Kinderlähmung und Tuberkulose in der Ukraine - mögliche grenzüberschreitende Gesundheitsgefahren und Belastungen für das Gesundheitssystem in Deutschland (Antwort zu Drs. 21/268)
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Kinderlähmung und Tuberkulose in der Ukraine - mögliche grenzüberschreitende Gesundheitsgefahren und Belastungen für das Gesundheitssystem in Deutschland (Antwort zu Drs. 21/268)
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/454
21. Wahlperiode 10.06.2025
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Martin Sichert, Kay-Uwe Ziegler,
Dr. Christina Baum, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 21/268 –
Kinderlähmung und Tuberkulose in der Ukraine – mögliche grenzüberschreitende
Gesundheitsgefahren und Belastungen für das Gesundheitssystem in
Deutschland
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in der Vergangenheit Informationen zu
Poliomyelitis (Kinderlähmung) – einer leicht übertragbaren Viruserkrankung –
in der Ukraine veröffentlicht. Im Jahr 2015 berichtete das RKI über
Poliomyelitis-Fälle in der Ukraine (edoc.rki.de/handle/176904/2130). Im März 2022
meldete das RKI einen Polioausbruch im westlichen Teil der Ukraine im
letzten Quartal 2021 durch zirkulierende, vom Impfstoff abgeleitete Polioviren
Typ 2 (cVDPV2). Dabei wurden zwei klinische und 18 asymptomatische Fälle
bei Kontaktpersonen bestätigt. Fälle von cVDPV treten in Gebieten mit
unzureichenden Impfquoten auf (www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/I
mpfen/Eliminationsprogramme/Kommission-Polioeradikation/Nationale-Ente
rovirus-Surveillance/Newsletter/Polio-Info_03_2022.html).
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Poliovirus-Ausbrüche in der
Ukraine zwischenzeitlich offiziell für beendet erklärt. Allerdings äußerte die
WHO im Oktober 2024 Besorgnis über die anhaltenden Risiken. Die Region
bleibe anfällig für die Einführung von Wild-Polioviren oder zirkulierenden,
impfstoffabgeleiteten Polioviren, insbesondere aufgrund suboptimaler
Immunitätsraten und fortgesetzter Angriffe auf das Gesundheitssystem und die
kritische Infrastruktur. Trotz der positiven Entwicklungen bleibe die Situation in
der Ukraine aufgrund des Krieges und der damit verbundenen
Herausforderungen weiterhin fragil (www.who.int/europe/news-room/24-10-2024-polio-fr
ee-status-retained--but-european-region-must-increase-vigilance).
Die Ukraine zählt zu den Ländern mit der höchsten Tuberkulose-Inzidenz in
Europa. Laut WHO-Schätzungen liegt die Inzidenzrate bei etwa 73 Fällen pro
100 000 Einwohner (tbassessment.stoptb.org/ukraine.html; www.rki.de/DE/A
ktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2023/11_23.pdf?__blob=p
ublicationFile&v=1).
Ein erheblicher Anteil der Tuberkulose-Fälle ist multiresistent (MDR-TB). Bei
neu diagnostizierten Fällen liegt der Anteil an MDR-TB bei etwa 29 Prozent,
bei zuvor behandelten Patienten sogar bei 41 Prozent (www.rki.de/DE/Aktuell
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit
vom 10. Juni 2025 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
es/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2023/11_23.pdf?__blob=publica
tionFile&v=1, S. 8).
Die WHO weist darauf hin, dass in Ländern wie Polen Programme initiiert
wurden, um die Behandlungsergebnisse für ukrainische Flüchtlinge mit
Tuberkulose zu verbessern. Ein solches Projekt habe die Behandlungsergebnisse für
diese Gruppe signifikant verbessert (www.who.int/europe/de/emergencies/ove
rview/22-09-2023-i-would-have-discontinued-the-treatment-rather-than-be-aw
ay-from-my-daughter; www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/
Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/F/Flucht-Gesundheit/flucht-gesundhei
t-node.html).
