Außenpolitische Auswirkungen der EU-Initiative "Global Gateway" im Kontext der chinesischen Belt and Road Initiative
Text
Außenpolitische Auswirkungen der EU-Initiative "Global Gateway" im Kontext der chinesischen Belt and Road Initiative
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3754
21. Wahlperiode 22.01.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Diana Zimmer, Stefan Keuter, Dr. Malte Kaufmann, Udo
Theodor Hemmelgarn, Dr. Rainer Rothfuß, Gerold Otten, Jan Wenzel Schmidt,
Jürgen Koegel, Dr. Alexander Wolf und der Fraktion der AfD
Außenpolitische Auswirkungen der EU-Initiative „Global Gateway“ im Kontext
der chinesischen Belt and Road Initiative
Die Belt and Road Initiative (BRI) der Volksrepublik China stellt eines der
weitreichendsten geopolitisch und wirtschaftlich strategischen
Infrastrukturprogramme der vergangenen Dekade dar. Zahlreiche Analysen betonen, dass die
BRI nicht nur wirtschaftliche, sondern zunehmend machtpolitische Funktionen
erfüllt und in zahlreichen Regionen zu langfristigen politischen Bindungen und
Abhängigkeiten zugunsten Chinas führt. Studien verweisen darauf, dass die
BRI im Ursprung zwar auf großvolumige Infrastrukturinvestitionen
ausgerichtet war, sich inzwischen jedoch zu einem umfassenden außenpolitischen
Instrument gewandelt hat, das China sowohl strategische Zugänge zu globalen
Transportkorridoren als auch politischen Einfluss in Partnerstaaten verschafft (vgl.
Konrad-Adenauer-Stiftung: „Lessons from China’s Belt and Road Initiative –
Strategic Pathways for the EU’s Global Gateway“, 27. März 2025, www.ka
s.de/en/web/mned-bruessel/laenderberichte/detail/-/content/lessons-from-
chinas-belt-and-road-initiative-strategic-pathways-for-the-eu-s-global-gateway,
zuletzt aufgerufen am 13. Januar 2026).
Gleichzeitig zeigen aktuelle Berichte, dass die politische Wirkung der BRI weit
über die ökonomische Dimension hinausgeht und in einzelnen Staaten bereits
zu einer Neubewertung der Beziehungen zu China geführt hat. So warnte der
italienische Senat jüngst vor wachsendem politischem Druck und
Einflussversuchen durch chinesische Stellen und forderte eine stärkere europäische
Reaktion auf die mit der BRI verbundenen politischen Abhängigkeiten (vgl.
Decode39: „China’s Influence in Europe: Italy Pushes Back as Senate Sounds the
Alarm“, 10. Oktober 2025, https://decode39.com/12051/chinas-influence-in-eu
rope-italy-pushes-back-as-senate-sounds-the-alarm/, zuletzt aufgerufen am
13. Januar 2026). Darüber hinaus wird zunehmend deutlich, dass Chinas BRI
eine vielschichtige und multidimensionale politische Dynamik entfaltet, die die
internationale Sicherheitsarchitektur beeinflusst. Analysen zeigen, dass China
im Rahmen der BRI verstärkt Zugang zu strategischen Regionen gewinnt, etwa
durch Infrastruktur in geopolitisch sensiblen Gebieten im Nahen Osten. In
mehreren Fällen wurde berichtet, dass China seine BRI-Präsenz nutzt, um sowohl
wirtschaftlichen als auch sicherheitspolitischen Einfluss in Konfliktregionen
wie Israel und Iran auszuweiten (vgl. SpecialEurasia: „China BRI in Israel-Iran
Conflict“, 24. Juni 2025, www.specialeurasia.com/2025/06/24/china-bri-israel-i
ran-conflict/, zuletzt aufgerufen am 13. Januar 2026). Gleichzeitig passen sich
regionale Organisationen wie die „Association of Southeast Asien Nations“
(ASEAN) an die wachsende chinesische Präsenz an, indem sie ihre
außenpolitischen Strategien zwischen Kooperation und nationalen Interessen
ausbalancieren, um eigene Handlungsspielräume zu erhalten. Beobachter stellen fest, dass
die ASEAN-Staaten die BRI zwar wirtschaftlich nutzen, gleichzeitig jedoch die
Risiken wachsender politischer Abhängigkeit thematisieren (vgl. Modern
Diplomacy: „Balancing Act: How ASEAN Navigates China’s Expanding BRI
Influence“, 30. Juni 2025, https://moderndiplomacy.eu/2025/06/30/balancing-act-ho
