Soziale und ökologische Folgen einer Reprivatisierung von Uniper SE
Text
Soziale und ökologische Folgen einer Reprivatisierung von Uniper SE
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2136
21. Wahlperiode 09.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Lorenz Gösta Beutin, Luigi Pantisano, Marcel Bauer, Violetta
Bock, Jorrit Bosch, Dr. Fabian Fahl, Katalin Gennburg, Mareike Hermeier, Ina
Latendorf, Caren Lay, Sahra Mirow, David Schliesing, Sascha H. Wagner und
der Fraktion Die Linke
Soziale und ökologische Folgen einer Reprivatisierung von Uniper SE
Im Zuge der Energiekrise, die durch den russischen Angriffskrieg ausgelöst
wurde, geriet Deutschlands größter Gasimporteur und Gasversorger Uniper SE
in eine existenzbedrohende Lage. Nachdem Russland seine Gaslieferungen
abrupt einstellte, schossen die Kosten für alternative Beschaffungen in die Höhe.
Da der Konzern die finanziellen Belastungen nicht mehr tragen konnte, wurde
er im Jahr 2022 mit milliardenschweren öffentlichen Mitteln stabilisiert – der
Bund übernahm in diesem Zuge die Mehrheit der Anteile, konkret 99,12
Prozent (www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Pressemitteilungen/Finanz
politik/2022/12/2022-12-22-einstieg-bund-bei-uniper-vollzogen.html).
Von der öffentlichen Hand beherrschte Unternehmen wie Uniper unterliegen
nach Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) trotz ihrer
privatrechtlichen Organisation einer unmittelbaren Grundrechtsbindung (www.bu
ndestag.de/resource/blob/850868/9668cd0b70fa9aae066dcbd939efb0e7/WD-6-
048-21-pdf-data.pdf). Nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts ist der
Klimaschutz auf nationaler Ebene auch verfassungsrechtlich verankert, daher
sind alle staatlichen Stellen an ein auf Klimaneutralität zielendes
Klimaschutzgebot im Sinne des Pariser Klimaschutzabkommens und einfachgesetzlich
durch das Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG) an dessen verbindliches 1,5-Grad-
Ziel gebunden. Im aktuellen Geschäftsbericht wird das Ziel der
Klimaneutralität für direkte Emissionen (Scope 1) und indirekte Emissionen aus eingekaufter
Energie (Scope 2) nun für das Jahr 2040 anvisiert – zuvor war noch 2035
vorgesehen. Das Vorhaben eines frühzeitigen Ausstieges aus den fossilen Energien
wurde aufgegeben. Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und
Aktionäre kritisierte dieses Vorgehen scharf (Uniper: Bundesregierung muss
Klimaziele und Versorgungssicherheit priorisieren | urgewald e. V.; www.urgewald.or
g/medien/uniper-bundesregierung-klimaziele-versorgungssicherheit-priorisi
eren).
Aufgrund europäischer Beihilferegelungen steht die Reprivatisierung (bis auf
einen Anteil des Bundes von maximal 25 Prozent plus eine Aktie) von Uniper
bis spätestens 2028 bevor. Die damalige Regierungskoalition aus SPD, BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN und FDP erhob dazu trotz nach Ansicht der
Fragestellenden alternativer Vorgehensmöglichkeiten keine Einwände. Derzeit wird ein
Börsengang diskutiert, doch auch international nach Investorinnen und
Investoren gesucht, die in Uniper ein profitables Geschäftsmodell sehen. Angebliche
Interessenten sind unter anderem die Taqa-Gruppe aus den Vereinigten
Arabischen Emiraten oder der tschechische Milliardär Daniel Křetínský (www.hande
lsblatt.com/unternehmen/energie/daniel-kretinsky-tschechischer-milliardaer-ko
ennte-auch-bei-uniper-einsteigen-01/100101966.html).
Vor diesem Hintergrund sehen die Fragestellenden die Gefahr, dass die
Reprivatisierung Unipers weitere Rückschritte beim Klimaschutz auslösen und eine
langfristige Ausrichtung des Unternehmens auf ein profitables Gasgeschäft
nach sich ziehen könnte. Dies könnte jedoch unvereinbar sein mit dem 1,5-
Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens, zu dem sich die Bundesregierung
verpflichtet hat. Unter öffentlicher demokratischer Kontrolle kann nach Ansicht
der Fragestellenden der Gasausstieg zügig und in Abstimmung mit dem
Ausbau der erneuerbaren Energien erfolgen. Die Interessen neuer Investorinnen
und Investoren stehen dem im Weg.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Inwiefern stellt die Bundesregierung sicher, dass die Uniper SE die
Verpflichtung der Bundesregierung zur Umsetzung des 1,5-Grad-Ziels des
Pariser Klimaabkommens nicht untergräbt, trotz der nach Kenntnis der
Fragestellenden abgegebenen Erklärung der Uniper SE auf der
Hauptversammlung 2025, dass „eine Anpassung der Klimaziele an einen 1,5°C-
kompatiblen Pfad [...] nicht geplant“ sei?
2. Teilt die Bundesregierung die Ansicht des Unternehmens, dass Unipers
Rückstellungen für die Stilllegung und den Rückbau von Unipers
Gasinfrastruktur bis 2030 bzw. 2035 ausreichen, die nach Kenntnis der
Fragestellenden laut Unternehmensangaben auf der Jahreshauptversammlung
2025 zum 31. Dezember 2024 rund 460 Mio. Euro betrugen, vor dem
Hintergrund, dass Uniper Gasspeicher betreibt und an
Gastransportleitungen beteiligt ist, die im Zuge des für den 1,5°-Grad-kompatiblen
notwendigen Gasausstiegs mittelfristig stillgelegt werden müssen?
