Protokoll der 67. Sitzung des 8. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 67. Sitzung des 8. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 8/67
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
67. Sitzung
Bonn, Dienstag, den 24. Januar 1978
Inhalt:
Abwicklung der Tagesordnung . . . . . 5147 A
Amtliche Mitteilung ohne Verlesung . . . 5147 A
Begrüßung einer Delegation des
Landwirtschaftsausschusses der Brasilianischen
Abgeordnetenkammer 5164 B
Zweite Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
über die Feststellung des
Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 1978
(Haushaltsgesetz 1978)
— Drucksachen 8/950, 8/1285 —
Beschlußempfehlungen und Berichte des
Haushaltsausschusses
Einzelplan 01
Bundespräsident und Bundespräsidialamt
— Drucksache 8/1361 - 5147 B
Einzelplan 02
Deutscher Bundestag
— Drucksache 8/1362 —
Collet SPD 5147 D
Einzelplan 03
Bundesrat
— Drucksache 8/1363 — 5149 C
Einzelplan 04
Geschäftsbereich des Bundeskanzlers und .
des Bundeskanzleramtes
— Drucksache 8/1364 —
Strauß CDU/CSU 5149 D
Brandt SPD 5164 C
Hoppe FDP 5173 B
Dr. Apel, Bundesminister BMF 5179 D
Dr. von Weizsäcker CDU/CSU 5183 C, 5184 A
Dr. Marx CDU/CSU (zur GO) 5183 D
Porzner SPD (zur GO) 5184 A
Friedrich (Würzburg) SPD 5190 D
Dr. Bangemann FDP 5196 D
Schmidt, Bundeskanzler 5202 D
Schröder (Lüneburg) CDU/CSU 5209 C
Löffler SPD 5214 A
Wohlrabe CDU/CSU 5215 C
Esters SPD 5218 D
Namentliche Abstimmung 5220 A
Einzelplan 05
Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts
— Drucksache 8/1365 —
Dr. Marx CDU/CSU . . . . . . . . 5222 A
Frau Renger SPD 5229 A
Picard CDU/CSU 5233 B
Genscher, Bundesminister AA 5236 A
Einzelplan 27
Geschäftsbereich des Bundesministers für
innerdeutsche Beziehungen
— Drucksache 8/1380 —
Mattick SPD 5239 B
Franke, Bundesminister BMB 5241 D
Einzelplan 23
Geschäftsbereich des Bundesministers für
wirtschaftliche Zusammenarbeit
— Drucksache 8/1378 —
Picard CDU/CSU 5245 C
Esters SPD 5247 C
Gärtner FDP 5250 B
Frau Schlei, Bundesminister BMZ . . . . 5251 A
Dr. Hoffacker CDU/CSU . . . . . . . 5253 B
Hofmann (Kronach) SPD 5257 C
Dr. Vohrer FDP 5259 A
Einzelplan 19
Bundesverfassungsgericht
— Drucksache 8/1376 — . . . . . . . 5260 A
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
zu dem Übereinkommen vom 21. Mai 1974
über die Verbreitung der durch Satelliten
übertragenen programmtragenden Signale
— Drucksache 8/1390 — 5260 A
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
zu dem Vertrag vom 11. Oktober 1977
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und
der Republik Island über die gegenseitige
Unterstützung in Zollangelegenheiten
— Drucksache 8/1358 — 5260 A
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Zweiten
Gesetzes zur Änderung des Altölgesetzes
— Drucksache 8/1423 — 5260 B
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu dem von
der Bundesregierung vorgelegten
Agrarbericht 1977
— Drucksachen 8/80, 8/81, 8/1350 — . . . 5260 B
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zum
Entschließungsantrag der Fraktionen der SPD, FDP
zur Beratung des Agrarberichts 1977 der
Bundesregierung
— Drucksachen 8/306, 8/1351 — . . . . 5260 C
Beratung des Antrags des Bundesministers
der Finanzen
Veräußerung der bundeseigenen
Liegenschaft „ehemalige Gallwitz-Kaserne" in
Ulm an die Stadt Ulm
— Drucksache 8/1352 — . . . . . . . 5260 C
Beratung der Sammelübersicht 17 des
Petitionsausschusses über Anträge zu Petitionen
- Drucksache 8/1415 — . . . . . . . 5260 D
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu der
Unterrichtung durch die Bundesregierung
Entwurf einer Richtlinie des Rates über
bestimmte Erzeugnisse für die Tierernährung
Vorschlag einer dritten Richtlinie des Rates
zur Änderung der Richtlinie 70/524/EWG
über Zusatzstoffe in der Tierernährung
Vorschlag für eine Richtlinie des Rates zur
Änderung der Richtlinie 74/63/EWG über
die Festlegung von Höchstgehalten an
unerwünschten Stoffen und Erzeugnissen in
Futtermitteln und zur Änderung der
Richtlinie 70/373/EWG über die Einführung
gemeinschaftlicher Probenahmeverfahren und
Analysemethoden für die Untersuchung von
Futtermitteln
— Drucksachen 8/833, 8/1353 — 5260 D
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu der
Unterrichtung durch die Bundesregierung
Vorschlag einer Verordnung (EWG) des
Rates zur Änderung der Verordnung (EWG)
Nr. 2772/75 über Vermarktungsnormen für
Eier
— Drucksachen 8/814, 8/1420 — 5261 A
Nächste Sitzung 5261 C
Anlage
Liste der entschuldigten Abgeordneten . . 5263* A
67. Sitzung
Bonn, den 24. Januar 1978
Beginn: 9.00 Uhr
Präsident Carstens: Meine Damen und Herren; die
Sitzung ist eröffnet.
Amtliche Mitteilung ohne Verlesung
Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft hat mit
Schreiben vom 19. Januar 1978 im Einvernehmen mit dem
Bundesminister für Wirtschaft die Kleine Anfrage der
Abgeordneten Frau Dr. Wilms, Pfeifer, Schedl, Rühe, Frau Benedix,
Daweke, Prangenberg, Dr. Hornhues und der Fraktion der
CDU/CSU betr. Weiterentwicklung der beruflichen Grundbildung
und Änderung der Anrechnungsverordnung (Drucksache 8/1360)
beantwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache 8/1441
verteilt.
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung_
werden in der heutigen Sitzung die nachfolgenden
Einzelpläne beraten:
Einzelplan 01 — Bundespräsident und
Bundespräsidialamt
Einzelplan 02 — Deutscher Bundestag
Einzelplan 03 — Bundesrat
Einzelplan 04 — Geschäftsbereich des
Bundeskanzlers und des
Bundeskanzleramtes
Einzelplan 05 — Geschäftsbereich des
Auswärtigen Amtes
Einzelplan 27 — Geschäftsbereich des
Bundesministers für
innerdeutsche Beziehungen
Einzelplan 23 — Geschäftsbereich des
Bundesministers für
wirtschaftliche Zusammenarbeit
Einzelplan 19 — Bundesverfassungsgericht
Ich rufe nunmehr Punkt I der Tagesordnung auf:
Zweite Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über
die Feststellung des Bundeshaushaltsplans für
das Haushaltsjahr 1978 (Haushaltsgesetz 1978)
— Drucksachen 8/950, 8/1285 —
Beschlußempfehlungen und Berichte des
Haushaltsausschusses (8. Ausschuß)
Wir kommen zunächst zum
Einzelplan 01
Bundespräsident und Bundespräsidialamt
— Drucksache 8/1361 —
Berichterstatter: Abgeordneter Stöckl
Wünscht der Herr Berichterstatter das Wort? —
Das ist nicht der Fall. Das Wort wird auch sonst nicht
gewünscht.
Wir kommen zur Abstimmung über den
Einzelplan 01. Wer dem Einzelplan 01 in der
Ausschußfassung zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das
Handzeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
Enthaltungen? — Ich stelle fest, daß der Einzelplan
01 in zweiter Lesung einstimmig angenommen
worden ist.
Ich rufe auf:
Einzelplan 02
Deutscher Bundestag
— Drucksache 8/1362 —
Berichterstatter: Abgeordneter Krampe
Wünscht der Berichterstatter das Wort? — Das ist
nicht der Fall.
Zu Wort gemeldet hat sich der Herr Abgeordnete
Collet. Bitte schön, Herr Abgeordneter.
Collet (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Ich darf feststellen, daß ich
nicht im' Auftrage meiner Fraktion rede. Ich bitte Sie
daher auch, meine Fraktion nicht für das in
Anspruch zu nehmen, was ich jetzt zu sagen habe. Ich
gehe aber andererseits davon aus, daß das, was ich
ausführen will, nicht im Widerspruch zu der
Meinung meiner Fraktion steht — ich hoffe, auch nicht
im Widerspruch zu der einer anderen Fraktion.
Ich möchte heute nicht über Geld reden, aber
daran erinnern, daß ich vor zwei oder drei Jahren von
dieser Stelle aus darauf aufmerksam gemacht habe,
daß wir es z. B. im Lande Baden-Württemberg mit
jenem Herrn Palmer zu tun hatten, der dort bei
bestimmten Wahlen einen nicht unbeachtlichen Erfolg
erzielt hat. Im Zusammenhang damit haben wir uns
manchmal die Frage gestellt: Wie kommt so etwas
eigentlich? Wodurch ist eine bestimmte
Parteiverdrossenheit entstanden? Ich habe seinerzeit den
Versuch gemacht, eine Antwort zu geben. Ich habe nicht
den Eindruck, daß wir uns bemüht haben - ich
meine: wir alle —, Glistrups und andere aus der
Politik herauszuhalten. Sicherlich ist das nicht nur
deren Schuld oder die Schuld derer, die sie wählen.
Sicherlich müssen wir uns die Frage stellen, ob das
zu einem Stück nicht auch unsere Schuld ist.
Gestatten Sie mir, daß ich zunächst zu zwei, drei
technisch-organisatorischen Dingen, die mit unserer
Arbeit und deren Erleichterung zu tun haben,
Stellung nehme, ehe ich diese andere Frage, von der ich
meine, sie müßte uns interessieren, noch etwas zu
verdeutlichen versuche.
Wenn ich von technisch-organisatorischen Dingen
rede, dann meine ich z. B., daß in der 5.
Legislaturperiode auf Grund einer Anregung von mir, die
seinerzeit vom damaligen Präsidenten von Hassel
aufgegriffen wurde, Vorblätter eingeführt wurden. Sie
sollten eigentlich dazu beitragen, uns als
Abgeordneten die Arbeit zu erleichtern.
Nun muß man sich diese Vorblätter heute einmal
ansehen. Es heißt nicht mehr, wie damals festgelegt,
zunächst „Problem", dann „Lösung", dann
„Alternative" und schließlich „Kosten", damit jeder schnelle
Leser weiß, was hier beabsichtigt ist, was faul ist
oder geändert werden soll. Jetzt heißt es plötzlich
„Zielsetzung", und dann folgen drei Zeilen.
Es setzt sich doch niemand plötzlich ein Ziel,
weder die Regierung noch die Opposition noch
irgendein sonstiger Antragsteller, sondern es gibt ein
Problem in unserem Lande, das man lösen will. Wie soll
beispielsweise ein Kollege, der sich schnell
informieren will, der Drucksache 8/365 entnehmen, was
dieses Parteichinesisch heißt, was mit diesem Gesetz
gewollt ist?
Ich bitte auch darum, daß unter „Alternative"
zukünftig nicht mehr steht „keine", wenn gleichzeitig
zu einer Regierungsvorlage auch eine Vorlage der
Opposition vorhanden ist. Dann ist doch ein
Alternativvorschlag da. Darauf sollte man im Vorblatt
dann auch hinweisen — wenn es so ist. Ich meine,
es ist keine Hilfe für uns, wenn wir trotz der
Vorblätter 20 Seiten lesen müssen. Dann können wir die
Vorblätter abschaffen.
(Unruhe)
Eine zweite, auch nur technische Frage.
Präsident Carstens: Meine Damen und Herren, ich
bitte um etwas mehr Aufmerksamkeit für den
Redner.
Collet (SPD) : Wir haben in der 7.
Legislaturperiode nach einem von mir vorgeschlagenen Modell
durch Frau Präsidentin Renger die
Loseblattsammlung eingeführt, die uns ebenfalls schnell in den
Stand versetzen soll, Drucksachen zu finden und zu
wissen, wo welches Gesetz zu finden ist. Auch hier
wird mit Routine von irgend jemandem mitunter aus
dem Vorblatt abgeschrieben. Auch hier ist das
Gewollte nicht erreicht.
Verehrter Herr Präsident, das ist nicht eine Kritik
an Ihnen; dies hat sich schon in der Vergangenheit
eingeschlichen, nach und nach. Ich darf Sie herzlich
bitten, darauf hinzuwirken, daß diese Mittel so
gestaltet werden, daß sie für die Abgeordneten
hilfreich sind.
Ich komme zu einer anderen Frage und damit zu
dem, was mich im Kern berührt und mich
veranlaßt hat, gemeinsam mit anderen zu überlegen, ob
wir nicht doch Wege finden können, uns anders
darzustellen und anders miteinander umzugehen. Ich
weiß, was es heißt, im Kampf um die Macht zu
stehen. Ich weiß, was es bedeutet, wenn man — mit
vielen Gruppen hinter sich, die erwarten, daß man das
durchsetzt — viele Register zieht und alle Mittel
ausschöpft. Ich sage das nicht in einer bestimmten
Richtung; ich sage das einfach ganz allgemein. Ich
bitte wirklich darum, einmal die Frage zu prüfen, ob
wir immer das letzte Mittel ausschöpfen müssen.
Wir sollten überlegen, ob wir nicht Wege finden
können, vielleicht schrittweise darauf zu verzichten.
Heute überschätzen wir die Wirkung einer
einzelnen Aussage, von der wir glauben: Jetzt haben wir
es gesagt! Ich bin lange genug in der Politik, um zu
wissen, daß jeder, der aktiv ist und ans
Rednerpult geht — ob hier oder woanders —, natürlich
immer zwei Überlegungen anstellt. Die eine lautet
„Was ist richtig?", und die andere ist „Was kommt
an?".
Leider ist das nicht immer dasselbe. Wir alle
unterliegen dann der Versuchung, bei unserem
Verhalten und bei unserer Aussage mehr dem Rechnung zu
tragen,. was ankommt. Die große Frage ist, ob es
letztlich für die Demokratie ankommt. Im Kampf um
die Macht und den Erfolg vergessen wir, wie ich
meine, ein Stück Demokratie. Ich bitte Sie, selbst
noch einmal nachzulesen, was in der Weimarer Zeit
alles zu den Entwicklungen beigetragen hat. Das ist
natürlich eine ganze Menge, und jeder von uns wäre
überfordert, wenn er alles nachlesen sollte. Man
darf nicht immer nur strategisch überlegen. Man
wird selbst schizophren und ständig in Zwiespalt
gebracht, wenn nicht ein größerer Anteil den
Dingen zugute kommt, die in der Sache wirklich
notwendig sind, wenn der Anteil der Strategie und der
Frage, was ankommt, zu groß ist.
Ich weiß natürlich, daß das zum Teil auch mit
unserem Journalismus zusammenhängt. Zeitungen und
Verlage stehen in starkem Wettbewerb. Es geht
dabei um die Frage: Wie finde ich die beste
Überschrift? Derjenige, der das Außergewöhnliche tut,
und nicht derjenige, der seine Pflicht normal erfüllt,
hat die größere Chance zur Schlagzeile. Ich weiß das
alles. Ich weiß, daß der junge Journalist schon dazu
erzogen wird zu schreiben: Mann beißt Hund, und
nicht: Hund beißt Mann. Der andere ist der beste
Artikel. So werden wir zum Teil auch verführt. Aber
ich meine, wenn ich die letzten drei, vier Jahre
passieren lasse: Wir müssen überlegen, ob es nicht
doch etwas besser geht.
Vielleicht gibt es drei, vier Dinge, über die wir uns
einigen können, die vielleicht als erste Schritte dazu
dienen können. Muß es denn sein, daß einer von
diesem Pult aus bei irgendeinem Punkt sagt: Nun
sehen Sie einmal, wie viele da sind, wie viele das
interessiert! Wenn er selber gesprochen hat, und es
kommt ein neuer Tagesordnungspunkt, dann geht er
hinaus. Vorher hat er aber gemeint, feststellen zu
müssen, daß der Saal leer ist, obwohl er
wissen muß, daß derjenige, der hinausgeht, einen Berg
von Arbeit auf seinem Schreibtisch hat. Trotzdem
meint er, er muß hier sagen: Das Haus ist schlecht
besetzt; sie lesen Zeitungen, oder sie sind nicht
interessiert. Dies sagt er, obwohl er weiß, daß
Zeitunglesen für Abgeordnete Arbeit ist.
Müssen wir immer wieder davon reden, daß bei
der Besetzung von Positionen Parteibuchpolitik
gemacht wird? Muß sich nicht derjenige, der redet,
auch für seine Partei an die Brust klopfen? Ist das
denn so negativ, wenn man einen politischen
Auftrag hat, ganz gleich ob im Land oder Bund, daß man
versucht diesen Auftrag mit Hilfe derer zu
verwirklichen, die einem zuarbeiten, und deswegen im
Hinblick auf die politische Haltung auch solche einstellt
und anstellt, die diesen Auftrag verwirklichen
wollen. Muß sich nicht jeder Vertreter einer Gruppe an
die Nase greifen und sagen: Bei uns ist es so, und
bei den anderen ist es ähnlich? Man darf natürlich
nicht einen Gartenbautechniker als Elektroingenieur
einstellen; das wäre Unsinn. Aber in anderen
Zusammenhängen sollten wir mit solchen Vorwürfen
aufhören.
Ich meine auch den Vorwurf, das Parteisüppchen
zu kochen. Ist es nicht legitim, die politische
Vorstellung, für die man angetreten ist, verwirklichen
zu wollen? Muß man solche Formulierungen
verwenden? Ich weiß, daß ich in anderen Fragen jetzt keine
Chance habe; denn ich bin Realist. Ich meine,
gerade bei solchen kleinen Dingen wie die Präsenz
oder die Personalpolitik könnten wir, wenn wir
objektiv sind, miteinander den Anfang machen. Wir
haben nicht nur die Verantwortung für die Wähler,
für die wir angetreten sind, sondern auch, wie ich
meine, für die Demokratie im ganzen.
Ich erinnere mich immer noch meines ersten
Eindrucks, als ich vor mehr als 12 Jahren hierherkam.
Im Plenum war es für mich ganz schrecklich, und
dann, als ich in die erste Ausschußsitzung kam, fand
ich es angenehm zu sehen, daß hier doch sachlich
gearbeitet wird. Warum werden in Plenarsitzungen
immer diese überzogenen Methoden angewandt?
Ich glaube, hierüber müssen wir ein Stück
nachdenken und immer wieder den Versuch machen, das
zu verändern und zu verbessern. Ich kann Ihnen
sagen, meine sehr verehrten Kolleginnen und
Kollegen: Ich habe es noch nicht aufgegeben.
(Beifall bei der SPD, bei der FDP und bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Präsident Carstens: Herr Abgeordneter Collet, Sie
haben mich als Präsidenten des Hauses mehrfach
angesprochen. Ich glaube, Sie haben vieles gesagt,
was nachdenkenswert ist. Nur in einem Punkt möchte
ich Ihnen widersprechen: Das Zeitunglesen, meine
ich, sollte nach Möglichkeit nicht im Plenarsaal
stattfinden.
(Heiterkeit)
Meine Damen und Herren, das Wort wird nicht
weiter gewünscht.
Wir kommen zur Abstimmung über den
Einzelplan 02. Wer dem Einzelplan 02 in der
Ausschußfassung zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das
Handzeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
Enthaltungen? — Der Einzelplan 02 ist damit
einstimmig angenommen.
Ich rufe auf:
Einzelplan 03
Bundesrat
— Drucksache 8/1363 —
Berichterstatter:
Abgeordneter Dr. Friedmann
Wünscht der Herr Berichterstatter das Wort? — Das
ist nicht der Fall. Wird das Wort anderweitig
gewünscht? — Das ist auch nicht der Fall.
Wir kommen zur Abstimmung über den
Einzelplan 03. Wer dem Einzelplan 03 in der
Ausschußfassung zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das
Handzeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
Enthaltungen? — Damit ist der Einzelplan 03
ebenfalls einstimmig angenommen.
Ich rufe auf:
Einzelplan 04
Geschäftsbereich des Bundeskanzlers und des
Bundeskanzleramtes
— Drucksache 8/1364 —
Berichterstatter:
Abgeordneter Schröder (Lüneburg)
Abgeordneter Wohlrabe
Abgeordneter Dr. Riedl (München)
Meine Damen und Herren, zu diesem Einzelplan
ist interfraktionell eine Redezeit von sieben Stunden
vereinbart worden. Weiter ist vereinbart worden,
daß die Fraktionen die auf sie entfallenden
Redezeiten auf ihre Redner aufteilen können. Ist das
Haus damit einverstanden? — Ich sehe und höre
keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.
Wünscht einer der Herren Berichterstatter das
Wort? — Das ist nicht der Fall.
Ich eröffne die Aussprache. — Das Wort hat der
Abgeordnete Strauß.
Strauß (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Eine Haushaltsdebatte
ist der geeignete Anlaß für die Behandlung der
großen politischen Probleme — offensichtlich mehr
als eine Regierungserklärung, wie wir sie in der
letzten Woche gehört haben, in der vieles gesagt,
aber nicht viel geboten wurde.
(Lachen und Zurufe von der SPD)
Der Bundeskanzler hätte sie — das entspricht wahr
-
scheinlich auch seinem heutigen Wissensstand; denn
bei ihm spielt der jeweilige Wissensstand eine
große Rolle — besser nicht abgegeben.
