Mutterschutz von Athletinnen wirksam absichern - Schutzlücken für selbstständige Spitzensportlerinnen schließen
Text
Mutterschutz von Athletinnen wirksam absichern - Schutzlücken für selbstständige Spitzensportlerinnen schließen
Antrag
der Abgeordneten Tina Winklmann, Dr. Ophelia Nick, Helge Limburg, Denise
Loop, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Sandra Stein, Leon Eckert und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Mutterschutz von Athletinnen wirksam absichern – Schutzlücken für
selbstständige Spitzensportlerinnen schließen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Mutterschutz und die Absicherung rund um Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit sind
für die Gesundheit von Mutter und Kind essenziell, aber auch zentrale
Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Erwerbsleben. Wo dieser
Gesundheitsschutz und diese Absicherung nicht verlässlich greift, entstehen strukturelle
Nachteile, die sich insbesondere bei selbstständigen oder vergleichbar nicht klassisch
beschäftigten Erwerbslagen zuspitzen. Vor diesem Hintergrund ist die angekündigte
Einführung eines Mutterschutzes für Selbstständige ein wichtiger Schritt, der in der
Umsetzung praxistauglich und wirksam ausgestaltet werden muss. Im Spitzensport
sind viele Athletinnen in Mischformen tätig, etwa über Förderungen, Prämien,
Sponsoring, projektbezogene Honorare und selbstständige Tätigkeiten. In solchen
Konstellationen können Schwangerschaft und Mutterschaft zu abrupten Brüchen in
Einkommen und Förderketten führen und damit den Zugang zu sportlicher Entwicklung,
Qualifikationswegen und langfristiger Karriereplanung beeinträchtigen. Das betrifft nicht
nur individuelle Lebensläufe, sondern auch die Frage, ob Spitzensportstrukturen
Frauen in allen Lebensphasen gleichberechtigt offenstehen.
Der Bund trägt Verantwortung, Gleichstellung im Spitzensport auch durch wirksame
Rahmenbedingungen abzusichern, insbesondere durch gesetzgeberische
Entscheidungen sowie durch die Ausgestaltung seiner Spitzensportförderung und
bundesfinanzierter Programme. Eine wirksame Absicherung setzt klare Mindeststandards, verlässliche
Umsetzung und transparente Zuständigkeiten voraus, damit Athletinnen ihre Rechte
kennen und diese ohne unnötige Hürden wahrnehmen können.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
Maßnahmen zu ergreifen, damit Mutterschutz und Wiedereinstieg im Spitzensport
auch für Athletinnen in selbstständiger oder vergleichbar nicht klassisch beschäftigter
Erwerbslage verlässlich abgesichert werden; sie wird insbesondere aufgefordert,
a. das im Koalitionsvertrag angekündigte Vorhaben eines Mutterschutzes für
Selbstständige zügig gesetzlich umzusetzen und dabei sicherzustellen, dass
selbstständige Athletinnen sowie vergleichbar tätige Spitzensportlerinnen vom Schutz er-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6009
21. Wahlperiode 19.05.2026
fasst werden, einschließlich Schutzfristen, Gesundheitsschutz und
Einkommensersatz;
b. in der Umsetzung praxistaugliche Regeln für Bemessung, Nachweise und
unregelmäßige Einkünfte vorzusehen, insbesondere mit Blick auf saisonale
Wettkampfzyklen, Prämien und Sponsoringbezüge, damit der Schutz im Spitzensport
tatsächlich wirkt;
c. die Spitzensportförderung des Bundes sowie bundesfinanzierte Programme so
auszugestalten, dass Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit nicht zu
Förderabbrüchen oder Versorgungslücken führen, und hierfür verbindliche Mindeststandards
in Förderrichtlinien, Zuwendungsrecht und Förderverträgen zu verankern;
d. im Dialog mit Spitzenverbänden, Ligen und weiteren Sportorganisationen
Mindeststandards zu vereinbaren, die Athletinnen vor strukturellen Nachteilen beim
Wiedereinstieg schützen, insbesondere bei Kaderstatus, Qualifikationswegen und
vergleichbaren Statusentscheidungen, unter Orientierung an international
erprobten Regelungsmechanismen;
e. evidenzbasierte Standards für Training, medizinische Begleitung und Rückkehr in
