Paralleljustiz in Deutschland - Fehlende Lagebilder und mögliche Defizite bei der Bekämpfung
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Paralleljustiz in Deutschland - Fehlende Lagebilder und mögliche Defizite bei der Bekämpfung
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6554
21. Wahlperiode 18.06.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Sascha Lensing, Dr. Gottfried Curio, Dr. Christian Wirth,
Dr. Bernd Baumann, Christopher Drößler, Jochen Haug, Martin Hess, Steffen
Janich, Markus Matzerath, Arne Raue und der Fraktion der AfD
Paralleljustiz in Deutschland – Fehlende Lagebilder und mögliche Defizite bei der
Bekämpfung
Nach Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden, wissenschaftlichen
Untersuchungen sowie Medienberichten stellt das Phänomen der sogenannten Paralleljustiz
weiterhin eine erhebliche Herausforderung für den deutschen Rechtsstaat dar.
Insbesondere in bestimmten abgeschotteten Clan-, Milieu- und
Parallelstrukturen werden Konflikte mutmaßlich bewusst außerhalb staatlicher Gerichte und
Strafverfolgungsbehörden geregelt (www.faz.net/aktuell/politik/inland/nrw-leg
t-bundesweit-erstes-lagebild-zu-paralleljustiz-vor-17924921.html). Dabei
kommt es nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden unter anderem zu
Einschüchterungen von Geschädigten und Zeugen, informellen „Schlichtungen“,
finanziellen Ausgleichszahlungen sowie zur Einflussnahme auf Ermittlungs-
und Strafverfahren.
Das bislang einzige veröffentlichte Lagebild eines Landeskriminalamtes zum
Themenfeld Paralleljustiz aus Nordrhein-Westfalen beschreibt unter anderem
erhebliche Dunkelfelder, Schwierigkeiten bei der statistischen Erfassung sowie
mögliche Beeinflussungen staatlicher Strafverfolgung (www.welt.de/regionale
s/nrw/article237918963/Kriminalitaet-Forscher-sehen-Paralleljustiz-als-Milieu
problem-in-NRW.html). Ein bundesweites Lagebild oder eine
bundeseinheitliche statistische Erfassung existieren nach Kenntnis der Fragesteller bislang
nicht.
Die Fragesteller sehen hierin eine Gefahr für das staatliche Gewaltmonopol, die
Durchsetzungsfähigkeit des Rechtsstaates sowie das Vertrauen der Bevölkerung
in staatliche Institutionen (https://dortmund.t-online.de/region/dortmund/id_100
195420/paralleljustiz-friedensrichter-bei-muslimischen-konflikten-seine-aufgab
en.html).
Nachdem sich die Fragesteller bereits in der Vergangenheit der Problematik der
Paralleljustiz in Deutschland gewidmet haben (vgl. u. a. die Antworten der
Bundesregierung auf die Kleinen Anfragen zu den Bundestagsdrucksachen
19/4150 und 19/4232), soll die erneute Kleine Anfrage insbesondere auch dazu
dienen, neue Erkenntnisse der Bundesregierung in diesem Zusammenhang zu
erfragen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Mit welcher Arbeitsdefinition arbeitet die Bundesregierung in Bezug auf
den Begriff „Paralleljustiz“?
2. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über das Ausmaß von
Formen der Paralleljustiz in Deutschland vor?
3. Welche Bundesbehörden befassen sich aktuell mit dem Themenfeld
Paralleljustiz?
4. Welche Erkenntnisse liegen dem Bundeskriminalamt über informelle
Konfliktregelungen außerhalb staatlicher Gerichte vor?
5. Welche Bundesländer verfügen nach Kenntnis der Bundesregierung über
Lagebilder, strukturierte Erfassungen oder sonstige systematische
Auswertungen zum Themenfeld Paralleljustiz (vgl. Vorbemerkung der
Fragesteller)?
6. Plant die Bundesregierung die Erstellung eines bundesweiten Lagebildes
zum Themenfeld Paralleljustiz (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
7. Welche Gründe sprechen nach Auffassung der Bundesregierung ggf.
bislang gegen eine bundeseinheitliche statistische Erfassung des
Phänomenbereichs Paralleljustiz?
8. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über Dunkelfelder
im Zusammenhang mit Paralleljustiz vor?
9. Welche Deliktsbereiche sind nach Kenntnis der Bundesregierung
besonders häufig von Paralleljustiz betroffen?
10. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über
Zusammenhänge zwischen Paralleljustiz und Clanstrukturen vor?
11. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über
Zusammenhänge zwischen Paralleljustiz und Organisierter Kriminalität vor?
12. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über
Einschüchterungen oder Bedrohungen von Geschädigten und Zeugen im
Zusammenhang mit Paralleljustiz vor?
13. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. darüber vor, dass
Ermittlungs- oder Strafverfahren durch außergerichtliche „Einigungen“,
sozialen Druck oder Einschüchterungen erschwert werden?
14. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über informelle
„Friedensrichter“ (vgl. www.justiz.nrw.de/sites/default/files/imported/file
s/2022-03/lagebild_paralleljustiz.pdf ; S. 8), Vermittler oder vergleichbare
Strukturen im Zusammenhang mit Paralleljustiz vor?
15. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über Paralleljustiz
im Zusammenhang mit Gewaltkriminalität vor?
16. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über Auswirkungen
abgeschotteter Clan- oder Milieustrukturen auf die Durchsetzung
staatlicher Strafverfolgung im Zusammenhang mit Paralleljustiz vor?
17. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung ggf. derzeit zur
Bekämpfung von Paralleljustiz?
18. Welche Rolle spielt das Thema Paralleljustiz nach Kenntnis der
Bundesregierung in der Aus- und Fortbildung von Polizeibehörden und Justiz?
19. Welche Maßnahmen existieren nach Kenntnis der Bundesregierung zum
Schutz von Zeugen und Geschädigten in Fällen mutmaßlicher
Paralleljustiz?
20. Prüft die Bundesregierung gesetzgeberischen Handlungsbedarf zur
besseren Erfassung, Verfolgung oder statistischen Bewertung
rechtsstaatswidriger paralleljustizieller Strukturen, und wenn ja, welchen?
21. Welche Zusammenarbeit besteht ggf. zwischen Bund und Ländern zur
Bekämpfung von Paralleljustiz?
22. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über digitale
Kommunikationsstrukturen im Zusammenhang mit informellen
Konfliktregelungen oder rechtsstaatswidrigen paralleljustiziellen Strukturen vor?
23. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. darüber vor, dass
Paralleljustiz das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen
beeinträchtigt?
24. Hat sich die Bundesregierung zu dem bislang veröffentlichten Lagebild
Nordrhein-Westfalens zum Themenfeld Paralleljustiz (vgl. Vorbemerkung
der Fragesteller) eine eigene Positionierung erarbeitet, und wenn ja, wie
lautet diese, und welche Schlussfolgerungen für ihr eigenes Handeln zieht
sie ggf. daraus?
Berlin, den 2. Juni 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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