Böller und privates Feuerwerk zum Jahreswechsel
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Böller und privates Feuerwerk zum Jahreswechsel
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2812
21. Wahlperiode 13.11.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Michael Arndt, Dr. Fabian Fahl, Ina Latendorf, Stella
Merendino, Nicole Gohlke, Jorrit Bosch, Anne-Mieke Bremer, Maik Brückner,
Agnes Conrad, Mandy Eißing, Kathrin Gebel, Christian Görke, Ates Gürpinar,
Mareike Hermeier, Maren Kaminski, Cansin Köktürk, Jan Köstering, Sonja Lemke,
Sören Pellmann, Heidi Reichinnek, Zada Salihović, David Schliesing, Evelyn
Schötz, Julia-Christina Stange, Aaron Valent, Donata Vogtschmidt, Sarah Vollath
und der Fraktion Die Linke
Böller und privates Feuerwerk zum Jahreswechsel
Die Verwendung von Feuerwerkskörpern zu Silvester ist ein jährlich
wiederkehrendes Phänomen mit weitreichenden Folgen für Gesundheit, Umwelt,
Tierschutz und öffentliche Haushalte. Die Praxis des privaten Silvesterfeuerwerks
steht zunehmend in der gesellschaftlichen Kritik, während gleichzeitig die
rechtlichen Rahmenbedingungen und die Verhältnismäßigkeit der geltenden
Regelungen hinterfragt werden. Nach den Erfahrungen zum Jahreswechsel
2024/2025 hatten Anfang des Jahres Internetpetitionen der Gewerkschaft der
Polizei (GdP) und der Deutschen Umwelthilfe (DUH) mittlerweile über 2
Millionen Unterstützerinnen und Unterstützer erreicht, die sich der Forderung nach
einer verschärften Regelung anschlossen („Generelles Böllerverbot stößt in der
Politik auf breite Ablehnung“, MDR.de am 8. September 2025). Beide
Organisationen übergaben die Unterschriften am 6. Januar 2025 dem damaligen
Bundesministerium des Innern und für Heimat (Pressemitteilung „Zeit für ein
flächendeckendes Böllerverbot: Deutsche Umwelthilfe und Gewerkschaft der
Polizei übergeben Innenministerium mehr als 1 961 007 Unterschriften“ vom
6. Januar 2025). Auch der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat
sich in den vergangenen Jahren regelmäßig mit Forderungen nach strengeren
Regeln für privates Silvesterfeuerwerk beschäftigt und diese dem Deutschen
Bundestag bzw. dem Bundesministerium des Innern zur Kenntnis gegeben,
Konsequenzen folgten daraus nicht. Ein Großteil der Bevölkerung steht laut
einer Forsa-Umfrage hinter der Forderung nach einem Böllerverbot, wie es in
den Niederlanden geplant ist („Mehrheit der Deutschen will Verbot von
privatem Feuerwerk“; DIE ZEIT am 8. Juli 2025).
Die Verwendung von Feuerwerkskörpern zu Silvester verursacht nachweislich
erhebliche Kosten in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens. Das
deutsche Gesundheitssystem verzeichnet am Neujahrstag eine dreimal höhere
Zahl an schweren Verletzungen, die Umweltbelastung durch Feinstaub erreicht
bedenkliche Spitzenwerte, und die Auswirkungen auf die Tierwelt sind
wissenschaftlich gut dokumentiert (vgl. www.duh.de/mitmachen/boellerfreies-silves
ter/)
Die Bundesregierung hat wiederholt erklärt, ein generelles Böllerverbot sei
„nicht verhältnismäßig“ („Wäre ein ‚Böllerverbot‘ rechtlich umsetzbar?“; ta-
gesschau.de am 3. Januar 2025). Diese Einschätzung kann jedoch nur auf Basis
einer vollständigen Kenntnis aller gesellschaftlichen Kosten und unter
Berücksichtigung des Verfassungsgebots der Verhältnismäßigkeit erfolgen. Inzwischen
fordern einige Länder wie Bremen, Berlin, oder Hamburg, im Sprengstoffrecht
des Bundes Öffnungsklauseln für die Länder einzuführen („Länder bei
Böllerverbot uneins“ Tagesspiegel am 13. Juni 2025). Nach der diesbezüglich
ergebnislosen Innenministerkonferenz im Frühjahr hatte der Bundesminister des
Innern, Alexander Dobrindt, erklärt, die Länder zu einem Gespräch über eine
Öffnungsklausel einladen zu wollen (ebd.). Dies ist nach Kenntnis der
Fragesteller bisher nicht geschehen. Stattdessen befindet sich eine Reform des
Sprengstoffgesetzes im parlamentarischen Verfahren, in welchem die
Sicherheits- und Präventionsaspekte in Bezug auf Silvesterfeuerwerk fehlen.
