Verdeckte Armut in Deutschland
Text
Verdeckte Armut in Deutschland
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4152
21. Wahlperiode 17.02.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Sarah Vollath, Cansin Köktürk, Janine Wissler, Doris
Achelwilm, Dr. Dietmar Bartsch, Desiree Becker, Jorrit Borsch, Janina Böttger,
Anne-Mieke Bremer, Maik Brückner, Jörg Cezanne, Agnes Conrad, Mirze Edis,
Mandy Eißing, Christian Görke, Ates Gürpinar, Cem Ince, Tamara Mazzi, Pascal
Meiser, Zada Salihović, Lisa Schubert, Ines Schwerdtner, Julia-Christina Stange,
Isabelle Vandre, Sascha Wagner, Anne Zerr und der Fraktion Die Linke
Verdeckte Armut in Deutschland
Die Berechnungen des Verteilungsberichts „Mehr Ungleichheit – weniger
politische Teilhabe“ der Hans-Böckler-Stiftung zeigen einen deutlichen Anstieg der
Armut in den letzten Jahren: So stieg zwischen 2010 und 2022 der Anteil der
als sehr arm geltenden Personen mit einem verfügbaren Einkommen unter
50 Prozent des Medianeinkommens um ca. 50 Prozent (www.wsi.de/data/wsim
it_2025_06_spannagel.pdf).
Ein wesentlicher Faktor bei der Bewertung des Ausmaßes von Armut ist auch
die Anzahl der Beziehenden von Mindestsicherungsleistungen. Da nicht alle
Personen, die Anspruch auf Mindestsicherungsleistungen haben, diese in
Anspruch nehmen, lässt sich das Ausmaß von Armut allerdings nicht erschöpfend
durch die Anzahl der Beziehenden dieser Leistungen beschreiben. Im
Siebten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung
(Bundestagsdrucksache 21/3250) wird das Ausmaß der sogenannten „verdeckten Armut“
nun ausführlicher als in früheren Berichten der Bundesregierung (siehe
Bundestagsdrucksachen 17/14282 und 18/11980) beschrieben. Gleichzeitig werden
in einer Studie zum Siebten Armuts- und Reichtumsbericht zahlreiche
Maßnahmen untersucht, mit denen in anderen europäischen Ländern verdeckte Armut
bekämpft wird. Um die verdeckte Armut erfassen zu können, braucht es zum
einen verlässliche Daten und zum anderen das politische Bekenntnis, das
Problem der verdeckten Armut ernst zu nehmen.
Neben der Frage, wie viele Menschen sich in Deutschland als „verdeckt arm“
beschreiben lassen, müssen auch die Gründe der Nichtinanspruchnahme der
Mindestsicherungsleistungen detailliert behandelt werden. Aus Sicht der
Fragesteller braucht es eine eindeutige politische Antwort, die diese Gründe ernst
nimmt, priorisiert und ihnen effektive politische Maßnahmen entgegensetzt.
Mit der Kleinen Anfrage möchten sich die Fragesteller über die aktuelle
Datenlage, die Verfahren der Beantragung und die Vorhaben der Bundesregierung,
der verdeckten Armut entgegenzuwirken, informieren.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie lange dauert nach Kenntnis der Bundesregierung die
durchschnittliche Bewilligung von Mindestsicherungsleistungen nach Antragstellung
(bitte nach einzelnen Sozialleistungen aufschlüsseln)?
2. Wie will die Bundesregierung künftig Fälle vermeiden, in denen ein
Bewilligungsbescheid erst am Ende des Bewilligungszeitraums erfolgt, und
die Situation für Betroffene verbessern (bitte für Jobcenter, die als
gemeinsame Einrichtung organisiert sind, sowie für kommunale Behörden
spezifizieren)?
3. Wird die Bundesregierung daran festhalten, dass im Falle einer
Wiederbeantragung nach Ablauf des Bewilligungszeitraumes nach Kenntnis der
Fragestellenden oftmals fast die vollständigen Antragsunterlagen erneut
eingereicht werden müssen, auch wenn sich in der Situation der
Beantragenden nichts geändert hat (bitte für Jobcenter, die als gemeinsame
Einrichtung organisiert sind, sowie für kommunale Behörden spezifizieren)?
4. Welche der im Siebten Armuts- und Reichtumsbericht zitierten
Datengrundlagen oder anderweitig vorliegenden Berechnungen zum Ausmaß
der verdeckten Armut legt die Bundesregierung ihrer Arbeit zugrunde?
5. Wie schätzt die Bundesregierung die Tatsache ein, dass derzeit keine
Datengrundlage für eine genaue Bezifferung der Anzahl der
anspruchsberechtigten Personen existiert, die die verschiedenen
Mindestsicherungsleistungen nicht in Anspruch nehmen, und welche konkreten Schritte wird
sie unternehmen, um genauere Erkenntnisse über das Ausmaß der
verdeckten Armut zu erlangen?
6. Plant die Bundesregierung für den Achten Armuts- und Reichtumsbericht
eine Fortsetzung und Vertiefung der Forschung zum Ausmaß verdeckter
Armut, und wenn ja, welche?
7. Wie schätzt die Bundesregierung die Aussagekraft der Studie zur
Nichtinanspruchnahme von Grundsicherungsleistungen mit Blick auf ältere
Menschen und Menschen auf dem Land vor dem Hintergrund, dass diese
Gruppen in der Studie unterrepräsentiert sind, ein, und welche
Maßnahmen plant die Bundesregierung, um die Datengrundlage bei diesen
Zielgruppen künftig zu verbessern?
