht genutzt hat, um gegen den Subven
tionskodex in Europa so anzugehen, daß er auch
tatsächlich in Ordnung gehalten wird und sich das Unwesen
nicht weiter entwickeln kann? Können Sie das
zugeben?
Dr. Sprung (CDU/C$U): Herr Urbaniak, noch
einmal: Umstrukturierungsmaßnahmen sind Aufgabe
der Unternehmen. Was die Maßnahmen anbetrifft: die
sind ja seit 1981 verstärkt worden. Auf alles andere,
was Sie angesprochen haben, insbesondere den
Subventionskodex, werde ich in meinen Ausführungen
gleich noch zurückkommen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn die
EG-Länder in den Jahren seit 1975 nicht fast 100
Milliarden DM an Subventionen an ihre Stahlindustrien
gezahlt hätten, dann bräuchten wir heute nicht die
zahlreichen Stahlministerratssitzungen in Brüssel und
nicht immer neue Überlegungen darüber, wie wir die
durch diese massiven Subventionen geschaffenen
Probleme — Überkapazitäten, nicht auskömmliche
Preise, kein freier Zugang mehr zu den Märkten —
lösen können.
(Zuruf von der SPD: Das müssen Sie den
Stahlwerkern in den Industrierevieren er
-
zählen!)
Meine Damen und Herren, um die deutsche
Stahlindustrie, die zu den leistungsfähigsten der Welt zählt
und die in einem nicht durch Subventionen verzerrten
Wettbewerb jederzeit bestehen kann, und ebenso um
die in ihr Beschäftigten müßten wir uns keine Sorgen
machen.
Meine Damen und Herren, die Liste der
Maßnahmen, welche die Bundesregierung in den letzten
Jahren ergriffen hat, um der deutschen Stahlindustrie
Hilfestellung gegen die hoch subventionierte
Stahlindustrie der anderen Länder und für den
unausweichlichen Anpassungsprozeß zu geben, ist lang:
Strukturverbesserungshilfen und Investitionszulagen in den
Jahren 1983 bis 1985, Übergangshilfen nach Art. 56
des EGKS-Vertrages, Verbesserung des Wartegeldes
und der Umschulungshilfen, Verlängerung des
Kurzarbeitergeldes, Stahlforschungsprogramm,
Stahlstandorteprogramm, mehrfache Verlängerung, Herr
Urbaniak,
(Urbaniak [SPD]: Das Subventionsunwesen
geht weiter!)
zuletzt für weitere drei Jahre bis 1990, ein zusätzliches
Sonderprogramm über das hinaus, was früher
geleistet worden ist, ein Sonderprogramm nach dem
sogenannten Gleichbehandlungsgrundsatz der regionalen
Wirtschaftsförderung zur Schaffung von
Ersatzarbeitsplätzen.
Herr Urbaniak, die wich tigsten Maßnahmen, die ich
eben aufgeführt habe, sind erst nach 1982 ergriffen
worden.
Jüngste Maßnahme ist die Vereinbarung vom
2. Oktober zur sozialen Flankierung im Rahmen der
Strukturanpassungsmaßnahmen in der Stahlindustrie
in der neuen Stahlrunde in Höhe von 600
Millionen DM, von denen der Bund allein 300 Millionen DM
aufbringt.
Um es klar und deutlich zu sagen: Wir begrüßen
diese Vereinbarung sehr und unterstützen sie
nachdrücklich. Wir begrüßen insbesondere auch, daß sie
im Einvernehmen mit den unmittelbar Beteiligten,
den Stahlunternehmen, der IG Metall und der DAG,
zustande gekommen ist. Es geht um das Schicksal von
Menschen. Durch die vorgesehene soziale
Flankierung wird denjenigen geholfen, die von dem
notwendigen Anpassungsprozeß in der Stahlindustrie am
stärksten betroffen sind. Hier ist auch staatliche Hilfe
Ausfluß der Verantwortung für sie und ihre
Familien.
Auch für die Schaffung neuer Arbeitsplätze in
anderen Wirtschaftszweigen, also für die Schaffung von
Ersatzarbeitsplätzen, ist die Hilfe, die der Bund in
Form des verlängerten Standorteprogramms und des
Sonderprogramms für die Stahlregionen gewährt
und zu der hoffentlich weitere Mittel auf
Gemeinschaftsebene hinzukommen werden, eine Maßnahme
von erheblichem Gewicht. Hier wird die
Bundesregierung ihrer Verantwortung voll gerecht.
Meine Damen und Herren, worauf es jetzt
ankommt, ist, am 8. Dezember, also auf der nächsten
Stahlministerratssitzung in Brüssel, zu weiteren und
abschließenden Beschlüssen zu gelangen. Am 8.
Dezember müssen Beschlüsse gefaßt werden, die der
Stahlindustrie klare Entscheidungsgrundlagen für die
Zukunft geben. Es darf nicht noch einmal zu einer
Verschiebung kommen. Bis dahin wird auch das
Gutachten der drei Weisen vorliegen. Darin wird
hoffentlich zu lesen sein — das ist die Aufgabe, die den drei
Weisen übertragen worden ist — , an welchen St
andorten in der EG der unumgängliche Kapazitätsabbau
stattfinden soll. Wir müssen erwarten können und
erwarten, daß die Lösungsvorschläge auch den bereits
vollzogenen Kapazitätsabbau in den einzelnen
Ländern berücksichtigen — rund 4 Millionen Tonnen seit
1985 in der Bundesrepublik — und daß die
Rentabilität bzw. die Wirtschaft lichkeit der
Produktionsanlagen, daß ihre Leistungsfähigkeit die
ausschlaggebende Rolle für die Lösungsvorschläge der drei
Weisen spielen wird.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, in der
Quotenfrage sollte die Bundesregierung bei ihrer
Haltung bleiben: Kapazitätsabbau nur in Verbindung mit
der Fortführung der Quotenregelung. Es ist ein Erfolg
der Bundesregierung, daß darüber bereits am 21.
September eine grundsätzliche Einigung zustande kam.
Wichtig ist auch, daß die Quotenregelung für einen
genügend langen Zeitraum weitergeht. Denn nur
dann kann ein geordneter Kapazitätsabbau
sichergestellt werden.
Das Wichtigste aber ist, meine Damen und Herren:
Es muß sichergestellt werden, daß mit dem
Subventionsunwesen endlich Schluß ist. Sonst wiederholt
sich das, was wir vor zwei Jahren erlebt haben und zur
Zeit wieder erleben, in wenigen Jahren erneut. Es darf
künftig keine Wettbewerbsverzerrung durch
Subventionsgewährung, gleichgültig, in welcher Form auch
immer, auch nicht über Verlustabdeckungen, mehr
geben. Es darf nicht passieren, daß trotz eindeutiger
Rechtslage und einstimmiger Ministerratsbeschlüsse
die Subventionsschleuse erneut geöffnet wird.
Herr Bundeswirtschaftsminister, Sie haben begrüßt,
daß alle Regierungen nochmals versichert hätten, den
Subventionskodex einzuhalten. Sie haben zugleich
darauf hingewiesen, daß einige Regierungen
angekündigt hätten, möglicherweise über eine Änderung
des Kodex zu reden. Ich meine, es genügt nicht, wenn
sich die Bundesregierung nur nachdrücklich dafür
einsetzt, daß durch eventuelle Änderungen deutsche
Interessen nicht geschmälert würden. Sie würden
geschmälert werden. Wir haben das in der
Vergangenheit ja erlebt.
Vizepräsident Westphal: Herr Abgeordneter — —
Dr. Sprung (CDU/CSU): Ich habe nur noch drei
Sätze zu sagen. Ich hatte eine Verlängerung wegen
der Zwischenfrage bekommen.
Die Haltung der Bundesregierung kann nur sein:
keine Änderung des Subventionskodex,
Verhinderung weiterer Subventionen unter Ausschöpfung aller
zur Verfügung stehenden Rechtsmittel. Wenn das
durchgesetzt wird, wenn die Subventionierung der
europäischen Stahlindustrie endlich definitiv aufhört,
dann werden auch auf dem europäischen Stahlmarkt
wieder marktwirtschaftliche normale
Wettbewerbsbedingungen herrschen, dann wird sich die deutsche
Stahlindustrie in diesem Wettbewerb gut behaupten
können.
Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der
Abgeordnete Stratmann.
Stratmann (GRÜNE): Liebe Mitbürgerinnen! Liebe
Mitbürger! Wir GRÜNEN haben für die heutige
Debatte einen Entschließungsantrag mit der Überschrift
„Stahlpolitik der Bundesregierung: Staatliche
Beihilfen zur Arbeitsplatz- und Standortvernichtung"
eingebracht. Das Bundestagspräsidium hielt es für seine
Aufgabe, diese kritische Kommentierung der
Stahlpolitik der Bundesregierung zu streichen und sozusagen
einen völlig neutralistischen Titel ohne Absprache mit
den Antragstellern an diese Stelle zu setzen. Herr
Präsident, wir halten das für einen unzulässigen und
unzumutbaren Eingriff in die politische Autonomie jeder
Fraktion und weisen das st rikt zurück.
Vizepräsident Westphal: Dann müssen Sie erst
einmal wegen der Zuständigkeit einen Blick in die
Geschäftsordnung werfen.
(Dr. Möller [CDU/CSU]: Man muß erst ein
-
mal lesen können!)
Stratmann (GRÜNE): Am 2. Oktober tagte die
fünfte Bonner Stahlrunde. Nach ihrem Abschluß
kommentierte Herr Blüm diese Stahlrunde und sprach von
einem — Zitat — „guten Tag für die Stahlarbeiter".
Der Kollege Ippers vom Vorstand der IG Metall sprach
gar von einem „erfreulichen Tag".
Unsere Einschätzung ist: Dieser 2. Oktober war für
die Stahlarbeiter und für die Stahlregionen ein
schwarzer Freitag. Es ist unbestritten, daß in den
Stahlrevieren inklusive Maxhütte ca. 37 000
Arbeitsplätze vom Abbau bedroht sind. Vereinbart wurde am
2. Oktober, daß es keine Massenentlassungen geben
wird. Das begrüßen wir und halten wir für
selbstverständlich. Es wurde aber ebenfalls mit Zustimmung
der IG Metall vereinbart, daß Zehntausende von
Arbeitsplätzen in den Stahlrevieren in den nächsten
Jahren abgebaut werden
(Meyer [SPD]: Das ist dummes Zeug! Das ist
absolut dummes Zeug!)
— lesen Sie das doch durch, Herr Meyer —; es ist
exakt die gleichartige Vereinbarung, wie sie vor an
-derthalb Wochen in den Kohlegesprächen getroffen
worden ist. Bei diesem Abbau von Arbeitsplätzen
wird es auch zu Entlassungen kommen, wie die FDP
bestätigt. An dieser Stelle ist die FDP die einzige
ehrliche unter den etablierten Fraktionen, weil sie
nämlich zwischen „echten" und „unechten" Entlassungen
differenziert. Es handelt sich um „unechte"
Entlassungen, wenn vorzeitige Pensionierungen
vorgenommen werden, wenn Abfindungsbeihilfen für
Menschen gegeben werden, die schon in einer Altersstufe
sind, in der sie auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr ver
mittelbar sind.
Nehmen wir den geplanten Arbeitsplatzabbau in
den Stahlrevieren in der Größenordnung von über
30 000 zusammen mit dem geplanten
Arbeitsplatzabbau bei Kohle, so kommen wir in den Kohle- und
Stahlrevieren auf einen geplanten Arbeitsplatzabbau
von 67 000 Arbeitsplätzen, bei einer
durchschnittlichen Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet von heute
schon 15 % — Jahresdurchschnitt 1986 — , in einigen
Großstädten des Ruhrgebiets von etwa 18%, so in
Dortmund, Castrop-Rauxel und Duisburg.
Wir werden, wenn diese
Arbeitsplatzvernichtungsstrategie greift, bis 1995 in einigen
Ruhrgebietsgroßstädten Arbeitslosenquoten von 20 % bis 25 % haben.
Angesichts dieser Verhältnisse weigert sich die
Bundesregierung nach wie vor, ein Programm zur
Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen vorzulegen.
Herr Sprung, wenn Sie sich hier auf das
Stahlstandorteprogramm beziehen, nenne ich Ihnen Zahlen in
folgender Größendimension: Seit Inkrafttreten des
Stahlstandorteprogramms haben wir im
bundesdeutschen Stahlbereich eine Arbeitsplatzvernichtung in
der Größenordnung von 50 000 Arbeitsplätzen. Nach
optimistischen Schätzungen hat das
Stahlstandorteprogramm zur Schaffung von ca. 15 000
Arbeitsplätzen beigetragen. Es bleibt das Defizit einer faktischen
Vernichtung von 35 000 Arbeitsplätzen. Daß das so
ist, erklärt die Zunahme der strukturellen
Arbeitslosigkeit in den Montanrevieren. Wir GRÜNEN sind
natürlich für das Stahlstandorteprogramm, für die
Verlängerung, auch für die Aufstockung der Mittel;
das ist selbstverständlich. Ich wi ll nur sagen: Allein
die Fortführung des bisherigen Programms und auch
der anderen bekannten Programme in den bisher
ausgelegten Dimensionen wird keinen nennenswerten
Beitrag zur Verhinderung weiter ansteigender
Arbeitslosigkeit leisten.
Die Bundesregierung weigert sich konsequent, ein
ökologisches und soziales Investitionsprogramm für
die Stahlregionen vorzulegen. Sie hat — Herr Kollege
Roth hat darauf hingewiesen — mit der Steuerreform
einen erheblichen Beitrag zur finanziellen
Austrocknung der Montankommunen geplant: z. B. durch die
geplante Mittelstreichung in der regionalen
Wirtschaftsförderung. Hinzu kommt das vorgesehene
Auslaufen des Kohleheizkraftwerks- und
Fernwärmeausbauprogramms, eines Programms für den
Energiesparbereich, was gerade in den Montanrevieren
erstens ökologisch notwendig ist und zweitens
Arbeitsplätze schafft. A lles das streichen Sie. Damit planen
Sie — kalkuliert und eiskalt — den sozialen und den
finanziellen Ruin der Montanreviere.
(Zurufe von der CDU/CSU: Das ist eine bös
artige Unterstellung! — Unverschämt ist
das!)
Die Bundesregierung verfolgt diese Politik st rikt
nach der Devise: Privatisierung der Gewinne, aber
Sozialisierung der Verluste. Wenn aus den
Stahlbelegschaften in Form von Pe titionen an die
Bundesregierung die Forderung nach Vergesellschaftung der
Stahlunternehmen kommt, ist die Bundesregierung
immer mit dem ideologischen Schlaghammer dabei
und sagt: Alles Quatsch. — Diese Forderungen
werden als Verstaatlichung diffamiert, und dann wird
natürlich mit Recht auf die bankrotten verstaatlichten
Stahlunternehmen in anderen Ländern hingewiesen.