(Zustimmung bei der CDU/CSU — Erneute
Zurufe von der SPD)
Denn es war eine mißglückte Flucht nach vorne.
Die Probleme laufen trotzdem hinter ihm drein, und
die Probleme werden ihn auch einholen. Er wird sie
auch nicht mehr loswerden, weder durch
nachträgliche Eingeständnisse, z. B., er sei über den
Spionageskandal von Anfang an unterrichtet gewesen,
obwohl es zunächst gegenteilig lautete, oder — wie
ausgerechnet bei der Verleihung des Theodor-
Heuss-Preises vor festlichem Nobelpublikum und
uns als Fernsehteilnehmern — er habe sich in der
Rentenfrage einfach geirrt.
(Lachen bei der CDU/CSU)
Irren ist menschlich, und im Himmel ist über einen
Sünder, der Buße tut, bekanntlich — das ist der
himmlische Sozialrabatt — mehr Genugtuung als
über einen Gerechten. Er habe sich einfach geirrt,
weil allgemein die wirtschaftliche Zukunft von
seinen Ratgebern falsch eingeschätzt worden sei. Zum
Betrug — der Ausdruck kam aus seinem Munde —
fehle aber das Tatbestandsmerkmal der Absicht.
Er wird die Probleme auch nicht los durch
falsche Behauptungen oder markige Redensarten.
Trotzdem leben die SPD, die ganze Koalition SPD/
FDP, die ganze Bundesregierung von seinem Ruf.
Denn wenn man von der Wirklichkeit nicht mehr
leben kann, braucht man ein Phantom.
(Zurufe von der SPD)
Aber das Groteske, ja, Gespenstische ist, daß auch
er selbst von diesem Ruf lebt. Doch die Zeiten, in
denen er sich am Schopf seines eigenen, mit
reichlicher, gut einstudierter — das muß man zugeben —
Selbstdramaturgie und durch Public-Relations-
Experten gebastelten Rufes aus dem Sumpf der
ungelösten Probleme ziehen konnte, diese Zeiten gehen
dem Ende entgegen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die wirtschaftliche Entwicklung im vergangenen
Jahr ist wie auch früher, wenn ich das Jahr 1976
ausnehme, wesentlich schlechter verlaufen, als von
der Bundesregierung im letzten
Jahreswirtschaftsbericht vorhergesagt oder projiziert wurde. Das
reale Wachstum war 2,4 % statt 5 %, die
Arbeitslosigkeit statt 800 000 eine Million, der reale
Zuwachs der Investitionen nur 2,8 % statt 5 °/o, und das
noch so verteilt, daß im ersten Halbjahr der
Zuwachs wesentlich größer war als der Durchschnitt
und im zweiten Halbjahr eine erhebliche Abflachung
unter die Rate von 2,8 °% kam. Die öffentlichen
Investitionen sanken sogar — einschließlich der
Konjukturprogramme — um 2,5 %. Der Zuwachs des
Bruttoeinkommens aus Unternehmertätigkeit und
Vermögen betrug nur 2,5 °% statt 9 bis 10%, also
etwa ein Drittel des Zuwachses der
Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit. Der
Nettovergleich fällt noch schlechter aus.
Von allen für das Wachstum entscheidenden
Vorhersagen oder Projektionszahlen des
Jahreswirtschaftsberichts 1977 wurde nur der Außenbeitrag in
voller Höhe erreicht, nämlich 26 Milliarden. Der
reine Exportüberschuß betrug sogar an die 40
Milliarden. Damit wird ein durch Wiederholung nicht
wahrer werdendes Märchen —
Selbstschutzmärchen —, das Herr Bölling immer verbreitet,
nachhaltig widerlegt, der vor kurzem im Fernsehen sagte:
Aus eigener Kraft werden wir mit der
Arbeitslosigkeit nicht fertig. Als ob die Schwäche des Exports,
d. h. der Auslandsnachfrage, an der Arbeitslosigkeit
von einer Million Menschen schuld wäre! Ähnlich
lautete es in Helmut Schmidts Regierungserklärung:
Unser Land ist nicht sorgenfrei. Natürlich bei dieser
Regierung noch weniger, als es sonst möglich wäre.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Aber er meinte es anders. Unser Land ist nicht
sorgenfrei, sagte er, wie könnte das sein in einer
Welt, der wir aufs engste verbunden sind! So
zwischen den Zeilen: Bei uns wäre ja alles in bester
Ordnung, aber draußen im Ausland! Oder wenn er
von einer Abflachung des Welthandels spricht,
womit er höchstens eine Abflachung der Zuwachsrate
meinen kann, aber nicht des Volumens des
Welthandels.
Es ist schon beinahe zur gebetsmühlenhaften
Ablenkungsphrase geworden, daß der
Bundeskanzler von Weltwirtschaftskrise oder weltweiter
Rezession spricht, um damit die Fehler und Versäumnisse
der Bundesregierungen seit 1969 aus dem
Bewußtsein der Bürger zu verdrängen oder fernzuhalten.
Zugegeben, in manchen Staaten des Auslandes, die für
uns wichtige Partnerländer sind, ist manches nicht
in Ordnung. Ich verkenne auch nicht die
Schwierigkeiten, die sich aus der massiven Dollarabwertung
der letzten Zeit für uns in der Zukunft zusätzlich
ergeben werden. Dazu ist aber anzumerken, daß die
immer gestiegene und noch zunehmende
Exportabhängigkeit — im übrigen ein Witz auf die
Regierungserklärung Willy Brandts vom Herbst 1969 —
volkswirtschaftlich bedenklich ist, weil noch mehr
Exportüberschüsse bei uns, Arbeitslosigkeit bei
anderen importieren, mit der natürlichen Folge, daß
Abwehrmaßnahmen so sicher kommen wie das
Amen nach dem Gebet und, wenn nicht unmittelbare
Handelshemmnisse oder verdeckter Protektionismus,
so Währungsmanipulationen wie jetzt beim Dollar.
Aber diese Exportabhängigkeit ist auch
betriebswirtschaftlich bedenklich, weil der Absatz auf die
Dauer ungewiß ist und die Erträge unter stärksten
Druck kommen. Andererseits sollte die
Bundesregierung zugeben, daß nur die deutsche Exportstärke
bisher eine zweite Million Arbeitsloser verhindert
hat.
Mit ihrem Modeirrtum, der schon zum Notirrtum
geworden ist — „Lüge" darf man ja nicht sagen,
weil die Absicht wieder einmal fehlt, d. h. die
Kenntnis fehlt —,
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
nämlich daß das Ausland an allem schuld sei, an
allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und ihren
Folgen in der Bundesrepublik, sollte einmal
endlich Schluß gemacht werden. Das ist das Gegenteil
der Wahrheit. Hauptursache ist und bleibt die seit
Jahren — etwa seit 1971 — anhaltende
Investitionsschwäche und die völlig ungenügende
Ertragsentwicklung, wenn ich in diesem Punkte von der
Ausnahme 1976 absehe, sowie die mehr als unsichere
Ertragserwartung in Verbindung mit einer
anhaltenden Vertrauenskrise.
Aber wir erleben ja immer dasselbe, daß der
Bundeskanzler martialisch und bramarbasierend die
Verantwortung für die Probleme übernimmt und
anschließend mit ihnen in der Versenkung
verschwindet
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
und sagt, es liege weder Betrug noch Lüge vor; denn
er habe die Tatsachen nicht gekannt, sei also
persönlich unschuldig. Ich glaube, es wird nach dem
Theodor-Heuss-Preis bald ein neuer Preis verliehen
werden müssen: der Rumpelstilzchen-Preis.
(Heiterkeit und Beifall bei ,der CDU/CSU —
Zuruf von der SPD: Den kriegen Sie!)
In diesen Preis kann er sich mit seinem
Verteidigungsminister teilen und im Duett singen: „Wie gut,
daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß'."
(Erneuter Beifall bei der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD)
Der Bundeskanzler kündigte in seiner
Regierungserklärung vom 16. Dezember 1976 eine
Herabsetzung des Schuldenzuwachses an. Er sagte, die
Neuverschuldung müsse — ich zitiere wörtlich —
„deutlich- niedriger liegen als bisher" ; also deutlich
niedriger als die Neuverschuldung des Jahres 1976
von 25,8 Milliarden DM. Im Gegensatz dazu ver-
) strickt sich die Bundesregierung immer tiefer in
Schulden. Nur deshalb konnte sich der Kanzler am
Ietzten Donnerstag der Verbesserung oder
Anpassung einiger öffentlicher Leistungen rühmen; denn
sie werden nur durch erhöhte Kreditaufnahme
finanziert. Die fast 31 Milliarden DM — eine selbst
für Experten nicht mehr vorstellbare
Größenordnung —, um die sich die Schuldenlast des Bundes
in diesem Jahr erhöhen soll, überschreitet erneut —
und zwar nach 1975 und 1976 schon zum drittenmal
— die in der Verfassung vorgeschriebene Obergrenze,
nämlich die Summe der Investitionen. Das gilt selbst
dann, wenn auch die als investiv ausgewiesenen
Ausgaben eingerechnet werden, durch die auf Grund
mehr oder minder willkürlicher Buchungstricks die
Obergrenze künstlich höher als nach der bisherigen
Buchungstechnik dargestellt wird. Diese Obergrenze
ist ohnehin zu hoch. Als ehemaliger Finanzminister,
der für diese Grundgesetzvorschrift im Rahmen der
Haushaltsrechtsreform federführend war, habe ich
— und haben wir alle — damals nicht damit
gerechnet, daß wir jemals, nicht einmal in
Rezessionszeiten, diese Grenze erreichen würden. Aber eine
unverantwortliche, man kann ruhig sagen: liederliche
Finanzpolitik hat es möglich gemacht, erzwungen,
daß wir seit 1975 jetzt schon zum drittenmal höher
liegen.
Damit verstößt der Haushalt 1978 "gegen das
Grundgesetz. Es läßt zwar Ausnahmen zur Abwehr
einer Rezession zu. Aber man wird ernsthaft nicht
mehr von einer Ausnahme sprechen können, wenn
auch die Sachverständigen der Regierung den
bisherigen Arbeitslosenstand von rund einer Million
auf absehbare Zeit als nicht wesentlich
herabsetzbar ansehen. Unter diesen Umständen ist es auch
verfassungsrechtlich nicht länger zu rechtfertigen,
die Schuldenobergrenze des Grundgesetzes weiter
zu überschreiten.
Rein finanzwirtschaftlich sind die Grenzen des
Schuldenzuwachses längst erreicht und
überschritten. Die Ausgaben des Bundes nur für die Zinsen
— also ohne die Ausgaben für den sonstigen
Schuldendienst —, namentlich ohne Ausgaben für
Tilgungen, haben sich innerhalb von fünf Jahren
verdreifacht auf jetzt 10 Milliarden DM im Jahr.
Im Jahre 1981 wird jede zehnte Steuermark allein
für Zinsen für aufgenommene Schulden verwendet
werden müssen.
Ich möchte nicht mißverstanden werden oder ein
häufig gehörtes und willkürlich gewähltes
Mißverständnis hier gleich erwähnen: Auch wir, meine
Freunde und ich, halten es für selbstverständlich,
daß der Staat einen Teil seiner Ausgaben durch
Kredite finanziert. Gefährlich ist aber die gegenwärtige
Höhe und das Tempo des Verschuldenszuwachses.
Heute darf und soll die Kreditaufnahme des Staates
im Durchschnitt der Jahre auch selbstverständlich
höher sein als im Durchschnitt der 60er Jahre. Die
Steuereinnahmen haben sich erhöht. Die
Staatsausgaben sind gestiegen, die Ersparnisse sind
gestiegen, aus denen die Kredite finanziert
werden. Aber auch wenn man all das
berücksichsigt, würde eine Kreditaufnahme in einer Höhe,
die nach den Maßstäben des
Sachverständigenrates als normal und unproblematisch
anzusehen ist, schon jetzt kaum mehr ausreichen, die im
laufenden Jahr fälligen Zinsen von 10 Milliarden
DM zu zahlen. Selbst wenn wir weiter Jahr für Jahr
neue Schulden in Höhe von 30 Milliarden DM
machen — was sich für die nächsten Jahre
abzeichnet —, werden etwa 1989 die Zinsausgaben die
Krediteinnahmen übersteigen.
Adam Smith, einer der Väter der modernen
Volkswirtschaftslehre, schrieb vor 200 Jahren — ich
zitiere wörtlich —:
Dort, wo die öffentliche Schuld eine bestimmte
Höhe überschritten hat, ist es meines Wissens
kaum je gelungen, sie auf gerechte Weise und
vollständig zurückzuzahlen. Gewöhnlich wurde
einfach der Nennwert der Münze erhöht, um
durch eine Scheinzahlung einen vermeidbaren
Staatsbankrott zu verschleiern.
Er kannte auch schon das, was man heute als
„Währungsreform" oder „Inflationsfinanzierung"
bezeichnet.
Der Bundeskanzler und der Bundesfinanzminister
sind sich der Gefahren der gegenwärtigen
Schuldenwirtschaft wohl bewußt. Der Bundesfinanzminister
läßt kaum eine Gelegenheit aus, die Notwendigkeit
der — dieses Wo rt gebraucht er häufig —
Konsolidierung, also des Abbaus des
Verschuldungszuwachses zu betonen. Der Bundeskanzler hat in
seiner Regierungserklärung vom 16. Dezember 1976 als
Programm für diese Legislaturperiode ausdrücklich
diese Konsolidierung der öffentlichen Haushalte
angekündigt. Er wundert sich, wenn seine
Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen und in Frage gestellt
wird. Aber ist das ein Wunder, wenn man
Ankündigungen und Wirklichkeit der letzten Jahre in
seiner Verantwortung als Kanzler miteinander
vergleicht?
Er sprach von der Notwendigkeit einer
gemeinsamen Kraftanstrengung. Ja, wo ist denn die
gemeinsame Kraftanstrengung geblieben? Die Fraktion
der CDU/CSU hat doch mehrmals ihre Hilfe
zugesagt, wenn die Regierung vorangeht.
(Dr. Böhme [Freiburg] [SPD] : Steuerände
-
rungsgesetz! — Weitere Zurufe von der
SPD)
Aber auf die Arbeitsteilung, daß die Opposition
regieren soll, wenn es unpopulär ist, und die
Regierung regieren soll, wenn Lorbeeren verteilt
werden,
(Beifall bei der CDU/CSU)
lassen wir uns genausowenig ein wie darauf, daß
im Fall des Versagens der Regierung der Rücktritt
der Opposition gefordert wird.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
In der Praxis fehlen aber Durchsetzungskraft und
Mut. Noch nicht einmal die in den letzten Jahren
zaghaft begonnenen Versuche, dem ständigen
Wachstum der Bürokratie Einhalt zu gebieten,
werden fortgesetzt. Dem sozialistischen Grundstreben
nach immer mehr Staat und immer mehr
Bürokratie gab die Regierung im Milliardenrausch der
Schulden nach und öffnete wieder die Schleusen
zur Bewilligung neuer Stellen, aber nicht nur zur
Bekämpfung des Terrorismus und zur Verbesserung
der inneren Sicherheit. Die Zahlen werden sich im
einzelnen im Laufe der Debatte ergeben.
Der Schuldenzuwachs dient keinesfalls dazu —
wofür man noch Verständnis haben könnte —, im
Interesse der Wirtschaftsbelebung die investiven
Ausgaben des Bundes, besonders stark ansteigen zu
lassen. Im Gegenteil, nach dem Finanzplan geht der
Anteil der investiven Ausgaben trotz der hohen
Verschuldung, trotz der Augenauswischerei mit dem
sogenannten Programm für Zukunftsinvestitionen
an den Gesamtausgaben des Bundes bis 1981
ständig zurück. Noch nicht einmal die Investitionsziele,
die die Bundesregierung bisher in ihren Haushalten
gesetzt hat, konnte sie trotz der hohen
Verschuldung erreichen. Allein im Jahre 1977 lagen die
tatsächlich geleisteten Ausgaben für Investitionen um
2 Milliarden DM unter den geplanten und
angekündigten Ausgaben für diesen Zweck.
Dem Pegelstand der jährlichen Kreditaufnahme in
Höhe von 30 Milliarden DM und des erreichten
Schuldenstandes von über 170 Milliarden DM — im
Vergleich dazu betrug der Schuldenstand im Jahre
1969 45 Milliarden DM, von denen 30 Milliarden DM
Altschulden und 15 Milliarden DM Neuschulden
waren, aufgenommen in der Zeit von 1949 bis 1969
— stehen, wenn man heute etwa 20 Milliarden DM
Altschulden abziehen muß, zwei Zahlen gegenüber,
nämlich 15 Milliarden DM zu 150 Milliarden DM;
15 Milliarden DM in 20 Jahren und 150 Milliarden
DM in den sich daran anschließenden acht Jahren.
Diese Zahlen bedeuten doch, daß der Bund keine
kreditpolitischen Reserven mehr hat, wenn es einen
wirklich großen, langanhaltenden
Wirtschaftseinbruch gibt. Auch davon hat der
Sachverständigenrat gesprochen. Das ist doch wirklich nichts
anderer als eine „Nach-uns-die-Sintflut"-Politik, eine Art
Kriegsfinanzierung im Frieden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Helmut Schmidt hat im November 1966 auf einem
außerordentlichen Landesparteitag der Bremer SPD
geäußert — ich zitiere ihn wörtlich, ohne ihn zu
kommentieren —:
Wir stehen 1967 vor einer
Haushaltskatastrophe. Sie wird harmlos sein gegenüber dem, was
wir jetzt über die Jahre 1968 bis 1970 wissen.
Die Männer, die für diese Entwicklung
verantwortlich sind, gehörten entweder ins Gefängnis,
wenn sie uns wider besseres Wissen in eine
solche Situation hineingeritten haben, oder
wegen völliger Unfähigkeit schnellstens aus ihren
Ämtern gejagt.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Soweit das Zitat; die Konsequenzen brauche ich
nicht zu erwähnen.
Die beklemmenden mittelfristigen Aussichten,
nämlich anhaltende hohe Arbeitslosigkeit,
zunehmende Finanzlücken bei Staat und
Sozialversicherung, können nur dann entscheidend verbessert
werden, ohne unerträgliche Steuer- und
Beitragserhöhungen und ohne unerträgliche
Leistungsminderungen, wenn wieder mehr Wachstum und, dafür
erforderlich, mehr Investitionen erzielt werden. Für jeden,
der die Dinge nicht mit ideologischen Scheuklappen
betrachtet, ist das eine Binsenweisheit. Die Zahl der
Arbeitsplätze bestimmt sich durch das Verhältnis von
Produktivität und Wachstum. Wenn die
Wachstumsrate den Produktivitätsfortschritt übersteigt wie in
den 50er und 60er Jahren, wird zusätzliche
Beschäftigung geschaffen. Bleibt aber wie in den 30er
Jahren das Wachstum hinter dem
Produktivitätsfortschritt zurück, entsteht Arbeitslosigkeit.
In den letzten Jahren hatten wir nur 1976 ein
Wachstum, das etwas höher war als der
Produktivitätsfortschritt. Die Beschäftigungswirkung ist
eindeutig nachweisbar. Das Arbeitsvolumen erhöhte sich
um 0,3 % die Zahl der Kurzarbeiter senkte sich um
500 000. Die Beschäftigungswirkung wäre noch
wesentlich höher gewesen, wenn nicht vorher eine
Unterauslastung der Produktionskapazitäten
vorgelegen hätte, der Produktivitätsanstieg also —
typisch für ein Jahr nach einem vorhergehenden
Abschwung — in erster Linie die
Produktionskapazitäten besser ausgelastet hätte. Wenn wirklich ein
dauerhafter Aufschwung gelingt, ergibt sich von selbst
ein deutlicher Abbau der Arbeitslosigkeit.
Nach den Berechnungen des
Wirtschaftsministeriums aus dem Jahre 1975 kann die Arbeitslosigkeit in
den nächsten Jahren nur bei mittelfristigen realen
Wachstumsraten der Wirtschaft von 4 bis 4,5%
abgebaut werden. Diese sind aber nach der gleichen
Berechnung, die im übrigen unseren hier häufig
wiederholten Standpunkt wiedergibt, nur zu erzielen,
wenn die privaten Investitionen Jahr für Jahr real
um 8 bis 9 % steigen, also etwa doppelt so stark
steigen wie auch in den beiden letzten Jahren. Der
Sachverständigenrat kommt zu einem ähnlichen
Ergebnis: Jährlicher Anstieg der realen
Anlageinvestitionen der Unternehmen um 9 % sei erforderlich,
wobei dann allerdings am Ende dieser mittelfristigen
Periode immer noch 300 000 Arbeitsplätze fehlen
würden.
Es ist eine gefährliche Irrlehre, wenn in jüngster
Zeit von Linksideologen versucht wird, diese
Zusammenhänge zu leugnen und dies nicht der
Investitionsschwäche der letzten Jahre, sondern einer
Überproduktion, möglicherweise sogar einem Zuviel an
Investitionen zur Last zu legen. Es ist höchste Zeit,
daß die Bundesregierung, vor allen Dingen Sie,
Herr Bundeskanzler, dieser Irrlehre nachdrücklich
entgegentreten; denn ihre Opfer sind in erster Linie
die Arbeitnehmer und die Rentner in diesem Lande.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Dazu kommt — das sollte eine
Regierungserklärung einmal aufgreifen; ich habe über dieses Thema
hier schon mehr als dreimal gesprochen —, daß
nach Untersuchungen wissenschaftlicher Institute
wie DIW und VDW eine erschreckende Tatsache
besteht! Nämlich von den vorhandenen
Werkzeugmaschinen, also von der maschinellen Ausrüstung,
älter als 10 Jahre waren oder sind: im Jahr 1970
40 °%, 1974 45 %, 1975 50 %, 1976 63 %. Es besteht
kein Zweifel, daß diese Zahl noch steigen wird.