Das RKI informiert über die epidemiologische Tuberkulose-Situation in der
Ukraine und sensibilisiert Ärzte sowie den Öffentlichen Gesundheitsdienst für
mögliche Medikamentenresistenzen bei aus der Ukraine geflüchteten
Menschen (edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/10830/EB-11-2023-Ukraine.pdf?i
sAllowed=y&sequence=1).
Es gibt Berichte über die Überlastung des deutschen Gesundheitssystems
durch den Zustrom ukrainischer Kriegsflüchtlinge (www.nd-aktuell.de/artikel/
1162104.medizinische-versorgung-fluechtlinge-ankommen-unter-enormer-bel
astung.html; www.laekh.de/fileadmin/user_upload/Heftarchiv/Einzelartikel/20
22/05_2022/Delegiertenversammlung_12.pdf), die die Belastungen des
deutschen Gesundheitssystem durch den Zustrom ukrainischer Kriegsflüchtlinge
verdeutlichen. Angesichts des andauernden Krieges, des anhaltenden
Flüchtlingszustroms (mediendienst-integration.de/artikel/ukrainische-fluechtlinge-za
hlen-fuer-deutschland-europa.html) und des bestehenden Reiseverkehrs
(www.germany4ukraine.de/hilfeportal-de/einreise-aufenthalt-und-rueckkehr/r
eise-in-die-ukraine) zwischen der Ukraine und Deutschland möchten die
Fragesteller umfassende Informationen zu den aktuellen und zukünftig zu
erwartenden Polio- und Tuberkulose-Risiken für Deutschland erfragen. Ihr Ziel ist
es, potenzielle Herausforderungen und Risiken für eine effektive Prävention
und Behandlung dieser Krankheiten sowie mögliche Folgen für das
Gesundheitssystem in Deutschland zu identifizieren.
1. Wie hat sich die Zahl der Polio- und Tuberkulose-Fälle und der Fälle von
Hepatitis unbekannter Ätiologie bei Kindern in Deutschland in den
Jahren 2021 bis 2024 entwickelt?
Für den Zeitraum der Jahre 2021 bis 2024 wurden dem Robert Koch-Institut
(RKI) keine Poliomyelitisfälle nach Infektionsschutzgesetz (IfSG) gemeldet.
Im Hinblick auf Hepatitis unbekannter Ätiologie bei Kindern in Deutschland
wurden der Bundesregierung seit April 2022 insgesamt 22 Fälle (2022: n = 19,
2023: n = 3, 2024 n = 0) von schwerer akuter non-A-E Hepatitis mit Verdacht
auf unklare Ursache oder mit Adenovirus-Nachweis bei Kindern und
Jugendlichen mit Erkrankungsbeginn seit Beginn des Jahres 2022 übermittelt. Die
Meldungen kamen aus den Ländern Baden-Württemberg, Bayern,
Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Schleswig-
Holstein.
Die Entwicklung der in Deutschland gemeldeten Tuberkulosefälle im
Kindesalter ist in Tabelle 1 dargestellt.
Tabelle 1: Entwicklung der in Deutschland gemeldeten Tuberkulosefallzahlen
im Kindesalter (<15 Jahre), 2021 bis 2024
Meldejahr 2021 2022 2023 2024
Gemeldete Kindertuberkulosefälle 153 188 236 228
Quelle: RKI
2. Wie hat sich die Zahl der multiresistenten Tuberkulose-Fälle und der
Fälle von Hepatitis unbekannter Ätiologie bei Kindern in Deutschland in
den Jahren von 2021 bis 2024 entwickelt?
Zu den Fallzahlen bei Hepatitis unbekannter Ätiologie wird auf die Antwort der
Bundesregierung zu Frage 1 verwiesen.
Die Entwicklung der Fallzahlen im Kindesalter zu multiresistenter Tuberkulose
(MDR-TB) sind in Tabelle 2 zusammengefasst.