Wenn es aber darum geht, die
Stahlmuttergesellschaften mit ihren hohen Gewinnen zu unterstützen,
ist die Bundesregierung sofort dabei, Verluste zu
übernehmen, z. B. durch staatliche Beihilfen für die
Sozialplankosten.
Wir verlangen, daß die Forderung aus den
Stahlbelegschaften nach Vergesellschaftung der
Stahlunternehmen, um den Stahlbelegschaften eine
entscheidende Kontrolle über ihre eigene Zukunft zu geben,
praktisches Gewicht auch in der tatsächlichen Politik
gewinnt.
Herr Blüm hat nach dem schwarzen Freitag am
2. Oktober gesagt, ein Grund dafür, daß die
Bundesregierung keine Garan tie für die Schaffung von
Ersatzarbeitsplätzen übernehmen könne, sei —
wörtliches Zitat aus dem „Handelsblatt" : „Wir haben keine
Planwirtschaft". Gucken wir uns aber das EG -
Krisenmanagement an, dann stellen wir fest, daß EG-
Kommissar Narjes dafür gesorgt hat, daß wir drei EG-
Stahlmoderatoren haben, deren Aufgabe es ist,
planwirtschaftlich, höchstzentralistisch festzulegen, wo
und wie viele Arbeitsplätze abgebaut werden.
Gukken wir uns noch die Personen an, dann stellen wir
fest: zwei von dreien sind Vertreter des
Bankenkapitals, die natürlich ganz deutliche Interessen haben.
Wir kennen doch den Herrn Herrhausen, Deutsche
Bank, von den drei bundesdeutschen
Stahlmoderatoren und wissen, mit welcher Kahlschlagmentalität
und welcher Gewinnmaximierungsmentalität man an
Arbeitsplatzvernichtungsstrategien herangeht.
Dasselbe planwirtschaftliche Modell im Interesse des
Kapitals, insbesondere des Bankenkapitals, vollzieht
sich derzeit auf EG-Ebene. Man praktiziert
Planwirtschaft im Interesse des Kapitals.
Der dritte EG-Stahlmoderator ist übrigens ein
Vertreter der italienischen Atomenergiewirtschaft, von
dem wir auch nichts Nennenswertes zur
Arbeitsplatzsicherung erwarten können.
(Stahl [Kempen] [SPD]: Nicht überspitzen!)
Man praktiziert Planwirtschaft im Interesse des
Bankenkapitals und lehnt eine geplante, eine
geordnete Überwindung der Stahlkrise in den
Montanregionen ab.
Wir haben sieben Forderungen im einzelnen, um
einen Beitrag zur Überwindung der Stahlkrise in den
Montanregionen zu leisten.
Erstens. Die Hauptverantwortung für die derzeitige
Stahlkrise liegt bei den Stahlunternehmen selbst, die
in den 70er Jahren bis Anfang der 80er Jahre die
Stahlüberkapazitäten, die technischen
Überkapazitäten in Erwartung höherer Gewinne und erweiterter
Produktion aufgebaut haben. Wir verlangen, daß die
Stahlmuttergesellschaften mit ihrer prächtigen
Gewinnlage an erster Stelle zur Kasse gebeten werden,
und zwar gezwungen werden, erhebliche finanzielle
Beiträge zur Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen in
den Krisenregionen bereitzustellen.
Zweitens. Wie kann man sie dazu zwingen?
Dadurch, daß staatliche Beihilfen zur Überwindung der
Krise — wir fordern staatliche Beihilfen zur
Überwindung der Krise — an Auflagen und
Zweckbestimmungen gebunden werden, vor allem an die Auflage,
daß diese Beihilfen nicht zur Arbeitsplatzvernichtung,
sondern zur Arbeitsplatzschaffung und
Arbeitsplatzerhaltung genutzt werden.
Drittens. Es ist unbestritten, daß wir auf Dauer
Arbeitsplätze in den Montanregionen nur durch die
Bereitschaft zu einem grundlegenden Strukturwandel
sichern können. Wir GRÜNEN sagen dazu: durch die
forcierte Bereitschaft zu einem grundlegenden
ökologischen und sozialen Umbau. Das war bei uns nie
anders. Wenn wir sagen, daß wir
Arbeitsplatzerhaltung nicht in der Weise wollen, daß wir auf Dauer
strukturkonservativ an die Sache herangehen, so
geschieht das, weil wir wissen, daß wir Arbeitsplätze nur
durch eine forcierte Bereitschaft zum ökologischen
und sozialen Umbau erhalten können.
(Beifall bei den GRÜNEN — Stahl [Kempen]
[SPD]: Da fehlt: „in der Industriegesell
-
schaft" ! )
Deswegen sind sowohl die Finanzmittel der
Stahlmuttergesellschaften als auch der verschiedenen
staatlichen Ebenen auf das Ziel eines geordneten, Herr
Blüm, eines geplanten ökologischen und sozialen
Umbaus hin zu konzentrieren.
Viertens. Damit auch die Stahlkonzerne einen
nennenswerten Beitrag zu diesem ökologischen und
sozialen Umbau mit der Schaffung von
Ersatzarbeitsplätzen leisten, ist es notwendig, die Forderung der IG
Metall nach Einrichtung von konzerninternen
Beschäftigungsgesellschaften in die Tat umzusetzen.
Wie kann man das machen? Ebenfalls wieder
dadurch, daß staatliche Beihilfen an die Auflage
gebunden werden, daß konzerninterne
Beschäftigungsgesellschaften geschaffen werden, deren finanzielle
Ausstattung so hoch sein muß, daß in dem Umfang
Ersatzarbeitsplätze in den Muttergesellschaften und
in den Krisenregionen geschaffen werden können,
wie auf der anderen Seite ein Arbeitsplatzabbau
geplant wird.
Fünftens. Die paritätische Montan -Mitbestimmung
in den Beschäftigungsgesellschaften muß zur
Überparität ausgedehnt werden, so daß diese
Beschäftigungsgesellschaften auch der Einstieg in die
Vergesellschaftung der Stahlunternehmen sind, wie es
ebenfalls in den Pe titionen von mehreren
Stahlbelegschaften an die Bundesregierung gefordert wird.
Sechstens. Die Investitionskraft der Gemeinden,
um den ökologischen Umbau auch auf der
kommunalen Ebene tatsächlich bewerkstel ligen zu können,
muß gestärkt werden, statt, wie die Bundesregierung
es macht, die Gemeinden finanziell von ihrer
Investitionskraft her auszutrocknen.
Siebtens. Herr Bangemann, es ist völlig
unbestritten, daß eine rein na tionale Stahlpolitik das Problem
nicht angemessen anfassen kann. Nur ist es ebenfalls
falsch, die Hauptverantwortung für die Krise in der
bundesdeutschen Stahlindustrie auf der EG-Ebene zu
suchen. Zwar ist es richtig, daß in den anderen EG-
Partnerländern unverhältnismäßig mehr
Subventionen an die Stahlindustrie gezahlt werden als bei uns.
Dennoch ist es so, daß in den letzten Jahren trotz
dieser Subventionspraxis der bundesdeutsche Anteil an
der EG-Stahlproduktion konstant geblieben ist. Es
schwankt immer um 31, 32 oder 33 % , d. h. zu den hier
immer proklamierten großartigen
Wettbewerbsverzerrungen ist es faktisch nicht gekommen.
Weiterhin: Trotz der EG -Subventionen ist die
Arbeitsplatzvernichtung in Belgien, in Frankreich, in
Großbritannien im Stahlbereich noch erheblicher
gewesen. Ich möchte den sehen — Herr Hoffmann wird
dazu Stellung nehmen —, der staatliche Beihilfen und
Subventionen zur Umstrukturierung der
saarländischen Stahlindustrie forde rt , aber dagegen ist, wenn
das im Ausland passiert. Das halten wir für interna
tional unsolidarisch. Wir fordern solche staatlichen
Beihilfen bei uns und auch in anderen EG-Staaten,
allerdings nicht zur Arbeitsplatzvernichtung, sondern zur
Arbeitsplatzsicherung.
(Stahl [Kempen] [SPD]: Was haben Sie denn
jetzt für ein Konzept vorzulegen?)
Deutscher Bundestag — 11. Wahlpe riode — 34. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Oktober 1987 2285
Stratmann
— Ich habe gerade sieben Punkte für ein Konzept
genannt. Ich weiß nicht, Herr Stahl, ob Sie das
kapieren können.
Ich möchte mich in meinen noch verbliebenen zwei
Minuten Redezeit mit dem Konzept der
Sozialdemokraten in NRW „ Zukunftsinitiative Montanregionen"
auseinandersetzen. Wir begrüßen eine solche
Zukunftsinitiative. Was wir als ökologisches und soziales
Umbauprogramm vorschlagen, geht in die gleiche
Richtung, ist aber sowohl in qualitativer als auch in
finanzieller Hinsicht weitreichender. Ich wi ll es Ihnen
darstellen.
Erstens. Die Landesregierung NRW hat im Jahre
1988 und in den folgenden Jahren lediglich 180
Millionen DM im Landeshaushalt für diese Ini tiative
bereitgestellt. Was m an 180 Millionen DM angesichts
der zu erwartenden Vernichtungen von 67 000
Arbeitsplätzen anfangen kann, wissen Sie selbst. Das
sind Krümel. An der Haushaltspolitik bemesse ich die
Ernsthaftigkeit des politischen Willens. Das finde ich
nicht besonders ernsthaft.
Zweitens. Wir kennen alle noch das
Aktionsprogramm Ruhr der Landesregierung für die Jahre 1979
bis 1984 — Kostenrahmen 7 Milliarden DM —, was
nichts anderes war als eine Bündelung längst
vorhandener Programme in einer neuen Broschüre mit einer
neuen Überschrift. Es gab kein neues innovatives
Element. Trotz dieser Glanzbroschüre ohne Innova
tionskraft ist der weitere soziale und wi rtschaftliche
Abstieg des Ruhrgebiets nicht aufgehalten worden. Das
heißt, die Zukunftsinitiative Montanregionen ist ein
Schritt in die richtige Richtung. Wir suchen dabei auch
mit Ihnen Übereinstimmung.
(Stahl [Kempen] [SPD]: Wo leben Sie eigent
-
lich?)
Nur müssen wir aus diesem Aktionsprogramm Ruhr
lernen und wesentlich tiefer greifende Maßnahmen
zur Investitionsförderung ergreifen.
Vielleicht darf ich in einem Satz noch einen letzten
Punkt ansprechen, weil meine Redezeit leider zu
Ende ist. Ich will mich jetzt angesichts der knappen
Zeit nicht damit aufhalten, darzustellen, welche
Förderinstrumente finanziell aufgestockt werden
müßten: Gemeinschaftsaufgabe,
Stahlstandorteprogramm. Ich möchte ein institutionelles, sozusagen ein
strukturelles Instrument nennen. Wir haben in den
Montanregionen einen öffentlichen Sektor, den wir
koordinieren wollen, damit dort koordiniert eine
kommunale und regionale Strukturplanung und
Investitionsplanung erfolgen kann. Zu diesem Sektor
gehören die kommunal kontrollierbaren Sparkassen, der
öffentliche Personennahverkehr, die
Energieversorgungsunternehmen. Dazu gehören die Universitäten,
die dankenswerterweise in den letzten zwanzig
Jahren sehr ausgebaut worden sind. Wenn wir dieses
Instrumentarium nutzen und koordiniert einsetzen,
um das gesamte wissenschaftlich-technische
Knowhow einzusetzen, um die Finanzkraft einzusetzen, uns
dies also gezielt für den ökologischen und sozialen
Umbau zunutze machen, werden wir einen
erheblichen Beitrag dazu leisten, um Arbeitsplätze zu
sichern, nicht strukturkonservativ, sondern auch durch
ein forciertes Herangehen an den Strukturwandel, an
den ökologischen und sozialen Umbau.
Danke schön.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Vizepräsident Westphal: Die Länge Ihres letzten
Satzes war umgekehrt propor tional zu Ihrer
Ankündigung hinsichtlich der Länge.
(Stratmann [GRÜNE]: Ich danke Ihnen!)
Jetzt hat der Herr Abgeordnete Beckmann das
Wort .
Beckmann (FDP): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen! Meine Herren! Die FDP-Fraktion
unterstützt die einstimmig gefaßten Beschlüsse der
Länderwirtschaftsminister: erstens Verlängerung des
bestehenden Quotensystems für einen
überschaubaren Zeitraum, zweitens angemessener Abbau von
Kapazitäten und drittens soziale Flankierung der
unausweichlichen Arbeitsplatzverluste durch Bund und
Land, um Massenarbeitslosigkeit zu verhindern. Dies
ist genau die Politik der FDP im Stahlbereich seit
vielen Jahren. Viele überflüssige Diskussionen wären
uns erspart geblieben, wenn auch andere politische
Kräfte in diesem Lande auf unsere Linie
eingeschwenkt wären.
Ich habe kein Verständnis dafür, daß sich die SPD-
Fraktion mit ihrem heutigen Antrag offensichtlich aus
dieser Gemeinsamkeit der Länder durch neue
Forderungen herausstehlen will.
(Zuruf von der SPD: Was haben Sie in Nord
rhein-Westfalen gemacht?)
Soll jetzt wieder der fruchtlose Streit darüber
entbrennen, ob überhaupt Stahlkapazitäten abgebaut werden
müssen und ob mit Aufstellung eines
Subventionskodex in der EG, dessen strikte Einhaltung die
Kommission überwacht, der richtige Weg beschritten ist?
Die soziale Anpassung im Stahlbereich ist auch aus
der Sicht der FDP notwendig und wich tig. Das ist ein
guter Weg, der jetzt mit der Vereinbarung beschritten
worden ist.
Ich verstehe die Kritik, die der Kollege Roth hier
zwar wortgewaltig, aber in der Sache falsch
vorgetragen hat, überhaupt nicht. Ich erinnere mich sehr gut
daran, Herr Kollege Roth, daß am Tage dieser
Vereinbarung der Oberbürgermeister einer der Städte, die
von der Stahlkrise am meisten be troffen worden sind,
nämlich Oberbürgermeister Krings aus Duisburg, in
einem Rundfunkinterview die Vereinbarungen wie
folgt qualifiziert hat. Er hat gesagt: Dies ist ein
glücklicher Tag in meinem Leben. — Er hat verstanden, daß
wir den Menschen, den betroffenen Stahlarbeitern
und ihren Familien, und den betroffenen Regionen
helfen wollten.
(Zuruf von der SPD: Das kann doch nur auf
einer falschen Informa tion basiert haben!)