Die Zahl besagt zunächst zweierlei: erstens daß
unser Produktionsapparat zunehmend und schnell
veraltet, zweitens daß ein erheblicher Bedarf an
Investitionsgütern vorhanden ist. Es ist also ein
Märchen, in dem Fall etwa von einer Übersättigung
des Bedarfs zu sprechen. Drittens besagt die Zahl,
daß die Misere der sinnlosen Verschleuderungen, in
der wir uns befinden — 10 Milliarden DM
unproduktive Unterstützungszahlungen, 10 Milliarden
DM Ausfall an Steuern und Abgaben, Verzicht auf
20 Milliarden DM Wertschöpfung —, noch auf
unbegrenzte Zeit weitergehen wird. Das sind die
Folgen Ihrer Regierungstätigkeit, Herr Bundeskanzler.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Dagegen sind die Erweiterungsinvestitionen
deutlich zurückgegangen. Über dieses Thema zu reden
ist deshalb schwierig, weil
Erweiterungsinvestitionen zum Teil auch in
Rationalisierungsinvestitionen enthalten sind. Deshalb ist es besser — das
war auch bei den Umfragen der Fall —, die
Investitionsmotive zu nehmen. Das Motiv der Erweiterung
war 1970 bei 55 % der Unternehmungen das
ausschlaggebende Motiv, 1971 bei 49 %, 1972 bei 39 %,
1973 bei 41 %, 1974 bei 34 %, 1975 und 1976 bei je
24 %; in den Jahren 1975 und 1976 machte also die
Erweiterung bei den Motiven weniger als die Hälfte
des Prozentsatzes von 1970 aus. Quelle: Ifo-Institut.
Investitionen werden nun einmal mit dem Ziel
vorgenommen, Erträge zu erzielen. Eine soziale
Marktwirtschaft, die auf Erträge verzichtet, taugt
soviel wie ein Auto ohne 01 und Treibstoff. Für die
Investitionsentscheidungen der Unternehmen ist
aber nicht nur die aktuelle Ertragssituation, sondern
vor allem die Ertragserwartung für die Zukunft von
Bedeutung. Hier liegt der entscheidende Ansatz
-
punkt für die Überwindung der Arbeitslosigkeit und
für die Lösung eines wesentlichen Teils der
Rentenkrise; ich sage nicht: der gesamten Rentenkrise.
Die Umsatzrendite betrug bei den industriellen
Aktiengesellschaften im Jahre 1970 2,85%, im Jahre
1975 1,28%. Es geht jetzt nicht darum, über dieses
Thema mit klassenkämpferischen Überlegungen
oder mit neidmotivierten Parolen zu reden, sondern
ausschließlich darum: haben unsere
Unternehmungen genug Geld zu investieren, und haben sie das
Vertrauen, das Geld, das sie haben oder notfalls
aufnehmen, in die Unternehmen auch tatsächlich mit
Sinn investieren zu können? Darum dreht sich
nunmehr alles.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wenn man produzierendes Gewerbe und Handel
zusammenfaßt, dann kommt man zu einer
Umsatzrendite in den Jahren von 1965 bis 1973 von
durchschnittlich 3,5 N. 1974/75 betrug sie 2,2 %, 1976
2,5 %; das ist das Jahr, das ich vorher als
Ausnahme genannt habe. Quelle: Bundesbank.
Erschreckend ist aber die Eigenkapitalrendite. Sie
betrug im Durchschnitt der 60er Jahre —
einschließlich der Rücklagen — 8,7 %, im Jahre 1975 noch
5,1 %. Das bedeutet eine Rendite, die unter dem
Ertrag festverzinslicher Wertpapiere liegt. Nur wenn
es gelingt, Erträge und Ertragserwartungen wieder
auf längere Sicht in hinreichendem Umfang zu
steigern, kann die Investitionsschwäche und damit auch
die Arbeitslosigkeit überwunden werden.
In diesem Zusammenhang spielen die
Lohnentwicklung und der Ausgang der Tarifrunden eine
maßgebliche Rolle. Ich kann — und das habe ich
auch in der Jahresschlußsendung „Bilanz"
gegenüber Herrn Vetter zum Ausdruck gebracht — eine
These, die ich von Herrn Loderer im
Fernsehen vernommen habe, nicht als
verantwortungsbewußt bezeichnen, nämlich, daß die Verantwortung
für Vollbeschäftigung die Arbeitgeber und der Staat
hätten, aber nicht die Lohnpolitik. Im Gegenteil,
hier müssen drei zusammenwirken: die beiden
Tarifpartner und die Regierung. Wer mitbestimmen will,
muß auch Mitverantwortung übernehmen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es geht auch nicht an, Verbesserungen nur für die
im Arbeitsprozeß Stehenden zu erreichen, sondern
es geht darum, die Verbesserungen für die im
Arbeitsprozeß Stehenden danach zu bemessen und
danach zu begrenzen, daß nicht im Arbeitsprozeß
Stehende, aber Arbeitsfähige wieder in diesen
Prozeß eingereiht werden können. Das ist gemeinsame
Verantwortung.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich bin nicht der Auffassung, daß es Aufgabe des
Staates ist, unmittelbar in die
Tarifauseinandersetzungen einzugreifen. Deshalb ist es ebenso zu
beklagen, wenn diejenigen, die kraft Gesetzesauftrags
von unabhängiger Warte die Zusammenhänge
zwischen Beschäftigung, gesamtwirtschaftlicher
Entwicklung und Lohnentwicklung darlegen sollen, von
den Gesprächen der politisch Verantwortlichen mit
den Tarifvertragsparteien ausgeschlossen werden
sollen. Es gibt hier auch einen Faktor Verbraucher.
Es gibt hier auch einen Faktor Gesamtheit unseres
Volkes. Und Lohnabschlüsse können nicht allein in
bilateraler Interessenvertretung von Arbeitgebern
und Arbeitnehmern bestimmt werden.
(Aha! bei der SPD)
Hier muß auch in der Beratung der beiden
Tarifpartner das unabhängige Element der
Sachverständigen, die alle Interessen gleichzeitig vor Augen
haben müssen, vertreten sein.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich habe aber noch weniger Verständnis dafür,
daß die Mitglieder des Sachverständigenrats, nur
weil sie die Zusammenhänge klar und offen
dargestellt haben, sich jetzt auch noch Beschimpfungen
von Repräsentanten der Partei des Bundeskanzlers
gefallen lassen müssen. Sie wissen, wen ich meine.
Die Namen sind nicht so bedeutend. Aber die
Symptome sind um so gravierender. Sie, Herr
Bundeskanzler, täten gut daran, nicht, wie Sie es jüngst
getan haben, den Sachverständigenrat, sondern diese
Herren einmal zurechtzuweisen.
Die Kaufkraft-Argumentation, daß höhere Löhne
als Instrument der Ankurbelung der Wirtschaft und
damit als Motor des Wachstums wirken, ist
eindeutig falsch. Es wird durch die Erfahrungen der
letzten Jahre widerlegt. Die letzten Jahre zeigen
eindeutig, daß hohe Tarifabschlüsse nicht
automatisch zu höherem Verbrauch führen:
1974 stieg das Tariflohnniveau um 13 %; der
reale Konsum erhöhte sich um 0,3 %. Die
Anlageinvestitionen schrumpften in der gleichen Zeit um
9,9 %; die Zahl der Beschäftigten ging im
Jahresverlauf um 680 000 zurück.
1975 stieg das Tariflohnniveau um 9,3 %; der
reale Konsum, begünstigt durch Steuerreform, nahm
um 2,5 % zu. Aber bei den realen
Anlageinvestitionen betrug der Rückgang 4,2 %; der
Beschäftigungsabbau betrug 570 000.
1976 erhöhte sich das Tariflohnniveau um 5,9 %
— dank der Vernunft und Einsicht der Partner.
Dennoch erreichte das reale Konsumplus 3,6 % — was
vorher bei keiner noch so hohen Tariflohnsteigerung
erreicht worden war. Erstmals nahm 1976 auch das
Investitionsvolumen real spürbar zu: um 5 %. Das
ist zwar nur die Hälfte dessen, was notwendig ist,
wenn das gesteckte Ziel erreicht werden soll; aber
das Jahr 1976 war trotzdem ein erfreulicher
Ausnahmefall. Die Zahl der Beschäftigten erhöhte sich
um 110 000.
Im ersten Halbjahr 1977 stieg das
Tariflohnniveau um 7 °/o, der reale Konsum um 2,5 %,
während die realen Anlageinvestitionen um 4,6 % hö
-
her lagen. Aber für das zweite Halbjahr 1977
zeichnet sich bereits wieder ein jäher Abfall des
Zuwachses der Anlageinvestitionen ab.
Ergebnis: Forcierte Lohnerhöhungen bringen
keine Verbesserungen der Konjunkturlage. Im
Gegenteil. Nachfrage und Beschäftigung entwickeln
sich dann besonders ungünstig, wenn der
Tariflohnzuwachs sehr hoch ausfiel. Umgekehrt kam es zu
Verbesserungen der Nachfragebelebung, zu
stärkeren Investitionszuwachsraten und zum Abbau der
Beschäftigungslosigkeit, wenn die Tarifpolitik den
Weg einer maßvollen Lohnentwicklung beschritt.
Nur auf das wollen wir hinweisen; denn dieser
Zusammenhang ist unabweisbar.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die Analyse der Gewinn- und
Investitionsentwicklung der beiden Jahre 1976 und 1977 zeigt, daß
dem Gewinnzuwachs 1976 ein kräftiger
Investitionsstoß folgte. Die 1977 stagnierenden oder nur
noch leicht steigenden Erträge und die
verschlechterten Gewinnaussichten verlangsamten bereits
wieder das ,Investitionstempo. Der enge
Zusammenhang von Gewinnen und Investitionen hat sich in
den Jahren 1976 und 1977 erneut bestätigt.
Freilich reichten Wachstums- und
Investitionstempo nicht aus, um den Beschäftigungsstand
merklich zu erhöhen. Das reale Bruttosozialprodukt stieg
1976 nach der schwersten Rezession der
Nachkriegszeit um 5,7 %. Das Arbeitsvolumen nahm
erstmals wieder leicht zu. Die Zahl der Kurzarbeiter
konnte im Jahresdurchschnitt um 500 000 abgebaut
werden. Im Jahresverlauf sank auch die Zahl der
Arbeitslosen um mehr als 100 000. 1977 verminderte
sich das Wachstumstempo wieder auf etwa 3 %. Das
Arbeitsvolumen schrumpfte aber auch wieder um
etwa i %.
Schlußfolgerung: Höhere Erträge und verbesserte
Ertragsaussichten führen, wie 1976 und 1977
beweisen, zu höheren Investitionen und einen Schritt
weiter auf dem Wege zu normaler
Vollbeschäftigung.
Ein anderes Schwerpunktproblem unserer
öffentlichen Finanzen, auch für den Haushalt wirksam,
sind die Renten. Im Verlauf dieser Debatte in dieser
Woche wird es noch genug Möglichkeiten geben,
darüber zu reden. Ich darf mich auf einige
Bemerkungen beschränken. Die Behandlung der Frage der
Rentenfinanzierung durch die Bundesregierung ist
ein Skandal.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Er geht zu Lasten nicht nur der Glaubwürdigkeit
der Bundesregierung da ist ohnehin nicht mehr
viel zu verderben —, sondern der parlamentarischen
Demokratie und ihrer Träger.
(Erneuter Beifall bei der CDU/CSU)
In der Rentenversicherung stehen wir vor der
dritten Sanierungsaktion innerhalb eines Jahres.
(Katzer [CDU/CSU] : Leider wahr!)
Wir haben noch alle im Ohr, was z. B. Helmut
Schmidt im Wahlkampf in der „Quick" ausgeführt
hat. Ich zitiere wörtlich:
Die Beiträge werden nicht erhöht. Die Renten
sind sicher. Die Bruttolohnbezogenheit der
Renten bleibt. Die Leistungsbezogenheit dieser
Renten bleibt, und die regelmäßige Anpassung
dieser Renten bleibt.
In der Mammut-Fernsehsendung drei Tage vor
der Wahl erklärte er — ich zitiere wieder
wörtlich —:
Da gibt es ein Problemchen der Liquidität der
Rücklagen. Dieses Problemchen ist leicht zu
lösen, zumal der Kapitalmarkt überaus ergiebig
ist.
Im gleichen Zusammenhang haben er und andere
von dem unchristlichen Verhalten der Opposition
gesprochen, alte Leute in Angst zu jagen, und gesagt:
Du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Letztes Wochenende haben wir gehört: „Ich habe
keinen Betrug begangen, weil ich die tatsächlichen
Zahlen nicht gekannt habe." Da stellt sich doch die
Frage: Ja, warum haben denn w i r sie gekannt? Wer
hat denn den großen Informationsapparat? Doch
nicht wir! Wir haben uns nur auf allgemein
zugängliche Quellen gestützt. Wir verfügten über keinerlei
Geheiminformationen.
(Dr. Barzel [CDU/CSU]: Amtliche Quellen!)
— Wir haben uns auf amtliche Quellen gestützt,
nämlich u. a. auf den Bundesverband der
Rentenversicherungsträger,
(Dr. Barzel [CDU/CSU]: Bundesbank!)
— auf die Bundesbank und andere.
Schon im Januar 1975 hat Kollege Franke in
diesem Hause davon gesprochen, daß dieses Problem
auf uns zukommt, 1975! Wir haben im Frühjahr
1976, im Sommer 1976 und auch während des
Wahlkampfes 1976 von der Zerrüttung der
Finanzgrundlagen der Rentenversicherung und der Gefährdung
der bisherigen Rentenformel gesprochen. Wir sind
deshalb als Lügner — „Du sollst nicht falsches
Zeugnis ablegen" — öffentlich diffamiert worden.
Wie können Sie es sich leisten, Herr Bundeskanzler,
vor der deutschen Öffentlichkeit zu sagen: Ich habe
nicht betrogen; dazu fehlte das
Tatbestandsmerkmal der Absicht, denn ich habe die Wahrheit nicht
gewußt!
(Haase [Kassel] [CDU/CSU] : Das ist
unrichtig!)
Das ist doch ein Vorgang, der, selbst wenn man die
in einem Wahlkampf zugelassene Spannweite der
anwendbaren Methoden sehr weit zieht, unerhört,
skandalös und diskriminierend für Sie ist.
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der CDU/
CSU)
Wegen des „leicht zu lösenden Problemchens"
wurde der „größte Sozialpolitiker aller Zeiten", der
Bundesarbeitsminister Arendt, lautlos in die Wüste
geschickt. Wegen des „Problemchens" sagte der
Bundeskanzler zu dem nach der Wahl vorgelegten
Sanierungsprogramm:
Die Bruttolohnbezogenheit bei der Festsetzung
der Neurenten bleibt. Es wird kein
Krankenversicherungsbeitrag der Rentner eingeführt.
Die Beitragssätze zur Rentenversicherung
bleiben unverändert. Die laufenden Renten werden
ab 1. Januar 1979 jeweils mindestens
entsprechend der Steigerung der nach Abzug von
Steuern und Sozialabgaben verfügbaren
Einkommen der aktiven Arbeitnehmer erhöht
werden.
Der neue Arbeitsminister Ehrenberg versicherte
immer wieder — ich zitiere ihn wörtlich von der
Bundespressekonferenz am 14. Januar 1977 —:
Nach allem, was ich heute sagen kann, ist das
Konzept voll belastungsfähig und hält allen
heute erkennbaren Risiken stand.
(Dr. Barzel [CDU/CSU] : Dummes Zeug! —
Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Erst vor einem halben Jahr, am 1. Juli 1977,
traten die Sanierungsgesetze in Kraft, mit denen die
Rentenversicherung um rund 60 Milliarden DM
entlastet wurde, aber zwei Monate hernach beschloß
die Regierung bei der Beschlußfassung über den
Haushalt 1978 ein neues Stützungsprogramm in
Höhe von fast 8 Milliarden DM bis 1980, diesmal
zu Lasten der Steuerzahler. Das waren zwei Etappen
zur Lösung des „Problemchens". Und wieder hörten
wir von der Regierung — ich zitiere wörtlich —:
die Finanzen der Rentenversicherung sind in
Ordnung. Auch künftig muß kein Rentner um
seine Rente bangen. Auch künftig wird es
regelmäßig Rentensteigerungen geben. Jeder, der
etwas anderes sagt, weiß, daß er die
Unwahrheit spricht;
(Zuruf von der CDU/CSU: Aha!)
er will nur aus der Angst alter Menschen
politisches Kapital schlagen, und das ist
schäbig, ..
So Finanzminister Apel hier in der Haushaltsrede
am 4. Oktober 1977.
(Zurufe von der CDU/CSU: Hört! Hört! —
Unanständig!)
Jetzt hören wir, daß — allen
Vertuschungsmanövern bis in die neuere Zeit hinein zum Trotz — bis
1981 weitere 20 Milliarden, bis 1982 sogar 30
Milliarden in der Rentenkasse fehlen.
Für uns mit unseren unzulänglichen
Möglichkeiten ist es natürlich sehr schwer, alle Rechnungen
nachzuvollziehen, aber immerhin zeigt sich, daß
zwei Annahmen vorausgesetzt werden, die schon
wieder neue Unsicherheitsfaktoren in sich bergen:
eine Steigerung der Löhne Jahr für Jahr um etwa
6 % — das mag sein —, dann aber auch die
Schaffung von etwa 400 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen
in den nächsten vier bis fünf Jahren. Die erste
Prämisse kann man für realistisch halten; die zweite
Prämisse wird bei Fortsetzung dieser
Regierungspolitik aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erreicht
werden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Bei den Löchern, die dann noch bleiben, handelt
es sich aber nicht etwa um die Unterschiedsbeträge
zwischen Einnahmen und Ausgaben; diese
Unterschiedsbeträge sind viel höher. Es handelt sich
vielmehr nur um die Beträge, die in den nächsten fünf
Jahren nach. Auflösung a 11 e r Rücklagen — ein
gefährliches Unternehmen! — immer noch fehlen,
wenn wenigstens die für die Zahlungsfähigkeit
unerläßliche Schwankungsreserve einer einzigen
Monatsausgabe übrigbleiben soll.
Ich habe in der Debatte zur Regierungserklärung
am 17. Dezember 1976 mit allem Nachdruck vor den
Gefahren gewarnt, die sich aus der bei den
sogenannten Sanierungsgesetzen vorgesehenen
Abschmelzung des Vermögens der
Rentenversicherungsträger von drei auf eine Monatsausgabe
ergeben. Auch der DGB hat diese Methode als
„ausgesprochen unsolide und gefährlich" bezeichnet. Die
Richtigkeit dieser Warnung zeigt sich jetzt. Schon
jede verhältnismäßig geringfügige Verschlechterung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erfordert
sofort neue Deckungsmaßnahmen, sei es zu Lasten
des Bundeshaushalts, d. h. des Steuerzahlers, sei es
zu Lasten der Rentner, sei es zu Lasten der
Beitragszahler, und außerdem die volkswirtschaftlich
unvernünftige, betriebswirtschaftlich schädliche
Auflösung von Reserven um jeden Preis.
Jetzt zeigt sich abermals, wie leichtfertig Sie,
Herr Bundeskanzler Helmut Schmidt und Ihre
Mitarbeiter, Ihre Kabinettsmitglieder, Ihre
Regierungsparteien, damals gehandelt haben, als Sie
diese Warnungen in den Wind geschlagen und
abermals nur kurzfristige Reparaturen beschlossen
haben. Jetzt wollen Sie offenbar entgegen den
Versprechungen, die der Kanzler gegeben hat, die
Renten nicht mehr brutto, sondern netto — oder, so
jüngste Pressemeldungen, sogar noch deutlich
darunter — anpassen.
Die Täuschungsmanöver werden auch heute noch
fortgesetzt. Der Bundeskanzler hat laut Presse am
17. Januar vor der SPD-Fraktion erklärt, es bestehe
überhaupt kein Zweifel an der Sicherheit der
Renten. Am Tage des jüngsten „Rentengipfels" beim
Bundeskanzler, am 11. Januar, schrieb der
Arbeitsminister im SPD-Pressedienst: „Die Finanzen der
Rentenversicherung sind entscheidend gefestigt
worden". — Eine entscheidende Festigung ist nirgendwo
zu sehen!
Dann, wenn Sie in der letzten Regierungserklärung
gesagt haben, der Generationenvertrag hält, müssen
wir Ihnen sagen: Dieser Generationenvertrag hält
. so, wie er gemeint war, schon jetzt nicht mehr und
wird in Zukunft noch weniger halten.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Der Generationenvertrag bestand in einer
dynamischen, auf Wachstum abgestellten, 20 Jahre lang so
verlaufenden Wirtschaft darin, die aus dem
Arbeitsleben ausscheidenden Bürger am Wachstum der
Wirtschaft genauso zu_ beteiligen, wie die im
Arbeitsprozeß Stehenden durch Lohn- und
Gehaltserhöhungen daran beteiligt werden. Es war nicht
nur von einem Inflationsausgleich die Rede; im
Generationenvertrag war die Rede von der
Beteiligung an dem dynamischen Wachstumsprozeß für
aktive und ausgeschiedene Arbeitnehmer unseres
Landes. Und was haben Sie aus diesem
Generationenvertrag gemacht? Die alte Generation wird
betrogen und die kommenden Generationen werden
durch dieses System ausgebeutet. Das ist doch die
Wahrheit.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wer hat denn die Unwahrheit gesagt? Wer macht
denn den alten Leuten Angst? Die Opposition, die
von der Regierung nur verlangt, dem Volke die
Wahrheit zu sagen? Wie steht es denn mit der
Formel von „mehr Demokratie", „mehr Offenheit",
„mehr Mitwirkung der Bürger", „weniger
Geheimnistuerei"? So war doch das Glockengeläute bei
Beginn der neuen Zeit.
