Auswirkungen der Steuerpolitik auf unterschiedliche Einkommensgruppen mit einem Verteilungs-Check sichtbar machen
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Auswirkungen der Steuerpolitik auf unterschiedliche Einkommensgruppen mit einem Verteilungs-Check sichtbar machen
[Antrag
der Abgeordneten Doris Achelwilm, Janine Wissler, Dr. Dietmar Bartsch,
Desiree Becker, Janina Böttger, Jörg Cezanne, Agnes Conrad, Mirze Edis,
Christian Görke, Cem Ince, Cansin Köktürk, Tamara Mazzi, Pascal Meiser,
Zada Salihović, Lisa Schubert, Ines Schwerdtner, Isabelle Vandre, Sarah
Vollath, Sascha Wagner, Anne Zerr und der Fraktion Die Linke
Auswirkungen der Steuerpolitik auf unterschiedliche Einkommensgruppen
mit einem Verteilungs-Check sichtbar machen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die Einkommensverteilung in Deutschland ist von deutlicher Ungleichheit geprägt.
Die Schere zwischen Arm und Reich ist in den letzten Jahren weiter aufgegangen.
Während die realen Einkommen des obersten Zehntels seit 1990 bis 2021 um rund
58 Prozent gestiegen sind, hat sich das Einkommen des untersten Zehntels in diesem
Zeitraum kaum verändert und liegt real auf demselben Niveau wie vor 25 Jahren (vgl.
www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.937278.de/25-8.pdf, S. 108). Die
Vermögensverteilung weist eine noch größere Ungleichheit auf. Das Vermögen in
Deutschland ist auf einige wenige Vermögende konzentriert (vgl. www.bpb.de/
kurzknapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553230/vermoegensungleichheit/). Die
reichsten 10 Prozent der Menschen in Deutschland besitzen derzeit rund 61 Prozent
des gesamten Nettovermögens, die untere Hälfte der Bevölkerung besitzt insgesamt
nur 2,3 Prozent (vgl. www.wiwo.de/politik/deutschland/bundesbank-bericht-so-
ungleich-ist-vermoegen-in-deutschland-verteilt/29758634.html). Die ungleiche
Verteilung von Vermögen ist eng mit der ungleichen Verteilung von Einkommen verknüpft.
Steuerpolitik ist ein wirkmächtiges Instrument, das – je nach Ausgestaltung –
gesellschaftliche Ungleichheit verringern oder verstärken kann.
Gesetzentwürfe der Bundesregierung enthalten gemäß § 44 der Gemeinsamen
Geschäftsordnung der Bundesministerien Angaben zu den mit einem Gesetzesvorhaben
verbundenen Auswirkungen auf Einnahmen und Ausgaben der öffentlichen Haushalte
von Bund, Ländern und Kommunen. Auch der erwartete Erfüllungsaufwand für
Bevölkerung, Wirtschaft und Verwaltung wird entsprechend dargestellt. Angaben zur
Verteilungswirkung der entsprechenden Maßnahme nach Einkommensgruppen fehlen
hingegen. Aktuell ist nicht ersichtlich, inwiefern beispielsweise Personen mit
niedrigen oder hohen Einkommen durch ein Gesetz be- oder entlastet werden. Um diese
Verteilungseffekte in Steuergesetzen abzubilden, ist die Angabe der finanziellen
Auswirkungen der Maßnahmen getrennt nach Einkommensdezilen sowie für die reichsten
5 Prozent, 1 Prozent und 0,1 Prozent erforderlich. Die Bewertung von
Verteilungswirkungen („Distributional Impact Assessments“) wird auch von der EU-Kommission
empfohlen (vgl. https://employment-social-affairs.ec.europa.eu/policies-and-activi-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4004
21. Wahlperiode 05.02.2026
ties/social-protection-social-inclusion/addressing-poverty-and-supporting-social-
inclusion/access-essential-services/distributional-impact-assessment_en#:~:text=
Distributional%20Impact%20Assessment%20is%20an,the%20changing%20world%20of-
%20work). Schweden ist ein positives Beispiel dafür, wie regelmäßig die
wirtschaftlichen und verteilungspolitischen Auswirkungen politischer Maßnahmen analysiert