Wenn das so ist, wenn die Leute in den
Stahlrevieren es so begreifen und es auch angeblich ein
Anliegen der Landesregierung Nordrhein-Westfalens ist,
(Stahl [Kempen] [SPD]: Was heißt denn „ an
geblich" ? — Zuruf von der CDU/CSU: Wo ist
denn die Landesregierung? — Zuruf von der
SPD: Wo ist denn der Bundeskanzler? —
Dr. Vogel [SPD]: Wo ist denn der Herr
Bangemann?)
den Stahlarbeitern zu helfen, dann frage ich mich im
übrigen: Wo ist denn die Landesregierung von
Nordrhein-Westfalen an diesem Morgen? Wo ist der
zuständige Ministerpräsident Rau? Wo ist der
zuständige Wirtschaftsminister Jochimsen? Ich sehe sie hier
nicht; sie zeigen Desinteresse; das ist die Wirk lichkeit,
vor der wir hier stehen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Dr. Vogel [SPD]: Wo ist denn der Bange
-
mann? — Weitere Zurufe von der SPD)
Vizepräsident Westphal: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Weiermann?
Beckmann (FDP): Nein, vielen Dank.
(Zuruf von der SPD: Wo ist denn Ihr Kollege
Bangemann? — Dr. Vogel [SPD]: Wo ist denn
Herr Bangemann? Heuchelei! — Weitere
Zurufe von der SPD)
Im übrigen, Herr Kollege Roth, ist es nicht der Bund,
der die Revierländer ausbluten läßt; es ist das Land
Nordrhein-Westfalen. Das werde ich Ihnen jetzt an
Hand einiger Zahlen deutlich machen.
(Dr. Vogel [SPD]: Wo ist denn der
Bangemann?)
— Ich verstehe, Herr Kollege Vogel, warum Sie sich
aufregen. Sie können die Wahrheit nicht vertragen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Dennoch werde ich sie jetzt hier vortragen.
(Urbaniak [SPD]: Ihnen tut die Niederlage im
Landtag weh, Herr Beckmann!)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich will
Ihnen einmal klarmachen, in welcher Form und in
welcher Größenordnung das Land Nordrhein-
Westfalen die Gemeinden, insbesondere die Städte des
Ruhrgebietes, in den letzten Jahren hat ausbluten
lassen. Die Mittel aus dem Steuerverbund — das sind die
Mittel, die von der Landesregierung an die
Gemeinden gezahlt werden müssen — sind von 1982 bis 1988
von 28,5 % auf 23 % gekürzt worden.
(Dr. Vogel [SPD]: Wo steckt denn der
Bangemann?)
Das macht in der Summe 12,8 Milliarden DM aus. Das
ist das Geld, das den Gemeinden vorenthalten wird.
Deswegen geht es ihnen so schlecht. Aber das ist es
nicht allein. Es kommen auch die Mittel aus dem
Kraftfahrzeugsteuerverbund hinzu. Auch diese Mittel
in Höhe von 1,8 Milliarden DM werden den Städten
und Gemeinden dieses Landes seitens der
Landesregierung von Nordrhein-Westfalen vorenthalten. Das
ist eine SPD-Landesregierung. Nun stellen Sie sich
hier nicht so scheinheilig hin und beschimpfen die
Bundesregierung, Herr Roth!
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD)
Vizepräsident Westphal: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Schreiner?
Beckmann (FDP): Nein, der Kollege Schreiner hat ja
gleich noch die Möglichkeit, selbst zu sprechen.
(Zurufe von der SPD: Unerhört!)
Vizepräsident Westphal: Habe ich Sie recht
verstanden, daß Sie während Ihrer ganzen Rede keine
Zwischenfragen erlauben?
Beckmann (FDP): Ja, ich lasse keine
Zwischenfragen zu. Vielen Dank.
Meine Damen und Herren, ich habe den Kollegen
Roth hier so verstanden, daß er die SPD-Fraktion hier
mehr als Vollstrecker der Strategie des Kabinetts Rau
betrachtet, von den eigenen Schwierigkeiten
abzulenken und den Schwarzen Peter, so wie es ja in
Düsseldorf konzipiert worden ist, nach Bonn zu schieben,
nur um von der Unfähigkeit der nordrhein-
westfälischen Landesregierung unter Herrn Rau
abzulenken.
(Zuruf von der SPD: Schwätzer!)
Ich habe kein Verständnis dafür — —
(Zuruf von der SPD: Sie haben keine Ah
-
nung, Herr Beckmann!)
— Daß Sie sich getroffen fühlen, merkt man
allerdings.
Nun, meine Damen und Herren, nicht nur
Nordrhein-Westfalen leidet in seinem wi rtschaftlichen
Kern , im Ruhrgebiet, an dem verschleppten und
verzögerten Strukturwandel.
(Zuruf von der SPD: Lüge!)
Kohle und Stahl haben Struktur und äußeres
Erscheinungsbild des Ruhrgebiets seit vielen Jahrzehnten
geprägt. Gleiches gilt für das Saarland und mit
gewissen Einschränkungen auch für andere Stahlregionen.
Die Hypothek überalterter Strukturen und das
Versäumnis, rechtzeitig neue Arbeitsplätze anzuwerben,
haben dazu geführt, daß diese Regionen in ihrer
Wirtschaftskraft ausbluten. Schon jetzt wandern viele
qualifizierte Arbeitskräfte aus den Stahlregionen ab.
Dieser Trend muß gebremst und umgekehrt werden.
Deshalb wollen wir alle Anstrengungen auf die
Wiederbelebung dieser Regionen richten. Wir setzen uns
offensiv für die Bewäl tigung des Strukturwandels und
damit für die Zukunft der Menschen in den
Stahlrevieren ein.
(Frau Vennegerts [GRÜNE]: Wie denn?)
Gerade das Ruhrgebiet mit seiner vorzüglichen
Infrastruktur bietet hierfür beste Voraussetzungen. Ich
glaube, daß wir, auf Dauer gesehen, auch dort wieder
eine gute wirtschaftliche Zukunft erreichen können.
Die qualifizierte und arbeitsame Bevölkerung hat
neue Zukunftschancen und Zukunftsperspektiven
verdient.
(Stahl [Kempen] [SPD]: Ja, dann machen Sie
doch was!)
— Ja, wir brauchen eine Bündelung aller Kräfte, die
auf dieses Ziel gerichtet werden muß.
(Weitere Zurufe von der SPD)
Wir brauchen nicht den Konservativismus der
nordrhein-westfälischen Landesregierung. Wir brauchen
Dynamik, wir brauchen Innova tion, um das Ruder in
den Stahlregionen herumzureißen.
(Beifall bei der FDP — Zurufe von der SPD)
Ihr ständiger Pessimismus, Ihre Klagen und Anklagen
sowie Ihre politischen Wunschträumereien helfen den
Menschen dort nicht weiter.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das sind
Bibelsprüche! — Zuruf von der SPD: Lesen Sie
Ihre Rede ruhig vor, eine Beziehung zum
Thema hat sie überhaupt nicht! — Weitere
Zurufe von der SPD)
Vizepräsident Westphal: Darf ich noch einmal um
etwas mehr Ruhe und um Aufmerksamkeit für den
Redner bitten!
Beckmann (FDP) : Herr Kollege, nehmen Sie einmal
Abschied vom Leitbild der Montanindustrie der 50er
und 60er Jahre. Das mag für Sie zwar schmerzhaft
sein, aber man darf diesen Abschied doch nicht weiter
hinauszögern. Kohle und Stahl sind nicht mehr die
Schlüsselindustrien in unserer Republik, von denen
allein der wirtschaftliche Erfolg abhängig wäre.
(Dr. Vogel [SPD]: Zynisch!)
Das darf auch nicht sein.
(Weiterer Zuruf von der SPD: Zyniker!)
Wenn das hohe Lohnniveau gerade in den
Stahlregionen seine Rechtfertigung behalten so ll, muß der
technische Fortschritt ohne nostalgisches Zaudern
vorangetrieben und in neue Arbeitsplätze umgesetzt
werden.
(Dr. Kunz [Weiden] [CDU/CSU]: Sehr gut!)
Deswegen wird es auch den Gewerkschaften nicht
erspart bleiben, gründlich umzudenken. Wer
Arbeitsplätze wettbewerbsfähig erhalten und zu ihrer
Neuschaffung ermutigen wi ll, darf seine Forderungen
nicht voll ausreizen.
Meine Damen und Herren, ein Wort noch zu den
Gemeinden: Einerseits hat die Landesregierung sie in
den letzten Jahren aushungern lassen; andererseits
sind sie in den betroffenen Regionen besonders
gefordert. Ohne ein Klima, das Aufgeschlossenheit für
unternehmerische Risiken, neue Technologien und an
-spruchsvolle Produkte signalisiert, ist eine
Revitalisierung dieser Regionen auf Dauer nicht denkbar.
Falsche Signale allerdings setzt, wer do rt
Gemeindesteuern, Gebühren und Beiträge ständig erhöht und so an
einer Kostenschraube ohne Ende dreht.
(Dr. Bangemann [FDP]: Sehr richtig!)
So geschieht es z. B. in den Städten und Gemeinden
des Ruhrgebiets.
(Zuruf von der FDP: Genau! — Dr. Vogel
[SPD]: Was sollen sie denn machen?)
Diese sind von der SPD regiert. Ausgabendisziplin
und Beschränkung der öffentlichen Abgabelasten
dürfen auch an diesen Rathaustüren nicht
haltmachen.
(Zurufe von der SPD)
Ich bin davon überzeugt, daß wir mit den
Maßnahmen zur sozialen Flankierung und zur Vermeidung
von Massenarbeitslosigkeit das Richtige getan haben,
um den Anpassungsprozeß in der deutschen
Stahlindustrie sozial auszugestalten und damit erst
möglich zu machen. Jetzt ist es unsere Aufgabe, den Erhalt
unserer Wettbewerbsfähigkeit nicht aus den Augen
zu lassen. Meine Damen und Herren, ich glaube, daß
die Bundesregierung, daß die Koalition mit ihrer
Politik in diesem Bereich den richtigen Weg beschritten
hat. Wir werden auf ihm weiter fortgehen.
Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung.
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
Strukturwandel ist keine Neuigkeit des Jahres 1987.
Der Verlust von Arbeitsplätzen in der Stahlindustrie
ist auch kein neues Ereignis des Jahres 1987. Seit 1974
verlor die deutsche Stahlindustrie rund 90 000
Arbeitsplätze, zwei Drittel davon vor 1982.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Es ist auch kein Ereignis, das nur die
Bundesrepublik betrifft. Der Arbeitsplatzabbau hier betrug 40 %.
Die Briten haben 70 To ihrer Stahlarbeitsplätze
abgebaut.
(Stratmann [GRÜNE]: Trotz Subventionen,
Herr Blüm!)
Belgier und Franzosen haben 50 % ihrer
Stahlarbeitsplätze abgebaut. Auch heute gilt der Satz:
Strukturwandel ja, Strukturbruch nein.
Ich verstehe die Soziale Marktwirtschaft so, daß sie
den Wandel ermöglichen soll. Modernisierung ist
unsere einzige Erfolgschance. Aber dieser
Strukturwandel muß sozial bewäl tigt werden. Schließlich
verbergen sich hinter den Zahlen, die ich genannt habe,
menschliche Schicksale, Schicksale von Fami lien,
auch die Schicksale ganzer Regionen, nicht nur der
Stahlarbeiter, sondern auch des Mittelstandes in
solchen Regionen. Deshalb muß der Strukturwandel von
der Anstrengung begleitet werden, neue
Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist die erste Aufgabe.
Arbeitsplätze schaffen in unserer Wirtschaftsordnung die
Unternehmen. Das ist auch der Erfolg unserer
Wirtschaftsordnung, eine Bedingung des Wohlstandes,
der den Wohlstand jeder Planwirtschaft, Herr
Stratmann, ausweislich der Erfahrung übertrifft.
Freilich, auch der Staat hat Pflichten. Er hat
Rahmenbedingungen zu schaffen. Wenn ich von der
öffentlichen Hand rede, meine ich nicht nur die
Bundesregierung, meine Damen und Herren von der
sozialdemokratischen Opposition, sondern auch die
Landesregierung, und an erster Stelle nenne ich
Nordrhein-Westfalen.
Vizepräsident Westphal: Herr Minister, gestatten
Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Stratmann?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeits- und
Sozialordnung: Bitte, Herr Stratmann.
Vizepräsident Westphal: Bitte schön.
Stratmann (GRÜNE): Herr Blüm, wie soll ich es
verstehen, daß, wenn Sie wörtlich sagen: In unserer
Wirtschaftsordnung schaffen die Unternehmen
Arbeitsplätze, seit 1975 in der Montanregion — insbesondere
im Ruhrgebiet — bei Kohle und Stahl von der
Größenordnung her mehr Arbeitsplätze abgebaut worden
sind, als zusätzlich Ersatzarbeitsplätze geschaffen
wurden, und ist es nicht so, daß sich nach allen
erkennbaren Trends und auch nach der von der
Bundesregierung proklamierten Politik in der Zukunft nichts
an diesem Mißverhältnis zwischen
Arbeitsplatzvernichtung einerseits und der Schaffung einer
wesentlich geringeren Zahl von Ersatzarbeitsplätzen
andererseits ändern wird?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Vielleicht liegt es daran, daß die Regierung des
großen Industrielandes Nordrhein-Westfalen mit
einer großen Tradition und mit einer gut ausgebildeten
Arbeitnehmerschaft die Modernisierung verschlafen
hat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Vogel [SPD]: So einfach ist das!)
Es wird ja wohl niemand behaupten, daß die
Arbeitnehmer in Baden-Württemberg oder Baye rn fleißiger
wären als die Arbeitnehmer in Nordrhein-Westfalen.
Da muß ich die nordrhein-westfälischen
Arbeitnehmer schützen. Der Unterschied besteht da rin, daß jene
eine bessere Regierung haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich will die Arbeitnehmer von Nordrhein-Westfalen
ausdrücklich in Schutz nehmen.
Vizepräsident Westphal: Herr Minister, gestatten
Sie noch eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Menzel?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Bitte schön.
Menzel (SPD) : Herr Minister, ist Ihnen denn nicht
klar, daß die besonderen Probleme in den
Stahlregionen in der ganzen Welt darin bestehen, daß es in den
sogenannten Schornsteinregionen arbeitsintensive
Unternehmen oder Branchen gibt, bei deren
Niedergang Arbeitskräfte freigesetzt werden, für die nicht so
schnell Arbeitsplätze von kapitalintensiven Branchen
geschaffen werden können? Ist Ihnen das Problem
nicht bewußt?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Doch, das Problem ist mir sehr bewußt.
(Menzel [SPD]: Wie können Sie dann eine
solche Aussage machen?)
Deshalb muß auch jenen Regionen der alten
Schornsteinindustrien, die schließlich einmal die
Industrialisierung vorwärtsgetrieben haben, geholfen werden.