(Haase [Kassel] [CDU/CSU] : Da sitzt der
Glöckner!)
Heute sehen wir hingegen: Geheimniskrämerei,
Verschweigen der Wahrheit, Berufung auf
Unkenntnis der Tatsachen und ähnliches. Wir wollen nur,
daß alle unsere Bürger, wie es einer mündigen
Demokratie entspricht, wissen, was auf sie
zukommt. Wir malen keine Schreckgespenster an die
Wand. Aber die Regierungsgaukler haben den
Betroffenen doch die Unwahrheit gesagt und haben
sie darüber hinaus mit der Ankündigung immer
neuer Verschlechterungen in wachsende
Zukunftsangst versetzt.
Es ist doch wirklich ein Skandal, 'wie sich der
Hanseate Schmidt und der Ostpreuße Ehrenberg auf
einmal die karnevalistische Narrenkappe zu einem
Thema aufstülpen, das für solche
Verhaltensweisen zu ernst ist. Kollege Franke meinte neulich mit
Recht, daß die Bundesregierung jetzt einen
Versuchsballon nach dem anderen hochgehen lasse, um
zu testen, wie die Öffentlichkeit reagiere. Das hat
uns gerade noch gefehlt: Beitragszahler und
Rentenempfänger als Versuchskarnickel für
regierungsamtliche Public-Relations-Tests.
Da war die Rede von der Einführung der
Abgabepflicht für :bisher abgabefreie Zuschläge und für
Weihnachtsgeld. Dann erschien der
Krankenkassenbeitrag der Rentner mit seiner ominösen
Vorgeschichte, wenn ich an die Jahre 1967 bis 1970
denke; ich habe keine Zeit, das näher auszuführen.
Dann erschien der Plan zur vollen Einbeziehung
der Rentner in die Lohnsteuer. Dann tauchte der
schattenhafte Plan eines Solidarbeitrags ohne
Angabe näherer Einzelheiten auf. Und heute wird eine
allgemeine Erhöhung der Beiträge von der
Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der SPD
vorgeschlagen. Das heißt doch nicht mehr und nicht
weniger, als daß sich die Regierung nicht bemüht
hat, sich die Informationen zu beschaffen, die die
Opposition aus allgemein zugänglichen Quellen
schon seit 1975, 1976 hatte. Da die Regierung diese
Informationen aber besaß und sie verschwiegen,
unterdrückt hat, hat sie die Wahlbürger und die
Rentner in Kenntnis der Wahrheit falsch
unterrichtet. Das nennt man lügen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Der Generationenvertrag in der ursprünglich
zugesagten Form ist durch die Wirtschafts- und
Finanzpolitik seit 1969 zusammengebrochen. Über
dem Ganzen schwebt noch der sozialistische
Pferdefuß, den Generationenvertrag dadurch vollends
zu zerstören, daß man die Renten in eine
Sockelrente und eine Zusatzrente einteilen will —
jedenfalls wunde diese Absicht, auch wieder testweise,
angekündigt — und damit das seit Generationen
bewährte Versicherungsprinzip überhaupt
aufgeben will.
Was heißt das denn noch? Das heißt nach dem,
was ich bisher gesagt habe, daß die beiden großen
Reformen der Nachkriegszeit, die den Namen
wirklich verdienen — Ersatz der Zwangs- und
Planwirtschaft durch soziale Marktwirtschaft und Ersatz
des kümmerlichen alten Rentensystems durch das
neue Rentensystem —, von denen beeinträchtigt,
gefährdet und zum Teil demontiert worden sind,
die ausgezogen sind, dieses Land zu reformieren,
weil es bisher nicht genügend Reformen gehabt
habe.
(Beifall bei der CDU/CSU)
In der Vergangenheit haben der Bundeskanzler,
der Wirtschaftsminister und die Koalitionsparteien
unsere Warnungen nur zum Anlaß für
demagogische Hetze genommen. Jetzt muß die Regierung
mühsam immer neue Reparaturen verkünden, muß
immer mehr kleistern. Jetzt spricht der
nordrheinwestfälische Sozialminister Farthmann, einer der
Kühn-Nachfolgekandidaten, von einer „nicht mehr
zu übersehenden Krise der deutschen
Sozialpolitik". Die Sozialpolitik stoße an ihre finanziellen
Grenzen; reine Leistungsverbesserungen seien
nicht mehr möglich.
Meine Damen und Herren, ich habe auf dem
Mannheimer Parteitag der CDU am 24. Juni 1975
in meiner Rede gesagt: „Wir müssen heute den
Mut haben, zu sagen, daß die Grenzen des
Sozialstaates erreicht sind."
Ich habe in meiner Rede vor dem Institut
„Finanzen und Steuern" am 7. April 1976 gesagt: „Die
explosionsartige Kostenentwicklung in diesem
Bereich wirft die Frage auf, ob die
Belastbarkeitsgrenze unserer Volkswirtschaft mit kollektiven
Soziallasten nicht 'bereits erreicht, wenn nicht
überschritten ist." Ich habe in derselben Rede ferner
gesagt: „Ein Sozialsystem, das den
Angebotskatalog ständig durch neue Leistungen erweitert, immer
mehr Sozialtransfers in die Dynamisierung
einbezieht und den Empfängerkreis permanent ausdehnt,
birgt zwangsläufig die Gefahr der Selbstzerstörung
in sich. Wir sind nicht am Ende der Sozialpolitik,
aber die Grenzen des Sozialstaates sind erreicht."
Wenige Wochen später, in der Haushaltsdebatte
1976, hat der damalige und heutige
Bundesfinanzminister Apel erklärt, daß diese meine Reden —
auf dem Mannheimer Parteitag der CDU und ein
Jahr später vor dem Institut „Finanzen und
Steuern" — die Absicht der Opposition, zumindest
des Herrn Strauß, einschließen, die sozialen
Leistungsgesetze aufzuheben und soziale Demontage
zu vollziehen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Tief unanständig!)
Ich habe mit diesen Beiträgen erstens die
Wahrheit gesagt — für die mir nicht so ausführliche
Informationen zur Verfügung standen wie den
regierungsamtlichen Inhabern von Mammutapparaten —,
und ich habe damit zweitens die Bereitschaft der
Opposition angedeutet, unser Sozialsystem und
seine Leistungsfähigkeit durch Begrenzung auf das
volkswirtschaftlich im äußersten Fall Mögliche zu
erhalten. Das war das Gegenteil von dem, was man
„Obstruktion" nennt, das Gegenteil von dem, was
man unter „Konfrontation" häufig mißversteht. Das
war das Angebot zur Kooperation, und dafür sind
wir als Feinde des Sozialstaates verhöhnt,
verteufelt und denunziert worden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich
habe in derselben Haushaltsdebatte gesagt: „Die
Stunde der Wahrheit wird, wenn Sie an der
Regierung bleiben, auch für Sie kommen. Wir sagen es
nur heute vor den Wahlen, weil wir ehrlicher sind."
Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Sie wird
zwar nur ratenweise zugegeben, aber die Probleme
laufen hinter Ihnen drein, Herr Bundeskanzler, und
die Probleme werden sie einholen, und die
Nichtlösung der Probleme wird Ihren Ruf als großer
Macher und Pragmatiker in absehbarer Zeit
zerstören.
(Beifall bei der CDU/CSU)
In diesem Zusammenhang werden wir auch bei
anderer Gelegenheit auf die leistungs- und
wirtschaftsfeindliche Erhöhung der Steuern- und
Abgabenbelastung der Löhne und der Erträge zu
sprechen kommen. Das Thema Steuerreform, das Thema
Tarifreform, das Thema Beseitigung der
ertragsunabhängigen Steuern, Vermeidung der
Substanzbesteuerung bleiben nach wie vor auf dem Tisch, ohne
daß ich heute näher darauf eingehe.
Aber eine andere ordnungspolitische
Grundsatzfrage liegt uns sehr am Herzen. Fortschritt,
Leistungsfähigkeit, Neuerungsfähigkeit sind
wesentliche Kriterien der konsequent betriebenen
Sozialen Marktwirtschaft und hängen unabtrennbar
zusammen mit einer möglichst großen Zahl
lebensfähiger selbständiger Unternehmungen.
Je mehr die Zahl der Selbständigen schrumpft,
desto weniger verkraftungsfähig, desto weniger
aufnahmefähig, desto weniger erneuerungsfähig
wird unsere Wirtschaft, sei es im
Produktionsgewerbe, sei es im Dienstleistungsgewerbe.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Natürlich gab es die großen Strukturprobleme:
Landwirtschaft, Handel, Handwerk. Die Zwerghöfe,
der Tante-Emma-Laden, der Einmannbetrieb eines
Schusters, das sind keine erhaltungsfähigen und
erhaltungswürdigen Strukturen. Aber man kann auch
nicht davon ausgehen, daß die Zahl der
Selbständigen gewissermaßen einem Naturgesetz folgend
immer weiter abnehmen muß. Dann bleibt zum Schluß
nur noch einer übrig, nämlich der Staat. Es gibt
irgendwo eine Grenze, die nicht mehr
unterschritten werden darf, und diese Grenze ist erreicht.
Das heißt, daß die .Zahl der Neugründungen von
Betrieben mindestens so groß wie die Zahl der
Betriebsaufgaben sein muß und daß auch die Zahl der
Neugründungen wieder wachsen muß. Natürlich gibt
es auch bei den Betrieben kritische Grenzen,
unterhalb derer nicht mehr rentabel gewirtschaftet
werden kann. Wenn aber im Jahre 1962 17% der
jungen Menschen ihren Wunsch zur Selbständigkeit
äußerten, und es im Jahre 1977 nur noch 7 % sind,
dann spricht das eine deutliche Sprache, dann ist
das eine Folge der Politik der sogenannten
sozialliberalen Koalition mit ihrer ausgesprochenen
Selbständigenfeindlichkeit, die im Laufe der letzten
Jahre immer stärker zutage getreten ist.
(Beifall beider CDU/CSU)
Davon zeugt die hohe Zahl der Konkurse und
Vergleichsverfahren, von den Betriebsaufgaben und
-verkäufen gar nicht zu reden. Bezeichnend ist auch,
daß die Zahl von Angeboten an gefährdeten
Betrieben größer als in der Nachkriegszeit ist und daß
sich heute die Nachfrage nach Betrieben auf ganz
wenige spezielle Branchen und Sparten beschränkt.
Das Wirtschaftswachstum steht außerdem im
umgekehrten Verhältnis zur Erzeugung von
Vorschriften. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmer
müssen einen unangemessen großen Teil ihrer
zeitlichen und geistigen Kapazität für die Erfüllung von
Gesetzen und Verordnungen verschwenden, die
schon wieder durch neue ersetzt werden, bevor die
Praktikabilität der alten überhaupt nachgewiesen
worden ist.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wirtschaftswachstum kann unter diesen Umständen
nicht gedeihen. Die Probleme des Wachstums und
der Vollbeschäftigung können nicht durch
Arbeitszeitverkürzung, Urlaubsverlängerung,
Vorverlegung der Altersgrenze oder durch überhöhte
Lohnabschlüsse als angebliche Kaufkraftmotoren, durch
staatliche Investitionsplanung oder öffentliche
Strukturräte, sondern nur durch eine funktionierende,
weil nicht bürokratisch gehemmte oder
abgabenmäßig überlastetete Marktwirtschaft gelöst werden.
Die Marktwirtschaft hat bei uns den Übergang
vom Agrarstaat zum Industriestaat am besten
gelöst,. sie hat den Strukturwandel in Handwerk und
Handel und im ganzen Gewerbe am
reibungslosesten bewältigt. Die Marktwirtschaft hat mehr
Arbeitsplätze neu geschaffen, als der Strukturwandel
vernichtet hat, und die Marktwirtschaft hat erreicht,
daß bei uns Arbeitslose und Rentner einen höheren
Lebensstandard haben, als ihn in sozialistisch
regierten Ländern die im Arbeitsprozeß stehenden und in
jenen Systemen ausgebeuteten Arbeitnehmer haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Aber es genügt nicht, darüber Denkschriften
herauszugeben. Der Investitionsbedarf für eine
selbständige Existenz wird immer größer. Ich gebe
Herrn Schelsky recht, der vor wenigen Tagen
geschrieben hat, daß der ordnungspolitische
Mechanismus zur Selbständigkeitserzeugung — das ist die
Sprache des Soziologen — mehr und mehr
aufgegeben worden ist. Dafür sind eingetreten:
planwirtschaftliche Betreuung und soziale Bevormundung,
ständige Beschränkung der Verfügungsquote des
Arbeitseinkommens, öffentliche Kontrolle statt
Eigeninitiative, Zuteilungsgerechtigkeit statt Aufruf
zur Eigenverantwortung. Wir brauchen — ich sage
das sehr deutlich — wieder eine neue
Pioniergeneration statt einer Vermehrung der alten
Funktionärskaste, wenn die Probleme gelöst werden sollen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Nur durch Beweglichkeit, Verkraftungsfähigkeit,
Neuerungsbereitschaft, Risikofreude und Verantwor
-
tungsbereitschaft einer zunehmenden Zahl unterneh
merischer Selbständiger sind die Fragen der
Vollbeschäftigung, der Freiheit der Wahl der
Arbeitsplätze und der Ausbildungsmöglichkeit der
heranwachsenden Generation zu lösen. Das sind
Aufgaben, die von denen nicht erfüllt worden sind, die
mehr Demokratie, mehr Lebensqualität und mehr
Reformen versprochen haben.
Die Flut der Gesetze, Verordnungen, Erlasse,
Ausführungsbestimmungen und Richtlinien hat in
erschreckendem Ausmaß zugenommen. Die
sozialistische Demokratie wird heute weniger von der
marxistischen Ideologie, sondern vielmehr von der
zunehmenden Bürokratisierung aller öffentlichen,
privaten und auch privatwirtschaftlichen Bereiche
bedroht. Dabei sind besonders die
beschäftigungsfeindlichen und ausbildungshemmenden Vorschriften
hervorzuheben. Dazu gehören Teile der Ausbilder-
Eignungsverordnung, Teile des
Jugendarbeitsschutzgesetzes, Teile der Kündigungsbestimmungen, Teile
des Schwerbehindertengesetzes.
(Zurufe von der SPD)
Ich weiß, welche infame Methode hier wieder
beabsichtigt ist: nämlich dann, wenn man von gewissen
Mißständen und Übertreibungen spricht, einem die
Abschaffung im Grundsatz richtiger, wohltätiger und
schutzreicher Sozialgesetze infam in die Schuhe
schieben zu wollen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es ist genauso, wie es damals war, als ich von der
Tatsache sprach, daß der Sozialstaat seine Grenzen
erreicht habe: Heute wird genau dieselbe stupide
und infame Methode wieder angewandt. Anders
kann man es nicht nennen, wie hier die Absichten
so gedeutet werden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Aus das geplante Arbeitsgesetzbuch darf keine
Erweiterung des Abschreckungsarsenals gegen die
Bereitschaft zur Errichtung selbständiger Existenzen
mit sich bringen. Es gibt gutgemeinte Wohltaten, die
zur Plage werden und die sich an denen rächen, zu
deren Nutzen sie ursprünglich — vermeintlich oder
wirklich — geplant waren.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Herr Bundeskanzler, es genügt auch nicht, über
die Unverständlichkeit von Formularen zu klagen.
Ich bedaure es, daß Sie — genauso wie ich — Ihre
Gas- und Wasserrechnung usw. — in gleicher Weise
gilt das wahrscheinlich für Ihren Gehalts- und
meinen Pensionszettel — nicht mehr so ohne weiteres
verstehen können. Das hängt mit der Umstellung auf
EDV und Computersysteme zusammen. Auf dem
Gebiete der Überprüfung, Durchforstung und
Beseitigung beschäftigungshemmender,
investitionsfeindlicher und ausbildungsverhindernder Vorschriften
sollte die Bundesregierung aber einmal vorangehen,
statt über die Nichtlesbarkeit oder
Nichtverstehbarkeit von Formularen Reden zu halten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wo bleibt da der große Macher, der Pragmatiker?
Wo bleibt da der Wogenbezwinger? Wenn es um
die Gesetzesflut und die damit verbundene
schikanöse Papierlawine geht, sieht man nichts mehr
von ihm. Er ist von der Bühne verschwunden. Er gibt
klein bei, weil die Planmarxisten,
Formularideologen und Betreuungsbürokraten in den eigenen
Reihen ihn hindern, von seinem gesunden
Menschenverstand — den wir ihm gern unterstellen —
Gebrauch zu machen. Als Vorsitzender der
Langzeitkommission der SPD allerdings — damals mehr
Brandstifter als Feuerwehrmann, um einen
bekannten Vergleich zu gebrauchen — hat er das Ansteigen
des Staatsanteils auf die Höhe gefordert, die er als
Finanzminister und Kanzler dann sehr bald erreicht
hat. Aber er hat dies vor Unternehmern bedauert,
vor Genossen begrüßt — suum cuique, jedem das
Seine —, eine neue Form der
Verteilungsgerechtigkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU) -
Zu diesem Kapitel gehört auch die dauernde
Drohkampagne gegen die Marktwirtschaft und einen
Teil ihrer Träger. Ich sage: einen Teil ihrer Träger,
weil Marktwirtschaft nicht die Wirtschaftsform der
Unternehmer ist. Marktwirtschaft ist die
Wirtschaftsform des ganzen Volkes. Marktwirtschaft
wird von beiden Seiten getragen, von Kapital und
Management einerseits und von Arbeit andererseits.
Beides fließt heute zum Teil in erfreulicher Weise
auch bereits zusammen.
Aber was soll man davon halten, wenn Herr
Vetter zum Beispiel sagt: Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit,
Leistungsdruck, Jugendliche ohne Ausbildung sind
die Ergebnisse unternehmerischer Alleinherrschaft?
In unserem Staat gibt es keine Alleinherrschaft, und
wenn es sie gäbe, wäre es keine Demokratie mehr.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Gerade die Demokratie braucht Macht und
Gegenmacht, Gewicht und Gegengewicht. Wir würden
uns leidenschaftlich gegen eine Alleinherrschaft
oder eine überwiegende Herrschaft des Kapitals
wenden. Es muß aber ein ausgewogenes Verhältnis
bestehen.
(Lachen bei der SPD)
— Die Tatsache, daß Sie darüber lachen, beweist
nur, daß Sie von den Grundwerten, über die wir
reden, nichts verstehen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von der
SPD)
Herr Loderer sagte auf dem 12. ordentlichen
Gewerkschaftstag der IG Metall in Düsseldorf am
22. September 1977: „Wir sind nicht auf die
heutigen Strukturen in der Marktwirtschaft verpflichtet.
Lange genug werden wir auf die
Selbstheilungskräfte des Marktes vertröstet. Die Marktwirtschaft
reicht nicht mehr aus, um die strukturellen Probleme
zu lösen." Herr Mahlein sagte: „Ein Wirtschafts-
und Gesellschaftssystem, das nicht bereit oder nicht
fähig ist, das Recht auf Ausbildung und Arbeit zu
verwirklichen, stellt seine Existenz in Frage und ist
selbst daran schuld, wenn die Forderungen nach
neuen Ordnungen immer akuter werden."
Ich möchte jetzt einmal wissen: Wie sollten die
„neuen Ordnungen" aussehen? Es gibt doch für
diejenigen, die im Herzen und nicht nur mit den Lippen .
sich zur Sozialen Marktwirtschaft bekennen, nur
einen einzigen Weg, diese Mängel zu beheben, die
es in unserer Regierungszeit nie gegeben hat, die
Produkte der sozialliberalen Koalition und der von
ihr geschaukelten Regierungen sind, nur einen
einzigen Weg, und das ist, unsere Marktwirtschaft
wieder funktionsfähig zu machen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Oder, wenn Sie es einfacher ausgedrückt haben
wollen, man schickt ein Pferd nicht auf die
Rennbahn und verlangt den Sieg, wenn man ihm vorher
die Vorderläufe zusammengebunden hat, wie es in
zunehmendem Maße in den letzten Jahren
geschehen ist.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD)
Da werden Strukturräte verlangt, Meldestellen für
Investitionsplanungen als Vorkommandos für
staatliche Investitionsplanung usw. usw. Man sollte doch
in einer modernen Volkspartei — und die SPD
erhebt ja den Anspruch darauf; es ist so wie ein
Flugzeug, das nicht vom Boden abheben kann, weil
die es zur Tiefe ziehenden Kräfte stärker sind als
die zum Aufstieg treibenden Kräfte —
(Zurufe von der SPD)
endlich begreifen, daß der Übergang der
Verfügungsgewalt über Produktionsmittel von privater
Unternehmerschaft in gesellschaftliche oder
staatliche Hände nackte Reaktion ist,
(Beifall bei der CDU/CSU)
Rückschlag ist, Niedergang bedeutet, weil damit die
Kräfte einer modernen freiheitlichen, dynamischen
Gesellschaft mutwillig angetastet und zum Schluß
zerstört werden. Aber immer wieder erleben wir ja,
daß hinter all dieser Kritik und hinter diesen
Plänen der alte marxistische Adam steht, zu glauben,
man müsse die Verfügungsgewalt über die
Produktionsmittel ändern, dann entstehe die gerechte,
vollkommene, harmonisch funktionierende, glückselige
Gesellschaft. Das ist doch ein abermaliger Beitrag
des Aberglaubens, nämlich anzunehmen, daß man
damit den Weg zum irdischen Himmel erschließen'
könne. Nein, man pflastert den Weg zur Hölle,
indem man diesen Weg geht.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich möchte, Herr Bundeskanzler, nun im letzten
Teil meiner Ausführungen auf etwas zu sprechen
kommen, was uns noch lange beschäftigen wird,
seit den jüngsten Vorgängen — jedenfalls dem
Vorgang in Hamburg — wieder sehr akut beschäftigt.