8. Plant die Bundesregierung, die Antragsprozesse zu vereinfachen, um den
Beantragungsaufwand und die Komplexität der Beantragung insbesondere
für Menschen mit geringerem Bildungsniveau und bzw. oder
Nichtmuttersprachler zu reduzieren, und wenn ja, wie (bitte nach einzelnen
Antragsprozessen aufschlüsseln und für Jobcenter, die als gemeinsame
Einrichtung organisiert sind, sowie für kommunale Behörden spezifizieren)?
9. Welche Schritte wird die Bundesregierung unternehmen, um fehlende
oder falsche Informationen zum Leistungsanspruch bei
Mindestsicherungsleistungen bei Betroffenen auszugleichen?
10. Wie will die Bundesregierung dem Informationsdefizit insbesondere
hinsichtlich der Kombinierbarkeit verschiedener Sozialleistungen begegnen?
11. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den Schreiben,
die in Schweden geringverdienende, unverheiratete Rentenbeziehende
über das Wohngeld informierten, um die Inanspruchnahme des Wohngelds
zu steigern, und plant die Bundesregierung ähnliche Maßnahmen in
Deutschland (siehe „Maßnahmen zur Reduzierung der
Nichtinanspruchnahme von Mindestsicherungsleistungen. Forschungsbericht im Rahmen
des Siebten Armuts- und Reichtumsberichts“, S. 36 ff.)?
12. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den
Informationsbriefen, die in Finnland zur Einführung der Garantierente an eine
große Gruppe wahrscheinlich anspruchsberechtigter Personen versendet
wurden, um die Antragswahrscheinlichkeit zu erhöhen, und plant die
Bundesregierung ähnliche Maßnahmen in Deutschland (siehe „Maßnahmen zur
Reduzierung der Nichtinanspruchnahme von
Mindestsicherungsleistungen. Forschungsbericht im Rahmen des Siebten Armuts- und
Reichtumsberichts“, S. 46 ff.)?
13. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den positiven
und negativen Effekten, die sich durch den Versand von Briefen in
Frankreich ergeben haben, in denen Beziehende der Revenu de Solidarité
Active (RSA, Aktive-Solidarität-Einkommen) vor drohenden
Sanktionierungen aufgrund von Verstößen gegen Auflagen gewarnt wurden, und plant
die Bundesregierung ähnliche Maßnahmen in Deutschland (siehe
„Maßnahmen zur Reduzierung der Nichtinanspruchnahme von
Mindestsicherungsleistungen. Forschungsbericht im Rahmen des Siebten Armuts- und
Reichtumsberichts“, S. 56 ff.)?
14. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der Einführung
der „Formulierenbrigades“ zur Unterstützung beim Ausfüllen von
Anträgen als Teil einer lokalen Ansprache in den Niederlanden, und plant die
Bundesregierung ähnliche Maßnahmen in Deutschland (siehe
„Maßnahmen zur Reduzierung der Nichtinanspruchnahme von
Mindestsicherungsleistungen. Forschungsbericht im Rahmen des Siebten Armuts- und
Reichtumsberichts“, S. 106 ff.)?
15. Wie viele Menschen haben im Jahr 2024 wie viel Grundsicherung im
Alter erhalten (bitte nach 50 bis 100 Euro, 100 bis 150 Euro etc.
aufgeschlüsselt angeben)?
16. Wie soll nach Auffassung der Bundesregierung sichergestellt werden, dass
in Fällen, in denen Familien oder Alleinerziehende mit Kindern keine
Sozialleistungen beanspruchen, Kinder ausreichend vor Armut geschützt
werden?
17. Wie will die Bundesregierung sicherstellen, dass im Rahmen der „neuen
Grundsicherung“, die stellenweise deutlich höhere Anforderungen an die
Mitarbeitenden der Jobcenter stellt, alle Beratungsgespräche und
Antragsverfahren ordnungsgemäß durchgeführt werden können?
Berlin, den 30. Januar 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Agnes Conrad (Kleine Anfrage)
- asked ← Anne-Mieke Bremer (Kleine Anfrage)
- asked ← Anne Zerr (Kleine Anfrage)
- asked ← Ates Gürpinar (Kleine Anfrage)
- asked ← Cansin Köktürk (Kleine Anfrage)
- asked ← Cem Ince (Kleine Anfrage)
- asked ← Christian Görke (Kleine Anfrage)
- asked ← Desiree Becker (Kleine Anfrage)
- asked ← Dietmar Bartsch (Kleine Anfrage)
- asked ← Doris Achelwilm (Kleine Anfrage)
- asked ← Ines Schwerdtner (Kleine Anfrage)
- asked ← Isabelle Vandre (Kleine Anfrage)
- asked ← Janina Böttger (Kleine Anfrage)
- asked ← Janine Wissler (Kleine Anfrage)
- asked ← Jörg Cezanne (Kleine Anfrage)
- asked ← Jorrit Bosch (Kleine Anfrage)
- asked ← Julia-Christina Stange (Kleine Anfrage)
- asked ← Lisa Schubert (Kleine Anfrage)
- asked ← Maik Brückner (Kleine Anfrage)
- asked ← Mandy Eißing (Kleine Anfrage)
- asked ← Mirze Edis (Kleine Anfrage)
- asked ← Pascal Meiser (Kleine Anfrage)
- asked ← Sarah Vollath (Kleine Anfrage)
- asked ← Sascha Wagner (Kleine Anfrage)
- asked ← Tamara Mazzi (Kleine Anfrage)
- asked ← Zada Salihovic (Kleine Anfrage)
- authored ← Cansin Köktürk
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Sarah Vollath
- part_of_vorgang → Verdeckte Armut in Deutschland (Kleine Anfrage)