Tabelle 2: Entwicklung der in Deutschland gemeldeten multiresistenten
Tuberkulosefallzahlen im Kindesalter (<15 Jahre), 2021 bis 2024
Meldejahr 2021 2022 2023 2024
Gemeldete MDR-Kindertuberkulosen 2 6 7 3
Quelle: RKI
3. Sind beide Krankheiten betreffend in den genannten Jahren besondere
Häufungen von Krankheitsfällen örtlich oder in bestimmten
Bevölkerungsgruppen in Deutschland aufgetreten?
Die Bundesregierung sieht keine Evidenz für eine Häufung schwerer Hepatitis
unbekannter Ätiologie bei Kindern in Deutschland.
Eine örtliche Häufung von Tuberkulose bei Kindern konnte nicht festgestellt
werden. Für die Meldejahre 2021 bis 2024 wurden aus allen Ländern Fälle von
Kindertuberkulose gemeldet.
4. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Polio-Impfquote bei
nach Deutschland einreisenden Menschen aus der Ukraine im Vergleich
zu der der hier einheimischen Bevölkerung?
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem
Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef lag in der Ukraine die Polio-Impfquote
(drei Polio-Impfstoffdosen) im Jahr 2023 bei 85 Prozent (im Internet verfügbar
unter: www.who.int/teams/immunization-vaccines-and-biologicals/immunizati
on-analysis-and-insights/global-monitoring/immunization-coverage/who-unice
f-estimates-of-national-immunization-coverage). In Deutschland lag die
Impfquote (drei Polio-Impfstoffdosen) für das Jahr 2023 bei 91 Prozent.
5. Welche Erfahrungen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung mit der
Impfbereitschaft der nach Deutschland kommenden ukrainischen
Flüchtlinge gemacht?
Bundesweite systematische Untersuchungen zur Impfbereitschaft bei
Geflüchteten aus der Ukraine sind der Bundesregierung nicht bekannt.
Epidemiologische Auswertungen von Ausbrüchen sowie individuelle Erfahrungen zum
Beispiel von behandelnden niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten deuten auf eine
hohe Impfbereitschaft (siehe dazu: Schwenger M: Nachgefragt – Pädiatrische
Versorgung von Geflüchteten aus der Ukraine. Pädiatrie 2022; 34: 6–8).
6. Wie bewertet die Bundesregierung derzeit das Risiko einer Ausbreitung
des Poliovirus nach Deutschland?
Auf Grundlage der Bewertung durch die Nationale Kommission für die
Polioeradikation in Deutschland und in Übereinstimmung mit Gremien der WHO
schätzt die Bundesregierung das Risiko einer Ausbreitung des Poliovirus
derzeit als gering ein.
7. Welche Daten liegen der Bundesregierung über die Verbreitung von
cVDPV2 in Europa vor?
Von Schluckimpfstoff-abgeleitete Polioviren (circulating vaccine-derived
poliovirus type 2, cVDPV2) wurden in mehreren europäischen Ländern im Rahmen
von Abwassertestungen nachgewiesen. Ausführliche Informationen finden sich
öffentlich zugänglich im Internet (www.eurosurveillance.org/content/10.2807/1
560-7917.ES.2025.30.3.2500037).
8. Welche Daten liegen der Bundesregierung zur Tuberkulose-Inzidenz bei
ukrainischen Neuankömmlingen in Deutschland vor?
Eine Einordnung für das Jahr 2022 ist im Internet veröffentlicht (www.eurosur
veillance.org/content/10.2807/1560-7917.ES.2023.28.24.2300284?TRAC
K=RSS).
Die für das Meldejahr 2023 bislang im Detail analysierten Daten zeigen, dass
292 Tuberkulosefälle mit Geburtsland Ukraine in Deutschland gemeldet
wurden. Das entspricht 8,8 Prozent aller mit ausländischem Geburtsland
gemeldeten Fälle. Davon wurden 79 Erkrankte im Rahmen eines Screenings nach § 36
Absatz 4 IfSG diagnostiziert.
