Zukunft der Luftfahrt in Deutschland und Europa sichern
Text
Zukunft der Luftfahrt in Deutschland und Europa sichern
Antrag
der Fraktionen der CDU/CSU und SPD
Zukunft der Luftfahrt in Deutschland und Europa sichern
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Anlässlich der diesjährigen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in
Berlin bekräftigt der Deutscher Bundestag die herausragende Bedeutung der Luftfahrt
für Deutschland. Die Luftfahrt ist eine Schlüsselbranche, sichert industrielle
Wertschöpfung, Innovation und Beschäftigung und ist zugleich Voraussetzung für die
internationale Wettbewerbsfähigkeit der exportorientierten deutschen Volkswirtschaft.
Sie trägt maßgeblich zur Mobilität von Menschen und Gütern bei. Zugleich ist sie
zentraler Treiber von Innovationen und technologischem Fortschritt, verbindet
Wissenschaft, Industrie und Verkehr und trägt wesentlich zur globalen Vernetzung,
Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und wirtschaftlichen Dynamik bei.
Die Luftfahrt ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Deutschland. Studien zufolge
trägt sie mit rund 140 Milliarden Euro zur deutschen Wirtschaftsleistung bei und
sichert insgesamt etwa 1,4 bis 1,5 Millionen Arbeitsplätze entlang der gesamten
Wertschöpfungskette – bei Airlines, Flughäfen, Wartungsbetrieben, Zulieferern sowie im
Tourismus und in zahlreichen Dienstleistungsbereichen. Einen weiteren Anteil ihrer
volkwirtschaftlichen Bedeutung erzeugt sie als Servicedienstleister für andere
Wirtschaftszweige. Der Luftfrachtverkehr verbindet die exportorientierte deutsche
Wirtschaft erfolgreich mit allen wichtigen globalen Zuliefer- und Absatzmärkten in der
Welt.
Allein rund 330.000 Frauen und Männer sind direkt bei den Fluggesellschaften, in der
zivilen Luftfahrtindustrie, an den Flughäfen und bei der Flugsicherung beschäftigt.
Hinzu kommen rund 354.000 Arbeitsplätze bei Unternehmen, die von Aufträgen aus
der Luftfahrt abhängen, zum Beispiel in der Bauwirtschaft und in der
Nahrungsmittelindustrie, weitere Arbeitsplätze generiert der Travel-Retail-Markt, zu dem auch die
Duty-Free-Shops an den Flughäfen zählen
Der Luftverkehr ist zentraler Bestandteil eines leistungsfähigen Verkehrssystems und
unverzichtbar für die internationale Konnektivität Deutschlands. Mit seiner zentralen
Lage in Mitteleuropa ist Deutschland ein internationaler Knotenpunkt. Deshalb wird
ein umfangreicher Anteil des internationalen Umsteigeverkehrs in Europa über
deutsche Flughäfen abgewickelt. Der Luftverkehr verbindet Deutschland mit globalen
Märkten und trägt zur wirtschaftlichen Vernetzung bei. Diese Konnektivität ist auch
für den Tourismus in Deutschland von hoher wirtschaftlicher Bedeutung. Des
Weiteren ist die Luftfahrtindustrie eine der innovationsstärksten Branchen und
forschungsintensivsten Industriezweige Deutschlands. Mit einer Forschungsquote von rund 7 bis
8 Prozent des Umsatzes investiert sie überdurchschnittlich stark in die Entwicklung.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6329
21. Wahlperiode 09.06.2026
Gleichzeitig steht die Luftfahrtbranche vor Herausforderungen. Während der
Luftverkehr in Europa das Niveau vor der Corona-Krise längst übertroffen hat, liegt er in
Deutschland weiterhin deutlich darunter. Grund dafür sind insbesondere die im
europäischen Vergleich in Deutschland enorm hohen, staatlich induzierten Standortkosten,
die Routen von und nach Deutschland und die Stationierung von Flugzeugen in
Deutschland zunehmend unrentabel machen, mit entsprechenden Konsequenzen für
Konnektivität, Arbeitsplatzangebot und Steuereinnahmen. Deshalb war es dringend
geboten, die Luftverkehrsteuer, wie von Bundesregierung und Deutschem Bundestag
beschlossen, zum 1. Juli wieder auf das gesetzliche Niveau vor der letzten Anhebung
im Jahr 2024 abzusenken. Zudem muss die Luftfahrtbranche ihren Beitrag zur
Erreichung der Klimaschutzziele leisten. Der Übergang zu klimaneutralem Fliegen ist eine
zentrale verkehrs- und industriepolitische Aufgabe. Diese muss wirtschaftlich
tragfähig, ökologisch wirksam und sozial gerecht gestaltet werden und zugleich die
internationale Wettbewerbsfähigkeit der Branche sichern.