1. Welche bundesgesetzlichen Regelungen gelten derzeit für Verkauf, Besitz
und Verwendung von Feuerwerkskörpern der Kategorie F2, und sind diese
Regelungen nach Ansicht der Bundesregierung noch zeitgemäß?
a) Welchen gesetzlichen Handlungsbedarf sieht die Bundesregierung
beispielsweise in Bezug auf Öffnungsklauseln im Sprengstoffrecht für
Länder und Kommunen, wie sie zum Beispiel die Berliner
Innensenatorin Iris Spranger gefordert hat (vgl. Berliner Morgenpost am 4.
Januar 2025: „Kugelbomben-Chaos: Berlin will Reform des
Sprengstoffrechts“)?
b) Welchen Austausch hat es zu einer Reform des Sprengstoffgesetzes
zwischen Bundesregierung und Ländern gegeben (bitte nach Thema,
Zeitpunkt und weiterer Planung aufschlüsseln)?
c) Hat das von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt angekündigte
Gespräch zu einer Öffnungsklausel für die Länder im Sprengstoffrecht
inzwischen stattgefunden, wenn ja, mit welchem Ergebnis, und wenn
nein, warum nicht, und wann ist es terminiert?
d) Was spricht nach Auffassung der Bundesregierung unter
Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips zwingend für eine bundeseinheitliche
Regelung von privatem Silvesterfeuerwerk und gegen lokale
Lösungen für Großstädte wie Berlin oder Hamburg, wo die Problematik eine
völlig andere ist als in ländlichen Regionen?
2. Welche Prüfverfahren der Bundesanstalt für Materialforschung und -
prüfung (BAM) existieren für die Zulassung von Feuerwerkskörpern, und wie
werden diese überwacht?
3. Welche Studien zu Silvesterfeuerwerk wurden in den letzten zehn Jahren
durch Bundesbehörden erstellt oder in Auftrag gegeben, und in welchen
Studien wurden Handlungsempfehlungen an den Gesetzgeber bzw. die
öffentliche Hand gerichtet, welche davon wurden umgesetzt (bitte alle
Empfehlungen auflisten und Status der Umsetzung benennen)?
4. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Wirksamkeit
lokaler Böllerverbotszonen in deutschen Städten?
5. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahlen der
stationären Aufnahmen in deutschen Krankenhäusern mit der Diagnose W49.9
(Verletzungen durch mechanische Kräfte unbelebter Objekte, die typisch
für Feuerwerksunfälle sind) in den letzten zehn Jahren jeweils am
Neujahrstag im Vergleich zum Jahresdurchschnitt entwickelt?
6. Welche Daten liegen der Bundesregierung in den letzten zehn Jahren über
ambulante Behandlungen von feuerwerksbedingten Verletzungen in den
Silvesternächten vor?
7. Wie viele der ambulant oder stationär behandelten Verletzungen durch
Feuerwerkskörper erforderten eine Operation?
8. Welche Daten liegen der Bundesregierung für die letzten zehn Jahre über
Schädigungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper zu Silvester vor?
9. Wie hoch ist der Anteil von unter 18-Jährigen unter den Verletzten durch
Feuerwerkskörper?
10. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um Kinder und
Jugendliche besser vor Verletzungen durch Feuerwerkskörper zu
schützen?
11. Sollten der Bundesregierung die in den Fragen 3 bis 9 erfragten Zahlen
nicht vorliegen, bestehen seitens der Bundesregierung Pläne die
entsprechenden Zahlen systematisch zu erfassen und zu veröffentlichen?
12. Wie bewertet die Bundesregierung die Aussage des Unfallkrankenhauses
Berlin, dass 97 Prozent der Schwerverletzten durch Feuerwerk männlich
sind („97 Prozent der Bölleropfer sind Männer“; Tagesspiegel am 28.
Dezember 2023)?
13. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der jährliche Umsatz mit
Silvesterfeuerwerk in der Bundesrepublik seit 2015?
a) Wie viele Tonnen Silvesterfeuerwerk mit welchem Warenwert wurden
in den letzten zehn Jahren nach Deutschland importiert (bitte jährlich,
und wenn möglich, nach Kategorien F1 bis F4 aufschlüsseln)?
b) Wie viele Tonnen Silvesterfeuerwerk mit welchem Warenwert wurden
in den letzten zehn Jahren in Deutschland produziert (bitte jährlich
aufschlüsseln), und wie viele Arbeitsplätze existieren in der
Produktion?
c) Wie hoch sind die staatlichen Einnahmen durch Silvesterfeuerwerk
(bitte jährlich seit 2015 in Einführzölle, Steuern und sonstigen
Abgaben aufschlüsseln)?
d) Welche Kenntnisse über Umwelt- und Sozialstandards entlang der
Produktionskette von in Drittstaaten hergestelltem Silvesterfeuerwerk
hat die Bundesregierung, und wie bewertet sie diese?
14. Welche Gesamtkosten entstanden nach Kenntnis der Bundesregierung
dem deutschen Gesundheitssystem in den letzten zehn Jahren durch
feuerwerksbedingte Verletzungen in der Silvesternacht (bitte nach stationären
und ambulanten Behandlungen aufschlüsseln)?