Ich möchte hier von den großen Sünden gegen den
Amtseid sprechen. In der letzten Woche sind hier
unglaubliche Behauptungen aufgestellt worden, und
zwar im Zusammenhang mit dem Thema Kampf
gegen den Terrorismus, das uns nach den jahrelangen
Beschwichtigungsphrasen und
Ablenkungsmanövern im letzten Jahr wieder mehr beschäftigt hat,
als bei pflichtbewußter Arbeit der
Bundesregierungen unvermeidlicherweise trotzdem erforderlich
gewesen wäre.
Helmut Kohl sagte in der Antwort auf die
Regierungserklärung — und ich bitte, ihn zitieren zu
können —:
Wir waren uns auch einig, daß alle in einem
Rechtsstaat zulässigen administrativen und
gesetzgeberischen Mittel eingesetzt werden
müssen, um diesem schrecklichen Spuk ein Ende
zu machen. Nur unter dieser Voraussetzung
war und ist das Opfer von Hanns Martin
Schleyer moralisch zu rechtfertigen.
Untätigkeit, aus welchen Gründen auch immer, nimmt
diesem Opfer jeden Sinn. und unserem Tun,
unserem Mittragen die moralische
Rechtfertigung.
An diesen Sätzen ist nichts zu rütteln, ist nichts zu
deuten, und sämtliche Mitglieder unserer Fraktion
und die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen
und Bürger in diesem Lande sind genau derselben
Ansicht und von derselben Überzeugung getragen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Darauf - und ich weiß ja, was während der Zeit
der Sitzungen des Krisenstabes im Schoße der
Familie Schleyer und ihrer Freunde an Gedanken
geäußert, an Plänen erörtert und an Vorschlägen
erwogen wurde; ich möchte hier aus bestimmten
Gründen nicht darauf eingehen —, auf diese
Bemerkungen, auf diese grundsätzlichen, tief sitzenden
und aufwühlenden Bemerkungen des
Oppositionsführers kam aber eine ungeheuerliche Antwort des
Regierungschefs:
Herr Abgeordneter Kohl, die bisher 28 Toten,
die der Terrorismus, uns Deutsche betreffend,
im Laufe der Jahre gefordert hat, einschließlich
des Herrn Dr. Hanns Martin Schleyer, und die
Opfer ihrer Familien sind unvermeidlich
gewesen, weil wir alle unter dem Druck, unter dem
wir standen, den Staat nicht ändern wollten,
weil wir die Staatsform, deren wir uns erfreuen,
erhalten wollen.
Eine Diktatur, ein Unrechtsstaat hätte nicht das
Recht dazu, wenn er auch die Macht hätte,
solche Opfer für die Unversehrtheit seiner
diktatorischen Rechtsform zu verlangen.
Ich weiß, daß Sie hinsichtlich des Satzes, den ich
jetzt hier anschließen will, genauso wie ich und
wie sicherlich die allermeisten in diesem Hause
denken: Jeder von uns muß in dem Fall, daß es
ihn trifft, bereit sein, ein ähnliches Opfer auf
sich zu nehmen.
Und dann heißt es weiter aus dem Munde des
Regierungschefs:
Aber ein Mißverständnis sollte sich hier nicht
einschleichen. Diese Opfer werden gebracht,
wenn sie unvermeidlich sind, damit wir nicht die
freiheitlich-demokratische rechtsstaatliche
Ordnung unseres Staates zum Opfer bringen
müssen. Das ist in diesem Fall der höhere Wert.
Nun sind wir wie Sie in diesem Punkt sicherlich
nicht unterschiedlicher Meinung.
Niemand, so hoffe ich sehr, jedenfalls wollen
Sie es nicht,
— Herr Kohl war damit gemeint —
will hier wesentliche Bestandteile des
freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates zum Opfer
bringen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier
weicht der Bundeskanzler nicht nur vor der
wirklichen Fragestellung aus,
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
sondern er wirft eine unerhörte Alternative auf,
nämlich entweder Opfer des Terrors müssen
hingenommen werden, oder die Diktatur muß zu seiner
Bekämpfung eingeführt werden.
(Widerspruch bei der SPD — Dr. Schäfer
[Tübingen] [SPD]: Das ist einfach falsch!)
— Das ist doch die Alternative: Verzicht auf
wirksame Maßnahmen oder Aufhebung des
Rechtsstaates.
(Pfui-Rufe von der SPD)
Das Thema, über das hier gesprochen wurde und
das hier zur Diskussion stand, ist nicht Aufhebung
des Rechtsstaates, ist nicht einmal Änderung des
Grundgesetzes, wobei sich für keinen, der vom
Verfassungsrecht eine auch nur laienhafte Ahnung hat,
der Zweifel ergibt, daß der Rechtsstaat größere
Grenzen hat als das Grundgesetz. Aber wir sind dem
Grundgesetz verpflichtet. Wir hätten auch das Recht
selbstverständlich ohne den Rechtsstaat zu
verletzen —, durch Änderung des Grundgesetzes
rechtsstaatliche Grenzen auszuschöpfen; denn es gibt
Rechtsbestimmungen in anderen Ländern, die bei
uns nicht zulässig sind, weil das Grundgesetz sie
nicht erlaubt. Aber es ist nicht erlaubt, dann diese
demokratischen Länder etwa als Diktaturen oder als
Unrechtsstaaten darzustellen; das nur nebenbei zur
Belehrung.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Dies sind unerhörte Ausführungen. Auch ein
Kollege von der freien demokratischen Fraktion hat
ja gesagt: „Es hat keinen Sinn. Wer glaubt, Gesetze
mit Hast und heißer Nadel stricken zu können, der
muß wissen, daß er dadurch den Rechtsstaat in
Gefahr bringt." So gesprochen von Herrn Bangemann.
Wann sind denn die letzten Untaten im Jahre 1977
geschehen? Die Ermordung des Herrn Buback, die
Ermordung des Herrn Ponto, die Entführung, am
5. September 1977 geschehen, des Herrn Schleyer
und Mitte Oktober seine Ermordung: Was heißt da
„Gesetze mit heißer Nadel stricken"? Wie lächerlich
wird der Rechtsstaat gemacht, wenn in endlosen,
zum Teil künstlich hinausgezögerten Diskussionen
auch die geringsten Verschärfungen in der
Gesetzgebung und in der Administrative über viele
Monate hinaus verschleppt werden?
Das Ritual kennen wir, Herr Bundeskanzler.
Zuerst geschieht ein scheußliches Verbrechen. Dann
kommt der zweite Akt: Verantwortliche eilen
fernsehwirksam zum Tatort oder drücken anderswo
publikumswirksam ihren Abscheu, ihre Empörung, ihr
Entsetzen, ihr Bedauern aus. Dann kommt der dritte
Akt: Dann wird drohend die Hand erhoben: Aber
jetzt wird der Rechtsstaat mit der ganzen Härte des
Gesetzes zuschlagen. Dann kommt der vierte Akt
gleich hinterher: Man warnt vor Hysterie,
Überreaktionen, vor Hexenjagd. Man warnt davor,
kritische Geister als Sympathisanten zu verdammen. Als
ob die Sympathisanten kritische Geister wären!
Ganz im Gegenteil!
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Kritische Geister sind wir hier in erster Linie. Als
Opposition sind wir die kritischen Geister!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Und dann kommt der fünfte Akt: das große
Schweigen.
Es ist doch eine unverantwortliche Verzögerung,
wenn selbst die wenigen Maßnahmen, zu denen
sich die Regierungskoalition auch nur zum Teil
durchgerungen hat, die aber von der „Regierung
Coppik/Schmidt" bis jetzt nicht durchgesetzt
werden können,
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
weshalb ja die Beratung verzögert worden ist, im
Februar des folgenden Jahres nach den drei großen
Mordserien des letzten Jahres vielleicht beraten
werden können.
Wogegen wir uns aber wenden, Herr
Bundeskanzler — das sage ich mit aller Deutlichkeit —,
ist der Bruch des Amtseides. Sie haben
geschworen, Schaden abzuwenden und Nutzen zu mehren.
Das, was Sie hier tun, heißt nicht Schaden
abwenden, es heißt Maßnahmen verzögern, die zur
Verminderung des Schadens erforderlich sind, und sie
zum Teil zu Fall bringen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Das ist doch die Kapitulation vor der Linken in
Ihren eigenen Reihen. Sie wissen ja, was Herr
Schreiner, der stellvertretende Vorsitzende der
Jungsozialisten, vor wenigen Tagen geäußert hat.
Ich komme hier auf diese politische Pornographie
nicht mehr zurück. Aber Sie, Herr Bundeskanzler,
haben in der Regierungserklärung vom 15.
September 1977 selbst gesagt: „Verantwortung heißt,
nichts zu versäumen und nichts zu verschulden."
Sie haben Entscheidendes versäumt, Sie persönlich
und Ihre Regierung, weil Sie die Partei und ihren
Zusammenhalt über Ihre Aufgabe gestellt haben,
weil Sie das Zusammenwirken der Koalition für
wichtiger halten als die Erfüllung staatspolitischer
Pflichten. Sie sind den leichteren Weg gegangen
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
und haben damit auch den größeren Schaden zu
verantworten.
Ich sage das deshalb mit dieser Schärfe, weil es
unerhört ist, wenn die von der CDU/CSU
vorgeschlagenen, von den Experten der Polizei, des
Verfassungsschutzes und der Justiz fast ausnahmslos
für richtig gehaltenen, fast ausnahmslos
getragenen Maßnahmen — es sei denn, sie stehen unter
Regierungsbefehl — als Öffnung unseres
Rechtsstaats zu einer Diktatur, als Umwandlung zu einem
Unrechtsstaat diffamiert werden. So billig
kommen Sie aus dieser Situation nicht heraus!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Abgelehnt worden sind von den Vorschlägen
der CDU/CSU der Verteidigerausschluß in
erleichterter Form bei Vorliegen konkreter Tatbestands
-
merkmale. Abgelehnt worden ist die
Verteidigerüberwachung. Da gibt es doch namhafte
Bekundungen aus dem Regierungslager — vom
Bundeskanzler, vom Justizminister —, man sei dafür. Aber
im Laufe der Monate, in denen nichts verzögert
und nichts versäumt worden ist, hat man dann auf
einmal entdeckt, daß man zwar persönlich dafür
sei, es aber politisch nicht durchsetzen könne. Was
heißt: politisch nicht durchsetzen? Es ist eine Lüge,
zu sagen, das Parlament lehne es ab. Sie haben die
Stimmen der CDU/CSU zu den Stimmen hinzu, die
Sie aus den Regierungsfraktionen bekommen. Das
ergibt eine haushohe Mehrheit. Dann können Sie
auf die paar Linken verzichten, die das bisher
verhindert haben.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Präsident Carstens: Herr Abgeordneter Strauß,
der Ausdruck „Lüge" ist unparlamentarisch.
(Zurufe)
Strauß (CDU/CSU) : Ich glaube, den Ausdruck habe
ich hier nicht gebraucht.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Abgelehnt worden ist die Sicherungsverwahrung.
Die Gewerkschaft der Polizei hat doch vor wenigen
Tagen veröffentlicht, daß allein im Jahre 1977
20 Terroristen aus der Haft entlassen worden sind,
zum Teil auch vorzeitig, vor Verbüßung ihrer
vollen Haftstrafe, und zum großen Teil bereits
wieder im Untergrund verschwunden sind. Diejenigen,
die die Sicherungsverwahrung für diese Fälle
ablehnen, sind schuld an den Taten, die von diesen
Untergetauchten wieder begangen werden.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Präsident Carstens: Herr Abgeordneter, gestatten
Sie eine Zwischenfrage?
Strauß (CDU/CSU) : Nein.
Abgelehnt worden sind unsere Vorschläge zum
Recht der Untersuchungshaft,
(Zurufe von der SPD)
abgelehnt worden sind unsere Vorschläge zum Recht
der Strafaussetzung zur Bewährung und zur
Aussetzung des Strafrestes, abgelehnt worden sind
unsere Vorschläge zur Heraufstufung des
Tatbestandes der Bildung terroristischer Banden vom
Vergehen zum Verbrechen, abgelehnt worden sind
unsere Vorschläge über Rechtsgrundlagen für
erkennungsdienstliche Maßnahmen, Durchsuchung von
Personen, Einrichtung von Kontrollstellen,
Identitätsfeststellungen und Vernehmungen durch die
Posizei. Wer will denn behaupten, daß diese von uns
vorgeschlagenen und von den Regierungsparteien
abgelehnten Maßnahmen eine Abschaffung des
Rechtsstaates und eine Umwandlung unseres
freiheitlichen Staates in eine Diktatur bedeutet hätten?
Diese unerhörte Verfälschung des Tatbestandes
lassen wir uns nicht gefallen, Herr Bundeskanzler!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Eine Reihe weiterer Vorschläge ist überhaupt noch
nicht behandelt worden. Diese Alternative gibt es
nicht. Der Rechtsstaat muß soviel Zähne haben, daß
er in der Lage ist, seiner friedenssichernden Pflicht
zu genügen, daß er dem Bürger glaubhaft- beweisen
kann, daß Leben und Freiheit der Bürger, auch der
Amtsträger dieses Staates den Vorrang vor
unangebrachter Milde mit Verbrechern und notorischen
Feinden unserer Gesellschaftsordnung haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Aber genauso leichtfertig, wie mit der inneren
Sicherheit umgegangen wird, geht es ja, ohne daß
ich das Kapitel im einzelnen behandeln kann, auf
dem Gebiet der äußeren Sicherheit zu. Wie kommt
denn eigentlich der Hauptgeschäftsführer _der SPD
dazu, öffentlich eine Kampagne gegen die
Einführung der Neutronenwaffe zu führen und hier auf die
amerikanische Administration Einfluß zu nehmen?
Ich möchte nicht zur Neutronenwaffe Stellung
nehmen. Nur jetzt, wo Herr Breschnew seine
Drohbriefe geschrieben hat,
(Dr. Marx [CDU/CSU] : Er weiß, warum!)
scheinen mir hier merkwürdige
Interessenidentitäten vorzuliegen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Ich bin auch der Meinung — und ich glaube, daß
das die Meinung der ganzen Fraktion der CDU/CSU
ist —, daß die Entscheidungen über Waffensysteme
nicht auf Parteitagen nach innerparteilichen
Opportunitäten diskutiert und getroffen werden können.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wenn es nach uns ginge, dann würden wir
überhaupt auf Waffen verzichten, ,nicht nur auf die
Atomwaffen, auf alle Waffen verzichten, weil wir
wissen, was Krieg bedeutet, weil wir deshalb gegen
Gewaltanwendung auch für erlaubte Ziele sind,
sogar dann gegen Gewaltanwendung sind.
(Conradi [SPD] : Ausgerechnet! — Weiterer
Zuruf von der SPD: Fieser geht es nicht! —
Weitere Zurufe von der SPD)
Wie steht es denn mit der Verantwortung für
unsere äußere Sicherheit im Falle Guillaume oder
im Fall Lutze? Ich gehöre nicht zu den Heuchlern,
die sagen: Bei uns hat es nie Spione gegeben, und
bei denen werden ihnen die Panzerschränke
geöffnet. Aber hätte nicht Parteibuchgenossenwirtschaft
in den Ministerien geherrscht, wären Leistung,
Disziplin, Sachlichkeit, Korrektheit und Pflichterfüllung
maßgebend gewesen statt Begünstigung durch
Parteibuch bei Einstellung und Beförderung,
(Zuruf von der SPD)
dann hätten die beiden, größten Spionageskandale,
Guillaume und Lutze, verhindert werden können.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD)
Darum geht es und um nichts anderes.
Ich frage auch, Herr Bundeskanzler: Warum haben
Sie mich getäuscht, als es um die Frage des
Standorts für das große naturwissenschaftlich-technische
Forschungsunternehmen JET ging? Ich habe Ihnen
zwei Briefe geschrieben. Der erste Brief wurde von
Herrn Wischnewski beantwortet. Er schrieb, man
teile meine Meinung, daß Garching der beste
Standort sei. Hier geht es nicht um lokalpatriotische
Dinge.
(Zuruf von der SPD)
Seinerzeit ist in Aufteilung der großen
Forschungsstätten das Institut für Plasmaphysik unter einem
sozialdemokratischen Ministerpräsidenten in
Bayern, Herr Hoegner, nach Garching verlegt worden.
Der Atomminister, der das damas mitfinanziert hatte,
hieß Franz Josef Strauß. Hier geht es nicht um
Lokalpolitik oder Parteipolitik. Hier geht es um eine
ganz andere Frage.
(Zuruf von der SPD: Der biedere Strauß!)
Hier geht es darum, daß der Sachzusammenhang
zwischen den ungeheuren Aufwendungen für die
Forschung und zur Lösung des Energieproblems, der in
der Bundesrepublik aus Bundes- und Landesmitteln
schon getätigt worden ist, durch Ausbau der JET-
Anlage an dem gleichen Standort sinnvoll
weitergeführt worden wäre.
(Zuruf von der SPD: Sie haben ja keine
Ahnung!)
— Wenn ich keine Ahnung habe, Sie törichter
Zwischenrufer, dann haben auch der Bundeskanzler und
Herr Wischnewski keine Ahnung; denn beide haben
mir mit ihrer Unterschrift bestätigt — die Briefe habe
ich hier —, daß sie Garching für den sinnvollsten
Standort hielten und meine Auffassung
unterstützten.
(Lebhafter Beifall der CDU/CSU — Zurufe
von der CDU/CSU zur SPD — Gegenrufe
von der SPD)
Der Bundeskanzler schrieb mir auf meinen
zweiten Brief einen Brief vom 24. Oktober.
Eingangsstempel: 26. Oktober. Er bestätigte mir nochmals, er
und die Bundesregierung teilten meine Auffassung,
daß Garching der geeignete Standort sei und daß
jetzt nicht mehr die Außenminister, sondern die
Forschungsminister beim nächsten Treffen
entscheiden könnten. An dem Tag, an dem ich den Brief
bekommen hatte, hatte der Forschungsminister des
Kabinetts Schmidt bereits dem Standort Culham in
Großbritannien zugestimmt, nämlich am 25.
Oktober. So lügt man einfach nicht! Sie wußten doch, als
Sie mir den Brief schrieben, ganz genau, daß die
Entscheidung durch hintergründige Machinationen
und Manipulationen längst zugunsten
Großbritanniens gefallen war. Hier versündigen Sie sich
einfach an der naturwissenschaftlich-technischen
Zukunft der Bundesrepublik.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Präsident Carstens: Herr Abgeordneter Strauß, ich
wiederhole: Der Ausdruck „lügt" ist
unparlamentarisch.
Strauß (CDU/CSU) : Ich habe ihn konditioniert,
Herr Präsident.
Fragwürdig ist doch auch, daß von dieser
Regierung und ihren Vorgängerinnen die Europarakete
eingestellt worden ist, weil man nicht den Weitblick
hatte, die organisatorisch-technischen Mängel zu
beheben, und dafür an das problematische Projekt
Skylab heranging. Wir zahlen 50%, die Hälfte des
Betrages, den die Europäer zahlen. Wir liefern das
Skylab umsonst an die Vereinigten Staaten von
Amerika. Wir dürfen beim Erstflug kostenlos
Wissenschaftler mitschicken, bei allen folgenden Flügen
die Kosten anteilig mittragen.
So behandelt man deutsche Interessen nicht! Ich
bin kein Nationalist, aber auch kein Internationalist.
(Lachen und Zurufe von der SPD)
Es muß doch möglich sein, nationale Interessen mit
Nachdruck, Würde und Legitimität vertreten zu
dürfen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Dasselbe gilt auch auf dem Gebiet der
Energiepolitik. Auf diesem Gebiet haben Zögern,
Unklarheiten und Versäumnisse — ich will mich auf diese
drei Formeln beschränken — dazu beigetragen, daß
unsere nationale Entwicklung erheblich
zurückgeworfen worden ist, daß große Investitionsvorhaben
verhindert worden sind, daß viele Tausende von
Arbeitsplätzen nicht geschaffen oder bestehende
gefährdet und aufgegeben worden sind.
Aber da gibt es auch noch mehr. Wir werden
ohne einen führenden technischen Beitrag auf dem
Gebiet der Kernwissenschaft und der Kerntechnik
die Frage des Lebens und des Überlebens der
Weltbevölkerung bis zum Jahr 2000, wo sie auf 6 bis
7 Milliarden Menschen angestiegen sein wird,
nicht bewältigen. Wir müssen durch Kernenergie
die Wärme zur Verfügung stellen, die wir zur
Veredelung der Kohle und damit zur Nutzbarmachung
noch riesiger Vorräte in den Entwicklungsländern
benötigen. Das wäre weitreichende Politik — statt
Unterstützung terroristischer
„Befreiungsbewegungen".
(Beifall bei der CDU/CSU)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, nun
ein vorletztes Problem. Die Regierung beklagt sich
— die Regierungsparteien stimmen in den Chor
selbstverständlich ein —, daß die Opposition
Politik durch Anrufung des
Bundesverfassungsgerichts gestalten wolle. Dazu sind einige Dinge mit
unmißverständlicher Deutlichkeit festzustellen:
Erstens. Das Bundesverfassungsgericht ist dazu
da, angerufen werden zu können. Was wäre das
für ein Rechtsstaat, bei dem das
Bundesverfassungsgericht nur eine Selbstschutzorganisation oder ein
Perpetuum mobile für eigene Zwecke ist!
Zweitens. Es ist das gute Recht eines jeden, der
nach den gesetzlichen Bestimmungen dafür
vorgesehen ist, von dem Recht, das Verfassungsgericht
anzurufen, auch Gebrauch zu machen.