In der Tat, denen muß geholfen werden, aber doch
nicht nur von Bonn, sondern auch von der
Landesregierung. Was bietet denn die nordrhein-westfälische
Landesregierung
(Dr. Vogel [SPD]: Milliarden!)
nachweislich des Papiers der Staatskanzlei? Das
werde ich Ihnen immer wieder vorlesen: „Die Proteste
müssen nach Bonn gelenkt weden. " Das ist doch die
einzige Antwort, die Nordrhein-Westfalen auf die
Misere gegeben hat: Ablenkung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
— Wissen Sie, wir wollen jetzt über die
Stahlarbeitnehmer, über ihr Schicksal reden. Ich wi ll ihnen
versichern: Die Bundesregierung wird so wie in der
Vergangenheit an ihrer Seite sein. 2,6 Milliarden DM
haben wir zwischen 1983 und 1985 an
Stahlinvestitionshilfen, Strukturverbesserungen gezahlt. Herr Vogel,
keine Bundesregierung — wenn Sie mir Ihre
Aufmerksamkeit schenken, verehrter Herr
Oppositionsführer — —
(Dr. Vogel [SPD]: Aber mit Vergnügen!)
Noch einmal ganz langsam
(Dr. Vogel [SPD]: Sie können ruhig normal
sprechen!)
— nein, zum Mitschreiben — : 2,6 Milliarden DM seit
1983 aus den Kassen der Bundesregierung für die
Stahlindustrie.
(Dr. Vogel [SPD]: 14 Milliarden DM aus den
Kassen von NRW!)
Hier sitzt der Kollege Urbaniak. Er wird sich sicherlich
mit mir daran erinnern, daß wir beispielsweise die
Durchlaufglühe bei Hoesch in Do rtmund mitfinanziert
haben.
(Urbaniak [SPD]: Das hat die Schmidt-Regie
-
rung beschlossen!)
— Die Schmidt-Regierung hat viel beschlossen. Wir
haben es gemacht. Das ist der Unterschied zwischen
beschließen und machen. Ich danke Ihnen für dieses
Kontrastprogramm
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
Nein, ich bleibe dabei: Die Unternehmen haben die
Hauptverantwortung. Der Staat muß jenen Regionen,
die es schwer haben, helfen. Sicherlich. Das tun wir.
Und als zweites kommt die soziale Flankierung.
Auch das halte ich für eine wichtige Aufgabe der
Sozialen Marktwirtschaft.
Statt sich jetzt mit uns darüber zu freuen, daß es uns
gelungen ist, Herr Roth — was Sie ja nicht geglaubt
haben; soll ich Ihnen jetzt Ihre Presseerklärung vom
Juni noch einmal vorlegen? — , einen Konsens
zustande zu bringen zwischen Wirtschaftsvereinigung,
IG Metall und Bundesregierung, statt sich über diesen
Erfolg — das ist nämlich ein Erfolg für die
Stahlarbeitnehmer — zu freuen, machen Sie diesen Erfolg in
einer Sprache madig, über die Sie, Herr Roth, sich
noch einmal Überlegungen machen sollten.
Sozialpläne nennen Sie Beerdigungskosten.
(Dr: Bangemann [FDP]: Unerhört! Pfui!)
Um die Sozialpläne haben die Arbeitnehmer in
Hattingen gezittert. Das nennen Sie Beerdigungskosten.
Wollen Sie sich nicht noch einmal die zynische
Sprache überlegen? Wollen Sie sich nicht noch einmal
überlegen, daß die IG Metall zusammen mit uns, mit
den Stahlunternehmen um soziale Flankierung
gekämpft hat? Diesen Erfolg wollen Sie in einer so
zynischen Sprache ungeschehen machen?
Da verlasse ich mich auf die Arbeitnehmer, da
verlasse ich mich auf deren gesunden
Menschenverstand. Die wissen: Die Bundesregierung hat Wort
gehalten. Sie hat ihnen geholfen, zusammen mit der IG
Metall und der Wirtschaftsvereinigung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Westphal: Herr Minister, gestatten
Sie ein Zwischenfrage des Abgeordneten
Weiermann?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Aber bitte.
Weiermann (SPD): Sehr geehrter Herr
Bundesminister, haben Sie nicht zur Kenntnis genommen, daß der
Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung Eisen und
Stahl am Tage nach dieser Stahlrunde in Bonn
öffentlich erklärt hat, daß es nur dann zur Vorbereitung der
Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen kommt und nur
dann eine volle Übernahme hinsichtlich des
Vorhabens erfolgt, auch Sozialpläne ins Leben zu rufen,
wenn am 8. Dezember 1987 in Brüssel das
Quotensystem weiter aufrechterhalten wird? Hier ist eine
deutliche Einschränkung und noch keine eindeutige
Zusage, auch so zu verfahren.
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: An dieser Stelle möchte ich meinem Kollegen
Bangemann ausdrücklich danken, daß er im
September die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, daß
jetzt nicht das Chaos eintritt, sondern ein geordneter
Übergang in die Marktwirtschaft.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Oh-Rufe bei der SPD)
— Was wahr ist, muß doch wahr bleiben. Hätten Sie
gewünscht, daß im September alles zusammenbricht?
Da sind wir doch hoffentlich einer Meinung.
(Zuruf von der SPD: Ein Herz und eine
Seele!)
— Ja, in der Tat. Das sollten Sie mitmachen: daß wir
die Quotenregelung im Dezember auch
abschließen.
(Dr. Vogel [SPD]: Das machen wir ja!)
Weil gesagt wird „ein Herz und eine Seele" : In das
Herz werden selbst Sie eingeschlossen. Ja, selbst Sie
werden zugunsten der Arbeitnehmer darin
eingeschlossen, wenn Sie wollen.
Jetzt lassen Sie mich aber doch noch einmal zum
Sozialplan zurückkommen. Ist es sozial — fragt heute
der Kollege Roth — , 50jährige in den Ruhestand zu
schicken? Habe ich hier einen falschen Text? Dr.
Vogel und Fraktion — das ist doch die Fraktion, der der
Kollege Roth angehört. In dem Antrag steht: Die
Übergangsbeihilfen sollen bereits nach Vollendung des
50. Lebensjahres gezahlt werden.
(Zuruf von der CDU/CSU: Aha!)
Also hier stellen Sie sich hin, attackieren uns, daß
50jährige in den Ruhestand gehen können, und
anschließend verlangen Sie vom Bundestag, das zu
beschließen, was Sie uns gerade vorgeworfen haben.
Geht es eigentlich noch konfuser?
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zuruf von der CDU/CSU: Nein! — Dr. Vogel
[SPD]: Wehleidiges Gerede!)
Kann man eigentlich noch konfuser Politik machen?
(Abg. Roth [SPD] meldet sich zu einer Zwi
-
schenfrage)
—Herr Kollege Roth, vielleicht können Sie das in Ihre
Frage gleich einbauen: Sie haben gesagt „ 1 Milliarde
DM" und das offenbar in Frage gestellt. Hätten Sie
vielleicht noch die Geduld, daß ich Ihnen die Liste
vorlese, wieso 1 Milliarde DM? Das war nämlich eine
Untertreibung. Es sind noch mehr.
Vizepräsident Westphal: Herr Bundesminister,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Roth?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Wenn der Kollege so fortfahren will, ich bin
immer zuvorkommend. Bitte.
Roth (SPD): Ich bedanke mich für Ihre
Zuvorkommenheit. —
(Zuruf von der CDU/CSU: Das sieht man!)
Herr Bundesminister, würden Sie es in der Tat als eine
soziale Maßnahme bezeichnen, Menschen —
unabhängig davon, ob sie das wollen oder nicht — mit
50 Jahren für den Rest ihres Lebens in die Nichtarbeit
zu schicken? Das kann doch — Herr Minister, würden
Sie mir da nicht zustimmen? — höchstens eine
Notmaßnahme sein; zu der stehe ich allerdings.
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Also können Sie keinen Vorwurf gegen uns
richten, wenn Sie dieselbe Notmaßnahme in Ihrem
Antrag enthalten haben.
(Roth [SPD]: Das ist kein Vorwurf!)
Was soll eigentlich die Polemik gegen uns, wenn Sie
dieselbe Notmaßnahme in Ihrem Antrag vorlegen?!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Vogel [SPD]: Stimmen Sie doch zu! —
Weitere Zurufe von der SPD)
— Nein, das ist kein Verfolgungswahn. Bleiben Sie
doch dabei: Sie haben uns hier wegen vorzeitiger
Pensionierung attackiert.
(Dr. Vogel [SPD]: Nein, ist doch gar nicht
wahr! Wehleidig!)
2290 Deutscher Bundestag — 11. Wahlpe riode — 34. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Oktober 1987
Bundesminister Dr. Blüm
Und ich wiederhole: Dasselbe legen Sie in Ihrem
Antrag vor. — Ich bin überhaupt nicht wehleidig. Ich bin
nur für Klarheit.
(Dr. Vogel [SPD]: Bedauern Sie es doch mit
uns, daß es so ist!)
Ich will die Konfusion auf Ihrer Seite vor der
Öffentlichkeit bloßstellen. —
(Dr. Vogel [SPD]: Das gelingt Ihnen aber
nicht!)
Aber die Zusammensetzung der 1 Milliarde DM will
ich jetzt auch noch vorlesen. Also, der Kollege Roth
hat gesagt: nur Worte. Jetzt frage ich Sie: Sind das nur
Worte? Montanunionshilfen bis 1991: 1 Milliarde
DM; nochmalige Aufstockung der Mehrleistungen
um 219 Millionen DM, ergibt 1,2 Milliarden DM;
Leistungsverbesserungen — bereits durchgeführt, nicht
angekündigt — mit Verlängerung des
Kurzarbeitergeldes für die Stahlarbeiter: noch einmal 100
Millionen DM. Sie sehen, wenn ich gesagt habe: 1 Milliarde
DM mehr, dann war das eher untertrieben als
übertrieben. Wollen Sie das als „Worte" bezeichnen? Jetzt
appelliere ich an meine Kollegen Bet riebsräte bei
Mannesmann, bei Thyssen, bei Hoesch; die wissen,
daß wir ihnen geholfen haben. Die lassen sich durch
diese Polemik nicht von ihrer Erfahrung abb ringen,
daß die Bundesregierung diese Stahlarbeitnehmer
nicht im Stich gelassen hat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Sollen sich doch einmal die Kollegen von Hoesch,
Thyssen, Mannesmann melden und sagen, ob wir
ihnen geholfen haben oder ob wir sie im Stich gelassen
haben.
(Zuruf des Abg. Schreiner [SPD])
— Ja, wissen Sie — ich will es noch einmal sagen —,
was die nordrhein-westfälische Landesregierung über
Monate gesagt hat? Keine Beteiligung an
Sozialplänen. Nur dadurch, daß die Bundesregierung
vorangegangen ist, ist es uns überhaupt gelungen, zu
erreichen, daß Nordrhein-Westfalen seine
Sozialplanblokkade aufgegeben hat. Das ist der Erfolg dieser
Bundesregierung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Stahl ist kein nur nordrhein-westfälisches Thema.
Ich will in unsere Sorge die Kollegen der Oberpfalz,
der Saar, Bremens, der Georgsmarienhütte, aus
Peine/Salzgitter und Osnabrück ausdrücklich
einschließen.
Ich will in meinem Beitrag — hier stimmen wir
überein — auch nachdrücklich an die Unternehmen, an die
Unternehmer appellieren, sich ihrer sozialen
Verantwortung bewußt zu sein. Den Stahlbetrieben — das
stimmt — geht es nicht gut, aber den Stahlkonzernen
geht es nicht schlecht. Und auch das ist soziale
Verantwortung: sich dann auch für die notleidenden
Töchter dieser großen Stahlfamilie einzusetzen. Auch
das ist ein Stück unternehmerischer Solidarität. Ich
bleibe bei meinem Bekenntnis zur Sozialen
Marktwirtschaft, zu unternehmerischer Verantwortung;
keine Planwirtschaft kann sie ersetzen.
Und, Herr Kollege Stratmann, da scheinen Sie
etwas verwechselt zu haben: Die Moderatoren sollen
den Unternehmen nicht die Entscheidung abnehmen,
sondern sollen Vorschläge machen; die
unternehmerische Verantwortung bleibt.
(Dr. Bangemann [FDP]: Richtig!)
Und wenn Sie fragen, wessen Opfer die deutschen
Stahlkocher in erster Linie sind, dann ist die Antwort,
daß sie das Opfer jener planwirtschaftlichen
Staatsunternehmen in Europa sind, die sich dem
Anpassungsprozeß auf Knochen der deutschen Stahlkocher
entzogen haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Stratmann [GRÜNE]: Falsch, falsch! Sie sind
das Opfer der deutschen Stahlkonzerne!)
Die deutschen Stahlkocher sind nicht zuletzt das
Opfer planwirtschaftlicher Blockade, die verhindert hat,
daß rechtzeitig ein Anpassungsprozeß eingeleitet
wird, der nicht erst dann beginnen darf, wenn das
Kind schon im Brunnen liegt.
Ich bleibe bei meinem Bekenntnis zur
unternehmerischen Verantwortung, allerdings mit dem
ausdrücklichen Appell, mit zu sorgen, daß neue Arbeitsplätze
entstehen. Ich bleibe bei meinem Appell an das Land
Nordrhein-Westfalen, Investitionshemmnisse
abzubauen. Das größte Hemmnis ist, daß man sich in
Nordrhein-Westfalen auf Entscheidungen nicht verlassen
kann. Kalkar ist ein Beispiel für Unzuverlässigkeit von
Investitionsplanungen und politischen
Entscheidungen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Abg. Stratmann [GRÜNE] meldet sich zu ei
-
ner Zwischenfrage)
Vizepräsident Westphal: Herr Minister, gestatten
Sie?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Lassen Sie mich das noch im Zusammenhang
sagen.
Ich bin bei Kalkar der Meinung, daß die
Sicherheitsfrage die wichtigste Frage ist und daß Kalkar nur dann
in Betrieb genommen werden kann, wenn die
Sicherheitsfrage geklärt ist. Aber Nordrhein-Westfalen sagt
doch bereits nein, bevor die Sicherheitsfrage
überhaupt geklärt ist. Das zeigt, daß m an sich auf
Rahmenbedingungen, auf politische Vorgaben der Regierung
Rau nicht verlassen kann. Das ist das größte Hinde rnis
für die Neuansiedlung von Industrien in Nordrhein
Westfalen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Bitte, Herr Kollege Stratmann.
Vizepräsident Westphal: Sie gestatten eine
Zwischenfrage des Abgeordneten Stratmann?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Ja.
Vizepräsident Westphal: Bitte schön.
Stratmann (GRÜNE): Herr Blüm, wie können Sie
die Behauptung aufrechterhalten, die
bundesdeutschen Stahlkocher seien das Opfer in erster Linie
ausländischer Stahlstaatskonzerne, angesichts der
folgenden zwei Tatsachen:
(Schwarz [CDU/CSU]: Sie wollen ja nicht
zuhören!)
erstens, daß sowohl in der britischen verstaatlichten
Stahlindustrie — gleiches gilt für die französische und
die belgische — um Dimensionen mehr Arbeitsplätze
vernichtet worden sind — Sie haben ja selber die
Zahlen genannt — als in der bundesdeutschen
Stahlindustrie, und zweitens, daß die bundesdeutschen
Stahlkonzerne bis 1974 die enormen technischen
Überkapazitäten aufgebaut und damit nach Einbruch
der Stahlkrise bis Anfang der 80er Jahre fortgefahren
haben?