w-asean-navigates-chinas-expanding-bri-influence/, zuletzt aufgerufen am
13. Januar 2026).
Zugleich deuten neue Entwicklungen darauf hin, dass China seine
geopolitische Strategie künftig stärker auf die Global Development Initiative (GDI)
ausrichtet. Diese stellt eine thematisch breiter angelegte Erweiterung der
bisherigen BRI-Logik dar und dient unter anderem dazu, die politische Wirkung
chinesischer Entwicklungsangebote zu steigern und globales Agenda-Setting zu
betreiben (vgl. Meer: „China’s Shift from BRI to GDI“, 13. August 2025,
www.meer.com/en/91286-chinas-shift-from-bri-to-gdi, zuletzt aufgerufen am
13. Januar 2026). Ein besonderer Schwerpunkt chinesischer Aktivitäten liegt
zudem auf dem Zugriff auf globale Rohstofflieferketten und strategische
Übergangsmineralien, die für Energiewende, Hochtechnologie und
Rüstungsindustrie eine zentrale Rolle spielen. Analysen zeigen, dass sich China über die BRI
gezielt Zugang zu Rohstoffvorkommen, Transportwegen und
Exportinfrastruktur verschafft, um seine Position in globalen Lieferketten dauerhaft zu sichern
(vgl. SAIS Review: „Unearthing Influence: China’s Global Strategy for
Transition Minerals“, 18. November 2025, https://saisreview.sais.jhu.edu/unearthing-i
nfluence-chinas-global-strategy-for-transition-minerals/, zuletzt aufgerufen am
13. Januar 2026).
Vor diesem Hintergrund stellt sich den Fragestellern die Frage, inwiefern die
EU-Initiative „Global Gateway“ in der Lage ist, auf diese multimodalen
geopolitischen Herausforderungen zu reagieren. Die EU formuliert zwar ein
„wertebasiertes“ Alternativangebot, die tatsächliche Umsetzung ist jedoch von
begrenzter Geschwindigkeit, komplexen Strukturen und unklaren Priorisierungen
geprägt (vgl. Konrad-Adenauer-Stiftung 2025). Verschiedene Beobachter
verweisen zudem darauf, dass Global Gateway als strategische Antwort auf die
BRI bislang kaum sichtbare Resultate erzielt habe und dass viele Projekte in
vielerlei Hinsicht hinter den anpassungsfähigen und dynamischen chinesischen
Investitionsmechanismen zurückblieben (vgl. The Diplomat: „The Complex
Politics of China’s Belt and Road Initiative“, 19. September 2025, https://thedip
lomat.com/2025/09/the-complex-politics-of-chinas-belt-and-road-initiative/,
zuletzt aufgerufen am 13. Januar 2026).
Ziel dieser Kleinen Anfrage ist es, die außen- und geopolitischen Implikationen
der BRI sowie der EU-Initiative Global Gateway zu beleuchten, insbesondere
im Hinblick auf politische Abhängigkeiten, sicherheitspolitische Risiken,
regionale Stabilität, Rohstoffsicherheit und die außenpolitische und wirtschaftliche
Handlungsfähigkeit Deutschlands.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie bewertet die Bundesregierung die strategische Ausrichtung der
chinesischen Belt and Road Initiative im Hinblick auf deren geopolitische
Auswirkungen für Europa und insbesondere für Deutschland?
2. Welche Ziele verfolgt die Bundesregierung innerhalb der EU-Initiative
Global Gateway, und inwiefern sieht sie diese als Ergänzung bzw. als
Gegenentwurf zur Belt and Road Initiative?