Die vorläufige Auswertung der Meldedaten für das Jahr 2024 zeigt einen
leichten Rückgang der Fallzahlen für Menschen mit Geburtsland Ukraine.
9. Welche Präventivmaßnahmen werden ggf. aktuell in Deutschland im
Hinblick auf MDR-TB- und XDR-TB-Fälle (XDR-TB = Extensively
drug-resistant tuberculosis) aus der Ukraine getroffen?
Es greifen alle Mechanismen, die Bestandteil der Tuberkuloseversorgung und
-prävention in Deutschland sind. In der Diagnostik der Tuberkulose finden die
Empfehlungen der Fachgesellschaften Anwendung (www.dzk-tuberkulose.de/l
eitlinien-und-empfehlungen). Ist eine ansteckungsfähige Tuberkulose
diagnostiziert, so wird routinemäßig vom zuständigen Gesundheitsamt eine
Umgebungsuntersuchung veranlasst. Über verschiedene Informationskanäle werden
Betroffene multilingual zu Tuberkulose informiert (www.dzk-tuberkulose.de/,
www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/T/T
uberkulose/tuberkulose-node.html, https://explaintb.org, https://shop.bioeg.de/e
rregersteck-brief-tuberkulose/).
10. Wie ist derzeit die Versorgungslage mit spezifischen Medikamenten zur
Behandlung von MDR-TB und XDR-TB in Deutschland?
Der Bundesregierung liegen keine Hinweise einer Einschränkung der
Verfügbarkeit von in Deutschland zugelassenen und vermarkteten Arzneimitteln vor,
die für eine Behandlung der MDR-TB und extrem arzneimittelresistenter
Tuberkulose (XDR-TB) relevant sind.
11. Welche Vorsorgemaßnahmen werden derzeit bezüglich Kinderlähmung
und Tuberkulose an den deutschen Grenzen oder den EU-Außengrenzen
bei Reisenden aus der Ukraine getroffen?
Da es sich bei Kinderlähmung und Tuberkulose nicht um Krankheiten im Sinne
des Artikels 2 Nummer 21 der Verordnung (EU) 2016/399 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 9. März 2016 über einen Unionskodex für das
Überschreiten der Grenzen durch Personen (Schengener Grenzkodex) handelt,
erfolgen seitens der Grenzbehörden der Mitgliedstaaten keine standardisierten
Maßnahmen. An den Außengrenzen im Sinne des Schengener Grenzkodex
können die Grenzbehörden hiernach jedoch einer betroffenen Person die
Einreise verweigern oder andere zur Gefahrenabwehr geeignete Maßnahmen
anordnen, sofern diese eine Gefahr für die öffentlichen Gesundheit darstellt.
Bezüglich Kinderlähmung wird allen Polizeivollzugsbeamten der
Bundespolizei gemäß Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) des RKI alle
zehn Jahre eine Auffrischungsimpfung angeboten. Eine Impfung gegen
Tuberkulose wird seitens der STIKO in Deutschland dagegen nicht mehr empfohlen.
12. Werden Gesundheitsämter in Regionen mit hohem Zuzugsaufkommen
von Menschen aus der Ukraine vonseiten der Bundesregierung besonders
unterstützt, und ggf. wie?
Alle Gesundheitsämter können die fachliche Beratung und Unterstützung des
RKI nutzen.
13. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die bislang
entstandenen Kosten für die Gesundheitsversorgung von ukrainischen
Kriegsflüchtlingen, und wie werden diese finanziert?
Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden in den
amtlichen Statistiken grundsätzlich nicht auf der Ebene von Mitgliedergruppen
erfasst, sondern nach der Art der Leistung oder Gruppen von
Leistungserbringern differenziert. Die Ausgaben für die in der GKV versorgten ukrainischen
Kriegsgeflüchteten werden von den Krankenkassen geleistet. Für die
erwerbsfähigen Leistungsberechtigten erhält die GKV vom Bund monatliche
Beitragspauschalen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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