den Wettkampfbetrieb zu etablieren, einschließlich individueller
Wiedereinstiegsplanung und Schutz vor faktischem Druck zur zu frühen Rückkehr;
f. eine bundesweit sichtbare Lotsenstruktur einzurichten, indem vorhandene
Strukturen gebündelt und mit einem klaren Auftrag versehen werden, insbesondere die
beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft verortete Servicestelle
Wissensmanagement im Wissenschaftlichen Verbundsystem Leistungssport sowie die
digitale Wissensmanagement Plattform, und die Betreuungsstrukturen an den
Olympiastützpunkten, damit Athletinnen verlässlich zu Mutterschutzansprüchen,
Förderfragen, Vertragspraxis und Wiedereinstieg orientiert werden;
g. ein Monitoring einzuführen und dem Deutschen Bundestag regelmäßig zu
berichten, wie häufig Athletinnen betroffen sind, welche Instrumente greifen, wo
Schutzlücken bleiben und welche Maßnahmen wirksam sind,
Berlin, den 19. Mai 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Begründung
Gleichstellungspolitik entscheidet sich nicht nur an formalen Rechten, sondern an der Frage, ob
Lebensentscheidungen wie Schwangerschaft und Elternschaft in der Praxis zu Nachteilen führen. Im Spitzensport wirken solche
Nachteile besonders hart, weil sportliche Karrieren zeitlich eng getaktet sind und Qualifikationsfenster,
Kaderentscheidungen sowie Förderlogiken häufig an kontinuierliche Leistungsnachweise gekoppelt werden. Wer in
dieser Phase keine verlässliche Absicherung hat, trägt ein erhöhtes Risiko, Karriereentscheidungen gegen
Familienplanung zu treffen oder den Leistungssport unfreiwillig zu verlassen. Förderpolitisch ist das problematisch,
weil der Spitzensport in Deutschland in erheblichem Umfang öffentlich unterstützt wird. Wo öffentliche
Förderung Karrieren ermöglicht, muss sie zugleich dazu beitragen, dass Teilhabechancen nicht strukturell ungleich
verteilt sind. Mutterschutz und ein fairer Wiedereinstieg sind deshalb nicht nur eine soziale Frage, sondern eine
Frage der zielgenauen Verwendung von Fördermitteln und der Glaubwürdigkeit gleichstellungspolitischer Ziele
im Sport.
Die Realität vieler Athletinnen ist dabei nicht mit klassischen Beschäftigungsverhältnissen vergleichbar.
Einkommen entsteht häufig aus mehreren Quellen, die teils schwanken, teils saisonal sind und teils an
Wettkampfteilnahmen geknüpft werden. In dieser Lage reichen allgemeine Hinweise oder freiwillige Einzelfalllösungen
nicht aus. Erforderlich ist eine Absicherung, die planbar ist und die typischen Einkommensmuster im
Spitzensport berücksichtigt, damit Schutz nicht nur auf dem Papier besteht, sondern praktisch wirkt. Zugleich zeigt die
internationale Entwicklung in einzelnen Sportarten, dass Mindeststandards umsetzbar sind, ohne fairen
Wettbewerb zu untergraben. Daraus lässt sich weniger eine Blaupause, aber ein klarer Befund ableiten: Schutzrechte,
Rückkehrmechanismen und organisatorische Flexibilitäten sind regelbar, wenn Zuständigkeiten klar sind und
Standards verbindlich gelten. Für Deutschland bedeutet das, gesetzliche Absicherung und Förderpraxis
zusammenzudenken, statt sich auf freiwillige Lösungen zu verlassen.
Der Antrag verbindet daher zwei Ebenen: erstens eine wirksame Absicherung für selbstständig tätige Athletinnen
im Rahmen der geplanten Regelung für Selbstständige, zweitens verbindliche Mindeststandards in der
Spitzensportförderung des Bundes, damit Schwangerschaft und Mutterschaft nicht zu Förderabbrüchen,
Versorgungslücken oder strukturellen Nachteilen beim Wiedereinstieg führen. Damit Betroffene ihre Rechte tatsächlich nutzen
können, braucht es außerdem eine verlässliche Orientierung im System. Diese soll nicht über neue
Parallelstrukturen entstehen, sondern durch Bündelung und klare Beauftragung vorhandener Strukturen. Ein begleitendes
Monitoring stellt sicher, dass die Wirksamkeit überprüfbar ist und nachgesteuert werden kann.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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