Dr. Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Herr Kollege Stratmann, wollen Sie sich gegen
die deutschen Stahlkocher stellen, die immer
behauptet haben, daß in Europa Subventionsschwindel
betrieben wird und daß der in erster Linie von den
Staatsunternehmen bet rieben wird? Es ist doch auch
ein Verdienst der Bundesregierung, daß wir einen
Subventionskodex durchsetzen und daß wir über
seine Einhaltung wachen werden. Wo ist der denn
nicht eingehalten worden? Bei jenen
Staatsunternehmen, die durch die Vordertür die Subventionen
abgeschafft und durch die Hintertür Unternehmen, die in
den roten Zahlen waren, jahrelang mit Subventionen
weiter betrieben haben, ohne daß irgendeine
Anpassung vorgenommen wurde. Das ist das Opfer, das die
deutschen Stahlkocher bringen müssen, weil andere
nicht rechtzeitig die Anpassungsmaßnahmen
vorgenommen haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich wende mich ausdrücklich auch an Europa, den
Beitrag zu einem geordneten Übergang in eine
Marktwirtschaft zu leisten, die allen gleiche Chancen
läßt.
Ich bleibe dabei, daß die letzten Monate gezeigt
haben: Kooperation ist besser als Konfrontation. Das
ist das Ergebnis mühsamer Arbeit, Zusammenarbeit,
Anstrengung zwischen der IG Meta ll , der ich meine
Anerkennung und meinen D ank für diese
Anstrengung sage, der Wirtschaftsvereinigung, der ich
meinen Dank und meine Anerkennung sage, und der
Bundesregierung.
Es bleibt auch für die Zukunft unser Lösungsmodell,
den Konsens dem Konflikt vorzuziehen. Schwierige
Probleme werden nicht gegeneinander, sondern
leichter miteinander gelöst.
Die zweite Erfahrung, die weitergegeben werden
soll: Die Bundesregierung hat Wort gehalten. Wir
haben dazu beigetragen, daß keine
Massenentlassungen notwendig werden. Es kommt nicht auf Worte an
— hier schließe ich mich dem Kollegen Roth an — , es
kommt auf Praxis und Taten an. Die Bundesregierung
hat gehandelt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der
Abgeordnete Urbaniak.
Urbaniak (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Die Bundesregierung hat heute durch Herrn
Bangemann eine Erklärung zur sozialen Flankierung
des Strukturwandels in der Stahlindustrie abgegeben.
Ein Konzept zur Bewältigung der Situa tion im
Stahlbereich hat sie hier nicht vorgetragen, sondern sie hat
es sehr, sehr eingeschränkt; denn die Entscheidungen
über die wirtschaftlichen Tatbestände und die
Sicherung der verbleibenden Arbeitsplätze und der
notwendigen Ersatzarbeitsplätze werden ja doch erst am
8. Dezember dieses Jahres in Brüssel getroffen. Sie,
Herr Bangemann, haben dieser Entscheidung eine
Vorgabe gegeben, daß Sie auf 37 000 Arbeitsplätze
verzichten. Das ist kein Konzept. Darüber sind wir uns
doch wohl klar.
(Beifall bei der SPD)
Ein zweiter Punkt, Kollege Blüm. Wenn Sie dieses
Hohe Haus dazu nutzen, die nordrhein-westfälische
Landesregierung ungerechtfertigterweise
anzugreifen, dann sage ich Ihnen: Diese handelt auch in dem
so schwierigen Fall Kalkar für uns alle, einem Fa ll , der
darum so schwierig ist, weil hier Dimensionen
möglich werden, die wirklich an das Gewissen
herangehen, nach Recht und Gesetz. Sie können dieses
Beispiel nicht heranziehen, um dem Ministerpräsidenten
Rau bezüglich seiner Verpflichtungen als Landeschef
hier einen Vorwurf zu machen. Ich würde Sie doch
sehr bitten, sehr sachlich, sehr korrekt und sehr
ehrlich in dieser schwierigen Frage vorzugehen. Nur so
kann man diese Fragen überhaupt erörtern.
Ein weiterer Punkt, Herr Bangemann: Die
Stahlunternehmen in der Bundesrepublik brauchten
überhaupt gar keine öffentliche Hilfe, wenn Sie dafür
sorgen würden, daß es in der Europäischen
Gemeinschaft kein Subventionsunwesen gäbe ; denn wir
haben die modernsten Stahlwerke, die höchste
Produktivität und die am besten qualifizierten Arbeitskräfte.
Diese Substanz haben Sie für die europäische Politik
nicht genutzt. Das sage ich Ihnen.
(Beifall bei der SPD)
Wenn Sie sagen: Wir haben erreicht, daß
Massenentlassungen verhindert werden, dann sage ich
Ihnen: Das ist doch wohl in einem sozial verfaßten Staat
eine Selbstverständlichkeit. Wissen Sie denn nicht,
wieviel die Montan-Indust rie zum Aufbau dieser
Republik mit Kohle und Stahl beigetragen hat? Jetzt
feiern Sie, daß Massenentlassungen verhindert werden.
Hier ist doch lediglich das einzulösen, was für uns als
Sozialdemokraten selbstverständlich ist. Darum
brauchen Sie das nicht zu feiern. Es ist selbstverständlich,
daß dies gemacht wird.
(Beifall bei der SPD)
Was die Frage der Sozialpläne angeht, sage ich
Ihnen: Das haben die Bet riebsräte und die
Arbeitsdirektoren in einem sehr ha rten Kampf, nachdem wir
Sozialdemokraten die Voraussetzungen in der
Betriebsverfassung 1972 geschaffen haben, den Vorständen
abgerungen. Betriebsräte und Arbeitnehmer in den
Aufsichtsräten sind immer für die Modernität, für
Investitionen in den Unternehmen eingetreten. Lesen
Sie dazu das Gutachten über die
Mitbestimmungserfahrungen nach, für das Herr Biedenkopf
verantwortlich zeichnet.
Sehen Sie, Herr Bangemann: Sie haben hier
herausgestellt, daß Sie in Europa am 8. Dezember ganz
kräftig vorgehen werden. Ihnen ist sicherlich schon
zugetragen worden, daß Herr Kriwet heute in der
Presse erklärt hat — ich habe hier einen Ar tikel der
„Westfälischen Rundschau" aus Dortmund — , daß die
italienische Regierung aufgefordert ist, eine
Subventionsspritze in Höhe von 4,3 Milliarden DM für das
Geschäftsjahr 1987 zu gewähren, um einen Ausgleich
bei der italienischen Stahlindustrie herbeizuführen.
Es ist doch wohl richtig, daß die nichtsubventionierten
Unternehmen ein Recht darauf haben, daß sie vor
solchen Praktiken geschützt werden. Dieses haben Sie
bis heute nicht erreicht, und darum sollten Sie sich
bemühen, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der SPD)
Der Kollege Beckmann sprach von einer
Perspektive — Hen Bangemann sprach ebenfalls von einer
Perspektive — und hat dabei herausgestellt, die
Gewerkschaften und die Arbeitnehmer dürften ja wohl in
den Regionen, wo es kritisch sei, Lohnerhöhungen,
wie sie den Arbeitnehmern der Branche allgemein
zugute kommen, gefälligst nicht verlangen. Sie
dürften das nicht ausreizen. Sie wollen also ein Gefälle.
Tarifpolitik im Sinne von Herrn Bangemann versteht
sich so: In diesen Krisenbereichen dürfen nur
geringere Löhne und Gehälter gezahlt werden. Sie wollen
also auch eine Verschiebung des Wohlstandsgefälles
in der Bundesrepublik. Dies können Sie mit den
Sozialdemokraten nicht machen. Wir werden die
Gewerkschaften bei ihrem Kampf um die
Tarifausgestaltung unterstützen.
(Beifall bei der SPD — Cronenberg [
Arnsberg] [FDP]: Weil Sie die
Wettbewerbsfähigkeit nicht interessiert!)
— Diese Wettbewerbsfähigkeit interessiert uns sehr.
Wir sind immer darauf eingegangen. Schaffen Sie das
Subventionsunwesen ab,
(Dr. Bangemann [FDP]: Das tun wir ja!)
dann werden wir mit unserer hochmodernen
Stahlindustrie überall bestehen und eine gewichtige Rolle
auf den Märkten spielen.
(Dr. Bangemann [FDP]: Machen Sie doch
mit!)
Kollege Blüm, Sie sollten hier der Landesregierung
von Nordrhein-Westfalen nicht alles mögliche
unterstellen. Führen Sie von dieser Stelle aus auch nicht
den Kampf als CDU-Vorsitzender in Nordrhein-
Westfalen; machen Sie das woanders. Wenn Sie dorthin
kommen, dann finden Sie in Hattingen, dann finden
Sie in Oberhausen, dann finden Sie in Siegen, dann
finden Sie in Dortmund, dann finden Sie in Mülheim,
dann finden Sie in Duisburg überall Transparente:
(Stratmann [GRÜNE]: Bochum haben Sie
vergessen!)
„Blüm, aufhören mit den Sprechblasen, wir verlangen
von dir Taten!"
Man muß weg von den Sprechblasen. Wenn Sie das
täten, würden wir Sie loben. Aber dazu gibt es keinen
Anlaß, sage ich ausdrücklich.
(Beifall bei der SPD)
Wir vergessen auch nicht, daß Sie die
Stahlstandorte von Sulzbach-Rosenberg bis zum Ruhrgebiet, von
Salzgitter bis zum Saarland als „Schrottindustrien"
bezeichnet haben. Das war ein schlimmes Wo rt , das
Sie sich da erlaubt haben. Wir werden Ihnen das
selbstverständlich immer wieder vorhalten.
Wir haben eine klare Entschließung vorgelegt. Wir
fordern Sie auf, am 8. Dezember dafür einzutreten,
daß die Produktionsquoten unter Einbeziehung a ller
Produkte für die Dauer der Krisenbewältigung
beschlossen werden, daß die Bündelung a ller
Programme erfolgt und daß mit den Instrumenten der EG
auf der Ebene der Bundesländer unverzügliche
Maßnahmen getroffen werden, die betroffenen Regionen
zu berücksichtigen; denn wir benötigen dringend
Arbeitsplätze. Dafür hat die Bundesregierung heute
überhaupt keine zufriedenstellende Perspektive
vorgelegt.
Für uns ist es selbstverständlich, daß die
Freisetzung sozialverträglich gestaltet werden muß.
Schließlich haben wir ja in der sozialliberalen Koalition
Art. 56 Abs. 2 so entwickelt, daß alle
Voraussetzungen für diese soziale Flankierung geschaffen werden
konnten.
Schließlich, Herr Blüm: Das
Stahlstandorteprogramm, das wir Sozialdemokraten damals unter dem
Kollegen Lambsdorff beschlossen haben, hat die
Unternehmen wieder in die schwarzen Zahlen geführt.
Sie hatten die Chance, in einer guten Konjunktur
dafür zu sorgen, daß alle europäischen
Wettbewerbsvoraussetzungen in Ordnung gebracht werden konnten.
Dieses haben Sie nicht get an , und darum machen wir
Ihnen den Vorwurf, daß Sie mit Ihrer halbherzigen
Erklärung hier keine Bewäl tigung der großen
Probleme in den Stahlstandorten anbieten.
Es fehlt Ihnen nicht nur das Konzept; es fehlt Ihnen
auch der Wille, den Menschen durchschlagend zu
helf en.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der
Abgeordnete Hinsken.
Hinsken (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Wer der
Bundesregierung Untätigkeit vorwirft,
(Zuruf von der SPD: Hat recht!)
hat die Fähigkeit zum Lesen und zum Hören verloren.
Ich möchte an Hand von zehn Punkten ganz kurz
klarstellen, was gerade der Bund in den letzten Jahren
geleistet hat.
(Zuruf von der SPD: Wenig!)
Erstens ist für das Stahlprogramm zwischen 1983
und 1985 ein Betrag von 2,6 Milliarden DM
aufgebracht worden.
Zweitens. Für die bereits laufenden Fälle der
sozialen Anpassungshilfe nach dem Vertrag über die
Montanunion wird bis 1991 eine weitere Milliarde DM
aufgebracht, wovon der Bund 70 % trägt.
Drittens. Die Bundesregierung hat die Aufstockung
der Bezugsdauer für das Wartegeld, die Verbesserung
der Umschulungszulage und die Erhöhung des
Einkommenshöchstbetrags für die Übergangshilfe
durchgesetzt.
Viertens. Im Programm „Verbesserung der
regionalen Wirtschaftsstruktur" werden vor allem für die
Stahlregionen 180 Millionen DM zur Verfügung
gestellt.
Fünftens. Das Stahlstandorteprogramm wurde um
drei Jahre bis 1990 verlängert.
Sechstens. Beispielsweise Hattingen hat do rt als
Schwerpunkt zusätzlich mit einem Förderhöchstsatz
von 15 °A, Anerkennung gefunden.
Siebtens. Für alle Stahlarbeitnehmer wurde das
Kurzarbeitergeld auf 36 Monate verlängert.
Achtens. Insgesamt stellt der Bund für die soziale
Flankierung im Stahlbereich 1,5 Milliarden DM über
die bisherigen Verpflichtungen hinaus zusätzlich zur
Verfügung.
Neuntens. Das Stahlgespräch hatte Erfolg. 600
Millionen DM werden von der EG, vom Bund und von den
Ländern aufgebracht.
Zehntens. Das Stahlgespräch hatte auch das
positive Ergebnis, daß keine Massenentlassungen
vorzunehmen sind.
Meine Herren Bundesminister für Arbeit und
Soziales und für Wirtschaft, ich möchte mich an dieser
Stelle für dieses Engagement und diese Ergebnisse
herzlich bedanken.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Roth [SPD]: Der ist doch gar nicht da! Wo ist
denn der Herr Bangemann?)
Meine Kollegen von der SPD, das ist Politik für die
Arbeitnehmer! Herr Urbaniak, Polemik und
Schaumschlägerei dienen doch niemandem; Geschrei und
Demonstrationen schaffen doch keine Arbeitsplätze.
Dadurch werden Regionen doch eher in Verruf
gebracht, und Investoren sind dann nicht mehr bereit,
dort Arbeitsplätze zu schaffen, sondern lassen sich
abschrecken.
Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf
verweisen, daß dieses Problem europaweit besteht. Wir
haben eine Überkapazität bei Stahl von 30 Millionen
Tonnen. Frühere Bundesregierungen haben dieses
Problem leider nicht gesehen und nicht angepackt.
Meine Kollegen Dr. Jobst und Hermann Fellner
haben das in früheren Reden ausdrücklich
unterstrichen. Das Angebot wächst; die Nachfrage sinkt. Es ist
unredlich, die gegenwärtige Bundesregierung dafür
verantwortlich zu machen. Sie kann keinen Markt für
mehr Absatz schaffen.