Drittens. Sie wissen ja — auch das gehört zum
Thema der äußeren Sicherheit, und auch das ist eine
Disqualifikation für Herrn Leber —, wie man mit
der Wehrpflicht in unserem Land umgeht. Glauben
Sie, uns ist es angenehm, der nächsten Generation
sagen zu müssen: „Ihr müßt 15 Monate dienen und
dann Reserveübungen auf euch nehmen", wenn wir
dann der Fragestellung gegenüberstehen: „Warum
versprechen uns die anderen, daß wir uns per
Postkarte von dieser lästigen Verpflichtung abmelden
können?" Aber das ist nicht das Thema.
Der entscheidende Punkt ist: Es ist eine miserable
und schlechte Politik, die leider durch die
Rechtsprechung immer wieder geändert werden muß.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Prozesse vor dem Verfassungsgericht wird es
immer geben; die gab es auch bei uns: wegen
Zuständigkeitsproblemen zwischen Bund, Ländern und
Gemeinden, Organstreitigkeiten usw. Keine
Regierung der CDU/CSU könnte versprechen, daß ihre
Tätigkeit ohne einen solchen Prozeß stattfindet. Sie
kann auch nicht versprechen, daß sie keinen solchen
Prozeß verlieren würde.
Es geht jedoch um wesentliche
gesellschaftsverändernde politische Schritte, die von der Regierung
vorgeschlagen, von der Mehrheit gegen unseren
Willen durchgepeitscht und uns ohne
demokratischen Grundkonsens aufgezwungen worden sind und
die wir nur mit Hilfe eines unabhängigen Organs
kompensieren und korrigieren können. Das ist der
Skandal — und nicht die Anrufung des
Verfassungsgerichts durch die Opposition.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wahlen, Herr Bundeskanzler, können Sie
gewinnen durch falsche Sachdarstellungen — siehe
Rentenfragen. Wahlen können Sie gewinnen durch
Verleumdung — siehe den Schwindel mit den
Lockheed-Akten.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von der
SPD)
Wahlen können Sie gewinnen durch
Verfassungsbrüche — Stichworte: Schwindel vom
wirtschaftlichen Aufschwung; Täuschung der Rentner;
verfassungswidrige Ausgaben von Steuergeldern für
Wahlkampfzwecke; Verschleppung des Verfahrens
vor dem Bundesverfassungsgericht über die
verfassungswidrigen Ausgaben, so daß das Urteil erst
nach der Wahl kommen konnte; Aktenschwindel mit
Lockheed, mit dem in schäbiger Weise der
gleichzeitig ausgebrochene Spionagefall Lutze in der
Öffentlichkeit überlagert werden sollte,
(Beifall bei der CDU/CSU)
um die wahrhaft Schuldigen der öffentlichen
Aufmerksamkeit zu entziehen; schließlich die Filzokratie
und Parteibuchwirtschaft in einer Reihe von obersten
Bundesbehörden.
Damit können Sie Wahlen gewinnen. Aber eines
können Sie damit nicht: regieren. Daß Sie mit
diesen Methoden Wahlen gewinnen können, haben wir
sattsam zur Kenntnis nehmen müssen. Aber
regieren konnten Sie trotzdem nicht, weil man mit diesen
Methoden auf die Dauer nicht regieren kann.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Hier wird auch der falsche Schein, den der
Bundeskanzler um sich verbreitet, auf die Dauer die
Wahrheit nicht verdecken können. Dafür sorgt der
Schatten Coppiks und der Gleichgesinnten. Das ganze
Schiff fährt, wenn auch langsamer, immer noch —
und vielleicht sogar wieder mehr — nach links. Und
da nützt es auch nichts, Herr Genscher, sich im
Schiff links nach rechts zu bewegen und einen Kurs
der Mitte vorzutäuschen.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Das Schiff fährt nach wie vor in der falschen
Richtung.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Mehr Lebensqualität? Eine Million Arbeitslose;
Jugend in der Krise. Mehr Demokratie? Ja, ist das
eine funktionierende Demokratie, die ich krankbete,
wie Helmut Schmidt sagte, wenn in den Straßen
Bonns Panzer rasseln, wenn große
Begleitkommandos leider tätig sein müssen, wenn
Maschinenpistolen das Straßenbild beherrschen? Ich danke ja für
die Bewachung. Aber es ist unerhört, daß so etwas
notwendig ist. Das ist für eine funktionierende
Demokratie auf die Dauer unerträglich.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Sie sagen: Mehr Reformen! Im Gegenteil, die großen
Reformen der Vergangenheit haben Sie in
wesentlichen Punkten beeinträchtigt, abgebaut,
demontiert.
Deshalb stelle ich die Frage: Wann wird denn
Deutschland wieder eine Regierung bekommen, die
diesen Namen verdient,
(Dr. Schäfer [Tübingen] [SPD]: Es hat eine!
- Weitere Zurufe von der SPD)
die die deutschen Interessen mit legitimen Mitteln
vertritt, die die ordnungspolitischen Grundsätze des
freiheitlichen, fortschrittlichen sozialen Rechtsstaats
im Gegensatz zum Negativideal formaler
Gleichmacherei glaubwürdig verkörpert und verwirklicht,
eine Regierung, die der Glaubwürdigkeit der
parlamentarischen Demokratie den Vorrang vor
Parteiinteresse, Koalitionskumpanei, Machterhaltung um
jeden Preis gibt, den Bürger wirklich bewegende
Probleme löst, statt ihre Nichtlösung durch
scheinheilige Reden zu bemänteln?
Nach diesen Maßstäben, Herr Bundeskanzler
Helmut Schmidt, werden Sie gemessen. Und nach diesen
Maßstäben haben Sie Ihre historische Stunde
versäumt!
(Langanhaltender lebhafter Beifall bei der
CDU/CSU)
Präsident Carstens: Meine Damen und Herren!
Bevor ich das Wort weitergebe, darf ich dem Hause
mitteilen, daß auf der Diplomatentribüne eine
Delegation des Landwirtschaftsausschusses der
Brasilianischen Abgeordnetenkammer Platz genommen hat,
die sich zu einem Informationsbesuch in der
Bundesrepublik Deutschland aufhält. Ich habe die Ehre,
sie zu begrüßen.
(Beifall)
Wir freuen uns, Parlamentarier aus Brasilien als
Gäste im Deutschen Bundestag willkommen zu
heißen, wünschen ihnen nützliche Begegnungen und
Gespräche in Bonn, in Berlin und in Bayern sowie
einen guten und angenehmen Aufenthalt in
Deutschland.
(Erneuter Beifall)
Das Wort hat Herr Abgeordneter Brandt.
Brandt (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Ich möchte aus Anlaß der
Haushaltsberatungen dieser Woche zunächst einiges über die Art
sagen dürfen, in der wir hier miteinander umgehen.
(Lachen und Zurufe von der CDU/CSU —
Beifall bei der SPD und der FDP)
— Vielleicht haben Sie die Güte, mit Ihren
Reaktionen zu warten, bis Sie gehört haben, was ich sagen
möchte.
(Wohlrabe [CDU/CSU] : Scheinheilig! —
Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Es ist ja nicht das erste Mal, daß mir die Aufgabe
zufällt, nach Darlegungen — die immer zum Teil
auch verbale Ausschreitungen sind — des Kollegen
Strauß hier das Wort zu ergreifen
(Wolfram [Recklinghausen] [SPD]: Das ist
wohltuend!)
und daran zu erinnern, was dieses Parlament trotz
aller Meinungsverschiedenheiten seines Rufes
wegen zu verteidigen hat.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Dies gebietet — und davon wird die Rede sein —,
maßlose Übertreibungen, Halbwahrheiten und
Halbunwahrheiten zurückzuweisen.
(Erneuter Beifall bei der SPD und der FDP)
Ich muß schon jetzt darauf aufmerksam machen
- und ich werde es nachher begründen —, daß der
Hauptredner der Opposition an diesem Tage, der
Kollege Strauß,
(Zuruf von der CDU/CSU: Völlig recht hat!
— Beifall bei der CDU/CSU)
sich zu einigen der im Augenblick drängendsten
Probleme unseres Volkes überhaupt nicht geäußert
hat.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Dr.
Zimmermann [CDU/CSU] : Muß die Oppo
-
sition zurücktreten?)
Niemand wird es dem Kollegen Strauß
übelnehmen, daß er jetzt einen Termin beim Präsidenten
von Gabun wahrnimmt. Mich bringt das allerdings
um die Chance, ihm direkt zu antworten. Ich
möchte nur der Ordnung halber im Protokoll des
Bundestages verzeichnet wissen — ohne damit eine
Kritik an irgend jemand zu verbinden —, daß ich
eine solche Einladung mit Rücksicht auf die
Beratungen des heutigen Tages mit großem Bedauern
gegenüber diesem ausländischen Gast abgesagt
habe.
(Beifall bei der SPD)
Ich möchte fragen, meine Damen und Herren und
meine Kollegen in allen Teilen des Hauses: Was
können die Bürger von ihrem Bundestag erwarten?
Sie können erwarten, daß gerungen und gestritten
wird um das, was der eine, der zweite, der dritte
und auch der vierte für die jeweils beste Art hält,
Angelegenheiten der Bürger im demokratischen
Bundesstaat zu regeln, wie die einen und die
anderen oder die dritten meinen, daß die
Bundesregierung ihrer Pflicht gerecht werden soll.
Präsident Carstens: Herr Abgeordneter, gestatten
Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Röhner?
Brandt (SPD) : Herr Präsident, ich möchte es
halten wie der Kollege Strauß und meine
Ausführungen im Zusammenhang machen.
(Beifall bei der SPD)
Gerungen und gestritten wird darum, wie unsere
Interessen in einer komplizierten und unruhigen
Welt zweckmäßig vertreten werden oder, auf die
Materie dieser Woche bezogen, welche Mittel der
Bundesstaat für welche Aufgaben einsetzt und
welche Einnahmen dazu erforderlich sind.
Wenn man Glück hat, findet ein Parlament auch
noch die Kraft, gelegentlich über neue
gesellschaftliche Probleme und sich verändernde internationale
Bedingungen zu reden, geistige Positionen,
programmatische Plattformen aneinander zu messen,
neue Erfahrungen der Wissenschaft und der
Technik, soweit man sie mitbekommen kann, nicht zu
vernachlässigen.
Ich frage jetzt mich selbst und alle anderen: Was
haben die Bürger davon, wenn wir hier allzu oft
aneinander vorbei, zum Fenster hinaus und in die
Fernsehkamera hinein reden?
(Beifall bei der SPD und der FDP)
In einer freiheitlich-demokratischen Ordnung ist es
ja die Aufgabe des Parlaments, nicht nur über die
vorhandenen — und legitimen — Unterschiede von
Überzeugungen — oder was man dafür hält — und
von Interessen — oder was man darunter versteht
— zu streiten, sondern auch darüber zu reden,
welche gemeinsamen Pflichten sich aus dem
Grundgesetz ergeben und welche gemeinsamen Werte wir
über den Streit der Parteien hinweg zu verteidigen
und zu pflegen entschlossen sind.
Ich sehe die große Gefahr, daß wir den Bürgern
in doppelter Hinsicht nicht gerecht werden: Sie
erfahren durch unsere Debatten allzu oft nicht die
gebotene und mögliche Orientierung — auch was die
Alternativen angeht —, und sie erfahren auch
wenig darüber, welche sachliche Arbeit neben dem
zugespitzten Parteienstreit geleistet wird. Meine
verehrten Kolleginnen und Kollegen, es gibt doch
einen erheblichen Widerspruch zwischen den vom
Fernsehen vermittelten Redeschlachten und der
überwiegend stillen, sachlichen Arbeit in den
Ausschüssen,
(Beifall bei der SPD und der FDP)
nicht zuletzt im Haushaltsausschuß; und dies
erwähne ich natürlich besonders aus Anlaß der
Debatte, die wir jetzt führen. Ich könnte hinzufügen:
Es gibt den Widerspruch zwischen der
zunehmenden Konfrontation auf der staatlichen Ebene —
nicht nur im Bund, sondern auch in den Ländern —
und dem erfreulicherweise im ganzen
ungebrochenen Willen zur Kooperation in den Rathäusern.
Nun stehen die meisten von uns lange genug im
Leben, um zu wissen, daß man bei
Fehlentwicklungen die Schuld nicht immer nur beim anderen
suchen darf. Ich habe also — so sehr die
Ausführungen meines Vorredners dazu einladen könnten —
nicht die Absicht, allein der Opposition das
anzukreiden, was mich besorgt und weshalb ich mich
heute in erster Linie zu Wort gemeldet habe. Wenn
Sie mir entgegenhalten — und das klang ja nach
meinem ersten Satz an —, daß ich mich selbst
prüfen und eigenen Irrtümern nachgehen sollte, muß
ich bereit sein, das einzustecken. Ich gehöre in der
Tat nicht zu denen, die meinen, immer recht gehabt
und alles richtig gemacht zu haben. Und wenn Sie
ehrlich sind, kann keiner von uns garantieren, daß
er nicht Fehler macht oder in der Hitze des
Gefechts etwas sagt, was er so am liebsten nicht
gesagt hätte.
(Gerster [Mainz] [CDU/CSU]: Schauen
Sie einmal den Bundeskanzler an!)
Meine Partei hat ihre Grundüberzeugung. Sie
arbeitet gewissenhaft daran, Probleme zu erkennen
und Lösungen vorzuschlagen. Aber die SPD meint
natürlich nicht, über den Stein der Weisen zu
verfügen; über den verfügt keiner von uns. Die
Regierung der sozialliberalen Koalition nimmt nicht für
sich in Anspruch, nie geirrt zu haben und immer
nur das Beste bieten zu können. Aber sie leistet
gute Arbeit, und dafür verdient sie Anerkennung.
Die sozialdemokratische Bundestagsfraktion spricht
diese Anerkennung erneut und ganz nachdrücklich
aus.
(Beifall bei der SPD)
Aber ich will uns noch einmal fragen: Wem kann
eigentlich daran liegen, daß der Bundestag bei den
Bürgern in Verdacht gerät, mehr als einmal an den
wirklichen Problemen der Bürger vorbeizureden
oder sie nicht zur Kenntnis zu nehmen?
(V o r s i t z : Vizepräsident Pr. Schmitt-
Vockenhausen)
Ich frage weiter: Ist es bei dem notwendigen Streit
der Meinungen und Interessen nicht doch möglich,
daß wir auf unnötige Übertreibungen verzichten
und uns bei allen Auseinandersetzungen immer
wieder einmal fragen, was des gemeinsamen
demokratischen Staates, seiner Bürger, unseres Volkes
wegen geboten ist? Was sollen die Bürger davon
halten, wenn hier Reden immer häufiger nicht unter
dem Gesichtspunkt sachlicher Überzeugungskraft,
sondern wegen ihrer vermeintlichen
Öffentlichkeitswirkung gehalten werden, wobei dann oft
noch der eigene Heerhaufen mit der Öffentlichkeit
verwechselt wird? Täten wir nicht gut daran, uns
über Parteigrenzen hinweg diese Gefahr von
Wirklichkeitsverlust einzugestehen?
(Zuruf von der CDU/CSU: Jetzt auf
einmal?)
Nun bin ich nicht optimistisch genug zu glauben,
wir, meine Kollegen von der SPD und die Kollegen
von der FDP, könnten durch das, was wir sagen,
das Abstimmungsverhalten der Opposition beein
-
flussen. Sie werden den Bundeshaushalt ablehnen. .
Das entspricht parlamentarischem Brauch, fast
hätte ich gesagt: gutem parlamentarischen Brauch.
Jedenfalls ist es ein Stück normaler politischer
Auseinandersetzung. Wir werden erneut feststellen,
wer hier die Mehrheit hat; auch da wird es keine
Überraschungen geben. Aber auf die Begründung
kommt es an, und wenn dem, was Herr Strauß heu-.
te morgen für die Opposition gesagt hat, nicht noch
ganz Wesentliches hinzugefügt wird, dann tut mir •
die Opposition bei der Begründung ihres Nein zum
Bundeshaushalt leid.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Da kommt es auf mehr Argumente und den
Nachweis möglicher Alternativen an. Daran wird in
diesem Fall die Qualität gerade der Opposition ge
niessen.
Kritik ist nicht nur unvermeidlich, sie muß doch
erwünscht sein, auch wenn sie aus der Sicht eines
Regierungschefs manchmal unbequem sein mag.
Dazu gehört doch aber auch: Die
Auseinandersetzung muß sich an dem orientieren, wie die
tatsächliche Lage ist. Es ist unglaubwürdig, über Jahre
hinweg — wie Herr Strauß es tut; das wird man
feststellen, wenn man der Sache nachgeht — zu
allem Wesentlichen immer nur nein zu sagen.
(Beifall bei der SPD und der FDP — von
der Heydt Freiherr von Massenbach
[CDU/CSU]: Das stimmt doch gar nicht!)
Nun weiß ich wohl, daß die Menschen, seit sie
denken können, auch darüber streiten, wie sich ihnen
die Wirklichkeit darstellt und wie sie sie
interpretieren sollen. Aber wäre es nicht beispielsweise
möglich, das anzuerkennen — wenn auch
zähneknirschend —, was der Bundeskanzler hier in der
letzten Woche zur Lage unseres Landes noch
einmal deutlich gemacht hat? Der Bundeskanzler hat
weder übertrieben noch Schönfärberei betrieben.
(Oh-Rufe bei der CDU/CSU)
Er hat, verehrte Kollegen von der Opposition, in
Wirklichkeit keinen Anlaß gegeben, sich im
polemischen Ton zu vergreifen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Bei allem, was umstritten ist, sollten — sollten!
— wir uns doch miteinander unter Umständen
sogar bei allem, was trennt, darüber freuen können,
daß unser Land stabiler ist als die meisten anderen
Länder, und das redet auch Herr Strauß nicht
kaputt!
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir sollten uns darüber freuen können, daß dieses
unser Land sozial sicherer ist, auch heute und
morgen, als die meisten anderen Länder;
(Beifall bei der SPD und der FDP)
daß die rechtsstaatlichen Grundlagen, vor einer
Generation neu geschaffen — gemeinsam —, sich
bewährt haben; daß die Bundesrepublik Deutschland
ein überall geachteter Partner der europäischen
Zusammenarbeit geworden ist und sich in der Welt
als ein gewichtiger Faktor der Friedenssicherung
erweist.
Meine verehrten Damen und Herren, dank der
Anstrengungen vieler — nicht einer Partei, nicht
zweier Parteien, nicht einer Regierung —
haben wir es doch, wenn wir ehrlich sind, mit einer
stabilen, sozial weithin ausgeglichenen Gesellschaft
zu tun. Um die Bewahrung dieses Zustandes und
seinen vernünftigen Ausbau sollten wir uns
bemühen. Wir sollten wetteifern, wo es um dieses
Bewahren und dieses Ausbauen geht.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Dabei dürfen wir natürlich nicht — wenn mir das
entgegengehalten werden sollte, stimme ich sofort
zu — den Blick für die Realitäten verlieren, d. h.,
wir müssen darauf achten, daß die Grenzen des
Möglichen nicht überschritten werden.
(Zustimmung bei der SPD)
Verehrte Kollegen aus den Reihen der
Oppositionsparteien, niemand nimmt Ihnen übel, daß Sie
den Bundeshaushalt ablehnen, da Sie der Regierung
insgesamt verständlicherweise nicht zustimmen
wollen. Aber muß man deswegen — — Nein, ich
frage jetzt nicht; ich hätte Herrn Strauß, wenn er
da wäre, direkt gesagt: Aber, Herr Strauß,
deswegen, weil man der Regierung kein Vertrauen
aussprechen will, muß man doch die Lage im eigenen
Land und des eigenen Landes in der Welt nicht
schlechtermachen, als sie ist!
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zurufe
von der CDU/CSU)
Wenn es uns besser geht als vielen anderen
Völkern , dann drückt sich darin doch vor allem auch
die Arbeitsleistung, das
Verantwortungsbewußtsein, der Fleiß, die Zuverlässigkeit der vielen
einzelnen in unserem Lande aus, unserer Wähler und
Ihrer Wähler.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zurufe
von der CDU/CSU)
Ein uns allen bekannter Kommentator schrieb
vor ein paar Wochen, auch für dieses Jahr lasse
sich mit einiger Sicherheit prognostizieren, „daß es
den Bundesbürgern besser gehen wird als den
meisten Nachbarn, daß sie sich aber unglücklicher
fühlen werden als alle übrigen". Er fügte hinzu:
„Leicht verständlich ist das nicht."
So ist es.
(Wehner [SPD] : Das ist wahr!)
Unbestreitbar ist wohl, daß wir es mit einem
erheblichen Maß an Unsicherheit zu tun haben. Viele
fühlen sich ratlos gegenüber den neuen Problemen,
hilflos gegenüber dem, was man in der Welt nicht
begreift — das ist ja auch häufig schwer genug zu
verstehen —; ratlos, hilflos gegenüber den sich
immer mehr aufdrängenden Herausforderungen der
Zukunft. Sicher scheint mir auch zu sein, daß
dieses Empfinden bei vielen unserer Mitbürger nicht
von ungefähr kommt und nicht nur objektiv
bedingt ist. Es sind auch Stimmungen der Angst, der
Hilflosigkeit und der Ohnmacht geschürt worden.
(Zuruf von der CDU/CSU: Pfui!)
Unsicherheit und Furcht sind Gegenstand eines
engen und rücksichtslosen machtpolitischen Kalküls
geworden. Wenn soeben jemand „Pfui"
dazwischenrief, dann antworte ich darauf: Niemand
stehle sich aus der Verantwortung! Der Satz, es müsse
alles noch schlimmer kommen, stammt nicht von
uns.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Viele Menschen machen sich deshalb Sorgen,
weil ihnen Verführung angeboten wird. Wo zu sehr
mit Stimmungen gespielt wird, können die Chancen
für demokratische Politik verspielt werden.