15. Mit welchen zusätzlichen Kosten werden nach Kenntnis der
Bundesregierung Feuerwehr und Rettungsdienste in der Silvesternacht belastet,
insbesondere hinsichtlich personeller Überlastung und Überstunden, und wie
entwickelten sich diese in den letzten zehn Jahren?
16. Welche Mehrkosten entstehen nach Informationen der Bundesregierung
den Polizeibehörden durch verstärkte Einsätze in der Silvesternacht, und
welche Schäden an Einsatzfahrzeugen sind dabei zu verzeichnen (bitte die
jährlichen Kosten seit 2015 nach Ländern aufschlüsseln)?
17. Welche Kosten entstehen den Versicherungen nach Kenntnis der
Bundesregierung jährlich durch feuerwerksbedingte Schäden (bitte die jährlichen
Kosten seit 2015 aufschlüsseln)?
18. Welche kommunalen Kosten entstehen nach Informationen der
Bundesregierung durch die Beseitigung von Silvesterabfall (bitte nach Personal-,
Entsorgungs- und Reinigungskosten im Jahr seit 2015 aufschlüsseln)?
19. Prüft die Bundesregierung Maßnahmen, um die gesellschaftlichen Kosten
von Silvesterfeuerwerk der Kategorie F2 stärker in der Besteuerung
abzubilden?
20. Wie hoch ist die jährlich zu Silvester verkaufte Nettoexplosivmasse
(NEM) (bitte jährlich seit 2015 aufschlüsseln)?
21. Wie bewertet die Bundesregierung den legalen und unkontrollierten
Verkauf von großen Mengen explosiver Stoffe in Bezug auf öffentliche
Sicherheit und Terrorismusprävention?
22. Welche Schwermetalle und sonstigen umweltschädlichen Substanzen
werden nach Kenntnis der Bundesregierung durch Feuerwerkskörper
freigesetzt, und in welchen Mengen gelangen diese in Böden und Gewässer?
23. Wie bewertet die Bundesregierung mögliche chemische Belastungen von
Böden und Oberflächengewässern durch Rückstände von
Feuerwerkskörpern (z. B. Perchlorate, Barium, Strontium oder andere
Metallverbindungen), und welche Erkenntnisse liegen zu deren Eintrag nach dem
Abbrennen von Silvesterfeuerwerk vor?
24. Wie viele Tonnen Müll entstehen nach Kenntnis der Bundesregierung
jährlich durch das Abbrennen von Silvesterfeuerwerk, und welcher Anteil
davon besteht aus nicht biologisch abbaubaren Materialien (insbesondere
Kunststoffe), und wie hat sich diese Menge seit 2015 entwickelt?
25. Welche Mengen Feinstaub (PM10 und PM2,5) werden nach aktuellen
Messungen jährlich durch Silvesterfeuerwerk in Deutschland freigesetzt,
und wie hat sich diese Menge seit 2015 entwickelt?
26. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die lokalen
Feinstaubspitzenwerte in deutschen Städten am Neujahrstag im Vergleich zu WHO
(Weltgesundheitsorganisation)-Grenzwerten?
27. Inwieweit werden die Emissionen aus Feuerwerken in den kommunalen
oder landesweiten Klimaschutzstrategien berücksichtigt, und liegen der
Bundesregierung hierzu Erfahrungswerte aus Kommunen mit
„Böllerverbot“ vor?
28. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über
die Auswirkungen von Silvesterfeuerwerk auf Wildtiere vor, insbesondere
auf
a) Zugvögel und deren Orientierung,
b) Winterschlaf haltende Arten,
c) Stress und Energieverlust bei Wildtieren?
29. Wie viele geschützte Arten nach Bundesnaturschutzgesetz sind nach
Einschätzung der Bundesregierung von den Auswirkungen des
Silvesterfeuerwerks betroffen?
30. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung zum Schutz besonders
geschützter Arten vor den Störungen durch Feuerwerk gemäß § 44 des
Bundesnaturschutzgesetzes?
31. Wie viele Wildtiere werden nach Kenntnis der Bundesregierung jährlich
tot oder verletzt im Zusammenhang mit Silvesterfeuerwerk aufgefunden?
32. Welche Auswirkungen hat Silvesterfeuerwerk auf Haus- und Nutztiere,
und welche wirtschaftlichen Schäden entstehen dadurch der
Landwirtschaft?
33. Welche Präventionskampagnen zum Schutz vor Verletzungen durch
Silvester-Pyrotechnik hat die Bundesregierung in den letzten zehn Jahren
finanziert?
34. Wie bewertet die Bundesregierung die Verhältnismäßigkeit zwischen dem
Recht auf Silvesterfeuerwerk und den dargestellten gesellschaftlichen
Kosten und Schäden?
35. Welche Alternativen zum privaten Feuerwerk (wie öffentliche,
professionelle Feuerwerke, Laser- oder Drohnenshows) werden von der
Bundesregierung als gleichwertige Möglichkeiten zur Silvesterfeier bewertet?
Berlin, den 10. November 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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