Meine Damen und Herren, die Stahlpolitik wird
übrigens nicht allein von der Bundesregierung, von
den Ländern und in den Stahlstandorten gestaltet,
sondern vor allen Dingen und überwiegend in
Brüssel. Da hilft es auch nicht, wenn sich die DGB-Zentrale
in Düsseldorf immer wieder meldet und versucht,
Stimmung zu machen, damit die Leute auf die Straße
getrieben werden, ohne daß sie berücksichtigt, was
ich vorher schon vorgetragen habe. Eine
Weltuntergangsstimmung, wie sie von Ihnen und vor allen
Dingen von Herrn Steinkühler geschaffen wird, ist nicht
angebracht. Lassen Sie mich das an H and
verschiedener Beispiele kurz erläutern.
(Abg. Urbaniak [SPD] meldet sich zu einer
Zwischenfrage)
Vizepräsident Westphal: Herr Hinsken, wollen Sie
zwischendurch eine Zwischenfrage zulassen?
Hinsken (CDU/CSU): Nein, weil ich mich auch kurz
fassen soll, da noch ein Redner von meiner Fraktion
auf der Rednerliste steht und ich ihm keine Zeit
wegnehmen möchte.
Vizepräsident Westphal: Dann müssen Sie aber die
Zeiten hier überschätzen.
Hinsken (CDU/CSU): Ich möchte darauf verweisen,
daß auch andere Branchen Strukturprobleme hatten.
So gab es beispielsweise in der Textilindustrie im
Jahre 1970 noch 550 000 Arbeitsplätze, 1986 nur noch
250 000, im Bekleidungssektor 1970 noch 433 000,
1986 nur noch 221 000. Das war ein Abbau von über
einer halben Million Arbeitsplätze. Das sind mehr
Arbeitsplätze, als in der gesamten eisenverarbeitenden
Industrie 1970 vorhanden waren, nämlich 376 000.
Auch in der lederverarbeitenden Industrie gab es
eine Schrumpfung um 100 000 Arbeitsplätze 1970 auf
73 000 im Jahre 1986. Im Bauhauptgewerbe mußte
zwischen 1970 und 1986 ein Aderlaß von 500 000
Arbeitsplätzen hingenommen werden. Meine Damen
und Herren, wer rief hier nach dem Staat? Gab es hier
Sozialpläne? Diese Branchen haben die Probleme
bewältigt!
Wer kümmert sich denn darum, daß wir 1970 noch
36 000 Fleischerfachgeschäfte und 41 000 Bäckereien
hatten und jetzt nur noch 27 000 bzw. 27 600
haben?
(Urbaniak [SPD]: Was hat das mit dem Stahl
zu tun? Sie dürfen das Geflügel nicht verges
-
sen!)
Wer kümmert sich denn darum, daß 1970 noch
170 000 Lebensmittelgeschäfte vorhanden waren,
jetzt nur noch 77 000 vorhanden sind? Man hat hier
nicht nach Sozialplänen gerufen, man hat hier nicht
den Staat in gewisser Hinsicht gefordert, sondern man
hat versucht, diese Probleme selbst zu meistern.
Gestatten Sie, daß ich den Hinweis b ringe: Gerade
bei Stahl ist festzustellen, daß man sich, was Hilfen
anbelangt, in der Bundesrepublik Deutschl and in der
Spitzengruppe befindet. Schwarz in schwarz oder rot
in rot zu malen ist meines Erachtens nicht angebracht,
sondern man wird diese Probleme in den Griff
bekommen und auch bewäl tigen. Wir alle müssen hier
zusammenstehen. Aber wir dürfen nicht falsche
Hoffnungen wecken. Diese sind nicht angebracht.
Lassen Sie mich ganz kurz auf die Situa tion in
meinem Heimatland Bayern eingehen, wo wir speziell die
Maxhütte haben. Hier bemühen sich die Bayerische
Staatsregierung und die hier anwesenden
Bundestagsabgeordneten — Dr. Jobst oder Hermann
Fellner — intensiv, Ersatzarbeitsplätze zu gewinnen. Es
ist auf Grund der Tatsache, daß do rt vernünftige
Politik gemacht wird, auch gelungen, seit 1980
6 500 Ersatzarbeitsplätze vor allem im elektronischen
Bereich neu zu schaffen. Das kann sich sehen und
hören lassen.
(V o r sitz : Vizepräsident Cronenberg)
Meine Damen und Herren von der
Sozialdemokratie, Sie wären aufgefordert, in den Ländern, in denen
Sie regieren, Maßnahmen zu ergreifen, ein
wirtschaftsfreundlicheres K lima zu schaffen, damit man
bereit ist, dorthin zu gehen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU
— Schreiner [SPD]: Einen neuen Wettergott
brauchen wir! — Dr. Vogel [SPD]: So wie in
Schwandorf!)
Lassen Sie mich abschließend feststellen, daß die
Bundesregierung von seiten der CDU/CSU
aufgerufen ist, weiterhin alles zu unternehmen, damit eine
akzeptable Produktionsquotenregelung gefunden
wird. Ich möchte vor allen Dingen den Stahlkochern
zurufen: Sie haben verständnisvolle Freunde in Bonn.
Laßt euch von falschen Propheten und Demagogen
nicht aufhetzen. Auch dieses Problem wird
gemeistert. Hoffen wir, daß wir noch lange an der Regierung
bleiben.
(Frau Vennegerts [GRÜNE]: Um Gottes
willen!)
Dann haben diese Leute auch Zukunft. Wenn das bei
Ihnen der Fall wäre, dann würde ich weiterhin rot in
schwarz sehen.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei
Abgeordneten der FDP)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort zur
Geschäftsordnung hat die Abgeordnete Frau Weyel.
Frau Weyel (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Im Namen der SPD-Fraktion beantrage
ich die Herbeirufung des Bundesministers für
Wirtschaft.
(Beifall bei der SPD)
Wir halten es für ein unmögliches Verfahren, daß der
Minister — —
(Dr. Jobst [CDU/CSU]: Wo ist der Rau? —
Zurufe von der CDU/CSU: Wo ist Rau? —
Dr. Vogel [SPD]: Hört das Schreien auf! Wer
ist denn hier Wirtschaftsminister? — Dr.
Penner [SPD]: Wer hat die Regierungserklärung
abgegeben?)
Vizepräsident Cronenberg: Frau Abgeordnete, ich
möchte zunächst einmal im Hause die notwendige
Ruhe herstellen.
Frau Weyel (SPD): Ich bedanke mich.
Vizepräsident Cronenberg: Dann können Sie
weiterreden.
Ich wäre dankbar, wenn Sie diesen
Geschäftsordnungsantrag in aller Ruhe begründen lassen.
(Bundesminister Dr. Bangemann bet ritt den
Saal — Heiterkeit und Beifall bei der
CDU/CSU und der FDP — Schreiner [SPD]:
Jetzt ist er aus dem Wi rtshaus aufge
-
taucht!)
— Obwohl sich das, Frau Kollegin, offensichtlich
erübrigt hat, bin ich trotzdem gern bereit, Ihnen das Wo rt
zu lassen.
Frau Weyel (SPD): Vielen Dank.
Vizepräsident Cronenberg: Bitte sehr.
(Dr. Jobst [CDU/CSU]: Bangemann ist da,
jetzt holen Sie den Rau!)
Frau Weyel (SPD): Ich darf zunächst einmal mit
Befriedigung feststellen, daß der Herr Minister an seine
Pflicht erinnert worden ist und dem Ruf gefolgt ist.
(Pfeffermann [CDU/CSU]: Und der Herr Rau
noch immer nicht da ist!)
Ich darf aber dazusagen: Es ist wohl ein großer
Unterschied, ob sich der Minister, der am Beginn einer
Debatte eine Regierungserklärung abgegeben hat,
während der Debatte entfernt
(Kittelmann [CDU/CSU]: Oder ob einer
überhaupt nicht da ist!)
oder ob ein Ministerpräsident, der sich zur Zeit im
Bundesrat befindet, nicht anwesend ist. Ich denke,
das ist ein großer Unterschied. Das sollten Sie wohl
beachten.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der
Bundesminister für Wi rtschaft.
Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft:
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Ich habe während dieser Debatte zweimal
den Raum verlassen, wie Sie sehen, jeweils nur für
kurze Zeit. Ich kann Ihnen versichern, daß mein
Respekt vor dem Hohen Hause von niemandem
übertroffen werden kann. Ich bin sehr lange
Parlamentarier gewesen, bevor ich Mitglied einer Regierung
wurde. Ich werde auch in Zukunft dem Parlament
jederzeit zur Verfügung stehen.
Ich kann Ihnen aber auch erklären, verehrte Frau
Kollegin, daß es un richtig ist, wenn Sie meinen, daß es
keinen wichtigeren Grund für einen Minister geben
kann, das Plenum zu verlassen, als den, zum
Bundesrat zu gehen. Es gibt auch wich tigere Gründe.
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP und der
CDU/CSU)
Vizepräsident Cronenberg: Nun, glaube ich,
können wir in der normalen Debatte fortfahren. Das Wo rt
hat der Abgeordnete Schreiner.
Schreiner (SPD): Herr Präsident! Liebe Kolleginnen
und Kollegen! Ich denke, daß das Verhalten des
Bundeswirtschaftsministers nur als eine bewußte
Mißachtung dieses Parlamentes gekennzeichnet werden
kann.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD — Lachen
bei der CDU/CSU und der FDP — Zurufe von
der CDU/CSU und der FDP)
Herr Bangemann, Sie sind nach Ihrem
Haushaltsbeitrag und Sie sind am vergangenen Freitag nach
Ihrem Kohlebeitrag hier im Parlament jeweils
verschwunden gewesen. Sie haben es nicht mehr für
nötig gehalten, sich die anschließenden
Diskussionsbeiträge anzuhören. Sie stehlen sich fortgesetzt dann
aus diesem Parlament heraus, wenn es gerade um Ihre
ureigenen Aufgabenbereiche geht. Das kann man nur
benennen als glatte Mißachtung des Parlamentes.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der CDU/
CSU und der FDP)
Ich denke, Sie hätten sich diese Diskussionen
ersparen können, wenn Ihr Geschäftsführer, Herr
Beckmann, nicht eben in heuchlerischer Weise hier die
Abwesenheit des nordrhein-westfälischen
Wirtschaftsministers beanstandet hätte.
(Zuruf von der CDU/CSU:
Ministerpräsidenten!)
Es ist in der Tat ein äußerst sonderbares Verfahren,
daß, wenn die beteiligten Montanländer in der
Stahlrunde nicht beteiligt worden sind, Sie dann
pharisäerhaft verlangen, daß ihre Vertreter hier auf der
Bundesratsbank sitzen sollen.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU)
Auch Herr Blüm hat hier seinen Gespensterkampf
gegen die Landesregierung vorgeführt, anstatt sich
um die eigentliche Frage zu kümmern. Herr Blüm, Sie
haben die eigentliche Frage wohl formuliert. Sie
lautet: Wie steht es um die Ch ance der betroffenen
Regionen? Das ist der Kernpunkt der Debatte: Die Chance
der betroffenen Regionen.
Ich will versuchen, Ihnen mit Hilfe einiger weniger
Zahlen deutlich zu machen, warum die
Vereinbarungen, um die es hier geht, in den entscheidenden
Punkten für die betroffenen Regionen keinen guten Tag,
sondern einen schwarzen Tag kennzeichnen werden.
Es geht im Kern um die Tatsache, daß jeder sechste
deutsche Arbeitsplatz im Stahlbereich vernichtet
werden soll. Es geht im Kern darum, daß 37 000
Arbeitsplätze auf Nimmerwiedersehen verschwinden
werden. Von diesen 37 000 Arbeitsplätzen werden nach
den Angaben der Wirtschaftsvereinigungen 4 800 im
Saarland sein.
(Zuruf von der CDU/CSU: Der Hoffmann soll
mal etwas machen!)
Wenn man sich die Situation an der Saar anguckt,
stellt man fest: Saarstahl hat seit 1974 einen
Beschäftigungsverlust von 17 000 Arbeitern erlebt — 17 000
seit 1974!
(Zuruf von der CDU/CSU: Wer ist
Eigentümer von Saarstahl?)
Das Saarland hat seit der gleichen Zeit, seit 1974, eine
Arbeitsmarktentwicklung von damals 14 000
Arbeitslosen auf jetzt 51 000 Arbeitslose ohne stille Reserve
erlebt. Wenn man weiß, daß der Verlust eines
Montan-Arbeitspiatzes den Verlust von zwei weiteren
Arbeitsplätzen im vor- und nachgelagerten Bereich zur
Folge hat, bedeuten die Zahlen, die für die Saar
vorgesehen sind, alleine im Stahlbereich den
zusätzlichen Verlust von annähernd 15 000 Arbeitsplätzen.
Wenn man weiterhin weiß, daß die Bundesregierung
hartnäckig versucht, an der Saar eine Grube zu
schließen — mit einem Beschäftigungsverlust von
annähernd 6 000 Arbeitsplätzen — , dann heißt dies im
Klartext, daß wir in den nächsten Jahren alleine auf
Grund der von Ihnen gewollten Maßnahmen im
Montansektor einen weiteren Beschäftigungsverlust von
rund 20 000 Arbeitsplätzen zu vergegenwärtigen
haben. Wenn Sie dies auf die Arbeitslosenquote
hochrechnen, werden wir an der Saar eine landesweite
Arbeitslosenquote von deutlich über 20 % erhalten.
Das ist die Situation. Eine vergleichbare Situation gibt
es in den anderen Montanstandorten, insbesondere
an der Ruhr.
(Zuruf von der CDU/CSU: Eingeständnis der
eigenen Schwäche von Herrn Lafontaine!)
— Das ist kein Eingeständnis der eigenen Schwäche,
das ist der Versuch, die Ausgangslage hier ohne
Polemik in aller Ruhe zu schildern. Dieses Thema, bei dem
es um das Schicksal von vielen Tausenden von
Menschen und ihren Familien geht, von Fami lien, die über
Jahre hinweg unter der Angst und dem Zittern um
ihre Arbeitsplätze gelitten haben, ist mir viel zu
wertvoll, um es Ihrer billigen Polemik preiszugeben.
(Beifall bei der SPD)
Ich sage Ihnen zweitens: Im Art. 106 unseres
Grundgesetzes steht der wörtlich formulierte Auftrag
an jede staatliche Politik, die Einheitlichkeit der
Lebensverhältnisse im Bundesgebiet zu wahren. Das ist
ein Verfassungsauftrag auch an die
Bundesregierung.
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Es hilft aber
nichts, wenn man vor Ort Ausstiegsbe
-
schlüsse faßt! — Weiterer Zuruf von der
CDU/CSU: Wo ist Herr Rau?)