Desinformation und Fehlorientierung, Übertreibung und
Verweigerung sind untaugliche Mittel, um über
Schwierigkeiten hinwegzukommen und die Dinge
zum Besseren zu wenden. Ich will versuchen, das
durch einige Beispiele deutlich zu machen.
Ist es nicht eine Desinformation, eine
Fehlorientierung, wenn man im Zusammenhang mit dem
Bundeshaushalt und dessen Verabschiedung
wiederum so tut, als werde der Staat wegen der
Aufnahme neuer Kredite zusammenbrechen? In
Wirklichkeit weiß auch die Opposition, unter welchen
Voraussetzungen wir diesen Weg nach
gewissenhafter Prüfung und im Zusammenhang mit
internationalen Erfahrungen haben beschreiten müssen
und daß wir uns über die Grenzen dieses Weges
durchaus im klaren sind. Ich verbinde dies gerade
nach jenem Redeteil von Herrn Strauß mit einem
ausdrücklichen Vertrauensvotum für
Bundesminister Hans Apel und mit einem Dank für die Bürde,
I) die er in diesen Jahren auf sich genommen hat.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
In den vorausgegangenen Beratungen des
Haushaltsausschusses — ich habe mich genau erkundigt
— hat es im übrigen keine ernsthaften alternativen
Vorschläge der Opposition gegeben. Wenn es ein
anderes Grundkonzept gibt, frage ich: Warum
wurde es dort nicht vorgetragen, warum wurde es dann
heute früh nicht durch den wirtschafts- und
finanzpolitischen Sprecher der Opposition vorgetragen?
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wenn man meint, man könne Milliarden einsparen,
in dieser Höhe nicht zusätzlich in die
Nettokreditverschuldung eintreten, dann muß man sagen, wie
und wo. Das ist auch heute nicht geschehen.
Welchen Sinn soll es eigentlich ergeben, wenn man
einerseits fordert, der Staat solle beispielsweise mehr
tun, um Arbeitsplätze zu sichern und neue schaffen
zu helfen, andererseits aber im Grunde die Mittel
verweigert, die der Staat braucht, um im Rahmen
seiner begrenzten Möglichkeiten die Lage auf dem
Arbeitsmarkt zu verbessern? Ich frage weiter: Was
soll es in einer ernsthaften Debatte nutzen — ich
knüpfe jetzt an eine lautstark vorgetragene Passage
von Herrn Strauß an —, wenn angeblich
klimatische Störungen immer wieder als Kampfformel
herhalten müssen, um die zweifellos bestehende
Investitionszurückhaltung im Inland gegen die
Bundesregierung zu wenden? Als ob Wirtschaftspolitik
nach meteorologischen Maßstäben gemessen
werden könnte.
(Beifall bei der SPD und der FDP —
Zurufe von der CDU/CSU)
Nein, es hilft keinem Arbeitslosen, es hilft auch
nicht der Wirtschaft insgesamt, - wenn unser Land
als eines dargestellt wird, in dem zu investieren
sich nicht mehr lohnte. Es gehört doch gerade zu
Ihren Überzeugungen, meine Damen und Herren
von der Union, daß Investitionen nach Gewinn- und
Verlusterwartung getätigt oder unterlassen werden.
Wenn dem so ist, warum ist dann die
Bundesrepublik Deutschland ein so gesuchtes Land für
ausländische Investitionen?
(Beifall bei der SPD und der FDP) .
Zweifeln Sie an der Urteilskraft ausländischer
Unternehmen, die mit ihrem verstärkten Engagement
in der Bundesrepublik Vertrauen in unsere
wirtschaftliche Zukunft beweisen? Es widerspricht dem
nicht, wenn gleichzeitig die Beteiligung deutscher
Unternehmen im Ausland kräftig ansteigt. Es zeigt
nur das Ausmaß des weltwirtschaftlichen
Strukturwandels, dem naturgemäß die vom Welthandel in
besonderem Maße abhängigen Industriestaaten am
stärksten ausgesetzt sind. Das, was Herr Strauß
über Investitionen und Beschäftigung gesagt hat,
ließ diesen entscheidenden Faktor des
Strukturwandels, in dem wir mittendrin sind — in der Welt
draußen, in Europa und bei uns zu Hause —, außer
Betracht.
Im übrigen hat er einen großen Irrtum begangen.
Ich will kein härteres Wort dafür benutzen; er hat
sehr viel härtere Ausdrücke verwendet. Er ist
einem ernsten Irrtum unterlegen, als er gemeint hat,
dies zumal an die Adresse des Vorsitzenden des
Deutschen Gewerkschaftsbundes, Heinz Oskar
Vetter, sagen zu müssen: Nicht nur die Wirtschaft,
nicht nur die öffentliche Hand — Regierung, wie
man so sagt —, auch die Arbeitnehmerseite ist
betroffen und muß daran mitwirken, Arbeitsplätze zu
erhalten und, wo es geht, neue zu schaffen. Wer
Zeitungen liest und sich einmal darüber hinaus
informiert, weiß, daß Heinz Oskar Vetter genau dies
geschrieben und gesagt hat — noch in dieser
Woche —: er möchte, daß die Spitzen — bei allem, das
da sonst war — der Gewerkschaften und der
Unternehmen und ihrer Verbände über Arbeitsplätze
reden, zusätzlich zu dem, was darüber an anderer
Stelle geredet wird.
(Beifall bei der SPD)
Ich frage weiter — nach dem, was Herr Strauß
gesagt hat —: ist es nicht eine maßlose und nahezu
unverantwortliche Übertreibung, wenn man den
Eindruck erweckt, als ob die Renten in ihrer Sub-
. stanz nicht gesichert seien und als ob sie nicht
auch in Zukunft so erhöht würden, daß die Alten
und die anderen, die einen Rentenanspruch
erworben haben, weiterhin an der wirtschaftlichen
Entwicklung teilhaben werden?
(Beifall beider SPD und der FDP)
In Wirklichkeit, meine Kollegen von der
Opposition, geht es doch hier um unser gemeinsam
geschaffenes System der fortlaufend wachsenden
Rente. Es sollte in unserer gemeinsamen
Verantwortung bleiben.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zurufe
von der CDU/CSU)
Die Renten sind — Sie wissen es wie wir — im
Laufe der Jahre beträchtlich gestiegen, und sie
werden weiter steigen. Im Gegensatz zu Herrn
Strauß - sage ich: der Generationenvertrag wird
weiter tragen. Seine Interpretation zum
Generationenvertrag.
(Zuruf von der CDU/CSU: War richtig!)
leidet darunter, daß er offenbar der illusionären
Vorstellung gewesen ist, diese Welt und die
Bundesrepublik würde für alle Zeit mit ungebrochenem
wirtschaftlichen Wachstum rechnen können;
(Beifall bei der SPD und der FDP)
das war eine Illusion. Aber der Generationenvertrag
muß auch unter sich verändernden Bedingungen
halten,
(Zurufe von der CDU/CSU)
und er wird weiter tragen. Dadurch kommt jedem
einzelnen — seien wir ehrlich, und die Menschen
draußen wissen es — ein Mehrfaches dessen zugute
— und so soll es sein —, was er selbst durch sein
„Kleben", wie man so sagt, hat erarbeiten können.
Statt Angstformeln zu prägen und Vorurteile zu
mobilisieren,
(Zurufe von der CDU/CSU — Prinz zu
Sayn-Wittgenstein-Hohenstein [CDU/CSU] :
Es sind Fakten!)
sollten wir miteinander jenseits jeden Zweifels
deutlich machen, daß die Renten sicher bleiben
werden.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Ich habe vorhin von Verweigerung gesprochen
und will auch dies begründen. Das Thema war in
der vorigen Woche schon mal dran; aber manches
muß mehrfach gesagt werden. Wem nutzt es
eigentlich, daß die Ministerpräsidenten Filbinger und
Albrecht das Heizenergiesparprogramm von
Bundeswohnungsbauminister Karl Ravens zu Fall
brachten?
(Zurufe von der CDU/CSU)
Ist es im Interesse der Bürger von Baden-
Württemberg und von Niedersachsen,
(Erneute Zurufe von der CDU/CSU)
wenn mehr als 2 Milliarden DM allein vom Bund
nicht zur Steigerung von Wirtschaftswachstum und
Beschäftigung eingesetzt werden können?
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zurufe
von der CDU/CSU)
Ich sage Ihnen ganz offen, ich finde es
deprimierend, wie hier parteipolitische Enge über das Gebot
der Vernunft gesiegt hat.
(Beifall bei der SPD)
Als ein bedenkliches Beispiel von Verweigerung
habe ich auch empfunden, daß führende Mitglieder
der Opposition die Klage der Arbeitgeberverbände
gegen die Mitbestimmung mit wohlwollenden
Kommentaren begleitet haben.
(Zustimmung bei der SPD — Zurufe von
der CDU/CSU)
Erst ist man dagegen, •
(Zurufe von der SPD)
dann stimmt man dafür und rühmt sich dessen,
(Sehr wahr! bei der SPD)
und danach begrüßt man den Versuch, es
außerparlamentarisch auszuhebeln.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Das ist nicht nur ein Mangel an Geradlinigkeit, es
ist gefährlich für den sozialen Frieden in unserem
Land.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Denn wenn wir wirtschaftlich besser dastehen als
viele, als die meisten anderen Länder, dann ist dies
doch unbestreitbar mit darauf zurückzuführen, daß
wir uns auf den Gebieten von Betriebsverfassung
und Mitbestimmung nach vorne bewegt haben.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zuruf
von der SPD: Das ist das Entscheidende!)
Es reicht eben nicht — so würde ich Herrn Strauß
jetzt wiederum angesprochen haben, hätte er hier
sein können —, die Arbeitnehmer und ihre
Gewerkschaften zu ökonomischer Vernunft
aufzufordern, damit sie unter den gegebenen Umständen
mit bescheidenen Lohnzuwächsen zufrieden sind.
Es ist geboten, meine Damen und Herren, daß wir
uns von dem Weg, der zu gemeinsamer
Verantwortung und solidarischer Teilhabe führt, unter keinen
Umständen abbringen lassen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Ich sage Ihnen in aller Ruhe, die Sozialdemokraten
werden unruhig, wenn im Verständnis einzelner
das Bemühen um Mitbestimmung durch Neigung
zum Klassenkampf von oben ersetzt werden
sollte.
(Beifall bei der SPD)
Ich will auch dies hinzufügen: Aus der Inflation,
mit der politische Entscheidungen zu Gerichten hin
verlagert werden, kann meiner Meinung nach
nichts Gutes kommen. Das gilt aus meiner Sicht
ausdrücklich auch für das
Bundesverfassungsgericht. Nun sagt Herr Strauß, Gerichte sind doch
dazu da, auch das Verfassungsgericht, daß man sie
anruft. Stimmt! Nur — auch auf der Ebene
draußen —, wer ohne Not und überflüssigerweise dorthin
läuft: den nennt man einen „Prozeßhansl", und das
kann man auch auf die höhere Ebene anwenden.
(Beifall bei der SPD - Zurufe von der
CDU/CSU)
Übrigens kann auch eine Inflation an
Untersuchungsausschüssen — aber im Moment gibt es ja
„nur" in Bonn, München und Stuttgart welche —
(Hartmann [CDU/CSU]: Inflation an
Affären! — Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
der parlamentarischen Demokratie kaum gut tun.
Jedenfalls — sagen Sie das bitte Herrn Strauß
weiter —,
(Erneute Zurufe von der CDU/CSU)
wer in der Lage ist, selbst etwas aufzuklären oder
aufklären zu helfen,
(Schwarz [CDU/CSU] : Ihr vertuscht doch
alles!)
der sollte nicht statt dessen nach einem
Untersuchungsausschuß rufen und erstmal
Verdächtigungen verbreiten.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Sonst darf er sich nicht wundern, wenn er
schlafenden Rattenfängern Melodien liefert.
(Dr. Schäfer [Tübingen] [SPD] : Sehr gut!)
Ich komme auf meinen Ausgangspunkt zurück.
Wir sollten auch in der oft unvermeidlichen Hitze
des politischen Gefechts möglichst nie aus dem
Auge verlieren, weshalb wir die
Auseinandersetzung führen. Wir sind hier — wem sage ich es? —
Teil der freiheitlichen Ordnung unseres Staates, die
dem Bürger das Grundrecht zur demokratischen
Teilhabe garantiert. Es liegt an uns allen, wie ernst
wir dieses Grundrecht, wie ernst wir also den
Bürger nehmen und was wir dazu tun, daß er als
Bürger in der Demokratie handlungsfähig und bereit
bleibt — und es zunehmend wird —, daß er, im
besten Sinne aufgeklärt, Kritik üben oder unserer
Arbeit zustimmen kann.
Auch in diesem — wie man sagt — Hohen Hause
sind, wie wir heute morgen wieder erfahren haben,
Töne zu hören, die nicht zweifelsfrei von der
Leitmelodie des mündigen Bürgers bestimmt sind;
damit meine ich nicht nur die Sprache. Es geht um
ein grundsätzlicheres Verständnis von Politik, dem
wir als Demokraten verpflichtet sind, wollen wir
nicht die Basis — und hier paßt der Ausdruck
wirklich mal — unterspülen lassen.
Natürlich gibt es verschiedene Auffassungen von
Politik. Das Modell von Sonthofen beispielsweise,
in dem ausdrücklich angeraten wurde — wenn man
es noch mal genau liest —, nicht aufzuklären. Das
war hoffentlich nicht ganz so zynisch gemeint, wie
es dort stand. Aber manches davon hat negativ
fortgewirkt.
Ich meine, meine Damen und Herren, was die
Grundfragen angeht, gibt es eigentlich nur ein
demokratisches Prinzip. Ich darf uns alle eindringlich
und keineswegs frei auch von Selbstkritik bitten,
der Versuchung zu widerstehen, mit diesem Prinzip
leichtfertig umzugehen. Vielleicht darf ich auch
dies wieder an ein paar Beispielen deutlich
machen.
Kommt es nicht an Verweigerung heran, wie sich
gegenwärtig einige Vertreter der Opposition mit
unserer Bundeswehr befassen? Ich meine nicht den
Untersuchungsausschuß; dazu habe ich meine
Meinung gesagt. Aber ich meine, wie Sie — einige
Vertreter der Opposition — die Bundeswehr in
Ihren öffentlichen Äußerungen herabsetzen und sich
damit in krassen Widerspruch setzen zur Meinung
unserer Verbündeten und nicht nur dieser.
(Beifall bei der SPD)
Als maßlose Übertreibung muß ich das bezeichnen,
was Herr Strauß und andere führende Vertreter der
Unionsparteien nun schon seit geraumer Zeit zum
Thema der inneren Sicherheit von sich geben. Es
zeugt auch von einem sehr verengten Blick. Sonst
müßte man sich doch einig darüber sein können, daß
wir es über unsere eigenen Sorgen hinaus mit
europäischen und internationalen Erscheinungen des
Terrorismus und anderer Gewalthandlungen zu tun
haben. Man müßte übrigens auch einmal
anerkennen, daß sich in der internationalen Zusammenarbeit
bei der Bekämpfung von Terrorhandlungen endlich
gewisse Fortschritte ergeben. Es sind noch nicht
genug; aber, ich finde, es ist zu begrüßen, daß sich
etwas bewegt.
Wir Sozialdemokraten waren und sind der
Meinung, daß wir das sicherheitspolitische
Instrumentarium verbessern müssen, aber nicht durch falsche
Betriebsamkeit und auch nicht durch das Aufpeitschen
von Emotionen, sondern mit Verstand und mit
Augenmaß.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Nach den Einlassungen der Opposition ist nun
klargeworden: Da sie alles — was sie für alles hält —
nicht bekommen kann, will sie lieber nichts. So
habe ich es verstanden. Das kann doch nicht
vernünftig sein, das kann doch nicht überzeugen. Das
wird auch nicht überzeugender durch die falschen,
abgrundtief falschen Alternativen, die Herr Strauß
hier heute früh dem Bundeskanzler hat aufdrücken
wollen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Das andere ist nicht so wichtig, seine nicht sehr
sachkundigen Auffassungen über den
Meinungsbildungsprozeß innerhalb der sozialdemokratischen
Fraktion. Da könnten ihm Kollegen von uns ruhig
einmal Nachhilfeunterricht geben.
(Frau Berger [Berlin] [CDU/CSU] : Herr
Coppik! — Dr. Hennig [CDU/CSU] : Herr Thü
-
sing!)
Aber wir weisen die — ich muß mich beherrschen,
um nicht unparlamentarisch zu werden —
unglaublichen Verdächtigungen und Anwürfe, die Herr
Strauß hier gegen den Bundeskanzler erhoben hat,
nachdrücklich zurück.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Übrigens, zu einem Punkt hätte ich gerne etwas
von den Rechtsgelehrten der Unionsfraktion gehört.
Die Ausführungen von Herrn Strauß zu einem
Punkt, nämlich zur Sicherungsverwahrung, laufen
doch, wie Ihnen klar wird, wenn Sie es nachher im
Protokoll nachlesen, falls es jetzt nicht jedem klar
ist, zweifelsohne auf eine rückwirkende Änderung
dieser Bestimmungen hinaus,
(Dr. Schäfer [Tübingen] [SPD] : .Sehr richtig!
— Widerspruch bei der CDU/CSU —
Schwarz [CDU/CSU]: Kein Popanz!)
denn nur dann kann die Entlassung bereits
Verurteilter verhindert werden.
(Erneuter Widerspruch bei der CDU/CSU —
Dr. Schäfer [Tübingen] [SPD] : Natürlich!)
Genau hierüber hat Herr Strauß gesprochen.
(Dr. Schäfer [Tübingen] [SPD]: Genau!)
Bisher hat die Opposition im Rechtsausschuß die
verfassungswidrige Gesetzesänderung nicht
verlangt, die Herr Strauß heute hier vom Podium
vorgetragen hat.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zurufe
von der CDU/CSU)
Wir möchten, daß die Gemeinsamkeit
(Wohlrabe [CDU/CSU] : Das ist aber von
wenig Sachkunde getragen! — Schwarz
[CDU/CSU]: Typisch Brandt!)
der Abwehr von Gewalt nicht verschüttet wird.
(Dr. Jenninger [CDU/CSU]: Typisch Brandt!)
— Das ist Ihnen unangenehm; ich muß es
einstecken, daß Sie deswegen ein bißchen unruhig
werden. Das macht nichts.
(Dr. Jenninger [CDU/CSU] : Nein, Sie
verstehen nichts von der Geschichte!)
Aber gemeinsam mit allen, die sich in der Welt
umschauen und die Erfahrungen der eigenen
Vergangenheit beherzigen, d. h. auch mit Ihnen,
hoffentlich mit allen von Ihnen, jedenfalls mit vielen von
Ihnen, möchten wir neben dem Nachdenken über
die Vervollständigung des Instrumentariums dafür
sorgen, daß die freiheitliche Substanz unseres
Rechtsstaates nicht angetastet wird. Das ist kein Thema,
das aus unserer Sicht kontrovers diskutiert werden
muß, sondern eines, das im Sinne der Beidseitigkeit
der Problematik, mit der wir es zu tun haben,
diskutiert werden sollte.
(Dr. Barzel [CDU/CSU] : Dann darf nicht eine
Seite die Thematik so einschränken, Herr
Brandt!)
— Gut, ich habe ja von vornherein gesagt, wir
haben einander vermutlich in beiden Richtungen
etwas zu sagen. Ich habe nicht behauptet, daß wir
nicht auch zuzuhören hätten, wenn die Union zu
diesen und zu anderen Themen hier oder
anderswo etwas zu sagen hat.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang aus
meiner Sicht noch auf folgendes hinweisen, gerade
nachdem ich wieder manches gelesen habe, was in
der letzten Zeit draußen geredet und geschrieben
wurde: Ich bleibe der festen Überzeugung, daß man
orientierungslosen, suchenden jungen Menschen —
und von denen gibt es doch eine ganze Menge —
nicht so begegnen darf, als seien sie potentielle
Verbrecher. Das ist nicht vernünftig.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Der Dialog mit der jungen Generation, nicht nur,
aber auch an den Hochschulen, ist nicht leichter, er
ist aber wieder wichtiger geworden. Mit
Verteufelungen — hier sind hoffentlich die meisten von uns
auch einer Meinung — ist nichts Vernünftiges zu
erreichen. Ich füge hinzu — und ich weiß, was ich
sage —: Manches, was zum vermeintlichen Schutz
der Verfassung erfunden wurde, hat sich nicht
bewährt.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Wir dürfen der Demokratie nicht mehr aufladen, als
sie zu tragen vermag. Vor allem dürfen wir die
Jugend nicht mit ihren unmittelbaren Problemen
allein lassen.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Das sind die Fragen der Berufsausbildung, der
Arbeitsplätze, der Arbeitsbedingungen an den hohen
Schulen, aber es sind auch die weiterreichenden
Fragen einer friedlichen und würdigen Existenz in
der Zeit, in die die hineingehen, die nach uns
kommen. Ein Volk ist eben auch verantwortlich für
seine Jugend.
(Wohlrabe [CDU/CSU] : Eine große Er
-
kenntnis!)
Was aus ihr wird, geistig und materiell — wenn ich
Ihnen zumuten darf, über den Begriff „geistig" mit
nachzudenken, Herr Wohlrabe —,
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zurufe
des Abg. Haase [Kassel] [CDU/CSU])
dafür tragen wir Alteren Verantwortung. Es liegt
mit an uns, statt Existenzflucht Lebensmut, statt
Duckmäusertum
(Dr. Hennig [CDU/CSU] : Fröhlichkeit!)
