Rede von Sevim Dağdelen (DIE LINKE) – Drucksache 16/4201
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 11: Drucksache 16/4201 –.
Text
Rede von Sevim Dağdelen (DIE LINKE) – Drucksache 16/4201
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Wieder ist ein Jahr um. Gestern ist wieder ein
Internationaler Tag gegen Rassismus vorübergegangen.
Wieder ist eine Aktionswoche gegen Rassismus so gut
wie vorüber. Wieder bleibt die Kritik an der
Bundesregierung bestehen – leider; ich wünschte es wäre nicht so.
Auf der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus 2001
in Afrika, in Durban, hatte sich die damalige rot-grüne
Bundesregierung, die ja so antirassistisch war,
verpflichtet, bis Ende 2003 unter Einbeziehung der
Zivilgesellschaft einen nationalen Aktionsplan gegen Rassismus zu
verabschieden. Dies ist bis heute, bis 2007, nicht
geschehen. Wie schon im letzten Jahr steht also der Vorwurf,
dass die Koalition nichts Substanzielles im Kampf gegen
Rassismus zu bieten hat.
Der britische Soziologe und Begründer der Cultural
Studies, Stuart Hall, sagte einmal:
Wenn man in einer Gesellschaft ohne
antirassistische Politik lebt, ist man dazu verurteilt, in einer
rassistischen Gesellschaft zu leben …
Lassen Sie uns einen Blick darauf werfen, in was für
einer Gesellschaft wir leben. Täglich werden Menschen
wegen ihrer Herkunft oder ihres Aussehens bedroht,
diskriminiert, tätlich angegriffen. Rassistische Übergriffe
und Propaganda gehören zum Alltag dieser Republik.
Doch das ist nicht alles: Unabhängige Stellen gehen von
mehr als 130 Todesopfern rassistischer Gewalt seit 1990
aus.
Laut dem Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer
und laut einer Studie der Herren Brähler und Decker für
die Friedrich-Ebert-Stiftung ist Rassismus ein
gesamtgesellschaftliches Problem. Zwischen 30 und 40
Prozent der Gesellschaft stimmen ausländerfeindlichen
Statements zu. 15 Prozent meinen, die Deutschen seien
anderen Völkern von Natur aus überlegen. Noch
10 Prozent sind der Ansicht, dass es „wertes und
unwertes Leben“ gibt. Für die Bundesregierung ist dies
offensichtlich kein hinreichender Grund, die Bekämpfung des
Rassismus zu einer Priorität ihrer Arbeit zu machen.
Rassismus wird zu einem Randproblem gemacht. Doch,
meine Damen und Herren von der Großen Koalition, Sie
müssen endlich wissenschaftliche Analysen zur
Kenntnis nehmen.
Brecht hat einmal in „Leben des Galilei“ treffend
formuliert:
Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein
Dummkopf. Wer die Wahrheit kennt und sie eine
Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.
Ich denke, dass in diesem Sinne der Umgang der
Bundesregierung mit dem Thema Rassismus schlampig ist.
Die Linke ist der Überzeugung, dass ein großer Teil der
Ursachen des Rassismus in der Politik liegt, nicht, wie in
der gestrigen Presseerklärung der deutschen
Ratspräsidentschaft behauptet, in der Globalisierung und
Entstehung multiethnischer Gesellschaften
Wir sehen die Ursachen in der gesellschaftlichen
Ungleichverteilung sozialer Ressourcen und
politischer Rechte, die gezielt und gewollt Menschen aus der
Gesellschaft ausgrenzt und diskriminiert. Das sind die
Ursachen! Bestes und jüngstes Beispiel dafür – ich
erwähne es hier noch einmal – ist die sozialchauvinistisch
geführte Debatte zum Bleiberecht. Ein weiteres Beispiel
ist, wie Sie immer wieder Verschärfungen im
Zuwanderungsrecht gegenüber der Öffentlichkeit begründen.
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das hatten
wir doch schon eben!)– Man kann es nicht oft genug sagen, Herr Grindel.
Der Umgang mit Flüchtlingen in der Bundesrepublik
Deutschland, etwa im Aufnahmeverfahren, bei der
sozialen Versorgung und im gesamten System der
Abschiebepraxis ist ein Spiegelbild des gesellschaftlich
weitverbreiteten und akzeptierten Rassismus.
Sogenannte Ausreisezentren und Abschiebeknäste sind
Ausdruck einer rassistischen Asyl- und Immigrationspolitik.
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Jetzt ist aber
mal gut!)
Eine Sondergesetzgebung für Flüchtlinge, zum Beispiel
das Asylbewerberleistungsgesetz, legitimiert
diskriminierende und rassistische Praktiken in diesem Land:
Hindernisse und Ausschlussmechanismen, beispielsweise
auf dem Wohnungsmarkt, auf dem Ausbildungsmarkt
und am Arbeitsmarkt. Es ist zu hoffen, dass der nationale
Aktionsplan gegen Rassismus dank unserer zwei
Kleinen Anfragen, die wir im Herbst letzten Jahres gemacht
haben, und dank unseres Antrag endlich umgesetzt wird.
Doch mehr als Lippenbekenntnisse erwarten wir
nicht. Warum wurde es tunlichst vermieden,
Nichtregierungsorganisationen einzubeziehen? Das Scheitern der
Durban-Follow-Up-AG im Forum gegen Rassismus ist
der Bundesregierung zuzuschieben. Für einen
transparenten Prozess fehlten verbindliche Absprachen,
meinten die Nichtregierungsorganisationen. Die einzelnen
Schritte auf dem Weg zu einem Aktionsplan waren
überhaupt nicht definiert. Gerade kleinen Organisationen
fehlte die finanzielle Unterstützung für eine
ehrenamtliche Arbeit, die sich über Jahre hinzog. Die
Organisationen wurden mit Terminzusagen immer wieder
hingehalten, ohne dass ein Entwurf vorgelegt wurde.
Ich muss an dieser Stelle sagen: Es war eine
Dreistigkeit, auf die erste Kleine Anfrage zu diesem Thema zu
antworten, dass die Durban-Follow-Up-AG arbeiten
würde. Bei der zweiten Anfrage haben wir ganz
nebenbei festgestellt, dass sie seit zwei Jahren überhaupt nicht
existiert.
Hinsichtlich des Aktionsplans gegen Rassismus
gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in der EU.
15 Länder haben längst einen Aktionsplan vorgelegt.
Darunter sind sehr viele Länder, die Sie vielleicht gar
nicht einmal so toll finden, zum Beispiel Irland,
Tschechien, Belgien und Zypern. Wir hinken hinterher.
Die Linke fordert in ihrem Antrag von der Regierung,
dass sie die Verpflichtung zu einem Aktionsplan nicht
weiter aussitzt. Unter anderem fordern wir auch, dass er
vor der Verabschiedung im Parlament in die
Öffentlichkeit getragen wird
(Zuruf von der CDU/CSU: Das Parlament ist
die Öffentlichkeit!)
und dass zu diesem Thema eine Expertenanhörung
stattfindet.
Vielen Dank.
(Beifall bei der LINKEN)Sevim Daðdelenğ
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