Die Luftfahrtindustrie ist darüber hinaus von zentraler Bedeutung für die Sicherheits-
und Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas. Das Future Combat Air Systen
(FCAS) war als strategisches Schlüsselprojekt konzipiert, steht jedoch nach der
Entscheidung der Bundesregierung, die Entwicklung eines gemeinsamen Kampfflugzeugs
mit Frankreich nicht weiterzuführen, vor einer grundlegenden Neuausrichtung.
Gleichzeitig bleibt die Entwicklung moderner, vernetzter Luftkampfsysteme für die
sicherheits- und verteidigungspolitische Handlungsfähigkeit Europas von hoher
Bedeutung. Teile des FCAS, insbesondere das sogenannte „System der Systeme“ (z. B.
vernetzte Gefechtsführung, Drohnenintegration), sollen weiterhin verfolgt und
weiterentwickelt werden. Nicht zuletzt ist die Branche ein starker Beschäftigungs- und
Wertschöpfungsmotor mit hoch qualifizierten Arbeitsplätzen und einer breiten Wirkung auf
zuliefernde Industrien.
Es ist deshalb richtig und notwendig, dass die Bundesregierung die Luftfahrt gezielt
durch die jüngst beschlossene Luftfahrtstrategie unterstützt und fördert, um langfristig
Mehrwert für unsere gesamte Volkswirtschaft zu generieren. Weitere
Zukunftsinvestitionen sind entscheidend für die Stärkung des Wirtschafts- und Hightech-Standortes
Deutschland bei gleichzeitiger Erreichung der Klimaschutzziele.
II. Der Deutsche Bundestag begrüßt
1. den vom Kabinett am 10. Juni 2026 beschlossenen Entwurf einer
Luftfahrtstrategie;
2. die vom Koalitionsausschuss im November 2025 auf den Weg gebrachten
Entlastungen für den Luftverkehrsstandort – insbesondere die Absenkung der
Luftverkehrsteuer zum 1. Juli 2026, die das Bundeskabinett am 1. April dieses Jahres
auf den Weg gebracht und die auch der Deutsche Bundestag mittlerweile
beschlossen hat. Das ist eine Investition in den Wirtschaftsstandort Deutschland;
3. den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Digitalisierung der
Fluggastabfertigung als Beitrag zum Bürokratieabbau, zur Effizienzsteigerung und zur
Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit;
4. die europäischen und nationalen Initiativen zur Förderung nachhaltiger
Flugkraftstoffe als wesentlichen Baustein der Klimastrategie im Luftverkehr;
5. die verstärkten Investitionen in Forschung, Innovation sowie in sicherheits- und
verteidigungsrelevante Fähigkeiten;
6. die angekündigte Neuausrichtung der Entwicklung des zukünftigen
Luftkampfsystems unter Wahrung deutscher und europäischer Interessen;
7. die Abschaffung der über das europäische Maß hinausgehende nationalen
Powerto-Liquid (PtL)-Quote für den Luftverkehr.
III. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung im Rahmen der
verfügbaren Haushaltsmittel auf,
1. die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Luftverkehrsstandorts Deutschland
und die Anbindung deutscher Flughägen weiter zu stärken, insbesondere durch
eine kontinuierliche Überprüfung der im europäischen Vergleich hohen
Standortkosten durch Gebühren und Abgaben;
2. die Wirkung der Senkung der Luftverkehrsteuer zu evaluieren und weitere
Entlastungsschritte zu prüfen, wobei Entlastungen nur aus dem allgemeinen Haushalt
finanziert werden;
3. regulatorische Belastungen abzubauen und gleiche Wettbewerbsbedingungen
(„Level Playing Field“) in Europa zu fördern;
4. Deutschland als führenden Forschungs- und Innovationsstandort der Luftfahrt zu
sichern, unter anderem durch stärkere Kooperationen zwischen Industrie,
Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen;
5. den Hochlauf der Produktion nachhaltiger Flugkraftstoffe entschlossen zu
unterstützen. Dazu gehören u. a. die Schaffung stabiler und verlässlicher
regulatorischer Rahmenbedingungen und die Absicherung privater Investitionen;
6. die industrielle Wertschöpfungskette der Luftfahrtindustrie in Deutschland weiter
zu stärken, insbesondere durch Rahmenbedingungen für kleine und
mittelständische Zulieferunternehmen, verbesserten Zugang zu kritischen Rohstoffen sowie
den Abbau bürokratischer Hürden;
7. eine Wasserstoff-Betankungsinfrastruktur zügig aufzubauen, um die
Voraussetzungen für den Einsatz klimafreundlicher Antriebstechnologien in der Luftfahrt
zu schaffen;
8. die Anbindung deutscher Flughäfen an das nationale Verkehrsnetz weiter zu
verbessern, insbesondere durch eine stärkere Integration in das Schienen- und
Fernverkehrsnetz;
9. die konstruktive Zusammenarbeit zwischen der Politik sowie den Akteuren der
Luftindustrie und der Luftverkehrswirtschaft fortzusetzen und zu vertiefen, um
gemeinsam tragfähige Lösungen für eine nachhaltige Transformation der
Branche zu entwickeln;
10. die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Forschung sowie zwischen den
einzelnen Industriezweigen weiter zu stärken. So entstehen Spill-Over-Effekte,
von denen auch weite Teile der Gesellschaft profitieren;
11. die europäische Zusammenarbeit im Luftverkehr weiter zu vertiefen, um
Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit des europäischen
Luftverkehrssystems zu stärken;
12. sich auf europäischer Ebene für wettbewerbsneutrale Reformen bestehender
Regulierung einzusetzen, die Carbon Leakage vermeiden;
13. Planungs- und Genehmigungsverfahren für Flughafeninfrastruktur weiter zu
beschleunigen, um Investitionen in Kapazitäten, Digitalisierung und
Klimaschutzmaßnahmen zu erleichtern;
14. die Digitalisierung im Luftverkehr (insbesondere Fluggastabfertigung) zügig
umzusetzen;
15. die Neuausrichtung der Entwicklung eines zukünftigen Luftkampfsystems
strategisch zu gestalten und zügig umzusetzen;
16. die technologische Souveränität und industrielle Wertschöpfung in Deutschland
und Europa nachhaltig zu sichern;
17. wesentliche FCAS-Komponenten, insbesondere im Bereich der Vernetzung
Systemintegration, mit Frankreich und Spanien aktiv voranzutreiben und europäisch
zu koordinieren;
18. die Resilienz kritischer Luftverkehrsinfrastruktur zu stärken;
19. hochwertige, tarifgebundene Beschäftigung durch Qualifizierung und
Weiterbildung in der Luftfahrtindustrie gezielt zu sichern;
20. die Nachwuchsförderung und Fachkräfteentwicklung zu intensivieren,
insbesondere durch die Stärkung von MINT-Bildung und eine engere Kooperation
zwischen Wissenschaft und Wirtschaft;
21. innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zur Sicherung technologischer
Souveränität zu gewährleisten.
Berlin, den 9. Juni 2026
Jens Spahn, Alexander Hoffmann und Fraktion
Dr. Matthias Miersch und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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