3. Gibt es seitens der Bundesregierung Auflagen zu den Rückstellungen für
die Stilllegung und den Rückbau von Unipers Gasinfrastruktur?
a) Wenn ja, wie sehen diese Auflagen konkret aus (bitte nach Stichdatum
2030, 2035, 2040 und 2045 aufschlüsseln)?
b) Wenn nein, warum nicht?
4. Welches Risiko sieht die Bundesregierung nach aktueller Einschätzung,
dass zukünftige Kosten der Stilllegung und des Rückbaus von Unipers
Gasinfrastruktur nicht durch das Unternehmen, sondern durch den Bund
übernommen werden müssen, und wie adressiert die Bundesregierung
diese Risiken?
5. Mit welchem Zeitplan kalkuliert die Bundesregierung bei der
Reprivatisierung der Uniper SE?
a) Welche Schritte wurden bereits unternommen?
b) Welche Schritte sind für die Jahre 2025 und 2026 bereits konkret in
Planung?
c) Wie weicht der Plan der Bundesregierung zum Umgang mit Uniper
von den Plänen der Vorgängerregierung ab?
6. Mit welchen Erlösen aus dem Verkauf der Uniper SE kalkuliert die
Bundesregierung?
7. Inwiefern adressiert die Bundesregierung bei der Vorbereitung der
Reprivatisierung der Uniper SE das Risiko, dass mögliche zukünftige
Großinvestoren mit klaren fossilen Geschäftsstrategien die
Dekarbonisierungsstrategie von Uniper SE unter Druck setzen?
8. Gibt es bei dem geplanten Verkauf von Uniper SE seitens der
Bundesregierung Auflagen zur sozial-ökologischen Transformation des
Konzerns?
9. Inwiefern will die Bundesregierung sicherstellen, dass es nach der
(Teil-)Reprivatisierung der Uniper SE nicht zu einer möglichen
risikoreichen Abhängigkeit von dessen systemkritischen Infrastrukturen und
Risiken bei der Versorgungssicherheit kommt (vgl. www.deutschlandfunk.de/
merz-uebernahme-nicht-akzeptabel-100.html)?
10. Wie möchte die Bundesregierung sicherstellen, dass es durch die
Reprivatisierung der Uniper SE nicht zu einer vergleichbaren Situation wie bei der
Commerzbank AG kommt, bei der der Verkauf der staatlichen Anteile und
die daraus folgenden Konsequenzen vom heutigen Bundeskanzler
Friedrich Merz, Vorstand und Betriebsrat öffentlich kritisiert wurden?
11. Wie geht die Bundesregierung als Eigentümerin vor dem Hintergrund,
dass der Vorstand der Uniper SE nach Kenntnis der Fragestellenden auf
der Hauptversammlung 2025 in Fragen der risikobehafteten Abhängigkeit
systemkritischer Infrastruktur auf den Bund als Eigentümer verwiesen hat,
mit den ggf. drohenden Risiken des Verkaufs kritischer
Energieinfrastruktur um?
12. Beabsichtigt die Bundesregierung vor dem Hintergrund der im
Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD vorgesehenen Rückführung der in
der Energiekrise erworbenen Staatsbeteiligungen auf einen „strategischen
Anteil“, mit erfolgter Zustimmung der EU-Kommission eine
Bundesbeteiligung von 25 Prozent plus eine Aktie dauerhaft aufrechtzuerhalten?
13. Prüft die Bundesregierung die Option von Nachverhandlungen mit der
EU-Kommission?
14. Bezieht die Bundesregierung bei ihren Reprivatisierungsplänen die
Beschäftigten von Uniper über die Arbeitnehmervertretung mit ein, nachdem
der Vorstand der Uniper SE nach Kenntnis der Fragestellenden bei der
Hauptversammlung 2025 in dieser Sachlage an den Bund als
Eigentümerin verwiesen hat?
15. Berät sich die Bundesregierung auch zu alternativen Optionen zur
Reprivatisierung – insbesondere zur Möglichkeit, die Uniper SE dauerhaft in
gemeinwirtschaftlicher oder öffentlicher Trägerschaft zu belassen, um die
öffentliche Kontrolle über eine offensichtlich systemrelevante und
kritische Infrastruktur langfristig zu sichern?
16. Erwägt die Bundesregierung, Uniper-Anteile an die Stadtwerke,
Kommunen und Industriekonzerne zu verkaufen, die Uniper beliefert?
Berlin, den 19. September 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Caren Lay (Kleine Anfrage)
- asked ← David Schliesing (Kleine Anfrage)
- asked ← Fabian Fahl (Kleine Anfrage)
- asked ← Ina Latendorf (Kleine Anfrage)
- asked ← Jorrit Bosch (Kleine Anfrage)
- asked ← Katalin Gennburg (Kleine Anfrage)
- asked ← Lorenz Gösta Beutin (Kleine Anfrage)
- asked ← Luigi Pantisano (Kleine Anfrage)
- asked ← Marcel Bauer (Kleine Anfrage)
- asked ← Mareike Hermeier (Kleine Anfrage)
- asked ← Sahra Mirow (Kleine Anfrage)
- asked ← Sascha Wagner (Kleine Anfrage)
- asked ← Violetta Bock (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Lorenz Gösta Beutin
- authored ← Luigi Pantisano
- part_of_vorgang → Soziale und ökologische Folgen einer Reprivatisierung von Uniper SE (Kleine Anfrage)