Im jüngsten Raumordnungsbericht der
Bundesregierung heißt es — ich zitiere wörtlich — :
Es wird festgestellt, daß sich die Probleme der
traditionell strukturschwachen Räume eher
vergrößern, statt sich dem notwendigen Ausgleich
anzunähern.
Diese nüchterne Feststellung im
Raumordnungsbericht der Bundesregierung heißt im Klartext, daß die
Bundesregierung einen verfassungswidrigen Zustand
tatenlos hinnimmt. Man kann es härter formulieren:
(Schwarz [CDU/CSU]: Sprücheklopfer!)
— Herr Kollege Schwarz, Sie sind wirk lich ein
Plattmacher in Sachen Zwischenrufe. Wenn Sie so reden,
wie Sie zwischenrufen, wird es hier schlimm
werden.
Wir haben zahlreiche Anzeichen dafür, daß die
sogenannten regionalen Disparitäten, also das
Auseinanderentwickeln der Bundesrepublik in reiche und
arme Regionen, weiter dramatisch zunehmen werden.
Und die Bundesregierung wirkt an diesem
verfassungswidrigen Prozeß kräftig mit, sie treibt diesen
Prozeß mit voran. Ich werde Ihnen dafür zwei
Beispiele, von vielen, geben.
Der niedersächsische Wi rtschaftsminister, Herr
Hirche, Herr Bangemann, einer Ihrer Parteikollegen, hat
vor kurzem erklärt, daß z. B. die Bundespost 1986
Aufträge für über 17 Milliarden DM vergeben habe, von
denen 53 To nach Bayern und Baden-Württemberg
geflossen seien. Diese Summe, die alleine über die
öffentliche Auftragsvergabe der Bundespost an die
beiden süddeutschen Länder geflossen ist, übersteigt
die gesamte Summe der regionalen
Wirtschaftsförderungsmittel von Bund und Ländern.
Ähnlich verhält es sich mit anderen öffentlichen
Aufträgen, der Bundeswehr, anderer, bezogen auf das
Nord-Süd-Gefälle. Wir erleben eine eklatante
Benachteiligung der eh schon armen Bundesländer in
Sachen öffentlicher Auftragsvergabe des Bundes und
der bundesnahen Einrichtungen.
Die niedersächsische Finanzministerin, Frau
Breuel, hat mitgeteilt, daß die Verteilung dieser
Gelder für die Überwindung der unterschiedlichen
Wirtschaftsstrukturen in der Bundesrepublik wich tiger sei
als der gesamte Länderfinanzausgleich. Das heißt, die
Bundesregierung be treibt mit der öffentlichen
Auftragsvergabe, wo viele, viele Milliarden DM bewegt
werden, eine weitere Verschärfung der
Auseinanderentwicklung in der Bundesrepublik. Sie nehmen den
buchstäblichen arbeitsmarktpolitischen Ausverkauf
von ganzen Regionen bewußt in Kauf.
(Dr. Hoffacker [CDU/CSU]: Das ist doch
billige Polemik!)
Ich sage Ihnen ein zweites Beispiel: Nach
Auskünften aus dem Bundeswirtschaftsministerium wird zur
Finanzierung der Steuerreform beabsichtigt, die
Bundesmittel zur regionalen Wirtschaftsförderung
drastisch zu verstümmeln. Der Kollege Roth hat die
Nettozahl 1 Milliarde DM genannt. Wenn die reichen
Bundesländer die verbleibenden Restmittel der
Gemeinschaftsaufgabe mit ihren regionalen Mitteln
aufstocken können, dann geraten die armen
Bundesländer erst recht so hoffnungslos ins Hintertreffen, daß sie
überhaupt keine Chance mehr haben, die regionalen
Subventionswettläufe für sich zu entscheiden.
Wir brauchten intern eine völlige Neuordnung der
regionalen Wirtschaftsförderung, wobei einer der
Hauptindikatoren die Höhe der Arbeitslosigkeit in der
jeweiligen Region sein muß.
(Beifall bei der SPD)
Man kann dies alles beliebig ergänzen. Ich wi ll
Ihnen abschließend nur eines sagen: Die Montan-
Länder haben die materiellen Möglichkeiten nicht, mit
den Problemen fertig zu werden. Ihnen fehlen
angesichts der in den vergangenen Jahren und
Jahrzehnten aufgebrachten Mittel die finanziellen
Grundlagen.
Die von Ihnen avisierte Steuerreform wird in ihren
finanziellen Auswirkungen zusätzlich zum Ausbluten
der armen Bundesländer und der dortigen Städte und
Gemeinden führen. Es ist weit und breit nichts in
Sicht, was auch nur annähernd das ausgleichen
könnte, was hier an zusätzlichen Einnahmeverlusten
einprogrammiert ist. Sie treiben die Kommunen in
diesen Regionen buchstäblich in den Bankrott, in die
Handlungsunfähigkeit.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Sie sind
unverschämt!)
— Das sind Wahrheiten, Sie können gerne versuchen,
diese Wahrheiten zu widerlegen. Aber lassen Sie die
dümmliche Polemik, Herr Kollege Beton.
Die Summe dieser regionalpolitischen
Irrationalitäten der Bundesregierung, die eindeutig zu Lasten der
Montanregionen gehen, legt bei manchen Bürgern
den Verdacht nahe, die Bundesregierung wolle sie
wegen ihres Wahlverhaltens abstrafen. Dazu hätten
Sie allerdings kein Recht. In einer Zeit, wo wir alle
mehr denn je Grund haben, über gewisse
Grundprinzipien einer gemeinsamen demokratischen Kultur
nachzudenken, darf nicht auch noch von der
Bundesregierung der Eindruck erweckt werden, als ob die
Bundesregierung ihre von der Verfassung auferlegte
regionalpolitische Mitverantwortung mit zweierlei
Maß mißt.
Das Saarland leidet nicht nur unter den
Montanlasten. Durch die späte Eingliederung in der
Bundesrepublik Deutschland hat seine Wirtschaftsstruktur bis
heute den Anschluß an das übrige Bundesgebiet nicht
ausreichend gefunden. Wir verlangen ein bißchen
Gerechtigkeit. Wir verlangen, daß wir nicht zum
Auswanderungsland werden, daß die Menschen in
unserer Grenzregion eine Lebens- und Arbeitsperspektive
haben und, soweit sie sie verloren haben,
wiederbekommen.
Ich will mit einem Satz unseres — ich denke —
gemeinsamen Bundespräsidenten anläßlich seines
Besuchs an der Saar vor einiger Zeit abschließen: „Das
Saarland", so Richard von Weizsäcker, „hat sich in
einer schwierigen Zeit zur Bundesrepublik
Deutschland bekannt; jetzt muß sich auch die Bundesrepublik
Deutschland zum Saarland bekennen."
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Cronenberg: Meine Damen und
Herren, die für diese Aussprache vorgesehene Zeit ist
abgelaufen. Wir kommen zur Abstimmung über den
Entschließungsantrag der Fraktion der SPD
„Stahlpolitik der Bundesregierung" auf Drucksache 11/947.
Wer stimmt für diesen Entschließungsantrag? — Wer
stimmt dagegen? — Wer enthält sich? — Damit ist
dieser Antrag abgelehnt.
Wir kommen nun zur Abstimmung über den
Entschließungsantrag der Fraktion DIE GRÜNEN auf der
Drucksache 11/974. Wer stimmt für diesen
Entschließungsantrag? — Wer stimmt dagegen? — Wer enthält
sich? — Damit ist dieser Entschließungsantrag
abgelehnt.
Meine Damen und Herren, ich rufe nunmehr den
Zusatztagesordnungspunkt 8 auf:
Beratung und Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Umwelt,
Naturschutz und Reaktorsicherheit (21. Ausschuß)
zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Laufs,
Schmidbauer, Fellner, Dr. Göhner, Lenzer,
Gerstein, Dr. Blens, Bauer, Carstensen
(Nordstrand), Dörflinger, Eylmann, Dr. F riedrich,
Harries, Herkenrath, Kalb, Dr. Lippold
(Offenbach), Lummer, Dr. Meyer zu Bentrup,
Dr. Neuling, Regenspurger, Frau Rönsch
(Wiesbaden), Schmitz (Baesweiler), Schulhoff,
Schwarz, Seesing, Zierer und der Fraktion der
CDU/CSU sowie der Abgeordneten Baum,
Frau Dr. Sega ll , Wolfgramm (Göttingen),
Bredehorn, Eimer (Fürth), Grünbeck, Dr. Hirsch
und der Fraktion der FDP
Einsetzung einer Enquete-Kommission
„Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre"
zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Knabe,
Wetzel und der Fraktion DIE GRÜNEN
Einsetzung einer Enquete-Kommission „Lang
-
fristiger Klimaschutz"
— Drucksachen 11/533, 11/787, 11/971 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Schmidbauer
Schäfer (Offenburg)
Dr. Knabe
Eine Aussprache ist nicht vorgesehen. Wir kommen
also direkt zur Abstimmung. Wer stimmt für die
Beschlußempfehlung des Ausschusses? — Wer stimmt
dagegen? — Wer enthält sich? — Damit darf ich
feststellen, daß der Antrag angenommen worden ist.
Meine Damen und Herren, ich rufe den
Zusatztagesordnungspunkt 17 auf:
Aktuelle Stunde
Entsendung von Marine-Einheiten der
Bundeswehr ins Mittelmeer
Die Fraktion der GRÜNEN hat gemäß Nr. 1 c der
Anlage 5 unserer Geschäftsordnung eine Aktuelle
Stunde zu oben genanntem Thema verlangt.
Meine Damen und Herren, ich möchte die
Aussprache eröffnen. Ich tue das aber erst, wenn die
notwendige Ruhe im Hause hergestellt ist. Ich wäre Ihnen
also dankbar, wenn Sie für den Fa ll, daß Sie kein
Interesse an der Aktuellen Stunde haben, den Saal
verlassen würden. Dies gilt auch für den
Abgeordneten Hoffacker. — Danke schön.
Ich glaube, wir können nun beginnen. Das Wort hat
der Herr Abgeordnete Dr. Mechtersheimer.
Dr. Mechtersheimer (GRÜNE): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Im Schatten der Kieler
Affäre begann gestern morgen um 10 Uhr eine andere
Affäre mit nicht minder schwerwiegenden Folgen;
denn gestern sind von Kiel und Bremerhaven drei
Schiffe der Bundesmarine ausgelaufen: der Zerstörer
Mölders, die Fregatte Niedersachsen und der
bewaffnete Versorger Freiburg. Ihr Ziel ist das Mittelmeer.
Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wird sich ein
deutscher Einsatzverband in dieser Region aufhalten.
Diese Entscheidung des Verteidigungsministers ist
eine indirekte Einmischung in den irakisch-
iranischen Krieg,
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Ach du meine
Güte!)
weil die Entsendung der Bundesmarine ausschließlich
dazu dient, die in der Golfregion verstrickten US-
Streitkräfte zu entlasten. Damit macht sich die
Bundesregierung zum Helfershelfer der
Interventionspolitik der USA.
(Beifall bei den GRÜNEN und bei Abgeord
neten der SPD)
Der Aufmarsch der USA und anderer westlicher
Staaten dient in keiner Weise den angeblichen
Sicherheits- und Friedensinteressen. Im Gegenteil: Mit der
Präsenz der US-Armada wurde der Tankerkrieg nicht
eingedämmt, sondern neu entfacht. Zudem haben
sich Kriegsschiffe zum Schutz der Öltanker als
untauglich erwiesen, weil sie viel empfindlicher und
verwundbarer, wie es heißt, sind als die Tanker selbst.
Die gewaltige Militärintervention der westlichen
Staaten mit bisher über 80 Schiffen hat den iranisch
irakischen Krieg nicht begrenzt, sondern in eine neue
Eskalation getrieben. Mit dem Vorwand, die
internationale Schiffahrt und eine angeblich gefährdete
Ölversorgung sichern zu wollen, greifen die USA immer
deutlicher auf irakischer Seite in den Krieg ein.
Folgerichtig hat in der vergangenen Woche der Iran die
Vereinigten Staaten zum Kriegsgegner erklärt. Was
die USA im Golf treiben, ist eine skrupellose
Ausnutzung eines von ihnen selbst jahrelang geschürten
Regionalkrieges für ihre innenpolitischen und
machtpolitischen Interessen.
(Lowack [CDU/CSU]: Skrupelloser Unfug ist
das!)
Die Verwerflichkeit der US-Politik läßt sich auch
daran erkennen — hören Sie genau zu, Herr
Lowack — ,
(Lowack [CDU/CSU]: Das ist doch Krampf!)
daß die Vereinigten Staaten durch hohe Ölimporte
aus diesem Land indirekt die Rüstung des Iran
mitfinanzieren; ich verstehe, daß das unangenehm ist.
(Lowack [CDU/CSU]: Nicht unangenehm,
dumm ist das!)
Aber es gibt noch mehr Absurditäten. US-
Flugzeuge werden mit Produkten der US-Industrie
abgeschossen. Dies ist genauso widersinnig wie die
Tatsache, daß infolge der amerikanischen Politik die
Sowjetunion stärker in die Golfregion hineingezogen
wird als je zuvor.
(Frau Geiger [CDU/CSU]: Was sagen Sie
denn zu den iranischen Minen?)
Die Reagan-Adminis tration betreibt am Golf eine
besonders widerwärtige Form von Kanonenbootpolitik,
und die Bundesregierung unterstützt sie dabei mit der
Entsendung der Bundesmarine ins Mittelmeer.
(Beifall bei den GRÜNEN und bei Abgeord
neten der SPD)
Das ist eine Stellvertreter-Kanonenbootpolitik; wir
nennen das Stellvertreter-Kanonenbootpolitik.
Washington kann nach dem Fiasko im Libanon ein
weiteres Desaster nur verhüten, wenn es sich aus der
Golfregion zurückzieht. Statt die USA zum Rückzug
zu ermutigen, erleichtert die Bundesregierung durch
diese Kompensationsmaßnahme den Ausbau der US-
Präsenz im Golfkrieg.
In dem Zusammenhang ist mir auch völlig
unerklärlich, wie sich diese Entscheidung des
Verteidigungsministers mit Warnungen aus dem Auswärtigen Amt
vor einem Hochschaukeln der Situa tion infolge der
starken Militärpräsenz vereinbaren läßt.
(Dr. Lippelt [Hannover] [GRÜNE]: Das ist ja
auch im Kabinett nicht abgestimmt!)
— Wir werden hoffentlich noch erfahren, wer hier
entschieden hat.
Dieser in der Qualität völlig neue Einsatz
westdeutscher Streitkräfte in einer Region, in der sie bisher
nicht stationiert waren, steht im Widerspruch zur
bisherigen Politik des Außenministers, der sich um die
Dialogfähigkeit sowohl mit dem Irak als auch gerade
mit dem Iran bemühte. Es steht auch im Widerspruch
zu dem, was Herr Genscher im Auswärtigen Ausschuß
dazu gesagt hat.