werden können. Der Fiskalpolitische Rat Schwedens erstellt unabhängige
Evaluationen der Fiskalpolitik, auch hinsichtlich ihrer Verteilungswirkung. Seit 1994
veröffentlicht Schwedens Regierung verteilungspolitische Berichte („Fördelningspolitisk
redogörelse“) als Anhänge zu den jährlichen Haushalten (vgl. www.regeringen.se/
informationsmaterial/2025/04/fordelningspolitisk-redogorelse-april-2025/). Auch andere
Staaten schaffen mehr Transparenz zu den verteilungspolitischen Auswirkungen von
Steuermaßnahmen. So hat zum Beispiel Großbritannien Kriterien für die Bewertung
der Verteilungswirkung von Gesetzen festgelegt (vgl. www.gov.uk/government/
publications/the-green-book-appraisal-and-evaluation-in-central-government/the-
greenbook-2020#a3-distributional-appraisal). Das Bureau for Economic Policy Analysis der
Niederlande berechnet Schätzungen zu der Verteilungswirkung der Wahlprogramme
der Parteien, zumindest aufgeteilt auf Privathaushalte und Unternehmen (vgl.
www.cpb.nl/en/publication/charted-choices-2027-2030).
Auch in Deutschland existieren bereits Datengrundlagen und
Mikrosimulationsmodelle, wie die des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), des Instituts
für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), des ifo Instituts – Leibniz-Institut für
Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V., des Leibniz-Zentrums für
Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Fraunhofer Instituts, die eine
Schätzung der Auswirkungen von Steueränderungen auf die Einkommensverteilung mit
vertretbarem Aufwand ermöglichen. Solche Schätzungen sind möglich und werden
bereits gemacht. Beispiele der jüngeren Vergangenheit sind Schätzungen zum sog.
„Investitionsbooster“ (vgl. www.diw.de/documents/dokumentenarchiv/17/diw_01.c.-
960813.de/bachdiw_stellungnahme_2025_06_23ba.pdf), Schätzungen zu den
Verteilungswirkungen der Wahlprogramme ausgewählter Parteien (vgl. www.diw.de/-
documents/publikationen/73/diw_01.c.936232.de/diw_aktuell_106.pdf) sowie die
Analyse der Verteilungswirkungen ausgewählter steuerpolitischer Reformen der
19. Legislaturperiode (vgl. www.ifo.de/DocDL/ifo_Forschungsberichte_122-Vertei-
lungswirkungen-steuerpolitischer-Reformen.pdf).
Die Veröffentlichung dieser Informationen stärkt die parlamentarische Kontrolle,
ermöglicht eine informierte öffentliche Debatte und verbessert die Qualität und
Transparenz der Gesetzgebung in Hinblick auf ihre Verteilwirkung.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. eine Ergänzung von § 44 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der
Bundesministerien vorzunehmen, damit steuerliche Gesetzentwürfe zukünftig folgende
Angaben beinhalten: Schätzung der Anteile der Steuermindereinnahmen
bzw. -mehreinnahmen, die auf Unternehmen und Privathaushalte entfallen; für
die Privathaushalte soll der Anteil zusätzlich nach Einkommensdezilen sowie für
die 5 Prozent, 1 Prozent und 0,1 Prozent einkommensstärksten Haushalte
aufgeschlüsselt werden;
2. die Methodik zur Berechnung der Steuerinzidenz zu veröffentlichen sowie bei
Beauftragung eines wissenschaftlichen Instituts die Auftragnehmenden
transparent zu machen;
3. spätestens nach vier Jahren eine ex-post verteilungspolitische Evaluation von
Steuergesetzen vorzunehmen, wie es bereits für die Auswirkungen von
steuerpolitischen Maßnahmen auf die Einnahmen von Bund, Länder und Kommunen
erfolgt (vgl. www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/
Broschueren_Bestellservice/datensammlung-zur-steuerpolitik-2025.pdf?__blob=
publicationFile&v=10, S. 14 ff.).
Berlin, den 27. Januar 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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