Freiheitswillen zur Entfaltung kommen zu lassen.
Ich muß noch auf ein anderes Beispiel für grobe
und zuweilen bösartige Desinformation zu sprechen
kommen.
(Wohlrabe [CDU/CSU]: Presseamt! Darauf
kommen wir noch!)
Sie, meine Damen und Herren von der Opposition,
haben das gute Recht, sich mit unserer
Vertragspolitik kritisch auseinanderzusetzen.
(Zuruf von der CDU/CSU)
Ich bestreite Ihnen aber das Recht, ein Mitglied
dieses Hauses, das mit vielen anderen die
Vertragspolitik nicht zerstören lassen will, einen Anwalt
des Unrechts zu nennen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Mit unserem Kollegen Egon Bahr, der aus den
Reihen der Opposition so tituliert, also beleidigt
wurde, sind wir der Meinung, daß die
Vertragspolitik nicht zerstört werden darf, sondern daß sie zur
Sicherung des Friedens und im Interesse der
Menschen ,weiterentwickelt werden muß.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Was an uns liegt, wir werden sie nicht
kaputtmachen lassen.
In der Deutschlandpolitik — Herr Strauß hat
darüber nicht gesprochen, aber ich rede darüber, denn
wir reden über den Einzelplan 04 — hat sich die
Haltung der Opposition leider weiter zum
Negativen entwickelt. Nach dem, was man an Stimmen
der Vernunft aus Kreisen der Opposition heute
nicht mehr hört, kann man bezweifeln, daß bei
Abstimmungen noch so viele Stimmen der Enthaltung
oder des Ja aus den Reihen der Opposition zu
erwarten wären, wie das vor einigen Jahren der Fall
war.
(Wohlrabe [CDU/CSU] : Es ist seitdem auch
vieles schlimmer geworden!)
Das Abrutschen auf das heute zu vernehmende
Niveau des totalen Nein ist für die
Deutschlandpolitik unseriös und damit schädlich.
(Dr. Hennig [CDU/CSU] : Das totale Nein
sagen doch Sie!)
Die Erfolge der Politik dieser Koalition sind bei
allen Rückschlägen oder nicht geleugneten, nicht
vermeidbaren Unvollkommenheiten so, daß es zu
ihrer Fortsetzung keine Alternative gibt. Wenn wir
die andere Seite in Schwierigkeiten sehen, so mag
das kein Grund zu großem Bedauern sein. Aber es
darf im Interesse unseres ganzen Staates und seiner
Menschen kein Grund sein, ein Feuer zu schüren,
das außer Kontrolle geraten könnte.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die Opposition sollte im übrigen nicht vergessen,
daß sie sich über die Verletzung von Verträgen
durch die DDR beklagt, die sie selber mehrheitlich
abgelehnt hat.
Ich will, was die Entspannung im allgemeinen
angeht, noch folgendes hinzufügen. Die Entspannung
gedeiht leider nicht von allein. Man muß etwas für
sie tun. Alle müssen etwas für sie tun. Es ist meine
Überzeugung, daß die Entspannung über die
nächsten Jahre hinweg nicht bestehen wird., wenn sie
nicht auch auf dem Gebiet der Rüstungen, also des
Verhältnisses der Rüstungen zueinander und der
Rüstungsbegrenzungen, bestätigt und konkretisiert
wird. Darüber hat Herr Strauß nicht sprechen
wollen oder nicht mehr sprechen können. Daran dachte
ich, als ich vorhin sagte, daß er sich zu einigen der
drängendsten Fragen nicht ausgelassen hat. Dies ist
für uns Sozialdemokraten mit die drängendste
Frage: im letzten Jahr 400 Milliarden Dollar für
Rüstungsausgaben; wen könnte das ruhig schlafen
lassen!
(Beifall bei der SPD)
Es ist wahr, Herr Strauß hat sich kurz zur
Neutronenwaffe und zu einem Brief Breschnews geäußert,
den ich nicht kenne und den vermutlich auch Herr
Strauß nicht kennt. Ich meine, die Grauzonenwaffen
müssen in die Verhandlungen zwischen Ost und
West einbezogen werden.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Ich finde es unbefriedigend, daß die SU polemisiert,
ohne selber einen Verzicht auszusprechen, und daß
sich die CSU über Waffen freut, über die noch gar
nicht entschieden worden ist.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir brauchen, wenn der Menschheit — nicht nur
unserem Volk — nicht gewaltige Gefahren drohen
sollen, ernsthafte Verhandlungen über Rüstungsbe
-
grenzung und Rüstungskontrolle, über SALT II
hinaus hin zu einem ersten Einstieg,
(Zuruf von der CDU/CSU: Ohne Vor
leistung!)
zu einem stabilisierenden Akt als Ergebnis der
Wiener Verhandlungen. Wir brauchen — auch davon
war hier nicht die Rede — eine erste, wenn auch
noch so schwache Verknüpfung zwischen Rüstung
und Entwicklung oder, wenn Sie wollen, zwischen
Weltrüstung und Welthunger. Dies muß zu einem
Hauptpunkt der in Aussicht stehenden
Sonderversammlung der Vereinten Nationen gemacht werden.
(Beifall bei der SPD)
Hier war heute morgen auch nicht vom Nahen
Osten die Rede. Ich kann hier an einem Tag wie
diesem, nach der Sadat-Rede und nach der Begin-
Rede, nicht sprechen, ohne dazu auch ein Wort aus
meiner und unserer Sicht zu sagen. Ich hoffe, nein,
ich bin sicher, wir sind alle in diesem Haus der
Überzeugung, daß es uns Deutsche und Europäer
mitbetrifft, was sich dort vollzieht, daß wir dem
mutigen Aufeinander-Zugehen mehr als Sympathie
entgegengebracht haben und daraus die Hoffnung
ableiten, daß nicht ein Rückfall in eine zerstörerische
Entwicklung eintritt. Wenn es so ist, daß wir
hierüber gar nicht zu streiten brauchen, dann will ich
im Namen der SPD ausdrücklich hinzufügen: Das
Bemühen um eine friedliche Lösung in dieser unserer
Nachbarregion darf bitte nicht aufgegeben und darf
bitte nicht verschüttet werden. Wir sind mit ganzem
Herzen bei denen, die nicht aufgeben, sondern sich
um gesicherten Frieden und eine möglichst gerechte
Lösung für alle Beteiligten in der Region bemühen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Und wir meinen, daß die Bundesrepublik
Deutschland in und mit der Europäischen Gemeinschaft
dieses Bemühen begleiten und ermutigen muß: a) durch
Mitverantwortung, sogar durch Mitgarantie, wenn
dies erwünscht ist,
(Zuruf des Abg. Dr. Barzel [CDU/CSU])
b) durch das Inaussichtstellen einer umfassenden
friedlichen Kooperation zwischen jener Region und
dem sich organisierenden Europa.
Wenn ich nun noch mal von mir selbst sprechen
darf, möchte ich sagen: Sie haben ein gräfliches
Mitglied Ihrer Fraktion ohne Widerspruch sagen lassen,
ich — ich zitiere jetzt — betreibe das Geschäft
Moskaus. Weshalb? Weil — so war die Logik, wenn es
eine gibt — ich in Daressalam und in Lusaka mich
dafür eingesetzt habe, daß der Rassismus und die
Reste des Kolonialismus im südlichen Afrika
überwunden werden, und zwar so rasch wie möglich.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Wohl
rabe [CDU/CSU] : Aber nicht durch Guerilla
truppen, sondern auf friedliche Weise!)
Ich bin nicht geneigt, mich hiervon abbringen zu
lassen. Die Bundesregierung ist gut beraten, wenn sie
die Beschlüsse der Vereinten Nationen weiterhin
ernst nimmt.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zuruf
des Abg. Wohlrabe [CDU/CSU])
Dadurch — Herr Kollege, der Sie zwischenrufen —
kann unnötiges Blutvergießen vermieden und der
Gefahr begegnet werden — und diese Gefahr
existiert —, daß unser Nachbarkontinent zum
Schauplatz von zerstörerischen Großmachtkonflikten wird.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Da mögen uns einige nennen, was sie wollen: Wir
sind gegen Rassenherrschaft und Kolonialismus,
(Beifall bei der SPD und der FDP)
für friedlichen Ausgleich, wo immer er noch
möglich ist, und für freundschaftliche Verbindungen mit
denen, die sich ihre Freiheit und ihre
Unabhängigkeit nicht länger vorenthalten lassen wollen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Ich kann es mir bei dieser Gelegenheit nicht
verkneifen, Sie daran zu erinnern, daß der Streit um
wichtige Teilgebiete der Außenpolitik früher anders
ausgetragen worden ist. Wir Sozialdemokraten
hatten ernste Bedenken gegen wichtige außenpolitische
Vorhaben, die mit dem Namen Konrad Adenauer
verbunden waren und bleiben. Darüber ist hier
leidenschaftlich gestritten worden, bis sich die
objektive Lage geändert hatte. Aber ich bitte die älteren
Kollegen, sich einmal daran zu erinnern und es
vielleicht auch den jüngeren zu sagen, wie peinlich wir
Sozialdemokraten im Ausland darauf geachtet
haben, gemeinsame Interessen wahrzunehmen, obwohl
wir in der Opposition standen, jedenfalls nicht der
Regierung des eigenen Landes Knüppel zwischen die
Beine zu werfen.
(Beifall hei der SPD und der FDP — Zurufe
von der CDU CSU: Wehner in Moskau!)
Konrad Adenauer und Heinrich von Brentano haben
das zu würdigen gewußt, und ich vermute, daß
gerade der Kollege Gerhard Schröder aus der
damaligen Zeit nicht nur Negatives in Erinnerung behalten
hat.
Ich weiß wohl: Im Bewußtsein vieler werden die
staatspolitischen Aufgaben einer konstruktiven
parlamentarischen Opposition nicht gewürdigt oder
gering geachtet. Wir Sozialdemokraten haben hierzu
seinerzeit einen nicht einfachen, sondern teilweise
schmerzhaften Lernprozeß durchmachen müssen.
Aber wir haben das im Laufe einer einzigen, nämlich
der ersten, Legislaturperiode hinter uns gebracht.
Andere bemühen sich darum nun schon — wenn sie
es tun — im neunten Jahr.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Konstruktives Zusammenwirken von Regierung
und Opposition erfordert das Ringen um bessere
Lösungen, wenn es sein muß, auch mit harten
Bandagen. Aber der politischen Auseinandersetzung, dem
legitimen Kampf um politische Macht sollten — ich
nehme auch diesen Faden wieder auf — doch
Grenzen gesetzt sein. Sie waren nicht zuletzt durch die
prinzipielle Regierungsfähigkeit gesetzt, die auch
eine Opposition nachweisen muß. Aber ich gebe zu,
es wird vielleicht immer schwieriger, über den lang
gewordenen schwarzen Schatten zu springen.
Bundespräsident Walter Scheel hat um die
Jahreswende in einem Interview mit Recht darauf
hingewiesen, daß die Grenzen der Zukunft sichtbar
geworden seien. Er fügte hinzu, diese neue Erfahrung
werde die westliche Zivilisation tiefgreifend
verändern. Der Bundespräsident fuhr fort — ich darf
zitieren —:
Ich mache mir Sorgen darüber, ob wir uns als
fähig erweisen, die Grenzen frühzeitig, richtig
und in vollem Umfang zu erkennen und diese
Erkenntnis in unser Handeln, in unsere
politischen Entscheidungen einzubeziehen. Ich mache
mir Gedanken
— so der Bundespräsident —
über die Funktionsfähigkeit und die
Anpassungsfähigkeit unserer freiheitlich-
demokratischen Ordnung und ihrer staatlichen
Institutionen angesichts dieser großen Herausforderung.
Der Bundespräsident kam zu dem Schluß:
Ich halte es für die große Aufgabe der Politik,
neue politische Gesamtbilder zu erarbeiten, wie
wir in Zukunft leben können und wie wir in
Zukunft leben wollen.
Soweit das Zitat. Das sollte in der Tat unsere
Aufgabe sein, auch hier 'in diesem Parlament. Dieser
Wettstreit ist es wert, aufgenommen zu werden.
Wenn wir dem ausweichen, darf sich niemand
wundern, wenn sich politisches Interesse von Bürgern
am Parlament und an Parteien vorbei artikuliert, ja,
sich dann auch auf eine Weise Ausdruck zu
verschaffen sucht, die an die Substanz des
demokratischen Staates rühren kann.
Es ist Aufgabe und Pflicht sowohl der Koalition
als auch der Opposition, sich Gedanken über das
zu machen, was auf uns zukommt. Es ist unsere
Pflicht, dies neben unserer Tagesarbeit nicht zu
versäumen, jeder auf seine Weise. Aber warum
eigentlich nicht dort, wo es geht, auch im Gespräch
miteinander?
Ich will jetzt nur auf einen Aspekt dessen
hinweisen, was mit neuen Grenzen zu tun hat, mit
tiefgreifenden Veränderungen für die westliche
Zivilisation, und ich möchte damit eine Bitte
verbinden dürfen. Mich hat gefreut, daß in der
Regierungserklärung der vorigen Woche über die neue
unabhängige Kommission für internationale
Entwicklungsfragen Freundliches, Positives gesagt
worden ist, jene Kommission, deren Vorsitz ich auf
Vorschlag von Weltbankpräsident McNamara
übernommen habe. Meine Partei betrifft dies auch, aber
erst in zweiter Linie; denn ich habe den Vorsitz
jener Kommission nicht als Parteivorsitzender,
sondern in persönlicher Verantwortung übernommen,
gemeinsam mit Kollegen aus einer Reihe anderer
Länder und aus sehr unterschiedlichen
Erfahrungsbereichen. Natürlich habe ich Wert darauf gelegt,
auch Kollegen aus konservativen und
christdemokratischen Erfahrungsbereichen um ihre Mitarbeit
zu bitten, und sie sind freundlich genug gewesen,
diese zuzusagen.
Deshalb habe ich die Bitte, das ernsthafte
Bemühen — schwierig genug wird es sein - um einen
neuen überparteilichen Beitrag zum weltweiten
Nord-Süd-Dialog nicht ohne Not durch
kleinkarierten bundesrepublikanischen Parteienstreit zu
belasten.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Ich weiß nicht, ob die Kommission den in sie
gesetzten Erwartungen auch nur einigermaßen wird
gerecht werden können, wenn sie ihren Bericht in
eineinhalb Jahre vorlegt. Aber es ist gewiß an der
Zeit, die Beiderseitigkeit und die Gegenseitigkeit
der Interessen von Industrieländern und
Entwicklungsländern neu zu definieren. Das ist nicht
möglich, wenn man dogmatisch gefärbte Brillen aufsetzt.
Nicht die CDU insgesamt, aber Übereifrige aus ihren
Reihen haben gemeint, wir, die wir diese Arbeit
in Gang gesetzt hätten, seien vom Weg der
marktwirtschaftlichen Tugend abgewichen, als wir in
jener Kommission in Übereinstimmung mit dem
Generalsekretär der Vereinten Nationen, Herrn
Waldheim, von der Notwendigkeit einer neuen
weltwirtschaftlichen Ordnung gesprochen haben. Das ist
doch, wenn man nicht unbedingt Streit sucht, kein
Anlaß, Streit zu führen. Auf den Inhalt wird es
ankommen, weniger auf die Überschrift, und die
allermeisten von uns werden sich darüber im klaren
sein, daß es in den internationalen wirtschaftlichen,
sozialen und politischen Beziehungen nicht nur
kosmetischer, sondern tiefgreifender Veränderungen
bedarf.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Die Welt, in der wir leben, kann nicht nur durch
das Ergebnis von Wettrüsten und nuklearer
Eskalation in die Luft gejagt werden; auch
internationaler Klassenkampf — wenn das Wort hier
richtig verstanden wird — kann an den Rand der
Katastrophe oder von Katastrophen führen.
(Zustimmung bei Abgeordneten der SPD)
Unsere eigenen Interessen sind direkt und
indirekt in vielfacher Hinsicht berührt. Deshalb
brauchen wir viel Aufgeschlossenheit für die neuen
Probleme, wir brauchen die Fähigkeit, über unsere
eigenen Beiträge gründlich und unvoreingenommen
nachzudenken, und ich bin sicher, daß ich nicht nur
von Kollegen meiner eigenen Fraktion verstanden
worden bin.
(Anhaltender Beifall bei der SPD und der
FDP)
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: Der Herr
Kollege Brandt hatte dankenswerterweise schon in
seiner Rede darauf hingewiesen, daß der Herr
Kollege Strauß zur Zeit von Herrn Staatspräsident
Bongo empfangen wird. Er legt verständlicherweise
Wert darauf, daß das Hohe Haus das weiß, weil er
unmittelbar nach seiner Rede für 1 1/2 Stunden das
Haus verlassen mußte.
Das Wort hat der Herr Abgeordnete Hoppe.
Hoppe (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Die geballte Polemik des Kollegen Strauß
ist auf die Bundesregierung und den Haushalt
niedergegangen. Nun, ich habe gar nichts gegen
Polemik, . insbesondere dann nicht, wenn sie gekonnt
vorgetragen wird und das Salz der
parlamentarischen Auseinandersetzung ist. Aber mit Formulie
-
rungen wie „Kriegsfinanzierung im Frieden" und
bösartigen Unterstellungen im Zusammenhang mit
der Terrorismusbekämpfung ist doch wohl die
Grenze des guten Geschmacks weit überschritten.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Es wurde wieder einmal knallhart zugeschlagen,
aber kräftig danebengehauen.
(Erneuter Beifall bei der FDP und der SPD)
Kollege Strauß hat dann noch vorgeschlagen,
einen Rumpelstilzchen-Preis zu stiften. Beim
Stiftungsakt kann er ganz gewiß aus einem schillernden
Fundus seines eigenen politischen Lebens schöpfen.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Gerade bei dem von ihm gewählten Beispiel von
dem zum Siegen angetriebenen Rennpferd, dem die
Vorderbeine zusammengebunden sind, wird dies für
jeden ganz eindringlich plastisch, denn ganz genau
so geht er mit dem Oppositionsführer um.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Auch wenn der Kollege Strauß der Bundesregierung
vorwirft, sie jage einem Phantom nach, muß er wohl
von seiner eigenen Vergangenheit getrieben und
verfolgt worden sein; sein Phantom heißt nämlich
Starfighter.
(Beifall bei der FDP und der SPD — Wohl
rabe [CDU/CSU] : Sie waren auch schon
einmal besser! — Zuruf von der CDU/CSU:
Auch Polemik muß geübt werden!)
Aber angesichts der problemgeladenen aktuellen
Situation werde ich jetzt auf einen Ausflug in die
Vergangenheit verzichten.
Bei der CDU/CSU wird eine solche Rückschau
immer gleich zu einem Stück
Selbstbeweihräucherung; Entscheidungshilfen werden dadurch nicht
geliefert und Entscheidungen nicht begünstigt.
Gleichwohl — das verstehe ich — möchten Sie immer
wieder das Bild entstehen lassen, daß wir zu Unions-
Zeiten im Schlaraffenland lebten, weil die CDU/
CSU nun einmal zum Wirtschaftslenker und
Menschheitsbeglücker geboren ist. Dagegen sind die
Sozialliberalen aus Ihrer Sicht — naturgemäß aus
schwarzer Perspektive — das genaue Gegenteil
davon. Mit diesem immer wieder aufgewärmten
Märchen kann Franz Josef Strauß zwar immer noch
seine Kollegen hier entzücken, aber anderswo ist
damit niemand mehr zu beglücken, selbst nicht im
Bayerischen Wald.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Unsere Bevölkerung wünscht präzise Antworten
auf aktuelle Fragen. Im Zusammenhang mit dem
Haushalt 1978 ist es deshalb erforderlich, auf die
gesamtwirtschaftliche Entwicklung des letzten
Jahres zurückzugreifen; denn die wirtschafts- und
finanzpolitischen Ziele, denen dieser Haushalt zu dienen
hat, werden naturgemäß durch den
Wirtschaftsablauf des vorangegangenen Jahres entscheidend
beeinflußt. Das Wirtschaftswachstum ist im Jahre 1977
nicht so vorangekommen, wie es den
beschäftigungspolitischen Erfordernissen entsprochen hätte. Bei
einem realen Wirtschaftswachstum von nur 2,5 %
hat sich die Arbeitsmarktlage insgesamt nicht
verbessert. Allerdings konnten bei der Preisentwicklung
erfreuliche Stabilisierungsfortschritte erzielt
werden. So gut wie die Bundesrepublik steht in Sachen
Stabilität kein Land sonst in der Europäischen
Gemeinschaft da.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Die Gründe für die Verlangsamung des
Wachstums sind bekannt; sie müssen nicht wiederholt
werden. Es kann auch eine Aufzählung dessen
unterbleiben, was an steuerlichen
Entlastungsmaßnahmen und gezielter Investitionssteigerung durch
Bundesregierung und Parlament
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Agrarbericht 1977 Agrar- und ernährungspolitischer Bericht der Bundesregierung (G-SIG: 00000177)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Beratung des Agrarberichts 1977 der Bundesregierung (G-SIG: 00000403)
- part_of_vorgang → Entwurf einer Richtlinie des Rates über bestimmte Erzeugnisse für die Tierernährung "EG-Dok. R/1927/77 (AGRI 539)" (G-SIG: 00000799)
- part_of_vorgang → Vorschlag einer Verordnung (EWG) des Rates zur Änderung der Verordnung (EWG) Nr.2772/75 über Vermarktungsnormen für Eier "EG-Dok.R/1890/77 (
- spoke_in ← Hans-Dietrich Genscher (Rede)
- spoke_in ← Walter Picard (Rede)