Der Bewerber um das Amt des NATO-
Generalsekretärs und Noch-Verteidigungsminister, Wörner,
will sich offenkundig als strammer Freund der NATO
und US-Regierung profilieren und hätte ja
offenkundig die Entsendung von Schiffen sogar in das
Kriegsgebiet selbst vorgenommen, wenn das Grundgesetz
hier keinen Riegel vorgeschoben hätte.
Die Entsendung von 620 Soldaten in das Mittelmeer
ist Zeichen eines falschen Solidaritätsverständnisses,
Ausdruck einer historischen Blindheit und ein Beweis
der Unfähigkeit, Krieg auch dann als Krieg zu
begreifen, wenn er in der Dritten Welt stattfindet.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Der gestrige Tag ist ein folgenschwerer Rückfall in
eine unselige Tradi tion großdeutscher Außenpolitik.
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Ach du meine
Güte!)
Machen Sie diesen Schritt rückgängig!
(Beifall bei den GRÜNEN)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der
Abgeordnete Kossendey.
Kossendey (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Ich glaube, der Kollege
Mechtersheimer hat sich eigentlich im wesentlichen um die
Dinge gekümmert, die heute nicht auf der
Tagesordnung stehen. Es geht darum, was die deutsche
Bundesmarine möglicherweise im Mittelmeer zu tun
gedenkt. Da will ich Ihnen ganz einfach mal das zitieren,
was im Verteidigungsweißbuch von 1979 über die
Aufgabe der Ma rine steht, 1979 deswegen, damit die
Kollegen von der SPD auch zustimmen können. Da
steht über den Auftrag der Marine, daß sie sich im
Nordflankenraum konzentriert einsetzen möge, damit
bei den Marinen unserer Bündnispartner Kräfte für
die Abwehr von Bedrohungen im Atlantik und, w ann
immer geboten, auch außerhalb des NATO-
Vertragsgebiets, das durch den Wendekreis des Krebses nach
Süden begrenzt ist, freigesetzt werden. Genau das hat
Manfred Wörner mit seiner Entscheidung eigentlich
getan.
(Dr. Lippelt [Hannover] [GRÜNE]: Aber ob
es geboten ist, ist eine politische Frage, und
die diskutieren wir!)
— Darüber will ich jetzt mit Ihnen gerne reden. — Wir
haben also unsere Schiffe nicht in die Krisenregion
selbst geschickt, sondern helfen unseren
Verbündeten mit der Entlastung durch unsere Schiffe im
Mittelmeer.
Wir begrüßen diese Entscheidung von Manfred
Wörner, und wir tun das aus drei guten Gründen:
Der erste Grund: Die Bundesrepublik ist eine f
riedliebende Na tion.
Der zweite Grund: Die Bundesrepublik steht in der
Solidargemeinschaft aller NATO-Länder,
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
und wir werden es einfach nicht zulassen, daß die
Aufgaben unter den NATO-Ländern so aufgeteilt
werden, daß sie für die verschiedenen Länder eine
unterschiedliche Belastung bedeuten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zuruf des Abg. Dr. Lippelt [Hannover]
[GRÜNE])
Ein dritter guter Grund — Herr Lippelt,
möglicherweise interessiert Sie das auch — ist ganz einfach die
Tatsache, daß wir als Bundesrepublik eine
Handelsnation sind, die in ganz besonderem Maße auf die
Sicherheit der Seeverbindungen angewiesen ist.
Zu diesen drei Punkten wi ll ich etwas sagen.
Erstens. Friedliebende Nation, das heißt aus unserer
Sicht nicht einfach nur, daß wir selber f riedfertig sind;
vielmehr wollen wir durch unser eigenes Verhalten
überall, wo es möglich ist, friedliche Verhältnisse
herstellen. Nun besteht wohl überhaupt kein Zweifel
daran, daß das Legen von Minen auf internationalen
Seestraßen eine kriegerische Sache ist.
(Dr. Lippelt [Hannover] [GRÜNE]: Warum
fordern Sie nicht eine UNO-Friedens
-
macht?)
Darum werden Sie doch wohl nicht herumdiskutieren
wollen.
Ich will Ihnen einmal deutlich sagen: Die NATO
handelt in diesem Sinne friedenssichernd, wenn wir
uns gemeinsam bemühen, die Minen von den
internationalen Schiffahrtsstraßen wegzubekommen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Was das mit Imperialismus oder mit
Kanonenbootpolitik zu tun haben soll, verstehe ich eigentlich nicht.
Herr Mechtersheimer, Sie sollten sich einmal vor
Augen halten, daß die Sowjets do rt genauso suchen wie
die Amerikaner und daß sie sich sehr eng abstimmen,
weil nämlich beide wissen, daß die Sicherheit der
Meereswege ein ganz besonders hohes Gut ist.
(Abg. Dr. Mechtersheimer [GRÜNE] meldet
sich zu einer Zwischenfrage)
— Das ist, glaube ich, nicht erlaubt. Es tut mir leid.
Hinterher können wir gern darüber sprechen.
(Dr. Mechtersheimer [GRÜNE]: Wissen Sie,
wie viele amerikanische und sowje tische
Schiffe do rt sind? Das wissen Sie gar
nicht!)
Der zweite Punkt: Wir stehen in der
Solidargemeinschaft aller NATO-Länder, und wir wollen
verhindern, daß sich die NATO in zwei Teile teilt:
diejenigen, die die Arbeit machen, und diejenigen, die davon
profitieren, z. B. wir, wenn wir im Winter unseren
Ölhahn aufdrehen und unbesorgt unsere warme Stube
genießen. Was Sie wollen, wundert mich allerdings
ein bißchen: Sie wollen hier die Kernkraftwerke
abschalten und wollen auch noch am Golf den Ölhahn
für uns zudrehen. Das paßt ja irgendwie nicht gut
zusammen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Mechtersheimer [GRÜNE]: Das ist doch
Unsinn! Es gibt ein Überangebot an Öl!)
Der dritte Punkt:
(Dr. Mechtersheimer [GRÜNE]: Es ist
einfach Unsinn, was Sie sagen!)
Wir sind ein Land, das in ganz besonderem Maße vom
Im- und Export abhängig ist.
(Dr. Lippelt [Hannover] [GRÜNE]: Wir
wollen Schleswig-Holstein reicher machen! Da
gibt's jetzt auch Öl!)
Das wissen Sie. Die risikofreie Benutzung der
internationalen Seestraßen sichert letztendlich auch bei uns
eine Menge von Arbeitsplätzen. Aus diesem Grunde
kann es uns einfach nicht gleichgültig sein, daß die
Lebensadern der Handelsnationen in aller Welt vom
Infarkt bedroht sind.
(Dr. Mechtersheimer [GRÜNE]:
Lebensadern? Was Sie sagen, ist Unsinn!)
— Gut, darüber können wir hinterher gern
diskutieren. Jetzt haben wir leider nicht die Möglichkeit.
Nun haben Sie, Herr Wörner, wie wir wissen, aus
guten Gründen darauf verzichtet, Minensuchboote
direkt in den Golf zu entsenden. Unsere Hilfe
beschränkt sich auf die verstärkte Präsenz im
Mittelmeerraum. Dort üben — das sollten Sie, meine Damen
und Herren, eigentlich wissen — die Marineeinheiten
seit Jahren, und deswegen kann ich Ihre
Aufgeregtheit gar nicht verstehen.
Ich will versuchen, eine Ursache Ihrer Nervosität zu
ergründen. Der Grund liegt wohl da rin: Die Ereignisse
im Golf zeigen sehr deutlich, daß Ihre Thesen von
Krieg und Frieden sehr selten mit der Realität in
Einklang zu bringen sind. Wer wie Sie bedingungslose
Abrüstung fordert und wer in der eigenen
militärischen Wehrlosigkeit schon eine Friedensgarantie
sieht, bekommt tatsächlich am Golf eine deutliche
Lektion erteilt. Wenn wir die Geschicke der Welt nicht
irgendwelchen fanatischen Führern von
irgendwelchen fanatisierten Völkern überlassen wollen,
(Dr. Lippelt [Hannover] [GRÜNE]: Haben
Sie schon einmal die Geschichte des
Ausbruchs von Weltkriegen studiert?)
müssen wir — das sage ich ganz deutlich — in der
Lage sein, Freiheit und Sicherheit der Meere
gegebenenfalls auch mit militärischem Gerät — und
Minensuchboote sind nun einmal militärisches Gerät — zu
gewährleisten. Ohne diese Op tion wären wir
Einschüchterungen, Erpressungen und letztendlich auch
Aggressionen ausgesetzt. Das vergessen Sie; Ihre
Politik, wenn wir sie denn so durchgeführt hätten,
hätte die Welt in eine gefährliche Situa tion
gebracht.
Andererseits haben Sie, Herr Mechtersheimer,
überhaupt kein Konzept dafür vorgelegt, was man tun
sollte. Ich glaube, Sie sollten begreifen: Am Golf hilft
kein Lamentieren. Minen kann man nicht
wegdiskutieren; die muß man wegräumen. Wer das nicht tut,
handelt fahrlässig.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Lippelt [Hannover] [GRÜNE]: Warum
sind die Minen da hingekommen? Sagen Sie
das erst einmal!)
Deswegen füge ich hinzu: Diejenigen, die das im Golf
tun, verdienen unseren Dank — genauso wie unsere
Soldaten, die im Mittelmeer unseren Teil dieser
Aufgabe erledigen.
Gestatten Sie mir als jungem Parlamentarier zum
Schluß noch eine Bemerkung: Wenn man den Grad
der Aktualität dieser Aktuellen Stunde an der
Anwesenheit der Mitglieder Ihrer Fraktion, die sie ja
beantragt hat, messen wollte, käme m an auf einen ziemlich
geringen Wert .
(Dr. Lippelt [Hannover] [GRÜNE]: Prozen
-
tual stehen wir sehr gut da!)
Sie entschärfen dieses ehedem scharfe Schwert der
parlamentarischen Aktuellen Stunde dadurch nicht
unerheblich. — Danke.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der
Abgeordnete Dr. Scheer.
Dr. Scheer (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Wir sollten nicht durch Übertreibungen
oder Untertreibungen von den tatsächlichen
Problemen des Nahen Ostens ablenken. Es ist falsch und
unangemessen, den amerikanischen Flotteneinsatz
mit der Kanonenpolitik eines Wilhelms II. zu
vergleichen.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der FDP — Dr.
Mechtersheimer [GRÜNE]: Das sind rein
innenpolitische Gründe, Herr Scheer! Das wissen Sie!)
Dies enthält eine problematische Unterschätzung der
Aktionen der fundamentalistischen Strömungen des
Islam, die durchaus kriegsträchtigen Charakter
haben.
Andererseits darf nicht übersehen werden, welche
weltpolitischen Gefahren der Eskalation aus
unbedachtem Vorgehen in der Golfregion erwachsen.
Höchste Umsicht ist nötig, um friedensfördernde
Bedingungen zu schaffen. Dazu gehört
selbstverständlich auch die aktuelle Eindämmung von Brandherden,
auch wenn damit nicht alle Ursachen eines Konflikts
aufgehoben werden können.
Von daher ergibt sich für die aktuelle Konfliktlage
im Golf folgendes: Es darf selbstverständlich nicht
zugesehen werden, daß sich diejenigen durchsetzen,
die am aggressivsten vorgehen. Dies bedeutet:
Provokationen des islamischen Fundamentalismus in der
Straße von Hormuz muß entgegengetreten werden.
Ich glaube, darum darf man nicht herumreden. Strittig
ist für uns nicht, daß das geschehen muß, sondern
allein, wie dies zu geschehen hat.
(Beifall bei der SPD)
Ein Einsatz von Streitkräften kann allenfalls eine
Ultima ratio, niemals aber eine eilfertige vorrangige
ratio sein.
Vorrangig sind für uns drei Elemente eines
internationalen Krisenmanagements:
Erstens. Friedensbemühungen im Nahen Osten
müssen in enger Kooperation mit der Sowjetunion
erfolgen.
(Horn [SPD]: Sehr richtig!)
Dazu muß im Westen von der Fiktion Abstand
genommen werden, die Sowjetunion strebe an an die
arabischen Ölquellen, um dem Westen den Ölhahn
irgendwann einmal zudrehen zu können.
Konfliktlösungen im Nahen Osten dürfen nicht mit
dem Versuch der Erringung von Postitionsvorteilen im
Ost-West-Verhältnis in Verbindung stehen. Wird dies
versucht, dann besteht die Gefahr, daß der
Golfkonflikt zu Spannungen im Ost-West-Verhältnis führt und
daß spätestens dann die Vorgänge außer Kontrolle
geraten.
Die Gelegenheit zu einem gemeinsamen
politischen Krisenmanagement mit der Sowjetunion war
noch nie so günstig. Wir haben den Eindruck, daß
dennoch zu viele mit einem westlichen Alleingang
vorlieb nehmen, weil zwar ein sowje tisches
Stillhalten, aber keine Mitbestimmung erwünscht ist. Der
Golfkonflikt ist aber zu heikel, als daß wir uns dabei
gleichzeitig eine Fingerhakelei zwischen Ost und
West leisten könnten.
(Beifall bei der SPD)
Zweitens. Es sind westliche Länder, die den
Golfkrieg seit Jahren durch dauernde Waffenlieferungen
verlängern helfen.
(Conradi [SPD]: Sehr richtig!)
Befreundete westeuropäische Regierungen haben
sich jüngst der amerikanischen Forderung nach
einem Waffenembargo verweigert.
(Jungmann [SPD]: Genau!)
Diese Forderung kommt zwar sehr spät; sie ist aber
dennoch richtig.
(Conradi [SPD]: Sie ist auch nicht sehr
glaubwürdig!)
— Sie ist von den vorhergehenden Vorgängen her
nicht ganz glaubwürdig, aber sie ist dennoch
richtig.
Wir erwarten von der Bundesregierung, daß sie
unverzüglich alles für einen sofortigen internationalen
Stopp des Exports von Waffen in den Irak und den
Iran tut.
(Beifall bei der SPD und der Abg. Frau Unruh
[GRÜNE])
Das Geschäft mit dem Tod muß aufhören. Die
Verantwortlichen der b
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Beendigung der Arbeiten am Endlager Gorleben (G-SIG: 11000578)
- part_of_vorgang → Einsetzung einer Enquete-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" (G-SIG: 11000605)
- part_of_vorgang → Entsorgung - Endlager (Gorleben) (G-SIG: 11000584)
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung des Gesetzes über das Bundesverfassungsgericht (G-SIG: 11020019)
- spoke_in ← Christa Nickels (Rede)
- spoke_in ← Detlef Kleinert (Rede)
- spoke_in ← Hans A. Engelhard (Rede)
- spoke_in ← Hans de With (Rede)
- spoke_in ← Helmut Lippelt (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Ingrid Roitzsch (Zur Geschäftsordnung BT)
- spoke_in ← Norbert Geis (Rede)
- spoke_in ← Otto Schily (Zwischenfrage)