3. Betrachtet die Bundesregierung die Einschätzung der EU-Kommission,
Global Gateway als eine strategische Antwort auf die Belt and Road, und
welchen Einfluss hat dies auf die deutsche Außenpolitik?
4. Welche wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen
Auswirkungen erwartet die Bundesregierung ggf. aus der parallelen Präsenz von
Global Gateway und der Belt and Road Initiative in den Staaten
Zentralasiens?
5. Welche Auswirkungen erwartet die Bundesregierung ggf. aus dieser
Doppelstruktur auf die Staaten des Südkaukasus (Georgien, Armenien,
Aserbaidschan, vgl. Frage 4)?
6. Welche Risiken sieht die Bundesregierung ggf., dass Global Gateway
bestehende Abhängigkeiten der Partnerstaaten von China nicht reduziert,
sondern lediglich auf andere bestehende oder mögliche handelspolitische
Partner verlagert (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
7. Welche konkreten Global-Gateway-Projekte mit deutscher Beteiligung
befinden sich derzeit in Planung, im Beschlussverfahren oder in der
Umsetzung, und wie hoch sind jeweils die zugesagten oder bereits
bereitgestellten finanziellen Mittel pro Projekt?
8. Wie bewertet die Bundesregierung das Verhältnis zwischen den
finanziellen Aufwendungen im Rahmen von Global Gateway und dem erwarteten
geopolitischen und wirtschaftlichen Nutzen?
9. Welche Auswirkungen sieht die Bundesregierung ggf. auf die
deutschchinesischen Beziehungen, sofern Global Gateway in Drittstaaten (z. B.
Serbien, Kenia) als explizites Konkurrenzmodell zur Belt and Road
Initiative wahrgenommen wird?
10. In welchem Umfang wurden und werden durch Global Gateway ggf.
außenpolitische oder außenwirtschaftliche Entscheidungskompetenzen
von der nationalen Ebene auf EU-Institutionen übertragen?
11. Welche Rolle hat Deutschland bei der Auswahl, Priorisierung und
Verteilung der Projekte im Rahmen von Global Gateway?
12. Welche Auswirkungen erwartet die Bundesregierung für die
Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gegenüber chinesischen Unternehmen in
globalen Infrastrukturmärkten, insbesondere in Regionen mit starker BRI-
Präsenz?
13. Welche regulatorischen Anforderungen der EU im Außenhandel (z. B.
Nachhaltigkeits-, Klima- und Sozialstandards) beeinflussen nach
Einschätzung der Bundesregierung die Konkurrenzfähigkeit deutscher
Unternehmen im Vergleich zu chinesischen Staatsunternehmen (bitte auflisten)?
14. Welche Kriterien nutzt die Bundesregierung ggf. zur Bewertung der
Wirksamkeit und Erfolgsquote von Global-Gateway-Projekten?
15. Welche Global-Gateway-Projekte wurden seit 2021 angekündigt, welche
davon wurden bereits umgesetzt, welche werden derzeit umgesetzt, und
welche befinden sich nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit im
Planungsstadium?
16. Welche Global-Gateway-Projekte wurden nach ursprünglicher
Ankündigung nicht weiterverfolgt oder gestoppt, und nach Kenntnis der
Bundesregierung aus welchen Gründen?
17. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung ggf., um eine transparente
Bewertung der entstehenden finanziellen, geopolitischen und
diplomatischen Auswirkungen von Global Gateway sicherzustellen?
Berlin, den 21. Januar 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Alexander Wolf (Kleine Anfrage)
- asked ← Diana Zimmer (Kleine Anfrage)
- asked ← Gerold Otten (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan Wenzel Schmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Jürgen Koegel (Kleine Anfrage)
- asked ← Malte Kaufmann (Kleine Anfrage)
- asked ← Rainer Rothfuß (Kleine Anfrage)
- asked ← Stefan Keuter (Kleine Anfrage)
- asked ← Udo Theodor Hemmelgarn (Kleine Anfrage)
- authored ← Diana Zimmer
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Stefan Keuter
- part_of_vorgang → Außenpolitische Auswirkungen der EU-Initiative "Global Gateway" im Kontext der chinesischen Belt and Road Initiative (Kleine Anfrage)